Steglitz fragt bei Patric Marino nach (Teil 2)

„Es gibt in der Schweiz einen Kleingeist, der verlässlich und treu, aber mit der Zeit langweilig und ermüdend ist …“

Der Berner Patric Marino fiel mir auf, weil er mit „Nonno spricht“ ein literarisches Debüt hingelegt hat, von dem Nachwuchsautoren eigentlich nur träumen können. Hoppla, dachte ich mir, welche Kräfte haben da gewirkt?

Deshalb habe ich den 22-Jährigen im ersten Teil unseres Gesprächs u.a. danach befragt, wie er zu seinem Verlag fand, was er anderen jungen Autoren rät und wie ihm der frühe Ruhm bekommen ist. – Heute erfahren wir von ihm, wie man in der Schweiz die Entwicklungen infolge der Digitalisierung einschätzt, welchen Stellenwert das eBook dort hat, ob Self-Publishing angesagt ist und inwieweit Social Media-Marketingmaßnahmen auch für Schweizer Autoren inzwischen ein Gebot der Stunde sind.

Was treibt dich im Schweizer Literaturbetrieb besonders um?

Patric Marino © Textkiosk / T. Schlup

Egal, wohin es mich im Literaturbetrieb treibt, an welches Festival, welche Lesung, welches Apéro – ich treffe immer die gleichen Leute, Autoren wie Zuhörer. Ich schlage die Zeitung auf und lese eine Kolumne vom Herrn Schriftsteller, ich mache das Radio an und höre ein Gespräch mit dem gleichen Herrn Schriftsteller. Es gibt in der Schweiz einen Kleingeist, der verlässlich und treu, aber mit der Zeit langweilig und ermüdend ist, und manchmal fürchte ich, auch zu einem solchen Geist zu werden.

Wo verortest du im Vergleich zum deutschen Betrieb besondere Unterschiede?

Für mich ist das schwer zu vergleichen, da ich den deutschen Literaturbetrieb kaum kenne. In der Schweiz sind Autoren und Literaturvermittler eine Familie, man kennt sich. In Deutschland kann ich mir das so nicht vorstellen. Diese Überschaubarkeit gilt nicht nur für Bekanntschaften, sondern auch für die Bekanntheit. Die Schweiz ist ein kleiner Markt, um wieder dieses Bild aufzunehmen, und jede Woche stehen da die gleichen Händler mit ihren Ständen an vorgemerkten Plätzen und mit abgesprochenen Preisen.

Welchen Stellenwert hat das eBook bei euch?

In einer großen Buchhandlung in Bern steht, dass eBooks weg gingen wie warme Brötchen und sie deshalb ausverkauft seien, doch ich sehe selten bis nie jemanden mit einem eBook. Vielleicht trauen sich die Leute nicht, sich im öffentlichen Raum mit ihrem E-Reader zu zeigen. Das zeigt, wie tief der Stellenwert bei uns ist.

Wie hältst du es persönlich mit dem eBook?

Ich lese kein eBook. Wenn einer zwei fette Krimis pro Woche liest und sie dann in die Tonne schmeißt, soll er sie besser als eBook lesen. Ich bin ein anderer Lesetyp, ich lese weniger, sinnlicher, und möchte auch mal eine Passage mit Bleistift unterstreichen.

Meinst du, dass dem eBook die Zukunft gehört?

So wie alle neuen Medien sich einen Platz geschaffen haben, wird sich auch das eBook einen Platz schaffen, aber neben dem Buch. Wer so liest wie ich, wird dies weiterhin mit Büchern machen, die er anfassen kann. Für Vielleser oder auch zum Lesen von Zeitschriften oder kürzeren Texten wird der E-Reader oder ein Tablet stärker zum Thema werden. Dazu muss es sich aber erst weiter verbreiten und die digitalen Texte deutlich billiger als die gedruckten sein. Das eBook darf nicht versuchen, das Buch zu ersetzen. Das wird es nie.

Hierzulande wenden sich Autoren immer öfter von den traditionellen Wegen ab, um Publikationen in Eigenregie zu verlegen. Ist diese Entwicklung in der Schweiz ebenfalls absehbar, womöglich bereits angesagt?

Es gibt auch in der Schweiz Bezahlverlage, Books on Demand oder im Eigenverlag herausgegebene Bücher. Ich selbst kenne keine Autoren, die das machen, weder persönlich noch durch Medienberichte, da selbst verlegte Bücher schlichtweg ignoriert werden. Neben den wenigen großen Verlagen gibt es viele Kleinverlage, die auch mal kleinere Werke von großen Schriftstellern herausgeben dürfen. In Eigenregie zu publizieren ist für etablierte Autoren aber unvorstellbar.

Wäre Self-Publishing für dich eine Option?

Nein. Wenn ich ein Buch an die Öffentlichkeit bringe, dann möchte ich, dass es im Buchhandel erhältlich ist und den Lesern vermittelt wird. Mit Self-Publishing wäre dies nicht möglich. Wenn ich hingegen ein Buch für meine Freunde und Familie schreiben würde, kann ich fünfzig Exemplare drucken und sie verschenken.

Wo machst du Chancen und Risiken aus?

Das Geschenkbuch könnte ich selbst gestalten und von Hand herstellen, aber damit sind wir bereits beim ersten Problem: Es gibt unglaublich viel Aufwand, der nicht mit dem Schreiben zu tun hat. Beitragsgesuche, Lektorat, Druckkosten, Pressearbeit, all diese Dinge muss man selbst machen oder bezahlen. Deshalb wird das bei selbst publizierten Büchern häufig nicht gemacht, was für ihre Qualität verheerend ist.

In Deutschland ist es inzwischen üblich, dass Verlagsautoren ihr Buchmarketing selbst in die Hand nehmen (müssen). Zeichnet sich diese Entwicklung auch in der Schweiz ab?

Ja, man hilft beim Marketing so viel wie möglich. Viele Medienanfragen richten sich nicht an den Verlag, sondern an den Autoren. Häufig bringen Autoren auch selbst Kontakte zu Kritikern oder Veranstaltern mit und nutzen diese für ihr Marketing. Der administrative Teil des Marketings sollte aber weiterhin vom Verlag erledigt werden, sodass sich der Autor auf den produktiven Teil, also auf Interviews, Lesungen oder Textbeiträge konzentrieren kann.

Was tust du für dein Buchmarketing?

Ich stelle mich deinen Fragen, gehe mit meinem Buch auf Lesetournee, nenne es unter sonstigen öffentlichen Texten oder bei Auftritten und beantworte die meisten Presseanfragen. Wenn wir bei Festivals auf unseren Schreibmaschinen Geschichten nach Wunsch schreiben, dann stelle ich immer einen Stapel Bücher auf, damit die Leute sehen, was wir sonst noch machen, und meistens gehe ich mit leeren Rucksack heim.

Social Media-Marketingmaßnahmen scheinen inzwischen für Autoren ein Gebot der Stunde. Wie stehst du dazu?

Ich finde es wichtig, auf verschiedenen Kanälen präsent und ansprechbar zu sein, gerade für jüngere Leser. Deshalb habe ich eine Homepage und bin bei Facebook. Ich nutze sie aber weder als Privatperson noch als Schriftsteller, sondern eher als Veranstalter, indem ich Medienberichte verlinke oder Veranstaltungen eintrage. Sonstige Werbung, Privatfotos oder Tagebücher mag ich dort nicht veröffentlichen.

Welche Chancen und Risiken verortest du im Social Web?

Die größte Chance liegt darin, dass ich direkt mein Publikum erreichen und mit ihm kommunizieren kann, und dass ich in meinen Beiträgen völlig frei bin. Darin sehe ich aber auch die Gefahr, dass man sich im Social Web verliert, dass ich auf Facebook mehr schreibe als in den achtzig Seiten meines Buches. Ich brauche Soziale Medien, damit die Leute mein Buch finden und lesen, nicht damit sie meine Beiträge anklicken. Darum habe ich aufgeschrieben, wie ich mit meinen Nonni Tomaten trockne, sonst hätte ich auch einfach meine Ferienfotos auf Facebook stellen können und fertig.

Ich danke dir, Patric, auch für den spannenden Einblick in den Schweizer Literaturbetrieb! Und wünsche deinem Erstling „Nonno spricht“ sehr, dass er auch hierzulande Leser und Anerkennung findet.

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7 Kommentare zu “Steglitz fragt bei Patric Marino nach (Teil 2)

  1. „Ich bin ein anderer Lesetyp, ich lese weniger, sinnlicher, und möchte auch mal eine Passage mit Bleistift unterstreichen.“

    Das ist mir sympathisch !
    Bücherfressen ist auch nicht meine Sache.
    Ich möchte das Buch spüren können,
    sinnieren über Formulierungsarten, geschriebene Wortmelodien, also eintauchen.
    Das passt nicht sonderlich gut in heutige Zeiten,
    weil man es dick, fett und zugleich schnell haben möchte.
    Angeblich erfordert das der Markt.
    Dann haben der Markt und ich ein Problem miteinander.

  2. Sehr interessantes Interview, schön, auch mal einen Schweizer zu finden 🙂

    Den Schweizer Kleingeist mit den ewig selben Namen in allen Bereichen zu allen Themen fällt mir auch schon lange auf und ermüdet mich zunehmend. Ich kann gewisse Gesichter kaum noch sehen, da sie sich in ihrer Vielgefragtheit so gross zu fühlen scheinen, dabei aber wenig Meinungsvielfalt sondern eher Einheitsbrei zu Tage tritt. Wenn man dann noch ständig überall in den Impressums dieselben Namen liest, jeder im Schreibbereich ein Hansdampf in allen Gassen zu sein scheint, ist das kaum mehr eine Szene, sondern eher ein Sumpf. Aber vielleicht ist das auch nur meine persönliche Meinung und vermutlich ist das in jedem Bereich ein wenig so. Die Schweiz ist schlicht klein.

    Zum Thema Ebooks geht es mir gleich: ich habe die Kindleapp fürs Ipad, lese aber kaum da. Ich brauche den Bleistift in der Hand, wenn ich lese, das habe ich mir in Schule und Studium so angewöhnt und kann nicht mehr anders lesen. Ich will anstreichen können, was mich berührt, was mich anregt, Gedanken hinzufügen, das Buch persönlich machen. Mein Leseerlebnis ist so irgendwie aktiv. Vielleicht auch eine déformation professionelle 🙂

    • Kleiner Tipp: Man kann auch in E-Books Sachen anstreichen, sogar angestrichene Stellen mit anderen Lesern oder Mitarbeitern teilen und Anmerkungen in den Text schreiben. Und das alles auch noch fix und flott durchsuchen und via andere Medien in z.B. gemeinsame Arbeitsgruppen übertragen. Und irgendwann sind die Reader auch so weit, dass man mit einem Stift auf dem Bildschirm arbeiten kann und dafür nicht mehr Tasten und Mäuse braucht.

      Eine eher technische Frage hätte ich denn auch zu dem schön persönlichen Interview, wo es heißt: „In einer großen Buchhandlung in Bern steht, dass eBooks weg gingen wie warme Brötchen und sie deshalb ausverkauft seien …“ E-Books sind reine digitale Kopien, die sich wie die Karnickel vermehren lassen – wie kann man die ausverkaufen?

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