Steglitz fragt bei Jan-Uwe Fitz aka @Vergraemer nach

„Begeisterung ist keine gute Verhandlungsposition!“

Wer bei Twitter ist, kennt den @Vergraemer und dessen miesepetrige Kunstfigur Taubenvergrämer. Seit September 2009 lädt das Alter Ego von Jan-Uwe Fitz zudem regelmäßig zur Lese-Show „Jour Fitz“ ein, wo wir uns im selben Jahr erstmals persönlich begegneten. Dass er es aus der Timeline heraus zu einem richtigen Buch bei einem großen Publikumsverlag geschafft hat, ist inzwischen auch außerhalb des Social Web bekannt. Als Jan mich im Frühjahr 2011 zur Premieren-Lesung aus seinem Wahnsinnsroman „Entschuldigen Sie meine Störung“ lud, wollte mir freilich noch nicht in den Sinn, dass er im Begriff war, gemeinsam mit einigen anderen Twitteratis ein neues Kapitel Literaturgeschichte aufzuschlagen.

Tatsächlich gilt Jan-Uwe Fitz inzwischen als Prototyp einer zeitgemäßen literarischen Gattung, nämlich der „Twitterature“. Sein Wahnsinnsroman „Entschuldigen Sie meine Störung“ erschien bei Dumont im April 2011. Das E-Book „Vergraemungen @vergraemers seltsamste Tweets“ legte er im September 2011 nach. Brandneu ist das E-Book „Der Unerträgliche“, das jetzt auch gedruckt vorliegt.

Wie kam es zu deiner ersten Publikation?

Die mir auch privat bekannte Autorin Paula Lambert stieß auf mein Blog und empfahl es meiner heutigen Agentin Michaela Röll von der Agentur Petra Eggers. Die war zum Glück der Meinung, dass man einen Verlag für mich finden würde und rief mich an. Gemeinsam haben wir dann aus dem Blog und meiner persönlichen Burn-out-Geschichte das Konzept für „Entschuldigen Sie meine Störung“ entwickelt.

Dein „Wahnsinnsroman“ ist bei Dumont erschienen. Welche Vorteile machst du in der Zusammenarbeit mit klassischen Verlagen aus?

Dumont hat meinen Roman auf Basis eines Konzepts gekauft. Das heißt, ich konnte mit einem Vorschuss im Rücken zu schreiben beginnen. Für den Verlag war das ein Risiko, schließlich war ich Neuautor und sie wussten nicht wirklich, was am Ende herauskommen würde. Zumal mein Humor nicht jedermanns Sache ist.

Ein anerkannter Verlag …

Ja, das Image: Bei einem Traditionsverlag wie DuMont zu veröffentlichen, schmeichelt dem Selbstwertgefühl. Wovon ich nicht allzu viel habe. Wenn ein Verleger wie Jo Lendle an dich glaubt, ist das großartig.

Welche Vorteile siehst du noch?

Außerdem das Lektorat und natürlich die PR. Dumont hat meinen Roman nicht nur als Spitzentitel im Handel positioniert, sondern auch für eine Lesung auf EinsLive gesorgt.

Wo machst du Nachteile aus?

Ehrlich gesagt: keine. – Das wundert mich jetzt gerade selbst ein bisschen …

Was sollte man als Neu-Autor in der Zusammenarbeit mit klassischen Verlagen besonders beachten?

Jan-Uwe Fitz aka @Vergraemer - Foto (c) Anke Fitz

Jan-Uwe Fitz aka @Vergraemer – Foto (c) Anke Fitz

Ich hatte und habe das große Glück, von einer tollen Agentin unterstützt zu werden. Ohne sie wäre ich heillos überfordert, zumal ich unfähig bin, meine Interessen zu vertreten. Ich rate jedem Autor, sich eine Agentur zu suchen. Die großen Verlage sind in der der Regel zwar fair, aber natürlich vor allem auf den eigenen Vorteil bedacht.

Die angemessene Höhe des Vorschusses sowie die vertraglichen Feinheiten kann man als Autor gar nicht kennen. Und allein die Aussicht bei einem großen Verlag zu landen, elektrisierte mich so sehr, dass mir alles egal war.

Begeisterung ist keine gute Verhandlungsposition!

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Du veröffentlichst auch in Eigenregie. Was hat dich dazu bewogen?

Experimentierfreude. Und weil es dank des Internets ziemlich einfach ist. Ich bin von Natur aus faul und schon der kleinste Widerstand stürzt mich ins Tal der Tränen. Wenn es nichts kostet und nicht zu viel Aufwand bedeutet, teste ich, was immer mir interessant erscheint. Immerhin ist das Verhältnis von „Glücksgriff“ zu „Hätte ich mir sparen können“ bei mir 4:1.

Welche Vorteile machst du beim Self-Publishing aus?

Ich arbeite ungerne mit Menschen zusammen. Sie blockieren mich. Deshalb sage ich meist „Ja und Amen“, um so schnell wie möglich von ihnen wegzukommen. Beim Self-Publishing habe ich alle Fäden in der Hand und die Wut über Fehlentscheidungen richtet sich ausschließlich gegen mich. Das ist zwar auch nicht toll, aber angenehmer, als andere Menschen zu verfluchen.

Wo siehst du besondere Risiken?

Natürlich ist die Vermarktung das Hauptproblem. Verlage verfügen über eine Werbepower, die man auch im Social Web allein nicht erreicht. Und Klinkenputzen bei wichtigen Medien und Multiplikatoren liegt nicht jedem.

Worauf sollten sich Autoren, die ihre Publikationen in die eigene Hand nehmen, besonders einstellen?

Man ist noch stärker auf sich allein gestellt als ohnehin. Das hat seine Vorteile, aber man fühlt sich mitunter auch bitter allein. Außerdem rauben Technik, Vertrieb etc. Zeit, die man auch kreativ nutzen könnte. Das Schreiben kommt plötzlich zu kurz. Dabei ist es genau das, was mir am meisten Spaß macht. Um das andere kümmere ich mich nur aus sozialer Feigheit.

Für dein aktuelles E-Book hast du dich für die Kindle-Edition entschieden. Warum?

Nicht ganz richtig. Ursprünglich war das so, stimmt. Aber bereits zwei Tage später habe ich „Der Unerträgliche – Brief an einen todgeweihten Mitreisenden“ auf kobo-books veröffentlicht, weil Kindle leider keine E-Books im Format epubs bereitstellt. Epubs sind aber die Basis fast aller Leseprogramme.

Die Kindle-Edition war für mich anfangs der Weg des geringsten Widerstands. Amazon macht es einem verhältnismäßig leicht. Bei der weiteren Verbreitung der Geschichte unterstützt mich zum Glück der Leipziger Verlag Ille & Riemer. Ich befasse mich ungern mit Technik. Wenn mir jemand etwas abnimmt, jubele ich wie irre. Allerdings warte ich, bis man mich anspricht. Ille & Riemer hat das zum Glück getan.

Worauf sollte man besonders achten, wenn man sich für die Kindle-Edition entscheidet?

Vor allem darauf, dass man nicht das Häkchen mit dem exklusiven Amazon-Vertrieb aktiviert. Es ergeben sich immer noch andere Möglichkeiten und dann sind einem vorerst die Hände gebunden. Das wäre schade.

Wie hältst du es mit dem Kopierschutz?

Ich verzichte darauf. Ich hoffe, dass die Leser einsehen, dass man Geschichtenerzähler unterstützen muss. Anderenfalls verhungern sie nämlich. Außerdem nimmt der Kopierschutz einem viele Möglichkeiten – zum Beispiel was Social Reading betrifft. Mein Dumont-Buch ist allerdings kopiergeschützt. Das ist eine Verlagsentscheidung gewesen, und die war für mich ok.

Was hältst du von den Diskussionen rund um das Pricing beim E-Book?

Ich muss ehrlich zugeben: Ich befasse mich kaum mit politischen oder ideologischen Fragen rund um das Buch. Ich verfolge das zwar, aber es lenkt mich zu sehr vom Herumspinnen ab.

Es heißt ja, dass die Digitalisierung und der Umstand, dass Autoren nicht mehr auf traditionelle Verlage angewiesen sind, erhebliche Folgen für den Buchmarkt und -handel haben (werden). Wie schätzt du die Entwicklung ein?

Das geht sicherlich zu Lasten der kleineren Buchhandlung. Aber Erlebniswelten rund um das Buch werden immer boomen. Ein Konzept könnte sein, mehr Eventlesungen zu veranstalten. Unterstützt von Social Media. Wie ich es mit meiner Lesereihe „Jour Fitz“ versuche. Buchhandlungen könnten zu Clubs werden. Oder mit Bars kooperieren. Ich habe da ein paar Ideen. Falls irgendjemand dieses Interview lesen sollte und Interesse an Leseshows hat: Nur zu! Er oder sie mögen sich gerne bei mir melden …

Was stößt dir bei den aktuellen Diskussionen rund um die Zukunft des Buches besonders negativ auf?

Dass vor allem aus der Perspektive der Literatur-Stars argumentiert wird.

Meinst du, dass dem E-Book die Zukunft gehört?

Ich glaube nicht an die Zukunft!

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In Teil 2 des Gespräches erfahren wir u.a., wie der Taubenvergrämer aus der Taufe gehoben wurde, ob sich Follower „rechnen“ und was Jan-Uwe Fitz für sein Buchmarketing tut.

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Vorschläge, wer in der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” auch zu Wort kommen könnte, nehme ich gerne entgegen. Mich interessiert: Wie gehen Autoren mit den Entwicklungen infolge der Digitalisierung um? Welche neuen Wege nutzen sie, wo sehen sie Chancen und Risiken?

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16 Kommentare zu “Steglitz fragt bei Jan-Uwe Fitz aka @Vergraemer nach

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  8. Susanne Martin, warum sollen Autoren für ihre Arbeit auch noch drauflegen? Ein seltsames Konzept bei unseren eh schon jämmerlichen Honoraren, die sich seit über zehn Jahren kaum verändert haben. Wir LEBEN davon. Ein Grund mehr, sich „freie“ Veranstalter zu suchen. Die schaffen es doch tatsächlich, mit einem entsprechenden Event Geld zu verdienen UND die Autoren ordentlich zu bezahlen, wie machen die das nur …

    Ich persönlich, als Kundin gesprochen, finde die Idee des „Clubbings“ sehr verführerisch – kenne ich von Frankreich, obwohl es da nicht offziell so benannt wird: Man geht zuerst mal in die Buchhandlung, um ein bestimmtes Publikum zu treffen und Leute kennenzulernen – die Buchhändler vermitteln nicht nur Bücher. Jede Buchhandlung hat ihr spezielles Publikum. Und weil das so riesig Spaß macht und die Buchhändler diese Kontakte unter KundInnen fördern (gemeinsam mit dem Winzer, der Bar, dem Café), kauft man ganz treu dort ein und nirgendwo anders. Weil’s hipp ist, weil man dringend wieder den und den dort treffen will. Machen nicht alle; aber die, die es machen, laufen auch noch im kulturlosesten kleinen Kaff. Gut: andere Länder, andere Buchhandlungen …

    Feines Interview! Ich wäre neugierig, mehr zur Lese-Show zu erfahren, was man sich darunter so vorstellen kann.

    • Da sitzen alle rum und twittern, was sonst Madame? – Spaß beiseite: Vielleicht geht Jan im zweiten Teil unseres Gesprächs näher darauf ein. Ich werde ihn jedenfalls darum bitten.

      • Genau, liebe Petra van Cornenburg – die Idee des Clubbing ist das eine, Veranstaltungen sind das andere. Beides miteinander kombiniert muss nicht zwangsläufig funktionieren, aber es kann. Und warum sollen Buchhandlungen Veranstaltungen machen, die sich nicht tragen?
        Wir denken zur Zeit sehr intensiv über andere Veranstaltungsformen nach, die der Idee des Clubbing, der Buchhandlung als Raum, in dem über Bücher und Inhalte gesprochen wird, etwas näher kommen und bewegen uns weg von der klassischen Lesung mit AutorInnen. Dieses Modell zieht (zumindest hier bei uns) nur noch ganz selten kostendeckend und drauflegen tun wir genauso ungerne wie AutorInnen. Und wenn es freie VeranstalterInnen gibt, die das zur Zufriedenheit aller machen, dann ist das doch wunderbar!

  9. Buchhandlungen sollen Leseshows veranstalten, als Club fungieren. Stimmt, das könnten sie tun. Aber ob das ein wirtschaftlich erfolgreiches Konzept sein kann?
    So lange die Buchhandlungen die Honorare der AutorInnen bezahlen müssen, für die Infrastruktur sorgen sollen (also Bestuhlung und Personal vorhalten) funktioniert das nur sehr bedingt und hängt sehr vom Standort und vom jeweiligen Profil der Buchhandlung ab. Gewinnbringend ist das meistens nicht, wenn man Glück hat, schreibt man eine schwarze Null. Oder man hat einen großen Namen zu Gast, der ein moderates Honorar verlangt und bei dem ein ausverkauftes Haus sicher ist.
    Kooperationen können manchmal ein Weg sein, sind aber auch nicht unbedingt eine Garantie für den wirtschaftlichen Erfolg. Eine Lesung in einer Bar (oder Kneipe) garantiert auch noch nicht unbedingt Full House.
    Ich fände es schön, wenn mal ein Autor oder eine Autorin auf die Idee käme, sich mit einer Buchhandlung alle Kosten und alle Einnahmen zu teilen. Angefangen vom Umsatz beim Büchertisch und den Eintrittsgeldern bis hin zum Anteil der Druckkosten für das Programm und dessen Versand (ja, es gibt noch viele Menschen, die sowas am liebsten mit der Post bekommen – ich sage nur Pinnwand!) über die Personalkosten hin zur Nachbereitung am nächsten Tag (Gläser spülen, Stühle aufräumen etc). Und wenn dann beide Glück hätten, dann blieben noch ein paar Euro für jeden Teil übrig. Voraussetzung dafür ist natürlich wie bei allen Veranstaltungen sowieso, daß Autor mit Buch und Profil der Buchhandlung (also deren KundInnen) gut zusammen passen.

    • Etwas, was sich nicht trägt, würde ich auch nicht machen, Susanne Martin – das verstehe ich völlig. Für Autoren trägt sich die Wasserglaslesung aber auch immer weniger – das Publikum ist verwöhnt, die Veranstaltungsfülle groß. Da muss man sich schon etwas einfallen lassen. Deshalb finde ich das Beispiel vom Vergrämer so faszinierend – das ist Inszenierung pur – und die kann an jedem beliebigen Ort stattfinden.

  10. Sehr authentisches Interview, bei dem ab und an der kurze Gedankenblitz kam: Das kenne ich doch, kommt mir bekannt vor. Das Meer der Tränen, das mangelnde Selbstwertgefühl, der Gedanke, lieber selber den Fehler zu machen und nicht geblockt werden durch andere… ich bin gespannt auf Teil 2. Danke für den Blick ins Innere.

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