„Ich schreibe meinen Autoren nichts vor, vor allem nicht, was oder wie sie zu schreiben haben.“ Ein Gespräch mit Lea Korte über Schreibschulen und Autoren-Coaching

Lea Korte veröffentlicht bei Droemer Knaur historische Romane, Liebesromane beim Aufbau Verlag und unter Pseudonym liegen bei Heyne und Bastei Lübbe Sachbücher und Liebesromane von ihr vor. Seit 2011 bietet die rührige Autorin, die seit Jahrzehnten im Süden lebt, zudem Online-Autorenkurse und ein Manuskriptcoaching an. Beides nahm Gabriele Schmid wahr, mit der ich Gespräche über ihren Weg als Autorin und Eigenverlegerin geführt habe. Darüber kam ich mit Lea Korte in Kontakt, die sich freundlicherweise bereit erklärte, mir im Zusammenhang mit Schreibschulen einige Fragen zu beantworten. – Ich sage Lea Korte herzlich danke, dass sie sich die Zeit genommen hat.

Dem Literaturinstitut in Leipzig und dem Studiengang Kreatives Schreiben in Hildesheim eilt der Ruf voraus, Türöffner für Verlage und den Literaturbetrieb zu sein. Werden Autoren ernster genommen, die spezielle Schulungen durchlaufen haben?

Ja, ich denke schon, dass dies der Fall ist. Wann immer ich mit Agenten oder Lektoren über die Autoren meiner Kurse und deren Werke rede, sehe ich ja auch, auf welch großes Interesse ich stoße. Der Agent oder der Verlagslektor weiß, dass die Projekte, die im Rahmen des Kurses entwickelt wurden, handwerklich einwandfrei und optimiert sind. In der Tat haben ja auch schon einige „meiner“ Autoren den Weg in Publikumsverlage geschafft beziehungsweise einen Agenturvertrag unterschreiben können.

Anfang des Jahres sorgte ein ZEIT-Kommentar von Florian Kessler für Aufregung, in dem auch die Literaturinstitute in Hildesheim und Leipzig ihr Fett abbekamen. Wie sehen Sie das: Besteht die Gefahr, dass Schreibschulen uniforme Literatur produzieren?

Lea Korte © Lea Korte

Lea Korte © Lea Korte

Nein, diese Gefahr sehe ich nicht – und in meinem Kurs schon gar nicht. Ich schreibe meinen Autoren nichts vor, vor allem nicht, was oder wie sie zu schreiben haben. Das Autorenhandwerk, das ich im Kurs vermittele, ist einfach das Rüstzeug, das jeder Autor braucht, wenn er vorankommen will – und das bedeutet nicht, dass man ab da „nach „Regeln schreibt“. In der Tat habe ich derzeit sogar in jedem Kurs einige äußerst „regelwidrige“ Romane, denen ich aber größte Chancen auf dem Buchmarkt einräume, gerade weil sie anders, weil sie originell, weil sie etwas ganz Besonderes sind. Ich helfe Autoren, das Optimum aus IHRER Romanidee zu machen und stelle vor allem Fragen, durch die der Autor selbst den richtigen Weg finden kann, und zwar einen, der dann auch zu ihm passt.

Reicht ein solides literarisches Handwerk tatsächlich aus, um als Autor unter heutigen Bedingungen zu reüssieren?

Nicht allein, denn mindestens ebenso wichtig ist die Romanidee, die Figuren… Beides muss Hand in Hand gehen, und deswegen arbeiten ich im Kurs ja auch auf mehreren Ebenen.

Das „wie erzähle ich?“ mag man lernen können. Aber doch nicht das „was erzähle ich?“. Oder?

Doch, auch das. Ideenfindung gehört zur Arbeit im Kurs. Nicht alle Autoren kommen schon mit einer Romanidee; die, die noch keine haben, finden sie im Kurs. Auch hierfür gibt es durchaus Techniken.

Sie haben selber Schreibkurse belegt; meines Wissens sogar bereits in Ihrer Schulzeit. Wie waren Ihre Erfahrungen?

Ich habe schon in der Schule – was damals sicher der Zeit voraus war – Kurse in „creative writing“ besuchen können, auch später jede Schulungsmöglichkeit wahrgenommen, den ständigen Austausch mit guten Kollegen gesucht und viele, viele Romane analysiert, um zu sehen: Was geht, was nicht? Was zieht den Leser weiter, was wirft ihn raus? Wie baut welcher Autor die Figuren, die Spannung auf? Etc. Und ich habe bei alledem immens viel gelernt – und gebe dieses Wissen heute weiter.

Was hat Sie bewogen, Kurse für Autoren anzubieten?

Je bekannter ich geworden bin, desto öfter habe ich Mails von Autoren mit der Bitte bekommen, mir ihre Texte doch mal „kurz“ anzusehen und eine Einschätzung bzw. „ein paar Tipps“ zu geben. Damit aber ist es in 99% der Fälle nicht getan. Da fehlt Handwerk, die Figurenentwicklung ist nicht hinreichend durchdacht, die Spannungskurve flacht schon nach wenigen Seiten wieder ab, etc. Das alles aber kann man nicht „in drei Worten“ vermitteln. Und da ich, wenn, dann richtig helfen wollte, habe ich diesen Kurs entwickelt.

Sollte man ein gewisses Rüstzeug mitbringen, wenn man sich bei Ihnen fortbilden will?

entführt in phantastische Welten... © Lea Korte

entführt in phantastische Welten… © Lea Korte

Wichtig ist die Liebe zum Schreiben, Ausdauer und Kritikfähigkeit. Wer diese drei Dinge mitbringt, der hat in der Regel alles, was man braucht, um sich weiterentwickeln zu können. Ich sehe ja immer wieder, wie sehr sich die Projekte und Romanszenen der Autoren allein schon in nur drei Monaten weiterentwickeln!

Wie schätzen Sie die Entwicklung ein, dass mit dem Aufkommen des Selfpublishings auch Schreibschulen wie Pilze aus dem Boden wachsen?

Das Problem ist – wie immer -, dass der Autor am Ende vor der Schwierigkeit steht, den richtigen Mentor/Lehrer zu finden. Es gibt sehr gute Mentoren, Coacher, Schreiblehrer, etc. – aber es gibt auch weniger gute, die ihr Handwerk selbst nicht verstehen. Hier die Spreu vom Weizen zu trennen ist für einen Autor, der ja zunächst nur einen Blick von außen auf das werfen kann, was da angeboten wird, sicher nicht einfach.

Worauf sollte man bei der Wahl einer Schreibschule besonders Acht geben?

Die Chemie zwischen dem Autor und seinem Mentor muss stimmen. Die Kursdauer sollte nicht zu kurz angelegt sein, denn Roman und Autor brauchen Zeit, um sich zu entwickeln. Es sollte nicht nur um das Handwerkszeug, das Schreiben an sich gehen, sondern man sollte auch Hilfe bei der Roman- und Figurenentwicklung, dem Plot, dem Exposé, der Leseprobe bekommen. Man sollte einen Probemonat machen können. Wichtig wäre mir als Autor auch der Austausch mit anderen Autoren. Wie ich dies zum Beispiel in meinem (nur für Kursteilnehmer offenstehenden) Autorenforum anbiete und das in sehr großem Umfang genutzt wird.

Sie sind eine eingeführte Autorin, die inzwischen sogar vom Schreiben leben kann. Was raten Sie dem Nachwuchs?

Wichtig ist, so langweilig sich das jetzt auch anhören mag, Disziplin, Ausdauer und Geduld. Ein Roman schreibt sich nicht „in drei Minuten“, der braucht Zeit – auch Zeit zum Atmen, sprich Zeit, in der man ihn mal liegenlässt, damit der Blick für ihn wieder frei wird, man Abstand zu seinem Werk bekommt. Und der andere wichtige Tipp hängt damit direkt zusammen: Ein gutes Buch ist das Ergebnis von vielen, vielen Überarbeitungsschritten. Nur die allerwenigsten Autoren können einen guten Text aus dem Ärmel schütteln. Der „normale“ Autor, und das sind sicher die meisten, braucht dafür viele Überarbeitungsschritte. Ein guter Roman wird seinen Weg gehen, aber bis er gut ist, muss man viel Zeit und Energie reinstecken. Und das Wissen, wie man beim Überarbeiten vorgeht, kann dabei nur nützlich sein.

„Mir imponiert sehr, wie freundlich die Community von LovelyBooks mit Neuautoren umgeht.“ SteglitzMind fragt bei Gabriele Schmid nach

Bei Gabriele Schmid habe ich nachgehakt, weil die Autorin eine erstaunliche Entwicklung nahm, die ohne die Umwälzungen auf dem Buchmarkt so schwerlich möglich gewesen wäre. Der erste Teil unseres Gespräches drehte sich um Schreibschulen und Autoren-Coaching, dann ging es um ihre Erfahrungen als Newcomerin, die den Eigenverlag PCSbooks ins Leben gerufen hat. Heute will ich von ihr wissen, was sie dafür tut, um als Autorin Fuß zu fassen.

Der Zwang zum Selbst-Marketing gilt heute für alle Autoren. Was tun Sie, um Ihre Bücher bekannt zu machen?

Werbung (lacht). Spaß beiseite: Ich versuche regelmäßig jeden zweiten Tag bei Facebook zu posten, halte meine Homepage so aktuell wie möglich und habe seit neuestem einen Blog, der aber erst noch seine Anhänger finden muss. Ansonsten versuche ich bei Veranstaltungen in meiner Heimatgemeinde präsent zu sein. Zum Beispiel darf ich am kommenden Freitag, den 11. Juli, gemeinsam mit Joanne St. Lucas zum zweiten Mal im Froggy in Münchingen lesen. Eine weitere Lesung bei den Landfrauen in Münchingen ist bereits für Dezember geplant.

Welche Aktivitäten kamen besonders gut an?

Lesung im Froggy © Nicole Geck

Lesung im Froggy © OOOGrafik

Die Lesungen sind gut besucht. Wobei wir hier nur von kleinen Veranstaltungen sprechen, nicht von Sälen, die ich fülle. Aber die Resonanz ist toll.

Und was floppte?

Erfolglos waren meine Bemühungen, bei einer der regionalen Zeitungen einen Bericht über mich und meine Bücher unterzubringen. Da kam nicht einmal eine Rückmeldung.

Im Social Web setzen Sie auf Facebook. Sie pflegen eine Autorenseite, eine PCSbooks-Seite und für Ihre Publikationen Fanseiten. Was versprechen Sie sich von den unterschiedlichen Auftritten?

Anfangs schwebte mir vor, mit meiner Fanseite für „Gleichklang“ auch Menschen erreichen zu können, die mit Hämophilie irgendwie verbunden sind.

Der Bluterkrankheit ihres Sohnes, die im Roman ja auch eine Rolle spielt…

Ja. Leider ist mir das bisher nicht gelungen. Gleiches gilt für meine Kurzromane, die im fiktiven Örtchen Mittsingen spielen. Auch hierfür hätte ich gerne eine eigene kleine Fangemeinde gewonnen. Letztlich ist es aber so, dass immer dieselben Leute meine Seiten besuchen. Das meiste läuft wohl über meine eigene Chronik, die ich ursprünglich gar nicht pflegen wollte und anfangs dementsprechend vernachlässigt habe.

Was kommt bei Facebook besser an: Ihre Autorenpräsenz oder die Fanseiten?

Meine Autorenpräsenz, obwohl ich alle meine Seiten gezielt bespiele.

Worauf achten Sie bei Ihrer Kommunikation im Web besonders?

Das Privatleben bleibt außen vor. Fotos nur von mir, keine von meiner Familie. Das ist absolut tabu!

Wo verorten Sie im Social Web besondere Risiken?

Das „Ausgeliefert-Sein“ fürchte ich am meisten. Man hört ja immer wieder von verbalen Angriffen. Menschen, die einem nicht wohlgesonnen sind, oder Neider. Das lässt sich im Netz schon gar nicht steuern.

Marketing übers Pricing ist im Selfpublishing-Bereich eine gängige Methode, um Publikationen „an den Mann“ zu bringen. Anfang Mai lief eine Preisaktion für die E-Bookversion von „Gleichklang“, Mitte Juni gab es eine Mittsingen-Sonder-E-Book-Edition für 0,99 Cent. Rechnen sich solche Aktionen?

Auf jeden Fall! Die Verkaufszahlen sprechen für sich. Durch die vermehrten Verkäufe rutscht man im Ranking nach oben und man ist in den Bestenlisten präsenter.

Was halten Sie von Kostenlos-Aktionen?

Davon halte ich gar nichts. Es ist harte Arbeit, ein gutes Buch zu schreiben und herauszubringen. Das kann es nicht für umsonst geben.

Es hat sich inzwischen eingebürgert, Testleser ins Boot zu holen…

der Stadtplan  © PCSbooks

der Stadtplan © PCSbooks

Das halte ich ebenso. Sobald ein Manuskript erstmals lesereif ist, geht es an mindestens fünf Testleser, die nur lesen. Obwohl es keine Profis sind, kommen von ihnen wertvolle Rückmeldungen, die in meine Überarbeitungen einfließen. Und sie haben tolle Ideen. Als ich die Mittsingen-Reihe „Aus Träumen werden Geschichten“ entwickelte, machte eine Testleserin zum Beispiel den famosen Vorschlag, dass ich eine Karte von Mittsingen entwerfen sollte. Gesagt – getan. Mithilfe eines jungen Bekannten entstand der Stadtplan von Mittsingen, der von Band zu Band ergänzt wird.

Wie rekrutieren Sie Ihre Testleser?

Die Ersten habe ich direkt angesprochen. Inzwischen kommen Menschen auf mich zu, um sich als Testleser anzubieten.

Was hat ein Testleser davon, wenn er Ihre Manuskripte kritisch unter die Lupe nimmt?

Spaß (lacht). Nach Erscheinen erhält jeder ein handsigniertes Exemplar des entsprechenden Buches.

Leserunden bei der Holtzbrinck-Community LovelyBooks sind bei Autoren und Lesern ausgesprochen beliebt. Wie waren Ihre Erfahrungen, als Sie „Gleichklang“ und die Mittsingen-Kurzromane auf Deutschlands beliebtester Social-Reading-Plattform vorgestellt haben?

Zunächst war ich sehr überrascht, dass so viele meinen Debütroman lesen wollten. Es kam zu einer regelrechten Rangelei um die Freiexemplare von „Gleichklang“. Riesig gefreut habe ich mich über die durchweg positiven Rezensionen und schließlich auch darüber, dass die ersten beiden Bände meiner Mittsingen-Kurzromanreihe „Herbststürme“ und „Sternschnuppen-Regen“ ebenso gut aufgenommen wurden wie der Liebesroman „Gleichklang“. Mir imponiert sehr, wie freundlich die Community von LovelyBooks mit Neuautoren umgeht und vor allem wie ausgereift und detailliert die einzelnen Rezensionen sind. Man erkennt auf Anhieb, dass die Leser nicht nur eine starke Affinität zu Büchern, sondern auch Ahnung davon haben.

Es gibt aber sehr wohl auch schwarze Schafe…

Ja, leider gibt es die auch, die Bücher zwar kassieren, aber nie eine Rückmeldung oder Rezension posten. Ich achte inzwischen sehr sorgfältig darauf, ob die jeweiligen Interessenten auch Rezensionen anfertigen. Sollte dem nicht so sein, fällt die betreffende Person aus meinem Lostopf raus.

Haben Sie infolge der Leserunde auch Bücher verkauft?

Bezüglich „Gleichklang“ kann ich darauf leider keine Antwort geben, da ich die Verkaufszahlen bislang nicht kenne. Was meine Kurzromane anbetrifft, sind in diesem Zeitraum kaum mehr verkauft worden. Was die Verkaufszahlen generell anbetrifft, da beobachte ich ein Phänomen: Geht ein Buch weg, dann folgen in den nächsten Tagen viele nach. Geht ein paar Tage nichts, dann steigt der Verkauf prompt wieder an, wenn das Erste gekauft wurde. Die Verkaufszahlen, meine Mittsingen-Reihe betreffend, kann ich schmunzelnd als Wellenbewegungen bezeichnen. Aber, damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich bin hoch zufrieden!

 Vielfach wird ja behauptet, dass die Beschäftigung mit Büchern im Internet substanzlos ist. Bücher werden gelikt, gerankt oder allenfalls in stümperhaften Rezensionen wiedergegeben, die vielfach nicht mehr sind als der Klappentext. Wie sehen Sie das?

Meine Erfahrungen mit der Community von LovelyBooks bestätigen das nicht. Die Rezensionen zu meinen Büchern sind allesamt detailliert und urteilssicher. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass abgeschrieben wird. Auch nicht von einander. Zu meinen Leserunden, die durchweg gut besucht waren, wurden ebenfalls kompetente Beiträge beigesteuert.

Herzlichen Dank, dass Sie mir so ausführlich Rede und Antwort standen. Viel Erfolg mit PCSbooks und Glück auf bei den Projekten, die Sie derzeit gemeinsam mit Ulrike Dietmann und Lea Korte angehen.

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In der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” standen bereits Rede und Antwort:  Jando, Petra van Cronenburg, Petra Röder, Nicole Sowade aka Miss Januar, Jan-Uwe Fitz aka Vergraemer, die Sachbuch-Autorin Sonya Winterberg, der Berner Shooting-Star Patric Marino, Wilhelm Ruprecht Frieling, im Social Web als Prinz Rupi bekannt, der Selfpublisher Michael Meisheit und der Lyriker Jost Renner. –  Stets geht es darum, wie die befragten Autoren die Entwicklungen infolge der Digitalisierung einschätzen, welche neuen Wege sie nutzen und wo sie Chancen und Risiken sehen.

„Als Selbstpublisher steht man unter scharfer Beobachtung.“ SteglitzMind fragt bei Gabriele Schmid nach

Bei Gabriele Schmid hakte ich nach, weil die Autorin eine erstaunliche Entwicklung nahm, die ohne die Umwälzungen auf dem Buchmarkt so schwerlich möglich gewesen wäre. Der erste Teil unseres Gespräches drehte sich um Schreibschulen und Autoren-Coaching. Heute geht es um ihre Erfahrungen als Newcomerin und den Eigenverlag PCSbooks.

Ursprünglich hatten Sie geplant, ihre Romanserie rund um eine Freiburger Privatklinik an einen Verlag oder Agenten zu bringen. Wie waren Ihre diesbezüglichen Erfahrungen?

(lacht) Damals war ich überzeugt, den Bestseller schlechthin geschrieben zu haben. Sofern überhaupt eine Reaktion kam, hagelte es Absage über Absage. Tatsache war, die Freiburg-Reihe kam bei Verlagen nicht an. Keiner fragte nach einem kompletten Manuskript. Geurteilt wurde aufgrund des Exposés und der Leseprobe von 30 Seiten.

Dank dem mobilen Lesen sind Kurzromane und Serien stark im Kommen, Verlage verlieren ihre Berührungsängste vor kurzen Texten. Meinen Sie, Ihre Chancen stünden heute besser?

Das glaube ich eher nicht. Selbst gestandene DeLiA-Autorinnen…

DeLiA, die Vereinigung deutschsprachiger Liebesroman-Autoren und Autorinnen, der Sie angehören…

Genau. Selbst Mitglieder aus diesem Kreis, die bei namhaften Verlagen unter Vertrag stehen, haben sich entschieden, ihre Kurzromane in Eigenregie herauszubringen. Sofern sie es nicht schon längst tun. Es gibt verschwindend wenig Romanliteratur in den Buchhandlungen, die unter 200 Seiten aufweisen. Aber: man soll nie „Nie“ sagen. Womöglich ändert sich das ja noch.

Wo kommt ihr Faible für Serien her?

Ohje, da muss ich weit ausholen. Ich bin weniger die architektonisch, planende Autorin als vielmehr eine, die aus dem Bauch heraus schreibt. Wenn ich die Geschichte einer Protagonistin beginne, dann lasse ich mich dabei auf ganz viele Überraschungen ein. Jede Figur hat ein Umfeld, das einfach da ist, mit ihr lebt. Mir offenbart sich das beim Schreiben erst nach und nach. (Lacht) Oft vermag ich es auch gar nicht zu ändern, aber immerhin darf ich zumindest Regie führen. Es passiert mir immer wieder, dass sich das Umfeld auf seine eigene Weise verselbständigt. Es drängt sich in den Vordergrund. Will seine eigene Geschichte erzählen, die aber so gar nicht in meinen geplanten Plot passt.

Mögen Sie das an einem Beispiel konkretisieren?

Das erging mit bereits bei meinem allerersten Roman um die Freiburger Klinik so. Als ich die Geschichte von Doktor Katja Thalbach niederschrieb, verselbstständigte sich deren beste Freundin. Sie wollte mir ihre Geschichte ebenfalls erzählen. Also machte ich mich an den zweiten Band, sprich an die Geschichte von Viktoria Karl. Wie aus dem Nichts tauchte beim Schreiben noch dazu eine komplette Familie auf, die mir ebenfalls nicht mehr aus dem Kopf ging. Im Lauf der Zeit entwickelte sich aus meinem Freiburg-Roman eine Reihe mit sechs Bänden, die jeweils etwa 400 Manuskript-Seiten stark sind.

Wie kamen Sie auf die Idee, Kurzromane zu schreiben?

Band 1 der Kurzroman-Serie

Band 1 der Kurzroman-Serie “Aus Träumen werden Geschichten”

Ähnlich wie sich meine Serien ergeben, ist es mir auch mit den Kurzromanen ergangen. Den ersten beiden Bänden der Kurzroman-Reihe „Aus Träume werden Geschichten“ liegen zwei voneinander unabhängige Geschichten zugrunde, die für einen Schreibwettbewerb im Winter 2012 entstanden sind. Ich war nicht wirklich zufrieden damit. Pias Geschichte – auf 30 Seiten gepresst – wollte länger erzählt sein. Obwohl ich damals mit der Überarbeitung von „Gleichklang“ beschäftigt war, setzte ich mich hin und schrieb. Rund 140 Seiten. Dabei gewann Pia eine Freundin: Lexi. Hups, dachte ich mir – schon wieder eine Fortsetzung. Und dann begannen die Ideen nur so zu sprudeln. Inzwischen habe ich Fährten für etwa acht Bände gelegt.

Ihr Debüt „Gleichklang“ ist bei spiritbooks erschienen. Was hat Sie bewogen, Ihre Kurzroman-Serie „Aus Träumen werden Geschichten“ im Eigenverlag herauszubringen?

Nach den Erfahrungen mit der Freiburg-Reihe war mir klar, dass kein Verlag der Welt ein so „schmales Werk“ drucken würde. Und da ich von Haus aus sowieso der Typ „Selbst-ist-die-Frau“ bin, dachte ich mir, probiere es selbst. Ich bin gut darin, mich zu organisieren. Hier kommt mir höchstwahrscheinlich die logische Denke der Datenbank-Ingenieurin zugute, die mich ständig zwingt, alles Wichtige im Auge zu haben und dann sukzessive abzuarbeiten. Und: ich kann die Arme hochkrempeln und mich in eine neue Aufgabe stürzen. – Dadurch fällt auch Unbekanntes leichter und macht mehr Freude.

Wie ist Ihr Label “PCSbooks – Plots . Characters . Scripts” entstanden; was steckt dahinter?

Das waren zum einen rein pragmatische Gründe. Die Domain pcs-schmid.de existierte noch aus den Zeiten, als ich während meiner Elternzeit einen kleinen PC-Service betrieben habe. Ich wollte diese Domain nicht ändern und suchte nach einer Lösung. Die ließ sich dann recht schnell finden: Plots-Characters-Scripts. Da ich alles professionell aufziehen wollte, holte ich mir von einer Spezialistin Unterstützung. Die Web-Präsenz, das Logo und alle meine Cover stammen von  Corina Witte-Pflanz. Ich bin über die Zusammenarbeit mir ihr sehr glücklich. Wir verstehen uns nahezu ohne Worte.

Warum fahren Sie mit Print und E-Book zweigleisig?

Nichts kann jemals das Gefühl und den Geruch von Papier ersetzen. Alt oder neu, jedes gedruckte Buch ist ein Kunstwerk. Erfahrungsgemäß gehen die E-Books von Selfpublishern allerdings besser. Daher wollte ich beides anbieten.

Meinen Sie, dass dem E-Book die Zukunft gehört?

Ich bin da sehr zweigespalten. Inzwischen nutze auch ich ein Lesegerät, allerdings eher im Urlaub oder für Bücher, bei denen ich ahne, dass ich sie nur ein einziges Mal lesen werde. Hat mich mein Bauchgefühl betrogen und mir das Buch trotzdem gefallen, dann kaufe ich auch die gebundene Ausgabe. Ich bin altmodisch.

Sie arbeiten mit tredition zusammen. Warum haben Sie sich für diesen Dienstleister entschieden?

Ich habe mich in der einschlägigen Fachpresse kundig gemacht und kannte die Druckqualität von den Büchern her, die Ulrike Dietmann für spiritbooks bei tredition verlegt hat. Außerdem habe ich auf der Frankfurter Buchmesse ausführliche Gespräche mit den Verantwortlichen geführt. Überzeugt hat mich Anna Fleck, die bei tredition u.a. für die Kundenbetreuung zuständig ist. Schlussendlich war aber die Qualität der Bücher entscheidend.

Waren andere Anbieter wie etwa Create Space von Amazon, BoD oder epubli für Sie nie eine Option?

Anfangs habe ich noch mit dem Gedanken gespielt, die E-Books in Eigenregie bei Amazon zu veröffentlichen. Davon bin ich aber wieder abgekommen, weil tredition alle Formate und den globalen Handel bedient.

Welche verlegerischen Dienstleistungen nimmt Ihnen tredition ab?

(lacht) Den Buchdruck. Außerdem geht von tredition eine Pressemitteilung an den kompletten deutschen Buchhandel und sie machen Werbung für meine Titel auf ihren Seiten. Und nicht zuletzt übernehmen sie die Umwandlung der E-Books in alle gängigen Formate.

Wie zufrieden sind Sie mit der Zusammenarbeit?

Sehr zufrieden! Fragen werden sofort, nahezu postwendend beantwortet. Ich habe einen direkten Ansprechpartner. Fehler, so sie denn passieren, werden sofort ausgemerzt. Und sie unterstützen mein Buch-Marketing; etwa dadurch, dass sie meine Aktionen auf ihrem Facebook-Profil teilen.

Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?

das Logo

das Logo

Für meine E-Books würde ich über tredition gerne kleinere, kurzfristige Marketingaktionen initiieren können. Die Erfahrung hat gezeigt, dass der Absatz dadurch anzieht. Außerdem würde ich mir wünschen, den Buchpreis flexibler gestalten zu können. Die Fixkosten sind relativ hoch. So man mit seinen Büchern etwas verdienen möchte, wird man nie mit den Preisen mithalten können, die für ein „normales“ Taschenbuch in der Seitenstärke meiner Kurzromane verlangt werden. Für ein Buch mit 220 Seiten 12,99 Euro haben zu wollen, halte ich für grenzwertig. Das überlege ich mir doch drei Mal, ob ich so viel dafür ausgeben möchte. Im Selfpublisher-Bereich liegt die Hemmschwelle – kaufe ich, kaufe ich nicht? – meines Erachtens bei zehn Euro.

Viel hängen bleibt da wohl nicht?

(lacht) An „Herbststürme“ – Band 1 meiner Kurzroman-Reihe „Aus Träumen werden Geschichten“, der den Leser 8,99 Euro kostet – verdiene ich 25 Cent pro gedrucktes Buch. Da muss ich schon sehr viele Exemplare verkaufen, um davon leben zu können.

Rechnet sich die Zusammenarbeit mit tredition für Sie dennoch?

Bisher rechnet es sich tatsächlich. Nehme ich 50 Bücher ab, dann fallen für die Veröffentlichung keine Kosten an.

Worauf sollte man bei der Zusammenarbeit mit BOD-Verlagen besonders Acht geben?

Die Qualität der Bücher (Einband, Layout, Stärke des Papiers) muss stimmen. Die Software zum Einstellen der Bücher muss bedienerfreundlich sein. Der Autorenvertrag muss der Norm entsprechen.

Was würden Sie nach Ihren bisherigen Erfahrungen als Selfpublisherin heute anders machen?

Eigentlich nichts. Ich genieße es, für meine Cover und das Layout mitverantwortlich zu sein und scheue auch die viele zusätzliche Arbeit nicht, die neben dem Schreiben anfällt.

Wo sehen Sie für Selfpublisher die größten Herausforderungen?

Kontrolle muss sein! Als Selbstpublisher steht man unter scharfer Beobachtung. Fehler können einem gleich beim ersten Buch das Genick brechen. Schon von daher ist ein Lektorat meines Erachtens zwingend notwendig. Ein Blick zu viel, schadet nie. Es ist ein Haufen Arbeit, aber es macht unheimlich Spaß und Freude. Allemal, wenn man dann endlich – nach der vielen Plackerei – sein fertiges Werk in Händen hält.

Was sollte sich ein Selbstverleger abschminken?

Reich zu werden und einen Spiegel-Bestseller-Rang zu ergattern.

Im Buchhandel tun sich Publikationen von Selfpublishern bekanntlich schwer. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Sonderedition der Kurzroman-Reihe

Sonderedition der Kurzroman-Reihe

Ich kam mir schlichtweg vor, als würde ich saure Äpfel anbieten. Abgesehen von zwei Buchhandlungen zeigte im gesamten Umkreis meiner Heimatstadt keiner Interesse, meine Bücher auszulegen. Bei meinen Besuchen in den Buchläden musste ich vielfach abfällige Bemerkungen einstecken wie: „Scheiben kann heutzutage jeder.“ „Wir nehmen nur Spitzenautoren.“ Das habe ich genau acht Mal persönlich versucht, danach via E-Mail. Inzwischen denke ich mir meinen Teil. In meinem Heimatort liegen meine Titel bei Wunderkind & Naseweis aus. Die Buchhandlung One im Nachbarort Gerlingen unterstützt mich ebenfalls.

Wie sehen Sie das: Krempelt Selfpublishing den Buchmarkt um?

Vermutlich schon. Allerdings müssen wir erst einmal abwarten, was noch so alles kommt. Verlage setzen inzwischen auch auf das Pferd, Amazon steht im Kreuzfeuer der Kritik, der Buchmarkt unter Druck. Es bleibt spannend.

Gesetzt den Fall, dass Ihnen ein eingeführter Publikumsverlag ein Angebot unterbreitet. Würden Sie sich darauf einlassen?

Eine sehr schwierige Frage. Ich weiß es nicht. Ich fühle mich bei spiritbooks mit den großen Romanen und bei tredition in Eigenregie sehr gut aufgehoben. Würde ein Publikumsverlag bei mir anklopfen, dann müsste ich schwer mit mir kämpfen. Eigentlich eher nein! Beziehungsweise allenfalls dann, wenn ich ein Mitspracherecht beim Layout, der Covergestaltung und der Titelei hätte. – Das käme dann wohl einer Sensation, bestenfalls sogar einer kleinen Revolution gleich(lacht). Spaß beiseite: Mir ist sehr daran gelegen, dass Inhalt-Titel-Layout eine Einheit bilden. Dafür stehe ich als Autorin gerade, das ist mein Markenzeichen.

Was planen Sie in naher Zukunft?

Im Eigenverlag werden Fortsetzungen meiner Kurzroman-Reihe „Aus Träumen werden Geschichten“ erscheinen; Band 3 „Hitzeschlag“ spätestens Ende des Jahres. Gemeinsam mit Lea Korte feile ich derzeit an meiner Serie rund um die Kriminalkommissarin Sina Roth. Außerdem sieht Ulrike Dietmann vor, mit mir ein neues Projekt anzugehen.

Lassen Sie mich wissen, um was es geht?

Ich verrate sicher nicht zu viel, dass es sich um die Freiburger Reihe handelt, die wird wohl doch noch zum Buch. Insofern von Ulrike Dietmann irgendwann das GO kommt.

Danke für das Gespräch. Die Ideen gehen Ihnen jedenfalls nicht aus…

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Im abschließenden Teil unseres Gespräches möchte ich von Gabriele Schmid wissen, was es alles braucht, um als Autorin Fuß zu fassen.

In der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” standen bereits Rede und Antwort:  Jando, Petra van Cronenburg, Petra Röder, Nicole Sowade aka Miss Januar, Jan-Uwe Fitz aka Vergraemer, die Sachbuch-Autorin Sonya Winterberg, der Berner Shooting-Star Patric Marino, Wilhelm Ruprecht Frieling, im Social Web als Prinz Rupi bekannt, der Selfpublisher Michael Meisheit und der Lyriker Jost Renner. –  Stets geht es darum, wie die befragten Autoren die Entwicklungen infolge der Digitalisierung einschätzen, welche neuen Wege sie nutzen und wo sie Chancen und Risiken sehen.

Der Traum vom eigenen Buch. SteglitzMind fragt bei Gabriele Schmid nach

Gabriele Schmid kontaktierte mich und wir führten diverse Gespräche. Sie schreibt seit ihrer Jugend. Serien, Liebesgeschichten, die allesamt im Süddeutschen spielen, wo sie sich verwurzelt fühlt. 2010 fasst sie den Entschluss, ihr Hobby zu professionalisieren. Sie steckt sich das ehrgeizige Ziel, den ersten Band einer lange gereiften Serie rund um eine Freiburger Privatklinik an einen Verlag bzw. einen Agenten zu bringen. Aber: Es hagelt Ablehnungen.

Gabriele Schmid lässt sich nicht entmutigen. Sie arbeitet an einem neuen Manuskript, absolviert Schreibschulen und lässt sich von erfahrenen Autorinnen coachen. Von Ulrike Dietmann, die an ihrer Pegasus-Schreibschule auch eine zertifizierte Ausbildung zur Roman-Autorin anbietet. Zum ordentlichen Abschluss gehört die Veröffentlichung eines Romans. Und von Lea Korte, die Online-Autorenkurse anbietet. Nun geht es Schlag auf Schlag.

Gabriele Schmid nimmt eine erstaunliche Entwicklung, die ohne die Umwälzungen auf dem Buchmarkt so schwerlich möglich gewesen wäre. Für ihren Traum vom eigenen Buch hängt sie sogar ihren Job als Datenbank-Ingenieurin in einer renommierten Stuttgarter Anwaltskanzlei an den Nagel. Die Ausbildung an der Pegasus-Schreibschule endet im November 2013 mit ihrem Romandebüt Gleichklang – eine turbulente Liebesgeschichte, in die Gabriele Schmid ihre Alltagserfahrungen mit ihrem hämophilen Sohn einfließen ließ. Der Roman erscheint als E-Book und gedruckt bei spiritbooks. Und noch ein Wunsch erfüllt sich: Vom Erlös eines jeden verkauften Buches fließt jeweils ein Euro an die Deutsche Hämophiliegesellschaft.

Wenige Wochen nach Erscheinen ihres Erstlings legt Gabriele Schmid im Eigenverlag nach. Unter dem Label PCSbooks (Plots. Characters.Scripts) erscheinen in kurzen Abständen die ersten beiden Bände ihrer Kurzromanreihe Aus Träumen werden Geschichten, deren Plots in Mittsingen spielen, einem fiktiven Ort in Baden-Württemberg. In Vorbereitung ist Band 3 „Hitzeschlacht“. Außerdem feilt Gabriele Schmid derzeit gemeinsam mit Lea Korte an einer Serie rund um die Kriminalkommissarin Sina Roth.

Ich habe bei der umtriebigen Autorin nachgehakt. Im ersten Beitrag geht es heute um Schreibschulen, was sie bringen und worauf man bei der Wahl achten sollte. Unser zweites Gespräch dreht sich um den Selbstverlag PCSbooks und abschließend möchte ich von Gabriele Schmid erfahren, was es alles braucht, um als Autorin Fuß zu fassen.

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Reicht handwerkliches Können aus, um als Autorin zu reüssieren?

Leider nicht. Freilich geht ohne das richtige Rüstzeug gar nichts! Aber selbst wenn man alles tut, um voranzukommen, braucht man auch ein Quäntchen Glück. Auch das Vermögen, sich immer wieder neu zu motivieren, darf nicht fehlen. Und vor allem braucht es das nötige Selbstvertrauen und nicht zuletzt der Glaube an sich selbst.

Gabriele Schmid  © Nicole Geck

Gabriele Schmid © Nicole Geck

Warum haben Sie sich für die Pegasus-Schreibschule von Ulrike Dietmann entschieden?

Aus ganz pragmatischen Gründen: Aufgrund von Patricks Krankheit…

Ihr Sohn leidet unter Hämophilie A, einer angeborenen Bluterkrankheit. Selbst geringfügige Verletzungen können zu lang anhaltenden, starken Blutungen und später zu irreparablen Folgeschäden führen.

Genau. Erfahrungen, die ja auch in meinen Roman Gleichklang eingeflossen sind. Aufgrund seiner Erkrankung wollte ich nicht allzu weite Entfernungen in Kauf nehmen. So habe ich mich hauptsächlich nach Schulungsmöglichkeiten im Stuttgarter Raum umgesehen und bin – mehr durch Zufall – auf die Pegasus-Schreibschule gestoßen. Die Webpräsenz sprach mich sofort an. Super, dachte ich, gleich um die Ecke! Noch am selben Tag habe ich Kontakt mit Ulrike Dietmann aufgenommen, die sich dann auch sogleich mit mir in Verbindung setzte.

 Was bietet die Pegasus-Schreibschule?

Ulrike Dietmann bietet zweitägige Schulungen unter anderem in Zusammenarbeit mit Schreibfluss von Jurenka Jurk, die mehr in die spirituelle Richtung gehen, das notwenige Rüstzeug wie Heldenreise, Plottrainung usw. allerdings nie außer Acht lassen. Trotz der Tatsache, dass nur sechs Teilnehmer pro Kurs angenommen werden und auf jeden Einzelnen persönlich eingegangen wird, können zweitägige Schulungen natürlich nur an der Oberfläche der einzelnen Schreibvorhaben kratzen. Vertieft werden die Projekte dann in einer engeren Zusammenarbeit, dem Coaching. Hier wird die Theorie, die man sich in den Schulungen angeeignet hat, in der Praxis umgesetzt, das heißt konkret: an den jeweiligen Romanvorhaben.

Wie viele Schulungen muss man durchlaufen, um beim Coaching teilnehmen zu können. Und: Was kostet mich das?

Das läuft unabhängig von einander. Die Schulungen kosten jeweils 300 Euro, das Coaching wiederum wird nach einem Stundensatz abgerechnet. Man muss die Ausbildung nicht komplett absolvieren. Ich habe inzwischen einige Autoren kennengelernt, die gar nicht das Ziel verfolgen, einen Abschluss zu machen. Sie wollen sich lediglich inspirieren lassen.

Die Pegasus-Schreibschule bietet auch eine zertifizierte Ausbildung zum Romanautor an. Was zeichnet eine zertifizierte Romanautorin aus?

Das beschreibt Ulrike Dietmann so:

Eine zertifizierte Romanautorin kann

  • professionell lektorierte Prosa schreiben
  • weiß, wie Spannung in einer Geschichte und in einer einzelnen Szene entsteht
  • kann eine Vielfalt von Gefühlen authentisch ausdrücken
  • kann lebendige Figuren schreiben und mit Worten eine eigene Wirklichkeit entstehen lassen, die den Leser in ihren Bann zieht

Und schließlich gehört auch das dazu: Sie bringt ein Projekt zu Ende, und zwar bis hin zur Veröffentlichung.

Meinen Sie, dass ihr Debüt „Gleichklang“ ohne Schulungen und Schreibcoaching jemals Druckreife angenommen hätte?

Ich denke, irgendwann vermutlich schon – allerdings bestimmt nicht in dieser Qualität und schon gar nicht in dieser kurzen Zeit. Gemeinsam mit Ulrike Dietmann habe ich Teile gestrichen, die überflüssig waren und andere Teile dafür ausgebaut, die bisher brachlagen. Dies zu erkennen, dazu fehlte mir damals noch das Knowhow.

War der kasus knaxus etwa ein anderer Blick auf das Manuskript, den Ulrike Dietmann erst möglich machte?

das Debüt bei spiritbooks

das Debüt bei spiritbooks

Schwierige Frage. Eigentlich hat sie nur die Schwachstellen erkannt und mir diese aufgezeigt. Richtig kritisiert hat sie nie. Wir haben viel miteinander telefoniert. Ich habe danach umgeschrieben und wir haben die entsprechenden Passagen abermals besprochen. Manches habe ich danach wieder geändert.

Aber, wenn ich ehrlich bin, habe ich mir ihre Ideen nur angehört und diese dann reifen lassen. Quasi aus dem Bauch heraus entstanden dann Neue. Bei meinem ersten Buch war mir sehr wichtig, dass komplett alles aus mir herausgeflossen ist. Ulrike ließ mir freie Hand. Was auch zeigt, dass sie enormes Vertrauen in mich hatte. Dafür bin ich ihr sehr dankbar – sie wollte mich oder meine Ideen nie verbiegen. Das betraf auch den Titel „Gleichklang“, den ich unbedingt haben wollte. Sie war anfangs nicht glücklich damit, ließ mir aber meinen Willen.

Mit dem Aufkommen des Selfpublishings wachsen Schreibschulen für Jungautoren wie Pilze aus dem Boden; selbst Verlage satteln auf den Trend auf. Worauf sollte man bei der Auswahl besonders Acht geben?

Meines Erachtens ist bereits der erste Eindruck wichtig. Missfällt mir der Internetauftritt oder muss ich lange nach einer Information suchen, dann ist für mich dieses Angebot meist schon gestorben. Vor allem aber, muss man einen Draht zum Dozenten oder der Dozentin aufbauen können. Stimmt die Chemie nicht, wird man keinen Zugang finden.

Das Annehmen von Kritik fällt den meisten Menschen schwer. Wie ist es Ihnen ergangen, als Ihr Manuskript auf dem Prüfstand stand?

Das hat mich selbst überrascht! Ich konnte ganz nüchtern damit umgehen, denn nicht die Buchidee oder der Plot wurden kritisiert, sondern lediglich einzelne Teile daraus. Natürlich war ich von manchen Vorschlägen, die Ulrike gemacht hat, nicht unbedingt begeistert. Aber ich ließ sie mir zumindest durch den Kopf gehen.

Kritik bedeutet ja nicht unbedingt, dass etwas schlecht ist. Mich spornt Kritik an, etwas anschaulicher zu beschreiben oder eine Handlung stimmiger zu formen. Testleser oder etwa das Autoren-Forum, das Lea Korte anbietet, sind wertvolle Hilfen. Im Autoren-Forum kann ich Passagen, die mir besonders gut oder gar nicht gefallen, einstellen und von anderen kommentieren lassen. Dabei mache ich immer wieder die erstaunliche Erfahrung, wie unterschiedlich Menschen ein und dieselbe Situation interpretieren. Als Autorin hilft mir Kritik, besser zu werden – als Mensch kann ich eher weniger gut damit umgehen.

Es heißt ja, Austausch, Inspiration und Kritik – das geht nirgends so intensiv wie an Schreibschulen. Würden Sie dem zustimmen?

Unbedingt. Mit acht weiteren Autoren habe ich Mitte Mai eine Schreibwoche unter der Leitung von Lea Korte in Spanien besucht. So viel konstruktive und faire Kritik wie in diesen Gruppen habe ich in meinem bisherigen Berufsleben nicht erfahren. Neid war hier ein absolutes Fremdwort.

Im Rahmen Ihrer Danksagung an Ulrike Dietmann schreiben Sie: „Hier wusste jemand ganz genau, was es heißt, ständig mit Geschichten im Kopf unterwegs zu sein und nicht zu wissen, wie man sie los wird. Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Man schreibt sie nieder, um anderen Menschen eine Freude zu machen. Das Schwierigste dabei ist nicht, dies zu tun, sondern endlich den Mut dazu zu finden, auch darüber zu reden.“ Mögen Sie diese Aussage etwas konkretisieren?

Ich selbst habe nie darüber geredet, dass ich fortwährend Geschichten im Kopf habe oder Stoffe aus Filmen und Büchern weiterspinne. Für mich war es tatsächlich der schwerste Schritt, dafür gerade zu stehen und meiner Familie und meinen Bekannten zu eröffnen, dass ich Bücher schreiben möchte.

 Wie wurde auf Ihr Bekenntnis reagiert?

Überwiegend positiv, was mich immer noch überrascht. Ich hatte mit Erstaunen oder Zweifel gerechnet.

Ihren Erstling „Gleichklang“ publizierte Ihre Mentorin Ulrike Dietmann in ihrem eigenen Verlag spiritbooks. Wie kam es zu der Entscheidung?

Nach Abschluss der Manuskriptarbeiten kam von Ulrike Dietmann ein klares GO mit zwei Optionen: Entweder erarbeiten wir gemeinsam ein hieb- und stichfestes Exposé nebst Anschreiben für Verlage und Agenten. Oder eben das Angebot, in ihrem Verlag – mit weniger Vergünstigungen – zu veröffentlichen. Für mich fiel die Entscheidung innerhalb weniger Sekunden.

Was bedeutet: mit weniger Vergünstigungen?

Kein Vorschuss, lediglich eine Umsatzbeteiligung, kein breites Marketing. Dafür muss der Autor seinen Teil tun. Wobei: das ist inzwischen ja gängig, dass Autoren das in die eigene Hand nehmen müssen.

Sie haben außerdem Onlinekurse absolviert, die Lea Korte Autoren anbietet…

Spontane Kaffeeidee – ich las von den Online-Autorenkursen und dachte mir, das packe ich obendrauf, dann wird das rund.

 Inwiefern unterscheiden sich die Angebote von Dietmann und Korte?

Lea Korte steigt noch tiefer in die jeweiligen Schreibprojekte ihrer Teilnehmer ein. Die Skripte sind ausführlicher und mit vielen, vielen Beispielen unterlegt. Jeder Einzelne arbeitet gezielt an seinem Romanprojekt, das anfangs sowohl Lea Korte wie der Gruppe vorgestellt wird. Pro Monat sind zwei Lektionen zu bearbeiten und mehrere Szenen zu schreiben. Diese gehen an Lea und kommen von ihr kommentiert zurück. Dann geht es ans Überarbeiten. Erst danach wird der Text den anderen im Forum präsentiert und dort diskutiert. Erstaunlich, wie vielen Logikfehlern und anderen Unstimmigkeiten man bei den Diskussionen noch auf die Spur kommt. Abschließend kommentiert Lea jede Szene erneut.

Wie viele Teilnehmer hatte Ihr Kurs?

In meinem Kurs waren wir zeitweise bis zu 13 Teilnehmer. Allerdings haben nur acht davon konsequent bis zum Schluss durchgehalten. Die Onlinekurse von Lea Korte setzen schon einiges an Selbstdisziplin und Fleiß voraus. Das fiel auch mir nicht immer leicht, die Hausaufgaben neben Beruf, Familie und der Überarbeitung von „Gleichklang“ zu stemmen. Manches Mal war ich kurz davor, Sina Roth ins Eck zu werfen.

Neben Ulrike Dietmann lassen Sie sich inzwischen auch von Lea Korte coachen…

Das hat sich aufgrund des Online-Kurses einfach so ergeben. Nach dessen Abschluss kann ich mich bei Lea Korte nur noch über das Coaching und im geschlossenen Forum weiterbilden.

Heißt es nicht, viele Köche verderben den Brei?

Da ich sowieso beständig an mehreren Projekten gleichzeitig arbeite, ist das für mich sogar eine Erleichterung, für meine verschiedenen Projekte unterschiedliche Ansprechpartner zu haben. Mir liegt das, mit unterschiedlichen Menschen-, Autoren- und Dozententypen zu arbeiten. Einerseits profitiere ich von Ulrikes ruhiger, überlegter Art, andererseits von Leas übersprudelnder, spontaner Arbeit. Das ist äußerst spannend. Ich möchte weder das eine, noch das andere missen. Im Gegenteil: Bei Ulrike Dietmann werde ich jährlich mindestens ein weiteres Training besuchen; bevorzugt das Schamanische Reisen. Das bringt mir pure Inspiration.

Der Ansatz der Pegasus-Schreibschule legt nahe, dass Sie Schreiben für einen spirituellen Prozess halten…

(lacht) Das kann meine Familie nur bestätigen. Wenn ich schreibe, bin ich definitiv in einer anderen Welt. So es rundläuft. Man beamt sich quasi zu seinen Protagonisten und lässt sie leiden, lieben … Es fließt aus einem heraus, ohne das man nachdenken, planen muss. Die Personen verselbständigen sich und die Handlungen passieren einfach – wie Magie! Manches Mal tauche ich ungerne aus dieser Welt wieder auf. Beim Überarbeiten kann ich oftmals nicht fassen, dass ich das geschrieben haben soll, was da auf dem Papier steht.

Mit Lea Korte arbeiten Sie an den Kriminalgeschichten rund um die 32-jährige Kommissarin Sina Roth. Band 1 soll zum Jahresende unter dem Pseudonym Lexi Frey erscheinen. Warum nicht unter Ihrem Namen?

Ein kleiner Gag, den ich mir erlauben will: Wer die Bände „Herbststürme“ und „Sternschnuppen-Regen“ aus meiner Kurzroman-Serie rund um den fiktiven Ort Mittsingen kennt, kennt auch Lexi Frey.

Die Buchhändlerin, die Krimis für die Schublade schreibt…

Exakt. Ich meine, ein anderes Genre zieht auch einen anderen Namen nach sich. Gabriele Schmid steht ja eher für Liebe.

Sehen Sie vor, auch weiterhin in Ihre Ausbildung als Romanautorin zu investieren?

Abgesehen von den bereits genannten Vorhaben bei Ulrike Dietmann möchte ich mich als Krimi-Autorin weiterbilden. Hierzu suche ich noch passende Schulungsmöglichkeiten. Derzeit allerdings besteht mein vorrangiges Ziel darin, meinen Platz als Autorin zu festigen.

Dazu kommen wir noch. Für heute: Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, eine Menge Fragen rund um Autorenschulen zu beantworten.

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In der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” standen bereits Rede und Antwort:  Jando, Petra van Cronenburg, Petra Röder, Nicole Sowade aka Miss Januar, Jan-Uwe Fitz aka Vergraemer, die Sachbuch-Autorin Sonya Winterberg, der Berner Shooting-Star Patric Marino, Wilhelm Ruprecht Frieling, im Social Web als Prinz Rupi bekannt, der Selfpublisher Michael Meisheit und der Lyriker Jost Renner. –  Stets geht es darum, wie die befragten Autoren die Entwicklungen infolge der Digitalisierung einschätzen, welche neuen Wege sie nutzen und wo sie Chancen und Risiken sehen.

SteglitzMind stellt Anubis mit „Lake Hermanstadt“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Heute lernen wir Christoph aka Anubis mit dem Blog Lake Hermanstadt etwas näher kennen. Vorgeschlagen hatte das Frank Böhmert, der unter eben diesem Namen bloggt.

Dein Steckbrief in Stichworten…

Außerhalb des Internets heiße ich Christoph Jarosch. Seit ein paar Jahren wohne ich in Hamburg (davor war es Buenos Aires, davor verschiedene Städtchen in Hessen). Am Wochenende bin ich meist in Rostock zu finden, denn dort lebt der Mensch, mit dem ich Glückspilz verheiratet bin. Ich studiere Theologie, nachdem ich zuvor eine Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht habe. Und ich lese viel.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

Vor fünf Jahren habe ich angefangen. Nach einer Weile kam Eosphoros dazu, der ebenfalls auf Lake Hermanstadt schreibt. Als ich Anfang 2009 auf die Idee kam, ein Blog anzulegen (und es nach dem imaginären Karpatengewässer zu benennen, an dessen Ufer sich laut Stokers Roman die Universität befand, an der Graf Dracula studierte), fiel die Wahl für Blogger als Plattform eher zufällig. Blogger erschien mir leicht zu bedienen. Heute würde ich mich – um unabhängiger zu sein und mehr Gestaltungsmöglichkeiten zu haben – sicherlich anders entscheiden.

Christoph aka Anubis © privat

Christoph aka Anubis © privat

Ich schreibe über Literatur, weil es das Thema ist, über das ich mich am liebsten äußere. Da ich das nicht professionell, sondern zum Vergnügen mache, ist ein Blog das ideale Medium, denn es bringt vergleichsweise wenige Einschränkungen des Ausdrucks und der Themenwahl mit sich (neben denen, die ich mir selber setze). Über meine Lektürevorlieben zu bloggen, ist für mich das Äquivalent zu den persönlichen Bücherregalen, die man manchmal in lange bewohnten Zimmern findet: Man ist bei irgendjemandem zu Besuch und fragt sich, warum die Person einen Band über Gartenbaukunst zwischen Wolfgang Herrndorf und ein zerfleddertes Exemplar von Alice im Wunderland gestellt hat. Die Bücher sind – in ihrer Anordnung im Regal, ihrem Zustand und so weiter – dadurch vereint, dass sie durch die Hände einer bestimmten Person gegangen sind. Büchersammlungen können ein faszinierender Ausdruck von Idiosynkrasie sein. Und noch schöner ist, über sie zu bloggen und andere mit der eigenen Lektüre anzustecken.

Hinzu kommt bei mir noch etwas anderes: Ich bin eher schüchtern und versponnen. Beim Bloggen kann ich meiner polemischen Seite freien Lauf lassen, die ich sonst oft unterdrücke. Dabei heißt Polemik für mich vor allem Parteilichkeit. (Kritik ist eine moralische Sache, wie Walter Benjamin sagte.) Mit Verrissen um des Verreißens willen kann ich dagegen nichts anfangen.

Deine Themenschwerpunkte…

Es geht vor allem um phantastische Literatur, angefangen von der Gothic Romance und dem Kunstmärchen der Romantik bis zur heutigen Fantasy. Aufmerksam werde ich insbesondere dann, wenn Hochliteratur und Genre, Kinder- und Erwachsenenbücher aufeinandertreffen (beispielsweise im Werk von Autorinnen wie Jeanette Winterson und A.S. Byatt). Viele Interessen teile ich mit meinem Mitblogger Eosphoros, daneben haben wir aber auch jeweils eigene Schwerpunkte: Eosphoros rezensiert z.B. gern Hörbücher. Ich schreibe viel über politische Kontroversen innerhalb des Fantasy-Fandoms.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Es treibt mich nicht gerade um, aber: In Deutschland ist jede Literaturdebatte begrüßenswert, die sich nicht darum dreht, dass Walser oder Grass wieder einmal etwas unsagbar Blödes von sich gegeben haben. Oder darum, dass Heidenreich sich über die Bestsellerlisten ereifert. Die Debatte über Realismus und Diversität in der deutschsprachigen Literatur, die zu Beginn des Jahres geführt wurde, fanden viele überflüssig, aber ich habe sie mit Interesse verfolgt.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Ich verlinke sie auf Twitter und Facebook. Updates im Blog werden auch auf den Seiten von HDRF.de angezeigt, einem Fan-Portal, das u.a. die freie Tolkien-Enzyklopädie Ardapedia betreibt. Beifall und Kritik kommen aber hauptsächlich von Leuten, die Lake Hermanstadt regelmäßig besuchen. Danke dafür.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Glauben, dass die Blogosphäre spätestens morgen die etablierte Presse ersetzt haben wird. Das erinnert mich immer an Leute, die meinen, durch individuelle Konsumentscheidungen das Verhalten von Konzernen ändern zu können.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Ich finde es wichtig, sich in der Literaturblogszene zu solidarisieren, wenn es zu Mobbing oder verbalen Übergriffen kommt. Es gibt leider mehr als einen Autor, der auf mackerig-aggressive Weise seine Vanity-Press-Veröffentlichungen zu bewerben versucht und dabei ausfällig wird. Dahinter steht natürlich keine Schwierigkeit, die für das Bloggen spezifisch ist, sondern ein gesellschaftliches Problem.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger…

In eine neue Stadt ziehen und gleich Leute treffen, die mich kennenlernen wollen, weil sie mein Blog lesen.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Ich nehme das Angebot nur an, wenn mich das Buch ohnehin interessiert. Es würde mich schnell langweilen, meine Lektüre auf Neuerscheinungen zu beschränken – und mein Bloggen. Über Genregeschichte, Literaturdebatten und diesen oder jenen Klassiker zu schreiben, macht mir oft mehr Spaß. Trotzdem werden auf Lake Hermanstadt regelmäßig eklektisch ausgewählte Bücher rezensiert.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self-Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Die lehne ich ab. Nicht, weil ich selbstpublizierte Titel pauschal für schlecht hielte (ich weiß, dass es da lesenswerte Sachen gibt), sondern weil ich gar nicht allen Angeboten nachkommen könnte. Nur einige selbstpublizierte Titel zu besprechen und andere nicht, fände ich (nicht als Leser, aber als Kritiker) intransparent gegenüber einer Sparte, der vor allem eins fehlt: zuverlässige Kriterien, wann ein Text veröffentlichungswürdig ist und wann nicht. Insofern begrüße ich eine Initiative wie Qindie.

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Ich hätte gerne schon als Kind einen Reader gehabt. Dann hätte ich nicht Nacht für Nacht mit der einen Hand ein Buch und mit der anderen eine funzelnde Taschenlampe umklammern müssen. Hierzu gibt es auch eine Nachricht von Eosphoros: Er liebt das E-Book an sich, wünscht sich aber, dass sie genauso sorgfältig und professionell hergestellt und gestaltet werden wie Printbücher. E-Books voll mit Fehlern sind ein Ärgernis, vor allem wenn man keine Reklamationsansprüche geltend machen kann.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Skalpell und Katzenklaue ist eine schier unerschöpfliche Fundgrube zu Weird Fiction, dem phantastischen Film und vielem mehr. Schade finde ich, dass Golem – Journeys Through the Other Space, ein Blog über Surrealismus und andere interessante Dinge, seit etwa einem Jahr nicht mehr gepflegt wird. Auf Jakobs Blog gibt es scharfsinnig analysierende, brillant geschriebene Rezensionen. Das noch recht neue Epi(b)log von Simone Heller kann ich mir schon jetzt kaum mehr wegdenken aus der deutschsprachigen Blogosphäre. An sie würde ich gerne den Stab weiterreichen. Simone steht auch hinter dem Rezensionsportal Bibliotheka Phantastika, mit einem ebenfalls empfehlenswerten Gemeinschaftsblog.

Danke sehr, schön dass du hier dabei bist.

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Zuletzt stellte sich Frank Duwald mit dandelion | abseitige Literatur vor. Seine Wunsch-Interviewpartnerin kiyaliest. – Eine Übersicht über die 75 Blogger und Bloggerinnen, die bislang Rede und Antwort standen, und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier

SteglitzMind stellt Frank Duwald mit „dandelion“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Heute lernen wir Frank Duwald mit dandelion | abseitige Literatur kennen. Vorgeschlagen hatte das Petra Gust-Kazakos, die Philea’s Blog pflegt.

 Dein Steckbrief in Stichworten…

Geboren 1965. Technische Ausbildung. In einem Beruf tätig, der nichts mit Literatur zu tun hat. Schreibe seit ca. dreißig Jahren Buchrezensionen und Artikel, zu prä-Internet-Zeiten erst in Fanzines, dann in eher semi-professionellen und auch kommerziellen Literatur-Magazinen.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

Ich blogge seit April 2013 mit dandelion. Ich nutze WordPress und habe es nie bereut, diese Wahl getroffen zu haben. WordPress ist sehr intuitiv zu bedienen, bietet viele nützliche Features, und die interne Vernetzung mit anderen Blogs ist einfach ausgezeichnet. War aber purer Zufall, dass ich WordPress genommen habe.

Deine Themenschwerpunkte?

Der alte Untertitel von dandelion – „phantastische Literatur“ – schien für die meisten Leser irreführend zu sein, da oft pure Fantasy etc. dahinter vermutet wurde. Tatsächlich stand für mich dieses Label aber eher für „außergewöhnliche Literatur“. Inzwischen habe ich den Titel in dandelion | abseitige Literatur geändert, womit ich mich sehr viel wohler fühle.

Frank Duwald @ Jana Duwald

Frank Duwald @ Jana Duwald

Mein übergeordneter Themenschwerpunkt ist zunächst: Alles, was ich gern lese. Ich rezensiere in dandelion nur Werke, die ich persönlich für gut erachte, egal, ob sie klassisch oder modern sind und auch egal, ob sie einem bestimmten Genre angehören oder nicht. Solche Kategorisierungen mögen für Verlage und Buchhändler wichtig sein – für mich sind sie es nicht. Für mich gibt es grob gesehen nur die Klassifizierung „gut“ oder „schlecht“. Ebenfalls keine Trennung mache ich in Bezug auf die Erscheinungsform des jeweiligen Textes. Ich rezensiere Romane genauso wie Kurzgeschichten, Erzählungen und Novellen, die in Anthologien, also nicht als eigenständige Publikation, erschienen sind. Für mich macht auch das keinen Unterschied. Die Texte unterscheiden sich erst einmal nur in ihrer Länge. Letztlich zählt auch hier für mich ausschließlich die Qualität.

Für Verrisse ist mir meine ohnehin knappe Freizeit einfach zu schade. Man könnte daher dandelion eher als einen persönlichen Literatur-Empfehlungsblog sehen. Hinter diesem Konzept haben sich natürlich durchaus einzelne Themenschwerpunkte herauskristallisiert. So habe ich ein Faible für viktorianische Literatur, insbesondere die klassische englische Geistergeschichte sowie die gothic novel. Ich liebe diese romantische Stimmung von efeuüberwachsenen Gemäuern. Außerdem ist es mir immer wieder ein großes Vergnügen, den unermesslichen sexuellen Subtext dieser von sexuellen Repressalien gepeinigten Generationen zu entkodieren.

Daneben halte ich verstärkt nach anspruchsvollen Liebesgeschichten Ausschau, was wohl auf das Konto des Romantikers in mir geht. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich die Klassiker den modernen Werken vorziehen. In einem Großteil der zeitgenössischen Literaur fehlt mir die Gemächlichkeit und der Detailreichtum, mit der zunächst einmal in aller Ruhe der Handlungsrahmen und die Charaktere entwickelt werden. Ganz pauschal gesagt sind die Klassiker oft zwar etwas zäher zu lesen als moderne Romane, dafür wirken sie im Kopf und im Herzen aber viel länger nach.

 Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Ich bin nicht sehr auf dem Laufenden, was das betrifft. Was aber immer wieder diskutiert wird, ist ja „Buchhandel vs. Amazon“. Ich finde die Idee einer mit Büchern vollgestopften Buchhandlung ja sehr erstrebenswert, und ich unterstütze das, wo ich nur kann. Aber, wenn ich (wie es mir leider schon oft passiert ist) einen wirklich allbekannten Klassiker kaufen möchte, dafür zehn Kilometer zur nächsten Buchhandlung fahren muss, letztendlich ich den Buchhändler berate, nur um zu erfahren, dass das Buch erst noch bestellt werden muss, dann bin ich schon manchmal in der Versuchung bei Amazon aufs Knöpfchen zu drücken und auf den Postboten zu warten…

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Hauptsächlich über die üblichen Kanäle. Facebook bringt mir bei jedem Posting eine konstant kleine Besucherzahl. Eine nachhaltige Wirkung hat für mich die Verlinkung mit anderen Blogs über WordPress. Eigentlich bin ich eher einer, der am liebsten im Hintergrund sein Ding macht, aber ich habe schnell festgestellt, dass man so nicht weiterkommt und es einfach auch keinen Spaß macht, wenn man sich nicht mit Gleichgesinnten austauscht. Ich denke, jeder, der behauptet, ihm sei es egal, wie viele Leser er hat, lügt. Letztlich sind wir in diesem Punkt alle eitel und wollen etwas Anerkennung. Da bietet WordPress ein großartiges Instrumentarium. Ich bin auch in diversen Genre-Foren unterwegs. Die Leser des Horror & Thriller Forums beispielsweise gehören zu meinen treuesten, anspruchsvollsten und tolerantesten Lesern, und dass, obwohl ich diese Genres nur sehr rudimentär streife. – Twitter und diese ganzen Blog-Verzeichnisse bringen dagegen in meinem Fall rein gar nichts.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Ich glaube, eine der Todsünden des Bloggers ist, zu viel und zu penetrante Werbung für den eigenen Blog zu machen. Wenn man jeden neuen Beitrag in Facebook in zehn Gruppen postet, hat man sehr gute Chancen, ziemlich kurzfristig im Junk-Ordner zu landen. Da ist schon etwas Fingerspitzengefühl gefragt. Ich selbst habe mir rechtzeitig einiges bei den etablierten Blogs abgeschaut, sonst wäre ich wohl auch in diese Falle getappt.

Ebenfalls nicht empfehlenswert finde ich, sich selbst mit der Jagd auf möglichst viele Follower und Hits zu stressen. Steigende Tendenzen erreicht man sowieso nur durch kontinuierliches Kontaktknüpfen, und mir persönlich sind 20 Follower, von denen ich weiß, dass sie jede meiner Rezensionen wirklich lesen, viel lieber als 200 Follower, die ihre „Neuer Beitrag“-Mails nach einem kurzen Blick sofort löschen. Hier sollte man als Blogger meiner Meinung nach seine eigene Philosophie entwickeln, sonst sind Enttäuschungen vorprogrammiert.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Solange man sich nicht daneben benimmt, sehe ich eigentlich keine Hürden von außen. Hürden spielen sich eher im eigenen Kopf ab. So besteht die Gefahr, dass man sich von den Follower-Zahlen etablierter Blogs einschüchtern lässt. Das gleiche gilt für Kommentare auf Beiträge hin. Während es die bekannten Blogs locker auf durchaus vierzig Kommentare pro Beitrag bringen, muss man sich als Frischling darauf einstellen, dass die ersten Monate möglicherweise nicht ein einziger Kommentar kommt. Da ist einfach eine entspannte Einstellung zum eigenen Blog gefragt. Ich muss mich selbst aber auch immer mal wieder zurück pfeifen und daran erinnern, dass das ein Hobby ist und kein Job, der am Erfolg gemessen wird.

Schwierigkeiten hatte ich bisher nur einmal, als ich für meine Rezension von Dracula in einem Vampir-Forum etwas Werbung in Form eines Links angebracht hatte und plötzlich die gesamte Belegschaft mein Blut wollte. Die Vampire empörten sich öffentlich über mich und meine Dreistigkeit, meinen ersten Beitrag in ihrem Forum für Werbung zu missbrauchen. Interessanterweise gab es keine Möglichkeit, den Account zu löschen. Inzwischen wurde ich verurteilt und in Form einer Account-Sperrung bestraft. Mein Beitrag ist immer noch dort zu lesen – mit gelöschten Links. Auf so etwas kann man wirklich verzichten.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger…

Als mir der dandelion-Leser Jörg Wald schrieb: „Ich kenne wohl niemanden, der Bücher so liebt und dies so herzinnig begründet. Ich glaube, du könntest ein Telefonbuch verzaubernd und leseanregend besprechen…“ Wir sind inzwischen Freunde. So etwas können hundert anonyme Follower nicht toppen.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Kam bisher nur durch Autoren vor. In diesem Fall schaue ich mir genauer an, ob das etwas für mich sein könnte und sage entweder „ja“ oder „nein“. Im Normalfall fordere ich selbst ganz gezielt Rezensionsexemplare beim Verlag an. Wenn ich das mache, fühle ich mich allerdings auch irgendwie moralisch verpflichtet, eine Rezension zu schreiben.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self-Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Auch hier würde ich jeweils selbst entscheiden wollen, ob ich ein Rezensionsexemplar haben möchte oder nicht.

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Ich habe bisher keinen E-Book-Reader. Für mich wird ein gebundenes Buch immer das Maß der Dinge bleiben. Das Gefühl, ein neues Buch zu öffnen, das Knistern zu hören und den typischen Buchgeruch zu riechen, ist durch keine Technik dieser Welt ersetzbar. Das ist ungefähr so, als würde man sich einen Kunststoff-Weihnachtsbaum ins Wohnzimmer stellen. Ich finde ein E-Book aber durchaus praktisch, wenn man viel auf Reisen ist oder mit schlechten Lichtverhältnissen zu kämpfen hat. Da ich aber sehr viele lange vergriffene Titel lese und bespreche, macht ein E-Book-Reader für mich einfach keinen Sinn.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Viele viele sehr gute Blogs wurden in anderen Beiträgen schon genannt. Deshalb empfehle ich hier ausschließlich Blogs, die noch nicht genannt wurden. Daher nenne ich: Hauptsache Bücher, Molochronik, Vnicornis, Frank Böhmert und Uwe Voehl – Lieben, leiden, sterben. In dieser Reihe zu Wort kommen sollte kiyaliest.

Danke sehr, Frank. Schön, dass du hier dabei bist.

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Zuletzt stellte sich Frank Böhmert mit seinem gleichnamigen Blog vor. – Eine Übersicht über die 74 Blogger und Bloggerinnen, die bislang Rede und Antwort standen, und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier

Herr Braunsdorf, was meinen Sie, was wäre zu tun, damit der Buchhandel zukunftsfähig bleibt?

Zoë Beck, Lorenz Borsche, Boris Langendorf und Stefan Weidle standen mir im Vorfeld der Diskussionsrunde “Wie groß ist die Zukunft des Buches?” dankenswerterweise hier Rede und Antwort. Nun kann man sich fragen, warum ich nicht auch beim Initiator der Veranstaltung, Jörg Braunsdorf, nachgehakt habe?

Hab’ ich! Der Beitrag ist gestern in der Rubrik Das Sonntagsgespräch bei Buchmarkt online erschienen.

Logo © Tucholsky-Buchhandlung

Logo © Tucholsky-Buchhandlung

 

Die Gesprächsrunde, von der Jörg Braunsdorf sich auch Signale an die Politik und den Börsenverein für den deutschen Buchhandel erhofft, findet am Dienstag, den 3. Juni 2014, um 19.00 Uhr in der Tucholskystr. 47 in Berlin/Mitte in der Tucholsky-Buchhandlung statt. Der Eintritt ist frei, um Voranmeldung, entweder per E-Mail  [kurt(at)buchhandlung-tucholsky(dot)de] oder via Facebook, wird gebeten.

Gäste sind: Siegmund Ehrmann, MdB (Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien), Zoë Beck (Autorin und e-Book-Verlegerin CulturBooks), Lorenz Borsche (Vorstand der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch), Boris Langendorf (freier Publizist), Daniel Leisegang (Politikwissenschaftler, Redakteur der Monatszeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ und Autor von „Amazon. Das Buch als Beute”) und Stefan Weidle (Verleger und Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung).

“Wir sollten unser System nicht nur verteidigen, sondern es vielmehr offensiv propagieren!” Im Gespräch mit Stefan Weidle

???????????????????????????????Wie groß ist die Zukunft des Buches?“ – so ist eine Diskussionsrunde überschrieben, mit der SteglitzMind indirekt verbandelt ist. Und zwar insofern als die Gespräche mit Buchhändlern/innen, die ich seit letztem Sommer führe, dafür Pate standen. In seinem Beitrag kündigte der Inhaber der Berliner Tucholsky-Buchhandlung Jörg Braunsdorf an, die Fragestellungen der Interviewreihe anderenorts vertiefen zu wollen. Seinen Worten folgen nun Taten. Die Diskussionsrunde, von der Braunsdorf sich auch Signale an die Politik und den Börsenverein für den deutschen Buchhandel erhofft, findet am Dienstag, den 3. Juni 2014, um 19.00 Uhr in der Tucholskystr. 47 in Berlin/Mitte in der Tucholsky-Buchhandlung  statt.

Gäste sind: Siegmund Ehrmann, MdB (Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien), Zoë Beck (Autorin und e-Book-Verlegerin CulturBooks), Lorenz Borsche (Vorstand der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch), Boris Langendorf (freier Publizist), Daniel Leisegang (Politikwissenschaftler, Redakteur der Monatszeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ und Autor von „Amazon. Das Buch als Beute”) und Stefan Weidle (Verleger und Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung).

Ich erwarte mir im Vorfeld der Berliner Buchtage, die übrigens Tags darauf beginnen, eine spannende Diskussion, zu der Ihr herzlich eingeladen seid. Der Eintritt ist frei, um Voranmeldung, entweder per E-Mail  [kurt(at)buchhandlung-tucholsky(dot)de] oder via Facebook, wird gebeten.

Als Appetizer gibt es auf SteglitzMind vorab Gespräche mit einigen Gästen, die das Podium bestreiten werden.

Heute – Stefan Weidle

„Es geht um das Buch“ – steht auf dem Best-of-Katalog der Kurt-Wolff-Stiftung und neuerdings auch auf knallroten Stofftaschen, die auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse erstmals am Stand der Stiftung zu haben waren. Die Assoziation liegt nahe, dass das Buch gefährdet ist. Wie sehr sorgen Sie sich darum?

Als wir den Slogan erfanden, das muß 2006 gewesen sein, hatten wir noch keine Gefährdung des Buches dabei im Blick. Es ging uns da eher um die Wurst, bzw. die Assoziation zu dieser. Freilich könnte man den Satz, wie Sie, heute anders verstehen, und ich sorge mich zwar nicht um das Buch, verfolge aber manche Entwicklung rund um das Buch mit Sorge, etwa die Wahrnehmung des Buches als bloßer Content, bei dem es egal ist, in welcher Form er rezipiert wird. Ein Buch ist ein Zusammenklang von mehreren Elementen: Die Wahrnehmung dafür tritt unseligerweise mehr und mehr in den Hintergrund.

Stefan Weidle  © Jürgen Eis

Stefan Weidle © Jürgen Eis

Offenbar ist Amazon ja nicht nur der größte Feind des Buchhandels. Für den Buchhändler scheint der Riese aus Seattle auch die einzige Gefahr zu sein? Ist das nicht zu eng gedacht?

Amazon ist nicht nur der Feind des Buchhandels. Amazon ist der Feind unserer gelebten Kultur, die doch zu einem großen Teil aus den Begegnungen in den Städten besteht, aus dem Flanieren. Wir binden uns durch unser gemeinsames Leben in Städten und Dörfern zusammen, betrachten einander und vergleichen. Nur wo wir zusammentreffen, sind wir das Volk (wer mag schon in verödeten Innenstädten demonstrieren, wo alle Schaufenster längst von selbst zerbrochen sind?). Wenn es Amazon und Konsorten gelingt, den Einzelhandel auszumanövrieren, dann ist das ein Ende für vieles, worauf wir uns gründen. Aber es ist ja nicht nur Amazon, es ist der Slogan der Nemesis: Geiz ist geil. Wenn wir auf andere Werte als Geld Wert legten, könnte man den Untergang noch aufhalten. Aber sobald heute drei Menschen irgendwo zusammenkommen, werden Preise verglichen. Der Preis hat längst den inneren Wert der Ware ersetzt. Etwas ist nicht den Nutzen wert, den es bringt, sondern den Betrag, den es gekostet hat. Also zu Ihrer Frage zurück: Der gesamte Online-Handel ist der Feind.

Die Angst ist groß, dass die Buchpreisbindung mit dem transatlantischen Freihandels­abkommen fallen könnte. Könnten denn freie Preise nicht sogar eine Belebung des Buchmarktes zur Folge haben?

Wenn die Preisbindung fällt, schließe ich drei Monate später meinen Verlag. Ich jogge zurzeit gelegentlich mit einem Briten, der mir in den wärmsten Farben schilderte, was in seinem Land nach Aufhebung der Preisbindung passiert ist. Die Bücher wurden sehr viel teurer, und die Buchhandlungen machten sich auf den Weg über die Wupper – auch wenn die nicht durch Großbritannien fließt. Nein, freie Preise sind keine Belebung, eher eine Betodung des Buchmarktes. Schauen Sie nach Israel, dort war der Buchmarkt wegen des Preiskampfes zweier Ketten so unter die Räder gekommen, dass der Staat die Autorenhonorare übernehmen musste. Um den Komplettzusammenbruch zu verhindern, hat man die Preisbindung eingeführt. Wir sollten unser System nicht nur verteidigen, sondern es vielmehr offensiv propagieren! Die Schweiz wird schon bald die Früchte ihres Wahnsinns ernten, denn der stationäre Buchhandel wird es kaum auf Dauer überleben, dass Amazon jedes deutschsprachige Buch (also auch Bücher aus Schweizer Verlagen) mit 20% Rabatt auf den Ladenpreis portofrei in die Schweiz liefert. Natürlich ein Verlustgeschäft für Amazon (geliefert wird von DHL – deren Rolle beim bösen Spiel wird überhaupt nie hinterfragt), aber es geht ja nicht um kurzfristigen Gewinn, sondern um den Aufbau einer Monopolstellung. Man könnte sich wehren: Was, wenn jeder Schweizer bei Amazon ein Reclam-Bändchen bestellt und es sofort zurückschickt? Auch die Schweizer wären das Volk, wenn sie es denn sein wollten.

Selfpublishing ist in aller Mund; inzwischen satteln auch etablierte Verlage auf. Wie schätzen Sie das ein: Nur ein Hype oder ein langfristiger Trend, der den Buchmarkt umstülpt?

Ich beschäftige mich nicht damit. Wie gesagt, ist ein Buch für mich mehr als Content. Gut daran aber ist, dass die Bezahlverlage dadurch ihr Geschäft verlieren.

Neben Kleinstverlagen drängen zunehmend auch Labels von Selfpublishern auf den Markt, die den Käufer vermuten lassen, dass ein Verlag dahinter steht. Was halten Sie davon?

Ist mir noch nicht untergekommen. Aber: Niemand wird aus freien Stücken Selfpublisher. Man sucht doch immer zuerst einen Verlag. Und wenn jemand das Buch eines Selfpublishers für ein traditionell verlegtes Buch hält, ist das doch nur recht. Bücher sollen gelesen werden, egal auf welchem Weg sie in die Welt kommen. Wenn das Buch gut ist, spielt es keine Rolle, was auf dem Buchrücken steht.

Bei den Gesprächen mit Buchhändlern/innen für SteglitzMind konnte ich mich verschiedentlich nicht des Eindrucks erwehren, dass der Sortimenter bisweilen Publikationen aus Independent Verlagen und Titel von Selfpublishern in einen Topf wirft. Machen Sie ähnliche Erfahrungen? Und wenn ja, halten Sie das womöglich für problematisch?

Nein, diese Erfahrung habe ich noch nicht gemacht. Ich glaube nicht, daß Selfpublisher Buchhandelsvertreter und eine professionelle Auslieferung haben. Ein Sortimenter, der nicht jeden Morgen unmittelbar nach dem Aufstehen gegen seinen Schrank läuft und anschließend die Beule mit dem Klammerbeutel überpudert, kann das unterscheiden.

Die Zugehörigkeit zur Kurt-Wolff-Stiftung ist für Verlage ja quasi auch ein Gütezeichen. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten. Verzeichnen Sie im Zuge der Entwicklung, dass immer mehr Kleinstverlage entstehen, verstärkt Anträge auf eine Mitgliedschaft?

Ja, wir bekommen mehr Anträge als früher. Was uns zeigt, dass wir gelegentlich auch mal was richtig gemacht haben. Wir haben eine Kriterienkatalog auf unsere Website gestellt, und wer alle diese Kriterien erfüllt, wird automatisch in den Freundeskreis der KWS aufgenommen. Bei der Aufnahme in den Katalog entscheidet das Kuratorium der Stiftung (dem kein Verleger angehört), wer dafür qualifiziert ist; und natürlich wird immer wieder rotiert, auf die Dauer wird jeder Verlag auch mal aussetzen müssen. Mehr als 65 Verlage können wir im Katalog nicht präsentieren.

Als Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung sprechen Sie sich schon länger für eine staatliche Förderung engagierter Buchhandlungen aus. Jetzt kündigte Kulturministerin Monika Grütters an, den unabhängigen Buchhandel finanziell unterstützen zu wollen. Was versprechen Sie sich davon?

Das muss ich präzisieren: Es geht nicht um eine staatliche Förderung, also um Subventionen. Es geht darum, Buchhandlungen, die sich als kulturell wichtiger Ort etabliert haben, dafür mit einer Prämie auszuzeichnen, also analog den Auszeichnungen für die Programmkinos. Kulturell wichtige Buchhandlungen sind solche, die das Gespräch über Kultur ermöglichen. Wenn nämlich über Kultur nicht mehr gesprochen wird, stirbt sie. In vielen kleineren Orten findet Kultur, bzw. eine Debatte über Kultur, allein in Buchhandlungen statt; das muss so bleiben und sich noch verstärken. Und eine »vielfältige Verlags- und Literaturszene«, zu deren Förderung die KWS angetreten ist, findet kaum in Buchhandelsketten statt, sondern im inhabergeführten unabhängigen Buchladen. Natürlich geht es auch darum, die flächendeckende Versorgung mit Literatur zu sichern. Ich verspreche mir davon, dass Buchhandlungen nicht mehr in erster Linie als Warenumschlagplätze angesehen werden, sondern als staatlich anerkannte kulturelle Einrichtungen; diese Buchhandlungen bekommen dann ein Label an die Tür oder das Fenster, das darauf hinweist. Diese Plakette können auch Buchhandlungen bekommen, die nicht unabhängig oder zu umsatzstark für eine Prämie sind, aber ein gutes Kulturprogramm anbieten.

Von der Gesprächsrunde in der Berliner Tucholsky-Buchhandlung, bei der Sie am 3. Juni ebenfalls Gast sind, erhofft sich der Veranstalter Jörg Braunsdorf ein Signal in Richtung Politik und Börsenverein. Wo sehen Sie in diesem Kontext besonderen Nachholbedarf?

In Richtung Politik erhoffe ich mir ein wachsendes Bewusstsein für die Wichtigkeit des Buchhandels für unsere Kultur (jenseits derer die Verrohung lauert). In Richtung Börsenverein habe ich wenig zu sagen, da ich mit diesem konstruktiv und vertrauensvoll bei der Gestaltung des Prämiensystems für den unabhängigen Buchhandel zusammenarbeite.

Wenn Sie drei Wünsche an den Buchhandel frei hätten. Welche wären das in Ihrer Funktion als Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung? Und welche für Ihren Weidle-Verlag, mit dem Sie sich seit über 20 Jahren vorrangig um die Exilliteratur verdient gemacht haben?

Als KWS: 1. Mehr Einsatz für unabhängige Verlage. 2. Kein eigenes Indie-Regal, wir wollen nicht die armen Verwandten sein. Wenn unsere Bücher neben den uniformen Konzernprodukten liegen, sieht man erst, wieviel individueller sie gemacht und gestaltet sind. 3. Permanente Präsentation unseres Katalogs »Es geht um das Buch«. Die Kunden nehmen ihn sehr gerne mit, er muss nur sichtbar zur Mitnahme ausliegen.

Als Weidle Verlag (der übrigens inzwischen viel mehr macht als Exilliteratur): 1. Termine mit unseren Vertreterinnen. 2. Mehr Bestellungen von Leseexemplaren (unsere Bücher verkaufen sich leichter, wenn man sich davon überzeugt hat, dass sie überzeugend sind). 3. Verkauf ausschließlich unserer Bücher in gewaltigen Stückzahlen.

Es scheint im Trend zu liegen, sich die Buchhandlung der Zukunft auszumalen. Wie sieht Ihre persönliche Vision aus?

Meine Vision ist schon Bonner Realität und heißt Buchhandlung Böttger. Dort finde ich immer wieder Titel aus Verlagen, die selbst ich nicht kannte. Und treffe Autoren, die aus Mangel an kommerziellem Potential anderswo gar nicht erst eingeladen werden. Letzte Woche etwa Alfred Goubran, einen Wiener Autor, der einen großartigen Roman, »Durch die Zeit in meinem Zimmer«, bei Braumüller publiziert hat. Hand aufs Herz, Ihr Buchhändler: Wer kennt den, und wer hätte ihn eingeladen?

Ich wünsche mir in erster Linie von einer Buchhandlung, dass der Buchhändler belesener ist als ich selbst und mir Tipps gibt, für die ich ihm immer dankbar sein werde. – S. Corinna Bille hätte ich ohne meinen Buchhändler vermutlich nicht entdeckt, ebenso wenig Giovanni Orelli, von dem ich inzwischen sogar ein Buch publiziert habe (das im Impressum ein Dankeschön an Alfred Böttger enthält). Das ist meine Buchhandlung der Gegenwart, und meine Buchhandlung der Zukunft wünsche ich mir ganz genau so. Und ich weiß, dass es hierzulande Buchhändler gibt, die sich in diese Richtung bewegen.

Vielen Dank, Herr Weidle. Ich freue mich auf unsere persönliche Begegnung am 3. Juni in der Tucholsky-Buchhandlung.

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Am Sonntag, den 1. Juni,  könnt Ihr beim Buchmarkt ein Gespräch mit dem Initiator der Veranstaltung, Jörg Braunsdorf, lesen.

Zum Gespräch mit Lorenz Borsche von eBuch geht es hier, Zoë Beck  steht mir im Zusammenhang mit der Diskussionsrunde “Wie groß ist die Zukunft des Buches?” hier Rede und Antwort und zu den Antworten von Boris Langendorf geht es hier

 

“Der Buchhandel wird dieses Geschäft anders betreiben als früher, aber er wird es weiter tun.” Im Gespräch mit Boris Langendorf

???????????????????????????????Wie groß ist die Zukunft des Buches?“ – so ist eine Diskussionsrunde überschrieben, mit der SteglitzMind indirekt verbandelt ist. Und zwar insofern als die Gespräche mit Buchhändlern/innen, die ich seit letztem Sommer führe, dafür Pate standen. In seinem Beitrag kündigte der Inhaber der Berliner Tucholsky-Buchhandlung Jörg Braunsdorf an, die Fragestellungen der Interviewreihe anderenorts vertiefen zu wollen. Seinen Worten folgen nun Taten. Die Diskussionsrunde, von der Braunsdorf sich auch Signale an die Politik und den Börsenverein für den deutschen Buchhandel erhofft, findet am Dienstag, den 3. Juni 2014, um 19.00 Uhr in der Tucholskystr. 47 in Berlin/Mitte in der Tucholsky-Buchhandlung  statt.

Gäste sind: Siegmund Ehrmann, MdB (Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien), Zoë Beck (Autorin und e-Book-Verlegerin CulturBooks), Lorenz Borsche (Vorstand der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch), Boris Langendorf (freier Publizist), Daniel Leisegang (Politikwissenschaftler, Redakteur der Monatszeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ und Autor von „Amazon. Das Buch als Beute”) und Stefan Weidle (Verleger und Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung).

Ich erwarte mir im Vorfeld der Berliner Buchtage, die übrigens Tags darauf beginnen, eine spannende Diskussion, zu der Ihr herzlich eingeladen seid. Der Eintritt ist frei, um Voranmeldung, entweder per E-Mail  [kurt(at)buchhandlung-tucholsky(dot)de] oder via Facebook, wird gebeten.

Als Appetizer gibt es auf SteglitzMind vorab Gespräche mit einigen Gästen, die das Podium bestreiten werden.

Heute – Boris Langendorf

Sie analysieren und kommentieren die Entwicklungen auf dem Buchmarkt seit fast vier Jahrzehnten. Anfangs beim Buchreport, dann für den eigenen buchhändlerischen Informationsdienst. Was trieb Sie in all den Jahren besonders um?

Boris Langendorf © privat

Boris Langendorf © privat

Die fast 25 Jahre bei “buchreport” waren eine Zeit, in der ich einen spannenden Beruf und eine faszinierende Branche genoss. Zur Gründung von “Langendorfs Dienst” kam es dann, weil ich die Tätigkeit des Chronisten mit einer echten Aufgabe tauschen wollte: dem unabhängigen Buchhandel zu helfen, im Wettbewerb besser zu bestehen.

Wie schätzen Sie die aktuellen Entwicklungen ein? Sorgen Sie sich um den Buchhandel? Etwa gar um das Kulturgut Buch?

Warum? Qualitative Information ist ein Grundbedürfnis, das wichtiger wurde und noch wichtiger wird. Den kompetenten Zugang zu dieser Information zu verschaffen dient diesem Grundbedürfnis, hat also ebenfalls Zukunft. Der Buchhandel wird dieses Geschäft anders betreiben als früher, aber er wird es weiter tun. Und das Medium Buch? Auch das entwickelt sich, aber warum sollte ich einem E-Buch von vornherein die Eigenschaft als “Kulturgut” absprechen?

In den Debatten um die Zukunft der Buchhandlungen beruft man sich gerne auf drei große Bs: Bibliographieren, Beschaffen, Beraten. Bibliographieren und Beschaffen sind im Zeitalter des WWW keine große Kunst mehr. Und Beratung im Sinne von Buchempfehlungen findet man ebenfalls zu Hauf im Netz. Sind die buchhändlerischen Kernkompetenzen nicht längst old school?

Nein. Bibliografieren und Beschaffen kann der Buchhändler nicht mehr exklusiv, aber wenn er es anbietet, warum sollte der ungeübte Kunde das selbst machen? Und selbst wenn, schadet das niemandem. Denn die Beratung wird mit der wachsenden Flut nicht einschätzbarer Informationen für den Laien immer bedeutender. Buchempfehlungen von Lieschen Müller sind keine Beratung, sondern Teil des Informationsgestrüpps.

 Eine feste Rubrik in Langendorfs Dienst ist die „Leuchtturm“-Buchhandlung des Monats. Was bringt eine Buchhandlung zum Leuchten?

Ganz unterschiedlich, jede dieser inzwischen 140 Buchhandlungen ist anders. Gemeinsamer Nenner ist, dass diese Leuchttürme ihren zur Entmutigung neigenden Kollegen zeigen, dass auch heute ein guter und erfolgreicher Buchhandel unter den unterschiedlichsten Bedingungen möglich ist. Für das Publikum draußen und auch für die Berufswahl des Nachwuchses ist es ein Signal für Vielfalt und Nutzen des klassischen Sortimentsbuchhandels.

Amazon scheint ja nicht nur der größte Feind des Buchhandels zu sein. Vielmehr drängt sich inzwischen der Eindruck auf, als sei der Riese aus Seattle die einzige Gefahr für den hiesigen Buchhandel. Ist das nicht zu eng gedacht?

Das ist in der Tat zu eng gedacht. Technische und gesellschaftliche Entwicklungen haben den Umgang mit qualifizierten Informationen grundlegend verändert, und Amazon ist nicht mehr als ein Symptom dafür. Es gilt nicht vor immer neuen Feindbildern zu erstarren, sondern sich auf die Weiterentwicklung der Gesellschaft vorzubereiten, auf eine Zeit, aus deren Sicht Amazon eine Episode ist, wie es die Feindbilder Warenhaus, Buchclub, Nebenmarkt und Großfläche waren.

Amazon als Verleger: Die Bemühungen, mit dem Kindle und hauseigenen Publikationen im Sortiment Fuß zu fassen, scheiterten bislang weltweit. Jetzt wurde bekannt, dass der italienische Filialist Giunti in den Vertrieb einsteigt. Ist damit der Damm gebrochen?

Es ist wie immer: Die einen machen mit, die anderen nicht. Wenn Amazon am Verlegen nicht sowieso wieder die Lust verliert, wird dieser Teilnehmer einer von vielen am Markt sein, dessen Erfolg aber immer noch von der Akzeptanz des Publikums abhängt.

Die buchhändlerische Genossenschaft eBuch will Amazon mit einem Online-Shop die Stirn bieten, der für alle Händler und Verlage offen ist. Halten Sie solche Initiativen für einen Schritt in die richtige Richtung?

Ja. Der Zugang des unbefangenen Kunden zum Sortiment muss so leicht sein, wie er eigentlich gedanklich nahe liegt, und ohne dass sich jemand den Kopf über Adressen und Formate zerbrechen muss. Dann müssen Service und Kulanz noch auf Amazon-Niveau kommen. In diese Richtung sehe ich die eBuch-Initiative gehen. Wie weit? Man wird sehen.

Von der Gesprächsrunde in der Berliner Tucholsky-Buchhandlung, bei der Sie am 3. Juni ebenfalls Gast sind, erhofft sich der Veranstalter Jörg Braunsdorf Signale in Richtung Politik und Börsenverein. Wo sehen Sie in diesem Kontext besonderen Nachholbedarf.

Politik und Öffentlichkeit sollen den Sortimentsbuchhandel als eine leistungsfähige und selbstbewusste Wirtschaftsbranche wahrnehmen, die nicht nur den eigenen Beutel füllt, sondern ohne Subvention und ohne viel Gejammer eine wichtige Aufgabe im kulturellen Leben des Landes leistet. Der Börsenverein ist ja in der Öffentlichkeitsarbeit keineswegs untätig, könnte aber dieses Zeichen aus Berlin zum Anlass nehmen, branchenintern die Sparte verbreitender Buchhandel noch stärker zu gewichten, nicht aus Fürsorge, sondern zwecks Selbsterhalt.

Die Angst ist groß, dass die Buchpreisbindung mit dem transatlantischen Freihandels­abkommen fallen könnte. Könnten freie Preise nicht sogar eine Belebung des Buchmarktes zur Folge haben?

Die genannte Angst teile ich nicht. Wenn die Preisbindung fällt, dann wegen der Undiszipliniertheit von Marktteilnehmern, nicht aber wegen des Abkommens. Ihr Wegfall würde zu einer Belebung im Sinne einer Marktveränderung führen, nicht jedoch, wie die Beispiele anderer Länder gezeigt haben, zu einer Verbesserung des Angebots für die Kunden.

Es scheint im Trend zu liegen, sich die Buchhandlung der Zukunft auszumalen. Wie sieht Ihre persönliche Vision aus?

Die Buchhandlung der Zukunft ist selbstverständlich auf allen digitalen Kanälen voll vernetzt, und ihre Kunden wissen das. Sie bleibt aber als stationäres Geschäft ein Platz, an dem man sich gerne trifft, um gemeinsam mit der Buchhändlerin die Informationsbeschaffung zu einem guten Ergebnis zu bringen und darüber hinaus sich mit Niveau zu unterhalten und etwas Schönes zu erleben.

Danke, dass Sie sich Zeit für meine Fragen genommen haben. Ich denke mal, einige Aspekte werden am 3. Juni auch Thema sein.

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Am Freitag geht’s an dieser Stelle weiter mit Stefan Weidle.

Zum Gespräch mit Lorenz Borsche von eBuch geht es hier und Zoë Beck  steht mir im Zusammenhang mit der Diskussionsrunde “Wie groß ist die Zukunft des Buches?” hier Rede und Antwort

„Ein wichtiger Punkt ist die Gleichbehandlung von Buch und eBook. “ Im Gespräch mit Zoë Beck

???????????????????????????????Wie groß ist die Zukunft des Buches?“ – so ist eine Diskussionsrunde überschrieben, mit der SteglitzMind indirekt verbandelt ist. Und zwar insofern als die Gespräche mit Buchhändlern/innen, die ich seit letztem Sommer führe, dafür Pate standen. In seinem Beitrag kündigte der Inhaber der Berliner Tucholsky-Buchhandlung Jörg Braunsdorf an, die Fragestellungen der Interviewreihe anderenorts vertiefen zu wollen. Seinen Worten folgen nun Taten. Die Veranstaltung, von der sich Braunsdorf auch Signale an die Politik und den Börsenverein für den deutschen Buchhandel erhofft, findet am Dienstag, den 3. Juni 2014, um 19.00 Uhr in der Tucholskystr. 47 in Berlin/Mitte in der Tucholsky-Buchhandlung  statt.

Gäste sind: Siegmund Ehrmann, MdB (Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien), Zoë Beck (Autorin und e-Book-Verlegerin CulturBooks), Lorenz Borsche (Vorstand der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch), Boris Langendorf (freier Publizist), Daniel Leisegang (Politikwissenschaftler, Redakteur der Monatszeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ und Autor von „Amazon. Das Buch als Beute”) und Stefan Weidle (Verleger und Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung).

Ich erwarte mir im Vorfeld der Berliner Buchtage, die übrigens Tags darauf beginnen, eine spannende Diskussion, zu der Ihr herzlich eingeladen seid. Der Eintritt ist frei, um Voranmeldung, entweder per E-Mail  [kurt(at)buchhandlung-tucholsky(dot)de] oder via Facebook, wird gebeten.

Als Appetizer gibt es auf SteglitzMind vorab Gespräche mit einigen Gästen, die das Podium bestreiten werden.

Heute – Zoë Beck

Sorgst du dich um die Zukunft des Buches; womöglich sogar um das Kulturgut Buch?

Wir reden von dem Gegenstand „Buch“? Nein. Da mache ich mir keine Sorgen. Der hat an Faszination immer noch nicht verloren. Im Gegenteil glaube ich, dass schön gestaltete Bücher Zukunft haben werden. Was mit den Taschenbüchern passiert, merken wir ja schon: weniger Verkäufe zugunsten der eBooks.

Zoë Beck © Victoria Tomaschko

Zoë Beck © Victoria Tomaschko

Ihr seid vor gut sechs Monaten mit CulturBooks an den Start gegangen. Die Philosophie Eures Verlages für elektrische Bücher, die abseits des Mainstream liegen, könnte durchaus als Kampfansage verstanden werden…

Oder als Ausdruck offenen Wahns, schließlich wird einem ständig gesagt: Mit eBooks verdienst du nur Geld, wenn du Erotik und den ganzen Mainstream machst. Aber schon im Print wird doch hauptsächlich der ganze Mainstream gemacht, weil man auf der „sicheren Seite“ sein will. Da werden grandiose Texte aus absurden Gründen (Mixgenre/zu kurz/zu lang/zu Experiment/zu Nische) nicht gedruckt, da sagt man AutorInnen: toller Text, nur leider bekommen wir den nicht im Vertrieb durch, da sind tolle Texte vergriffen, weil sich der Nachdruck finanziell möglicherweise nicht lohnt. Wenn niemand das Risiko mehr eingehen will, die ganzen guten Sachen zu machen, wo kommen wir da hin? Dann müssen wir eben etwas für das Kulturgut „Großartige Texte“ machen. Deshalb haben wir CulturBooks gegründet. Irgendjemand muss ja.

Warum setzt Ihr ausschließlich auf digitale Bücher?

Wir sind selbst große Fans vom digitalen Lesen. Aus praktischen Gründen. Außerdem ist die Grundinvestition zwar nicht null, wie häufig geglaubt wird, aber natürlich niedriger als beim gedruckten Buch. Deshalb können wir mehr wagen. Tun wir ja auch. Wenn ein Text, den wir grandios finden, nur zweimal verkauft wird, haben wir keine 498 Restexemplare, die irgendwo verschimmeln. Im Gegenteil haben wir den Vorteil, dass wir diesen Text einfach so lange stur im Programm lassen können, bis er eines Tages vielleicht doch noch von hunderten, ja tausenden Menschen entdeckt wird. Wir sehen da eine Menge Vorteile.

E-Books sind im Sortiment inzwischen zwar angekommen, beliebt sind sie – vornehmlich aufgrund geringer Margen – beim Buchhändler allerdings nicht. Welche Erfahrungen habt Ihr bislang gemacht?

Da hilft tatsächlich nur: Überzeugungsarbeit mit viel Geduld. Mit allen reden und nach gemeinsamen Lösungen suchen, damit sich eben für die einzelnen Buchhandlungen der Aufwand rechnet. Damit sie ein Produkt bekommen, das für sie attraktiv ist. Wir bleiben dran. Es braucht Zeit, weil sich da noch alles – im Vertrieb, in der gesamten Denke sowieso – auf Strukturen stützt, die ja eigentlich für physische Bücher entwickelt wurden. Mit den Großhändlern und den großen Onlineanbietern ist es leichter in der Zusammenarbeit, klar. Da gibt es Exklusivaktionen und so weiter. Aber wir wollen ja eben besonders gern mit dem Sortiment arbeiten. Volker Oppmann will mit log.os auch eine Lösung bieten, die vorsieht, dass die Sortimentsbuchhandlungen eben deutlich mehr als jetzt beim Verkauf von eBooks bekommen und dass die Abläufe sehr viel einfacher und direkter werden.

Dass CulturBooks auch auf digitale Literatur setzt, „die aus verlagswirtschaftlichen Gründen out of print sind“, dürfte im Sortiment schwerlich für einen Freudentaumel sorgen…

Nun. Aber bei uns und bei denen, die auf die Neuauflagen gewartet haben. Und wie gesagt: So ein eBook nimmt ja nicht viel Platz weg, setzt keinen Staub an, ist stubenrein und liegt auch länger aus als nur sechs Wochen.

Wenn du als Autorin drei Wünsche an den Buchhandel frei hättest. Welche wären das? Und welche in deiner Funktion als Verlegerin?

Habt Freude an guten Texten, egal in welchem Format, und keine Angst vor der Zukunft. Macht das eBook zu eurem Produkt, denn ihr seid diejenigen, die Inhalte verkaufen, das kann niemand besser als ihr.

In der Schusslinie ganz vorne steht Amazon. Wie siehst du das: Gehen vom Riesen aus Seattle tatsächlich die größten Gefahren für den deutschen Buchmarkt aus?

Die größte Gefahr geht von denjenigen aus, die die Augen vor Entwicklungen verschließen, die sich gegen Realitäten verwehren, die nicht wahrhaben wollen, dass sich die Welt verändert. Dass es online „den Einen“ gibt, ist ein Phänomen, das wir nicht nur beim Buchhandel haben. Denken wir mal an eBay oder Google, die waren nicht von Anfang an da, die gab es irgendwann, und dann beherrschten sie den Markt auf eine Art, die viele von „Monopol“ sprechen lässt. Was streng genommen natürlich Unsinn ist, weil es Alternativen gibt. Wie auch immer, Amazon hat sich aus vielen Gründen durchgesetzt und ist Marktführer. Aus Konsumentensicht machen sie eine Menge richtig. Aus wirtschaftlicher Sicht tun sie das, was ein Konzern eben tut: Sie wollen Gewinne machen. Da kann man sich jetzt auf den Rücken werfen und mit den Beinen strampeln und sagen: Böseböse! Oder dagegenhalten und Geduld haben und sehen, wie weit man kommt. Gefahr sehe ich, wie gesagt, immer dann, wenn die Menschen aufhören, sich zu bewegen, und resignieren.

Dass Selfpublishing den Buchmarkt aufmischt, ist auch ein Verdienst von Amazon…

Moment. Auch da gibt es mehr als eine Selfpublishingplattform. Und wieder darf man nicht vergessen, dass die Art, wie Verlage mit ihren Autorinnen und Autoren umgegangen sind, doch einige ins Selfpublishing getrieben hat. Die großen Verlage haben vergessen, was ihre eigentlichen Kompetenzen sind, jedenfalls gewinnt man diesen Eindruck. Da wurden riesige Programme rausgehauen mit dem vollen Bewusstsein, dass die meisten der Bücher absaufen würden. Aber Hauptsache, die Verlagskataloge waren schön dick und man verstopfte die Vertriebskanäle. Und diese Konzentration auf gewisse Genres, innerhalb dieser Genres auf bestimmte Richtungen. Die Angleichung der Cover und der Titel, letztlich auch des Stils. Da wurde Literatur industrialisiert, im ganz großen Stil. Da hieß es „Schreib doch mal dasunddas, Thalia und Hugendubel suchen sowas gerade“ und nicht mehr „Was hättest du denn mal für uns, wir wollen etwas Neues auf den Buchmarkt bringen?“

Davon, wie mit einigen Kolleginnen und Kollegen auf persönlicher Ebene umgegangen wurde und teils noch wird, will ich gar nicht erst anfangen. Wenn dann am Ende steht, dass man monate- und jahrelang dafür gearbeitet hat, dass man einen winzigen Vorschuss, lächerlich winzige Verkaufsbeteiligungen inklusive schlechter Behandlung bekommt, ohne Aussicht, dass es mit einem weitergeht – dann doch lieber selbst und mit Spaß verlegen und so schreiben, wie man es auch möchte. Kann ich absolut verstehen. Und trotzdem finde ich persönlich Verlagsarbeit – nämlich so, wie sie mal gedacht war – unheimlich wichtig. Ein kluger Selfpublisher wird sich ein fähiges Team suchen. Seinen eigenen Mikroverlag, oder wie man es nennen mag, aufziehen. Dass Amazon mit hohen Beteiligungen winkt und eben Marktführer ist, macht es für Selfpublisher attraktiv. Die Verlage hätten sich schon vor Jahren überlegen müssen, was sie vielleicht falsch gemacht haben, was sie besser machen könnten, was ihre eigentlichen Aufgaben sind, statt so zu tun, als seien Selfpublisher ein lästiges Randphänomen, das sich irgendwann von selbst erledigt.

Von der Gesprächsrunde in der Berliner Tucholsky-Buchhandlung, bei der du am 3. Juni ebenfalls Gast bist, erhofft sich der Veranstalter Jörg Braunsdorf Signale in Richtung Politik und Börsenverein. Wo siehst du in diesem Kontext besonderen Nachholbedarf?

Ein wichtiger Punkt ist die Gleichbehandlung von Buch und eBook. Ein bisschen tut sich da ja schon: Es scheint der politische Wille da zu sein, den eBook-Mehrwertsteuersatz an den der Printbücher anzugleichen, auch in den Fragen der Übersetzerförderungen gibt es Fortschritte, nicht zuletzt, seitdem in den Förderprogrammen der EU eBooks ausdrücklich willkommen sind. Interessant ist die Lage bei den deutschen Literaturpreisen: Während einige Jurys eBooks zulassen (wie etwa der Internationale Literaturpreis oder der Deutsche Buchpreis), führen andere Preise mit sehr löchrigen und widersprüchlichen Argumenten einen fast rührend anmutenden, aber trotzdem ärgerlichen Abwehrkampf (etwa der Preis der Hotlist). Aber es wird wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis allen klar ist: es geht um Inhalte, nicht um das Trägermedium.

Die Angst ist groß, dass die Buchpreisbindung mit dem transatlantischen Freihandels­abkommen fallen könnte. Könnten freie Preise nicht sogar eine Belebung des Buchmarktes zur Folge haben?

Ja, könnten sie. Aber die Buchpreisbindung ist ja erst einmal eine Illusion für die Kundschaft. Es bekommen doch alle Händler andere Gewinnmargen. Wie will denn eine kleine Buchhandlung, die sowieso schon weniger am einzelnen Buch verdient als eine große Kette, mithalten können, wenn der Buchpreis bei der Konkurrenz gesenkt wird? Beim physischen Buch verstehe ich deshalb alle Bedenken und Argumente, die gegen die Aufhebung der Buchpreisbindung sprechen. Beim eBook sieht es ein wenig anders aus, da ist die Vorleistung des Buchhandels eine andere. Allerdings wird es wohl genau deshalb doch wieder nur darauf hinauslaufen, dass es dann auch nur „den Einen“ gibt, der alles für kleinstes Geld anbietet.

Wichtig finde ich jetzt, dass das Sortiment im nächsten Schritt beim eBook-Verkauf nicht wie ein Affiliate Store behandelt wird. Auch die elektronischen Werke müssen zum Produkt des Sortiments werden, statt nur online stattzufinden. Und ich werfe mal die Überlegung in den Ring: Wir wollen alle letztlich mit Büchern und Texten Geld verdienen. Ob wir sie nun schreiben, verlegen oder verkaufen. Das ging in der Vergangenheit schon meist eher schlecht, weshalb sich alles mehr und mehr auf diese Bestsellerkultur zuspitzte, und die hat uns auch eher unglücklich gemacht. Zudem wurde der Graben zwischen denen, die gerade so vom Buchverkauf leben können oder wenigstens etwas damit verdienen, zu denjenigen, die damit richtig reich werden, verbreitert. (Wobei die, die vermeintlich viel damit verdient haben, ja auch seit Jahren Probleme haben und noch höhere Beteiligungen von den Verlagen fordern.) Darüber, was das mit den Inhalten und der Qualität gemacht hat, müssen wir nicht reden. Wo wollen wir also hin? Ein breites Angebot, mehr Platz für Vielfalt und Qualität (die natürlich unterschiedlich definiert wird) schaffen, und irgendwie verdienen alle damit. Geht das tatsächlich nur über die Buchpreisbindung? Oder müssen wir noch ein Stück weiter denken? Ich habe da keine Lösung parat, ich bin keine Wirtschaftswissenschaftlerin. Aber ich habe den Eindruck, dass die durchaus sinnvolle Buchpreisbindung allein nicht die ganze Branche retten wird.

Es scheint im Trend zu liegen, sich die Buchhandlung der Zukunft auszumalen. Wie sieht deine persönliche Vision aus?

Die Buchhandlung als Mittelpunkt des Kiezes, als Treffpunkt der Nachbarschaft, als Hort des gedanklichen Austausches und der Gemütlichkeit? Ungefähr so? Gibt’s aber schon. Finde ich gut. Weiter so und mehr davon. Natürlich wird in Zukunft das eBook schön in der Buchhandlung präsentiert werden können. Die Buchhandlung wird zur Texthandlung und bietet Orientierung bei der Auswahl und Beratung. Und es gibt überall guten Tee.

Danke sehr, Zoë. Ich freue mich sehr, dass auch du am 3. Juni in der Tucholsky-Buchhandlung dabei sein kannst.

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In der kommenden Woche geht’s an dieser Stelle weiter mit Boris Langendorf, dem ich zum heutigen Geburstag herzlich gratuliere.

Zum Gespräch mit Lorenz Borsche von eBuch geht es hier