Steglitz fragt bei Nicole Sowade nach

„Der Windows-Apple-Kindergarten aus der Musikindustrie wird mit epub und mobi zur Amazon-Apple-Spielwiese des Buchmarktes.“

Nicole Sowade fiel mir auf der re:publika12 auf. Zum Panel „Was Autoren vom Self-Publishing erwarten können (und was nicht)“ erschien sie mit Krönchen und Schärpe. Geschrieben stand darauf „Miss Januar“. Das ist der Titel ihres in der Kindle Edition im Februar 2012 selbstverlegten E-Books, mit dem die Berlinerin inzwischen bei epubli ist. In der Kategorie Belletristik ist sie damit zudem bei derneuedeutschebuchpreis.de vertreten – dem Schreibwettbewerb für die neue Self-Publisher-Autoren-Generation, der auf der Frankfurter Buchmesse 2012 zum zweiten Mal vergeben wird.

Nicole macht sich keine Illusionen. Die Entwicklungen auf dem Buchmarkt verfolgt die studierte Germanistin, die ein Praktikum in einem Publikumsverlag absolviert hat, kritisch. Und auch den Vor- und Nachteilen des Self Publishing sieht sie heute klaren Blickes ins Auge. Nicole sagt, als Selbstverlegerin müsse man kreativ sein. – Das wollte ich unter anderem von ihr genauer wissen.

Hast du dein Manuskript auch traditionellen Verlagen angeboten?

Zunächst einmal: Danke für die Einladung, Gesine. –  Ja, habe ich. Als ich vor einem guten Jahr den Schlusspunkt unter meinen Roman gesetzt hatte, konnte ich mir nichts Schöneres vorstellen, als meinen Titel gedruckt zu sehen. Also habe ich es natürlich probiert und die großen deutschen Verlage, die Unterhaltungsliteratur im Programm haben, zwischen Hoffen und Besseres-Wissen angeschrieben. Was dann folgte, waren früher oder später eintrudelnde Absagen, die mit einem „Weiterhin viel Erfolg!“ endeten. – Immerhin weckte meine ziemlich chaotische Suche nach Mr. Right auf den Straßen Berlins das Interesse des Rowohlt-Verlags. Sie baten um Einsendung des Manuskripts. Obwohl man anfänglich begeistert nachfragt hatte, erfolgte auch hier eine Absage, erneut mit Standard-Sätzen. – Mein Liebling ist allerdings nach wie vor Bastei Lübbe. Wohl hat sich der Verlag bis heute nicht bei mir zurückgemeldet und das, obwohl die findige Mitarbeiterin mir auf der Leipziger Buchmesse nahezu genervt versicherte: „Wir melden uns immer!“ Haha, naja …

Die typischen Leiden einer Jung-Autorin …

Ja. Anders hatte ich das auch nicht erwartet. Denn während meines Studiums habe ich als Praktikantin Mäuschen in einem Berliner Lektorat gespielt. Dort waren die Stapel des „unaufgefordert Eingesandten“ keine Chefsache, sondern meine Aufgabe. Ob sich das heute geändert hat? Wer weiß … Vielleicht sind es mittlerweile Werkstudenten oder Volontäre? Letztlich kann ich mir jedoch nicht vorstellen, dass Lektoren neben ihrer eigentlichen Arbeit an neuen Titeln, tatsächlich noch den Literaturscout spielen. Dieses Feld wird doch mehr und mehr Agenturen überlassen, die im Idealfall auch Einblick in die Programmplanung der Verlage haben. Für alle, die nicht wissen, was in einem Jahr „in“ ist, bleibt das ein Glückspiel. Und die machen bekanntlich nur dann Spaß, wenn man gewinnt.

Welche Vorteile hat das Self-Publishing deiner Meinung nach?

Da muss ich nur mein Cover anschauen. Am glücklichsten bin ich, dass mein Roman immer noch „Miss Januar“ heißt und ich mir jedes Mal aufs Neue denke: Wow, was für ein toller, sympathischer Titel! Bei der Covergestaltung sage ich mir immer: Puh, zum Glück läuft da nicht gerade ein Hamster, ein Frosch oder irgendein anderes Tier übers Bild! Die haben nämlich aus unerfindlichen Gründen noch immer Hochkonjunktur.

Und zudem deine Spendenaktion zugunsten „Save the Children Deutschland“ …

Ja, genau. Das freut mich umso mehr, dass mit jedem verkauften „Miss Januar”-E-Book 50 Cent an die gemeinnützige Organisation gehen. Ich bezweifele, dass ich als unbekannte Autorin eine solche Spendenaktion bei einem klassischen Verlag hätte durchsetzen können. Mir ist zumindest kein Titel bekannt, bei dem das gemacht wird – jedenfalls nicht in der Unterhaltungssparte.

Neben den formalen Aspekten … Welche Vorteile machst du beim Self Publishing darüber hinaus aus?

Großartig ist, dass ich die Story völlig unabhängig von Programmplanungen der etablierten Verlage herausbringen konnte. Meine Heldin stolpert durch Berlin wie in den 90er Jahren Bridget Jones durch London. Nebenbei sucht sie Mr. Right und eine Lösung, die Welt zu retten. Und egal, ob der Stoff nun laut den Gesetzen des Buchmarkts angesagt ist, oder nicht: Diese charmante Figur bekam blitzartig die Chance, das Herz der Leser zu erobern.

Ein bisschen ist die Situation auf dem Buchmarkt derzeit vergleichbar mit der Fashionindustrie. Plötzlich hängt nur noch Orange in den Geschäften, weil irgendeine Trendmesse festgelegt hat, dass man das nun tragen soll. Aber wenn dir Orange nicht steht oder nicht gefällt, dann hättest du doch gerne etwas anderes, nicht? Ich bin das andere! Gemeinsam mit vielen anderen Selbstverlegern sorge ich für etwas Abwechslung.

Wo machst du beim Self-Publishing besondere Risiken aus?

Hmm, lass mich kurz nachdenken … Ich glaube das größte Risiko besteht darin, auf ein Unternehmen zu vertrauen, das einem beim Vertrieb oder etwa bei der Vermarktung helfen will und mit utopischen Erfolgszahlen lockt. Für die Leistungen werden Gebühren fällig. Und die werden plötzlich immer höher. Der Bereich Self-Publishing ist genauso kommerziell wie jeder andere auch. Doch woher soll der Hobby-Autor wissen, welches Angebot seriös ist und welches nicht? Welcher Laie kennt schon die Buchbranche und ihre Gepflogenheiten? Und wie kann man einen Nepper-Schlepper-Bauernfänger erkennen, bevor man bettelarm ist?

Nicole Sowade – Foto (c) frischefotos / Heiko Marquardt

Dazu kommt, dass mir beim Self-Publishing niemand professionelles Feedback zur Qualität meines Textes gibt. Mir bleibt nur die Reaktion der Leser, die im meinem Fall dankbarerweise bis jetzt durchweg positiv ist. Aber vielleicht wurde ein Manuskript auch mit Fug und Recht von Verlagen abgelehnt? Dann kann ich den Text natürlich selbst veröffentlichen, das macht ihn aber leider auch nicht besser.

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Was ist in deinen Augen von besonderem Nachteil?

Na ja. Der größte Nachteil beim Self-Publishing ist schlichtweg der Vertrieb. Klar kann ein Titel mit ISBN überall bestellt werden, aber das heißt ja noch lange nicht, dass er Platz in jeder Buchhandlung findet. Oder – wenn er wie in meinem Fall zunächst nur als E-Book vorliegt – in den absolut relevanten Online-Store vertreten sein. Für die Sichtbarkeit und steigende Bekanntheit muss der Autor selbst sorgen.

Was rätst du jenen, die Schritte in Richtung Self Publishing / Independent Publishing planen? Worauf sollten sich Autoren, die ihre Publikationen in die eigene Hand nehmen, besonders einstellen?

Dass ihr bis auf weiteres keine Autoren mehr seid. Vergesst es! Nennt euch ab sofort Selbstvermarkter! Ich sage das bewusst so direkt, weil mir das vorher in dem Maße nicht so klar war. Ziemlich naiv dachte ich, das läuft schon irgendwie. Ich hatte sogar bereits mit der Fortsetzung begonnen. Dann kam Teil 1 raus. Und plötzlich war keine Zeit mehr zum Schreiben. Auf einmal ging es um Leser, Fans, Marketing-Material, Messen und immer wieder die Frage: Was kann ich, verdammt noch mal, noch unternehmen, um mit einem kleinen Budget einen zumindest bemerkbaren Effekt zu erzielen?

Wer also einen Text selbst veröffentlichen möchte, der sollte sich Zeit nehmen, das Danach zu planen. Sollte beobachten, was andere Autoren erfolgreich macht. Und ruhig auch nochmal das eine oder andere DIY-Fachbuch zum Thema Buchmarketing lesen. Traut euch unbedingt auch, andere Personen aus der Branche auf Xing oder Facebook und natürlich auch im echten Leben anzusprechen! Gerade uns Frauen fällt das ja nicht immer so leicht. Doch falsche Bescheidenheit ist fehl am Platze. Und last but not least: Übt unbedingt über euren Text zu sprechen. So banal das klingen mag, wenn der Moment kommt, dein „Baby“ vorzustellen, solltest du es flüssig und prägnant in den höchsten Tönen loben können …

Warum hast du dich für die Veröffentlichung von „Miss Januar“ für ein E-Book entschieden?

Entscheidung würde ich es gar nicht nennen. Es gab im letzten Jahr einen Moment, an dem eine Veröffentlichung als E-Book plötzlich Sinn machte. Während allmählich die Absagen ins Haus trudelten und der Frust wuchs, meinten Freunde, dass ich den Roman doch selbst drucken lassen könnte. Doch davon war ich nicht überzeugt. Ich hätte stapelweise Papier im Flur, und dann? Zur gleichen Zeit stieß ich online auf eine Studie des Öko-Instituts, wonach E-Books nachhaltiger als Print-Bücher seien – zumindest wenn man als Vielleser mehr als 11 Titel im Jahr schafft.

Was hat das mit deinem Roman zu schaffen …

Ganz, ganz viel! Ich kenne nämlich nur eine ganz spezielle Sorte von Verrückten, die so viel lesen: Fans von Liebesgeschichten und Happyends. Also: meine Zielgruppe! Und genau die kann ich mit E-Books erreichen und dabei sogar Gutes tun. Zugleich fiel mir auch mein Vorhaben wieder ein, zu meinem Roman etwas dazu zupacken. Urplötzlich war mir klar, dass ich ganz im Sinne meiner Romanheldin eine Spendenaktion möglich machen könnte. Na ja. Zu guter Letzt, bin ich wohl irgendwann über den „Buch veröffentlichen“-Button bei Amazon gestolpert. Ich wusste um das Honorar von Taschenbuch-Autoren. Mir ging auf, dass ich über Amazon wesentlich höhere Tantiemen erhalten würde. Der Rest ist Geschichte.

Worauf sollte man besonders achten, wenn man sich fürs E-Book entscheidet?

Ich denke, das ist ähnlich wie bei anderen Eigenveröffentlichungen. Lass es unbedingt von so vielen Leuten wie möglich lesen. Dann musst du dir das Cover überlegen, die Bildrechte klären, dich eventuell um eine ISBN kümmern und einen guten Preis festlegen. Wie soll der Satz aussehen? Wie das Layout? Wie das Inhaltsverzeichnis? Packst du noch weitere Infos rein? Verlinkst du Texte ins Web, was mit dem klassischen Buch nicht möglich ist. Und kannst du womöglich sogar am Ende des Buches bereits auf einen Nachfolger aufmerksam machen?

Und natürlich ist es nie verkehrt, bei den Profis zu lauschen. Janet Evanovich hatte damals gerade Teil 17 herausgebracht. Mir war es eine Freude, unter dem Deckmantel knallharter E-Book-Recherche ihre neue Story zu lesen und nebenbei zu schauen, was ein digitales Buch – noch dazu made in America – mindestens können muss. Auch wenn es in der Buchbranche sonst zu Recht nicht gerne gesehen ist, hier gilt: Abkucken erlaubt!

Was hältst du von den Diskussionen rund um das Pricing beim E-Book?

Als Leser finde ich die Preispolitik der großen Verlage unverschämt überteuert. Wobei es hier natürlich auch Ausnahmen gibt. Ich kann nur hoffen, dass die Mehreinnahmen den Autoren zugutekommen. Wenn bei einem gedruckten Buch in der Regel ein Drittel der Einnahmen für die Produktion berechnet wird, so erwarte ich beim E-Book mindestens einen vergleichbaren Nachlass beim Verkaufspreis. Schließlich ist die digitale, technische Herstellung um ein Vielfaches günstiger ist.

Wie verfährst du mit der Preisgestaltung?

Als Autor gehe ich natürlich anders an die Frage heran. Dabei ist entscheidend, wo ich selbst stehe und was ich strategisch möchte. Die Verramschungspanik kann ich nicht teilen. Als Part-Time-Autor finde ich Gratis-Aktionen, die in der Regel ja auch zeitlich beschränkt sind, toll. Sie sind das, was im klassischen Verlag das Gewinnspiel ist, und kosten de facto sogar weniger, nämlich nichts. Der Effekt ist jedoch der Gleiche: Man gewinnt neue Leser.

Mit welchem Preis Self-Publishing-Autoren aufmachen, muss jeder für sich selbst entscheiden. Mein Rat: Kalkulieren und sich dann für die beste Alternative entscheiden. Mein E-Book „Miss Januar“ ist für 3,49€ zu haben. Damit verdiene ich zwischen 60% und 80% vom Nettoverkaufspreis. Und damit schon einmal viel mehr pro Exemplar, als wenn ich ein Taschenbuch verkaufen würde. Von meinen Einnahmen gehen 50 Cent für die Spendenaktion für Save the Children Deutschland ab. Verbleiben also grob zwischen 1,20€ und 1,80€ für mich, die ich wiederum in Aktionen oder Ähnliches investieren kann. Für mich perfekt.

Aber nochmal: Der Preis ist abhängig von der persönlichen Situation und den eigenen Zielen. Mir geht es mit meinem Erstling „Miss Januar“ darum, Leser zu finden und zu unterhalten. Wenn ich damit den einen oder anderen Euro verdiene ist das ein Plus, kein Muss. Und noch toller wäre ehrlich gesagt, wenn ich nach einem Jahr einen richtig fetten Check an Save the Children überreichen könnte. Dafür muss ich aber vor allem eines: bekannter werden …

Du hast „Miss Januar“ zunächst in der Kindle-Edition veröffentlicht. Inzwischen bist du damit bei epubli, dem Online-Unternehmen der Verlagsgruppe Holtzbrinck. – Wieso das?

Du wirkst überrascht? Dabei sprachen für epubli sogar relativ viele Gründe und nicht einmal an erster Stelle, dass sie zu Holtzbrinck gehören und damit auf relativ sicheren Beinen stehen. Sie nehmen mir vor allem das Handling mit den drei großen E-Book-Stores Amazon, iTunes und Google Play ab. Außerdem haben sie mich im Gegensatz zu anderen Anbietern bereits auf der Leipziger Buchmesse durch Seriosität und Professionalität überzeugt. Hinzu kommen eine gute Reputation und ein sympathisch-unaufdringliches Auftreten. Jeder kennt das doch: Man betritt einen Laden und in den Augen der Verkäufer blitzen Provisionsgedanken auf. Dann stürzen sie sich auf dich und beginnen dir alles Mögliche aufzuschwatzen. Um bei meinem Fashion-Beispiel zu bleiben: Sie argumentieren, dass dir Orange doch steht. Erst zu Hause siehst du dem Fehlkauf offen ins Auge und bist enttäuscht. Das war bei epubli nicht so.

Spielte der Standort-Vorteil bei deiner Entscheidung auch eine Rolle?

Ja. Für epubli sprach auch, dass sie wie ich in Berlin sitzen. Noch besser, sogar in einer Ecke, in der es nur so vor jungen Leuten mit tollen Ideen wimmelt. Dort herrscht genau der Spirit, den ich klassischen Verlagen heute nicht mehr zutraue. Epubli hat beispielsweise derneuebuchpreis.de ins Leben gerufen, an dem epubli-Autoren wie ich teilnehmen können, um dadurch bekannter zu werden. Sie sind außerdem auch Print-on-Demand-Anbieter, was vielleicht für mich noch spannend werden kann. Na ja. Und falls ein anderes Angebot attraktiver werden sollte, dann ist das auch kein Weltuntergang. Mit einer Kündigungsfrist von fünf Tagen werde ich epubli im Zweifel schneller los als meinen furchtbaren Handyvertrag.

Welche Vorteile machst du in der Zusammenarbeit mit einem BOD-Verlag aus?

So unromantisch das jetzt auch klingen mag: Während ich mit meinen Ideen rumtüdele, wollen BODs im Grunde nur eines: Verkaufen! Und das ist überhaupt nicht verkehrt, sondern im Gegenteil von nicht zu unterschätzendem Wert. Zum einen bin ich ihre Ware – wobei sich das Invest bei epubli jedoch in Grenzen hält. Zum anderen ist es aber mein Titel. Und der soll allen Umsatz bringen. Da sag ich doch nicht „nein“ dazu. Außerdem kommt mir deren Fachkompetenz ebenfalls zugute. Was für mich momentan noch Freizeit ist, ist deren Hauptberuf: Trends des eBook-Marktes verfolgen, bewerten und selbst setzen, nach Amerika schauen, die Vorreiter sind, und und und. Man muss, ja man kann als Self-Publisher nicht Profi in allem sein!

Siehst du in der Zusammenarbeit mit BOD-Verlagen auch Nachteile?

Dafür währt die Zusammenarbeit mit epubli noch zu kurz. Logischerweise fehlt ihnen die Vertriebsstruktur der großen, klassischen Verlage. Oder hast du schon einmal auf den Buchtischen der großen Ketten wie Thalia &Co neben Goldmann, Rowohlt und wie sie nicht alle heißen das epubli-Label gesehen? Aber, das kann man ihnen wohl kaum anlasten. Das wäre ja so, als wolle ich mich beschweren, dass es im Supermarkt kein Benzin zu kaufen gibt. Es steckt einfach ein anderes Geschäftsmodell dahinter.

Darüber hinaus muss ich mich bei einem BOD-Verlag um mein Marketing selbst kümmern. Allerdings war mir das bereits vor meiner Entscheidung bewusst, zu epubli zu wechseln. Wenn ich nicht Top-1A-Superseller-Autor der großen Verlage bin, wäre das dort kaum anders. Frag mich doch bezüglich der Nachteile in einem Jahr nochmal, vielleicht weiß ich dann mehr …

Das mache ich glatt, Nicole – epubli & co … Alle Zeichen deuten ja darauf hin, dass die Digitalisierung und der Umstand, dass Autoren nicht mehr auf traditionelle Verlage angewiesen sind, erhebliche Folgen für den Buchmarkt und -handel haben. Wie schätzt du diese Entwicklung ein?

In puncto Digitalisierung und damit einhergehender Panik lassen sich immer schöne Parallelen zum Musik-Business ziehen. Genau wie dort, wird das Angebot wachsen. Es gibt den Mainstream, der im Radio läuft, und daneben zahlreiche Künstler, die sich ebenfalls erfolgreich positioniert haben. Genau diese Vielfalt entwickelt sich mehr und mehr auch auf dem Buchmarkt. Und das ist doch auch gut so, oder? Die Verlage sind keine Gatekeeper mehr– mit welchem Recht auch? Dass solche Entwicklungen den Buchhandel, so wie er momentan existiert, und allen voran den stationären Buchhandel bedrohen, das sehe ich auch. Wie sie sich behaupten können? Naja. Vielleicht indem sie statt neuestem Grillbesteck, Blumensamen und saisongerecht passenden Schürzen endlich verstärkt das digitale Leben in ihre Heiligen Hallen lassen und damit auch wieder für ein jüngeres Publikum interessant werden.

Und die Autoren …

Jeder Autor kann sich sein Publikum selbst suchen. Formen der Urheberschaft, etwa wenn eine Community einen Social Roman schreibt, und Bezahlmodelle werden sich genauso wie die Textgattungen verändern. Denke doch zum Beispiel an den Kurzroman, der gerade immer beliebter wird und zugleich ein Symptom unserer schnelllebigen Zeit ist. Inhalte werden in Rekordgeschwindigkeit konsumiert, bis der nächste Text die Aufmerksamkeit erregt. Mir war dieser Trend, bevor ich mich mit E-Books beschäftigt habe, nicht klar. Mittlerweile finde ich ihn jedoch sehr spannend.

Was stößt dir bei den aktuellen (brancheninternen) Diskussionen rund um die Zukunft des Buches besonders negativ auf?

Die Branche klammert sich an ein Trägermedium, weniger an den Inhalt. Und sollte es nicht genau darum gehen? Das ist doch ihr eigentliches Business! Die Inhalte erhalten gerade eine neue Verpackung, mehr nicht. Was dahinter steht, behält doch die gleichen Werte. Es bleibt genauso liebenswert oder schockierend oder informativ wie zuvor. Es ist ja auch nicht so, dass nur noch E-Books publiziert werden. Im Gegenteil! Jeder Titel steht in verschiedenen Formaten zur Verfügung und jeder Leser muss für sich entscheiden, welches Format er wählt. Vielleicht gewinnt die Haptik eines echten Buches, vielleicht die Platzersparnis eines E-Books. Vielleicht brauchen einige Leser auch ihr Bücherregal, auf das sie voller Stolz schauen können, so wie andere sich ihren Porsche leisten …

„Meine Güte, so what?!“, möchte man am liebsten ausrufen. Hauptsache: Der Inhalt ist gut und Hauptsache, es wird gelesen. Und das wird es! Schon zu Beginn meines Studiums, und das ist mittlerweile zehn Jahre her, geisterte die Angst vor dem Tod des Buches durch die Hörsäle. Völlig übertrieben und mal ehrlich: Totgesagte leben länger.

Meinst du, dass dem E-Book die Zukunft gehört?

Was heißt dem E-Book? Dem digitalem Lesen … Warum nicht? Beides existiert ja längst nicht erst seit gestern, auch wenn alle so tun. In den Diskussionen wird oft vergessen, dass wir bereits seit Jahrzehnten tagtäglich am PC und auf Handys digital lesen. Und so abstoßend, wie es bisweilen dargestellt wird, empfinden wir das bei weitem doch gar nicht, sondern in der Regel als ziemlich praktisch. Die entsprechenden Geräte haben wir heute schon und freiwillig gestalten wir unser Leben immer mobiler und digitaler. Wenn wir sogar schon Freundschaften online pflegen, warum dann nicht auch unsere Bücher? Die Technik mag noch nicht hundertprozentig ausgereift sein, aber es kann sich ja nur noch um Augenblicke handeln, bis hier Abhilfe geschaffen wird.

Wo siehst du Probleme?

Für mich ist nach wie vor die Frage des Zitierens ungeklärt. Zum wissenschaftlichen Arbeiten taugt das E-Book momentan nicht. Und noch furchtbarer ist das Hickhack mit den Dateiformaten. Der Windows-Apple-Kindergarten aus der Musikindustrie wird mit epub und mobi zur Amazon-Apple-Spielwiese des Buchmarktes. Und ich baue darauf, dass es ein gemeinsames Format geben wird, wie die wunderbare mp3 im Audiobereich, das auf allen Readern funktioniert.

Wird Gedrucktes deines Erachtens jemals verschwinden?

Eher nicht. Mit dem Siegeszug des PCs dachten auch alle, das papierlose Büro naht. Und dennoch drucken und archivieren wir wie die Weltmeister. Das recht einfach herzustellende Medium Papier wird ergänzt. Abgelöst jedoch durch ein technisch hoch komplexes Gerät? Noch lange nicht!

Der zweite Teil meines Gespräches mit Nicole Sowade dreht sich darum, was sie für ihr Buchmarketing tut, welche Maßnahmen erfolgreich waren, welche floppten und wo sie im Social Web Chancen und Risiken ausmacht.

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Vorschläge, wer in der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” auch zu Wort kommen könnte, nehme ich gerne entgegen. Mich interessiert: Wie gehen Autoren mit den Entwicklungen infolge der Digitalisierung um? Welche neuen Wege nutzen sie, wo sehen sie Chancen und Risiken?

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11 Kommentare zu “Steglitz fragt bei Nicole Sowade nach

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  5. Sehr interessantes Interview über das, was kommt, wenn der Text steht. Irgendwie beruhigt es, zu sehen, dass es anderen gleich geht, sie mit denselben Fragen und Selbstzweifeln kämpfen. Und es freut, zu sehen, dass die Hürde genommen wird und der Glaube an sich die Zweifel übersteigt. Ich freue mich auf den zweiten Teil.

    • Hi Cosima, du hast völlig Recht, wir müssen an uns glauben. Das sogar an erster Stelle. Wir sind doch selbst unser erster Fan 😉 Und untereinander sollten wir uns alle viel mehr bestärken, das hilft oft schon sehr. VLG, Nicole

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