“Ich liebe Grenzverletzungen – wenn sie gut gemacht sind.” – SteglitzMind stellt Michael Fischer von der dahlemer verlagsanstalt vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Ich freue mich sehr, dass Michael Fischer von der dahlemer verlagsgesellschaft heute dabei ist.

Seit wann gibt es den Verlag?

Angefangen mit der Verlagsidee hat es so um 1986: Das waren zwei Buchhändler, ein Lehrer und ich, der vom Lektorat für Kirchenverlage die Nase gestrichen voll gehabt hatte und deshalb zum Management der Berliner Messegesellschaft gewechselt war.

das Logo © dahlemer verlagsanstalt

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Machen Sie alles alleine?

Seit 1988 betreibe ich die dahlemer verlagsanstalt allein. Jetzt gab es nur noch eine Nase, an die ich fassen musste, wenn etwas schiefgegangen war. Das geschah mir als mehr oder weniger Autodidakten zu Anfang oft.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Ich kam aus dem Lehrerstudium und war nach allen möglichen Praktika bei Zeitungen, Zeitschriften und dem Hörfunk zu Buchverlagen gekommen, weil mich die Beständigkeit der Ergebnisse da lockte. Nach dem Motto: Wenn schon Arbeit, dann bitte nachhaltige!

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Als ich ab 1988 die dahlemer verlagsanstalt allein weiterführte, war das zwei Grundmotivationen geschuldet: Ich wollte zum einen beweisen, dass es neben dem Mainstream auch andere Titel geben kann. Andererseits gab es viele Autoren aus den Verlagen, bei denen ich gearbeitet hatte, die mich geradezu gezwungen haben, den Stab wieder aufzunehmen.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

dahlem_Arno ReinfrankBis heute rein gar nichts. Es gibt im Internet digitalisierte Angebote der Krimis von Eva Reichmann – nur stammen die nicht von mir und sind, da als gebraucht angeboten, nicht verfolgbar. Da hat sich jemand den Spaß gemacht, einem ohnehin zu scharfem Kalkulieren gezwungenen papierenen Verlag dieses Geschäft zu schmälern. Eher frage ich mich, wie kleine Verlage ihr gebundenes Programm kalkulieren, wenn sie den Titel auch digital anbieten. Ich werde frühestens dann ernsthaft über das E-Book nachdenken, wenn das Gezauder um unterschiedliche Mehrwertsteuersätze geklärt ist.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Ich sehe mich eher als Teil eines Ganzen, nicht als Konkurrenten. Ich hoffe, durch Autorenbindung punkten zu können. Es ist die Nische, die ich bediene. In enger Zusammenarbeit mit den Autorinnen und Autoren erstelle ich ein gut gemachtes Buch, von dem sie ein paar Freiexemplare erhalten. Schon so ist es schwer genug, schwarze Zahlen zu schreiben. – Und ich staune darüber, was und wie immer wieder im Zusammenhang mit Self-Publishing diskutiert wird. Die dahlemer verlagsanstalt garantiert dafür, ein Buch zu erstellen, das professioneller und sorgfältiger bearbeitet daherkommt als das, was die Self-Publisher so zusammenbringen.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Ich würde heute keinen Verlag mehr aufmachen, bin aber auch weit davon entfernt, meinen zu schließen. Es ist einfach irrsinnig, dass wir vor allen kulturellen Überlegungen durch das Finanzamt gezwungen sind, kommerziell zu arbeiten. Das schränkt die Risikobereitschaft stark ein – und das ist nicht gut.

Wie gewinnen Sie Autoren?

dahlem_Bernd KebelmannDas war noch nie mein Problem. Zu Anfang, ich sagte es ja bereits, gab es die Autoren, die mich aufgefordert hatten, weiter zu machen. Das ergab schließlich vier Bücher mit Hans Zengeler, der ursprünglich bei Suhrkamp gewesen ist: „Schrott. Ein Bericht“, „Traumtänzer“, „Der reinste Terror“ und „Morgendämmerung“. Drei Bücher, nämlich „Bruchstellen der Sicherheit“, „Jahrtausend-Fürbitte“ und „Der Tollkirschenmord“, von Arno Reinfrank (╫ 2001) stammen aus den frühen Jahren der dahlemer verlagsanstalt. Eva Reichmann, die zuvor mit Zsolnay verhandelt hatte, kam zu mir, weil sie nicht bereit war, ihren Debüt-Krimi „Kalter Grund“ zu entschärfen. Mit „Schönheitskorrekturen“ und „Grenzbereich“ habe ich mit ihr dann noch zwei weitere Krimis verlegt. Bernd Kebelmann wird im November 2014 mit dem Erzählungenband „Jesus in der Samariterstraße“ sein viertes Buch bei der dahlemer verlagsanstalt veröffentlichen. Bisher sind von ihm erschienen „Stummfilm für einen Freund“, „Auf dem Tastweg“ und „Lyrikbrücken“. Rainer Schildberger kam später hinzu. Mit „Der Einflüsterer“, „Ein Sonntag zuviel“ und „Brandschatz“ gibt es von ihm bis heute drei Bücher bei der dahlemer verlagsanstalt. Ingolf Brökel kam neu hinzu, vermittelt durch Günter Kunert, mit dem ich – in Zusammenarbeit mit André Krigar – das Berlin-Buch „Hier und jetzt – und einmal“ verlegt hatte. Von Ingolf Brökel gibt es inzwischen drei Titel: „anna lust“, „im abraum“ und „den nachfahren“. Ein Interviewband mit Günter Kunert ist in Planung.

dahlem_Eva ReichmannWas tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen?

Es gibt leider nur wenige Buchhandlungen, in denen meine Bücher ausliegen. Ja, ich habe es nicht einmal geschafft, im bedeutendsten Buchladen von Dahlem meine Bücher unterzubringen. Der war einmal aus dem zur Studentenbewegung geradezu legendären „Jürgens Buchladen“ hervorgegangen. Inzwischen habe ich das Klinkenputzen und unverlangte Aussenden von Rezensionsexemplaren nahezu eingestellt und konzentriere mich auf die Ansprache der Leser direkt. Da helfen mir meine Verlagsseite bei facebook und mein Internetauftritt.

Ich habe mich darauf verlegt, mir eine Interessentenschar aufzubauen, die immer wieder mal schaut, was es in der dahlemer verlagsanstalt Neues gibt. Zum Glück funktioniert das inzwischen ganz gut. Außerdem besuche ich kleine Buchmessen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, auch Stadtteilfeste und spezielle literarische Ereignisse. Besonders wichtig ist mir der Auftritt zur Leipziger Buchmesse, während ich nach Frankfurt lediglich als Fachbesucher komme und befreundete Verleger treffe, um mich zu informieren und auf dem Laufenden zu bleiben.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Gar nicht! Vor einem Jahr erhielt ich einen Anruf und später sogar einen Besuch auf der Buchmesse. Denen sagte ich jeweils, dass eine Zusammenarbeit ausgeschlossen sei, solange sie nicht einmal fähig oder bereit seien, zu meinen Büchern die korrekten Preise zu nennen: Die sind dort teurer als bei mir! Auch nach diesen Gesprächen haben die nichts geändert. Was soll ich mit solch einem „Partner“? Für einen kleinen Verlag sind die Rabatte zu hoch und deren Prohibitions-Konditionen halte ich für unzumutbar. Weit interessanter wäre mir eine zukünftige Zusammenarbeit mit dem Indie-Buchhandel!

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

dahlem_Hans ZengelerEhrlich gesagt: Ich bin kein Freund von Verwaltungen und Interessenverbänden. Ich war mal Mitglied im Verein Berliner Bücherfest. Heute bin ich froh, dass ich da schnell wieder raus bin. Ein kurzfristig wunderschönes Bücherfest wurde leider wieder abgeschafft. Schade! Nee, da kann der Börsenverein noch so locken, ich fühle mich durch ihn nicht vertreten!

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Menschen, die solide gemachte Bücher lieben und Sinn für Sprache und Themen haben, will ich mit meinem Programm ansprechen. Weil ich ohnehin nur einen Bruchteil der interessanten Projekte, die an mich herangetragen werden, realisieren kann, habe ich mir ein ganz gutes Portfolio schneidern können. Das besteht vorrangig aus erstaunlich viel Lyrik, obwohl die schwer abzusetzen ist; aus Romanen, die zeitgeschichtliche Themen aufgreifen oder Beziehungskonstellationen schildern – und auch aus Krimis, vor allem Politkrimis. All diese Bücher verbindet die intensive Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Gegenstand. Marktnische? Eher nicht. Mich stört es nicht, wenn sich in eine Liebesgeschichte ein Krimi mit einschleicht oder ein Roadmovie ganz nebenbei mal die Zeugen Jehovas unmöglich macht. Ich liebe Grenzverletzungen – wenn sie gut gemacht sind.

Mögen Sie das etwas ausführen?

dahlem-Rainer SchildbergerMal ein konkretes Beispiel aus der letzten Zeit: Rainer Schildberger hatte als Vorlage zu zwei von ihm geleiteten Schreibschulen einen Nachruf aus dem Tagesspiegel kopiert, in dem Gregor Eisenhauer eine glühende Eloge auf den leicht skurrilen bildenden Künstler Albert Müller verfasst hatte. Daraus sollten sich die Autorinnen und Autoren ein, zwei Aspekte aussuchen und eine Story entwickeln, in der dieser – allen Beteiligten unbekannte – Künstler wiederaufersteht. Heute sind die 53 Geschichten in dem bewegenden Buch „Brandschatz – Die Erfindung einer wahren Geschichte“ erschienen. Ergänzend finden sich da auch der besagte Zeitungsartikel von Gregor Eisenhauer und Interviews mit zwei der drei Ehefrauen und mit der Tochter, die die erfundenen Geschichten vorsichtig zurechtrücken. Das Zusammenführen von erfundener Biographie und Berichten zum wahren Künstler ergibt ein facettenreiches Portrait! – Solch ein Projekt wäre in einem kommerziellen Verlag schon deshalb durchgefallen, weil es schwer zu platzieren ist. Mich stört das nicht. Die dahlemer verlagsanstalt will und kann sich das leisten, weil ich weiß, dass die Story gut ist!

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

In der Kundenpflege. Das fängt im Herstellungsbereich an, betrifft die Zusammenarbeit mit den Autorinnen und Autoren und schließlich die Leser. All die sollen die dahlemer verlagsanstalt als verlässlichen Partner erfahren. Wenn das klappt, hält sich mein Verlag am Markt.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Dass die dahlemer verlagsanstalt niemand weiter betreiben will, wenn ich nicht mehr kann – aber bis dahin mag es bitte noch eine Weile dauern!

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

dahlem_Ingolf BrökelVor allem, dass sie nicht ständig nach Absatzzahlen schielt, sondern einfach Mut beweist!

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Ohne verlässliche Partner eher die Finger davon zu lassen: Viel Arbeit, Stress und Generve – andererseits aber auch die Beschäftigung mit tollen Themen, noch tolleren Menschen und ein unerschöpfliches Gebiet, Kreativität zu entwickeln!

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Ein wahrer Künstler rundum ist Christian Ewald mit seiner Anderhalbmann Katzengraben-Presse in Berlin- Köpenick. Christian veröffentlicht lediglich zwei Bücher im Jahr: Das eine, wenn die Blätter kommen, das andere, wenn sie fallen … Die Katzengraben-Presse ist einer der ganz wenigen Verlage Deutschlands, die noch im Bleisatz und im Buchdruck ihre Editionen fertigen, auch zweisprachig Texte, – und besonders: Erst-Ausgaben!

Große Bewunderung empfinde ich auch für den mandelbaum verlag von Michael Baiculescu in Wien. Er scheut heiße Eisen nicht, publiziert politisch wichtige Themen und hat gleichzeitig ein Kulinaria-Programm, das die Verlagsmannschaft als sinnenfroh ausweist. Doch, die können etwas vormachen! – Und das sage ich nicht nur, weil mein Herz eh eng verknüpft ist mit der österreichischen Kultur. Von da könnte ich noch einige Verlage nennen.

Herzlichen Dank für diesen Einblick, Michael.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier

Die dahlmer verlagsanstalt im Netz:

Die Homepage: www.da-ve.de Dort befindet sich auch ein Online-Shop, über den man direkt bestellen kann.

Bei Facebook unter dahlemer verlagsanstalt. Da gibt es auch die Ankündigungen zu den Lesungen, immer gegen Mitte des Monats im Morgenstern – Antiquariat und Café in der Schützenstraße 54 in Steglitz – einwichtiger und verlässlicher Partner der dahlemer verlagsanstalt.

 

„Das Marketing ist der umfangreichste Baustein der gesamten Verlagstätigkeit.“ SteglitzMind stellt Steffen Janssen vom Luzifer Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Ich freue mich sehr, dass Steffen Janssen vom Luzifer Verlag heute Rede und Antwort steht. Vorgeschlagen hatte das Schemajah Schuppmann vom Papierverzierer Verlag.

Eine kleine Skizze vom Verlag…

Der Luzifer Verlag von Steffen Janssen mit Sitz in Wattenscheid wurde Anfang 2011 gegründet. Mittlerweile arbeiten zwei Dutzend freiberufliche Mitarbeiter für den Verlag (Übersetzer, Illustratoren, Lektoren). Der Programmschwerpunkt liegt in den Genres Thriller, Horror und Phantastik. Alle Titel werden als hochwertige Klappenbroschur (Perfect Paperback) und E-Book publiziert.

Ihre persönlichen Highlights?

Als persönliche Highlights würde ich den Titel 900 MEILEN von S. Johnathan Davis und die Endzeit-Serie THE END von G. Michael Hopf betiteln, die sich in 2014 bisher jeweils im 5-stelligen Bereich verkauft haben, was für einen kleinen Verlag mit beschränktem Zugang zum stationären Buchhandel eine erfreuliche „Hausnummer“ ist. Als Lizenz-Highlights möchte ich noch die Titel JET von Blake Russell und WILDER FLUSS von Cheryl Kaye Tardif benennen, die jeweils internationale Bestseller sind und erstmals vom LuziferVerlag ab Herbst 2014 in Deutschland publiziert werden.

THE END - Endzeit-Thriller Luzifer VerlagWarum musste es in diesen Zeiten unbedingt ein Verlag sein?

Warum denn nicht? Rein wirtschaftlich betrachtet ist das Risiko, eine Bäckerei auf der Straße um die Ecke zu eröffnen, nicht weniger riskant.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Schwierigkeiten werden gern „herbeigeredet“. Entscheidet man sich mit Herzblut für einen bestimmten beruflichen Weg, hat man immer mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Es steht in der persönlichen Kompetenz, mit diesen Schwierigkeiten entweder umgehen zu lernen oder andere Pfade zu beschreiten. Das muss ein jeder im stillen Kämmerlein für sich selbst entscheiden.

Hätten Sie sich auch ohne die Innovationen infolge der Digitalisierung eine Verlagsgründung zugetraut?

Die Digitalisierung entbindet einen ja nicht davon, wissen zu müssen, was man tut. Sicherlich vereinfacht sie vieles, aber den Erstellungsprozess eines gedruckten Buches mit seinen vielen kleinen Einzelschritten, den beeinflusst oder erarbeitet man ja nicht rein digital. Computer sind vieles – aber innovativ?

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Das kann ich nicht sagen. Mache ich etwas anders? Und das Wort Konkurrenz mag ich gar nicht. Es gibt da draußen mehr Manuskripte, als wir alle verlegen könnten. Manchmal glaube ich, mehr Manuskripte als Leser ;)

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Die Startphase möchte ich gar nicht missen. Ohne Fehler zu machen, kann man sich nicht weiterentwickeln und verliert den Blick fürs Wesentliche; ein ganz entscheidender Faktor für unternehmerischen Erfolg.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Über Agenturen und Mundpropaganda. Ganz ehrlich – ich kümmere mich überhaupt nicht um neue Manuskripte. Täglich flattern internationale Angebote ins Haus, deren Menge ich kaum überblicken kann.

JET_Luzifer VerlagWie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Per Dienstleister, sprich Verlagsauslieferung. Anders ist das gar nicht zu machen.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Alles. Zur Not auch nackt … ach, lassen wir das. Die Erfahrungen mit dem stationären Buchhandel könnte man durchaus als die komplexesten, unüberwindbaren „Schwierigkeiten“ bezeichnen, die wir weiter oben bereits angesprochen haben. Da muss man viel Geduld mitbringen…

Wie halten Sie es mit Amazon?

Ein großer Online-Händler. Dort findet der geneigte Leser unser komplettes Verlags-Angebot in voller Pracht.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Herrje, wo soll ich da anfangen? Das Marketing ist der umfangreichste Baustein der gesamten Verlagstätigkeit. Sehr zeitintensiv und herausfordernd.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Die werben mich ständig als Mitglied. Ich muss nochmal nachsehen, was mir das bringt, außer Beiträgen zu zahlen ;)

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Auf den Punkt gebracht, bedient der Verlag die Phantastik. Im Bereich Horror-Literatur hat sich Luzifer mittlerweile sehr gut positioniert. Von Nischen spreche ich ungern, das klingt immer nach Kleinkrämerei. Viel lieber ließe ich meine Bücher als Mainstream betiteln. Damit kann man Marktanteile erobern.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Ganz einfach: In der Qualität und Bandbreite der Publikationen.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Die marktüblichen Risiken tragen alle Verlage. Die Großen haben ein besseres finanzielles Polster, die Kleinen sind agiler und innovativer. Wie heißt es so schön: Der Markt ist ständig in Bewegung.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

das Logo © Luzifer Verlag

das Logo © Luzifer Verlag

Die freie Entscheidung für besondere Autoren und Bücher. Sicherlich riskant, aber unglaublich befriedigend.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Gar nichts. Es spielen einfach zu viele Faktoren eine Rolle für Erfolg oder Misserfolg. Durchhaltevermögen und Geduld sind sicherlich förderliche Tugenden.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Ich empfehle Joachim Körber mit seiner Edition Phantasia. Ein herausragender Kollege, vor dem ich allerhöchste Achtung habe. Und den Papierverzierer Verlag, der sich hier ja bereits vorgestellt hat. Sehr innovativ. Zu Wort kommen sollte auch Hannes Riffel vom Golkonda Verlag.

Herzlichen Dank für diesen Einblick.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier

Der Luzifer Verlag im Netz:

Verlagshomepage: http://www.luzifer-verlag.de

Facebook: https://www.facebook.com/LuziferVerlagSteffenJanssen

Twitter: https://twitter.com/LUZIFERVerlag

Pinterest: http://www.pinterest.com/luziferverlag/

„In früheren Zeiten hätte man das anarchistisch genannt.“ – SteglitzMind stellt Bernhard Rusch vom TTR-Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Ich freue mich sehr, dass Bernhard Rusch heute Rede und Antwort steht. Er verlegt die Zeitschrift applaudissement und gründete dafür eigens den TTR-Verlag.

Seit wann gibt es den Verlag?

Der TTR-Verlag wurde als Privatunternehmung im Jahr 1988 von mir in Regensburg gegründet. Seit 1990 ist sein Sitz in München.

Warum wurde er ins Leben gerufen?

Bernhard Rusch mit Elzemieke de Tiége vor einem Bild von Jenny Schminke © Susanne Nawroth

Bernhard Rusch mit Elzemieke de Tiége vor einem Bild von Jenny Schminke © Susanne Nawroth

Um Werke von Schriftstellern und Künstlern der Künstlergruppe „applaudissement“ zu publizieren, hauptsächlich in der seit 1988 mit bisher 18 Nummern herausgegebenen, gleichnamigen Zeitschrift. Daneben konnten vier sogenannte Rundbriefe, ein Almanach, ein Gedichtband und diverse Werbedrucksachen veröffentlicht werden. Lieferbar sind noch die Nummern 17 und 18 sowie der Prospekt zur Nummer 18, alles nur als Druckausgabe. Veröffentlicht wurden Bild- und Text-Beiträge von etwa 50 Personen.

Für was steht TTR?

Naja, die Namenfindung ist 27 Jahre her. “TTR” stand für “applaudissemenT isT größeR”.

Machen Sie alles alleine?

Als Dienstleister fungierten diverse Copy-Shops und eine Online-Druckerei. Bei Druck, Gestaltung und Herausgabe haben über die Jahre sporadisch etwa 10 Personen aktiv mitgewirkt.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Ein Verlag war eine notwendige Basis für die Verwirklichung unseres künstlerischen Konzepts. Das auf dem Nebeneinander von Text und Bild beruht.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Da ich keinem persönlichen wirtschaftlichen Zwang unterliege (außer dem, halbwegs kostendeckend zu arbeiten), kann ich über den Verlag meine Ideen bzw. die meiner Beiträger verwirklichen.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

Die Digitalisierung ermöglicht die Ausdehnung des Wirkungskreises über entsprechende Netzwerke und individuelle Kontakte, den Austausch von Beiträgen ohne Qualitätsverlust sowie ein erleichtertes und gleichzeitig verbessertes Layout. Dies alles im Vergleich zu dem Zustand, als mit Schreibmaschine geschrieben wurde. Beiträge auf dem Postweg verschickt werden mussten. Die Layout-Arbeiten mit Schere und Klebstoff erfolgten. Formatänderungen ohne Verlust praktisch nicht möglich waren. Die Frage, ob ein Foto gelungen war, bis zur Abholung der Abzüge spannend blieb usw.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Ich mache das, was ich will. Konkurrenz habe ich keine, da unsere Zeitschrift im Wesentlichen aufgrund individueller Überzeugung gekauft wird. Was bedeutet, dass eine Kaufentscheidung für „applaudissement“ keinen Einfluss auf den Kauf anderer Druckerzeugnisse hat.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Da der Verlag nur einen sehr eingeschränkten Zweck hat, sehe ich auch aus heutiger Sicht keine grundsätzlich andere Herangehensweise. Und sogar die mangelnde Professionalität in der Anfangszeit würde ich nicht als Problem interpretieren. Denn dadurch haben wir zwar Fehler gemacht. Aber auch unglaublich viel gelernt.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Indem ich sie um Beiträge bitte. Das kann sich aus Gesprächen ergeben. Oder ich stoße auf mir interessant erscheinende Persönlichkeiten und schreibe sie dann einfach an.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Der Vertrieb erfolgt nach dem Prinzip „Freunde und Freunde der Freunde“. Sowie bei entsprechenden Veranstaltungen, was heiß Lesungen oder Ausstellungen.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Nichts. Da wir keinen Aufhänger haben, der einen anonymen Interessenten tatsächlich zum Kauf animieren könnte. Außer in sehr vereinzelten Ausnahmefällen.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Nachdem es keinen anonymen Markt für applaudissement gibt, spielt das keine Rolle.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Ich unterhalte seit Ende Juli eine Facebook-Seite, verteile gelegentlich Werbematerialien. Und kommuniziere ansonsten individuell mit Interessenten und „Meinungsführern“.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Hat keine Bedeutung für mich.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Ich mache es zunächst für meine Beiträger und mich selbst. Es soll eine für alle nutzbare Referenz sein. Die weitergehende Idee, darüber Diskussionen über Kunst und Kultur (teilweise auch politische Themen) anzustoßen, scheint ebenfalls ansatzweise zu funktionieren (zumindest zeigt das angelaufene Facebook-Experiment, dass deutlich mehr Nutzer als die Abonnenten erreicht werden). Eine weitergehende Wirkung wird aber dadurch erschwert, dass in Deutschland sich eine entsprechende übergreifende intellektuelle Gruppe oder Geisteshaltung aufgrund der Unzahl zu bedienender Nischen nie bilden konnte. Und damit die angesprochenen bzw. anzusprechenden Personen sich gegenüber „applaudissement“ meist als singuläre Individuen verstehen. Und so wäre dann auch unsere Nische zu umschreiben. In früheren Zeiten hätte man das anarchistisch genannt.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Nachdem wir die Gesellschaft nicht ändern werden, besteht unsere Chance in einem organischen Wachstum. Vielleicht erlangen wir über den Erfolg des einen oder anderen Beiträgers vorübergehende Bekanntheit. Und vielleicht können wir die mit der Hugo-Ball-Gesellschaft begonnene, lockere Form der Zusammenarbeit auch auf andere übertragen.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Ein Risiko im wirtschaftlichen Sinne besteht nicht, kann nicht bestehen. Somit liegt das größte Risiko darin, dass ich keine Lust mehr habe und aufhöre…

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Ich würde – insbesondere auf uns selbst bezogen – nicht von „Szene“ sprechen. Denn die eigenständigen – manchmal auch konträren – Ziele dieser von viel Idealismus getragenen Verlage lassen als Gemeinsamkeit nur die Herausgabe von Inhalten und Formen erkennen, die nach den reinen Marktgesetzen eigentlich gar nicht erscheinen dürften. Und ich möchte ergänzen, dass für mich Idealismus ein subjektiver Begriff ist. Es gibt genug Kleinverleger, deren Zielrichtung ich keineswegs unterstützen kann (mal ganz abgesehen von propagandistischen Machwerken politischer Extremisten).

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Letztendlich dasselbe wie für jede Unternehmensgründung: sich klar machen, welche wirtschaftlichen Erfolge man mit welchem Aufwand erreichen will. Und vor allem auch einen realistischen Blick auf die Möglichkeiten entwickeln. Also wissen, dass 200 verkaufte Exemplare bei Lyrik schon ganz gut sind, dass ein Krimi-Bestseller nicht aus dem Nichts kommt, dass sich auch Gutes nicht von alleine verkauft usw.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Ich kenne zu wenige, um hier irgendeine Empfehlung abgeben zu wollen…

Herzlichen Dank, Bernhard Rusch, für diesen Einblick.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier

Der TTR-Verlag im Netz:

Homepage: www.ttr-verlag.jimdo.de

Fanseite bei Facebook: https://www.facebook.com/pages/applaudissement/825794347432742?fref=ts

„Unser Verlagsprogramm hat eine sehr klare Ausrichtung, unsere Leser wissen das zu schätzen.“ SteglitzMind stellt Sandra Thoms vom Dryas Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Ich freue mich sehr, dass Sandra Thoms vom Dryas Verlag heute dabei ist. Vorgeschlagen hatte das Bloggerin Nomadenseele.

Seit wann gibt es den Dyras Verlag?

Sandra Thoms © privat

Sandra Thoms © privat

Den Dryas Verlag gibt es seit 2007, er wurde in Mannheim gegründet. Nach einer Zwischenstation in Oldenburg, ist der Verlag jetzt in Frankfurt heimisch. Der Schwerpunkt des Verlags liegt auf historischen Romanen aus dem 19. Jahrhundert, besonders auf Krimis aus der Zeit von Sherlock Holmes, und auf aktueller Unterhaltung.

2010 kam der Goldfinch Verlag hinzu, der vor allem aktuelle Krimis aus Großbritannien im Stil von Agatha Christie veröffentlicht. Außerdem gibt es einige Reiseführer zu Großbritannien im Programm.

Seit 2012 gehört darüber hinaus die Edition Reiseratte zum Verlag. Bisher waren die Reisetitel Teil des Dryas Verlags, aber weil es thematisch nicht gepasst hat, habe ich mich dazu entschlossen, ein eigenes Label dafür zu gründen. In der Edition Reiseratte finden Reisefans Bücher zu speziellen Themen wie dem Reisen mit Kindern.

Wohin geht die Reise: Digital oder analog?

Bis auf die speziellen E-Book-Reihen, die wir im Programm haben, erscheinen alle Bücher aller drei Labels gedruckt und bereits seit 2007 auch als E-Book.

Machen Sie und Ihr Partner Jannis Radeleff alles alleine?

Dryas ist ein kleiner Verlag, daher arbeiten wir nur mit wenigen Mitarbeitern. Im Wesentlichen bedeutet das: eine Person pro Aufgabenbereich. Und wir arbeiten ohne festes Büro. Zwar gibt es einen Firmensitz in Frankfurt/M., aber die Mitarbeiter arbeiten dort, wo sie zu Hause sind – an der Schweizer Grenze, bei Hannover, in Berlin oder in Schleswig-Holstein.

Ihre persönlichen Highlights?

Da der Verlag wie gesagt klein ist, ist jedes Buch, das erscheint, ein Highlight. Interessant sind zwei neue Reihen, die wir in diesem Jahr gestartet haben, einmal die Baker Street Bibliothek mit dem Titel „Inspector Swanson und der Fluch des Hope Diamanten“ von Robert C. Marley. In dieser Reihe werden demnächst weitere Krimis aus dem 19. Jahrhundert im Stil von Sherlock Holmes erscheinen. Die zweite Reihe heißt „Love and Dogs“ und ist in diesem Herbst mit dem Titel „Ex & Mops“ von Tina Voß gestartet. Unter dem Namen „Love and Dogs“ erscheinen witzige Unterhaltungsromane mit Hund.

Warum musste es in diesen Zeiten unbedingt ein Verlag sein?

Weil ich der festen Überzeugung bin, dass Menschen Geschichten brauchen, zur Unterhaltung, zur Wissensvermittlung und zur Sozialisation. Diesen Geschichten den Weg zu ihren Lesern zu ebnen, sehe ich als die Aufgabe des Verlags – eine Tätigkeit, die vielleicht ihre Form ändern wird, aber aktuell bleiben wird.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Vor allem aus der überaus positiven Zusammenarbeit mit kreativen und engagierten Autoren.

Hätten Sie sich auch ohne die Innovationen infolge der Digitalisierung eine Verlagsgründung zugetraut?

Dryas hat von Anfang an beide Bereiche bedient, die digitale Schiene und den klassischen Print-Bereich.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Marley_Inspector_Swanson_HopeUnser Verlagsprogramm hat eine sehr klare Ausrichtung, unsere Leser wissen das zu schätzen. Außerdem setzen wir auf inhaltliche und optische Qualität. Unsere Bücher bekommen ein Lektorat und ein Korrektorat, was in großen Verlagen nicht mehr immer üblich ist und jeder Titel hat seine eigene, zum Inhalt passende Innen- und Außengestaltung, die von professionellen Grafikdesignern erstellt wird.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Ich würde gleich von Beginn an die unterschiedlichen Genres stärker in Vermarktung und Vertrieb trennen, so wie ich es inzwischen tue.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Derzeit sind wir nicht auf der Suche nach neuen Autoren. Bei Dryas erscheinen viele Reihen und wir arbeiten mit ausgezeichneten Autoren zusammen, das Verlagsprogramm ist somit gesichert ;-) Außerdem ist der Verlag Mitglied in unterschiedlichen Autorenverbänden, über die ich Autoren anspreche, wenn wir neue Themen besetzen wollen.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Wir stellen unser Programm regelmäßig Buchhandlungen vor, bei denen die Titel in das Sortiment passen. Wir arbeiten aber ebenso mit anderen Verkaufsstellen zusammen.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Hier setzten wir auf eine enge und individuelle Betreuung unserer Stammkunden. Das funktioniert sehr gut und wir konnten so schon eine Reihe engagierte Buchhandlungen und Buchhandelsketten für unser Programm gewinnen. Schwierig ist die Zusammenarbeit nur bei Buchhandlungen, die ihr Sortiment auf wenige große Verlage beschränkt haben und ausschließlich deren Programm anbieten. Es ist immer schade, wenn man weder mit inhaltlichen noch mit wirtschaftlichen Argumenten Zugang findet.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Wir haben keinen Direktvertrag mit Amazon, da deren Konditionen nicht tragbar waren. Wir beliefern Amazon aber über den Zwischenbuchhandel, und das funktioniert sehr gut.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Jedes unserer Bücher bekommt eine eigenen Marketingstrategie, bestehend aus Vertriebsarbeit, PR, Anzeigenschaltungen und vor allem Social Media Aktionen. Es gibt bei uns keine A, B oder C Titel, wie in den großen Verlagen, wir machen nur Bücher, von denen wir hundertprozentig überzeugt sind.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Ich bin Mitglied im Sprecherkreis kleiner und unabhängiger Verlage. Austausch und Kooperationen sind mir sehr wichtig und der Börsenverein bietet dafür eine Plattform. Allerdings steht der Börsenverein nun vor der schwierigen Aufgabe, sich zu modernisieren und den neuen Gegebenheiten der Branche anzupassen – das wird ein großes Stück Arbeit und ich hoffe, dass hierfür der richtige Weg gefunden wird.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

????????????????????Wir haben unterschiedliche Verlagsbereiche mit unterschiedlichen Zielgruppen. In der Edition Reiseratte sprechen wir Reisefans an, die sich mit speziellen Themen im Reisebereich auseinandersetzen und bieten praktische Ratgeber an. Bei Dryas liegt der Schwerpunkt auf Romantik und dem 19. Jahrhundert. So sprechen wir zum einem die Sherlock Holmes- sowie die Jane Austen-Fans an, zum anderen aber auch Leser, die nach einem langen Arbeitstag nach Guter-Laune-Unterhaltung suchen. Hier sind wir der Verlag mit Happy End. Bei Goldfinch sprechen wir Großbritannien-Fans an: alle die dem Flair der Insel, Rosamunde Pilcher und Agatha Christie erlegen sind. Für sie bieten wir spannend konstruierte Krimis, deren Schwerpunkt auf der ermittelnden Person und dem Fall liegt und nicht auf möglichst brutalen Mordmethoden und depressiven Kommissaren.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

In dem eindeutigen Programmangebot.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

In der geringen Zahlungsbereitschaft vieler Leser für Buchinhalte. Während die Menschen ohne zu Zögern elf, zwölf Euro für zwei Stunden Kinoerlebnis bezahlen, halten sie den gleichen Preis für ein Buch, das ihnen im Normalfall viele Tage oder gar Wochen spannende Unterhaltung bietet, für zu hoch. Das ist ein Problem, mit dem wir zu kämpfen haben.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Die Offenheit im Umgang miteinander und den freundschaftlichen Umgangston – das ist nicht in jeder Branche so.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Informiere dich vorher gut über die Branche und deren Gepflogenheiten.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Hier möchte ich zwei engagierte Kolleginnen empfehlen, Kristina Jelinski vom Ahead and Amazing Verlag aus Husum und Sonia Lauinger von Der kleine Buchverlag in Karlsruhe.

Herzlichen Dank, Sandra Thoms, für diesen Einblick.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier.

Dryas Verlag im Netz:

Hauptseiten der Verlagsteile: www.dryas.de, www.goldfinchverlag.de, www.edition-reiseratte.de

Webseiten für Buchprojekte des Verlags: http://wildroses.dryas.de/ www.exundmops.de

Webseiten von Autoren: http://klaus.dryas.de/ http://www.huebner.dryas.de/

Und natürlich findet man den Verlag auf Facebook, Twitter, Pinterest, Lovelybooks und Youtube.

Berliner Buchhändler und Attac starten Aktion gegen TTIP

Zum Start der EU-weiten Aktionswoche gegen die Freihandelsabkommen TTIP und Ceta und TISA konnte Attac Berlin zahlreiche Berliner Buchhandlungen für die bundesweite Kampagne Ich bin ein Handelshemmnis gewinnen. In den Schaufenstern informieren die teilnehmenden Buchhandlungen darüber, welche dramatischen Auswirkungen die Freihandelsabkommen auf den deutschen Buchmarkt haben würden.

Der Text auf den Plakten lautet: “Hier wollen wir Sie auch weiterhin über Neuerscheinungen – wie jetzt von der Frankfurter Buchmesse – informieren. Aber es droht Gefahr! Das Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA bedroht die Buchpreisbindung – und damit die Existenz Ihrer Lieblingsbuchhandlung in Ihrem Kiez. Ein irreparabler Schaden für AutorInnen, LeserInnen und den Buchhandel. Helfen Sie mit Ihrer Unterschrift in der bei uns ausliegenden Liste, TTIP und andere ‘Frei’handelsabkommen zu verhindern.”

Zur Aktion in Berlin einige Stimmen:

Günter Sölken von Attac-Berlin: “TTIP & Co. sind ja nicht nur auf den Abbau von Zöllen gerichtet, sondern mehr noch auf die Beseitigung sogenannter Handelshemmnisse und eins davon ist die deutsche Buchpreisbindung. Wenn sie fällt, werden sowohl der mittelständische Buchhandel als auch die Leserschaft dafür einen hohen Preis zahlen müssen.”

Handelshemmnis-Button

Logo © Attac

“Wenn die Buchpreisbindung fällt, wird sich das Buchhandelssterben weiter beschleunigen. Branchengiganten wie Amazon können dann eine Preisschlacht starten, bei der die Kiezbuchhandlungen und sogar die Ketten schwerlich mithalten können. Hier ist ein Verdrängungs- und Vernichtungsfeldzug zu befürchten. Selbst die Verlage werden betroffen sein, und so ist zu befürchten, dass die Vielfalt des literarischen Angebots leiden wird.” So Jörg Braunsdorf, Inhaber der Tucholsky-Buchhandlung in Mitte.

“Bücher sind keine Ware, sondern Kulturgut”, sagt Astrid Westhoff, stellvertretende Landesbezirksleiterin Ver.di Berlin-Brandenburg.  Wenn kleine Buchhandlungen vom Markt verdrängt werden, fallen Arbeitsplätze weg. Kunden, die vor Ort auf Beratung angewiesen sind, finden nur noch Mainstream. Selbst öffentliche Bibliotheken werden womöglich ihre Buchbestellungen nach dem Vergaberecht ausschreiben müssen.”

“Mancher mag glauben, dass ein Wettbewerb über den Preis letztlich die Leser erfreuen müsste. Das ist leider ein Fehlschluss. Insgesamt sollte die Debatte um die Auswirkungen des TTIP-Abkommens die deutsche und europäische Kulturwirtschaft stärker fokussieren. Denn hier liegen die größten Gefahren!”, warnt Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats.

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Informationen und Materialien zur Aktion “Ich in ein Handelshemmnis” gibt es hier

Informationen des Deutschen Kulturrates zu den Freihandelsabkommen TTIP, CETA und TISA kann man hier tagesaktuell nachlesen

Zu einem Gespräch mit Jörg Braunsdorf von der Tucholsky-Buchhandlung geht es hier

 

 

 

„Die Buchbranche wird zu oft über die Schwierigkeiten und nicht über die Möglichkeiten, die sie bietet, definiert.“ – SteglitzMind stellt Michaela Stadelmann vom Wunderwaldverlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute macht Michaela Stadelmann die Gelegenheit wahr, ihren Wunderwaldverlag vorzustellen. Den Vorschlag unterbreitete Franziska Röchter, die 2011 den chiliverlag ins Leben rief.

Seit wann gibt es den Verlag?

Seit 2007 betreibe ich den Wunderwaldverlag in Erlangen als One-Woman-Show.

Die Programmschwerpunkte?

Im Gegensatz zu früher arbeite ich nur noch mit wenigen Autoren, außer es steht eine Anthologie an. Die thematischen Schwerpunkte haben im Lauf der Jahre immer wieder gewechselt, weil ich ausloten wollte, was bei mir und den Autoren geht. Bisher war alles dabei, was zwischen Lebensgeschichten und SF zu finden ist, Hauptsache Belletristik, verfasst von überwiegend unbekannten Autoren. Den allerersten Titel habe ich 2007 selbst verfasst, danach den Verlag gegründet und bis 2011 nur Texte von anderen Autoren veröffentlicht. Dabei haben beide Seiten viel gelernt. – Inzwischen bin ich bei Tanz- und Ballettromanen gelandet, die dem Verlag zur Überraschung aller ein verlässliches Finanzpolster bescheren. Die Titel der Ballettserie „Lit.Limbus Dance Floor“ von Alicia Mirowna sind mit Abstand die erfolgreichsten in meinem Progrämmchen.

Analog oder digital?

Ich publiziere am liebsten E-Books – weniger Aufwand, trotzdem große Wirkung – und vertreibe gedruckte Bücher nur noch über PoD-Plattformen. Derzeit sind 16 Titel als E-Book, davon 13 als Printausgabe lieferbar.

Ihre persönlichen Highlights?

Jeder Titel, den ich mit den AutorInnen auf den Markt bringe, ist ein Highlight, weil das Erscheinen den Abschluss eines Projektes markiert und man jedes Mal an seine Grenzen geht, egal wie „leicht“ die Thematik ist. Zwei weitere Highlights sind für mich und meine Familie die Leipziger und die Frankfurter Buchmesse. Für kleinere Messen fehlt meist die Zeit, aber ich lese im Internet mit.

Was ist geplant?

Wunderwald_WienerBlut_Cover01_1_140Zur Frankfurter Buchmesse erscheinen zwei Titel zum Thema Tanz: „Wiener Blut“, der fünfte Band der Ballettserie von Alicia Mirowna. Darin geht die spröde Ballettlehrerin Sandra Schmitt nach Wien. Sie möchte mit einer Wettkampftruppe junger Balletteleven etwas von dem Ruhm nachholen, der ihr durch die Auflösung der DDR entgangen ist. Die Grabenkämpfe mit den Müttern der Eleven tragen jedoch nicht unbedingt dazu bei, dass sie ihren Plan in die Tat umsetzen kann. Letztlich geht es darum, wer mehr Macht hat, die Lehrerin oder die Mütter, und um die Darstellung des Wettkampfalltags, der dem im Kleinverlag manchmal verblüffend ähnelt. Der zweite Titel ist die Anthologie „Schwanengesang“, in der acht neue Autoren in Kurzgeschichten ihre Ideen zum Thema Tanz darlegen. Dabei begeben sie sich in Genres wie SF, Gender, Horror und Fantasy. Ich war hocherfreut, dass es so viele Autoren gibt, die beim Thema Tanz nicht nur an Spitzenschuhe und rosa Tutus denken!

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Thematisch kündigte sich 2007 bei mir ein Umbruch an. Ich war bereits eine Weile als psychologische Lebensberaterin selbstständig gewesen und war auf den „Geschmack am Wort“ gekommen. Wenn man einen Menschen mit einem ähnlichen Wort auf einen anderen Gedanken bringen kann, könnte das auch mit Geschichten funktionieren, und geschrieben hatte ich – wie viele Hobbyautoren – auch schon jahrelang.

Das erste Buch „Die Wagners“ war ein Versuch als Selbstverlegerin, der das Geld für die Produktion des nächsten Titels einbrachte, ein Verlag musste her … Aber es dauerte ein paar Titel, bis das nächste Buch vergleichbaren Erfolg hatte. Das Handwerkliche am Büchermachen sprach mich mehr an als die Lösung fremder Probleme – das muss ich egoistischer Weise zugeben – und deshalb habe ich komplett umgesattelt. Trotzdem fließt viel Psychologie in die Titel ein, was man auf den ersten Blick vielleicht nicht vermutet. – Heute würde ich auch ohne Verlag anfangen, eigene und fremde Texte in die Welt zu setzen, weil es für Autoren wesentlich einfacher geworden ist zu publizieren.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Haben wir in Europa, speziell in Deutschland, wirklich „sattsam bekannte Schwierigkeiten“ bei der Publikation von Texten unabhängiger Autoren und Verlage? Ich kenne im belletristischen Sektor keinen deutschen Verleger, Buchhändler oder Autor, der für die schriftliche Darlegung seiner Gedanken oder deren Verkauf ins Gefängnis gekommen wäre oder andere Repressionen erlitten hätte. Der Rest der leidigen Diskussion dreht sich im Grunde um „höher-schneller-weiter“ und ist so überflüssig wie ein Kropf, weil er nichts mit Büchern zu tun hat, sondern mit Geldmacherei. Das kann wichtig sein, wenn man sich nicht mit dem Kulturgut Buch zufrieden geben will, sondern andere Dinge mit der Publikation verbindet: Ruhm, Reichtum, Erlösung u. dergleichen. Ich habe schon die erstaunlichsten Dinge gehört. Die deutsche Buchbranche wird in meinen Augen zu oft über die Schwierigkeiten und nicht über die Möglichkeiten, die sie bietet, definiert und somit nachhaltig geschwächt. Und dann sind da noch die liebgewonnenen Eitelkeiten vieler Buchhändler, Verleger und Autoren, die Produktion und Vertrieb komplizierter machen als nötig.

Mein Fazit: Ein Buch ist das Ergebnis gedanklicher Schwerstarbeit und hat einen hohen, wenn nicht unbezahlbaren, ideellen Wert. Das verwechseln viele mit gesichertem Einkommen, Ruhm und was weiß ich noch alles. Es war noch nie so einfach wie heute, einen Text in Deutschland zu veröffentlichen, der in der ganzen Welt gelesen werden kann, vorausgesetzt, er wird nicht von staatlichen Stellen zensiert. Aber es kommt immer darauf an, welche Ziele der Autor oder der Verleger verfolgt und wie schnell man sich von Nebensächlichkeiten ablenken lässt.

Zurück zu meiner Motivation – ganz platt: Die Leser geben mir Geld für die belletristischen Texte, die ich ohne weiteres publizieren kann, und diese Freiheit möchte ich so lang wie möglich genießen. Außerdem ist es toll, das Hobby zum Beruf zu machen. Und wenn es mal nicht so läuft, wie ich es mir vorstelle, dann gibt es immer noch genug andere Dinge, die wichtiger sind als Bücher.

Hätten Sie sich auch ohne die Innovationen infolge der Digitalisierung eine Verlagsgründung zugetraut?

Nein.

Wie positionieren Sie sich gegenüber der (mächtigen) Konkurrenz?

Ich weiß nicht, ob andere Verleger Konkurrenten oder mächtiger sind – jeder hat seine eigene Art und seine Schwerpunkte. Die zweite Frage ist suggestiv – wenn jemand Macht hat, dann doch nur, weil sie ihm zugestanden wird. Beispiel: Ein anderer Verleger oder Autor hat aus für mich nicht erkennbaren Gründen Erfolg mit einem Buch. Das ärgert mich, weil ich den Erfolg auch gern gehabt hätte. Folglich kann ich die Zeit, die ich dem Ärger gebe, nicht für andere Dinge nutzen oder ich blockiere mich, statt eigene Wege zu finden. (Da ist wieder die psychologische Lebensberaterin.) Somit gebe ich dem anderen Macht über mich.

Viel interessanter ist es doch zu beobachten, was die „mächtige“ Konkurrenz macht. Klar, sie hat vielleicht größere Marktanteile, sie verkauft mehr Bücher, sie wird sofort erkannt und wahrscheinlich auch nicht so oft angegriffen wie die „Kleineren“ etc. pp. Aber die „mächtige Konkurrenz“ ist auch stärker von Gewinneinbrüchen bedroht und muss in den letzten Jahren immer mehr Zugeständnisse machen. Der Buchmarkt, der von den „Mächtigen“ bestimmt wird, verflacht mit den unzähligen Ramschtiteln, was auch die Leser schon festgestellt haben. Und da liegt meine Chance, denn ich kann Dinge herausbringen, die sich die „großen Konkurrenten“ nicht zutrauen dürfen, weil sie dann richtig viel Geld verlieren können. Und wenn bei den „Großen“ mal etwas floppt, dann brauche ich den Fehler ja nicht nachzumachen, sondern kann mir in Ruhe überlegen, was ich anders und eventuell sogar besser machen kann.

Was machen Sie anders als die anderen?

Was mache ich anders? Ich lege Wert auf die Wortwahl (schönstes Beispiel: scheinbar und anscheinend). Ich mache mit meinen Autoren Grammatikübungen, wenn sie Pech haben. Ich bestehe darauf, dass es „eigentlich nicht“ heißt und nicht „nicht wirklich.“ Denn ich möchte, obwohl ich nur Unterhaltungsliteratur herausbringe, nicht zur Verflachung der Sprache beitragen, weil wir uns sonst irgendwann nicht mehr verstehen.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Das Schwierigste war zu erkennen, was hinter den ganzen Meinungen und Meldungen, mit denen man täglich konfrontiert wird, steckt. Inzwischen glaube ich zu wissen, wie der Hase läuft. Deshalb würde ich bei einem Neubeginn grundsätzlich nur auf meine Ideen bauen und mir nicht so viel hineinreden lassen. Und ich würde mir öfter sagen: „Die großen Verlage kochen auch nur mit Wasser.“

Wie gewinnen Sie Autoren?

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Früher habe ich hauptsächlich auf Initiativeinsendungen reagiert. Aber es ist schwierig, eigene Vorstellungen in einen bereits fertigen Text einfließen zu lassen, vor allem, wenn man ihn nicht selbst geschrieben hat. Es dauert auch länger, diese Manuskripte zu bearbeiten – man diskutiert wahrscheinlich mehr über das „Drumherum“ als über den Text. Ab einem Punkt fand ich es schlichtweg nicht mehr fair von mir, das Werk eines Autors „kaputt zu diskutieren“, nur weil ich glaubte, dass etwas so nicht „funktioniert“. Denn der Text bleibt ja trotzdem das Herzblut des Autors und er schöpft aus ganz anderen Quellen als solchen, die für ein in meinen Augen „programmfähiges“ Buch wichtig sind. So ein Buch ist bei einem anderen Verleger wahrscheinlich besser aufgehoben als bei mir. Deshalb sind meine Manuskriptausschreibungen inzwischen sehr speziell, weshalb ich auf diesem Weg eher wenige Autoren finde.

Stattdessen lese ich von Autoren verlegte Anthologien. Wenn die Basics eines interessanten Textes passen – also nicht allzu grobe Schnitzer bei der Grammatik und all dem ungeliebten Kram vorkommen, den man mal in der Schule lernen musste – dann nehme ich Kontakt auf. Es gibt auch Lieblingsautoren, mit denen ich schon zusammen gearbeitet habe und die ich frage, ob sie sich vorstellen können, etwas nach Vorgabe für mich zu schreiben. Und ich freue mich, wenn „meine“ Anthologie-Autoren etwas in petto haben, das in das Verlagsprogramm passt.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Meine ersten Gehversuche im E-Book-Geschäft habe ich bei KDP (Kindle Direct Publishing) gemacht. Mit KDP haben die Kunden die Verlagstitel überhaupt erst gefunden. Etwas später wurde ich auf Bookwire, eine Vertriebsplattform für Verlage, aufmerksam. Bookwire beliefert zwar auch Amazon, aber aufgrund der größeren Reichweite von Bookwire ist Amazon nicht mehr die einzige Handelsplattform, auf der man die Verlagstitel kaufen kann. Zudem sind viele neue Anbieter entstanden. Aber ob die bessere Arbeitsbedingungen für ihre Angestellten bieten? Die Printausgaben stelle ich seit ein paar Jahren auf PoD-Plattformen zur Verfügung, z. B. BoD oder Createspace.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Mit den Sortimentern habe ich gar keine Erfahrung gemacht, weil ihnen mein Verlagsprogramm zu „experimentell“ war. Da waren eher Programme mit ein bis zwei Schwerpunkten gefragt, die eine gewisse Verkaufsgarantie signalisierten, am besten zu populären Themen, die immer gekauft werden. Bei der Größe der Sortimenter ist diese Vorgabe nachvollziehbar, wenn auch nicht verständlich vor dem Hintergrund, dass die Branche in den letzten Jahren nicht mehr nur kriselte, sondern regelrecht einbrach.

Der Buchhandel – ach ja … Ich habe zwar zu Beginn regelmäßig den Hörer in der Hand gehabt und bin auch eine ganze Weile mit meinem „Vertreterköfferchen“ herumgekommen. Aber es kostete Zeit und Kraft und brachte unter dem Strich nicht mehr ein: Es wurde mehr gekauft und mehr zurückgeschickt, teilweise in fragwürdigem Zustand. Zudem gab es öfter interessante Zwischenfälle. Dass ein Buchhändler einen Buchtitel trotz Angabe der ISBN nicht im VLB findet, weil ein Kleinverlag die ISBN auf ein Buch geklebt hat, ist zwar lächerlich, gehört aber anscheinend zum Alltag. Als eine Autorin sich das erste Mal bei mir beschwerte, habe ich gedacht, sie erlaubt sich einen Scherz. Ich bin dann selbst in die Buchhandlung gegangen und musste der Autorin Recht geben. Interessanterweise war der Titel plötzlich doch im System, als ich mich als Verlegerin vorstellte. Das hat sich bundesweit mit schöner Regelmäßigkeit wiederholt.

Leider muss ich sagen, dass die Unregelmäßigkeiten hauptsächlich bei den unabhängigen Buchhändlern vorkamen. Bestellte doch mal eine Handelskette bei mir, gab es fast keine Probleme. Nach diversen anderen Erlebnissen habe ich es dann gelassen und biete wie gesagt die Titel nur noch über PoD-Plattformen an. Aber ich bin zuversichtlich – es ist nie zu spät für einen Neuanfang.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Man könnte auch fragen: Wie halten Sie es mit Thalia, Hugendubel, Media Markt, H&M, Norma? Amazon und all die anderen Handelsketten konnten sich nur mit der Unterstützung ihrer Kunden zu dem entwickeln, was sie heute sind, und die Kunden sind voll auf den Spruch mit dem Geiz eingestiegen.

Meine Titel werden von den Distributoren auch an Amazon geliefert, obwohl ich dem widersprechen könnte. Widerspräche ich tatsächlich, würde ich wahrscheinlich mehr Titel über Thalia oder Hugendubel oder eine der anderen großen europäischen Ketten verkaufen. Wäre das besser? Die großen Buchhandelsketten haben schließlich auch den Niedergang des mittleren und kleinen Buchhandels vorangetrieben, und die Käufer sind in Scharen herbeigeströmt, ohne darüber nachzudenken. Autoren fordern übrigens vehement ein, ihre Titel bei Amazon zu listen, auf Thalia und Hugendubel würden sie liebend gern verzichten. Dabei wissen anscheinend die wenigsten, dass Thalia & Co. z. B. den E-Reader Tolino entwickelt haben, um Amazon etwas entgegenzusetzen. Die Sache hat also mindestens zwei Seiten. Übrigens habe ich in der Zeit, als diverse Enthüllungsstorys über Amazon durch die Medien gejagt wurden, mehr Titel über Amazon verkauft als davor und danach. Beim Verantwortungsbewusstsein der Käufer sehe ich demnach noch sehr großes Entwicklungspotential.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Ich blogge sehr viel bei WordPress und anderen Blogplattformen und schaue mich regelmäßig im Internet nach neuen Themen um, über die ich schreiben könnte und die die Programmtitel weiterbringen. Foren und dergleichen habe ich früher abgegrast, aber dort hat man es als kleiner Verlag nicht unbedingt leicht. Glücklicherweise hat sich dort ein freundlicherer Ton den mittelständischen und kleinen Verlagen gegenüber eingebürgert. Manche Autoren schicken mir auch Neuigkeiten per E-Mail mit der Bitte, sie auf dem Blog zu posten. Außerdem finde ich Facebook und Twitter für den Verlag ganz interessant und sammele „Follower“ bzw. „followe“ selbst gern. Wichtig ist, dass man sich genau überlegt, was man preisgibt und dass man eine gewisse Regelmäßigkeit beim „Posten“ und „Rebloggen“ an den Tag legt.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Ich halte eine Mitgliedschaft für zu teuer und den Börsenverein manchmal für weltfremd, wenn man sich die Werbekampagnen und die Hochglanzmagazine anschaut. Aber ich wurde bisher, obwohl ich kein Mitglied bin, trotzdem immer gut beraten, wenn ich eine Frage hatte.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

das Logo © Wunderwaldverlag

das Logo © Wunderwaldverlag

Meine Nische ist derzeit der Tanzroman, auch wenn ich gern mehr Erfolg mit Romanen über Rumänien hätte. In der Hinsicht gibt für uns Westler noch viel zu entdecken! Meine Zielgruppe sind eigentlich Teenies von 11 bis 19 Jahren, die E-Books lesen. Die E-Mails, die ich bisher Ballettreihe „Lit.Limbus Dance Floor“ bekommen habe, stammten aber von erwachsenen Leserinnen, die sich zudem vehement zum E-Book-Lesen bekennen. Bei Verlosungen machen viele Väter mit, die Bücher für ihre Töchter gewinnen möchten. Dabei gibt es aber immer nur um maximal zehn Exemplare, die ich verschenke. Die Zielgruppe ist eigentlich eine ziemlich gute Mischung.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Derzeit im Genre „Performing Arts“.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Leider aktuell und ständig wiederkehrend: Dass die Zahl der säumigen Kunden zunimmt und ich noch mehr Zeit für Mahnungen verschwenden muss. Und dass ich irgendwann keinen Autor mehr finde, der bereit ist, sich bei Bedarf mit mir in die deutsche Rechtschreibung zu vertiefen.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Dass sie unabhängig ist und die Experimentierfreude ungebrochen ist.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Spar dir den Wasserkopf für die Verwaltung und starte als Selfpublisher, damit du wirklich tun kannst, was dir am Herzen liegt. Es war und ist ein Märchen, dass Verlage mächtiger sind als Autoren. Oder können Sie sich einen Verlag ohne Autoren vorstellen?

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Franziska Röchters chiliverlag, weil sie hundertprozentig hinter dem steht, was sie publiziert und keine halben Sachen macht. Alfons Seeboths Wölfchen-Verlag mit dem Händchen für junge Autoren und seine Wolfbücher. Peter R. Hellingers art & words Verlag aus Nürnberg, der richtig schöne Bücher macht.

Danke sehr für diesen Einblick.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier

Der Wunderwaldverlag im Netz:

Der Verlagsblog: http://wunderwaldverlag.wordpress.com/

Der Facebook-Account zum „Befreunden“: http://www.facebook.com/wunderwaldverlag

Der Zwitscher-Account: https://twitter.com/LitLimbus

 

“Die Digitalisierung ist der Bonus. Die Analogie ist das Handwerk.“ SteglitzMind stellt Schemajah Schuppmann vom Papierverzierer Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Ich freue mich, dass Schemajah Schuppmann vom Papierverzierer Verlag heute Rede und Antwort steht. Vorgeschlagen hatte das Franziska Röchter, die den chiliverlag verantwortet.

Seit wann gibt es den Verlag und wer steckt dahinter?

Schemajah Schuppmann © Papierverzierer Verlag

Schemajah Schuppmann © Papierverzierer Verlag

Der Papierverzierer Verlag wurde Anfang 2013 gegründet. Mittlerweile ist ein ganzes Kollektiv von Künstlern, Lektoren und Übersetzern für den Verlag tätig, die sich auf freiberuflicher Basis im Verlag engagieren.

Programmschwerpunkte?

Die Phantastik ist das dominierende Thema des Verlags, das jedoch bemerkenswert viele Facetten aufweist. So haben wir genauso Dystopien und Verschwörungstheorien im Angebot wie phantastische Kinderbücher. Die Titel sind vorwiegend digital und analog erhältlich, mit Ausnahme einiger Kinderbücher, die es ausschließlich analog zu kaufen gibt.

Ihre persönlichen Highlights?

Jedes Buch ist ein Highlight. Darum kann man nur schwer jedem gerecht werden. Als ganz besonders empfinde ich die bevorstehende Veröffentlichung von “Wächter der letzten Pforte” – ein Fantasyroman, der wortgewaltig ohne Elfen, Zwerge und Goblins auskommt. Außerdem haben wir vier Romane mittels Crowdfunding zum Leben erweckt. Der erste ist gerade erschienen – “Die Ummauerte Stadt” – und sollte gerade Fans von Dystopien und verrückten Handlungsverläufen begeistern. Und wer Harry Potter schon gerne gelesen hat, der darf sich über eine Elfe mit dem Namen Kobrin freuen (“Kobrin – Die schwarzen Türme“) – All-Age-Fantasy und Auftakt eines Vierteilers. Sehr, sehr spannend, leicht zu lesen und mit intensiven Charakteren.

Warum musste es in diesen Zeiten unbedingt ein Verlag sein?

papierverzierer Wächter

Warum man ein Unternehmen gründet, liegt daran, dass es entweder eine Nachfrage gibt, die bedient werden will oder man möchte besser in dem sein, für das es schon einen Markt gibt. Nun, Bücher gibt es bekanntlich viele. Aber Vieles ist entweder abgedroschen oder entspricht nicht der Qualität, die man selbst von einem Buch verlangen würde. Es musste ein Verlag sein, weil nur so eine vernünftige Reichweite für jedes Werk geschaffen werden kann und weil es da draußen so viele Manuskripte gibt, die einen Verlag brauchen, damit sie für den Markt vorbereitet werden können. Die Qualität, die Strukturen und die Synergien lassen sich nur im Miteinander erreichen. Es mag Stars auch im Einzelkämpfertum geben, aber die Chancen sind im Verlag deutlich größer.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Welche Schwierigkeiten? Erstmal gucken, was andere tun (bekannte Wege gehen). Sollten die Wege zu ausgetreten sein, dann fällt uns bestimmt wieder etwas Neues ein.

Hätten Sie sich auch ohne die Innovationen infolge der Digitalisierung eine Verlagsgründung zugetraut?

Die Digitalisierung ist der Bonus. Die Analogie ist das Handwerk. Somit hat beides für die Belletristik seine Daseinsberechtigung. Wer den Markt bedienen will, der muss beides machen.

Was machen Sie anders als die anderen?

Das verrate ich nicht. Es gibt ohnehin schon zu viele Nachahmer. ;) Aber als Antwort sage ich gern, dass ich versuche, flexibel zu denken. Die ausgetretenen Wege sind ja nicht unbedingt Pfade, die zum Heiligen Gral führen.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Nichts.

Wie gewinnen Sie Autoren?

papierverzierer Ummauerte_StadtAutoren kommen oft von ganz alleine. Hier und da ein Newcomer ist nett, aber das bedeutet auch für Kleinverlage (oder gerade für sie) viel Arbeit. Darum muss hin und wieder auch eine Agentur herhalten. Überhaupt sollte viel mehr mit ehrlichen Agenturen gearbeitet werden. Gute Agenturen sind in der Regel ein anzeigendes Indiz für einen ernstzunehmenden Autoren. Da sind uns die Staaten Meilen voraus. Vielleicht kommen wir ja auch noch dort hin.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Mit allem was dazugehört. Wir sind auf allen Online-Portalen und im Buchhandel bestellbar vertreten. Daneben bietet unser Online-Shop ebenfalls alle Titel.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Vieles. Und da werden wir auch nicht locker lassen. Der Handel darf sich gern immer wieder vertrauensvoll an uns wenden. Wir haben einen Markt mit hochwertigen Büchern zu bedienen. Gerade die Phantastik hat viele begeisterte Leser, die jedoch gerade durch das fehlende Angebot im Buchandelsgeschäft oft zurückgehalten werden.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Das ist ein großer Online-Händler.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Werbung, Interviews, Direktkontakte – eigentlich ist es eine schier endlose Liste von Tätigkeiten. Marketing ist nun mal der wichtigste Teil des Kleinverlages, um weitermachen zu können.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

papierverzierer_kobrin

Im Allgemeinen agiert der Börsenverein gern für sich. Gerne wirft man den Großen vor, Vetternwirtschaft zu betreiben. Der Börsenverein reguliert das – und dabei sind die Mitgliedsbeiträge nur die Spitze des Eisbergs.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Für Leser phantastischer Geschichten. Unsere Leser sind Rollenspieler, Fantasybegeisterte oder ganz einfach Leser, die nicht am Anfang jeder Seite bereits wissen wollen, wie die Heldenreise weitergeht.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Als nächstes Etappenziel sehe ich die öffentliche Buchhandlung. Was bisher nur sporadisch erfolgte, soll sich verstärken. Die Phantastik gehört vermehrt auf die Tische der Buchhändler.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Allgemeines Sterben von Leselust. Aber das wird noch dauern.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Das man ein bisschen freier ist, das zu tun, was einem gerade in den Kopf kommt. Die Flexibilität erlaubt es, das ganze Verlagskonzept in wenigen Wochen umzustricken.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

papierverzierer_logoIn den meisten Fällen sagen wir dann: Aufhören! Es geht dabei weniger um Eigennutz, sondern vielmehr um das Bündeln von Fähigkeiten. Was bringt es denn, wenn noch ein Verlag auf den Markt fällt? Nichts. Ein Miteinander wäre doch viel sinnvoller. Gemeinsam an einem großen Ziel arbeiten – das sollte oberste Priorität sein. Kleinverlage sind nun mal nicht reich und die meisten werden es auch nicht. Aber wenn sich ein paar Gute zusammentun, dann kann man auch gegen Größere bestehen.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Wir empfehlen besonders den Wurdack Verlag,  den Atlantis Verlag und Feder und Schwert. Ebenfalls zu Wort kommen sollte der Luzifer Verlag.

Herzlichen Dank für diesen Einblick.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier

Der Papierverzierer Verlag im Netz:

Die Homepage: http://papierverzierer.de

Bei Facebook: https://www.facebook.com/Papierverzierer

Bei Twitter: https://twitter.com/verlag_info

Und bei Google+: https://plus.google.com/u/0/b/116530875546465343501/+PapierverziererVerlagEssen

 

„Wir erhalten viele Einzelbestellungen aus Buchhandlungen, die Infrastruktur ist da weit besser als frustrierte Kunden und hämische Presse vermuten lassen.“ – SteglitzMind stellt Steffen Ille vom Verlag Ille & Riemer vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Ich freue mich sehr, dass Steffen Ille vom Verlag Ille & Riemer heute dabei ist. Vorgeschlagen hatte das Barbara Miklaw, die für den Mirabilis Verlag verantwortlich zeichnet.

Wann ging’s mit dem Verlag los?

Der Verlag existiert seit Herbst 2001 und besteht aus vier Gesellschaftern. Verlagssitz ist Leipzig, weiterer Publikationsort ist Weißenfels. Unser erstes Buch erschien 2002, »Freygeist«, die wissenschaftliche Neuedition des Erstlings von Joachim Wilhelm von Brawe.

Die Programmschwerpunkte?

Steffen Ille © Literaturkreis Novalis e.V.

Steffen Ille © Literaturkreis Novalis e.V.

Unsere programmatischen Schwerpunkte liegen bei Regionalia und bei geisteswissenschaftlichen Titeln. Zusätzlich publizieren wir gelegentlich belletristische Titel. Lieferbar sind derzeit 27 Titel, davon 10 auch digital. Aktuell erscheinen unsere Titel in der Regel auch parallel als eBook.

Ihre persönlichen Highlights waren?

Die größten Highlights waren aus meiner Sicht die psychiatriehistorische Arbeit »Irre irren nicht« (2010), Lothar Strucks Handke-Studie »Der mit seinem Jugoslawien« (2012) und mein erstes Hörbuch »Gruß nach vorn«  mit Tucholsky-Texten (2011). Das nächste Highlight, auf das ich mich besonders freue, ist das zum 125. Geburtstag geplante Tucholsky-Lesebuch »Die Zeit schreit nach Satire«, herausgegeben von der Kurt Tucholsky-Gesellschaft.

Warum musste es in diesen Zeiten unbedingt ein Verlag sein?

2001 ist ja schon ein paar Tage her. Da waren die Zeiten ja ganz andere ;-)

Es war sicher ein Konglomerat von Gründen. Ich war bereits damals als Buchhändler tätig und merkte sehr bald, dass unter der 5000er-Auflagen-Marke der Großverlage reichlich Platz für einige Texte war, die es einfach verdient hatten, gedruckt zu werden. Zum anderen spielte natürlich auch persönliche Eitelkeit eine Rolle – meine eigenen schriftstellerischen Fähigkeiten würden für gloria aeterna wohl nicht reichen, aber wenn nicht Goethe, dann kann man ja immer noch Cotta sein…

Als mein Freund Jörg Riemer mit Brawes Drama auftauchte, für das er und Frank Fischer keinen Verlag fanden, obwohl es sich um ein literaturhistorisch wichtiges Werk handelte, war dies der entscheidende Impuls, nicht länger nur den Gedanken daran mit mir herumzutragen, sondern die Sache einfach mal zu starten. Wir waren vier junge Studenten, die ein paar tausend Mark zusammentaten, um zu schauen, wie weit wir damit wohl kämen. Nunja, bis hierher hat es gereicht.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Verleger zu sein macht mir einfach einen Riesenspaß.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

Genau genommen war die Digitalisierung der entscheidende Grund, den Verlag überhaupt gründen zu können. Ohne Digitaldruck und Internet wäre es nicht möglich gewesen, mit so wenigen Mitteln zu starten. Geändert hat sich auf Herstellerseite nur, dass wir eben nicht nur drucken, sondern auch eBooks erstellen. Wirklich massiven Einfluss hatte daher eher die Weiterentwicklung der Kommunikation. Gelegentlich muss ich mir das immer mal wieder in Erinnerung rufen: 2001 waren schon Mobiltelefone keineswegs allgemeiner Standard. Mit Internet-Anschluss war man noch Avantgarde, der Buchhandel arbeitete noch flächendeckend mit Buchlaufkarten und bestellte per FAX – ohne email-Adresse konnte man 2001 problemlos als Verlag arbeiten, ohne Faxgerät nicht. Inzwischen ist es eher andersherum (aber noch 2009 erhielt ich ernsthaft eine Bestellung per Bücherzettel!).

Die sozialen Netzwerke sind natürlich ein erheblicher Einflussfaktor. Dadurch ergeben sich einerseits viel mehr Möglichkeiten, gerade in der Öffentlichkeitsarbeit, gleichzeitig wird es aber auch aufwändiger, im schier endlosen Kommunikationsmeer nachhaltig aufzufallen

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

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Definiere »Die anderen«. Ich glaube nicht, dass wir so originell sind, dass unter den tausenden Verlagen der deutschen Publikationslandschaft keiner wäre, der wie wir arbeiten würde. Mein Anspruch ist es, eng mit meinen Autoren zusammenzuarbeiten – wir setzen kein Komma, mit dem ein Autor nicht einverstanden wäre (das klingt banal, ist es aber nicht, fragen Sie mal Random House-Autoren der zweiten oder dritten Reihe…). Vor allem aber sehe ich mich als der Ansprechpartner für »das Draußen«. All der ganze Kleinkram, der mit Distribution zu tun hat. Aber das ist ja auch Kernaufgabe eines Verlages.

Letztlich positionieren wir uns in den Nischen, in denen wir präsent sind. Zu Weißenfels publiziert sonst kaum jemand. Ein unvoreingenommener Blick auf Handkes Jugoslawien ist selten, DDR-Psychiatriegeschichte aus selbstkritischer Psychiatersicht ebenso. Wir bringen heraus, was uns begeistert, um andere dafür zu begeistern. Aber ist das wirklich anders als das, was die anderen machen? Ich habe Freunde und Bekannte in kleinen, mittleren und großen Verlagen – dass diese in ihrer täglichen Arbeit eine andere Motivation antreibt, kann ich guten Gewissens nicht behaupten.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Ich würde erst starten, wenn ich ein nennenswertes Programm habe und nicht einfach mit dem ersten Titel loslegen. Mit einem Einzeltitel in der Hand führen sich Gespräche mit Barsortimenten, Vertretern, Auslieferungen und Buchhändlern gar nicht so einfach…

Wie gewinnen Sie Autoren?

Vorrangig aus Netzwerken, seien sie nun aus dem Real Life oder dem Web. Der Satz »Ich habe einen Verlag« wirkt auch 2014 noch sehr anziehend. ;) Da wir alle nur nebenberuflich als Verleger tätig sind, stoßen wir recht schnell an Kapazitätsgrenzen, weshalb Autorenakquise nicht gerade unsere Schwerpunkttätigkeit ist.

Unsere erste Anthologie »An. Sicht. Aus.« (2004) war als Unterstützung für eine Gruppe junger Hallescher Dichter, zu der einer meiner Freunde gehörte, gedacht – und immerhin ist Dirk Laucke, von dem eine Erzählung stammt, heute preisgekrönter Dramatiker. Und Frank Tillmann, seinerzeit ebenfalls Mitglied dort und mir selbst aus meiner Arbeit im Landesscchülerrat bekannt, erlebte mit seinem Buch »Teilen statt Zuteilen. John Rawls und die Begründung eines relativen Grundeinkommens« inzwischen seine dritte Auflage.

Jan-Uwe Fitz schrieb in seinem Blog vor vielen Jahren einmal, er habe an die Klinken aller Verlage erfolglos geputzt – worauf ich schrieb, dass meine nicht dabei war. Und nun erscheint eine kleine Fortsetzungsgeschichte “Der Unerträgliche” bei uns. Lothar Struck, dessen Blog »Begleitschreiben« ich schon seit vielen Jahren schätze, kam zu uns durch Vermittlung von Frank Fischer, dem wir ja unser erstes Buch mit verdanken.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Für Dienstleister bewegen wir uns unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Es lohnt sich weder für uns noch für sie, professionell zusammenzuarbeiten. Wir liefern also selbst aus. Für den digitalen Vertrieb arbeiten wir mit libreka! (für eBooks) sowie claudio und TuneCore (für Hörbuchdownloads) zusammen.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

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Ich bin ja selbst Buchhändler, kenne also die Schwierigkeiten, denen sich Buchhändler beim Einschätzen kleiner und kleinster Verlage gegenüber sehen. Man darf hier nie vergessen: Auch der Buchhändler muss Miete und Personal bezahlen. Da ist in der Regel Platz für Spezielles – aber es nicht genug Platz für das Spezielle aus 5000 Verlagen. Das ist nicht nur eine Frage von Ladenquadratmetern, sondern auch eine der Kunden. Der Anteil tatsächlich durch Beratung verkaufter Bücher ist weitaus geringer als angenommen (wer einen Follett lesen will, will einen Follett lesen…)

Fuß fassen im Sortiment bedeutet für Klein- und Kleinstverlage dann eben, Buchhändler zu finden, die sich für das eigene Programm begeistern lassen und es aus Überzeugung verkaufen. Aus Verlagssicht sind Buchhändler Kunden und die lassen sich genauso ungern gängeln wie alle Kunden. Wir versuchen dies durch persönliche Ansprache zu erreichen und zwar immer dann, wenn wir finden, dass unsere Titel auch zur Buchhandlung passen. Das klappt erwartungsgemäß bei Titeln mit regionalem Bezug sehr gut, bei anderen eher weniger (wer hat denn überhaupt geisteswissenschaftliche Fachliteratur am Lager…)

Ganz grundsätzlich aber funktioniert der deutschsprachige Buchhandel weiterhin sehr gut. Wir erhalten viele Einzelbestellungen aus Buchhandlungen, die Infrastruktur ist da weit besser als frustrierte Kunden und hämische Presse vermuten lassen.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Zu Amazon habe ich eine sehr weit ausgreifende Position, da Amazon aus verschiedensten Perspektiven zu betrachten ist, in der Bücher letztlich eine eher untergeordnete Rolle spielen. Daher nur kurz angerissen: Amazon ist kein Dämon, sondern ein global agierendes Unternehmen mit großen Plänen und vielen Ressourcen, das mit den Mitteln arbeitet, die einem Unternehmen in diesen Dimensionen eben zur Verfügung stehen. Die Kernfrage ist daher politischer Natur, und zwar dahingehend, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, in der solches Agieren möglich ist. Und das hat dann mit Buchhandel genauso viel zu tun wie mit Lebensmitteln, Energie und Wasser.

Aus Verlegersicht ist es aber ganz einfach: Amazon hat im Online-Buchhandel einen Marktanteil von geschätzt 80%. Unsere Titel müssen also dort verfügbar sein, Distribution ist nun einmal die Hauptaufgabe eines Verlages. Allerdings denke ich nicht eine Sekunde darüber nach, die Konditionen von Amazon zu akzeptieren. Ein Geschäft muss sich immer für beide Seiten lohnen, das tut es bei einem Händler, der mehr als die Hälfte des Ladenpreises haben möchte, einfach nicht. Unsere Titel gibt es also, soweit es Print-Titel betrifft, nur über den Marketplace. Unabhängig davon, sind wir aber auch zu klein, um von Amazon überhaupt ans Lager genommen zu werden, insofern habe ich also leicht reden, die CEOs von Hachette und Bonnier haben da möglicherweise eine andere Perspektive. Auf unserer Website verweisen wir vorrangig auf den Webshop von Lehmanns Media (wo ich, dies sei erwähnt, hauptberuflich arbeite) und verweisen zusätzlich auf buchhandel.de und amazon.de. Wahrscheinlich werden wir demnächst auch Links auf Libris mybookshop hinzunehmen, das scheint mir etwas kundenorientierter als das äußerst behäbige MVB-Portal.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

gruss-nach-vorn-coverWas eben möglich ist und das hängt auch stark vom Titel ab. Meist sind unsere Titel so speziell, dass breitgestreutes Marketing praktisch nur aus Streuverlusten bestehen würde. Wir arbeiten daher, immer dann, wenn es sinnvoll ist, mit den ganz klassischen Mitteln: Mit Lesungen zum Beispiel, besonders natürlich bei »Leipzig liest«, das trotz seiner tausenden Veranstaltungen immer eine gute Gelegenheit ist. Wir beliefern die hübsche kleine App depeschen vom Mirabilis Verlag und arbeiten ansonsten mit Direktansprache bei in Frage kommenden Interessenten – was bei unserem Programm dann meist Bibliotheken sind.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Der Börsenverein ist ebenso wie seine Wirtschaftsunternehmen eine gute Sache. Gut deshalb, weil in der Welt, wie sie nun einmal ist, kein Weg an einem Branchenverband vorbeiführt. Auch wenn ich ihn mir häufig etwas beweglicher und innovativer wünschte. Aber für Bewegung und Innovation ist möglicherweise ein Verein auch nicht die richtige Lösung. Mitglied sind wir nicht, bei Beiträgen in Höhe eines Jahresgewinns ist das nicht drin.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Ich habe als Buchhändler Nietzsche an Maurer verkauft und »Das Lavendelzimmer« an gestandene Anwälte. Dem Konstrukt »Zielgruppe« stehe ich daher etwas skeptisch gegenüber. Ich mache Bücher für die, die sie interessieren – ausgehend von der Grundannahme, dass Bücher, die ich interessant finde, auch noch ein paar andere Menschen interessieren könnten. Wir bringen von Anbeginn Titel zu Weißenfels – so konstant ist dort sonst niemand unterwegs. Das ist keine große Nische, aber ein dankbares und treues Publikum. Achja, und wir können uns wohl noch immer der führende Brawe-Verlag weltweit nennen. ;)

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Im wissenschaftlichen Fachbuch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Strategie der Big Player außerhalb der Zeitschriften noch lange gut geht. Wissenschaftler wollen gelesen werden. Dieses Einsperren von Inhalten zu irrsinnigen Preisen kann nicht die Zukunft sein. Derzeit versuche ich die Kapazitäten und Ressourcen zu schaffen, um hier sinnvolle Open-Access-Alternativen anbieten zu können. So zwei, drei Monographien-Reihen aus dem universitären Feld wären schon eine feine Sache.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Ille  Riemer_LogoDie Buchbranche wird sich massiv verändern. Die, von mir befürwortete, Buchpreisbindung wirkt hier verzögernd, aber es ist klar, dass die Zahl der Buchhandlungen weiter sinken wird. Dafür gibt es verschiedene Gründe, die keineswegs alle hausgemacht sind. Ein ausgedünntes Buchhandelsnetz bedroht direkt und indirekt unsere Vertriebswege. Letztlich ist es aber so: Von unserem Verlag hängt keine Existenz ab und alles andere wird sich finden.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Den Mut zum Außergewöhnlichen, Seltsamen und Verrückten – und den irrsinnigen Glauben daran, damit auch noch durchzukommen. Vor allem aber schätze ich die Begeisterungsfähigkeit, die eben Bücher entstehen lassen, weil es jemand will – und erst zweitrangig, ob es dafür einen Markt, einen Trend oder eine Zielgruppe gibt.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Verleger sein ist eine Ausdauersportart. Zum Ausdauersport gehört eine gewisse Leidensfähigkeit. Egal, was dubiose Quellen erzählen: Fürs schnelle Geld ist dies die falsche Branche. Wem das klar ist, dem rate ich dringend, sich mit der Branche und ihren Spielregeln zu beschäftigen. Wer nämlich weiß, wie die Branche tickt, wird es leichter haben. Also: Informieren, informieren, informieren – das Netz bietet dazu wunderbare Möglichkeiten. Das spart Nerven, Zeit und Geld. Und so ein Bramann im Regal kann nicht schaden.

Ansonsten aber: Loslegen und Spaß haben. Nichts auf Marktanalysen geben – fast kein großer Erfolg, praktisch keine Welle wurde bisher wirklich vorhergesehen. Also verlegt das, was ihr richtig findet.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Die Liste könnte jetzt ziemlich lang werden, ich beschränke mich mal ganz willkürlich auf fünf Verlage. Frank Maleu und Marc Degens von SuKuLTuR, Mark Lehmstedt vom Lehmstedt Verlag, Leif Greinus und Sebastian Wolter von Voland & Quist, Claudia Gehrke von konkursbuch und Jonas Engelmann vom Ventil Verlag.

Herzlichen Dank, Steffen Ille, für diesen Einblick.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier

Verlag Ille & Riemer im Netz:

Die Verlagshomepage: http://www.ilri.de/

Facebook: https://www.facebook.com/pages/Verlag-Ille-Riemer-GbR/131539420201485

Google+: https://plus.google.com/+IlriDe/posts

Die lieferbaren Titel bei Lehmanns Media: http://bit.ly/illeriemer

 

„Wenn ich ein Fetischist bin, dann vielleicht ein Buchfetischist.“ SteglitzMind stellt Franziska Röchter vom chiliverlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Ich freue mich sehr, dass Franziska Röchter, die den chiliverlag verantwortet, heute Rede und Antwort steht. Vorgeschlagen hatten das Christiane aka Texthase Online und Sebastian Kaufmann vom Chaotic Revelry Verlag.

Seit wann existiert der Verlag?

Den chiliverlag habe ich 2011 ins Leben gerufen. Er entstand aus einer Herzensangelegenheit heraus: Ich wollte mit jungen Menschen ein Veggie-Buch machen. Wir sind quasi im kulturellen Zentrum Ostwestfalen-Lippes angesiedelt, im Dreieck zwischen Bielefeld, Gütersloh, Paderborn. Während 2012 erst zwei Titel entstanden, werden wir Ende 2014 bereits ca. 20 lieferbare Titel haben, mindestens zwei davon zusätzlich auch im eBook-Format.

Philipp Röchter und Franziska Röchter auf der text & talk 2014 © Ellen Eckardt

Philipp Röchter und Franziska Röchter auf der text & talk 2014 © Ellen Eckardt

Machen Sie alles alleine?

Mittlerweile ist bei Bedarf ein freiberuflicher Lektor im Einsatz, der auf Buchmessen und Veranstaltungen auch zusätzlich repräsentative und anderweitige Aufgaben übernimmt. Dass er zufällig auch den Namen Röchter trägt, ist äußerst praktisch.

Wofür steht der Verlagsname?

Der Untertitel zu chiliverlag lautet: „brennend interessant“. Da Interesse aber etwas sehr Individuelles ist und mir allzu Vollmundiges nicht zusagt, wird dieser oftmals weggelassen. Schließlich ist die Chilischote aussagekräftig genug.

Der chiliverlag ist „schubladenfrei, offen, unabhängig“ und „literalyrisch“ tätig und führt unabhängig vom Geschmack der Masse Projekte aus reinster Überzeugung oder einer inneren Notwendigkeit heraus durch. chiliverlag wird übrigens wirklich klein geschrieben.

Die Programmschwerpunkte?

Bislang betätigte sich der chiliverlag in den Bereichen Lyrik, Krimi, Komik / Slam Poetry, Erotik, Kunst, aktuelle Themen sowie Biografien. Weitere Bereiche (u.a. Drama) kommen in Kürze hinzu. Dennoch sind wir nicht beliebig, Projekte müssen uns überzeugen. Im chiliverlag haben authentische Projekte von authentischen, interessanten Menschen gute Chancen. Wir beschäftigen uns gern mit echten Menschen, die wirklich etwas zu sagen haben. Wir bekommen viele außergewöhnliche Anfragen für besondere Projekte, weil die Autoren wissen, dass sie damit bei uns genau richtig sind. Die Wünsche und Vorstellungen der Autoren sind uns wichtig, aber auch der Spielraum für die chili-Kreativität darf nicht zu kurz kommen.

Ihre persönlichen Highlights im Bücherjahr?

Cover_Jetzt anders_1Jedes Buch, welches in sehr einvernehmlicher Kooperation mit den Autoren entsteht, ist ein persönliches Highlight. Wir sind stolz auf jeden Titel. Aber mein ganz persönliches Highlight ist die Anthologie „Jetzt anders! – Ein Lesebuch voller Vielfalt und für Toleranz“, in dem sich 35 bekannte sowie weniger bekannte Literaten mit „besonderen“ Erscheinungsformen vielfältiger menschlicher Existenz literarisch auseinandersetzen. Das Cover zeigt die bekannte Stürmerin und Erstligaspielerin des Herforder SV, Romina Burgheim, die auch mit einer Satire vertreten ist. Ebenfalls ein Highlight sind immer wieder die Bücher, deren Cover von Fotografien des dominikanischen Künstlers Yves Drube geziert werden (etwa „Brombeerrausch“), der momentan im dominikanischen Fernsehen auf etlichen Kanälen von sich reden macht.

In Kürze erscheint die erste Biografie im chiliverlag. Der aus dem Fernsehen aus verschiedenen Serien und Sendungen (u.a. „Helden für Tiere“ oder die VOX-Tierschutz-Doku „Harte Hunde“) bekannte Kampfsport-Champion im Free Fight, im Boxen und Kick-Boxen, Ralf Seeger, hat sich für den chiliverlag entschieden, weil wir unsere Projekte mit Enthusiasmus und weniger mit Blick auf Gewinn durchführen.

Warum musste es in diesen Zeiten unbedingt ein Verlag sein?

Warum nicht? Gut, das Wort „Verlag“ hätte man auch unterschlagen können, aber chili allein ist schon durch die Kochbranche besetzt. Wenn ich ein Fetischist bin, dann vielleicht ein Buchfetischist. Es besteht eine echte Macke für Bücher. Außerdem verlegen wir im wahrsten Sinne des Wortes: Texte und Projekte von Menschen, die ans Licht der Öffentlichkeit wollen und sollen, jenseits von rein strategischen Gesichtspunkten. Auch kann ein „Verlag“ ein Stück literarisches und menschliches „Zuhause“ bieten, d.h., Gleichgesinnte mit ähnlichen Spleens und Faszinationen fühlen sich unter Umständen mit ihren Projekten gut im chiliverlag aufgehoben. Weil wir auch unkompliziert sind.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Zum einen bin ich immer schon ehrenamtliches Engagement gewohnt. Ob es im Bereich der Behindertenhilfe, des schulischen Ehrenamtes oder des Tierschutzes ist. Jedes Ehrenamt findet aus tiefster Überzeugung für eine Sache statt.

Cover_Ralf_SeegerWir erleben täglich, dass Menschen das Wort abgeschnitten oder verweigert wird. Sprachrohr zu sein für Menschen, die sich äußern wollen, auch zu heiklen Themen, finde ich enorm sinnstiftend. Meine Antriebsfeder ist das Bewusstsein, dass es mehr gibt, um sich an dieser Gesellschaft zu beteiligen, als lediglich das zu konsumieren, was andere produzieren. Einen Verlag zu betreiben bedeutet auch, ein Stück weit Demokratie, Pluralismus und Meinungsvielfalt zu leben.

Hätten Sie sich auch ohne die Innovationen infolge der Digitalisierung eine Verlagsgründung zugetraut?

Mit etwas kaufmännischem Rüstzeug, wie ich es vor vielen Jahren erwerben konnte, schon. Sicher wäre das Buchgeschäft ohne die Digitalisierung um ein Vielfaches zähflüssiger, weniger schnelllebig oder sagen wir: anders. – Ich versuche ständig, mir das Verlagsgeschäft zu Zeiten der Postkutschen vorzustellen.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der mächtigen Konkurrenz?

Zum einen: Menschen, die häufig Sätze beginnen mit: „Man macht … Man sollte …“ etc., sind mir suspekt. Wir sind etwas anarchistisch. Ich gehe davon aus, dass ich von der sogenannten „mächtigen“ Konkurrenz eher belächelt werde. Ein einflussreicher Veranstalter sagte während einer Diskussion über die Zukunft der Buchbranche und des Verlagswesens, ihm wäre es lieber, manche Frauen würden zum Kegeln nach Mallorca fliegen anstatt in dieser Branche „mitzumischen“. Ich behaupte, dass gerade unabhängige Kleinverlage sehr gute Ideen haben. Und weil sie unabhängig sind, können sie es sich leisten, diese umzusetzen. Eine „Konkurrenz“ interessiert mich nicht, weil wir für niemanden eine solche darstellen. Die Kleinen und die Großen sind nicht Passagiere auf dem gleichen Boot, befahren aber das gleiche haifischverseuchte Gewässer. Wir müssen mehr rudern, um nicht sofort zu ertrinken.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Wahrscheinlich nichts.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Natürlich machen wir interessante Ausschreibungen zu bestimmten Themen, stellen auf Buchmessen aus, sind im Netz präsent. Mittlerweile kommen viele sehr interessante Autoren von selbst auf den Verlag zu. Bei uns braucht niemand Berührungsängste zu haben.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Cover_BrombeerrauschSo vielseitig wie möglich. Wir sind auf sehr vielen gängigen großen Online-Shops zu finden, in jedem Buchladen bestellbar und man kann die Bücher direkt beim Verlag ordern. Bestellungen, die vor ca. 16.00 Uhr direkt bei uns eingehen, sind im Regelfall am nächsten Tag beim Kunden. Buchkäufer sollten sich häufiger vor Augen führen, dass kleine Verlage wesentlich besser überleben könnten, wenn viel mehr direkt bei ihnen bestellt würde.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen?  Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Überregional ist es eher schwierig bis derzeit unmöglich, großflächig in den Buchhandlungen auszuliegen. Dieses steht und fällt mit engagierten Autoren, die ihre Bücher bei ihren lokalen Buchhändlern unterbekommen – sporadisch, oftmals leider am liebsten auf Kommissionsbasis. Warum z.B. können die großen Buchhandelsketten nicht einen Bereich in ihren Häusern für die Independants reservieren, zu gesonderten Konditionen? Das würde die Angebote der Häuser etwas heterogener und noch vielseitiger gestalten.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Nun ja, man muss zugeben, dass es schon einen gewissen Effekt hat, auf Amazon präsent zu sein. Viele Autoren fordern dieses geradezu ein.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Wir sind auf Messen wie der Leipziger Buchmesse oder auf der text & talk Kleinverlagsmesse präsent, wir haben viele Kontakte zu unterschiedlichsten Bereichen der Literatur, wir organisieren gern Lesungen, bemühen Presse und Zeitschriften, wir schalten auch Werbung in teilweise wirklich renommierten Publikationen.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Eine Mitgliedschaft wäre unter Umständen erstrebenswert, es ist nicht auszuschließen, dass es einmal dazu kommt.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Wir machen Bücher für Menschen, die unkonventioneller, offener, schräger, enthusiasmierter sind als andere. Die außerhalb von Schubladen denken und nicht in vorgefertigten Mustern leben. Und wir machen Bücher von und für Menschen, deren Leben womöglich außergewöhnlich und mehr anders ist als das von anderen.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Bei uns können auch Menschen zu Wort oder besser zu Papier kommen, die womöglich woanders keine oder wenig Chancen hätten. Gleichzeitig aber gibt es nicht wenige sehr bekannte Autoren, die dem chiliverlag ihre Texte anvertrauen und auch veröffentlicht werden.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

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Ein besonderes Risiko gerade für Kleinverlage stellen immer Menschen dar, die man unter ewige Meckerer, Besserwisser, Intriganten und Bedenkenträger subsummieren könnte. Dazu habe ich in den vergangenen Jahren sehr viel von anderen Kleinverlagen mitbekommen, wie und womit diesen das Leben schwergemacht werden kann. Was zum Beispiel treibt einen Menschen dazu, einem Kleinverlag seine Zusammenarbeit anzudienen, obwohl er sich in keiner Weise weder mit diesem Verlag noch mit dem Inhaber desselben identifizieren kann?

Ein weiteres Risiko stellt die unübersehbare Tendenz zur Selbstausbeutung in sämtlichen Bereichen bei Kleinverlegern dar. Mittlerweile verstehe ich eine befreundete Verlegerin, die sich den Sonntag für Telefon- und PC-frei erklärt hat. Darüber hinaus sollten Autoren, um auch in Zukunft noch Veröffentlichungsmöglichkeiten vorzufinden, verstehen, dass ein Kleinverleger zusätzlich zu den vielen Allroundtätigkeiten, die er ausübt, nicht auch noch gleichzeitig eine Sozialbank sein kann. Selbst wenn er das aus philanthropischen Gesichtspunkten gern wäre.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Unkonventionelle, originelle, freidenkende Menschen und Verleger, die das tun, was sie für richtig halten. Sie sind die Pippi-Langstrumpfs der Literatur“branche“, versprechen mehr Spaß für die Autoren und unter Umständen interessantere Projekte.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Möglichst etwas Eigenes zu machen, nicht versuchen, irgendwas zu imitieren.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Zunächst empfehle ich gerne alle Verlage, die auf der letzten text & talk in Düsseldorf waren, insbesondere Alawi Verlag (Belletristik aus der arabischen Welt), LITRevier Verlagskooperation (gute Idee!), Daedalus Verlag, Chaotic Revelry Verlag, Richtungsding, Zagava, Papierverzierer Verlag, Pendragon, dann auch Lektora (auch wenn sie nicht in Düsseldorf waren) oder Wunderwaldverlag. Ich kapituliere nun, weil man nicht alle aufzählen kann. Weil es so wunderbar viele gute Kleinverlage gibt. Zu Wort kommen sollte unbedingt der Inhaber von Zagava, da er quasi noch Bücher in Handarbeit erstellt und noch besonderer agiert als andere.

Herzlichen Dank, Franziska Röchter, für diesen Einblick.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier

Der chiliverlag im Netz:

Homepage www.chiliverlag.de
chiliverlag und Franziska Röchter bei Facebook https://www.facebook.com/franziska.roechter
chiliverlag bei twitter https://twitter.com/chiliverlag
http://www.youtube.com/user/FranzisLitFass   eine Playlist mit Leseproben vom Verlag

 

„Ich habe keine Konkurrenz. Wenn ich einen Autor, der mir gefällt, nicht verlegen kann, frage ich einen anderen Verleger.“ – SteglitzMind stellt Andreas Heidtmann vom poetenladen Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Ich freue mich sehr, dass Andreas Heidtmann vom poetenladen Verlag heute dabei ist. Vorgeschlagen hatte das Barbara Miklaw, die für den Mirabilis Verlag verantwortlich zeichnet.

Seit wann gibt es Ihren Verlag?

2005 ging der poetenladen als virtueller Raum für Dichtung ins Netz. Nachdem sich das Literaturportal innerhalb weniger Jahre zu einer der lebendigsten und bestbesuchten Websites für neue deutschsprachige Literatur entwickelt hatte, lag es nahe, ein Komplement zur Webpräsenz zu schaffen. So wurde 2008 der Verlag in Leipzig von mir ins Leben gerufen.

Die Programmschwerpunkte?

Zum Programmschwerpunkt gehört die junge Gegenwartsliteratur, angefangen von der Prosa (Erzählung, Roman, Kurzprosa) über Anthologien bis hin zur Lyrik. Der Verlag bezieht viel Inspiration und Engagement und auch konkrete Unterstützung aus der gewachsenen Netzgemeinde.

???????????????????????Zu den Prosatiteln 2014 zählt die Anthologie “Die Taubenjägerin“, die die besten Texte des MDR-Kurzgeschichtenwettbewerbs versammelt. Für die Kontinuität des Programms ist das halbjährliche Literaturmagazin “poet” wichtig, soeben ist die 17. Ausgabe mit über 200 Seiten erschienen. Gesprächsthema im Herbst 2014: Literatur und Vergänglichkeit.

Zu den Lyriktiteln des Jahres gehören u.a. Andreas Altmanns Gedichtband (Die lichten Lieder …) sowie der Nachlassband des Chamissopreisträgers Jean Krier (Eingriff, sternklar) und der siebte Band unserer Reihe Neue Lyrik (Roland Erb: Trotz aller feindlichen Nachricht), die zusammen mit der Sächsischen Kulturstiftung herausgegeben wird.

Warum musste es in diesen Zeiten unbedingt ein Verlag sein?

Der poetenladen Verlag entstand Schritt für Schritt. Es war nicht so, dass ich von Anfang an einen Print-Verlag angestrebt hätte. Zunächst gab es ja nur das Internetportal “poetenladen“, das im Mai 2005 online ging. Hieraus erwuchs vor dem Hintergrund einer großen literarischen Community der Verlag.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Lust auf gute Literatur. Lust auf gute Autoren. Lust darauf, aus einem guten Text ein gutes Buch zu machen. Lust an der Subversion. Denn ein Independent-Verlag handelt meist entdeckerfreudig und passioniert, ohne sich durch ökonomische Vernunft maßregeln zu lassen.

Hätten Sie sich auch ohne die Innovationen infolge der Digitalisierung eine Verlagsgründung zugetraut?

Ich mag das Internet und die digitale Innovation, aber ich verstehe mich als Produzent von Büchern, die man anfassen kann. Es gibt einfache Dinge, die sind bereits optimal und kein evolutionär-wirtschaftliches Durchgangsstadium. Dazu gehört für mich das Buch. Wie der Stuhl. Das vielzitierte Rad. Ein digitales Buch ist für mich keine Weiterentwicklung des haptischen Buches, sondern prinzipiell etwas anderes. Das beinhaltet keine Wertung. Beide werden vermutlich nebeneinander existieren – wie Theater und Kino. Der E-Reader als solitäres Gerät ist allerdings sehr temporär, denn man kann und wird digitale Texte überall lesen.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Ich habe keine Konkurrenz. Wenn ich einen Autor, der mir gefällt, nicht verlegen kann, frage ich einen anderen Verleger. Umgekehrt habe ich im Verlag Autoren, die mir andere Verleger empfahlen Ähnliches gilt für die Kommunikation mit größeren Verlagen: Martin Hielscher, Jo Lendle, Thorsten Ahrend oder Michael Krüger sind großartige Verleger bzw. Lektoren. Ansonsten: Es wird gern als Besonderheit herausgestellt, dass der poetenladen erst eine Netzcommunity aufbaute und darauf den Verlag “aufsetzte”, so dass er in der Szene bereits vom ersten Buch an bekannt war.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Literaturmagazin "poet"

Literaturmagazin “poet”

Nichts.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Man könnte eher fragen: Wie vertrösten Sie all die guten Autoren, die Sie nicht drucken. Der poetenladen erhält – Portal und Magazin eingeschossen – 5000 Zusendungen pro Jahr.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Überwiegend Grossisten und Barsortiment. Internethandel. Und einen Online-Shop, den wir selbst betreiben. Ausgewählte Buchhandlungen.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen?

Der Buchhandel ist im Allgemeinen auf Bestseller angewiesen. Man kann viel gegen Amazon sagen, aber vom Prinzip her steckt hinter dem Online-Handel auch ein positiver Verbreitungsaspekt: Man erhält eben hier mühelos auch Bücher kleiner Verlage, Lyrik, Raritäten, “Vergriffenes”. Das können sich Buchhandlungen in exponierten Innenstadtlagen kaum leisten.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Natürlich kann niemand eine Monopolstellung befürworten. TUBUK, der Internethändler für Independents, hat ja leider aufgehört.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Alles Erdenkliche: Wir sind ja aus einem Web-Portal entstanden. Entsprechend ist unsere Präsenz im Netz groß. Ansonsten: Lesungen, Lesepartys, Literaturpreise (mit etwas Glück). Wichtig sind mir die “Independent-Messen” wie die BuchLust in Hannover, der Independent-Bazar im Münchner Literaturhaus, das sommerliche Verlagstreffen im LCB und der Lyrikmarkt der Literaturwerkstatt und natürlich die Leipziger Buchmesse, wo wir bis zu 20 Veranstaltungen haben.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Wir sind Mitglied. Die Kurt-Wolff-Stiftung ist ein guter Gegenentwurf.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Für alle, die gern Gutes lesen. Wir kümmern uns neben der Prosa und der jungen Literatur auch um die Lyrik, weil es hierzulande viele talentierte Lyriker gibt.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Das zu machen, von dem wir glauben, dass es ein anspruchsvolles Angebot ist.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Signet Poetenladen

Signet Poetenladen

Es bedarf einer guten Kondition, um einen Independent Verlag zu führen. Wie lange hält man das durch, Wochenendarbeit und Messen eingeschlossen? 10 Jahre, 20 Jahre, 30 Jahre? Übernimmt jemand den Stab?

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Die gute Literatur. Die meisten Independents machen Dinge, von denen sie überzeugt sind. Bei den Großen gibt am Ende oft der Geschäftsführer (und nicht der Lektor) die Richtung an.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Sich zu fragen, ob noch mehr gedruckt werden muss.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Viele. Da helfen der jährliche Katalog der Kurt-Wolff-Stiftung oder die oben genannten Independent-Messen wie die Buchlust in Hannover oder der Markt der unabhängigen Verlage, vom Münchner Literaturhaus organisiert.

Herzlichen Dank für diesen Einblick, Andreas Heidtmann.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier

Der poetenladen Verlag im Netz:

Web-Portal: http://www.poetenladen.de

POET-Magazin: http://www.poet-magazin.de

Verlag: http://www.poetenladen-der-verlag.de