„Bei der geringen Titelzahl ist jeder Titel für mich ein Highlight.“ – SteglitzMind stellt Boris Koch von Medusenblut vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute stellt sich ihnen Boris Koch, der Medusenblut – einen Verlag für dunkle Phantastik gründete. Vorgeschlagen hatte das Jasper Nicolaisen vom Berliner Verlag das Beben.

Seit wann gibt es Medusenblut?

Alles begann 1996 mit vierzigseitigen Heften in 100er Auflage als Privatdruck. Anfang der Nullerjahre waren es dann Bücher mit ISBN und ohne Limitierung auf 100 geworden, und dabei ist es bis heute geblieben.

Machen Sie alles alleine?

Boris Koch © privat

Boris Koch © privat

Feste Mitarbeiter gibt es neben mir keine, das wäre bei der geringen Verlagsgröße auch wirklich übertrieben. Doch werde ich regelmäßig von befreundeten Kollegen unterstützt, vor allem von Kathleen Weise von Textwache beim Lektorat, Korrektorat und sonstigem Rat, von Franziska Knolle bei der Herstellung und von dem Autor Michael Tillmann bei diversen Auftritten bei Messen und auf Cons.

Die Programmschwerpunkte?

Programmschwerpunkt ist die dunkle Phantastik, überwiegend in Form von Erzählungsbänden deutschsprachiger Autoren.

Ihre Highlights?

Mein Highlight im Bücherjahr gibt es leider nicht, da 2014 kein neuer Titel erschienen ist. Die Zeit, die für den Verlag blieb, floss in die Digitalisierung, sprich: Die ersten Titel sollen demnächst auch als e-book lieferbar sein. 2015 folgt dann wieder ein neuer Titel, für 2016 habe ich zwei im Blick. Und da gilt dann: Bei der geringen Titelzahl ist jeder Titel für mich ein Highlight.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Es sollte ja gar nicht. Eigentlich war ich als Herausgeber einer Phantastikreihe im Heftformat in einem Kleinverlag vorgesehen. Als ich die ersten Titel zusammen hatte, machte der Verlag einen Rückzieher und ich wollte die Autoren nicht hängen lassen. Also sagte ich: Krieg ich hin und hab die Sache allein aufgezogen.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Ganz banal gesagt: Medusenblut ist zum einen zu klein für die sattsam bekannten Schwierigkeiten, zum anderen bin ich nicht auf Einkünfte aus dem Verlag angewiesen, was zu großer Freiheit in der Titelauswahl führt. Verlegen bedeutet dann aber auch Verantwortung gegenüber den Autoren, wenn ich also ein Buch mache, muss ich mich auch dafür engagieren, Schwierigkeiten hin oder her.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

medusenblut_derdrachregtsichDie banalsten Dinge haben sich geändert: Ich maile mit meinen Autoren anstatt ihnen Briefe zu schreiben. Der Verlag hat eine Website mit direkter Bestellmöglichkeit und Newsletter anstatt ein Programm aus Papier an Stammkunden zu verschicken. Bei Lesungen und anderen Veranstaltungen wird die Papierform jedoch selbstverständlich verteilt. Buchhandlungen bestellen per Mail, nicht per Fax oder Anruf. Bücher werden online besprochen und weniger in Fanzines.

Aber da diese Verschiebungen ja auch im Alltag geschehen sind, nehme ich das nicht groß als Veränderungen im Verlag wahr. Im Kern sind die Tätigkeiten ja die gleichen geblieben.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Ich glaube nicht, dass ich vieles ganz bewusst anders mache, ich denke, bei uns kleinen und winzigen Verlagen wird vieles einfach automatisch durch die handelnden Personen geprägt. Das fängt bei der Programmgestaltung an, die sehr viel subjektiver ist als bei großen Verlagen, und geht weiter über alle möglichen persönlichen Kontakte, die jeder im Lauf der Zeit aufgebaut hat, sei es in der Presse, bei Veranstaltern oder bei Graphikern zur Covergestaltung.

Dadurch dass ich selbst von Anfang an auch Autor war, habe ich – das dürfte ein Unterschied zu vielen anderen sein – immer versucht, Lesungen zu bekommen und dort dann das Verlagsprogramm ans Publikum zu bringen. Auch wenn ich mehr andere Autoren als mich selbst verlegt habe, war so immer eine Verzahnung meiner beiden Tätigkeiten gegeben. Überhaupt war ich viel auf diversen kleinen Veranstaltungen, von der Minipressen-Messe in Mainz über Musikfestivals und Horrorfilmtreffen bis zu kleinen Cons der Phantastik- oder Spieleszene. Einmal auch auf der Leipziger Buchmesse, aber die großen Messen sind mir als Aussteller eigentlich zu teuer, da man keine Bücher direkt verkaufen darf.

Da ich als Autor in den letzten Jahren überwiegend Kinder- und Jugendbücher schreibe, aber bei Medusenblut dunkle Phantastik für eher erwachsene Leser verlege, ist diese Verzahnung natürlich inzwischen begrenzt erfolgreich. Ich kann ja schlecht bei Schullesungen in der sechsten Klasse Medusenblut-Programme verteilen…

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

medusenblut_gaensekielDa ich damals zu Studienzeiten eher reingestolpert bin und weder das Heftformat noch die Limitierung meine Idee war, würde ich vermutlich vieles anders machen. Entscheidend war für mich damals aber, dass ich mich irgendwann entscheiden musste, ob ich mich in erster Linie als Autor oder Verleger sehe. Was treibe ich stärker voran, wo stecke ich neben dem Studium mehr Energie rein? Es war klar, dass das Schreiben immer Vorrang hatte, so gern ich den Verlag betrieb. Am Ende musste das Studium dran glauben, trotzdem kam der Verlag immer an zweiter Stelle, er konnte also eine bestimmte Größe nie überschreiten.

Die Entscheidung für das Schreiben würde ich jederzeit wieder so treffen, von dem her wäre es wahrscheinlich am Geschicktesten, mir zwei, drei Partner zu suchen, damit der Verlag nicht ganz so von mir abhängig ist und von meiner begrenzten Zeit beschränkt wird.

Wie gewinnen Sie Autoren?

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Ich spreche sie an. Ich hoffe, ich unterschlage jetzt nicht jemanden, aber meiner Erinnerung nach habe ich lediglich Andreas Gruber aus den unverlangt zugesandten Manuskripten gefischt. Ich weiß noch, dass ich ihn damals auf der Baumesse gelesen habe, auf der ich als Student über Nacht als Standwächter gejobbt habe. Alle anderen habe ich für mich in Fanzines und Anthologien entdeckt oder auf (gemeinsamen) Veranstaltungen kennengelernt, dann bewusst mehr von ihnen gelesen, so weit erhältlich, und sie schließlich angesprochen, ob sie Lust hätten, ein Buch bei mir zu machen. Nach dem ersten kam dann in verschiedenen Fällen – etwa bei Christian von Aster, Michael Tillmann und Michael Siefener – auch ein zweites oder drittes Buch dazu.

Viele von den Autoren veröffentlichen inzwischen auch anderswo, aber es existiert doch ein grober Stamm, aus dem auch die nächsten Veröffentlichungen kommen. Da ich nur wenige Titel veröffentliche, weniger als noch vor acht, neun Jahren, bleibt eigentlich kein Raum für neue Autoren. Leider. Aber ein, zwei habe ich schon noch im Blick…

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

medusenblut_schattenÜberwiegend sind es Direktbestellungen; inzwischen habe ich einen gewissen Kundenstamm. Dazu kommen Bestellungen aus dem Buchhandel, gerade wenn in einem größeren Magazin eine Rezension erschienen ist oder eine Veranstaltung war. Dann gibt es in Berlin etwa die Otherland Buchhandlung, die mein komplettes Programm auf Lager hat. Zumindest meistens… Dazu kommen kleine Händler wie Storisende. Der Direktversand ist bei Neuerscheinungen manchmal anstrengend, aber sonst über das Jahr ganz entspannend, hier und da zum Feierabend bei schöner Musik ein, zwei Bücher einzupacken.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Außerhalb von Spezialbuchhandlungen gibt es quasi keine Chance ins Sortiment aufgenommen zu werden. Michael Tillmanns „Heavy-Metal-Phantastik“ hatte ich mal im EMP Mailorder, ansonsten sind es überwiegend Einzelbestellungen vom Buchhandel, sprich: Ein Kunde hat es vor Ort konkret verlangt.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Ich hab keinen besonderen Deal mit ihnen, aber wenn die Bücher dort verkauft werden, habe ich auch nichts dagegen.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Die oben angesprochenen Auftritte sind noch immer ein wesentlicher Bestandteil. Dazu kommt Pressearbeit, sprich Rezensionen, und eventuell hier und da eine Anzeige, wobei dafür das Budget sehr beschränkt ist. Die eigene Website, Newsletter, bei Bucherscheinen eine Info an diverse Websites, die sich dafür interessieren könnten.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Ich überfliege den täglichen Newsletter.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

medusenblut_stirnhirnweihnachtenIch denke weder an Zielgruppen noch an Marktnischen, das ist für mich der falsche Ansatz. Durch das Verlagsprofil bin ich auf dunkle Phantastik festgelegt, das kann aber auch SF sein, vom Social Beat inspiriert wie bei Michael Tillmann, in der linken Szene verortet wie bei Jakob Schmidt oder völlig durchgeknallte Gaga-Fantasy mit formalen Spielereien wie in Simon Weinerts „Der Drache regt sich“. Oder nur bedingt besinnliche Weihnachtsgeschichten aus unserer Lesebühne „Das StirnhirnhinterZimmer“.

Entscheidend ist aber, dass ich immer vom konkreten Buch ausgehe. Gefällt es mir, kann ich in ihm etwas Besonderes sehen, sehe ich hier eine eigene Stimme des Autors? Dann lohnt sich das Buch. Auch im Lektorat wird nicht an Zielgruppen oder den Markt gedacht. Da geht es zwar natürlich auch um die Wahrnehmung des Lesers, aber nicht auf Glättung um des potenziellen Erfolgs willen. Erst wenn das Buch steht, wird an den Verkauf gedacht.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Für jedes Buch woanders.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Dass ich nicht von ihm abhängig bin. Das gibt mir zwar alle Freiheiten, kann jedoch auch zu einer nachlässigen Einstellung führen.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Vieles, vor allem die Bereitschaft, sich gegenseitig zu unterstützen.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Einmal darüber schlafen. Dann nochmal. Wenn man dann noch will, sich gründlich informieren und einfach ausprobieren.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Viele selbstverständlich, und viele stehen auch schon in Ihrer Liste. Vermisst habe ich dort jedoch noch mindestens Onkel & Onkel und Liebeskind.

Vielen Dank für diesen Einblick.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Medusenblut im Netz:

www.medusenblut.de: Der Verlag mit vollständigem Programm. Der Shop fehlt noch, aber Direktbestellungen gehen trotzdem unkompliziert per Mail.

www.otherland-berlin.de: Toller Buchladen in Berlin, der Medusenblut meist vorrätig hat. Macht auch Versand.

www.lesehappen.de: Zusammenschluss von sieben Autoren, wovon sechs schon bei Medusenblut veröffentlicht haben, einschließlich mir selbst.

www.michaeltillmann.de: Medusenblut-Autor, der mich regelmäßig unterstützt und hier und da Standdienst übernimmt.

„Ich bin generell eher ein Langstreckenläufer.“ – SteglitzMind stellt Helge Pfannenschmidt mit seiner edition AZUR vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute erfahren wir etwas mehr über Helge Pfannenschmidt und seine edition AZUR. Vorgeschlagen hatte das Barbara Miklaw vom Mirabilis Verlag.

Eine Skizze vom Verlag…

Die edition AZUR mit Sitz in Dresden wurde 2005 als Imprint des Jenaer Glaux Verlags gegründet und ist seit Anfang 2009 ein eigenständiger Verlag. Pro Jahr erscheinen 4-5 wunderschön gestaltete Bände mit Lyrik und Kürzestprosa in Auflagen zwischen 300 und 1.500. Zu den Autoren des Verlags zählen u. a. Nancy Hünger, Thomas Kunst und Sudabeh Mohafez. Besondere Aufmerksamkeit verdient in diesem Jahr Peter Neumanns Debütband »geheuer«.

Warum musste es in diesen Zeiten unbedingt ein Verlag sein?

Darüber habe ich am Anfang gar nicht nachgedacht. Der Verlag entstand, weil ich als Lektor Manuskripte und Konzepte auf dem Tisch hatte, die ich unbedingt in Buchform sehen wollte. Und da andere Verlage offensichtlich zu träge waren, sagte ich mir: Dann mach ich das eben selbst.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Aus dem Umgang mit den leidenschaftlichen, sensiblen, klugen, mutigen und verrückten Autorinnen und Autoren, deren Bücher ich verlegen darf.

Hätten Sie sich auch ohne die Innovationen infolge der Digitalisierung eine Verlagsgründung zugetraut?

Helge Pfannenschmidt © edition AZUR

Helge Pfannenschmidt © edition AZUR

Ja, unbedingt. Das hat für mich keine große Rolle gespielt und tut es ehrlich gesagt auch jetzt noch nicht – abgesehen davon, dass man durch den Digitaldruck deutlich an Flexibilität gewinnt. Wir haben noch keinen Weg gefunden, unsere haptisch ansprechenden Bücher in ein digitales Format zu übersetzen. Und bisher hat mich auch noch kein einziger (potenzieller) Leser gefragt, ob es die Lyrik und die Kurzprosabände der edition AZUR auch als E-Books gibt – was nicht heißt, dass ich nicht darüber nachdenke. Ein schön gestaltetes und ausgestattetes Buch ist ohne Zweifel ein Wert an sich, aber am wichtigsten ist mir, dass meine Autoren gelesen werden. Und spätestens wenn sich andeutet, dass die Fixierung auf ein bestimmtes Medium (das gedruckte Buch) das verhindert, wird uns etwas einfallen. Aber diesen Zeitpunkt sehe ich noch nicht gekommen.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der (mächtigen) Konkurrenz?

Zum einen ist AZUR ein Entdeckerverlag, der regelmäßig starke Debüts bringt – ich nenne da mal aus den letzten Jahren Sascha Kokot und Peter Neumann. Es ist aber auch ein Wiederentdeckerverlag, bei dem Autoren aufblühen, die mit ihren vorherigen Büchern erschreckend wenig Aufmerksamkeit erfahren haben – trotz über jeden Zweifel erhabener Qualität. Da nenne ich mal Thomas Kunst. Wir arbeiten in der Regel langfristig mit den Autoren, diese Kontinuität ist mir enorm wichtig. Und dann ist da noch die äußere Erscheinung der Bände: Meine Gestalter (Kraft plus Wiechmann, Berlin) sind tatsächlich Gestalter: Sie spielen nicht einfach eine Reihe durch oder platzieren Foto und Typo auf dem Cover, sondern sie geben jedem Buch eine besondere, unverwechselbare Gestalt – bis ins kleinste Detail. Sie haben einen großen Anteil an der Entwicklung der letzten Jahre.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Es gibt da natürlich viele Dinge, die man nach knapp zehn Jahren besser weiß. Der Status als Imprint eines anderen Verlags war zwar hilfreich für den Anfang, für die Wahrnehmung aber katastrophal – ich war mehr oder weniger unsichtbar. Ich habe schlecht kalkuliert, zu hohe Auflagen gedruckt, war zu passiv, zu schüchtern, zu leise. Aber auch das ist ein Teil des Wegs. Und ich bin generell eher ein Langstreckenläufer.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Rückblickend scheint es, als habe sich das Puzzle von selbst aufgebaut, aber das stimmt natürlich so nicht. Einige Autoren sind mir bei Lesungen oder Workshops aufgefallen sind und die habe ich dann einfach gefragt. Andere habe ich über gemeinsame Freunde und Bekannte kennengelernt oder über das riesige Netzwerk, das sich über die Jahre um so einen Verlag entwickelt. Es mag ein bisschen esoterisch klingen, aber wer sich finden soll, der findet sich auch.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Die Bücher sind bei Libri und KNV gelistet, alles andere erledige ich selbst – ohne Auslieferung. Ich bin ja ganz klassisch in der Punk/Indie-Szene der frühen Neunziger sozialisiert, und der DIY-Gedanke gefällt mir immer noch. Möglichst vieles in der Hand haben; sehen, wie es passiert; direkt kommunizieren. Und rituell jeden Heimweg mit einem Besuch auf dem Postamt krönen, um die Bücher in die Welt zu schicken.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Es sind gemischte Erfahrungen. Ich treffe oft auf sehr engagierte Buchhändler, und genauso oft treffe ich auf Desinteresse und Schulterzucken. Ich könnte sicher mehr tun, aber ganz ehrlich: Aus meiner Sicht stehen da Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis – und zwar für beide Seiten. Präsenz um jeden Preis bringt nichts. Dann konzentriere ich mich lieber darauf, den Leute über andere Kanäle zu verklickern, dass es diese tollen Bücher gibt – und die können sie ja dann in jedem Buchladen bestellen.

Wie halten Sie es mit Amazon?

So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Ich mag Amazon nicht und kaufe dort selbst nichts, aber die Dämonisierung momentan ist dann doch auch etwas heuchlerisch. Die Denkweise bei Thalia, Weltbild, Hugendubel & Co ist dieselbe, nur in einem kleineren Maßstab. Trotzdem sehen sie sich auf der Seite der „Guten“ – ein Witz.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Wir sind, wann immer das möglich ist, präsent auf Messen und Festivals und Lesungen. Nichts geht über den direkten Kontakt zum Leser. Die Kommunikation über Facebook und Website ist ausbaufähig und wird auch tatsächlich ausgebaut – nächsten Sommer wird es da einen komplett neuen Auftritt geben. Zudem werden viele AZUR-Bände intensiv besprochen, regional und zunehmend auch überregional. Eine Neuerung in diesem Jahr ist der gebündelte Vorschauversand über re:book. Anzeigenschaltungen sind nur als Tauschgeschäft machbar.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

das Logo © edition AZUR

das Logo © edition AZUR

Ich bin kein Mitglied. Und bis jetzt konnte mir auch noch keiner so richtig erklären, was das für einen kleinen Verlag wie die edition AZUR bringt. Ich bin auch kein Typ, der die pauschale Lobbyarbeit pro Buch oder pro Verlage unterstützt. Die meisten Verlage sind doch ganz normale Wirtschaftsunternehmen, keine Kulturträger, wie sie einem weismachen wollen. Im Wissenschaftsbereich haben viele nur noch ihren guten Namen, einen Produktmanager und eine Sekretärin, kassieren zum Teil horrende Zuschüsse und produzieren damit Bücher, die sich nicht mal mehr Bibliotheken leisten können. Von den Zuschussverlagen rede ich erst gar nicht. Welches Interesse teile ich mit solchen Leuten?

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Da bin ich wieder beim Thema Kontinuität: Nancy Hünger hat schon vier Bände bei Azur gemacht und mit jedem geht es ein gutes Stück voran. Es gelingt mir zunehmend, Autorinnen und Autoren durchzusetzen, natürlich innerhalb des speziellen Segments, das der Verlag bedient, aber immerhin. Was den Verkauf angeht, bin ich dabei, den Direktvertrieb zu stärken und AZUR als Label zu etablieren, das – bei aller Unterschiedlichkeit der Stimmen – für eine bestimmte Art von Büchern steht und für eine bestimmte Haltung. Ich lese ein Manuskript und weiß oft sofort: Das passt. Oder auch: Das passt nicht. Und inzwischen höre ich das auch oft von den Lesern: »Das ist ja wieder ein typisches AZUR-Buch.«

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Die Welt könnte untergehen, bevor ich all die Bücher machen konnte, die ich machen will. Das wäre Schade.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Dass die Akteure inhaltsgetrieben sind – das ist das Wichtigste. Wenn das nicht gegeben ist, sollte man dieses eh überstrapazierte Label nicht vor sich her tragen. Man sollte keine Bücher machen, nur weil sich gerade irgendwo ein Fördertopf öffnet. Die Begeisterung fürs Literatur mit anderen Verlegern und mit den Lesern zu teilen, ist eine große Freude, es gibt da regelrecht euphorische Momente. Und die Solidarität ist fast immer größer als die Rivalität.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Wenn man neue Ideen hat und sich etwas traut, ist diese Umbruchzeit in der Branche doch perfekt, um einen Verlag zu gründen. Also nur zu!

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Da denke ich u. a. an den Verbrecher Verlag, der sich hier ja bereits vorgestellt hat, das Verlagshaus J. Frank, hochroth, binooki, Voland & Quist, die Edition Korrespondenzen und die Parasitenpresse. Alles tolle Leute!

Herzlichen Dank für diesen Einblick!

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

edition AZUR im Netz:

www.edition-azur.de

www.facebook.com/editionazur

„Ich sehe die Schwierigkeiten als Herausforderung.“ – SteglitzMind stellt Sonja Rüther mit ihrem Briefgestöber vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute erfahren wir mehr über Sonja Rüther, die Briefgestöber gründete. Den Vorschlag macht Peter R. Hellinger von art&words.

Wie kam es zur Gründung?

Sonja Rüther © Stephanie Schierenbeck

Sonja Rüther © Stephanie Schierenbeck

Briefgestöber habe ich vor fünf Jahren gegründet, weil ich die Idee zu einem Nischenprodukt hatte, das eine vollkommen untypische Vermarktung bedurfte: Der Weg zum Kur-Erfolg. Bis heute ist der Vertrieb dieses Ratgebers über den Einzelhandel kaum der Rede wert, aber über die Direktangebote an Kliniken und Kur-Beratungsstellen sind knapp 50.000 Bücher verkauft worden. Ich bin gelernte Kauffrau im Groß- und Außenhandel und diese Feuertaufe machte Lust auf mehr. Es folgte der Ratgeber „Schrei nach Geborgenheit“ von der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Gundula Göbel, zu dem es ergänzend Anfang 2015 eine besondere Broschüre über emotionale Hungersnot geben wird.

Diese Bereiche sind mir persönlich wichtig und in den vergangenen Jahren habe ich mich sehr für Familien und das Brechen von Tabu-Themen eingesetzt, aber eigentlich war ich schriftstellerisch immer im Fantasy- und Thrillergenre zuhause.

Ihre persönlichen Highlights?

Und so kommen wir zu meinem persönlichen Highlight des Bücherjahres 2014: Aus dunklen Federn. Zu dieser Anthologie habe ich die Autorinnen und Autoren Lena Falkenhagen, Thomas Finn, Markus Heitz, Hanka Jobke, Boris Koch und Vincent Voss eingeladen, die sofort zusagten und Geschichten ablieferten, die unter die Haut gehen.

Machen Sie alles alleine?

Bis heute ist Briefgestöber ein Ein-Frau-Unternehmen.

Warum musste es in diesen Zeiten unbedingt ein Verlag sein?

Um ehrlich zu sein, achte ich nicht zu sehr darauf, ob es offiziell einen richtigen Zeitpunkt für etwas gibt. Es war für mich der richtige Zeitpunkt, genau dieses zu tun.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Ich sehe die Schwierigkeiten als Herausforderung. Und die Energie ziehe ich aus dem Feedback der Leserinnen und Leser, aus Teilerfolgen und aus dem Wissen, dass da noch viel mehr geht. Manchmal ist es frustrierend, gute Titel im Programm zu haben, aber so schwer Gehör bei Buchhändlern und der Presse dafür zu finden. Aber wenn man bedenkt, wie viele Bücher jährlich veröffentlicht werden, dann sollte einem klar sein, dass man sich etwas einfallen lassen muss, um herauszustechen.

Hätten Sie sich auch ohne die Innovationen infolge der Digitalisierung eine Verlagsgründung zugetraut?

Definitiv nicht. Ich habe grundsätzlich eine Menge Respekt vor dem, was größere Verlage leisten, die sich entsprechende Netzwerke aufgebaut haben, gänzlich andere Verhandlungsmöglichkeiten besitzen und viele Angestellte beschäftigen. Meine Möglichkeiten sind sehr begrenzt, weil ich nebenbei auch noch zwei Kinder habe, die meiner Aufmerksamkeit bedürfen. Wenn ich den Großteil meiner Arbeit nicht übers Internet erledigen könnte, würden mir schlicht die Möglichkeiten fehlen. Meine Lektorin und mein Agent sitzen in Berlin, die Setzerin in München. Ich liebe die digitale Welt mit ihren kurzen Wegen.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Ich mag dieses Konkurrenzdenken nicht besonders, ich bin eher eine Netzwerkerin. Ich mag das „Eine Hand wäscht die andere Prinzip“. Deswegen frage ich auch viel nach und höre zu. Und manchmal bin ich frech und stelle einen Fuß in Türen, die ich gerne offen hätte.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Ich wäre gleich etwas vorsichtiger mit der Auswahl meiner Geschäftspartner und selbstbewusster im Umgang mit den Titeln. Ich musste einiges an Lehrgeld zahlen, aber letztendlich war alles irgendwie auch gut so wie es lief. An all den Aufs und Abs bin ich sehr gewachsen. Und das Fazit vieler Erlebnisse ist: Leistung hat ihren Preis, den man bezahlen muss, wenn man will, dass es richtig gemacht wird. Das gilt für meine Arbeit und die der anderen, weswegen ich aber auch nur noch mit Profis zusammenarbeite.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Ich fürchte, was das angeht, bin ich sehr verwöhnt, weil ich mich seit zwölf Jahren in der Autorenszene bewege und das große Glück habe, auf unterschiedliche Weise mit einigen von ihnen bereits lange zusammenzuarbeiten.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Als gelernte Kauffrau und überzeugte Chaotin ist eine Organisation in meinem Kreativhof-Büro eingezogen, die Sinn ergibt und die Wege kurz hält. Bislang werden noch alle Bücher von mir selbst verpackt und verschickt.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Als ich verkündete, ich wolle eine Anthologie auf den Markt bringen, hörte ich allgemeines Seufzen. Diese fantastische literarische Kunstform erfreut sich keiner großen Beliebtheit, was sich manchmal so anhört wie: „Das hab ich irgendwann mal probiert, es war ekelig.“

Das ist wie mit den Ratgebern oder meinem Thriller (der bei dotbooks als eBook erschienen ist) – im Vorwege glauben Entscheider zu wissen, was die Leserinnen und Leser haben wollen und vor allem, was nicht. Ich weiß, dass viel Erfahrung dahinter steckt, aber ich glaube nicht, dass man etwas tatsächlich so pauschal sagen kann. Also stecke ich die Erwartungen schrittweise höher und gehe immer wieder drauf zu. Man muss sich mit Beständigkeit und Qualität auf dem Markt beweisen, um wahrgenommen zu werden, und natürlich mit den wichtigsten Großhändlern zusammenarbeiten – das hält das Risiko für alle Seiten gering.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Amazon ist ein wichtiger Vertriebspartner. Ich habe einen direkten Liefervertrag mit Amazon und schätze die Transparenz, wenn es um Verkaufszahlen, Statistiken und Bezahlung geht. Viele Bücher werden über diesen Weg verkauft, natürlich nutze ich das. Zumal es schwierig ist, in den stationären Buchhandel zu kommen. Ich würde mein Hauptgeschäft viel lieber in Zusammenarbeit mit Buchhändlern machen, was auch eine viel persönlichere Note hätte und meiner Netzwerkvorliebe entspräche. Aber wie gesagt, es ist schwierig, obwohl alle Titel über Libri, Umbreit und KNV erhältlich sind.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

briefgestöber_aus dunklen FedernIch arbeite mit einer PR-Agentur zusammen, die auf den Buchmarkt spezialisiert ist. Für meinen Ratgeber habe ich Interviews gegeben und Fachartikel geschrieben. Ganz viel Aufmerksamkeit wird über Facebook, Gewinnspielaktionen und bei der Anthologie durch Zombiezeichnungen generiert. Selten wird auch mal eine Anzeige geschaltet, aber leider sind Anzeigen und spezielle Marketingaktionen diverser Anbieter nicht erschwinglich und selten stehen sie im Verhältnis zum zu erwartenden Umsatz. Fachzeitschriften erhalten Rezensionsexemplare, und die Zusammenarbeit mit Bloggern ist sehr bereichernd und wertvoll.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Der Börsenverein ist für den Buchhandel sicher nicht mehr wegzudenken. Eine Mitgliedschaft ist für das kommende Jahr geplant.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Derzeit habe ich zwei klare Zielgruppen:

  1. Familien mit Kindern von 0 – 18 und Pädagogen, Pflegeeltern und Bezugspersonen von Kindern. – Besondere Schwerpunkte: Erziehungsprobleme, Burnout, Familiengesundheit, Schulprobleme
  2. Freunde der Dark Fantasy und des Horrors

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Derzeit würde ich noch auf Nischenprodukte tippen. Es ist durchaus einfacher, etwas auf dem Markt zu positionieren, das entweder ein Alleinstellungsmerkmal hat (wie mein Kur-Ratgeber vor fünf Jahren) oder so speziell ist, dass es bereits eine gewisse Fangemeinde dafür gibt. Allerdings will ich nicht ausschließen, dass ich das Programm nicht doch in den nächsten Jahren auf Romane ausweite. Das hängt ein wenig von den Erfahrungen ab, die ich im Zuge der Anthologie sammle, und ob die Wirtschaftlichkeit den Status von Liebhaberei übersteigt.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Das größte Risiko ist, dass ich auf vielen Büchern sitzen bleibe. Die Kosten haben die Bücher bereits wieder eingespielt. Ich konnte zum Glück alles so planen, dass das tatsächliche Risiko sehr gering zu halten war.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Die Kreativität und die daraus resultierende Energie. Man trifft auf viele Menschen, die sich für Ideen mehr begeistern als für die Frage, ob und wie gut es sich wohl verkaufen wird. Und das befördert oftmals Titel zu Tage, die vielleicht nie eine Chance bekommen hätten, und die plötzlich unfassbar erfolgreich sind. Und die Leserinnen und Leser sind so herrlich offen für Neues.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Kritikfähigkeit. Heute kann jeder einen Verlag gründen, eigene Werke oder die anderer Autoren auf den Markt bringen, ohne irgendwelchen Qualitätskontrollen zu unterliegen. Ich habe in den letzten Jahren in viele Bücher reingelesen, die sehr viel Potenzial gehabt hätten, wenn eine Zusammenarbeit mit einem professionellen Lektor stattgefunden hätte. Also sollte sich jeder im Vorfeld fragen: Habe ich das Budget für Lektorat, Korrektorat, Satz, Cover, alle anfallenden Gebühren und ggf. Werbemaßnahmen?

Bin ich der Typ, der gerne Klinken putzt? Kann ich damit leben, wenn der Erfolg auf sich warten lässt? Und habe ich tatsächlich Lust, mich mit allen notwendigen Themen (Buchmarkt, Großhändler, wichtigen Registrierungen, Marketing, etc.), Büroarbeit und Buchhaltung auseinanderzusetzen? – Wenn das nicht abschreckend sondern herausfordernd klingt, dann ab an die Arbeit. Ich persönlich habe viel durch „Learning by doing“ an den Start gebracht, Neulingen würde ich raten, erst lernen, dann tun.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Den Buchvolk Verlag mag ich sehr gerne. So weit ich weiß, wurde er vor zwei Jahren gegründet und bringt seitdem ganz besondere Bücher heraus. Die Illustrationen sind super.

Herzlichen Dank für diesen Einblick!

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Briefgestöber im Netz:

Die offizielle Homepage: http://www.briefgestoeber.de/

Bei Facebook: https://www.facebook.com/pages/Briefgest%C3%B6ber/261826387168622?fref=ts

„Für die Eitelkeit ist es geil, zu wissen, dass die Bücher mich überleben werden.“ – SteglitzMind stellt Vanessa Wieser vom Milena Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute stellt sich diesen Vanessa Wieser vom Milena Verlag in Wien. Vorgeschlagen hatten das Jasper Nicolaisen vom Verlag das Beben und Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag.

Seit wann existiert Ihr Verlag?

Vanessa Wieser © Milena Verlag

Vanessa Wieser © Milena Verlag

Unser Sitz ist in Wien, den Verlag gibt es seit 1980. Von 1980 bis 2007 war er ein reiner Autorinnenverlag , dann drohte die Insolvenz.

Machen Sie alles alleine?

Seit 2007 sind wir ein neues Team, das aus der neuen Verlegerin, Vanessa Wieser, und aus Evelyn Steinthaler für Presse und Metka Wakounig als Assistentin der Geschäftsführung besteht. Plus viele Außenposten wie für Grafik, Korrektorat, Buchhaltung etc.

Die Programmschwerpunkte?

Wir führen 8 Reihen, wobei Krimi und Sachbuch derzeit vernachlässigt werden, unsere Schwerpunkte sind Romane, Klassiker, Humor, (kluger) Horror und Zeitgeschichte. Die meisten Neuerscheinungen gibt es nach 3 Monaten auch als E-Book.

Ihre Highlights im Bücherjahr?

Highlights heuer: Andreas Latzko, Menschen im Krieg; Friedrich Torberg, Hier bin ich, mein Vater; Stefan Abermann, Schatzkästlein des reinlichen Hausfreundes; Wolfgang Pollanz & Wolfgang Kühnelt, Das letzte Lied. Songs zum Abschiednehmen.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Man wird vom Schicksal halt nicht gefragt, man greift zu, wenn sich eine Chance auf einen geilen Beruf bietet. Das war bei mir so. Ich hab’s mir zugetraut, den Verlag zu übernehmen, und es war auf jeden Fall leichter als eine Neugründung, weil die Grundpfeiler schon da waren.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

milena_das letzte LiedWas Freude macht, ist nette Autorinnen und Autoren kennenzulernen (die Bösen werden ausgesiebt) und mit diesen zu arbeiten, auch die Programmgestaltung. Was mir außerdem mega Freude macht, ist, sich Gedanken über die Covergestaltung jedes einzelnen Buches zu machen und dann, trara, die Coverentwürfe von den Grafikern geschickt zu bekommen, das ist wie früher Weihnachten. Für die Eitelkeit ist es geil, zu wissen, dass die Bücher mich überleben werden. Und wunderbar ist es, wenn das Publikum uns sagt, dass wir ein super Programm haben! Man muss als Verlag an vielen Fronten kämpfen, wenn von ihnen positives Feedback kommt, dann ist das Erfolg, und Erfolg befriedigt.

Hätten Sie sich auch ohne die Innovationen infolge der Digitalisierung zugetraut, den Milena Verlag neu aufzustellen?

2007 habe ich das E-Book noch gar nicht wahrgenommen. Heute nehme ich es auch nicht über Gebühr wahr, aber anbieten tun wir es trotzdem, man will ja mit der Zeit gehen und jeder Verkauf ist wichtig.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Als „fresher“ Verlag positionieren wir uns über die Vielfalt unseres Programms. Diese ist selten bei einer Größenordnung wie unserer, also mit 3 Mitarbeitern und 12 Büchern im Jahr. Zeitgeschichte, Horror, Humor, „Der weiße Hai“, „Wenn das der Führer wüsste“, „How I Fucked Jamal“ – das alles unter einen Hut zu bringen, gibt’s nicht oft. Was mir auch sehr wichtig ist: dass die Cover auffallen. So es zum Inhalt passt. Unsere Cover erfahren starken Zuspruch, sie polarisieren auch sehr. Die einen lieben sie, die anderen schauen weg oder regen sich auf.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

milena_Schatzkästlein des reinlichen HausfreundesEigentlich nichts. Außer dass es gescheiter gewesen wäre, statt der Comicreihe eine Kinderbuchreihe aus der Taufe zu heben.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Bei Gewinnspielen! Kleiner Scherz. Entweder die Autoren kommen auf mich zu, oder ich auf die Autoren. Toll ist, dass wir in Mieze Medusa und Markus Köhle seit 2007 zwei Autoren aus der Poetry-Slam-Szene haben, von den beiden kamen schon wichtige Anregungen und Tipps bzgl. interessanten Neuzugänglern in der Literatur. Vielen Dank!

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Unsere Auslieferungen übernehmen die ganze Logistik, anders geht es für keinen Verlag. Unsere Vertreterinnen bereisen die Buchhandlungen und wenn Bücher über unsere Homepage bestellt werden, dann machen wir ein liebevolles Packerl. Das sind die Eckpfeiler unseres Vertriebs. Immer wieder besuchen auch wir selbst Buchhandlungen, um unsere Gesichter zu zeigen und persönliche Bindungen aufzubauen.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Siehe Vertrieb. Mediale Präsenz über Rezensionen sind zentral, Besuche bei Buchhändlern sind oft super, manchmal aber auch sinnlos, weil sie manchmal gar keinen Bock auf uns haben. Jetzt nach acht Jahren als Verlegerin in Österreich kann ich nur sagen: dranbleiben, dranbleiben, dranbleiben. Oft stellen sich Erfolgsschübe erst nach Jahren kontinuierlicher Arbeit und steten Bohrens ein. Nicht aufgeben, weitermachen.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Die Gretchenfrage des Buchhandels. Ich denke, ich spreche für alle Verlage unserer Größenordnung, wenn ich sage: Amazon ist neben unserer Homepage die einzige bekannte Plattform, auf der man in allen unseren Bücher schnuppern kann und Bestellungen zeitgerecht bearbeitet und verschickt werden.

Dass die Leute heutzutage gerne über Internet bestellen, hängt hier in Wien mit dem Geschäftesterben zusammen. Außer auf einigen Einkaufsstraßen gibt es in Wien kaum mehr Geschäfte. Der Kleinhandel wird zu wenig unterstützt, die Mieten für Geschäftslokale sind wie alle Mieten hier phantastisch hoch und, und, und. Mit der Buchhandlungsdichte ist es ein bisserl besser, aber viele Leute gewöhnen sich immer mehr daran, ihre Waren bis zur Tür geliefert zu bekommen. Ich weiß nicht, wie lange es Amazon nun schon gibt, aber ich verstehe nicht, dass die Branchenhauptverbände deren gierigem Treiben so lange tatenlos zugeschaut haben (vielleicht habe ich deren Widerstand auch nicht mitgekriegt).

milena_Menschen im KriegDass Amazon von Verlagen frech hohe Prozente verlangt, ist eine Sauerei. Dass auf Amazon bei den Klassikern ein Sauhaufen gelistet ist, ist geschäftsschädigend. Uralte Bücher sind noch im Programm und verdrängen Neuerscheinungen. Dass man bei Ortung von Fehlern nirgendwo anrufen kann, regt mich jedes Mal so auf, dass ich fluchend durch den Verlag laufe. Eine Unart, dieses Konzerngebaren, für die Hersteller, von denen Amazon lebt und reich wird, keine Ansprechpartner zu installieren. Nordkorea, Grüß Gott.

Mein Vorschlag: Alle großen Verlage sollen bei Amazon aussteigen, dann blüht der stationäre Buchhandel wieder auf und wir Kleinen folgen dann. Denn die Neuerscheinungen der großen Verlage finde ich ohnehin in fast jeder Buchhandlung, die der kleinen Verlage … ja, das soll jeder selbst austesten und nach unseren Büchern fragen. Bitte, danke!

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Alles, was uns möglich ist.

Wie halten Sie es mit dem Hauptverband des österreichischen Buchhandels?

Darüber möchte ich nichts sagen.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Für alle, denen sie gefallen. Ich überlege mir keine Zielgruppe, wer sie mag, der ist der Richtige. Man kann sich sein Publikum sowieso nicht aussuchen, ich habe da schon einige Überraschungen erlebt. Eine 82-Jährige kam mit Rollator zur Buchpräsentation von Dee Dee Ramones Roman „Chelsea Horror Hotel“. Wer hätte das vorher gedacht! Man lernt nie aus.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

milena_logo_300Darin, dass wir fleißig wie die Mäuschen jedes Jahr 12 gute bis sehr gute Bücher rausknallen, bis dann endlich fast jeder literaturaffine Mensch uns kennt. In der Kontinuität der Präsenz. Außerdem sind wir drei sehr liebreizend und sympathisch.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Independent sind ja alle, die zu keinem Konzern gehören. Also alle kenne ich natürlich nicht, da gibt es ja hunderte. Die, die ich kenne, wie Verbrecher, Voland & Quist, Orange Press, Mairisch, Ventil, Weidle, Luftschacht, Lilienfeld etwa, schätze ich, weil man mit ihnen offen reden kann und ohne PR-Geschwätz, Selbstüberschätzung und Angeberei auskommt. Weil man sich mit ihnen auf Augenhöhe austauschen kann und es keine Tabu-Themen gibt.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Ruft mich an :-)

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Luftschacht, Hablizel, Lilienfeld, AvivA, Weidle.

Herzlichen Dank für diesen Einblick!

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Milena im Netz:

www.milena.verlag.at

“Wir machen – gemessen an unserem Umsatz – großen Lärm, das hilft.” – SteglitzMind stellt Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Ich freue mich, dass heute Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag Rede und Antwort steht. Vorgeschlagen hatte das Jasper Nicolaisen vom Berliner Verlag das Beben.

Eine Skizze vom Verlag…

Der Verbrecher Verlag existiert seit August 1995, er verlegt Sachbücher und Kunstbände, vor allem aber Belletristik in allen Ausformungen, also Theatertexte, Gedichte, Erzählungen, Romane. Lieferbar sind rund 200 Printtitel und rund 50 E-Books.

Ihre persönlichen Highlights?

Highlights als solche gibt es für mich nicht, da ich alle Titel in unserem Programm sehr aufregend finde. Aber sicherlich ist die größte Unternehmung in diesem Jahr der Start der „Das Büro“-Romanreihe bei uns, die Romane von J.J. Voskuil sind teilweise über 1000 Seiten stark. Das ist das größte Unterfangen bei uns seit der Herausgabe der Mühsam-Tagebücher.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Jörg Sundermeier © Nane Dieh

Jörg Sundermeier © Nane Dieh

Weil ich das gut kann.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Wir sind ja per Zufall zu unserem Verlag gekommen, wie, das kann man hier nachlesen. Seitdem aber habe ich das ungeplante Kind sehr lieb gewonnen. Und es macht einfach Spaß, Bücher, von denen andere behaupten, dass sie toll sind, aber unverkäuflich, dann doch gut zu verkaufen. Das verschafft eine ungeheure Befriedigung.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

Wir planen jetzt immer auch eine E-Bookversion eines Textes mit. Aber das ist sicher nicht der letzte Schritt in Richtung Digitalisierung!

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Wir machen hochwertige Bücher, sowohl was den Inhalt als auch die Form angeht. Aber das machen einige andere Verlage auch. Wir denken aber nicht in Kategorien wie Konkurrenz, obschon wir selbstverständlich um Marktanteile ringen müssen. Wir kleineren Verlage halten allerdings in vielfacher Hinsicht zusammen, engagieren uns in der Kurt-Wolff-Stiftung und im Börsenverein. Das gemeinsame Auftreten ermöglicht es uns, genauso wahrgenommen zu werden wie Konzernverlage, das ist heute leider wichtig.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Ich würde es heute mit mehr Professionalität beginnen wollen. Obwohl – manchmal denke ich mit Sehnsucht an die Blauäugigkeit zurück, mit der wir damals gestartet sind.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Die Autorinnen und Autoren sprechen uns an (oder ihre Agenturen). Und auch wir gehen Autorinnen und Autoren an, wenn sie uns auffallen. Viele Bücher sind aber auch auf unseren Vorschlag hin zustande gekommen.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Klassisch. Wir machen – gemessen an unserem Umsatz – großen Lärm, das hilft.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

das Logo © Verbrecher Verlag

das Logo © Verbrecher Verlag

Nun ja, wir sind seit fast 20 Jahren da. Unsere Vertreterinnen und unser Vertreter treten vehement für ihre Verlage ein, sagen aber auch, wenn ihnen ein Buch nicht gefällt. Unsere Bücher gefallen ihnen offenkundig, das freut uns. Es hat allerdings rund zehn Jahre gedauert, bevor wir ernstgenommen wurden. Der Kurt-Wolff-Preis, der uns in diesem Jahr verliehen worden ist, hat nun aber zusätzlich nochmal Aufmerksamkeit für unser Programm gewonnen.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Man macht nicht gern mit, aber man kann – solange man über die Barsortimente vertreibt, eh nichts dagegen tun, dass man auch via Amazon verkauft wird. Wir sind aber generell eher Freunde des lokalen unabhängigen Buchhandels.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Wir trommeln so laut wir können, haben dabei aber stets die Kosten im Blick. Klassische Anzeigen schalten wir nur selten.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Nicht alles, was der Börsenverein beschließt, gefällt mir, doch das Engagement im Verein ist wichtig. Wir sind Mitglied, ich bin im Landesverband Berlin-Brandenburg ehrenamtlich tätig, zur Zeit im Vorstand. Es macht großen Spaß.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Wir machen gute Bücher für gute Leserinnen und Leser. Auf unserem ersten Buch stand: „Ein Buch über Leute, die solche Bücher lesen.“ Ein gewisser Intellekt schadet nicht, finden wir, Neugierde ist wichtig, es darf auch mal kompliziert werden. Und wer Bücher von einem Verbrecher Verlag bestellt, hat sicher auch eine Prise Humor.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Die Programme vieler Verlage verflachen, weil der Renditedruck so hoch ist. Das kommt uns entgegen, da wir uns auch anspruchsvolle Texte und gute Ausstattung leisten können. Die Zukunft sieht also gut aus für uns.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Es ist bei uns immer so – wenn ein Programm nicht funktioniert und die Verkäufe einbrechen, dann wird es sofort schlimm, denn wir haben keine großen Geldreserven. Danach aber sieht es zur Zeit nicht aus.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Die Kollegialität.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Macht es. Erwartet alles. Lasst Euch enttäuschen. Macht weiter. Es kostet Nerven. Es lohnt sich.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Ich empfehle den AvivA Verlag, Berlin, den Milena Verlag, Wien, den Luftschacht Verlag, Wien, den Ventil Verlag, Mainz, den Weidle Verlag, Bonn, Voland & Quist, Leipzig und Dresden, und den Lilienfeld Verlag, Düsseldorf. Und viele andere empfehle ich auch noch, nämlich rundweg alle, die sich in dem Katalog der Kurt-Wolff- Stiftung „Es geht um das Buch“ präsentieren.

Herzlichen Dank für diesen Einblick, Jörg Sundermeier.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Der Verbrecher Verlag im Netz:

Unter www.verbrecherei.de

Bei Facebook unter https://www.facebook.com/verbrecherei

Bei Twitter unter https://twitter.com/verbrecherei

Ich bin weniger ein Programm-Verlag als mehr ein Projekt-Verlag.“ – SteglitzMind stellt Peter R. Hellinger mit „art&words“ vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute stellt sich ihnen Peter R. Hellinger, der vor sechs Jahren in Nürnberg art&words – verlag für kunst und literatur an den Start brachte. Den Vorschlag machte Michaela Stadelmann, die den Wunderwaldverlag betreibt.

Seit wann gibt es den Verlag?

Den Verlag gibt es seit Herbst 2008, die ersten Bücher wurden 2009 verlegt. Bis 2011 wurde der Verlag nebenher zum Hauptberuf betrieben, seit 2011 bin ich mit dem Verlag selbstständig.

Machst du alles alleine?

Peter R. Hellinger © privat

Peter R. Hellinger © privat

Ich bin gelernter Versorgungsingenieur, ein klassischer Quereinsteiger also. Bis heute bin ich der einzige „Angestellte“, habe aber mehrere freie Mitarbeiter, die mich im Vertrieb und Lektorat unterstützen.

Die Programmschwerpunkte…

Programmschwerpunkt ist zum einen der Bezug zur Region. Ich verlege bevorzugt Autoren aus der Metropolregion Nürnberg (fast ganz Nordbayern, von Thüringen bis zur Donau), wobei die literarische Bandbreite von Lyrik über Kurzgeschichten, Fantasy bis hin zum Regionalkrimi reicht. Fach- und Sachbücher mache ich dagegen nicht, also ein reiner Belletristik-Verlag. Kriterium ist immer die Qualität und Originalität der Texte, auch wenn sie manchmal nicht so ganz in die gängigen Schubladen des Buchhandles passen.

Lieferbare Titel?

Derzeit habe ich 12 lieferbare Titel, davon 9 sowohl als E-Book als auch als Print und eines nur als E-Book. Weitere zwei Titel sind in Vorbereitung und werden dieses Jahr noch erscheinen, darunter ein hochinteressanter Lyrikband eines jungen Autoren, der sicher noch von sich reden machen wird. Und für nächstes Jahr sind auch schon 3 bis 4 Projekte vorgemerkt.

Setzt du auf analog oder digital?

Die Frage „analog oder digital“ stellt sich für mich nicht: Seit 2011 erscheinen alle Titel sowohl als auch, denn der Leser soll sich an den Texten erfreuen und dabei ist es einfach eine Geschmacksfrage, ob man nun Print oder E-Book wählt. Es soll niemand an seinem bevorzugten Zugang gehindert werden.

Deine persönlichen Highlights im Bücherjahr?

© by art&words

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Da stehen natürlich die Verlags-Highlights im Mittelpunkt: Zum einen ein sensationeller Leseabend mit der vom Erlanger Poetenfest bekannten Schreibgruppe Wortwerk Erlangen (unter anderem mit Bestsellerautorin Natasha Dragnic), die ihr fünfjähriges Bestehen feierte und deren Anthologie „Zwischen den Regalen, ein Geheimnis“ bei mir im Verlag erschienen ist. Dazu ein wirklich toller Abend mit den fränkischen Autoren der Märchenanthologie „Wenn das die Grimms wüssten!“, die gerade vor einem Jahr den Deutschen Phantastikpreis als beste Anthologie 2013 gewonnen hat. Und nicht unerwähnt sollte der Überraschungshit „Haus der 13 Mörder“ bleiben, ein Experiment mit mehreren Autoren. Das Besondere dabei: Es gibt eine Rahmenhandlung, jeder der Autoren beschreibt einen der Hausbewohner bis hin zu dem Moment, an dem der Mord passiert und keiner der Autoren – bis auf einen, natürlich – wusste, wer der Mörder tatsächlich war. Dazu eine Auflösung in bester Agatha-Christie-Manier – was will man mehr? Dass die Leser sich auch auf so ein Spiel einlassen, freut den Verleger natürlich besonders.

Warum musste es in diesen Zeiten unbedingt ein Verlag sein?

Ich habe früher schon Artikel für Fachzeitschriften geschrieben und beruflich 20 Jahre lang sehr trockene Betriebshandbücher für Großkraftwerke verfasst. Irgendwann entdeckte ich die Lyrik für mich und begann – zugegeben schlechte – Gedichte zu schreiben. Dann besuchte ich Schreibwerkstätten für Kreatives Schreiben und lernte viele Menschen kennen, die tolle Geschichten erzählen konnten, die man aber nirgends in einem Buch kaufen konnte. Da reifte dann so langsam der Wunsch, etwas mit diesen Menschen und ihren Geschichten zu machen und irgendwann war dann klar, dass es ein Verlag sein musste.

Woher beziehst du trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten dein Engagement?

Schwierigkeiten bin ich aus über 30 Jahren Tätigkeit in der Bauplanung und Bauleitung von Großprojekten gewohnt. Schwierigkeiten sind Herausforderungen und Chancen. Und es gibt wahrlich wenige Momente, die schöner sind, als das Leuchten in den Augen eines Autors, wenn er zum ersten Mal sein eigenes Buch in der Hand hat. Ich habe immer Lust auf gute Texte, auf Experimente, auf Neues, auf Gewagtes, auf Überraschendes.

Hättest du dir auch ohne die Innovationen infolge der Digitalisierung eine Verlagsgründung zugetraut?

Computer waren schon seit Anfang der achtziger Jahre meine hauptsächlichen Werkzeuge, sowohl beruflich als auch privat. Insofern ist die Digitalisierung nichts Überraschendes für mich, sondern eine konsequente Fortentwicklung und hat eigentlich bei der Frage „Verlag: Ja oder Nein?“ nie eine Rolle gespielt.

Was machst du anders als die anderen? – Wie positionierst du dich sich gegenüber der Konkurrenz?

Zunächst einmal konzentriere ich mich ganz auf die Region. Hier habe ich meine Kontakte zur lokalen Literaturszene und zum regionalen Buchhandel, hier kann ich etwas bewegen und habe mir im Laufe der Jahre einen Namen gemacht, der durchaus die eine oder andere Tür öffnen kann. Dann bin ich weniger ein Programm-Verlag als mehr ein Projekt-Verlag. Ich fühle mich nicht an ein bestimmtes Genre oder eine Buchsparte gebunden, ich suche eher die interessanten und ungewöhnlichen Projekte, Dinge, die die Literatur auch voranbringen. Bei allem Respekt vor dem Erfolg der Kollegen: Aber der drölfzehnte Regionalkrimi mit dem immer gleichen Personal und Handlungsrahmen lockt mich nicht – weder als Leser noch als Verleger. Ein spannendes Projekt, eine literarische Herausforderung, etwas frisches, durchaus auch abseits des Mainstreams, damit kann man mich reizen – auch in dem Bewusstsein, dass sich manches davon im Buchhandel schwer tun wird.

So du deinen Verlag neu aufstellen könntest, was würdest du heute anders angehen als in der Startphase?

© by art&words

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Viel früher ein zweites Standbein aufbauen. Neben der eigentlichen Verlagstätigkeit biete ich Verlagsdienstleistungen wie Design für Web, E-Book und Print, Korrektorat und Lektorat für Selfpublisher und andere Verlage an. Das hat sich zu einer der tragenden Stützen des gesamten Geschäfts entwickelt. Ich bin davon überzeugt, dass gerade in einer Zeit, in der sich Autoren zunehmend emanzipieren und professionalisieren, der Verlag vom Rundum-Sorglos-Paket bis zur spezialisierten Dienstleistung ein Angebot machen muss, wenn er im Markt bestehen will.

Wie gewinnst du Autoren?

Ganz einfach: Mit Ehrlichkeit, Aufgeschlossenheit und fairen Konditionen. So bezahle ich auch höhere Honorare als der Durchschnitt, weil ich der Meinung bin, dass das Veredeln eines Textes durch Satz, Layout und Lektorat nicht mehr Gewinn abwerfen sollte, als das Schreiben des Textes. Und natürlich habe ich mir inzwischen auch einen gewissen Ruf in der Region erarbeitet, so dass ich eher Probleme habe, alle interessanten Projekte annehmen zu können – letztlich ist das – neben der zeitlichen Begrenzung, die man als Einzelkämpfer nun mal hat – auch eine finanzielle Frage, denn so eine Druckauflage muss ja irgendwie vorfinanziert werden. Sicher könnte man mit offensiverer Investitionspolitik den Output an Titeln steigern. Bisher schaffe ich jedoch alles ohne bei der Bank groß Schulden anzuhäufen, das bewahrt auch mir wieder das Stückchen Freiheit, einen Titel zu produzieren, von dem sich vielleicht nur 100 Exemplare verkaufen, den ich aber wichtig und gut finde.

Wie organisierst du deinen Vertrieb?

Man findet meine Produktionen natürlich im VLB, und bei den einschlägigen Barsortimenten. Insofern ist damit jedes Buch auch in jeder Buchhandlung bestellbar und natürlich auch in den Online-Shops aller wichtigen Händler zu finden. Lager und Versand der Printausgaben übernimmt meine Hausdruckerei, die das zu wirklich günstigen Konditionen hervorragend handhabt. Die E-Books werden über einen Distributor in den Online-Shops platziert, und natürlich gibt es auch eine eigene Website des Verlags.

Was tust du, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind deine Erfahrungen mit dem Sortiment?

Kurz und schmerzlos: Klinken putzen. Es hilft nur der direkte persönliche Kontakt mit dem Buchhändler – etwas was in dieser Form nur Verlage mit Vertreternetz effektiv nutzen können. Als kleiner Verlag muss man sich da einfach auf die Region beschränken, alles andere ist jenseits der Möglichkeiten. Seit diesem Jahr habe ich allerdings eine freie Mitarbeiterin, die die Buchhandlungen der Region abklappert, die Bücher vorstellt und Bestellungen entgegen nimmt. Erfahrungen? In den Ketten wie Thalia dürfen die Mitarbeiter oft nicht so, wie sie gerne würden, während die kleinen unabhängigen Buchhändler schon auch mal ein Risiko eingehen, wenn die Konditionen stimmen. Und immer gibt es auch den Buchhändlersnob, für den alles Heftromanniveau hat, was nicht mit Hanser oder Suhrkamp auf dem Cover daherkommt.

Wie hältst du es mit Amazon?

Ohne Amazon gäbe es vermutlich keine Selfpublisher-Szene, wie wir sie heute kennen und das E-Book hätte nicht so einen rasanten Aufstieg hingelegt. Etwa die Hälfte meines E-Book-Umsatzes kommt von Amazon, das sagt da schon einiges, auch wenn dieses Jahr die Tolino-Allianz stark aufgeholt hat. Bei Amazon darf man halt eines nicht aus dem Auge verlieren: Niemand macht dort etwas der Literatur wegen, oder um die armen, bisher nicht veröffentlichten Autoren aus ihrem schrecklichem Schicksal zu befreien. Hier geht es um knallhartes Business und das Ausschalten der traditionellen Strukturen. Auf Print-Seite war Amazon noch nie der „Umsatzbringer“ für mich, was vermutlich an der speziellen regionalen Ausrichtung des Verlags liegt. Grundsätzlich kann man natürlich an den knapp 20% des Buchmarktes, den Amazon hierzulande repräsentiert, nicht einfach vorbei gehen.

Was tust du für dein Marketing?

© by art&words

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Natürlich schalte ich Werbeanzeigen in Online- und Printmedien und versorge die regionalen und überregionalen Zeitungen und Multiplikatoren mit Pressemitteilungen und veranstalte auch Lesungen mit den Autoren. Dabei versuche ich auch von der klassischen Wasserglas-Lesung wegzukommen, suche ungewöhnliche Orte für eine Lesung (z. B. ein Waschsalon, eine Galerie und sogar – für unseren bisher einzigen Erotik-Titel – ein Bordell). Gerne peppe ich so eine Lesung auf, das geht von Live-Musik bis zu schauspielerischen Darbietung. So hatte ich bei einer Lesung zu unserem Vampir-Thriller zwei Schauspielerinnen, die als sehr echt aussehende Vampire durchs Publikum schlichen und am Ende tatsächlich einen Besucher (mit dem das natürlich abgesprochen war) das Blut aussaugten. Oder bei der Buchpremiere zum „Haus der 13 Mörder“ mischte sich immer der im Buch Ermordete in Gestalt eine Schauspielers ein, um den ein oder anderen Kommentar abzugeben, was dem Publikum schnell klar machte, warum denn einer der 13 Hausbewohner zum Mörder geworden war. Den lokalen Buchhandel beliefern wir mit Leseexemplaren, stellen unsere Neuerscheinungen vor und versuchen uns auch mit Kooperationen: So sind Bücher aus dem Verlag – wie in den letzten Jahren auch schon – im Weihnachtskatalog der ältesten deutschen Buchhandlung Korn & Berg aus Nürnberg vertreten.

Wie hältst du es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Sagen wir es mal so: Ich begleite das wohlwollend. Nein im Ernst, für einen Klein- und Miniverleger wie mich sind die 500 Euro Mindestjahresbeitrag, die das hier in Bayern kostet, ein Haufen Geld: da kann man schon mal 200 Bücher für drucken lassen. So richtig vertreten sehe ich auch andere Kleinverlage nicht im Börsenverein; mal sehen wie das nach den strukturellen Änderungen aussieht, die in den nächsten Jahren anstehen. Und in Anlehnung an eine Schokoladenwerbung der 90er: Da stecken wir lieber jeden Euro in unsere Bücher.

Für wen machst du Bücher?

Die Zielgruppe ist der interessierte und aufgeschlossene Leser, der gerne auch mal abseits von Mainstream und Bestsellerliste Lust auf Literatur hat und sich auch einmal an unbekannte Autoren wagt, die in der Regel nicht weniger gut schreiben, als die Bekannten. Und die Marktnische ist eben der regionale Faktor: Viele Leser sind überrascht, dass es praktisch „um die Ecke“ auch tolle Autoren gibt.

Wo siehst du für deinen Verlag die größten Chancen?

Ganz klar die weitere Digitalisierung der gesamten Herstellprozesse sowohl im Print als auch im E-Book-Bereich. So nutze ich heute schon die Möglichkeiten des Digitaldrucks, um kleinere Startauflagen zu erstellen und so das finanzielle Risiko abzumildern, kann damit aber auch flexibel auf die Nachfrage reagieren, da meine Hausdruckerei schon am 20 Stück Nachdruck mir die gleichen Konditionen wie zur Erstauflage bietet.

Welche besonderen Risiken verortest du?

Besondere Risiken sehe ich eher nicht, mehr die allgemeinen; sich an einem Projekt finanziell zu verheben oder mal einen richtig krachenden Flopp zu produzieren. Bisher habe ich das aber ganz gut im Griff.

Was schätzt du an der Independent-Szene besonders?

Das „independent“ natürlich – was für eine Frage! Klar wäre es schön auf der finanziellen Seite einen starken Partner zu haben und zu wissen, dass mehr als nur die nächsten 6 Monate abgesichert sind. Nur haben starke Partner oft die Angewohnheit, sich auch in die künstlerischen Aspekte einzumischen und da liebe ich einfach meine Freiheit auch mal ein Buch zu produzieren, das provokant ist, das ungewöhnlich und sperrig ist und nicht glattgeschliffen von zu viel Vertretermeinung und Lektoratsduckmäuserei.

Was würdest du jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Gut überlegen! Ich bin mehr oder weniger blind mit einer laxen Bemerkung á la „Das kann ich besser!“ da rein gestolpert – eine Bekannte zeigte mir ein Angebot eines Druckkostenzuschussverlags – und bin Verleger geworden. Natürlich habe ich aus früheren Tätigkeiten schon viel Wissen mitgebracht, aber einiges – vor allem die Aspekte Marketing und kaufmännisches Handeln musste ich doch auf die „harte Tour“ lernen.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfiehlst du? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Vielleicht die Kollegin Sonja Rüther von Briefgestöber?

Herzlichen Dank, Peter, für diesen Einblick.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

art&words im Netz:

Im Web:          http://art-and-words.de

Twitter:            https://twitter.com/art_and_words

Facebook:       https://www.facebook.com/artandwords

„Unsere Risiken unterscheiden sich gar nicht von denen der großen Verlage.“ – SteglitzMind stellt Karsten Strack vom Lektora Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Ich freue mich, dass heute Karsten Strack vom Poetry-Slam-Verlag Lektora Rede und Antwort steht. Vorgeschlagen hat das Franziska Röchter vom chili verlag.

Eine Skizze vom Verlag…

Lektora Verlag, Standort Paderborn, seit 2003, aktuell 4 Mitarbeiter in Vollzeit plus mehrere freie Programmschwerpunkt Poetry Slam, aktuell ca. 70 lieferbare Titel, teilweise auch als E-Books.

Ihre persönlichen Highlights?

Karsten Strack in Aktion  © Hans Tichi

Karsten Strack in Aktion © Hans Tichi

Meine absoluten Highlight im Bücherjahr: Jan Philipp Zymny: Henry Frottey. Sein erster Fall, Teil 2: Ende der Trilogie; Sulaiman Masomi: Ein Kanake sieht rot; Sascha Thamm: Dynamitfischen in Venedig – diese Bücher aus unserem Verlag waren allesamt Wochentipp auf WDR 2.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Ich liebe Bücher und Poetry Slam – da lag die Verbindung in Verlagsform nahe.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Ich werde immer Fan bleiben. Das treibt mich an und lässt mich Hindernisse ziemlich gelassen überwinden. Zudem ist die gesamte Poetry-Slam-Szene für mich so etwas wie ein emotionales Lebensglück. Ein guter Freund aus der Szene sagte einmal: Wenn du Poetry Slam machst, dann bekommst du keine Midlife Crisis.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

Lektora_Henry Frottey Sein erster FallWir sind schneller geworden – in allen Belangen. Unser Marketing ist direkter und effektiver – bei gleichem Zeitaufwand. Ich begrüße die Digitalisierung in all ihren Facetten und bin mir jedoch sicher, dass das gedruckte Buch aufgrund seines kulturellen Stellenwertes und der Haptik noch lange parallel geführt wird.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Wir setzen auf Herz und Verstand, sind in der Szene auch als Bühneakteure, Dozenten und Veranstalter unterwegs und haben vielleicht noch eine andere Leidenschaft als die Großindustrie. Zudem können wir unseren Autorinnen und Autoren schnelle Produktionszeiten anbieten. Wenn es sein muss, dann dauert es von der Anlieferung des Rohmanuskripts bis zur Veröffentlichung nicht länger als 3 Monate (und darin enthalten sind neben Druck und Layouttätigkeit mindestens zwei Lektoratsdurchläufe mit den dazugehörigen Autorengesprächen).

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Ich würde mich früher um professionelle Strukturen kümmern – sowohl im Hinblick auf Vertrieb als auch Marketing.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Zumeist durch vorherige Bekanntschaft, durch Szenezugehörigkeit, teilweise akquirieren wir selbst die Autoren, teilweise bieten uns die Autoren ihre Manuskripte ungefragt an. Das ist ganz unterschiedlich.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Wir vertreiben selbst mit Hilfe des Großhandels und verschiedener Aggregatoren.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Wir arbeiten seit geraumer Zeit mit dem Barsortiment zusammen, haben dort überwiegend gute Erfahrungen gemacht. Mit Vertretern arbeiten wir (noch) nicht zusammen, da unsere Verkaufszahlen sich erst in den letzten beiden Jahren so entwickelt haben, dass wir bei einigen Büchern nennenswerte Auflagen erreichen.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Lektora_Ein Kanacke sieht rotDa sind wir über den Großhandel vertreten.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Wir sind agil im Bereich Social Media Marketing, über den wir unsere zumeist junge Zielgruppe sehr direkt erreichen. Zudem veröffentlichen wir regelmäßig ein kleines Programmheft, schalten ab und an eine kleine Anzeige und freuen uns darüber, dass unsere Autoren häufig sehr gut durch Selbstmarketing mithelfen.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Wir sind nicht Mitglied im Börsenverein, aber im Buchhandel im Rahmen der Möglichkeiten präsent.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Unsere Zielgruppe sind hauptsächlich Menschen, die zu Poetry Slams gehen. Das ist unsere Marktnische. Wir treffen hier auf ein zumeist gut gebildetes, kritisches, aber begeisterungsfähiges junges Publikum. Es macht Spaß, für diese Zielgruppe Bücher zu machen.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Uns kommt sicherlich zugute, dass Poetry Slam an sich immer noch boomt. Zudem haben wir es mit einer digital-affinen Zielgruppe zu tun. Aktuell entwickeln wir Konzepte für eine Multimedialisierung der E-Books. Wichtig ist aber vor allem, dass wir mehr und mehr Autoren verlegen, die tatsächlich sehr gut schreiben können. Außerdem ist unsere Stärke sicherlich die Spezialisierung.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Unsere Risiken unterscheiden sich, glaube ich, gar nicht von denen der großen Verlage. Wir alle können nur in die Glaskugel schauen, wenn es darum geht, wie sich die gesamte Verlagslandschaft in den nächsten Jahren entwickeln wird. Die Autorinnen und Autoren werden in Zeiten der zunehmenden Self-Publishing-Möglichkeiten immer mehr fragen, welchen Mehrwert ihnen der Verlag eigentlich bietet. Und solche Fragen lassen sich sicherlich nicht nur durch die Höhe des Vorschusses beantworten. Denn: Machen wir uns nichts vor – in Sachen Sichtbarkeit von Autor und Werk ist ein Autor sicherlich besser beraten, die Nummer 1 – 5 in einem hoch engagierten kleinen Verlag mit direktem Zugang zum Szenepublikum zu sein als die Nummer 180 – 250 in einem Großverlag, der dann nach Bekanntgabe der Vorbestellungszahlen einfach aufhört, das Werk zu pushen. Bei uns ist das alles nachhaltiger.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Mir ist es grundsätzlich egal, ob ein Buch in einem Independent Verlag oder bei Random House und Co. erscheint. Wichtig ist vielmehr, dass es gut geschrieben und mit Hingabe produziert und vermarktet wird.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Lektora_Dynamitfischen in VenedigFreunde, macht das nicht, wenn ihr den schnellen EURO möchtet. Das wird wohl nichts. Habt ihr jedoch Leidenschaft für den Beruf und Geduld – und könnt ihr ein mögliches Scheitern ertragen, dann nur zu. Legt los!

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Den Berliner Satyr Verlag mit seinem Geschäftsführer Volker Surmann.

Herzlichen Dank für diesen Einblick.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

 

Lektora im Netz:

Die Homepage: www.lektora.de

Bei Facebook: https://www.facebook.com/lektora

Independent Verlage auf dem Schirm – ein work in progress

Klein und oho – aber nicht auf dem Schirm? Wer und wo sind sie, die kleineren Verlage? Und wie kann man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick behalten? Diese Fragen habe ich Anfang September gestellt und Euch gebeten, mir Indie-Verlage zu empfehlen, die ich wiederum einlade, sich hier vorzustellen.

Inzwischen ist schon eine stattliche Anzahl beieinander. Ich sehe mich in der Chronistenpflicht und sage allen, die sich bislang eingebracht haben, herzlich danke!

Die Übersicht zur Gesprächsreihe „SteglitzMind stellt Independent-Verlage vor“ wird – nach bestem Wissen und Gewissen – fortlaufend aktualisiert (Stand: 15. Dezember 2014).

Rede und Antwort standen bislang (in chronologischer Folge):

Barbara Miklaw mit ihrem Mirabilis Verlag

Sebastian Kaufmann, der den Chaotic Revelry Verlag gemeinsam mit Dog Thor Dionysos gründete

Andreas Heidtmann vom poetenladen Verlag

Franziska Röchter, die den chiliverlag verantwortet

Steffen Ille vom Verlag Ille & Riemer

Schemajah Schuppmann vom Papierverzierer Verlag

Michaela Stadelmann mit ihrem Wunderwaldverlag

Sandra Thoms vom Dryas Verlag

Bernhard Rusch mit dem den TTR-Verlag, wo die Zeitschrift applaudissement erscheint

Steffen Janssen vom Luzifer Verlag

Michael Fischer von der dahlemer verlagsgesellschaft

Karlheinz Schlögl, der gemeinsam mit Hannes Riffel den Golkonda-Verlag verantwortet

Jasper Nicolaisen vom Verlag das Beben

Karsten Strack vom Poetry-Slam-Verlag Lektora

Peter R. Hellinger mit art&words

Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag

Vanessa Wieser vom Milena Verlag in Wien

Sonja Rüther mit Briefgestöber

Helge Pfannenschmidt von der seine edition AZUR

Boris Koch, der Medusenblut – einen Verlag für dunkle Phantastik gründete

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Diese Verlage wurden bislang für Gespräche vorgeschlagen:

A

Ahead and Amazing Verlag

Alawi Verlag

Ankerherz

Argument Verlag + ariadne

ars vivendi

art & words

Atlantis Verlag

AvivA Verlag

B

BaltArtVerlag

binooki

Brett und Stein Verlag

Briefgestöber

Buchvolk-Verlag

C

Chaotic Revelry Verlag

chiliverlag

Copress Sport Verlag

culturbooks

D

Daedalus Verlag

Dahlemer Verlagsanstalt

Das wilde Dutzend

Der kleine Buchverlag

Divan Verlag

Drachenmond Verlag

Dryas Verlag mit Goldfinch Verlag, edition Reiseratte

E

Edition Azur

ed[ition]. cetera

edition fünf

Edition Korrespondenzen

Edition Phantasia

edition social

EireVerlag

Emons Verlag

F

Feder und Schwert

Festa Verlag

G

Goldegg Verlag

Golkonda Verlag

gONZo Verlag

H

Hablizel Verlag

hochroth Verlag

I/J

Jonas Verlag

JUHRVerlag

K

Katzengraben-Presse

kladde|buchverlag

konkursbuch

Kulturmaschinen Verlag

L

Lehmstedt Verlag

Lektora – Poetry Slam Verlag

Libelle Verlag

Liebel Litteraturförlag

Liebeskind

Liesmich Verlag

Lilienfeld Verlag

Luftschacht Verlag

Luzifer Verlag

M/N

mandelbaum verlag

Medusenblut

Metrolit Verlag

Milena

Mirabilis Verlag

O

ocm – der Verlag

Oldigor Verlag

Onkel & Onkel

onomato verlag

open for books

P

Papierverzierer Verlag

Parasitenpresse

Pendragon

persona verlag

Poetenladen-Verlag

Polar Verlag

R

Reinecke & Voß

Rotbuch Verlag

S

Satyr Verlag

Septime Verlag

silbende_kunst

Stachelbart-Verlag

Stellwerck Verlag

Sujet Verlag

SuKuLTuR

T/U

Tilda Marleen Verlag

TTR Verlag

Unsichtbar Verlag

V

Ventil Verlag

Verbrecher Verlag

Verlag André Thiele

Verlag das Beben

Verlag Donata Kinzelbach

Verlag Ille & Riemer

Verlagshaus J. Frank

Verlagshaus Jacoby & Stuart

ViaTerra Verlag

Voland & Quist

W

Weidle Verlag

Wölfchen Verlag

Wunderwaldverlag

Wurdack Verlag

X/Y/Z

Zagava

„Verlagsein ist geil!“ – SteglitzMind stellt Jasper Nicolaisen vom Verlag das Beben vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Ich freue mich sehr, dass Jasper Nicolaisen dabei ist. Er spricht für den Berliner Verlag das Beben, den ein Team betreibt. Vorgeschlagen hatte das Karlheinz Schlögl, der gemeinsam mit Hannes Riffel den Golkonda-Verlag verantwortet.

Für was steht das Beben?

das Logo © Verlag das Beben

das Logo © Verlag das Beben

Den Verlag das Beben gibt es seit Herbst 2013. Wir veröffentlichen Novellen zeitgenössischer deutschsprachiger Autorinnen und Autoren, und zwar ausschließlich als kopierschutzfreie E-Books. Bei der Programmgestaltung gilt: erlaubt ist, was uns gefällt. Ob Genre oder Hochliteratur, ob ernst oder komisch, ob experimentierfreudig oder Seitenfresser, uns kommt alles in die Tüte – nur gut muss es sein. Und was gut ist, entscheidet unsere Redaktion aus Autorinnen, Buchhändlern, Übersetzern und anderen Buchgeschädigten nach dem Konsensprinzip. – Dabei herausgekommen ist bisher eine bunte Mischung aus etablierten Autoren und Autorinnen, absoluten Newcomern und streng genommen gar nicht existenten Leipziger Literaturschwerstarbeiterinnen, die von Sciencefiction über Gentrifizierungssatire und Collagenovelle bis hin zur Zivilisationsparabel alles abgeliefert haben.

Die Highlights im Bücherjahr…

Unsere Highlights der letzten Monate sind „Lügenvögel“ von Karla Schmidt, ein Buch über Angst vor dem Weltuntergang und die Hilfe der Kunst, „H-Null. Ein Deutschlandmärchen“ von Marcus Hammerschmitt, ein Buch über das wahnsinnige Vorhaben, das eh schon ziemlich wahnsinnige Deutschland in ganz klein noch mal nachzubauen, und „Ein Totes im See´bolo“ von Gecko Neumcke, ein Buch über die Welt nach der anarchistischen Revolution und einen Kriminalfall unter alten Revolutionären.

Warum musste es in diesen Zeiten unbedingt ein Verlag sein?

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass die Welt alles andere dringender braucht als noch einen Verlag. Trotzdem waren wir alle unzufrieden mit der Bücherwelt. Wir kannten so viele tolle Bücher, die in den Schubladen vergammeln mussten, nur weil sie in keine Marktnische passten. Wir mussten zu oft hören, dass ein Buch, das sich nicht 10 000 mal verkauft, sich einfach nicht lohnt. Wir fanden die Spitzentitel der Spitzenverlage oft gar nicht so spitze, und die zweite Reihe hauptsächlich ordentlich eingereiht. Also haben wir halt einen Verlag gegründet, der antritt, alles schöner und besser zu machen. Der typische idealistische Quatsch eben. Da wir aber alle nicht mehr total frisch aus dem Sekretärinnenseminar waren, wussten wir wenigstens von vornherein, dass wir uns keine Reichtümer erträumen durften. Also, erträumen schon, aber halt nicht bekommen. Außerdem wollten wir was Interessantes mit E-Books machen. Und kürzere Bücher, die man gut auf einer Zugfahrt durchbekommt, aber hinterher gerne noch mal lesen möchte. Elektronovellen eben.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Jasper Nicolaisen  © Verlag das Beben

Jasper Nicolaisen © Verlag das Beben

Aus dem schönen Gefühl, die tollsten Autorinnen und Autoren zu verlegen, von denen noch nie jemand was gehört hat. Oder die Werke bekannter Schriftsteller, die bei Verlagen, die zur Kalkulation gezwungen sind, nicht unterkommen. Karla Schmidt darf bei uns schreiben wie der junge David Bowie, Marcus Hammerschmitt sich über Deutschland lustig machen, und die anderen alles noch besser machen. Wenn wir mal keine Lust mehr haben, denken wir uns: „Wir wären aber schön blöd, so ein Programm nicht weiter zu machen.“ Und wer will schon blöd sein? Wir jedenfalls nicht.

Hätten Sie sich auch ohne die Innovationen infolge der Digitalisierung eine Verlagsgründung zugetraut?

Ohne die was infolge der was? Wir haben uns eigentlich überhaupt keine Verlagsgründung zugetraut. Wir wussten, man muss irgendwohin und irgendwas eintragen lassen. Die Notarin hat schon komisch geguckt. Das sollte irgendwie 700 Euro kosten. Wir sind dann woanders hin gegangen, da ging es plötzlich. Einer von uns macht zum Glück gerne Steuererklärungen, die anderen haben andere Spleens. Mit Digitalisierung hat das hoffentlich nichts zu tun.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Wir machen ausschließlich gute Bücher. Klingt flapsig, aber die Betonung liegt auf „machen“. Wir streiten sehr ausgiebig über unser Programm und arbeiten mit vielen der Autoren und Autorinnen noch ziemlich an den Texten. Nicht im Sinne von: Das muss jetzt mehr gestreamlined werden, sondern: das kann noch mehr der Text sein, der er sein will. Wir nehmen uns recht viel Zeit pro Buch. Oder machen die anderen das auch alle? Uns kam das besonders vor.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Wir würden uns, glaube ich, deutlicher darüber verständigen, was die Erfolgsbedingungen für jede und jeden von uns sind. Als wir die ersten Zahlen hatten, hat sich doch herausgestellt, dass nicht alle die gleiche Definition von „einem sehr bescheidenen Erfolg“ als Ziel des Verlages hatten. Von „hatte ich mir genau so vorgestellt“ über „Wahnsinn! Ich dachte, das kaufen eh nur zehn Leute“ bis hin zu „ein paar Tausend hätten es schon sein dürfen“ war alles dabei. Zweitens: wenn wir alles noch mal machen könnten, würden wir warten, bis E-Books und Literatur selbstverständlicher zusammen gehen und auch die Vertriebsstrukturen und PR-Kanäle klarer sind. Wir sind da in eine große Aufbruchsbewegung geraten, die uns etwas überfordert hat.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Da wir alle berufliche Vorerfahrungen rund um die Bücherwelt hatten (und immer noch richtige Berufe in dieser Welt außer dem Beben haben), kennen wir viele Leute, die man fragen kann oder von denen wir wissen, dass sie gerne mal in der kürzeren Form ohne allzu große Vorgaben schreiben würden. Daneben erreichen uns auch erstaunlich viele Einsendungen hoffnungsvoller Jung- oder AltautorInnen. Das ist wunderbar, aber auch etwas problematisch, weil die meisten davon nichts taugen, und die, die was taugen, bei unserer Zusage oft schon einen anderen Verlag gefunden haben. Die sind ja auch nicht blöd und schreiben nur ans Beben.

Das Dilemma mit den Unverlangten…

das Beben Gecko Neumcke Ein TotesAm interessantesten von den Unverlangten, die im Mailfach gelandet sind, waren für uns die Manuskripte, über die wir ins Streiten gekommen sind. Wir hatten zwei, drei Fälle, deren Qualität unbestreitbar war, die aber aufgrund irgendwelcher Geschmacksfragen bei mindestens einem aus der Redaktion auf erbitterten Widerstand gestoßen sind. Ich möchte hier an dieser Stelle noch mal dazu aufrufen, dass vor allem männliche, junge Autoren mit großer literarischer Begabung bitte mal von dem Gedanken wegkommen mögen, der Weg zum Erfolg führe über irgendwie abgefuckte Tarantino-Berlin-Hipster-Sexquatsch-Novellen. Jedenfalls nicht bei uns. Es war schon traurig, dass in mehreren Fällen eigentlich gute Bücher durch so eine tatorthafte Möchtegernhärte ruiniert wurden.

Ein hervorragendes Manuskript hatte ein bisschen so das umgekehrte Problem und war bei aller schreiberischer Könnerschaft zu nahe dran an Bridget Jones. Auf unsere flehentliche Bitte (wir wollten es echt gern bringen), doch wenigstens Gossip Girl draus zu machen, schallte Not-Amused-Sein zurück. Wild, das Verlegerdasein!

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Die meisten Bücher verkaufen wir über unseren eigenen Webshop. Die zweitmeisten über Amazon. Minimore.de ist ein sympathischer Kleinvertrieb für Indie-E-Books, der uns auch führt. Alles andere läuft unter ferner liefen

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Wenn wir im Buchhandel mit unseren E-books ankommen, gucken die uns im besten Fall an, als wollten wir denen ein Mondgrundstück verkaufen. „Buch? Buch? Ich seh´ kein Buch! Das riecht ja gar nicht nach Druckerschwärze und ich kann es auch nicht in meine repräsentative Billy-Bücherwand einreihen, wenn mal Freunde aus der Kulturszene zu Besuch kommen, um über Herbert Grönemeyer zu parlieren.“ So ungefähr. Wir hatten mal Geschenkkarten mit Gutscheincodes, die haben manche genommen. Aber ich habe auf Twitter gelesen, die Zukunft des digitalen Buchmarktes liege ganz bestimmt nicht in Kärtchen mit Downloadcodes für Buchhandlungen. Da habe ich mich etwas geschämt.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Marcus Hammerschmidt_ Ho_Wir verkaufen am zweitmeisten Bücher über Amazon. Ehrlich gesagt hat man in punkto Amazon nur eine Wahl, wenn man E-Books verkaufen will. Man kann sie bei Amazon anbieten oder gar nicht. Weil sich E-Books halt de fakto nur über Amazon verkaufen.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Wir bespielen ganz fleißig diese sozialen Netzwerke und alles, wo wir schon ganz viele Follower haben… Im Ernst, das muss man natürlich machen als E-Book-Verlag. Aber wirkliche Spitzen in den Verkäufen beobachten wir, wenn wir in ganz verschnarchten, traditionellen Printmedien landen. Oder im Radio. Einmal war was auf Deutschlandfunk, da ist das Buch für unsere Verhältnisse gleich durch die Decke gegangen. Dass man über irgendwelches Crowdfunding und Viral Marketing und Social Network-Gerödel ganz groß rauskommt, ist ungefähr genauso wahrscheinlich, wie als Band mit einem YouTube-Video und einer MySpace-Seite zu Weltruhm zu gelangen. Was auch was bringt, sind Lesungen. Wir machen also elektronische Bücher mit ganz analogen Werbemaßnahmen.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Ich glaube, die haben ihrer Zeitung mal nett über uns geschrieben, weiß es aber nicht mehr genau. Sorry.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Wir machen Bücher für Leute, die ungewöhnliche Sachen lesen möchten, aber trotzdem gut unterhalten werden wollen. Also tendenziell für Vielleser und Auskennerinnen, die sich aber trotzdem keine elitäre Attitüde zugelegt haben. Leute, die sich nicht zu fein sind, sich zu gruseln, eine Träne zu vergießen oder die Bahnstation zu verpassen, wenn sie in einem unserer Bücher festhängen. Die aber zugleich neugierig auf Bücher sind, bei denen man merkt, dass man liest, weil der Text nicht mit allen Mitteln versucht, sich unsichtbar zu machen, weil man am liebsten denken soll: „Huch, das ist ja Kino oder alle anderen Bücher, die ich schon kenne!“

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

das Beben Karla Schmidt LügenvögelIn der Normalisierung von E-Books, vor allem bei Medienleuten. Wenn eines Tages Rezensionen und Berichte nur noch im Kleingedruckten erwähnen, ob das jetzt ein E-Book ist, von einem Printverlag oder im Self-Publishing, dann haben wir es leichter.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Das größte Risiko für uns ist eigentlich, dass wir eines Tages sagen, so schön diese Texte auch sind, aber die Arbeit wird uns zu viel. So lange wir Lust drauf haben, können wir ewig weitermachen. Segen und Fluch des digitalen Publizierens.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Ich kenne eigentlich keine Independent-Szene. Ich lese manchmal im Internet so Debatten über E-Books und wie die alles durcheinander bringen und ob jetzt E-Book-Verlage gewissermaßen von unten an den lieben, alten Printverlagen nagen, die von oben schon von Amazon mit der Bohrmaschine bearbeitet werden, aber ich habe das Gefühl, das ist eine Diskussion, die, um es mal im Merkel-Duktus zu sagen, nicht unsere Diskussion ist. Wir wollen Bücher machen, die uns gefallen. Dass das E-Books sind, ist mehr oder weniger Zufall. Independent ist halt auch nur ein anderes Wort für mittellos. Doch! Einen Independet-Verlag kenne ich. Golkonda aus Berlin. Dort gibt es immer sehr schöne Gartenpartys.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Bloß bleiben lassen! Ganz ohne Ironie, mir fällt kein vernünftiger Grund ein, warum man das machen sollte. Aber das werden den hoffnungsvollen Verlagsgründern eh schon alle sagen. Und wenn sie´s wirklich machen wollen, werden sie nicht drauf hören. Insofern: Daumen hoch, Jungs und Mädels, hört nicht auf die! Verlagsein ist geil! Seht bloß zu, ernst gemeinter Ratschlag, dass ihr da keine nennenswerten Summen investiert. Sich ruinieren für den Spaß ist es nicht wert.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Ich empfehle Golkonda, den Karlheinz Schlögl hier ja bereits vorgestellt hat, Verbrecher Verlag (obwohl, die sind nicht so klein, oder?), den Wiener Milena Verlag, Medusenblut. Ja, der sollte hier auch zu Wort kommen.

Danke vielmals, Jasper Nicolaisen, es war mir ein Vergnügen.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Verlag das Beben  im Netz:

Die Verlagsseite mit Programm, Blog, ausführlichen Leseproben, Autorenporträts und Laden: http://verlagdasbeben.de/

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„Schwierigkeiten ist das falsche Wort, als Unternehmer und Verleger kennt man nur Herausforderungen.“ – SteglitzMind stellt Karlheinz Schlögl vom Golkonda-Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Ich freue mich sehr, dass heute Karlheinz Schlögl Rede und Antwort steht, der gemeinsam mit Hannes Riffel den Golkonda-Verlag verantwortet. Vorgeschlagen hatte das Steffen Janssen vom Luzifer Verlag.

Seit wann existiert Ihr Verlag?

Den Golkonda-Verlag in Berlin gibt es seit 2010, der Verlagsname ist dem Atomvulkan Golkonda von Arkadi & Boris Strugatzki geschuldet, deren Werkausgabe zum zentralen Programm bei Golkonda gehört. Ursprünglich als GbR von Hannes Riffel gegründet, der hauptberuflich als freier Lektor und Übersetzer tätig ist, erfolgte 2012 mit meinem Einstieg als Co-Gesellschafter die Umwandlung in eine GmbH.

Machen Sie und Hannes Riffel alles alleine?

Karlheinz Schlögl © Golkonda-Verlag

Karlheinz Schlögl © Golkonda-Verlag

Von Anfang an mit dabei waren auch unsere Gestalterin Susanne Beneš und Setzer und SF-Spezialist Hardy Kettlitz. Darüber hinaus unterstützen uns zahlreiche freie Mitarbeiter und Verlagsfreunde dabei, schwerpunktmäßig, aber nicht nur, internationale Phantastik und Krimis sowie seit 2014 auch klassische Literatur und Sachbücher zu veröffentlichen, und zwar sowohl als aufwendig gestaltete Printausgaben wie auch als eBooks.

In Summe sind nun schon an die sechzig Bücher bei Golkonda erschienen, wir waren also mehr als fleißig in den letzten vier Jahren, und freuen uns, dass unser Schaffen auch schon viermal mit dem Kurd Laßwitz Preis gewürdigt wurde, zweimal für Bestes ausländisches SF-Werk mit deutscher Erstausgabe und zweimal für Beste Übersetzung zur SF ins Deutsche mit Erstausgabe.

Ihre persönlichen Highlights?

Bei so vielen bereits erschienenen Büchern kann jede Aufzählung von Highlights immer nur zur Unterschlagung anderer wichtiger Bücher führen, aber wenn schon, dann sind es für mich die deutschen Erstveröffentlichungen, und hier vor allem die Storybände aus dem angloamerikanischen Raum von David Marusek, Paolo Bacigalupi, Ted Chiang, Geoff Ryman und Kij Johnson sowie, mein persönliches Steckenpferd, die Ausgabe der Gesammelten Werke von Samuel R. Delany, für deren Herausgeberschaft ich mich auch verantwortlich zeichne.

Warum musste es in diesen Zeiten unbedingt ein Verlag sein?

Delany-Bewegung_150Ich denke, die Zeit ist immer passend für einen neuen Verlag … Für mich war es entscheidend, damit auch die Möglichkeit zu haben, die eigenen Lieblingsautoren und meinen Literaturgeschmack sichtbar zu machen. Und eigentlich sehe ich in diesen Zeiten für kleine Verlage dank Amazon und E-Books ganz neue Möglichkeiten und Chancen, sich neben den Großen zu behaupten, eben ohne eigenes Vertriebsnetz zu den Buchhandlungen.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Schwierigkeiten ist das falsche Wort, als Unternehmer und Verleger kennt man nur Herausforderungen. Unser Engagement beruht auf der Freude und dem Stolz, schöne Bücher zu schaffen, die unseren Qualitätsvorstellungen entsprechen und die wir selbst gerne in unsern eigenen Bücherregalen stehen haben möchten.

Hätten Sie sich auch ohne die Innovationen infolge der Digitalisierung eine Verlagsgründung zugetraut?

Die Digitalisierung erleichtert uns selbstverständlich die Erstellung der Bücher, Datenaustausch und die Kommunikation zwischen allen Beteiligten wird dadurch einfacher möglich. Der Ausgangspunkt jeglicher erfolgreichen Verlegertätigkeit ist jedoch die Auswahl der »richtigen« Bücher für das Verlagsprogramm, und hier muss man Vertrauen in den eigenen Geschmack und Riecher haben, keine Digitalisierung und Innovation kann einem das abnehmen.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Halbengel_150Ich denke, jeder Verlag ist einzigartig durch die im jeweiligen Verlag engagierten Personen. Entsprechend spiegelt auch der Golkonda-Verlag das Geschmacksspektrum des Golkonda-Teams wieder und führt dadurch zu seinem eigenen unverwechselbaren Verlagsprogramm.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Man lernt natürlich einiges dazu, aber viele der späteren Einsichten sind zu Beginn gar nicht umsetzbar. Um beispielsweise Medienpräsenz und Besprechungen zu bekommen oder Kooperationen mit anderen Verlagen eingehen zu können, ist es vorab einmal notwendig, sich selbst mit seinem Programm zu positionieren.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Lesen, lesen und nochmals lesen, um vergleichen zu können und eine gute Auswahl zu treffen. Die Kontaktierung von Autoren, die man veröffentlichen möchte, erfolgt zumeist über deren Agenten. Aber sobald man mit dem eigenen Programm wahrgenommen wird, passiert es auch, dass einem von den Agenten Manuskripte ungefragt angeboten werden oder Autoren sich bei einem melden, weil sie auch Teil des Verlagsprogrammes werden wollen.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Neben einigen ausgewählten, für uns wichtigen Buchhandlungen, die direkt beim Verlag bestellen, wie beispielsweise das Otherland in Berlin, mit dem wir auch persönlich stark verbunden sind, erfolgt im Printbereich die Auslieferung vor allem über die großen Zwischenhändler wie KNV und Libri. Damit dort wiederum die gewünschten Bestellungen eintreffen, muss unser Marketing das Verlagsprogramm entsprechend bekannt machen, wobei für uns dann vor allem die Rezensionen im Fernsehen, im Radio, in den Internetblogs und auf den Literaturhomepages sehr, sehr hilfreich sind.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Atomvulkan_150Da wir kein eigenes Vertriebsnetz unterhalten, ist der direkte Kontakt zu den Buchhandlungen nur punktuell möglich. Umso mehr freut es uns dann, wenn es von Seiten der Buchhandlungen immer wieder auch Angebote gibt, einen Golkonda-Schwerpunkt zu präsentieren, wie beispielsweise letzten Sommer bei Dussmann in Berlin, bei Leykam in Graz, bei Decius in Hannover und vor allem über das ganze Jahr mit eigenem Golkonda-Regal in der Otherland Buchhandlung in Berlin.

Letztendlich verdanken wir jeden Erfolg den Autoren unserer Bücher. So kann es durchaus passieren, das auch große Ketten wie Hugendubel schon mal vorab einen spürbaren Teil einer Auflage vorbestellen, wenn sie erfahren, dass beispielsweise George R. R. Martins Armageddon Rock von Golkonda neu aufgelegt wird.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Als Kleinverlag stellt Amazon einen echten Mehrwert da, das ganze Verlagsprogramm wird für alle zugänglich, ohne in jeder Buchhandlung präsent sein zu müssen. Gleichzeitig braucht man nicht zu befürchten, mit Amazon Margen neu aushandeln zu müssen oder erpressbar zu werden, da man von den Umsatzgrößen her einfach viel zu klein ist.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Wir bemühen uns mit Newsletter, Blog auf der Verlags Homepage und viralem Marketing über den Golkonda Insider auf Facebook Aufmerksamkeit auf unser Verlagsprogramm zu lenken. Wichtig für uns sind alle Buchbesprechungen, entsprechend verfügen wir über einen stetig wachsenden Presseverteiler, über den wir vorab unsere Informationen und Leseexemplare diesen Meinungsmachern zukommen lassen.

Johnson-Pinselstriche_150Des Weiteren schalten wir regelmäßig Bannerwerbungen im Internet, platzieren Anzeigen in den passenden Magazinen, unterstützen Online-Aktionen im E-Book-Segment bei den entsprechenden Portalen und freuen uns über jede zusätzliche Gelegenheit, wie beispielsweise dieses Interview, um den Golkonda-Verlag einer noch breiteren Leserschaft bekannt zu machen. – Für all diese Themen und noch einige mehr ist bei uns Heide Franck zuständig, die gerne weitere Anfragen per E-Mail an presse@golkonda-verlag.de beantwortet.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Nächste Frage bitte.

Nun denn: Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Marusek-Glueck_150In erster Linie wohl für uns selbst, in der Hoffnung und Erwartung, dass auch andere unseren Geschmack teilen. Der Golkonda-Verlag ist sehr breit aufgestellt, entsprechend bedienen wir, oder versuchen es zumindest, sehr viele Zielgruppen. Phantastik-Liebhabern bieten wir, neben Kurzgeschichtensammlungen und Romanen, auch Sekundärliteratur zum Thema an, den Krimi-Fans bieten wir Crossovers zur Phantastik und den Liebhabern der Klassikliteratur wiederum eine eigene Klassikerreihe, wobei auch hier Brückenschläge zurück zur Phantastik zu finden sind, wie beispielsweise Der lachende Mann von Victor Hugo. Und Bücher wie Dunkle Reflexionen von Samuel R. Delany, HalbEngel von Tobias O. Meissner oder Bloß weg hier! von Frank Böhmert zeigen dem interessierten Leser, welches Spektrum diese Autoren, die in erster Linie mit dem Genre Literatur assoziiert werden, zu bieten haben. Das Durchbrechen dieser Genregrenzen, der ganzheitliche Ansatz zur Literatur, ist auch eine erklärte Zielsetzung des Golkonda-Verlages.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Dass wir uns bei der Leserschaft als klare Marke etablieren, sodass diese im Vertrauen auf das bereits geschaffene Verlagsprogramm bereit ist, sich von uns zu neuen Büchern hinführen zu lassen. Dass wir quasi mit unserem Programm eine Art Garantie abgeben können, dass die Erwartungshaltung unserer Leser erneut erfüllt wird, auch wenn die neuen Autoren noch nicht im deutschsprachigen Raum etabliert sind.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Mit unserer Breite im Verlagsprogramm zu verschrecken, einer Beliebigkeit anheimzufallen, dem Leser keine Identifikation zu bieten und entsprechend nicht die Resonanz zu finden, die wir eigentlich anstreben.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

das Logo © Golkonda-Verlag

das Logo © Golkonda-Verlag

Die Freiheit zu haben, seine eigenen Vorstellungen, welche Inhalte der Verlag publizieren soll, ohne allzu große Kompromisse umsetzen zu können. Und vor allem Mitstreiter zu finden, die diese Ziele mittragen und ebenfalls ihr Engagement einbringen, ohne dass alles nur unter kommerziellen Aspekten beurteilt wird. Die Glückshormone, die dabei bei allen Beteiligten ausgeschüttet werden, sind wohl außerhalb der Independent-Szene kaum zu bekommen.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Auf sich selbst zu vertrauen und nicht auf diejenigen zu hören, die immer vermeintlich wissen, was alles nicht funktioniert. Aber dieser Rat gilt wohl grundsätzlich für alle, die etwas Neues schaffen wollen.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Spontan fällt mir der Verlag Das Beben ein, ganz neu und E-Books only, oder der Septime Verlag in Wien mit der wunderbaren James-Tiptree-Ausgabe.

Herzlichen Dank für diesen Einblick.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Der Golkonda-Verlag im Netz:

Die Homepage: http://golkonda-verlag.de/

Die Präsenz bei Facebook: https://www.facebook.com/Golkonda.Insider