Die Gesellschaft bekommt jene Bücher, die sie verdient. – Ein Gastbeitrag zum Thema Self Publishing von Richard K. Breuer

Der Beitrag, wie buchaffine Blogger zu Publikationen von Self Publishern stehen, trieb um. Kolportieren Blogger Vorurteile und Klischees? Wieso existieren Berührungsängste? Ist nur das Gold, wofür eingeführte Verlage stehen? Woher dieses Geschmäckle, das Selbstverlegtem anheftet? Braucht es ein Gütesiegel?

Aufgeworfen in den Kommentaren wurde allerdings auch die Frage, wie Indie-, Hybrid-Autoren und autonome Verleger mit Hürden und Vorbehalten umgehen. – Das wollte ich ein wenig genauer wissen. Nun freue ich mich sehr darüber, dass Richard K. Breuer, Eigenverleger, Autor und Blogger, seine Überlegungen zum Thema Self Publishing hier mit uns teilt. Seine Darlegungen eröffnen (in freier Übersetzung) ein Zitat von Neil Postman; es stammt aus dessen Eröffnungsrede zur Frankfurter Buchmesse 1984:

„Was Orwell fürchtete, war der Moment, wo Bücher verboten werden würden. Was Huxley fürchtete, war der Moment, wo es keinen Grund mehr geben würde, überhaupt Bücher zu verbieten, weil es niemanden mehr gäbe, der sie lesen hätte wollen.“ („What Orwell feared were those who would ban books. What Huxley feared was that there would be no reason to ban a book, for there would be no one who wanted to read one.“)

Nun aber zu Richard, dem ich herzlich danke sage!

Richard K. Breuer © Laurent Ziegler

„Es ist nicht leicht, einen Beitrag zum Thema Self Publishing zu schreiben. Nicht, weil ich nichts zu sagen hätte. Ganz im Gegenteil. Vielmehr deshalb, weil ich als Eigenverleger immer in den Verdacht gerate, mich und meine Bücher in den Vordergrund zu stellen. Es bleibt somit dem Leser an dieser Stelle überlassen, ob er den Beitrag als „Eigenwerbung“ abtut oder als Möglichkeit wahrnimmt, sich über die Gegebenheiten des Verlagswesens zu informieren. Freilich, ich bin kein Insider, eher ein Zaungast oder – wie man dem Eigenverleger gerne unterstellt – der Nichteingeladene einer fetzigen Party. Kommen wir gleich mal zu meinen Überlegungen. Sie sind freilich nicht vollständig, sollten aber als Diskussionsgrundlage dienlich sein.

*

Ein self publisher wird vor allem dann wahrgenommen,

wenn er den Zahlen- und Geldfetisch der Gesellschaft befriedigt,

wenn er es schafft, von den Mainstream-Medien akzeptiert zu werden,

wenn er bereits eine renommierte Marke ist (Celebrity-Cult),

wenn er bereit ist, viel Geld für Werbung und Marketing in die Hand zu nehmen,

wenn er Teil einer verschworenen Community ist,

wenn er den Schein aufrechterhält, mit seinen Büchern erfolgreich zu sein,

wenn er zum „Geheimtipp“ avanciert und es hip ist, „Außenseiterliteratur“ zu lesen.

.

Ein self publisher wird vor allem dann kommerziell erfolgreich sein können,

wenn er sich der Ratgeberliteratur zuwendet,

wenn er sich der Feel-good-Literatur zuwendet,

wenn er sich dem Sachbuchbereich zuwendet,

wenn er ein „herzeigbarer Selfmademan“ ist,

wenn er ein großes persönlich-familiäres Netzwerk um sich hat,

wenn er eine gesellschaftliche Nische bedient,

wenn er eine noch nicht ausgereizte Subkultur bedient,

wenn er den Schein aufrechterhält, in einem Bereich ein Experte/Meister zu sein,

wenn er bereit ist, den Wert eines Kleinwagens in sein Projekt zu investieren,

wenn er zumindest seinen Text einem Korrektorat angedeihen lässt,

wenn er den Umschlag nach professionellen Gesichtspunkten herstellt.

.

Ein self publisher wird kommerziell erfolglos sein,

wenn er sein Augenmerk nur auf den belletristischen Bereich legt,

wenn er den Fokus auf Qualität legt, die der gewöhnliche Leser nicht bemerken kann,

wenn er mit den Produkten von Verlagshäusern in Konkurrenz steht,

wenn er intensivst die Social Media Kanäle bespielt und dabei unpersönlich wird,

wenn er nicht den Schein aufrechterhalten kann, mit seinen Büchern erfolgreich zu sein,

wenn er stupide dem traditionellen Verlagswesen hinterherhechelt,

wenn er mit dem traditionellen Verlagswesen aneckt.

.

Ein self publisher wird innerlich erfolgreich sein,

wenn er einer „inneren Stimme“ folgt bzw. einen Musenkuss hatte,

wenn er das Maximum aus den Gegebenheiten herausholte,

wenn er neue Wege ausprobiert,

wenn er sich von äußeren Umwelteinflüssen nicht kleinkriegen lässt,

wenn er stetig dazulernt,

wenn er nicht aufgibt,

wenn er sein schlimmster Kritiker bleibt,

wenn er zumindest einen Leser gewinnen konnte,

wenn er sich nicht dem Geld- und Zahlenfetisch ausliefert.

*

Das traditionelle Verlagswesen, so lesen wir, kämpft ums Überleben und um Marktanteile. So mag es nicht verwundern, wenn die größten Verlags- und Medienhäuser fusionieren. In der zweiten Hälfte des Jahres 2013 soll Random House mit Penguin Books verschmelzen. Wenn man sich ansieht, welch internationales Medienkonglomerat die Muttergesellschaft von Random House ist, kann einem schon recht schwindlig werden, ob der Zahlen und Ziffern. Fakt ist aber, dass Self Publishing einer der am schnellsten wachsenden Sektoren im Verlagswesen ist. In den USA wurden 2010 etwa 133.000 Titel im Eigenverlag publiziert. Ein Jahr später waren es bereits 211.000 Titel. Es ist somit nur folgerichtig, dass die großen Verlagshäuser auf diesen Zug aufspringen und Self-Publishing-Portale übernehmen. Ob das am Ende gut oder schlecht für den Self Publishing Bereich ausgeht, ist nicht vorherzusehen. Die Geschichte lehrt uns, dass Konzerne eine Konkurrenz, die im Wachsen ist, übernehmen, um sie dann in ihrem Sinne zu formen. Beispielhaft sei hier die „General Motors streetcar conspiracy“ erwähnt.

Ein Bestseller wird gemacht und kostet einen Verlag viel Geld. Das wusste schon Italo Calvino, als er in den 1960ern Jahren nach New York eingeladen wurde und dort bemerkte, dass der amerikanische Verlag für sein neues Buch einen Werbeetat von gerade einmal 4.000 Dollar (nach heutigem Geldwert) veranschlagte. Calvino war entsetzt und meinte, dass man mindesten 4 Millionen Dollar locker machen müsste, um auf dem Markt etwas bewegen zu können. Deprimiert stellte er fest, dass sich die großen Verlage in den USA vorrangig um ihre Bestseller kümmern und ihnen gar nichts daran läge, ein Buch auf dem Markt „durchzusetzen“. [Quelle: Italo Calvino, Eremit in Paris, Autobiographische Blätter, München 2000, S. 34]

Wir sehen, ohne dass ich es wollte, bin ich bereits beim lieben Geld angelangt. Am Ende, das mag jetzt keine große Neuigkeit sein, dreht sich alles ums Geld. Auch wenn das Verlagswesen so tut, als würde es um die schöne Literatur gehen, Fakt bleibt, dass jedes Unternehmen gezwungen ist, profitabel zu sein – ansonsten würde es vom Markt verschwinden. Das Buch wird zum „Non-Food“-Produkt. Gewiss, manch kleine und mittlere Verlagshäuser sehen im Buch noch immer ein kulturelles Erbe, das erhalten werden soll. Es ist interessant zu beobachten, wie sich diese Verlage gegen Self Publisher abgrenzen und zur Wehr setzen, während sie von den Verlagskonzernen und dem Handel an die Wand gefahren werden. Die Frage, die ich mir hin und wieder stelle, scheint mir berechtigt: Worin liegt der Unterschied zwischen einem engagierten Kleinverlag, der eine Hand voll Mitarbeiter beschäftigt und einem Eigenverleger? Beiden ist gemein, dass sie dem „Produkt“ Buch eine sehr persönliche Note geben und voller Hingabe und Leidenschaft zu Werke gehen. Dass diese persönliche Note, diese Leidenschaft, im grauen Alltag des Wirtschaftslebens untergeht, wo am Ende des Tages die Kassa stimmen muss, dürfte hinlänglich bekannt sein.

Es ist weder der literarische Wert noch die Qualität des Produktes, die im Verlagswesen zählen, sondern die Quantität. Jetzt wird es persönlich. Wie oft werde ich gefragt, ob ich von meinen selbst verlegten Büchern leben könne. Wie oft werde ich gefragt, wie viele Bücher ich denn so in der Woche/im Monat/im Jahr/insgesamt verkaufe bzw. verkauft habe. Immer geht es zu aller erst um Zahlen. Meine Antworten bleiben vage und unbestimmt. Das hat den Grund, weil ich weiß, dass meine „Verkaufszahlen“ in den Ohren des Fragestellers immer zu gering sind. Ich weiß auch, dass ich dadurch im „Geschäftswert“ sinke. Würde ich also täglich tausende Stück meiner Bücher verkaufen, es würden sich eine Vielzahl an Medien- und Geschäftsleuten und Bewunderern einstellen. Ich glaube, dass dieser Zahlen- und Geldfetisch mit der Amerikanisierung des europäischen Kontinents zu tun hat. Es war ein Wiener Dichter, der in den 1830ern in die USA auswanderte, aber es keine zwei Jahre dort aushielt. Er stellte mit Abscheu fest, dass es dem geschäftigen Amerikaner nur um „Dollars ginge“. [Lenau’s Leben, Großentheils aus des Dichters eigenen Briefen von seinem Schwestermanne Anton X. Schurz. Erster Band. J. G. Cotta’scher Verlag, Stuttgart/Augsburg 1855, S. 196ff]

Aber was immer der Grund für diesen Zahlen- und Geldfetisch auch sein mag, er hat Besitz vom Menschen genommen. Das Verlagswesen und ihre „Produkte“ sind nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Frei nach dem Motto: Die Gesellschaft bekommt jene Bücher, die sie verdient.

Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass ein freiwilliges Zusammenspiel zwischen self-publishing-Autoren auf der einen Seite und „privaten Buchherstellern“ auf der anderen Seite entsteht. Mit anderen Worten, es würden sich Lektoren, Grafiker, Testleser, Marketing- und Medienleute finden, die in ihrer Freizeit gemeinsam Bücher herstellen und dabei dem kommerziellen Aspekt nur eine geringe Bedeutung beimessen. Es wäre demnach die Demokratisierung des Verlagswesens. Die Möglichkeiten dazu sind heutzutage längst gegeben, es braucht nur noch die Bereitschaft jedes Einzelnen, seinen Teil zu diesem Projekt beizutragen. Ich sage es deshalb, weil ich in den letzten Jahren bemerkt habe, wie einseitig und unausgewogen der Mainstream-Medien-Apparat und die großen Verlagshäuser die Welt „befruchten“. Von diesen dürfen sich die Bürger keine „zweite Aufklärung“ erhoffen. Deshalb schließe ich mit einem Zitat von Pulitzer-Preisträger und ehemaligen New York Times Korrespondenten Chris Hedges:

„Der Sinn von ‚Brot und Spiele‘ ist jener, wie Neil Postman in seinem Buch Amusing Ourselves to Death sagt, abzulenken, emotionale Energie auf das Absurde und Triviale und Spektakuläre zu lenken, während man rücksichtslos seiner Rechte beraubt wird. Ich habe mich gefragt: Hat Huxley recht oder hat Orwell recht? Es stellt sich heraus, dass sie beide recht haben.“ („The purpose of bread and circuses is, as Neil Postman said in his book Amusing Ourselves to Death, to distract, to divert emotional energy towards the absurd and the trivial and the spectacle while you are ruthlessly stripped of power. I used to wonder: Is Huxley right or is Orwell right? It turns out they’re both right“, übersetzt nach: David Barsamian, Interview with Chris Hedges, in: The Progressive Ausgabe August 2011, online abrufbar.“)

___

Richard K. Breuer lebt und arbeitet in Wien. Wirtschaftlich geprägte Schulausbildung. Verschiedene Jobs im Banken- und Softwarebereich. Seit 2003 freiberuflicher Schriftsteller, Dramatiker, Drehbuchautor, Designer, Blogger und Verschwörungstheoretiker. Absolvent des zweisemestrigen Verleger-Semi­nars in Kooperation mit der Universität Wien bei Prof. Mazakarini. Verleger seit 2008.

Veröffentlichungen: Die Liebesnacht des Dichters Tiret (2008), Rotkäppchen 2069 (2008), Schwarzkopf (2009), Brouillé (2010), Madeleine (2012). Autor der Woche (ORF Radio NÖ). Die Krimikomödie Schwarzkopf wurde in der Leipziger Volkszeitung und Falter Buchbeilage besprochen. Das Magazin hörBücher vergab in der Ausgabe 4/11 für Schwarzkopf die höchste Benotung („grandios“).

Dr. Scherr vom Wiener Literaturhaus attestiert dem Eigenverlag im öster. Börsenblatt 1/10 eine „beeindruckende Professionalität“ und meint: „So mancher Kleinverleger könnte sich hier die eine oder andere Anregung in puncto Marketing holen.“ Für 2012 ist das kontroversielle Sachbuch „Con$piracy“, der Tagebuchroman „Der Fetisch des Erik van der Rohe“ und „Penly“ geplant. Die veröffentlichten Bücher sind im Fachhandel als Taschenbuch bzw. im E-Book-Format erhältlich. – Mehr zu ihm auf seiner Webseite.

Advertisements

11 Kommentare zu “Die Gesellschaft bekommt jene Bücher, die sie verdient. – Ein Gastbeitrag zum Thema Self Publishing von Richard K. Breuer

  1. Fein, wenn der Beitrag als Diskussionsgrundlage herangezogen wird. Natürlich kann ein „Essay“ nicht alle Aspekte rund um das Thema „Self Publishing“ abdecken, möchte aber an dieser Stelle im Besonderen auf die gesellschaftspolitische Komponente hinweisen.

    Da ich gerade an einem – für mich – wichtigen Buchprojekt arbeite, bin ich zur Zeit selten und nur kurz online. Ich werde trotzdem versuchen, in den nächsten Tagen die Zeit zu finden, auf den einen oder anderen interessanten oder kritischen Einwurf einzugehen.

  2. In der Umfrage, die Anlass für deinen Gastbeitrag war, ging es darum, wie Blogger auf Self-Publisher reagieren. Auch ich habe mich in den Kommentaren ablehnend geäußert, und daran hat sich auch mit zeitlichem Abstand nichts geändert. Das ist für mich auch keine Frage eines kommerziellen Erfolges, inhaltliche Qualität existiert unabhängig von Verkaufszahlen.
    Du fragst „Die Frage, die ich mir hin und wieder stelle, scheint mir berechtigt: Worin liegt der Unterschied zwischen einem engagierten Kleinverlag, der eine Hand voll Mitarbeiter beschäftigt und einem Eigenverleger?“. Hier liegt für mich der zentrale Punkt. Ein engagierter Verlag steht für eine bestimmte Art von Literatur – ich benutze den Begriff vereinfachend, da das Wort „Bücher“ für mich eher einen Objektcharakter hat. Dies trifft nicht nur auf viele Kleinverlage zu, auch Verlage wie Diogenes, DVA oder Bastei Lübbe stehen für etwas, das sich jeweils relativ einfach in einem Satz auf den Punkt bringen lässt. Jeder dieser Verlage trifft eine Vorauswahl, nach welchen Kriterien auch immer. Für mich als Leser bedeutet dies, dass mir jemand Arbeit abnimmt, nämlich die Arbeit, aufwendig eine Vorauswahl treffen zu müssen. Ich weiß, in welche Verlagskataloge ich intensiv reinschauen sollte, welche ich flüchtig durchblättere und welche ich gar nicht erst anfordere. Ich weiß, dass ich Autoren, die jenseits gängiger narrativer Strukturen bewegen, eher nicht bei Diogenes finde, während ich den gut geschriebenen Unterhaltungsroman vielleicht nicht unbedingt bei Diaphanes finde.
    Ein Eigenverleger steht – wertungsfrei – erst mal nur für sich selbst. Und ja, ich bin faul, ich habe keine Lust, den Part zu übernehmen, den sonst die Verlage erledigen, nämlich das Sichten, das Aussortieren. Sicher ist es möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich, dass mir mit meiner ignoranten Haltung das eine oder andere Schmuckstück entgeht. Aber: Ich lese sowieso nur einen Bruchteil der Bücher, die lesenswert sind, es ist nicht zu schaffen. Und solange es so ist, dass 99,9 Prozent aller selbst verlegten Bücher, auf die man trifft, ausgesprochener Müll sind, solange halte ich es wie ein guter Club bei der Aufnahme neuer Mitglieder. Bürgen nicht mindestens zwei vertrauenswürdige Menschen für die Qualität eines selbst verlegten Buches oder schafft es der Autor nicht, auf anderem Wege überzeugend darzustellen, dass er das Handwerk des Schreibens beherrscht, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich mit seinem Werk auseinandersetze, bei ungefähr null. Dass es möglich ist, mich zu überzeugen, hast du ja bewiesen. Gut möglich auch, dass Self-Publisher in einigen Jahren einen anderen, höheren Stellenwert einnehmen – ich vertrete auch die These, dass für viele Verlage nicht das Existieren von Raubkopien zum größten Problem wird, sondern dass ihre Millionenseller eines nicht fernen Tages anfangen, ihre Werke in Eigenregie rauszubringen – Frau Rowlings macht es bereits in der Vermarktung vor, King hat schon vor Jahren ein derartiges Projekt gestartet – und ist damals noch gescheitert. Ich bin sicher, er wird es wieder versuchen.

  3. Pingback: Richard K. Breuer: Die Gesellschaft bekommt jene Bücher, die sie verdient « buchreport.blog

  4. Feiner Beitrag, weil man so herrlich über ihn diskutieren und sogar streiten kann. So manches, was da über die Self Publisher behauptet wird, trifft für Verlagsautoren ja genauso zu … wie die Sache mit der Beharrlichkeit und Selbstkritik.
    Was diese Schubladerei und Definiererei betrifft, bin ich richtig froh, dass ich im Ausland lebe. Hier in Frankreich ist ein Self Publisher, der mehr tut, als eine Hochzeitszeitschrift per Copyshop an die Familie zu verteilen, rechtlich schlicht ein Verleger. Punkt. Was er sich aussuchen kann, ist die Unternehmensform, unter der er das macht. Und damit ist auch klar, dass Self Publisher, die ja eigentlich Verleger sind, schlicht ebenfalls wirtschaftlich denken müssen und ihre Dienstleister ordentlich bezahlen. Sie nehmen ja auch Geld von den Lesern. So einfach kann Self Publishing funktionieren 😉

  5. „Ein self publisher wird vor allem dann wahrgenommen,
    wenn er den Zahlen- und Geldfetisch der Gesellschaft befriedigt,
    wenn er es schafft, von den Mainstream-Medien akzeptiert zu werden,
    wenn er bereits eine renommierte Marke ist (Celebrity-Cult)…“

    ( Richard K. Breuer )

    Die Markengesellschaft

    Jeder klatscht sich ein Label auf die Stirn und rennt los,
    geht hausieren und Klinken putzen,
    schreit oder heult, so laut er kann.
    Hauptsache, er / sie findet Gehör und Beachtung bei den Massgebern.

    Give the mass, what it wants?

    Verbeuge Dich vor den Markengebern,
    die den Daumen erheben oder senken?

    Man könnte noch direkter werden, sollte es sogar.
    Denn es geht hier nicht um ein Spiel namens:
    Däumchen wechsel dich –
    sondern um Formen und Inhalte,
    um Berechtigung und Versagung von Existenz.

    Das zunächst zum Auftakt dieses Beitrages.

    Ein Gruß aus der Rubensstadt Siegen,
    wo nun Kaffee gezapft wird…

  6. Ich habe es auch getan.
    Am 15. November erschien mein Roman „Die Gruppe“ als E-Book im Selfpublishing. Eine kleine und selbstfinanzierte Druckauflage wird folgen, um nach Lesungen den Gästen auch etwas in die Hand drücken zu können.
    Warum Selfpublishing?
    Nach meinem ersten Krimi in einem „richtigen“ Verlag, der inzwischen in eine unselige Insolvenz gegangen ist, witzigerweise, bevor ich die ersten Tantiemen erhielt, habe ich natürlich weitergeschrieben. Ein Roman wollte raus, ich hatte keine andere Wahl.
    Was ich nicht ahnte: Auch als Nicht-Debütant steht man bei den Verlagen wie ein dummer Junge hinten an. Formbriefe, die jeder Autor zu Genüge kennt, eine Herablassung, die jeder Beschreibung spottet. Als dann vor gut Jahresfrist ein nicht unbedeutender Verlag anbiss und nach Exposé und Leseprobe das Komplettmanuskript anforderte, sammelte ich eine neue Erfahrung. Der Verlagsgeschäftsführer attestierte mir nach der Lektüre, „Die Gruppe“ sei „ein sehr guter Roman, ein sehr ambitionierter Text“. Allerdings sei es „in der Literatur seit Jahren das Problem, spannende Stoffe adäquat auf den Markt zu bringen“. Danke für die netteste Absage, die ich je bekam.
    Was tun?
    Mir geht es wie Nikola Hahn (s.o.): Ich will gelesen werden, dafür schreibe ich. Also habe ich mich mit dem Self-Publishing beschäftigt und unzählige Stunden in die technische Umsetzung investiert; Stunden, die mir fürs Schreiben fehlen.
    Jetzt ist das Buch da und ich zufrieden.
    Kommerziell bin ich damit nicht erfolgreich.
    Aber ich denke, die Situation hat sich inzwischen gewandelt und man ist als Self-Publisher noch nicht verbrannt für das Verlagswesen. Vielleicht ergibt sich daraus doch noch etwas.
    Dass ich dennoch gelassen bin, hat vor allem zwei Gründe:
    Als Redakteur einer Tageszeitung kann ich vom Schreiben ganz passabel leben. Und auch was die Schriftstellerei betrifft, ist Licht am Ende des Tunnels: Für einen zweiten Krimi habe ich wieder einen Verlag gefunden. Er wird im Herbstprogramm 2013 erscheinen.
    Würde ich es wieder tun? Unbedingt.

  7. Ein toller Beitrag!

    – weil er die unterschiedlichen Sichtweisen aufzeigt
    – weil er nicht polarisiert
    – weil er Fragen stellt, ohne gleich „passende“ Antworten parat zu haben.

    Erst wenn man sich „zwischen den Welten“ bewegt, fällt auf, wie starr die Gedankenwelten sind, in denen sich die Protagonisten bewegen. Die „richtig“ verlegten Autoren schauen mit „Bähbäh“ auf die „Selbstverlegten“, die kleinen Verlage sehen sich als „Bewahrer der wahren Kultur“, die großen als Mainstreambedienkonzerne. Die Buchhändler „vor Ort“ schimpfen auf die Buchhandelsketten und alle zusammen auf amazon. Da werden gar Kampagnen ins Leben gerufen, frei nach dem Motto: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich (Wie kann man als Autor nur auf amazon verlinken!! Wie kann man als Leser nur dort bestellen!! Wie kann man nur bei BoD veröffentlichen!!)

    Setzt man die Ideologiebrille ab, löst sich vieles in Rauch auf:

    Ich fände es an der Zeit, mal darüber nachzudenken, WARUM (vor allem) Leser und Autoren zunehmend die eingefahrenen Wege verlassen …

    Der Beitrag gibt, zumindest aus Autorensicht, eine Ahnung davon. Und, doch, ja: Selbstverständlich will ich, dass meine Bücher gelesen werden. Möglichst von vielen! Und, ja, es ist ein steiniger Weg, es abseits der großen Straßen zu versuchen. Aber WARUM tut man es als Autor? Es wird (noch) viel zu sehr darauf fokussiert, dass der Selbstverleger keinen Verlag gefunden hat. Inzwischen ist es doch (auch) so, dass sich Autoren ganz bewusst GEGEN einen Verlag entscheiden. Nicht, weil sie nicht schreiben könnten. Nicht, weil sie glaubten, ohne Verlag mehr Kohle zu scheffeln.

    Sondern einfach, weil sie „ihre“ Geschichte erzählen wollen.

  8. Vor allem finde ich die momentan stattfindende Polarisierung so unglaublich unnötig. Es herrscht eine Art Glaubenskrieg zwischen den Anhängern des etablierten Verlagswesens und den Verfechtern der neuen Formen des Selbstverlages. Für jede Meinung lassen sich Unmengen an Beispielen finden, ohne dass es uns tatsächlich voranbrächte.
    Aus diesem Grund finde ich den Beitrag von Richard K. Breuer eine erfreuliche Ausnahme, weil er deutlich macht, dass es auf die Perspektive und die Absicht ankommt.
    Ist erfolgreich gleichzusetzen mit hohen Verkaufszahlen? Oder bedeutet erfolgreich, dass ich eine kleine Zahl Leser wirklich nachhaltig beglücke? Und ist es nicht bereits dann ein Erfolg, wenn ich voller Freude meiner inneren Neigung nachgehe, unabhängig davon, ob es anderen zusagt was ich erschaffe?

    Literarisch gesehen ist z. B. „Shades of grey“ in meinen Augen nicht zu empfehlen. Andererseits bedient es doch wohl ein Bedürfnis, also wieso sollte ich der Autorin ihren Erfolg neiden? Mir steht doch jederzeit frei ebenfalls ein solches Werk zu verfassen oder eben die 147. Version der „Wanderhure“ zu schreiben, weil ich dann größere Chancen auf einen Vertrag mit einem großen Verlag habe. Wenn ich dies aber nicht möchte und der finanzielle Nutzen nicht mein einziger Antrieb und Gesichtspunkt bleibt, dann schreibe ich eben die Bücher, die ich schreiben möchte und darf mich nicht beschweren wenn Unternehmen, die eine möglichst hohe Gewinnerzielungsabsicht hegen, mich nicht wahrnehmen oder in mir nicht das Potenzial sehen.

    Ich bin froh, dass z. B. eine J. K. Rowling nicht aufgegeben hat, als sie abgelehnt wurde und schließlich doch noch den Erfolg erzielte, den sie verdient und den nur ein großer Verlag ihr bieten kann.
    Andererseits beruhigt es mich aber auch, dass die nächste Generation an Rowlings auch dann erscheinen wird, wenn sie nicht das eine von 1.000 Manuskripten sind, welches verlegt wird.
    So groß ist nämlich maximal die Chance für ein unverlangt eingesendetes Manuskript/Exposé als Buch zu erscheinen. Ich finde es unsinnig, wenn Verlage den anderen 999 Werken ihre Berechtigung absprechen ihr Glück am Markt zu erproben.

    Ein Umbruch entsteht immer nur dann in einem System, wenn er nötig ist. Irgendwann findet sich dann eine neue Ordnung, die durchaus auch aus einer Vielfalt bestehen kann. Und damit wären wir wieder beim sehr passenden Titel des Beitrags von Richard K. Breuer.

  9. Junge, was ist aus dir nur geworden
    Als Jugendlicher war ich Bücherleser. Dann habe ich das Lesen lange vergessen. Ich wurde Fernsehgucker, Radiohöher, Ausgeher. Dann, Anfang der Neunziger, bekam ich ein Buch in die Hand, das mich nach vielen Jahren der Leseabstinenz wieder zum Leser gemacht hat. Es sei erwähnt: Schlafes Bruder war´s. Angefixt von der Geschichte, begann ich zu lesen wie ein Süchtiger. Ich wurde Hardcore-Leser. Lesen war Glücksgefühl. Ich wollte mehr davon und immer mehr. Dann kam die Zeit, in der ich selbst mit dem Schreiben begann. Ich fing einfach damit an. Bald merkte ich: Schreiben war auch Glücksgefühl. Und ich wollte auch davon mehr und immer mehr. Wenn mich heute einer fragt: Mit bewussten Entscheidungen hatte das alles nichts zu tun. Ich habe getan, was ich gefühlt habe. Zuerst gelesen, dann geschrieben (und gelesen). Ich habe mich vom Konsumenten zum Produzenten gedreht, ohne es geplant zu haben. Ich machte den Stoff jetzt selbst. Immer mehr davon. Ich schrieb um des Schreibens willen. An Geld habe ich dabei nie gedacht. Aber irgendwann an Öffentlichkeit. Aus Eitelkeit? Ich kann es nicht sagen. Ich denke, ich wollte schlicht, dass meine Texte gelesen werden. Ich wollte eine Rückmeldung vom Leser. Reich und berühmt werden? Höchst unwahrscheinlich.
    Dann passierte wieder etwas vollkommen Ungeplantes: Ich wurde Verleger. Ich wurde Manager, Organisator, Koordinator. Ich nahm eine Arbeit auf, von der ich keine Ahnung hatte. Ich wurde Publisher in eigener Sache. Den Begriff dazu gab es noch nicht. Auch eBooks gab es noch nicht. Und BoD war noch in den Kinderschuhen. Die Qualität war in meinen Augen nicht gut genug. Also musste ich klassisch produzieren. Es ging dabei gar nicht so sehr um das Buch als um die Sache. Ich wollte herausfinden, ob ich in der Lage war, ein Buch zu finanzieren und zu produzieren; und, ob ich durchhalten würde. Geschrieben habe ich es natürlich auch. Das Buch kam heraus – und wurde? Richtig: kein kommerzieller Erfolg. Im Gegenteil: Ich habe das Projekt mit eigenen Mitteln subventioniert. Egal, ich mach das jetzt, hatte ich mir ja vorher gesagt. Und so bin ich Autor-Verleger geworden. Ich habe unglaublich viel gelernt. Und ich habe etwas gewonnen: Wissen. Wenn ich auch keinerlei finanziellen Gewinn gemacht habe.
    Die Jährchen gingen ins Land und in diesem Land tauchte am Horizont plötzlich das eBook auf. Was ist das? Das ist doch kein richtiges Buch, sagten die etablierten Verleger, und taten es ab, straften es mit ihrer Missachtung. Sie hatten eine Menge davon. Das ist was für uns, sagten sich jedoch einige Schreiber; jene, die aufgrund existierender Marktmechanismen nie einen Verlag finden würden und die bis dato aufgrund ökonomischer Zwänge, niemals ein Buch selbst würden produzieren können. eBook, Selfpublishing – Ja, ich fühlte mich angesprochen. Worin die einen das iGittbuch sahen, erkannte ich für mich eine interessante Möglichkeit, etwas Neues zu probieren. Ich beschloss, selbst ein eBook zu machen. Egal, ich mach das jetzt einfach, habe ich mir wieder einmal gesagt. Heute – ein paar Wochen später – finde es großartig, gerade weil man es als etwas Eigenes in die Welt setzt. Es ist lustvoll, wenn auch manchmal mit Qualen verbunden. (Es macht noch Lust und Qualen, es ist noch nicht in der Welt). Und natürlich habe ich auch diese Fragen gehört: Warum Selfpublishing? Hast Du keinen Verlag gefunden für deine Texte. Das sind Fragen, die ich mir selbst schon gestellt hatte. Ja, ich habe bisher keinen Verlag gefunden. Aber was sagt das schon? Ich könnte mich sicher Wochen lang vortrefflich mit der Ergründung beschäftigen und würde doch immer nur die gleichen Thesen, Meinungen und Erklärungen lesen. Das aber ist ein Lesestoff, der mich langweilt; nicht immer, aber häufig. Erfahre ich doch selten etwas Neues. Lieber mache ich etwas Neues. Just do it! Ich will immer noch, dass meine Texte gelesen werden. Ich will immer noch Rückmeldung vom Leser. Reich und berühmt werden? Unwahrscheinlich. Aber egal. Hat das Selfpublishen nicht auch ein bisschen etwas Ungreifbares (für manche noch Unbegreifbares)? Ist da nicht eine große Ungewissheit über das, was passieren wird? Wie es mit all dem Neuen, bisher nicht Dagewesenen ist? Lasst uns anfangen und schauen, dann werden wir es sehen.

  10. Vielen Dank für den Beitrag. Und für den Satz „Die Gesellschaft bekommt jene Bücher, die sie verdient.“ Guckt man sich in den Buchhandlungssupermärkten um, ahnt mensch ja sofort, wie die Gesellschaft, die diese Bücher verdient, wohl beschaffen sein muss. Fast-Food. Fast-Read…

    Worauf ich eigentlich zu sprechen kommen möchte: Als Autorin finde ich das Thema Selfpublishing natürlich interessant. Aus vielen Gründen, die du anführst. ABER. Ein gewichtiger Punkt hält mich (noch?) davon ab. Wie du schreibst: Es geht natürlich ums Geld. Ein „gutes“ Buch kostet sehr viel davon. Ich meine mit „gutem Buch“ (mir ist bewusst, wie schwierig so ein Begriff ist, benutze ihn jedoch der Einfachheit halber) ein kritisch & sorgfältig lektoriertes Buch.
    Mir ist schon klar, dass nicht jeder, auch nicht jeder große Verlag, bereit ist viel Geld in ein gutes Lektorat zu investieren usw.
    Aber mir als Autorin ist ein gutes, sprich kritisches Lektorat sehr wichtig. Lektorat als inhaltliche Arbeit am Text, nicht nur als Korrektur. Dafür bezahlt der Verlag – wenn mensch Glück hat – Geld. D.h. der Verlag ist der Auftraggeber des Lektorats. Sollte ich bereit und finaziell privilegiert genug sein, „einen Kleinwagen“ in mein Buchprojekt stecken zu wollen, gäbe es immer noch das Problem, dass ich in diesem Falle die Auftraggeberin für die Lektorin/ den Lektor wäre. Ich wäre sozusagen die Kundin meiner Lektorin. Bei Reibereien über den Text bzw. über Änderungen daran wäre ich diejenige, die automatisch das letzte Wort hätte. Das mag mir als Autorin gefallen, ich bin mir nur nicht sicher, dass es dem Buch am Ende gut täte.
    Tatsächlich ist das ein Punkt (neben den ganzen kaufmännischen, technischen usw.), der für mich zur Zeit ausschlaggebend ist, nicht selbst zu publizieren.

  11. Pingback: Ein Gastbeitrag bei PundP « richard k. breuer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s