„Statt Schriftsteller ist man ‚Schreib-Maschine‘.“ Zwei Autoren berichten

Die beiden Kommentare zweier Autoren, die anonym bleiben möchten, erfolgten gestern auf meinen Blogbeitrag „Warum kratzt man an der Aura Buch nicht?“. Weil die Erfahrungsberichte von allgemeinerem Interesse sind und ich ihnen zu mehr Öffentlichkeit verhelfen möchte, habe ich mich entschieden, diese hier als eigenen Beitrag publik zu machen. – Ich danke beiden Autorinnen für ihre Offenheit!

Eine Belletristik-Autorin schrieb am 19. Juli um 15.18 Uhr folgendes:

Hier eine B-Autorin aus der „Belletristik-Branche“, die gern anonym bleiben möchte. Denn im Verhältnis zum Verlag soll Friede und Freude herrschen. Vor allem nach außen hin. Aber auch nach innen macht man sich schnell unbeliebt, gilt schnell als unbequeme, fordernde Autorin. Die vielleicht schon von einem anderen Verlag ausgestoßen wurde, weil sie so unbequem ist resp. sich nicht gut genug verkauft hat. Als Autor merkt man selbst, welchen Stellenwert man innerhalb eines Verlagsprogramms zugewiesen bekommt. Man weiß schon, wenn man nicht Spitzentitel ist und kein Geld in die Werbung in einer Feuilletonzeitung gesteckt wird, dass das Ganze nichts werden kann. Man muss dann seine Zuversicht zusammenkratzen, sich moralisch aufrichten. An seine Fans denken.

Ich habe alles in mein Buch gesteckt, ich habe das Beste gegeben, was mir zu diesem Zeitpunkt möglich war. Ich habe immer wieder gedacht, ich kann nicht mehr und dann immer weiter gemacht, Hürden überwunden, geheult, gejubelt, gefeilt. Jahrelang. Es muss ja am Ende nicht das große Geld rauskommen; eigentlich wollte ich ja Leserherzen erreichen. Ich möchte etwas geben. Das werde ich aber nicht so können, wie ich es möchte. Und das Geld, das ich verdiene, wird nicht reichen, um halbwegs in Ruhe ein neues Buch zu schreiben.

Was war das für ein Glücksgefühl, endlich den passenden Verlag gefunden zu haben! Die ersten Dissonanzen bei Vertragsformulierungen. Das Gefühl, von einem Megakonzern etwas übergestülpt zu bekommen. Dann wurden der Arbeitstitel und alle Alternativen mit beiläufiger Geste vom Tisch gefegt und mir in einer Mischung aus Manipulation und Herausschieben ein für mich unangemessener und kitschiger Titel übergeholfen. Jeder Autor unter Ihnen kann sich die schlaflosen Nächte vorstellen, wenn sich auf diese Weise der Verdacht verfestigt, für ein paar lausige Euro seine Seele verkauft zu haben. Und jeder Leser und Kritiker denkt, der Autor hätte den Titel so gewählt. Wie es im Interview heißt, der Verlag hält Apfelessig gerade für den großen Renner, so wurde mein Buch auf das Thema Apfelessig zurechtgestutzt. Das Foto unter diesem Aspekt ausgewählt, das Cover, die Klappentexte. Nur dass ich keine Apfelessig-Autorin bin. Das ich viel mehr zu geben hätte.

Leider war auch das Lektorat dementsprechend. Es kann sich niemand vorstellen, wie in einem Verlag mit einem scheinbar hochwertigen Programm unter Zeitdruck an einem Manuskript von jemand, der womöglich wenig Erfahrung hat, herum gepfuscht wird, sogar in den Stil eingegriffen (um dem Apfelessig-Leser entgegen zu kommen). Wie wenig Achtung der Leistung eines Autors entgegengebracht wird, der ja dem Verlag noch keinen Erfolg gebracht hat. Und dem er auf diese Weise keinen bringen wird. Denn Leser fühlen sich auch manipuliert und unwohl, wenn die Verpackung nicht zum Inhalt passt.

Inzwischen denke ich, ich hätte besser ein E-Book selbst herausgeben oder hätte bei einem kleinen armen, aber gewogenen Verlag veröffentlicht. Dann würde ich mich nicht gegen Deformierungen behaupten müssen. Solche Vorgänge richten womöglich dauerhaft Schaden an: In der Art wie ich als Autorin wahrgenommen werde und an meinem künstlerischen Selbstbewusstsein.

Um 03.04 Uhr antwortete darauf X-Autor:

Liebe B-Autorin, normalerweise schreibe ich keine anonymen Kommentare, aber nachdem ich Deinen Brief gelesen habe, MUSS ich einfach antworten. Und weil ich einige Dinge benennen will, es mir aber überhaupt nicht darauf ankommt, in eine Diskussion „um mich selbst“ einzusteigen, möchte ich es – ausnahmsweise – anonym machen.

Vorab: Ich schreibe schon viele, viele Jahre lang, und ich kann sagen, dass ich nicht nur den C-Autoren-Status kenne, sondern sozusagen von (fast-)A bis X alles durchhabe. Als ich anfing, professionell zu schreiben, also etwa vor dreißig Jahren, tat ich es aus dem Impuls heraus, Geschichten erzählen zu MÜSSEN, aber mit dem Anspruch, es auch richtig zu tun, also das Handwerk zu erlernen. Das war damals noch schwer, es gab kaum Möglichkeiten, ich wählte eine Fernausbildung. Danach schlossen sich vielerlei kleinere Projekte an, auch journalistisch war ich tätig, aber meine Passion blieb das Fiktionale. Ich bin von Kindesbeinen an begeisterter Leser, und was ich an „meinen“ Lese-Büchern schätzte, wollte ich dann auch „meinen“ Lesern geben: Die Reise in eine – wörtlich gemeinte – fantastische Welt. Ich LIEBTE Bücher, und ich wollte diese Liebe auch im Schreiben ausdrücken, ohne jedoch in das Fach der „Schnulzen“ oder auch der „hohen Literatur“ zu geraten. Unterhalten wollte ich, aber mit einem Anspruch an Sprache und erzählter Geschichte.

Zehn Jahre sollte es dauern, bis ich einen Agenten und kurz darauf über ihn einen Verlag fand. Und dann geschah genau das, was Du, liebe B-Autorin, beschreibst. Am Vertrag hatte ich nichts zu mäkeln, der war richtig gut, aber was das Buch anging, lief es von Anfang an nicht rund. Kurz vor Erscheinen teilte man mir mit, dass man den Titel geändert habe. Ich war entsetzt, denn dieser neue Titel konterkarierte alles, was ich mit meinem Buch verband. Einen Tag lang ließ man mich glauben, ich hätte es in der Hand, einen anderen Titel zu finden, dann erfuhr ich, dass die Vorschauen längst gedruckt waren. Das Cover bekam ich ebenfalls erst zu sehen, als es nichts mehr zu diskutieren gab. Dann erschien das Buch – es war trotz allem ein Freudentag, den ich nie vergessen werde: Der erste Roman in einem großen Verlag, im Hardcover!

Die Ernüchterung kam pronto. Dabei war mir durchaus bewusst, dass ich weder Spitzentitel noch sonst was war, will heißen: Ich hatte keine großen Erwartungen. Aber was dann geschah, war für mich unvorstellbar: Ich organisierte Lesungen und Pressetermine selbst (ich hatte durch meine „kleinen Projekte“ Kontakte und Erfahrung), und es gab ein sehr nachhaltiges (zunächst lokales) mediales Interesse an dem Buch. Immer mehr Lesungsanfragen kamen, aber man war im Verlag nicht mal bereit, mir Plakate zur Verfügung zu stellen. Weil ich die Veranstalter nicht enttäuschen wollte, habe ich schließlich selbst ein Plakat entworfen und im Copy-Shop drucken lassen (damals kostete ein Exemplar eines solchen Farbdrucks 5 DM!). Es kamen Beschwerden von Lesern, die mein Buch angeblich nicht kaufen konnten – ich schob es auf die Dummheit der Leute, bis mir eine Buchhändlerin bei einer Lesung sagte, dass mein Roman überhaupt nicht im Verzeichnis Lieferbarer Bücher eingetragen sei. Das habe man vergessen, sagte der Verlag.

Drei Monate nach Erscheinen des Buches zeichnete sich ab, dass die erste Auflage bald abverkauft sein würde (ich fragte regelmäßig nach), aber eine zweite Auflage wollte man nicht drucken. So saß ich in Lesungen ohne Bücher. Mehr Presseanfragen kamen, mehr Leute wollten das Buch. Schließlich druckte man nach. Bei der nächsten Auflage das gleiche. Inzwischen war das Herbstprogramm draußen, mein Buch nicht mehr interessant. Für den Verlag. Für mich schon. Für die Leser offenbar auch. Ich könnte ein ganzes Buch schreiben, was ich alles unternommen habe, um den Verlag zu überzeugen, dass dieses Buch von Lesern gern gelesen würde, wenn sie es denn weiterhin druckten. Als es dann ins Taschenbuch kam, funktionierte es leidlich. Ich schrieb ein zweites und dachte wirklich, es würde besser. Es kam noch schlimmer.

Es geschah genau das, was Du auch beschreibst. Leute, die keine Ahnung hatten von dem Buch (denn es war noch gar nicht fertig), entschieden darüber. Wieder die Diskussion um den Titel. Ich setzte mich durch, aber ich war nicht glücklich. Nicht etwa: Aus sachlichen Gründen müsse was geändert werden, nein, es seien einfach zu viele Seiten. Man strich Passagen, die andere Passagen plötzlich absurd werden ließen. Ich war noch mitten am Schreiben in einer Phase, in der man mit den Figuren lebt, in denen man die Freude am Schreiben am intensivsten spürt, aber ich war müde, konnte die Diskussionen nicht mehr ertragen, die nicht um die Sache gingen (da hätte ich mich gern überzeugen lassen), sondern nur um diesen angeblichen Leser, der das Buch so und so und so haben wollte. Ich fing an, diesen angeblichen Leser zu hassen, ich wurde traurig und krank davon. Ich setzte mich schließlich durch, mit allem, aber wie viele schlaflose Nächte, wie viele Diskussionen kostete mich das, wie viele Tage, an denen ich nicht schreiben konnte!

Der Roman erschien, die Auflagen beider Romane überschritten die Hundertausend-, die Zweihunderttausend-Grenze, ich schrieb einen dritten. In der Hoffnung, dass man nun doch sehen müsse, dass die Geschichten, wie ich sie erzählte, vom Leser auch genauso geschätzt würden. Beim vierten war es dann soweit: Dieses Mal, so der Verlag, solle ich einen richtigen Spitzenplatz bekommen, man werde alles tun für dieses neue Buch. Das Schlimme: Die meinten das wirklich so. Vorher schon hatte ich auf Anraten meines Agenten einen neuen Vertrag unterschrieben, der finanziell nicht zu toppen war. Was soll ich sagen? Schon während des Schreibens versuchte man wieder, Einfluss zu nehmen. Der Titel passe dem und dem Verkaufsleiter bei dem und dem Filialisten nicht, er müsse geändert werden. Im Übrigen sollte ich mich bitte auf höchstens soundsoviele Seiten beschränken.

Du bringst es auf den Punkt, liebe B-Autorin: Man hatte das Gefühl, man hätte seine Seele verkauft. Heute weiß ich: Es war nicht nur das Gefühl, es WAR so. Nichts von meinen Träumen war geblieben, nichts machte mir mehr Freude an dieser Art zu erzählen. Ich war auf dem Sprung zur A-Autorin, und ich warf die Flinte ins Korn.

Fast fünf Jahre ist das her, und ich glaube, man hat im Verlag bis heute nicht begriffen, warum ich das tat. Ich mache auch niemandem einen Vorwurf, denn ich kenne natürlich auch die Zwänge, die in den Verlagen herrschen. Ich wollte weder Lektor noch sonstjemand in dieser Maschinerie der Beliebigkeiten sein. Ich hatte für drei Romane fast ein gutes Dutzend Lektoren, darunter einige Outgesourcte, die ums Überleben kämpften und alles taten, was die Verlagsleitung wollte. Zuständigkeiten in den Sparten Presse und Veranstaltungen wechselten damals im Vierteljahresrhythmus. Das zumindest hat sich inzwischen geändert, aber die Misere, dass Leute, die Bücher NICHT lieben, die reine Marktstrategen und sonst gar nichts sind, zu wissen glaubten, was die Leute lesen wollen – und wie ich das zu schreiben hätte, was sie lesen wollten! – das konnte ich nicht mehr ertragen. Selbst wenn sie recht hätten. Und vielleicht sogar in dem einen oder anderen Fall recht haben. Ich wollte nur noch frei sein, wieder das schreiben, was ich gern schreiben möchte.

Mit der Trennung vom Verlag trennte ich mich auch von meinem Agenten. Es war keine schöne Zeit, und das Paradoxe daran war, dass man mir es deshalb so schwer machte, weil der Erfolg nun da war. Als C-Autorin wäre man wohl froh gewesen, mich los zu sein. Würde ich das wieder tun? Alles hinschmeißen und freiwillig in die X-Liga zurückgehen? ICH würde es tun. Aber ich kann anderen nicht dazu raten, denn für Autoren, die vom Schreiben irgendwie leben müssen, wäre es Harakiri. Mir geht es heute gut, ich schreibe wieder gern, aber bei den „Etablierten“ wurde ich persona non grata. Ich hatte ja durchaus einen guten Namen, aber wie sich Verkaufserfolge rumsprechen, sprechen sich auch Vertragsauflösungen herum. Ich dachte damals, ich müsse nur den Verlag wechseln, um mein „Schreibglück“ wiederzufinden. Erlebte dann aber mehrfach, wie sich anfängliches Interesse sowohl von Verlagen als auch von Agenten plötzlich verflüchtigte. Ich sah es als Zufall, bis mir ein wohlgesonnener Mensch offenbarte, dass man sich sehr wohl in der Branche unterhalte. So ist das eben. Wahrscheinlich nicht nur in dieser Branche.

Aber ich kann wirklich verstehen, warum immer mehr Autoren desillusioniert sind. Man arbeitet als Kreativer und bekommt Vorgaben wie eine billige Schreibkraft. Statt Schrift-Steller ist man „Schreib-Maschine“. Ich bekomme eMails von Leidensgenossen, denen ich leider auch nicht mehr raten kann, als zu versuchen, für sich selbst einen Weg zu finden. Aber andererseits: Wenn man es schafft, dieses Verlangen nach „seriöser“ Anerkennung abzulegen UND noch an genügend Leser zu kommen, dann, finde ich, tun sich für kreative und „altmodische“ Autoren, die noch schreiben, weil sie Geschichten erzählen wollen, in der digitalen Welt womöglich neue Wege auf. Es dauert eben noch ein Weilchen.

Also: Kopf hoch, liebe B-Autorin. Zeit ist ja das, was wir wieder haben möchten in dieser so schnelllebigen Welt. Ich jedenfalls bin frohen Mutes.

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Seit seinem Erscheinen treibt dieser Beitrag um. Immer wieder erreichen mich dazu Kommentare, Stellungnahmen und Erfahrungsberichte. So etwa von Barbara, ACR und eine Autorin, die ungenannt bleiben möchte.

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24 Kommentare zu “„Statt Schriftsteller ist man ‚Schreib-Maschine‘.“ Zwei Autoren berichten

  1. So, jetzt habe ich diese ganze Artikelserie gelesen und lange überlegt, ob ich auch was schreiben soll. Letztendlich bin ich zu der Auffassung gekommen, dass es wohl gut ist, wenn ich auch was dazu sage, damit die Zahl von denen, die den Mund aufmachen ein bisschen größer wird.
    Also ja: Hiermit reihe ich mich ebenfalls in die Liste der Autoren ein, die vorsichtshalber ihren Namen nicht nennen, denn im Großen und Ganzen kann ich alle Punkte bestätigen, die ich hier gelesen habe.
    Ich selbst schreibe seit über 20 Jahren. Etwa 10 Jahre davon habe ich gebraucht, um gut schreiben zu lernen. Weitere 10 Jahre hat es gedauert, ehe ich das ganze Elend mit Bewerbungen und Ablehnungen überstanden hatte und mein erstes Buch von einem „echten“ Verlag gedruckt wurde. Inzwischen sind es drei Verlage, zwei davon namhaft, einer nicht ganz so.
    Der Erfolg, also das „Verlegwerden“ an sich ist in meinem Fall noch recht jung. Aber ich kann jetzt schon sagen, dass sich vieles daran falsch anfühlt. „Die Seele und das Herz bitte an der Garderobe abgeben – auf der Bühne spielen die Verkaufszahlen.“ Dieses Motto spürt man schnell, wenn man die heilige Grenze zum Verlag erstmal übertreten hat. Sicher, alle sind freundlich zu mir, alle lieben meine Bücher und wahrscheinlich meinen sie es wirklich so. Aber mein Herz und meine Seele habe ich längst verkauft. Für einen Dumpingpreis, denn leben kann ich bei Weitem nicht davon. Man könnte auch sagen, ein durchschnittlicher Verdiener verdient im Monat soviel wie ich im ganzen Jahr. Das Geld bringt also mein Mann in die Familie. Ich „verwirkliche nur mich selbst“. Mit dem kleinen Unterschied, dass ich selbst das nicht mehr tue, seitdem mir die Verlage sagen, was ich schreiben soll, wie lang es sein darf, für welche Zielgruppe ich es zurechtschustern muss und wann der Abgabetermin ist. Der Titel, das Cover und der Klappentext werden festgelegt, bevor das neueste Buch auch nur einen Satz lang ist, also zu einem Zeitpunkt, zu dem es nur aus einer Idee besteht, die ich in einem Exposé formuliert habe. So etwas ist wirklich, WIRKLICH unheimlich!!! Alles Mögliche könnte in der Zwischenzeit passieren. Was, wenn ich mit meinen Figuren nicht warm werde? Wenn die Geschichte nicht funktioniert? Wenn ich in eine Sackgasse laufe und das Buch nochmal umschreiben muss? Wenn ich einfach mal krank werde oder was anderes dazwischenkommt und deshalb der Zeitplan platzt? Wenn irgendwas davon passiert, dann müsste ich stümpern und tricksen und das Buch würde trotzdem gedruckt und ich bekomme die Dresche von den Lesern, weil „natürlich“ der Autor verantwortlich für sein Buch ist.
    Zum Glück vertraue ich mir und meinem Können. Ich weiß, dass ich dieses Buch schreiben kann, auch unter dem gegebenen Druck und in der vorgegebenen Zeit. Was das betrifft, bin ich also froh, dass ich zwanzig Jahre Vorlauf hatte, um mich und mein Können zu entwickeln. Ich habe inzwischen eine Routine, die ich jetzt dringend brauche, und zum Glück gehöre ich auch zu denen, bei denen die Ideen nur so hervorsprudeln.
    Aber dennoch. Ich bin immernoch schockiert darüber, wie es hier (in der glitzernden Verlagswelt) läuft. Ich dachte immer, ein Buch müsste perfekt sein, die Figuren, die Sprache, die Atmosphäre. Ich habe Werke in meiner Schublade, an denen ich mit unendlicher Geduld geschrieben und gefeilt habe, die von zahlreichen Testlesern und anderen Autoren gegengelesen wurden, bis ich alle konstruktive Kritik in den Text eingearbeitet hatte. Aber solche Bücher werden jetzt nicht einmal geprüft, von keinem meiner Verlage. Und warum? Weil sie zufällig ein Thema behandeln, das auf dem Markt gerade gefloppt ist.
    Also muss ich neue Bücher schreiben, für die ich wenig Zeit habe, so wenig Zeit, dass sie kaum ein Testleser zu Gesicht bekommt, bevor sie auch schon in den Druck müssen. Aber sie haben das richtige Thema, oder sagen wir mal, das Thema, von dem die Marketingabteilung glaubt, es könnte das richtige sein.
    Ganz ehrlich, immer, wenn ich darüber nachdenke, kann ich spüren wie eine kleine Wunde in meinem Herz aufreißt und anfängt zu schmerzen. Ich musste mich und meine Seele verkaufen, um dabei zu sein. Und jetzt kämpfe ich Tag um Tag darum, sie zurückzubekommen. Ich tue alles dafür, mir die Geschichten zurückzuerobern und sie trotz all der Vorgaben und Beschränkungen wieder zu einem Teil von mir zu machen. Und ich bange und hoffe, darauf, dass sich meine Bücher irgendwann so gut verkaufen, dass ich wieder die Regeln bestimmen darf.
    Aber im Moment stehe ich noch ganz unten in der Rangordnung. Selbst der Gang in den Buchladen ist meistens deprimierend. Meine Bücher müssen wohl irgendwo im B oder C-Programm laufen (auch wenn meine Lektorinnen immer davon schwärmen, wie gut mein Buch überall ankommt). Aber jedenfalls finde ich sie trotz namhafter Verlage meistens nicht, wenn ich in einen Buchladen komme. Oder ein einzelnes Exemplar steht einsam und verloren irgendwo im Regal, wo nur hartgesottene Fans nach ihm suchen werden. Manchmal hole ich solch ein einsames Buch heraus, trage es ein bisschen mit mir herum und lege es dann liebevoll und wie zufällig irgendwo auf den Tisch. Aber wahrscheinlich findet es die Buchhändlerin dann doch vor dem Leser und stellt es in den Regalplatz zurück.
    Offensichtlich hat für mich also noch niemand einen Stapelplatz bei Thalia gekauft. Warum auch. Ich bin jung und NeuamMarkt. Ich muss mich erstmal beweisen.
    Und so organisiere ich bis jetzt auch noch viel zu viel selbst. Wenn ich eine Lesung halten will, muss ich mir selbst einen Ort suchen und das Publikum am besten gleich mitbringen, von einem Lesungshonorar mal ganz zu schweigen. Wenn ich ein bisschen Pressewirbel will, dann toure ich selbst durch das Internet, pflege meine Sozialforen und streichel meine Leser mit liebevollem Smalltalk. Tatsächlich sind das oft die besten Momente. Meinen Lesern bin ich manchal am Nächsten, obwohl ich nur ein paar geschriebene Worte von ihnen habe, in denen sie ihre Leseeindrücke schildern. Ich bin also wirklich gerne „bei meinen Lesern“. Aber der Verkaufserfolg steigt wohl nur wenig durch diese 1:1 Zuwendung und meine neuesten Bücher werden auch nicht gerade schneller fertig.
    Stattdessen geht fast die Hälfte der Zeit dafür drauf, alles selbst zu organisieren. Mir ist es noch nie so schwer gefallen, mich auf mein aktuelles Manuskript zu konzentrieren, weil die Tage ständig zwischen dem einen und dem anderen zerrissen werden. Wenn ich einen schlechten Tag habe, aktualisiere ich manchmal häufiger den Verkaufsrang bei Amazon, als ich beim Schreiben meines neuesten Werkes auf die Returntaste drücke. Nicht etwa deshalb, weil bei Amazon so viele Bücher über den Tisch gehen würden, nein, wohl eher deshalb, weil ich mir das so sehr wünsche.
    Es ist also alles andere als Heile Welt, die dort hinter den Verlagstüren herrscht. Und wir Autoren sind in dem „Geschäft“ die ärmsten Säue von allen. Wir machen unseren Job ja gerne, hundert andere stehen Schlange, um unseren Platz einzunehmen, also muss man uns weder fair bezahlen, noch fair behandeln.
    Meine Angentin fand dafür den treffendsten Begriff: Wir sind Schreibsklaven. Genau so fühle ich mich oft. Aber verflucht nochmal, ich mache meine Job so gerne, dass ich ihn trotzdem nicht aufgeben würde, dass ich das alles mitmache und lächele und nach Außen hin den Schein wahre – und nur dann den Mund aufmache, wenn mein Name nicht darunter steht.
    Manchmal denke ich, wir Autoren müssten mal streiken, alle auf einmal, die Kleinen und die Namhaften. Wir müssten uns alle verabreden und unsere neuesten Manuskripte einfach nicht pünktlich zum VÖ-Termin abliefern. Aber das Problem ist wohl, dass es auch unter uns zu viele Streikbrecher geben würde – und noch mehr Autoren, die nur darauf warten, dass mal ein Programmplatz freibleibt. Im Notfall würde sich auch noch eine Auslandslizenz finden, die man schnell ins Programm schieben kann.
    Also muss ich mich wohl damit abfinden, dass ich nur eine Nummer auf dem Markt bin. Und alles, was ich hoffen kann, ist, dass sich die Qualität meiner Bücher irgendwann durchsetzt und mich zu einer größeren Nummer macht, bis ich irgendwann vielleicht tatsächlich Geld verdiene. Nur soviel wie man zum Leben braucht. Das würde mir ja schon reichen.

    Tja, jetzt habe ich soviel geschrieben und frage mich gerade, was die Moral von der Geschicht ist. Im Grunde ganz klar: Wenn ihr es könnt, wenn ihr nur irgendwie die Möglichkeit habt, auf andere Weise glücklich zu werden, dann lasst die Finger vom Schreiben! Diese Welt mag glänzen, aber auch das Schlachtermesser glänzt, bevor es dem Schwein die Kehle aufschlitzt.
    Doch wie auch immer. Ich für meinen Teil werde weiterkämpfen. Ich weiß schon lange, dass ich nur glücklich bin, wenn ich schreibe, also könnte ich es wohl nie sein lassen. Selbst wenn ich wollte 😉

    Liebe Grüße
    Eure Schreibsklavin!

  2. Du lieber Himmel – wenn man alle Kommentare nebst den beiden zugrunde liegenden Texten gelesen hat, könnte einem glatt die Lust am Schreiben vergehen…wenn, ja wenn…
    Wenn man (Pardon an alle FeministInnen: Ich verwende gnadenlos ein man, wenn ich auch Frau meine – schließlich gehört der Bohrhammer hier im Haus mir und mein Mann kann nicht damit umgehen – man weiß das hier, auch ohne dass man darüber spricht…), wenn man nicht schreiben müsste. Lust hat damit – zumindest bei mir – weniger zu tun: Ich muss.

    Keine Angst. Ich halte mich nicht für BESONDERS BERUFEN.
    Ich frage mich schon lange nicht mehr, warum ich schreiben muss, um leben zu können. Ist einfach so. Wie mein Wunsch, Kinder in die Welt zu setzen. Einfach da und bedarf keiner Begründung (mehr). Ich bin Diplom-Biologin – es fällt mir leicht, etwas als angeboren hinzunehmen. Ehrlich, sowas kommt weltweit ziemlich häufig vor…

    Ich schätze, dieses MUSS teile ich mit einer Menge anderer Menschen, denn abgesehen von unserem Fingerabdruck und unserem Genom sind wir Menschlein meist nicht halb so originell und einzigartig, wie wir vermuten oder das bisweilen gern hätten. Und genau da liegt das Problem: Überangebot. Es gibt ein Überangebot an Schrifstellern.
    Denen ist meines Erachtens nach gleichzeitig mit dem Drang zur Feder ein weiteres Attribut angeboren: wahrgenommen, gehört, gelesen werden wollen. Verzeihlich, wenn man bedenkt, dass alle Weltreligionen von einem Gottes-/Götterbild ausgehen, das sich äußert und zwar nicht ins leere Weltall hinein, sondern um von Menschen gehört zu werden. Scheint das nächste fundamentale Phänomen zu sein: sich äußern wollen, sich äußern müssen, um gehört zu werden. Zwingend wie die Schwerkraft.

    Ich kann mich der Schwerkraft nicht entziehen, sonst gibts blaue Flecke.
    Ich kann mich dem Zwang zu schreiben nicht entziehen, sonst gibts Seelenverstopfung, was sich übel anfühlt.
    Ich kann mich dem Drang nicht entziehen, dass ich mir wünsche, gehört & gelesen zu werden. (Und es gibt blaue Flecke, weil ich ständig auf die Fresse falle…aber wie soll ich mich über Naturgesetze hinwegsetzen?)
    Falls ich mit dieser meiner Befindlichkeit bzw. dieser scheinbar grundlegenden Natur des Schriftstellers nicht allein bin – und ich bin sicher, ich bin es nicht!!! – führt das zum o.g. Überangebot: Viele Getriebene wollen bzw. müssen (ihrem Empfinden nach) veröffentlichen.
    Was dann passiert, gehorcht den Gesetzen auf dem freien (Buch-)Markt: Dumping im ureigensten Sinn des Wortes mit allen Auswüchsen, denn es gibt ganz unterschiedliche Schmerzgrenzen – was dem einen Autor als Zumutung erscheint, nimmt der nächste nicht einmal als solche wahr. Das drückt die Standards, die Qualität im Umgang, im Produkt. Jeder Schriftsteller unterhalb der Millionenauflage ist durch eine bequemere Type ersetzbar. Das weiß die Branche. Der Leser bekommts nicht einmal mit.

    (Manchmal habe ich sowieso den Eindruck, da wird im Sinne eines weltumspanndenden Komplotts an der schleichenden Verblödung der Leser gearbeitet, bis Verlage ein Self-Write-Programm entwickeln können, in das man oben einen Titel + ein Cover stopft und unten kommt dann der fertige Roman heraus, samt Werbekampagne und Drehbuch: „Das Geheimnis des Latrinenreinigers“ – sorry, ich bin nicht gut drauf, habe soeben mit meinem alten Verlag gebrochen und sehe mich auf eine massive Seelenverstopfung zuschlingern…)

    Zu blöd, dass Schriftsteller an der Situation – als fast Reflexgesteuerte, die sie sind – so leiden.
    Zu blöd, dass ihnen, wenn sie gut sind, das Zweifeln fest ans Schaffen gekoppelt ist, denn nur der Zweifel schafft es, den Blick aufzuweiten, mehr als einen Weg zu sehen, wirklich schöpferisch tätig zu sein – sonst wären Autoren ja mit der einen Wirklichkeit, wie sie existiert, zufrieden und müssten nicht daneben andere Realitäten erschaffen.
    Zu blöd, dass Verlage sozusagen institutionell in ihrem eigentlichen Auftrag dazu da sind, mit den Zweifeln des Autors umzugehen, indem sie prüfen, fragen, hinterfragen, korrigieren und Schriftsteller sie deshalb gern als eine Art professionellen Gegenpol zu ihrem Selbst und Werk nutzten (Achtung: Konjunktiv!).
    Und wirklich blöd ist, dass man sich als Schriftsteller in seinem Werk äußert, sich Buchtsabe für Buchstabe buchstäblich nach außen wendet, bis man – egal wie man verschleiert – mehr oder weniger nackt dasteht mit seinem Ich, seinen Träumen und Ängsten, seiner Geschichte: so angreifbar, so verletzlich.

    Ausweg? Sehe ich nicht. Für mich nicht.
    An der Schwerkraft kann ich ebensowenig etwas ändern wie an der Tatsache, dass Schreiben zu meinem Leben gehört, dass ich gelesen, veröffentlicht werden will, dass ich wegen meiner ständigen Zweifel (noch) einen Dialog mit einer professionellen Instanz brauche, die die nötige Distanz zu meinem Selbst hat und ich werde nix daran ändern, dass ich in einer Schlange Vieler stehe/untergehe/verschwinde, denen es ähnlich geht.
    Bloß nicht frustieren lassen.
    Fleiß hilft sicher.
    Ich hoffe darauf, wie überall im Leben, Glück zu haben.
    Es sind ja auch bisher alle Lastwagen an mir vorbeigefahren und keiner hat mich überrollt. So viel Glück hat nicht jeder!

  3. Pingback: Welcher Autor ist etwas wert? | Denkzeiten

  4. Durch den Artikel über die „geschlagenen Kinder“ bin ich auf diesen Blog gekommen. Seitdem lese ich und finde viele Zusammenhänge- im Sinne von- es berührt, betrifft, geht (auch) mich etwas an. (Geht mich auch etwas an- trifft ebenso zu.)

    Es ist – wie wenn ich die Wehrbrücke meiner Burg herunterlasse und erstmals ins Freie gehe … nach langer Zeit.

    „Selbst schuld“, brummt meine innere Stimme, während ich kopfnickend: ‘Siehste! ‘ denke und weiterlese und weiter lese. Da wird ausgesprochen/aufgeschrieben was ich schon lange vermute, denke, fühle und mich nicht traue zu sagen.

    Zwei Gründe für meine Zurückhaltung: Ich habe gedacht, ich bin zu unbekannt für eine Stimme und ganz nebenbei macht der „Markt der Etablierten“ (auf mich) pausenlos den Eindruck, unter ihm sei der Weisheit und des Erfolges Schatz bereits verteilt.

    Nun finde ich hier zwar wieder zwei etablierte Schriftsteller(Innen), dass sie sich allerdings anonym halten, macht mir Mut.

    Wenn also einen Namen haben, die „Stimme nimmt“ bin ich regelrecht beschenkt mit meiner Stimme „ohne Namen“.

    Also sag‘ ich was!

    Und damit beginnt es schwierig zu werden. Ich mag die „Verkaufsgeschichten“ nicht. Ich mag nicht diese Reißer: „Am eigenen Leib gespürt und nun der Welt mit auf den Weg gegeben!“

    Und- weil ich sie nicht mag, scheue ich sie und prüfe in sensiblen Zeiten sogar jede meiner Zeilen, ob sich da irgendwo etwas hinter der Formulierung verbergen könnte, „was auszusehen schiene“ wie eine versteckte Werbemasche.

    Dabei will ich nur Bücher schreiben.
    Ganz stimmt das nicht. Ich will Romane schreiben.
    Und auch das trifft es nicht, denn ich will immer besser werden. Ich will Literatur machen, anspruchsvoll und die Sprache als Instrument für: Leben beschreiben … Lebensbilder malen …

    Wieso? Soweit ich zurückdenken kann… ich will schon immer Bücher schreiben … schon immer.

    Die dunkelsten Stunden meiner Kindheit habe ich auch deshalb überlebt, weil ich nachts unter der Bettdecke heimlich gelesen habe. Es gab nicht viele Kinderbücher, ich habe Erwachsenenbücher aus dem Regal meiner Eltern stibitzt und Hauptmann, Seghers, Mann und andere gelesen. Und mir kleinem Mädchen haben diese Bücher die Hoffnung mit ins Leben gegeben: „Manchmal ist es ganz schwer zu leben, aber es gibt auch gute Erwachsene; und es gibt sogar mutige Erwachsene; und es gibt zusätzlich auch gute und weise Erwachsene, und die, die das aufschreiben können, nützen der ganzen Welt.“

    Und weil eben so ein kleines Kind nichts anderes hat als sich selbst, habe ich mir vorgenommen: „Wenn ich mal groß bin, schreibe ich auch solche Bücher.“ Ja, ich hatte schon als Kind eine recht erwachsene Sprache. Ich weiss nicht, ob es gut oder weniger gut ist, wenn ein Kind sich neue Worte selbst erklärt. Mir hat das nicht geschadet. Lesen prägt- es bildet nicht nur.

    Nun wäre es ein Leichtes gewesen, Feder und Papier und losgelegt, sobald das Alter dafür erreicht gewesen ist.
    Gehindert hat mich nicht nur meine Mutter, die in der Tatsache, mich zur Welt gebracht zu haben, das Recht an meinem Leben behauptete. Nein, intuitiv hatte ich wohl auch der Realität in der DDR zu leben, allerhand zugeordnet. Ich hätte es vielleicht zu einem anerkannten FDJ- Schreiber bringen können, aber was ich damals wollte und gekonnt hätte, kam im Sozialismus offiziell gar nicht vor. (Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen- ich bin kein Freiheitsheld gewesen, ich wollte nur schreiben, wie ich will.)

    Schreiben. Es ist wie atmen können, wie fliegen, wie weinen, schreien, wie leben, sterben, wachsen, schmelzen, auferstehen, wie … alles was mich ausmacht. Demnach habe ich viele Jahre nur für die Schublade geschrieben.
    Anfänglich heimlich. Meine Mutter suchte nach meinen Machwerken, zerriss sie … und mich. Sie hatte nichts gegen Schreiben, sie wollte nur nicht, dass ich es kann. Beinahe meine ich, sogar das Talent von ihr geerbt zu haben. Die Kämpfe, etwas zu nutzen oder zu verbannen, was aus oder von ihr kommt, habe ich hinter mir.

    In meinen besten Jahren, also in denen die allgemein so genannt werden, kam die Wende. Die Mauer fiel und ich hatte gedacht, nun kommt meine Zeit, ich werde beginnen zu schreiben, ernsthaft zu schreiben. Da kamen – fast über Nacht- die „Wendebücher“.

    Diese: „Mir sind 40 Jahre meines Lebens gestohlen worden“ Geschichten habe ich nicht erzählen wollen, zumal es dafür ausreichend viele „35Jährige“ gegeben hat. Jedoch waren die Verlage zu dieser Zeit darauf geeicht, endlich die Ostdeutschen ins Bild zu bekommen. Das wollten damals alle lesen oder es sollten damals alle lesen. Was weiss ich, wie diese Politik gemacht wird. Egal. Wenn wir aus dem Osten was ganz gut können, ist es warten und improvisieren.

    Also warten; ich wartete auf „meine Zeit“.

    Mit Mitte 50, an einem Donnerstagmorgen gegen 3 Uhr habe ich den ersten Satz meines ersten Romans geschrieben. Ich konnte nicht mehr warten, in mir brannte alles was geschrieben werden musste, wollte, sollte, konnte, durfte …

    Durfte? Hach! Ich bestimme was ich schreibe! Punkt!

    Den Fortgang dessen habe ich in meinem Blog unter: „Kommen Sie hierher! Kommen Sie ran! Hier bekommen Sie´s billiger als nebenan.“ (1. und 2. Teil) angerissen. Dazu habe ich mich entschlossen, nachdem viele meiner Facebookfreunde mir zu meinem Gedichtband gratuliert und versichert hatten, sie laden es sich auf jeden Fall herunter, sobald ich eine Kostenlosaktion mache. Ich solle sie nachher nur unbedingt ankündigen.

    Gleichzeitig habe ich sofort so etwas wie schlechtes Gewissen entwickelt- was kümmert es die Welt, wie ich mich fühle, wenn fast jeder denkt, es gibt mich kostenlos? Bei der aktuellen Werbung im TV kann ich ja noch froh sein, nicht unter „schön billig“ eingestuft zu werden. Sollte ich nicht lieber in meiner „Burg“ bleiben und machen, was ich wirklich will- schreiben.

    Und doch, immer mal wieder piekt es mich an. Es trifft mich, wenn wir Autoren – also viele von uns- wie Deppen in der Verlags- und Self Publishing Landschaft behandelt werden.

    Erst vor ein paar Tagen hat mir in praxi der Administrator eines Forums erklärt, ich möge mich vom Acker machen und könne gerne wiederkommen, sofern mich ein namhafter Autorenverlag veröffentlicht, schließlich wäre dies allein die Garantie für Qualität.

    Jene, auf enorm hohem Rosse reitende, Dame (die gendertechnisch einwandfreie weibliche Bezeichnung für Admin kenne ich nicht und die, von der ich annehme, sie stimmt, klingt albern), hat das zwar konzilianter geschrieben, die Tonlage ist unverschämt hochtrabend gewesen.

    Abgesehen davon, bin ich nur in diesem o.gen. Forum gelandet, weil mir Google eine Rezension angezeigt hat, die dort liegt und ich mich, ein bissel kindlich, gefreut habe und sie »in echt« sehen wollte.

    Den Tenor der Allgemeinheit vertritt dieser Fachmann (oder nennt sich das Fachfrau?) jedoch ganz deutlich. Scharfer Wind, sogar aus den eigenen »selbst auch durchgeblasenen« Reihen, herrscht überall. Manches mutet wie der Versuch an, jeden vom Tellerrand zu jagen.

    Diese Hatz lenkt mich von dem ab, was ich will und so zähle ich gern zu den Einzelgängern, die sich dem Becken der hohen Wellen, nur selten nähern.

    Meist bin ich stabil. Es ficht mich nicht an. Meinen Gewinn fahre ich durchs Schreiben ein. Da ist Quelle meiner Lust am Leben. Zugegeben das Gelesenwerden ist das Salz in der Suppe, alles andere eher das im Kaffee.

    Was mich wundert? Wieso sich diese Zuschussverlage noch halten.
    Was bieten sie heute Unersetzbares? Was können oder könnten wirklich nur sie? Was machen sie nicht, wofür sie sich aber bezahlen lassen?
    Was ist so unersetzlich bemerkenswert an einem sogenannten namhaften Verlag? Ich muss jetzt einfach mal aussprechen, wie sehr mich erschüttert, dass sich die Häupter des Suhrkamp öffentlich versuchen gegen selbst errichtete Mauern zu schlagen.

    Und bitte sage mir doch mal jemand, welcher Lektor heutzutage noch das ist, was – von mir aus altmodisch und althergebracht- aber eben wirklich fruchtbar ist? Niemand kann sich mehr um einen Autor kümmern, damit dessen Muse sich nicht abwende. Wie auch, die Butter fürs Brötchen und sei es noch so klein, will bezahlt sein.

    Ergo: Das Wesentliche muss ohnehin vom Autor geleistet werden. Auf sich aufpassen. Bewahren, was er wirklich will. Sich vervollkommnen. Bin ich weltfremd, wenn ich denke, es muss mir beim Schreiben gut gehen, damit – was ich schreibe – gut ist?

    Bestimmt wirklich Geld was wie wann geschrieben wird?
    Ich kenne die Antwort- aber bitte, ich will das nicht wissen!

    Mit dem Wissen soll ich erfolgreich das machen, was mich von keinem Unternehmer abhebt, Öffentlichkeitsarbeit, Werbung fürs eigene Produkt? Irgendwie kann ich das nicht.

    Ich will es auch nicht, denn ich habe keine Chance. Und ich habe sie nicht, weil das Vorurteil der Unfähigkeit auf mir lastet, solange mich kein Verlag druckt.

    Ist es nur Mundpropaganda oder nehmen Rezensenten tatsächlich Self Publisher „nicht in die Hand“? Ist es nur der Anflug eines arroganten Scheins oder lesen Journalisten wirklich keine entsprechenden Hinweise auf Neuveröffentlichungen von „namenlosen Alleinproduzenten“?

    Ich bin nach meinem Ausflug in den Schein der Verlagswelt von ihr geheilt- oder abgestoßen, jedenfalls habe ich mich weder bei Rezensenten noch Journalisten in die Reihe geschummelt.

    „Wer ohne mich lebt, lebt mit Verlust“, lache ich so manchem Tag ins Gesicht.

    Es stellt sich (mir) an den restlichen Tagen die Frage, auf welche Weise unterscheiden wir uns – die, in einem renommierten Autorenverlag unter Vertrag stehenden Autoren, bei einem BoD, bei einem Fair, bei einem eBook, Self Publishing – generell?

    Ich möchte wirklich nicht unbelehrbar gelten, deshalb behaupte ich nicht, sondern stelle anheim, es gibt keinen Unterschied. Unsere Werke müssen wir alle selber an die Leser bringen, ausgenommen jene, die in allerhand TV Formaten tummeln oder einen solch` überzeugend leistungsstarken Namen haben, dass sie auf Vorbestellungslisten und in Werbekonsolen feste Plätze generieren.

    Die Vermutung, renommierte Verlage schürften nun im Wildpark der Selbstverleger nach güldenem Einzelglanz, wird von Ereignissen, wie in der eBook Plagiatswelt erlebt, nicht unbedingt unterstützt.

    Mir scheint eher, da stünden einige am Ufer und warteten auf nützliches Treibgut, welches nur noch herausgefischt und ins bereits vorhandene Boot gehoben werden muss.

    Was also bitteschön, frage ich mich gelegentlich, macht die Überheblichkeit des Marktes aus, die den Autoren der renommierten Verlage mehr Können bescheinigen als so manchem Self Publisher?

    Folgende Antworten kenne ich:

    1. Finanzielle Sicherheit
    2. Lektorat
    3. Covererstellung

    Diese Punkte sind für mich nicht relevant. Finanzielle Sicherheit haben die wenigsten Autoren durchs Schreiben, und ich bin nicht auf ein „Schreibeinkommen“ angewiesen. Einem Lektorat werde ich mein ganzes Leben lang nie wieder vertrauen und mein Cover mache ich sowieso immer selber.

    (ACR)

  5. Ich hätte auch Einiges beizutragen – leider.
    Ich finde frederics Idee gut. Wenn man als Autor auf Verlagssuche geht, hat man keine objektiven Kriterien außer dem Renommee und den Autoren, die der Verlag vertritt. Wie wäre es mit einer Webseite, auf der Autoren ihre Verlage einschätzen? Wie fair war der Vertrag, wie verbindlich die Absprachen, wie achtungsvoll der Umgang, wie professionell das Lektorat, wie die Zufriedenheit mit Cover, Klappentext, Marketing, Lesungsanzahl, Presseresonanz.
    Vielleicht in Form einer Skala. Je mehr Einschätzungen zu einem.Verlag hinzukommen, desto repräsentativer wird das Bild.

    • Sorry, Anna, das halte ich für eine ganz, ganz schlechte Idee, da es immer eine Scheinlösung bietet. Ich habe das in meinem Blogbeitrag „Warum Autoren jammern dürfen …“ ja schon gesagt, mir ist auch schon so einiges mit Verlagen untergekommen, aber das passiert eben und vor allem: Bei jedem Verlag und bei jeder AutorIn ist es neu und anders. Es hat so viel mit Erwartungen und deren Enttäuschung zu tun, daran sind jedoch immer zwei beteiligt.
      Ich glaube, zu unserem Beruf gehört dazu, dass wir gleichzeitig das schwächste und das wichtigste Glied in der Kette sind. Ohne uns gibt es keine Geschichten, aber wir stehen meistens alleine da, jeder Laden, der aus zwei Personen besteht, ist schon in der Überzahl. Es kommt ganz entschieden darauf an, eine eigene starke Position in sich zu finden und sich nicht an anderen zu orientieren.
      Vernetzung und gegenseitige Hilfe, die es aber meistens nur in kleinen kollegial-freundschaftlichen Zirkeln gibt, sind sehr wichtig und sicher noch unterentwickelt, aber Schwarz- oder Weißbücher (oder Sites) über Verlage bringen in meinen Augen gar nichts. Zumal eines klar ist: Es steht immer einer oder eine bereit, die es sozusagen „zum halben Preis“ macht. Umso mehr muss man wissen, was man selbst will und wo ein NEIN unvermeidbar ist.
      Übrigens finde ich ist das in der ganzen Self Publishing-Diskussion ein sehr bedrohlicher Punkt: Viele der Autorinnen und Autoren, die nebenbei schreiben und das nicht zu ihrem Lebens- und Einkommensmittelpunkt gemacht haben, können vielleicht nicht verstehen, wie wichtig für die „Hauptamtlichen“ (ich versuche bewusst nicht von Profi- und Hobbyautoren zu sprechen) solche klare Grenzen und Positionen sind.

  6. Ein herzliches Hallo an Gesine von Prittwitz (und ein bisschen auch in Richtung Frederic …),

    ich freue mich, dass Ihnen, Frau von Prittwitz, mein Beitrag gefallen hat – umsomehr, dass Sie ihn sogar einer Extra-Veröffentlichung für wert hielten. Wie ich schon schrieb: Grundsätzlich habe ich kein Problem, meine Kommentare unter meinem Namen abzugeben, aber ich möchte keine Schlacht eröffnen, die auf ein Feld führt, auf dem ich gar nicht kämpfen will. Es geht mir nicht darum, „meinen“ (ehemaligen) Verlag an den Pranger zu stellen oder meine Situation zu bedauern, sondern darum, neue Wege auszuloten, aber auch anderen Autoren ein bisschen Mut zu machen, soweit ich das überhaupt kann.

    Durch meine doch schon lange Schreibbiografie kenne ich recht unterschiedliche Autoren, und das, was ich für richtig und wichtig halte, gilt nicht für jeden anderen genauso. Deshalb hüte ich mich möglichst, weise Ratschläge zu erteilen. Allerdings kann ich mein Bedauern nicht verhehlen ob der Tatsache, dass es im Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen immer „mechanischer“ zugeht – in einer Kreativbranche wie der Schriftstellerei ist das natürlich besonders bitter, aber ich kenne ähnliche Mechanismen auch aus anderen Branchen: Keine Zeit mehr, alles muss schnell gehen, Form geht vor Inhalt, Tiefe wird nicht gewünscht, Hauptsache, der Schein ist hell genug.

    Das ist sehr schade, denn es nimmt den Menschen die innere Freude an ihrer Arbeit, die immer weniger Berufung und immer mehr Job ist, weil die Ruhe fehlt, die nötig ist, die Dinge mit Zufriedenheit und Souveränität zu tun. Das gilt im Übrigen nicht nur für diejenigen, die den Inhalt eines Buches fabrizieren, sondern lässt sich auf alle runterbrechen, die im Buchgeschäft arbeiten: Lektoren, Buchhändler, Verleger, Korrektoren (falls sie nicht ohnehin eingespart sind), Vertreter … alle leiden am gleichen Symptom – und die Leser sind so müde, dass sie dann doch kaufen, was in Stapeln ausliegt. Wobei man ehrlich sagen muss: Vielen gefällt ja auch, was im Stapel ausliegt. Mir geht es allerdings um die, denen das nicht gefällt … Und mich würde wirklich interessieren, wie viele das sind. So wenige, wie die Verlage glauben? Oder so viele, wie wir Autoren insgeheim hoffen? Und noch viel interessanter wäre: wo man diese mainstreammüden Leser findet, wie man erfährt, was sie denn genau suchen, und wie man vielleicht zusammenkommen kann, und, und, und …

    Da ich natürlich nicht daran denke, das Schreiben aufzugeben, hoffe ich auf die weitere Entwicklung im digitalen Bereich; leider ist ja auch diesbezüglich nicht alles Gold, was glänzt, und die „Kostenlos-Mentalität“ gerade im eBook-Bereich hat mich schon ganz schön erschüttert, nachdem ich diesen Weg ausprobierte. (Der zu beobachtende Verfall jeglichen Bemühens um Sprache und Layout allerdings auch!!) Aber ich glaube, im Moment ist einfach noch (zu) vieles im Fluss – es bleibt spannend.

    Mit den besten Grüßen!

    PS: Leider lässt sich die Abgrenzung „großer Verlag“ – „kleiner Verlag“ auch nicht pauschal ziehen. Sonst wäre es ja einfach …

    • @ X-Autor,
      ich finde es schon bedenklich, dass Autoren nicht den Mut haben, Ihren eigenen Namen oder den des Verlages zu nennen. Zum Beispiel aus der Sorge, es könne eine Diskussion um die Person entbrennen und vom eigentlichen Desaster ablenken. Ist es nicht ein Zeichen, wie weit die Manipulation schon fortgeschritten ist, dass wir uns fürchten – als kleiner Einzelautor gegenüber einem Verlag? Weil wir in jedem Fall den Kürzeren ziehen und dann vielleicht von niemandem mehr gedruckt werden? Weil der Glaube an unser eigenes Können schon so demoliert wurde? Und dass wir vermeiden, uns mit Kollegen auszutauschen, die dann vielleicht sagen: Also nein, bei mir war das ganz anders, alles ganz nett, prima Lektorat usw. und einem implizieren, dass man eben schwierig sei?

      @ Frederic
      Die Idee mit einer Art Wikileaks für Autoren ist gut, aber vermutlich nicht praktikabel. Und es soll ja nicht denunziatorisch werden. Es gibt tatsächlich auch unerträgliche Autoren. Mein Verlag hat einen guten Ruf, nie würde jemand vermuten wie das Werk eines gestandenen Autors da verschlimmbessert wird, aber ich weiß nicht, wie es Verlagskollegen ergangen ist. Läuft das Buch erfolgreich, ist man im Nachhinein wohl nicht mehr gram über die Manipulation im Vorfeld. Vielleicht hatten Andere bessere Umstände, von vornherein ein besseres Händchen, den richtigen Stallgeruch, wer weiß. Vielleicht begehen andere auch einfacher Selbstverrat.

      Ich kann nur den Tipp geben, nicht zu einem Verlag zu gehen, der einem Konzern angehört, auf das Bauchgefühl bei den ersten Begegnungen achten, bei schönen Versprechungen misstrauisch werden (wir haben ganz viel Zeit für jedes unserer Bücher), von vornherein resolut aufzutreten, bei Manipulationsversuchen sofort gelbe Karte ziehen, den endgültigen Titel und die Platzierung als Spitzentitel im Vertrag festschreiben und eine gute Rechtsberatung zur Hand zu haben. Der Vertrag zeigt schon, welch Geistes Kind der Verlag ist.
      Viel Spaß bei der Kunst!

  7. Pingback: Verlage verbiegen Autoren | Lara Thinksdale

  8. Guten Morgen!
    Vor 12 Jahren erschien mein erstes Buch in einem „ordentlichen“ Verlag. Danach begann ein bizarres Theater 🙂
    Ob Konzernverlag oder Kleinverlag – ich hab 2011 ein ganzes Buch über meine haarsträubenden Erfahrungen mit Verlegern und Verlagen geschrieben, und auch danach hat sich brisanter Stoff für eine Fortsetzung angesammelt …
    Dieses Buch (in einem ordentlichen Verlag erschienen) wird hoch gelobt von allen, die es bisher gelesen haben – aber was ich bisher dafür tun musste, DAMIT es gelesen wird, stellt alle meine früheren Aktivitäten in den Schatten.
    Dennoch bin ich guter Dinge, denn noch nie hatten Autoren so viele Möglichkeiten, den zu finden, um den eine mächtige Branche buhlt: Den Leser.
    Wenn man sowieso alles selber machen muss (schreiben, Titel finden, Cover entwerfen, bewerben, vermarkten, Pressetexte schreiben, Lesungen organisieren etc….) warum dann nicht auch selbst an allem verdienen?
    Es kann doch nicht richtig sein, dass die, die Bücher schreiben, kaum Geld für die Miete haben, weil sie am wenigsten von allen Beteiligten an ihrem eigenen Werk verdienen!
    Natürlich wäre es wunderbar, wenn man als Schriftsteller nur das tun dürfte, was ein Schriftsteller tun muss, nämlich schreiben.
    Aber so läuft das eben nicht.

  9. Pingback: Zur Sache Buch aus dem WWW « Crimelady's Notes

  10. Pingback: Bücher über alles » [Buchsplitter] 21. Juli 2012

  11. Obwohl ich auch schon blühende Missstände erlebt habe (und auch fantastische Verlage), möchte ich jetzt direkt einmal den advocatus diaboli machen. Ich fürchte, sehr viele Autoren machen sich völlig falsche Vorstellungen vom „Geschäft“ – und etwas anderes ist der Verkauf der „Ware Buch“ nicht. Verlage sind keine Sozialvereine, je größer sie sind, desto weniger.
    In Autorenforen kann man z.B. lernen, dass nur eine ganz winzige, weltweite Elite von absoluten Bestsellerautoren bei Titel und Covergestaltung mitreden kann (festgeschrieben im Vertrag). Das hat ganz praktische Gründe. Ich bin nämlich als Autorin nicht der Nabel der Welt und diese Welt hat nicht nur auf mein Buch gewartet. Also muss das Marketing funktionieren, müssen die Buchhändler zugreifen. Und keiner kennt die besser als die Vertreter, die meist mitentscheiden. So ein Buch muss nicht auf dem Nachttisch einer Autorin platziert werden, sondern im kunterbunten Supermarkt der Bücher, wo es um Programmstrukturen, Trends, Stapelfähigkeit und solche Sachen geht. Und wir Autoren sind, was unsere „Ware“ betrifft, leider auch meist betriebsblind, kennen die Geschmäcker der Buchhändler viel zu wenig.

    Ich denke, wenn wir uns das – ganz sarkastisch – bewusst machen, leiden wir weniger in der Maschinerie. Das ist wie bei Opernsängerinnen oder Solopianisten – da geht es im Kampf um die Bühnen auch nur selten um die „reine Kunst“. Trotzdem ist mit all der Verkauferei Kunst möglich.

    Ich persönlich würde mir nicht zutrauen, komplett alleine über das Äußere meiner Bücher zu entscheiden. Sogar in den Fällen, wo ich das wirklich getan habe, frage ich lieber Leute vom Fach, denn Verkaufen ist etwas anderes als Schreiben. Nicht jeder kann beides.

    Nichtsdestotrotz sind die geschilderten Fälle haarsträubend und absolut keine Ausnahme.

    • Liebe Petra von Cronenburg, Sie haben absolut Recht, was das Äußere eines Buches angeht. Dafür gibt es Spezialisten und es ist ein hart umkämpfter Markt. Ein Autor ist für das Innere eines Buches zuständig. Doch Menschen, die dafür keine Spezialisten sind wie Marketingleute und Vertreter, funken genau dort hinein, diktieren den Titel, sogar Namen von Hauptfiguren. Es würde mich nicht wundern, wenn noch eine Sexszene oder ein Kochrezept in Auftrag gegeben wird. Autoren werden massiv manipuliert und unter Druck gesetzt. Wie X-Autorin schreibt, unterhält man sich in der Branche. Gilt ein Autor als widerspenstig, fliegt er aus dem Verlag und hat woanders von vornherein schlechte Karten. Gut jedenfalls, dass die Missstände publik gemacht werden und dass sich Autoren endlich solidariseren, statt mehr oder weniger subtil mit Ellenbogen gegen Kollegen vorzugehen. Kollegiale Grüße!

      • Liebe B-Autorin,
        ich glaube, das Problem fängt heutzutage schon *vor* der Verlagssuche an. Niemand erzählt uns Autoren nämlich, dass es völlig unterschiedliche Funktionsweisen innerhalb der Branche gibt. Die großen Konzernverlage, bei denen man sich ja gerade als Anfänger so hoffnungsvoll bewirbt, sind schlicht „Unterhaltungsindustrie“. Und Industrie funktioniert nach Standards, Profit und garantiert nicht nach kulturellem Auftrag oder gar Gefühlen. Völlig anders verlegerInnengeführte Verlage, die von einer Persönlichkeit geprägt werden. Wieder völlig anders Literaturverlage, die auch Bücher herausbringen, die garantiert nicht mit großem Profit laufen, aber wichtig sind.

        Wir haben es ja schon unendlich schwer, uns im Verlagsdickicht zurechtzufinden, wohin ein Projekt passen könnte. Wir müssten uns gegenseitig gründlicher aufklären über diese Unterschiede, Bücher zu machen – denn jeder Autor ist anders glücklich.

        Ich persönlich höre im direkten Austausch beim Publikum eine unendliche Müdigkeit heraus. Man hat die zurechtgebügelte Trendware satt. Man sehnt sich nach Abwechslung, nach riskanten und wagemutigen Projekten, nach Büchern, die berühren. Die Bücher, die das noch bieten, finden die Leser im Wust der Stapel immer schwerer. Sie liegen auch nicht mehr flächendeckend in den Buchhandlungen.

        Ich möchte es einmal ganz böse so formulieren: Einige Konzernverlage investieren wahrscheinlich deshalb derzeit so massiv ins Self Publishing statt ins interne Lektorat, weil sie ahnen, dass der Überdruss Leser wie Autoren vertreiben könnte. Vielleicht werden einige Verlage in Zukunft Geld für Dienstleistungen von ihren Autoren verlangen, wer weiß … Ob das dann die Rettung für die Verlage ist, bleibt dahingestellt.

    • Kann man eigentlich Teufels Anwalt von Teufels Anwalt spielen? Genau das ist es, was ich tun möchte.

      Denn all die Erfahrung der Verlagsvertreter und der Buchhändler wird seit über einem Jahr so konterkariert (karikiert?), dass man sich fragen muss, was diese Erfahrung unter dem Strich tatsächlich wert ist.
      Seit April 2011 verkauft Amazon auch in Deutschland E-Books. Ich veröffentliche dort als Kleinverleger selbst über 200 Titel, und so habe ich einen Einblick in die Verkaufszahlen (auch der Ränge über mir) und sehe, was sich verkauft.
      Was sehe ich in den Bestellerlisten?
      Titelbilder, die ein Verlag nie verwenden würde. Denen bei Motiv, Farbgestaltung oder Design jegliches Gespür abgeht. Aber sie sind Bestseller.
      Schreibstile, bei denen schon die Leseprobe reicht, um händeringend nach einem Lektor oder wenigstens einem gnädigen Korrektor zu rufen. Aber sie sind Bestseller.
      Themen und Genres, die von Verlagen und Buchhändler gleichermaßen entweder gar nicht geführt werden oder seit Jahren ein Nischendasein führen. Aber sie sind Bestseller.

      Und da ich die Verkaufszahlen wie bereits gesagt ganz gut abschätzen kann, reden wir hier von mindestens niedrigen vierstelligen Zahlen. Also Zahlen, die ein B- oder C-Autor (mir behagt der englische Begriff „midlist author“ deutlich mehr; er ist nicht so diskriminerend) mit viel Glück im Printbereich erreicht!

      Was bringt also die Erfahrung einer ganzen Branche, wenn sie von den beiden treibenden Kräften – den Autoren und den Lesern – in solch einer eklatanten Weise missachtet werden? Und das auch noch erfolgreich.
      All diese Autoren machen vielleicht hanebüchene Fehler, aber sie glauben an ihr Werk. Und dieser Glaube, der ist’s, der mir in der Buchmaschinerie aus etablierten Verlagen und Buchhändlern abgeht.

      • Danke für das Teufelchen gegen das Teufelchen. 🙂 Das trifft genau die Stimmung, die ich bei Auftritten oder in Social Media von LeserInnen auffange. Ich befüchtete bisher, das sei zu subjektiv, schön zu hören, dass das Publikum nicht so dumm ist, wie es manche gern hätten.

      • Hallo Thomas Kniep. Ja dann, so würde ich mal etwas frech schlussfolgern: auf dem Weg zur kulturellen Niedriglegung der Lesekompetenz sind also die Selbstverleger weiter vorne, aber finanziell erfolgreicher, während Verlage da noch eher auf Qualitätsvolle Gewerke achten, zu Lasten des finanziellen Erfolges? Das spräche ja, alle hier lesenden und Dich natürlich ausgenommen, für die Verlage.

        Mag ja sein, das ein Lesevolk an den ganzen billigen Werken Gefallen findet und daran glauben, aber dann will ich diese Autoren auch nicht alle auf dem kulturellen hohen Hügel stehen sehen sondern bei den Kulturdiscountern mit den Fertiggerichtsregalen. DA glauben die Autoren aber auch wieder etwas anderes morgens vorm Spiegelbild.

        (Alle hier lesenden Selbstverleger erst mal ausdrücklich ausgenommen und mehr als arg von mir pauschalisiert.)

    • „Ich bin nämlich als Autorin nicht der Nabel der Welt und diese Welt hat nicht nur auf mein Buch gewartet.“ – Das hätte ich mich nicht so getraut, aber ich möchte es unterstreichen. Bücher müssen sich einfach auch verkaufen.
      Dagegen, einen Roman im Selbstverlag zu veröffentlichen, spricht alles. Die Chance, ihn jemals in einer Buchhandlung zu sehen, geht gegen Null.
      Und übrigens, „Schreiben heißt leiden“. Hat bestimmt irgendein bekannter Schriftsteller gesagt 😉

      • Da wird der Buchhandel vielleicht eines Tages umdenken müssen oder auch etwas verpassen. In Sachen E-Books machen genau aus dieser Haltung des deutschen Buchhandels heraus (in anderen Ländern ist man offener) inzwischen andere das Geschäft: Amazon, Google, Apple.
        Und wer wirklich professionell (!) im Self Publishing ist, verkauft ohne Buchhandel nicht schlechter als im Verlag mit: http://www.literaturcafe.de/martina-gercke-holunderkuesschen-wie-man-ohne-verlag-einen-bestseller-schreibt/
        Ich selbst habe als Verlagsautorin einen Titel im Print selbst herausgegeben, den natürlich nur eine Handvoll mir persönlich bekannter Buchhändler in den Laden legt. Trotzdem verkaufe ich nicht weniger als mit entsprechendem Verlag – nämlich in anderen Läden und Verkaufsstellen und via Amazon. Und dass denen die LeserInnen zuströmen, weil man dort eben JEDES Buch kaufen kann, wird ja gern bejammert …

      • Trotz des Smileys: Mit, an oder wegen was ich leide, bestimme ich doch gerne noch selbst. In der Tat, das Schreiben tut oft weh, weil es ein schwieriger Prozess ist, der dich täglich an und über deine Grenzen führen kann. Zweifel, Versagensangst nagen. Alte Wunden werden geschrubbt, deine Figuren entblößen dich und … und … Das alles braucht nicht noch Leid von außen.

  12. So dankbar ich den beiden Autorinnen bin, ihre Erfahrungen geteilt zu haben, so schade finde ich es, das die Verlage unidentifizierbar bleiben. Ich kann natürlich verstehen, dass man sich Ärger mit dem eigenen Verlag ersparen will und sich über seinen Geldgeber öffentlich auszukotzen nicht die feine Art ist, aber ich frage mich, wie man diese Zustände in der Branche wird ändern können, wenn die Kritik so breit zielt. Ich schwanke, wenn ich solche Erfahrungen lese, immer dazwischen, das als „Einzelfall“ abzutun oder die gesamte Branche dafür verantwortlich zu machen; ich fühl mich dann immer so furchtbar undifferenziert.

    Es wäre – gerade auch für junge Autoren – sehr hilfreich, sich zumindest grob informieren zu können, wie das bei diesem oder jenem Verlag bzw. Lektor so läuft, damit man sich informieren kann, bevor man sich entscheidet, wo man unterschreiben will. Großartig wäre natürlich so eine Art Wiki, wo sich Erfahrungen diverser Autoren anonym sammeln lassen und wo man sich zumindest einen groben Eindruck darüber verschaffen kann, was (z.B.) dieser oder jener Lektor bisher schon produziert hat (dann weiß man ja oft schon, wohin er einen redigieren wollen wird).

    Keine Ahnung, ob das machbar ist und ob ein Wiki die richtige Systematisierung ist. Aber ich fürchte, so lange es keinen echten Adressaten für die Kritik gibt, bleibt sie an entscheidender Stelle ungehört.

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