Wir sind Schreibsklaven! Oder: Die Seele und das Herz bitte an der Garderobe abgeben – auf der Bühne spielen die Verkaufszahlen

Der Blogpost „Statt Schriftsteller ist man Schreibmaschine“, in dem zwei Autorinnen über haarsträubende Erfahrungen mit Verlagen berichteten, treibt seit seinem Erscheinen im Juli vergangenen Jahres um. Immer wieder erreichen mich dazu Kommentare, Stellungnahmen und Erfahrungsberichte. So gestern von einer Autorin, die ungenannt bleiben möchte. – Ich danke ihr für einen Bericht, der unter die Haut geht.

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So, jetzt habe ich diese ganze Artikelserie gelesen und lange überlegt, ob ich auch was schreiben soll. Letztendlich bin ich zu der Auffassung gekommen, dass es wohl gut ist, wenn ich auch etwas dazu sage, damit die Zahl derer, die den Mund aufmachen ein bisschen größer wird.

Also ja: Hiermit reihe ich mich ebenfalls in die Liste der Autoren ein, die vorsichtshalber ihren Namen nicht nennen, denn im Großen und Ganzen kann ich alle Punkte bestätigen, die ich hier gelesen habe.

Ich selbst schreibe seit über 20 Jahren. Etwa 10 Jahre davon habe ich gebraucht, um gut schreiben zu lernen. Weitere 10 Jahre hat es gedauert, ehe ich das ganze Elend mit Bewerbungen und Ablehnungen überstanden hatte und mein erstes Buch von einem “echten” Verlag gedruckt wurde. Inzwischen sind es drei Verlage, zwei davon namhaft, einer nicht ganz so.

© Clipart GvP

© Clipart GvP

Der Erfolg, also das “Verlegt werden” an sich, ist in meinem Fall noch recht jung. Aber ich kann jetzt schon sagen, dass sich vieles daran falsch anfühlt. “Die Seele und das Herz bitte an der Garderobe abgeben – auf der Bühne spielen die Verkaufszahlen.” Dieses Motto spürt man schnell, wenn man die heilige Grenze zum Verlag erst einmal übertreten hat. Sicher, alle sind freundlich zu mir, alle lieben meine Bücher und wahrscheinlich meinen sie es wirklich so. Aber mein Herz und meine Seele habe ich längst verkauft. Für einen Dumpingpreis, denn leben kann ich bei Weitem nicht davon. Man könnte auch sagen, ein durchschnittlicher Verdiener verdient im Monat soviel wie ich im ganzen Jahr. Das Geld bringt also mein Mann in die Familie. Ich “verwirkliche nur mich selbst”. Mit dem kleinen Unterschied, dass ich selbst das nicht mehr tue, seitdem mir die Verlage sagen, was ich schreiben soll, wie lang es sein darf, für welche Zielgruppe ich es zurechtschustern muss und wann der Abgabetermin ist. Der Titel, das Cover und der Klappentext werden festgelegt, bevor das neueste Buch auch nur einen Satz lang ist, also zu einem Zeitpunkt, zu dem es nur aus einer Idee besteht, die ich in einem Exposé formuliert habe. So etwas ist wirklich, WIRKLICH unheimlich!!! Alles Mögliche könnte in der Zwischenzeit passieren. Was, wenn ich mit meinen Figuren nicht warm werde? Wenn die Geschichte nicht funktioniert? Wenn ich in eine Sackgasse laufe und das Buch nochmal umschreiben muss? Wenn ich einfach mal krank werde oder etwas anderes dazwischenkommt und deshalb der Zeitplan platzt? Wenn irgendwas davon passiert, dann müsste ich stümpern und tricksen und das Buch würde trotzdem gedruckt und ich bekomme die Dresche von den Lesern, weil “natürlich” der Autor verantwortlich für sein Buch ist.

Zum Glück vertraue ich mir und meinem Können. Ich weiß, dass ich dieses Buch schreiben kann, auch unter dem gegebenen Druck und in der vorgegebenen Zeit. Was das betrifft, bin ich also froh, dass ich zwanzig Jahre Vorlauf hatte, um mich und mein Können zu entwickeln. Ich habe inzwischen eine Routine, die ich jetzt dringend brauche, und zum Glück gehöre ich auch zu denen, bei denen die Ideen nur so hervorsprudeln.

Aber dennoch. Ich bin immer noch schockiert darüber, wie es hier (in der glitzernden Verlagswelt) läuft. Ich dachte immer, ein Buch müsste perfekt sein, die Figuren, die Sprache, die Atmosphäre. Ich habe Werke in meiner Schublade, an denen ich mit unendlicher Geduld geschrieben und gefeilt habe, die von zahlreichen Testlesern und anderen Autoren gegengelesen wurden, bis ich alle konstruktive Kritik in den Text eingearbeitet hatte. Aber solche Bücher werden jetzt nicht einmal geprüft, von keinem meiner Verlage. Und warum? Weil sie zufällig ein Thema behandeln, das auf dem Markt gerade gefloppt ist.

Also muss ich neue Bücher schreiben, für die ich wenig Zeit habe, so wenig Zeit, dass sie kaum ein Testleser zu Gesicht bekommt, bevor sie auch schon in den Druck müssen. Aber sie haben das richtige Thema, oder sagen wir mal, das Thema, von dem die Marketingabteilung glaubt, es könnte das richtige sein.

Ganz ehrlich, immer, wenn ich darüber nachdenke, kann ich spüren wie eine kleine Wunde in meinem Herz aufreißt und anfängt zu schmerzen. Ich musste mich und meine Seele verkaufen, um dabei zu sein. Und jetzt kämpfe ich Tag um Tag darum, sie zurückzubekommen. Ich tue alles dafür, mir die Geschichten zurückzuerobern und sie trotz all der Vorgaben und Beschränkungen wieder zu einem Teil von mir zu machen. Und ich bange und hoffe, darauf, dass sich meine Bücher irgendwann so gut verkaufen, dass ich wieder die Regeln bestimmen darf.

Aber im Moment stehe ich noch ganz unten in der Rangordnung. Selbst der Gang in den Buchladen ist meistens deprimierend. Meine Bücher müssen wohl irgendwo im B oder C-Programm laufen (auch wenn meine Lektorinnen immer davon schwärmen, wie gut mein Buch überall ankommt). Ich aber jedenfalls finde sie trotz namhafter Verlage meistens nicht, wenn ich in einen Buchladen komme. Oder ein einzelnes Exemplar steht einsam und verloren irgendwo im Regal, wo nur hartgesottene Fans nach ihm suchen werden. Manchmal hole ich solch ein einsames Buch heraus, trage es ein bisschen mit mir herum und lege es dann liebevoll und wie zufällig irgendwo auf den Tisch. Aber wahrscheinlich findet es die Buchhändlerin dann doch vor dem Leser und stellt es in seinen Regalplatz zurück.

Offensichtlich hat für mich also noch niemand einen Stapelplatz bei Thalia gekauft. Warum auch. Ich bin jung und neu am Markt. Ich muss mich erst einmal beweisen.

Und so organisiere ich bis jetzt auch noch viel zu viel selbst. Wenn ich eine Lesung halten will, muss ich mir selbst einen Ort suchen und das Publikum am besten gleich mitbringen, von einem Lesungshonorar mal ganz zu schweigen. Wenn ich ein bisschen Pressewirbel will, dann toure ich selbst durch das Internet, pflege meine Sozialforen und streichele meine Leser mit liebevollem Smalltalk. Tatsächlich sind das oftmals die besten Momente. Meinen Lesern bin ich manchmal am Nächsten, obwohl ich nur ein paar geschriebene Worte von ihnen habe, in denen sie ihre Leseeindrücke schildern. Ich bin also wirklich gerne “bei meinen Lesern”. Aber der Verkaufserfolg steigt wohl nur wenig durch diese 1:1 Zuwendung und meine neuesten Bücher werden dadurch auch nicht gerade schneller fertig.

Stattdessen geht fast die Hälfte der Zeit dafür drauf, alles selbst zu organisieren. Mir ist es noch nie so schwer gefallen, mich auf mein aktuelles Manuskript zu konzentrieren, weil die Tage ständig zwischen dem einen und dem anderen zerrissen werden. Wenn ich einen schlechten Tag habe, aktualisiere ich manchmal häufiger den Verkaufsrang bei Amazon, als ich beim Schreiben meines neuesten Werkes auf die Returntaste drücke. Nicht etwa deshalb, weil bei Amazon so viele Bücher über den Tisch gehen würden, nein, wohl eher deshalb, weil ich mir das so sehr wünsche.
Es ist also alles andere als eine heile Welt, die dort hinter den Verlagstüren herrscht. Und wir Autoren sind in dem “Geschäft” die ärmsten Säue von allen. Wir machen unseren Job ja gerne, hundert andere stehen Schlange, um unseren Platz einzunehmen, also muss man uns weder fair bezahlen, noch fair behandeln.

Meine Agentin fand dafür den treffendsten Begriff: Wir sind Schreibsklaven. Genau so fühle ich mich oft. Aber verflucht nochmal, ich mache meine Job so gerne, dass ich ihn trotzdem nicht aufgeben würde, dass ich das alles mitmache und lächele und nach außen hin den Schein wahre – und nur dann den Mund aufmache, wenn mein Name nicht darunter steht.

Manchmal denke ich, wir Autoren müssten mal streiken, alle auf einmal, die Kleinen und die Namhaften. Wir müssten uns alle verabreden und unsere neuesten Manuskripte einfach nicht pünktlich zum VÖ-Termin abliefern. Aber das Problem ist wohl, dass es auch unter uns zu viele Streikbrecher geben würde – und noch mehr Autoren, die nur darauf warten, dass mal ein Programmplatz freibleibt. Im Notfall würde sich auch noch eine Auslandslizenz finden, die man schnell ins Programm schieben kann.
Also muss ich mich wohl damit abfinden, dass ich nur eine Nummer auf dem Markt bin. Und alles, was ich hoffen kann, ist, dass sich die Qualität meiner Bücher irgendwann durchsetzt und mich zu einer größeren Nummer macht, bis ich irgendwann vielleicht tatsächlich Geld verdiene. Nur so viel wie man zum Leben braucht. Das würde mir ja schon reichen.

Tja, jetzt habe ich so viel geschrieben und frage mich gerade, was die Moral von der Geschichte ist. Im Grunde ganz klar: Wenn ihr es könnt, wenn ihr nur irgendwie die Möglichkeit habt, auf andere Weise glücklich zu werden, dann lasst die Finger vom Schreiben! Diese Welt mag glänzen, aber auch das Schlachtermesser glänzt, bevor es dem Schwein die Kehle aufschlitzt.
Doch wie auch immer. Ich für meinen Teil werde weiterkämpfen. Ich weiß schon lange, dass ich nur glücklich bin, wenn ich schreibe, also könnte ich es wohl nie sein lassen. Selbst wenn ich wollte 😉

Liebe Grüße
Eure Schreibsklavin!

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Best of: Verlagsabsagen – Ein Bauantrag geht schneller durch!

Den Anfang  für ein kleine Blütenlese „Best of: Verlagsabsagen“ machte dankenswerterweise Thorsten Nesch. Mit seinem Dreiteiler „Von Musterabsagen und Meisterabsagen“ liegt ein unterhaltsamer Rückblick auf den eigenen schriftstellerischen Werdegang vor, der schreibenden Kollegen auch Tipps im Umgang mit abschlägigen Bescheiden von Verlagen liefert.

Heute zieht Michael Röder nach, bei Twitter als @IchBinDerMRR bekannt. Er greift hin und wieder selbst gerne in die Tastatur und hat mit seiner „ES NERVT!“-Reihe drei kleine Bände mit nervigen Geschichten aus seinem Leben veröffentlicht. Sein neuestes Projekt ist das Probierstübchen – Das ultimative Verbrauchermagazin, das subjektiv, satirisch und sexy daherkommt. – Ich sage Micha für seinen kurzweiligen Beitrag danke.

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Angeregt durch den wirklich schönen Beitrag von Thorsten Nesch, habe ich einmal im Archiv meiner Frau Petra Röder, die SteglitzMind bereits Rede und Antwort stand, gekramt und die Highlights herausgefischt. Dabei geht es gar nicht so sehr um die Formulierungen, sondern die Zeitpunkte des Eintreffens. Es ist schon erstaunlich, dass manche Verlage noch langsamer arbeiten, als man es gemeinhin nur von Baubehörden und ähnlichen Institutionen kennt.

Noch eine kurze Anmerkung dazu, warum im Folgenden immer von „wir“ die Rede ist. Meine Frau und ich teilen uns nämlich den Job. Sie hat die Fantasie und schreibt, ich habe das Organisationstalent und mache den Rest. Auf Neudeutsch heißt das glaube ich Teamwork und in diesem Text eben „wir“.

Wir schreiben also das Jahr 2008, kurz nach der Lehman-Pleite. Es begab sich somit zu einer Zeit, in der Selfpublishing, E-Books, Kindle & Co. noch kein Thema waren und die Fantasie meiner Hausautorin endlich den Weg aufs Papier, bzw. in die Word-Datei geschafft hat. Ihr Erstlingswerk, ein Fantasyroman für jung gebliebene Jugendliche, war fertig und es ging an die Vermarktung. In guter alter Tradition wurden also Manuskripte, Leseproben, Exposés und Anschreiben ausgedruckt, eingetütet, mit ausreichend Briefmarken beklebt und an diverse Verlage in dieser Republik versendet. Die darauf folgenden täglichen Wege zum Briefkasten haben außer in Sachen Kalorienverbrennung wenig gebracht, die erste Reaktion erfolgte exakt zwei Monate später. Natürlich war es eine Absage mit Textbaustein, was aber hier im Haus nicht als schlimm empfunden wurde. Erstens war es eh nicht der Traumverlag und zweitens hatten wir ja noch viele Eisen im Feuer. Darunter übrigens auch einige Agenturen.

Fingerabdruck - Bild: dip/Photoxpress

Fingerabdruck – Bild: dip/Photoxpress

Schon etwas erstaunlicher war dann die zweite Absage, die nur wenige Tage später einging. Ebenfalls mit einem Standard-Text versehen und dem Zusatz „Ihr eingesandtes Manuskript schicken wir in der Anlage zu unserer Entlastung zurück“. Dabei fiel uns auf, dass sowohl die rund 20-seitige Leseprobe, als auch das Exposé keinerlei Abnutzungserscheinungen erkennen ließen. Ein befreundeter Forensiker bestätigte unsere Vermutung. Es konnten keinerlei Fremdfingerabdrücke darauf festgestellt werden. Von wegen „Nach umfassender Überprüfung müssen wir Ihnen leider mitteilen …“. Diese Lügner haben das Ding nicht einmal berührt, geschweige denn gelesen! Pfui! Falls mir jemand beweist, dass Verlage für diese Tätigkeiten Latex-Einweg-Handschuhe verwenden, nehme ich diese Aussage natürlich zurück.

In ähnlicher Form ging es die kommenden sechs Monate weiter, darunter viele der oben beschriebenen Lügen, dann war erst einmal Funkstille. Zugegeben, wir (in dem Fall primär ich) haben damals noch ein wenig schluderig agiert und nicht wirklich Buch darüber geführt, an wen alles eine Sendung hinausgegangen ist und dementsprechend auch keine Haken hinter die Punkte in der nicht vorhandenen Liste machen können. Dass noch einige „offene Posten“ unterwegs waren, wussten wir allerdings schon, haben uns aber gedacht, die wären wohl zu hochnäsig, um überhaupt zu antworten. Doch weit gefehlt, es dauert bei manchen Verlagen nur etwas länger.

Nach gut einem Jahr kam ein weiterer dicker Umschlag mit dem immer gleichen Inhalt. Manche Absage-Textbaussteine gleichen sich übrigens verlags- und konzernübergreifend wie ein Ei dem anderen. Man könnte vermutlich sogar von Plagiaten sprechen. Aber das nur nebenbei. Und kaum waren noch einmal fünf Monate ins Land gegangen, hagelte es gleich zwei Mustertexte, doch wer jetzt denkt, das wäre schon das lange Ende der Fahnenstange, der irrt. Die Top 3 in Listenform

Platz 3: 1 Jahr, 11 Monate und 4 Tage

Platz 2: 2 Jahre 1 Monat und 16 Tage

(An dieser Stelle jetzt bitte einen Trommelwirbel denken)

Platz 1: 2 Jahre, 7 Monate und 22 Tage

Hut ab! In der Zeit bekommt man ein Mehrfamilienhaus genehmigt, hat das Ding gebaut und bereits die ersten Mieter wieder hinausgeklagt.

Wenn sich der geneigte Leser nun fragt, warum hier keine Namen genannt werden, nun das ist relativ leicht erklärt. Mittlerweile erreichen uns Anfragen von Verlagen, die sich für eine Zusammenarbeit interessieren. Und wir möchten ja niemanden an den Pranger stellen, schließlich sieht man sich immer zweimal im Leben. Erschwerend kommt hinzu, dass das Buch, von dem die Rede war, nicht wirklich als Bestseller getaugt hätte. Mit einigem Zeitabstand wieder gelesen, gereicht es uns immer neu zur Erheiterung. Zur Veröffentlichung ist es allerdings vollkommen ungeeignet. Aber das war uns damals ja noch nicht bewusst.

Das Manuskript bleibt also im Giftschrank und wird erst bei plötzlich einsetzender Weltberühmtheit der Autorin wieder herausgeholt, um es bei Sotheby’s zu versteigern. Die damit erzielten Unsummen werden dann selbstverständlich einem guten Zweck zukommen, auch wenn mir da aktuell noch keiner einfallen will. Aber vielleicht kann man bis dahin mit dem Geld ja einen Staat retten.

© Michael Röder

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So Ihr ebenfalls zu der kleinen Blütenlese „Best of: Verlagsabsagen“ beitragen möchtet, nur zu. Dafür könnt Ihr die Kommentarfunktion nutzen oder mir eine eMail mit Euren Erfahrungen senden, die dann wiederum in Gänze oder in Auszügen in weitere Beiträge zum Thema einfließen könnten.

„Passt nicht ins Programm“, „wir haben lange überlegt“, „haben in der Redaktionskonferenz über das Manuskript gesprochen“, „ist wirtschaftlich ein Wagnis“, „Ihr Manuskript konnte uns leider nicht überzeugen“, „wir sehen leider keine Möglichkeit für eine Veröffentlichung“ – so klingen Standardabsagen von Verlagen. Ich freue mich auf eure Erfahrungsberichte.

Steglitz stellt Dieter Paul Rudolph mit „Krimikultur: Archiv“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Dass wir heute Dieter Paul Rudolph etwas näher kennenlernen, der das Krimikultur: Archiv pflegt, hatte Ludger Menke vorgeschlagen, der u.a. das Krimiblog verantwortet.

Dein Steckbrief in Stichworten …

Dieter Paul Rudolph, 1955 geboren, Alter bitte selbst ausrechnen; im Wahn der Jugend Germanistik studiert, später – siehe unten – die IT-Branche gerockt. Immer schon geschrieben, Prosa und Literaturwissenschaftliches; seit 2005 Blogger und Krimikritiker, seit 2008 zudem gedruckter Krimiautor, eine teuflische Kombination.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

© Dieter Paul Rudolph

© Dieter Paul Rudolph

Ende des vorigen Jahrtausends – wir erinnern uns: Internetblase – habe ich meinen Horizont durch eine Ausbildung zum Multimedia-Entwickler erweitert, mit dem Schwerpunkt auf multimediale Lernanwendungen. Zur gleichen Zeit kam ich in Kontakt zu hinternet.de, einer der ersten und alterwürdigsten Internetillustrierten („Pop, Kultur und Pommes…“). Mein erstes Projekt war ein Fortsetzungskrimi mit dem Titel „Die Pfauenfeder“, daneben immer wieder Rezensionen von Rockmusikbüchern, vorzugsweise aus dem englischsprachigen Raum. Tja – und irgendwann trug man mir einen Blog an, das war im Februar 2005, um genau zu sein. Einen Krimiblog, den ich nach einem schönen Song von Elvis Costello „Watching the Detectives“ nannte und von dem ich damals nicht wusste, wie er sich entwickeln würde.

Nun, er hat sich prächtig entwickelt. Bis Ende 2012 habe ich fast täglich etwas gebloggt, Rezensionen, Satiren, Informationen, längliche Aufsätze… Parallel dazu entstand das „Krimikulturarchiv“, quasi als Sammelbecken wichtiger Arbeiten befreundeter Autoren. Anfang 2013 dachte ich mir, es sei nun an der Zeit, „Watching the Detectives“ Adieu zu sagen und meine Aktivitäten auf das „Krimikulturarchiv“ zu konzentrieren. Daneben gab und gibt es immer wieder andere, zumeist zeitlich begrenzte Blogprojekte, zuletzt der Endloskrimi „Das Edwin-Drood-Projekt“, immerhin 600 Folgen (ca. 1000 Normseiten) stark. Jeden Tag eine.

Und, warum …

Hm, warum ich blogge? Ich hab nix anderes gelernt… Nein, im Ernst: Weil es mir Spaß macht und einigen LeserInnen offensichtlich auch. Weil ich das Genre „Krimi“ nicht den „Krimimimis“ oder den professoral steifen Krimiverstehern überlassen möchte. Weil ich mit fortschreitendem Alter die Welt immer mehr als „schlechten Krimi“ wahrnehme…

Mir ist es von Anfang an auch darum gegangen, so etwas wie „Krimikultur“  zu unterstützen. Zum Beispiel durch das „Krimijahrbuch“, das zwischen 2006 und 2009 immerhin viermal erschienen ist, oder die Seite alte-krimis.de mit Faksimiles von Krimis aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Hier war Bloggen als PR-Motor äußerst hilfreich. – Und, ich gestehe es: Weil ich etwas zu verkaufen habe, nämlich meine eigenen Krimis. Wer ne Bude auf’m Markt hat, muss auch mal schreien (frei nach Arno Schmidt).

Als Medium bevorzuge ich WordPress. Kostet nix, geht einfach, nette Statistiken.

Deine Themenschwerpunkte …

Hm, Krimis? Gar nicht so leicht zu beantworten. Ich habe mir wie schon erwähnt angewöhnt, die Merkwürdigkeiten der Welt grundsätzlich jeweils als „Krimi“ zu lesen. Die Barmherzigkeitskultur, die man uns übergestülpt hat und für die alle gefälligst dankbar sein sollen, die unverfrorene Umverteilung von unten nach oben (von „Bankenkrise“ über „Tafeln“ bis „Aufstocker“), die kleinen Lügen des Alltags… alle Dinge eben, die ich „schlechte Krimis“ oder „true crime“ nenne und die ich neben den literarischen Erzeugnissen ebenfalls thematisiere.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Zwei Dinge, die ich mit Interesse verfolge und die eigentlich zusammenhängen: die Entwicklung des E-Books und die sogenannten „Indies“ oder Selbstverleger. Da ich ebenfalls dazugehöre (was nicht heißt, dass ich nicht auch bei Verlagen veröffentliche), betrifft es mich auch direkt. Vor allem die allmähliche Konturierung des „Marktes“, das Trennen von Spreu und Weizen, der Aufbau von Strukturen, Autorenkooperativen und so weiter. Auch hier habe ich mir erlaubt, mich einzumischen und mit KollegInnen die Reihe „Schundheft!“ gestartet. Kleine, schmierige Genreheftchen als Print- und E-Book, in denen man mal so richtig die Unterhaltungssau rauslassen kann, ohne vorher sein Gehirn entkernt haben zu müssen.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Ach, eigentlich nur über Facebook. Ansonsten bin ich so arrogant zu behaupten, dass mich die Leute, für die ich schreibe, seit 2005 eigentlich kennen sollten. Twitter ist nichts für mich, das lasse ich lieber.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Mach was du willst, aber bitte schön auf eigenes Risiko. Provoziere ruhig gewisse Leute (eine Spezialität von mir anscheinend…), aber brich nicht in Tränen aus, wenn du selbst angegangen wirst. Nicke nicht alles ab, nur weil es alle abnicken. Tue niemandem vorsätzlich weh, aber rechne damit, dass du jemandem wehtun musst. Ich verstehe es, wenn mich AutorInnen, deren Bücher ich negativ bespreche, „hassen“. Aber meistens lobe ich und versuche, für gute Bücher möglichst viele gute Leser zu begeistern. Ach ja, ganz wichtig: Nimm die Sache ernst, aber nicht unbedingt dich selbst.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Konkrete Schwierigkeiten gibt es natürlich immer. Als ich mit dem Bloggen anfing, galt diese Zunft als ein Sammelbecken für Leute, die „zu schlecht für die Zeitung“ waren (ein ähnliches Phänomen erleben wir gerade auch mit den Selbstverlegern), Dilettanten eben. Dieses Misstrauen zwischen den „Profis“ in den Zeitungsredaktionen und den Bloggern gibt es wohl noch immer, der Konflikt hat sich aber abgekühlt – nicht zuletzt, weil die Blogverächter von gestern längst die Blogger von heute geworden sind. Oder es wenigstens versuchen.

Man kann das als Blogger stoisch hinnehmen, was allerdings nicht meine Art ist. Allgemein hat die „Streitkultur“ nachgelassen, die Diskussionen werden weniger, oft äußert man sich nur noch via Facebook, indem man einen Artikel „liked“. Finde ich schade. Im nichtdigitalen Leben bin ich durchaus harmoniesüchtig; die Wohlfühlatmosphäre in gewissen Blogs und das bisweilen Belanglos-Private („Bin gerade aufgestanden und muss gleich aufs Klo“) bei Facebook ist aber nicht mein Ding.

Ansonsten? Ich musste einmal schleunigst ein paar Kommentare rausnehmen, die über Nacht gekommen waren und in denen konkrete Personen übelst beleidigt wurden. Außerdem durfte ich feststellen, dass man sich durchaus „Feinde“ machen kann, ohne es wirklich zu wollen und ohne jemals mit diesen Leuten in Kontakt gekommen zu sein. Die verfolgen einen dann getreulich und hinterlassen ihre Häufchen überall im Netz.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Allgemein: Ich habe über das Bloggen einige sehr nette und liebe Leute kennengelernt. „Normale“ LeserInnen, KritikerInnen und AutorInnen. Schöne und spannende E-Mail-Korrespondenzen haben sich entwickelt, man hat sich in Frankfurt auf der Buchmesse getroffen, sich gegenseitig geholfen und getröstet, konnte Tipps geben oder etwas vermitteln … so soll es sein.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Es gibt eine Handvoll Verlage, die mich seit Jahren automatisch mit ihren Neuerscheinungen bestücken. Gottlob sind es Verlage, deren Bücher ich meistens gerne bespreche, kleinere Häuser wie Ariadne, Pendragon oder Pulp Master. Generell gilt aber: Selbst wenn ich ein Buch anfordere, bedeutet das nicht, dass ich es auch besprechen werde – und schon gar nicht garantiert positiv. Wenn mir ein Buch nichts zu sagen hat, habe ich auch nichts darüber zu sagen.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Selfpublisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Ich habe schon explizit darum gebeten, dass mir Selfpublisher ihre Titel zuschicken. Sie werden genauso behandelt wie Verlagsbücher.

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Feine Sache. Als Leser mag ich die rasche Verfügbarkeit. Früher habe ich auf längeren Zugfahrten ein Buch mitgenommen und dann festgestellt, dass ich es eigentlich gar nicht lesen will. Heute habe ich meinen Reader dabei und suche mir etwas Passendes aus. Da ich keineswegs „bibliophil“ bin (ich schreibe auch schon mal mit Kugelschreiber Anmerkungen in teure Bücher – und ich meine jetzt nicht Bücher für 20 Euro!), interessiert mich das vielbeschworene „Haptische“ überhaupt nicht. Inhalt, that’s it!

Aber mit dem E-Book ist natürlich noch etwas anderes, vielleicht sogar Revolutionäres verbunden: Jeder kann heutzutage seine eigenen E-Books produzieren und auf Plattformen anbieten. Der Teufel in mir raunt gerade: Ja, genau das tut offensichtlich auch jeder! Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir am Anfang einer Umwälzung dieses ganzen pervertieren „Buch- und Literaturmarktes“ stehen. Die einzigen, die bisher in der Regel nicht von Büchern leben können, sind die Autoren. Was weniger an den Verlagen liegt, die den Autoren nicht mehr zahlen können, weil der größte Teil des Umsatzes von Groß- und Kleinhändlern abgeklemmt wird. Mag sein, dass die auch nicht anders können, aber „gesund“ finde ich das nicht. Durch Selbstvermarktung werden sich die Kräfteverhältnisse allmählich verschieben. Wer als Verlag nicht rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkennt, wird scheitern. Es werden sich neue Formen von Kooperativen (ich darf noch einmal auf die „Schundhefte“ verweisen…) bilden, viele Buchhandlungen werden dichtmachen müssen (vor allem solche, die sowieso längst zu Gemischtwarenläden und Bestseller-Verkaufsstationen verkommen sind). Natürlich wird es nach wie vor eine Zweiteilung des Marktes geben: Hier die Bücherunmengen des Mainstream, dort die kleinen Auflagen der Widerspenstigen. Aber die neuen Formen bedeuten auch neue Chancen. Man muss sie nur nutzen – sonst bleibt alles wie es ist.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Oh je! Ich bin eigentlich ein Kreuz- und Querleser ohne wirkliche Stammblogs… Natürlich muss ich Ludger Menkes Krimiblog zu allererst nennen, weil er mich seit 2005 treu und brav begleitet. Und die fundierten Meinungen von Martin Compart zum Genre und überhaupt zum Verbrechen. Sehr informativ auch Die Webagentin. Als erfreuliches Beispiel dafür, dass selbst Printjournalisten prima bloggen können, seien die Blogs der „Stuttgarter Zeitung“ genannt.

Aber das Stöckchen fliegt natürlich zum unglaublichen Guido Rohm, Deutschlands begabtestem Schund-, Blut- und Schmierautor seit O.M. Gott und Hans I. Glock, und seinen gestammelte Notizen!

Danke sehr! Und da ich bei den „Schundheften“- gefällt mir übrigens sehr – auf einen speziellen „Kampf der Geschlechter“ gestoßen bin, eine Anmerkung zum derzeitigen Genderverhältnis innerhalb dieser Gesprächsreihe: Mit deinem Beitrag zogen die Männer mit den Bloggerinnen wieder gleich auf. Aktuell steht es 24:24.

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Zuletzt stellte sich Ludger Menke mit Krimiblog u.a. vor. Sein Wunsch-Interviewpartner war: dpr = siehe oben. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier

Ich kann mich dem Drang nicht entziehen, dass ich mir wünsche, gehört & gelesen zu werden

Der Blogpost „Statt Schriftsteller ist man Schreibmaschine“, in dem zwei Autorinnen über haarsträubende Erfahrungen mit Verlagen berichteten, treibt seit seinem Erscheinen im Juli vergangenen Jahres um. Immer wieder erreichen mich dazu Kommentare, Stellungnahmen und Erfahrungsberichte. So gestern von Barbara, deren Gedanken ich hier teilen möchte. – Ich danke Barbara für ihre offenen Worte.

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Du lieber Himmel – wenn man alle Kommentare nebst den beiden zugrunde liegenden Texten gelesen hat, könnte einem glatt die Lust am Schreiben vergehen…wenn, ja wenn… Wenn man, wenn man nicht schreiben müsste. Lust hat damit – zumindest bei mir – weniger zu tun: Ich muss.

Keine Angst. Ich halte mich nicht für BESONDERS BERUFEN.
Ich frage mich schon lange nicht mehr, warum ich schreiben muss, um leben zu können. Ist einfach so. Wie mein Wunsch, Kinder in die Welt zu setzen. Einfach da und bedarf keiner Begründung (mehr). Ich bin Diplom-Biologin – es fällt mir leicht, etwas als angeboren hinzunehmen. Ehrlich, so etwas kommt weltweit ziemlich häufig vor…

Ich schätze, dieses MUSS teile ich mit einer Menge anderer Menschen, denn abgesehen von unserem Fingerabdruck und unserem Genom sind wir Menschlein meist nicht halb so originell und einzigartig, wie wir vermuten oder das bisweilen gern hätten. Und genau da liegt das Problem: Überangebot. Es gibt ein Überangebot an Schriftstellern.
Denen ist meines Erachtens nach gleichzeitig mit dem Drang zur Feder ein weiteres Attribut angeboren: wahrgenommen, gehört, gelesen werden wollen. Verzeihlich, wenn man bedenkt, dass alle Weltreligionen von einem Gottes-/Götterbild ausgehen, das sich äußert und zwar nicht ins leere Weltall hinein, sondern um von Menschen gehört zu werden. Scheint das nächste fundamentale Phänomen zu sein: sich äußern wollen, sich äußern müssen, um gehört zu werden. Zwingend wie die Schwerkraft.

Schreibwerkzeug © GvP

Schreibwerkzeug © GvP

Ich kann mich der Schwerkraft nicht entziehen, sonst gibt’s blaue Flecke.
Ich kann mich dem Zwang zu schreiben nicht entziehen, sonst gibt’s Seelenverstopfung, was sich übel anfühlt.
Ich kann mich dem Drang nicht entziehen, dass ich mir wünsche, gehört & gelesen zu werden. (Und es gibt blaue Flecke, weil ich ständig auf die Fresse falle… aber wie soll ich mich über Naturgesetze hinwegsetzen?)
Falls ich mit dieser meiner Befindlichkeit bzw. dieser scheinbar grundlegenden Natur des Schriftstellers nicht allein bin – und ich bin sicher, ich bin es nicht!!! – führt das zum o.g. Überangebot: Viele Getriebene wollen bzw. müssen (ihrem Empfinden nach) veröffentlichen.
Was dann passiert, gehorcht den Gesetzen auf dem freien (Buch-)Markt: Dumping im ureigensten Sinn des Wortes mit allen Auswüchsen, denn es gibt ganz unterschiedliche Schmerzgrenzen – was dem einen Autor als Zumutung erscheint, nimmt der nächste nicht einmal als solche wahr. Das drückt die Standards, die Qualität im Umgang, im Produkt. Jeder Schriftsteller unterhalb der Millionenauflage ist durch eine bequemere Type ersetzbar. Das weiß die Branche. Der Leser bekommts nicht einmal mit.

(Manchmal habe ich sowieso den Eindruck, da wird im Sinne eines weltumspannenden Komplotts an der schleichenden Verblödung der Leser gearbeitet, bis Verlage ein Self-Write-Programm entwickeln können, in das man oben einen Titel + ein Cover stopft und unten kommt dann der fertige Roman heraus, samt Werbekampagne und Drehbuch: “Das Geheimnis des Latrinenreinigers” – sorry, ich bin nicht gut drauf, habe soeben mit meinem alten Verlag gebrochen und sehe mich auf eine massive Seelenverstopfung zuschlingern…)

Zu blöd, dass Schriftsteller an der Situation – als fast Reflexgesteuerte, die sie sind – so leiden.
Zu blöd, dass ihnen, wenn sie gut sind, das Zweifeln fest ans Schaffen gekoppelt ist, denn nur der Zweifel schafft es, den Blick aufzuweiten, mehr als einen Weg zu sehen, wirklich schöpferisch tätig zu sein – sonst wären Autoren ja mit der einen Wirklichkeit, wie sie existiert, zufrieden und müssten nicht daneben andere Realitäten erschaffen.
Zu blöd, dass Verlage sozusagen institutionell in ihrem eigentlichen Auftrag dazu da sind, mit den Zweifeln des Autors umzugehen, indem sie prüfen, fragen, hinterfragen, korrigieren und Schriftsteller sie deshalb gern als eine Art professionellen Gegenpol zu ihrem Selbst und Werk nutzten (Achtung: Konjunktiv!).
Und wirklich blöd ist, dass man sich als Schriftsteller in seinem Werk äußert, sich Buchstabe für Buchstabe buchstäblich nach außen wendet, bis man – egal wie man verschleiert – mehr oder weniger nackt dasteht mit seinem Ich, seinen Träumen und Ängsten, seiner Geschichte: so angreifbar, so verletzlich.

Ausweg? Sehe ich nicht. Für mich nicht.
An der Schwerkraft kann ich ebenso wenig etwas ändern wie an der Tatsache, dass Schreiben zu meinem Leben gehört, dass ich gelesen, veröffentlicht werden will, dass ich wegen meiner ständigen Zweifel (noch) einen Dialog mit einer professionellen Instanz brauche, die die nötige Distanz zu meinem Selbst hat und ich werde nix daran ändern, dass ich in einer Schlange Vieler stehe/untergehe/verschwinde, denen es ähnlich geht.
Bloß nicht frustieren lassen.
Fleiß hilft sicher.
Ich hoffe darauf, wie überall im Leben, Glück zu haben.
Es sind ja auch bisher alle Lastwagen an mir vorbeigefahren und keiner hat mich überrollt. So viel Glück hat nicht jeder!

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Zu Barbaras Blog, auf dem sie derzeit erste Gehversuche unternimmt, geht es hier

Thorsten Nesch: Von Musterabsagen und Meisterabsagen (III)

Thorsten Nesch ist für Überraschungen gut. Das ging mir bei dessen Kabinettstückchen „Die Lokomotive“ durch den Kopf. Weil ich von ihm wissen wollte, warum sich dafür kein Verlag finden ließ, kamen wir ins Gespräch. Er berichtete mir von seinen Bemühungen und abschlägigen Bescheiden und ich unterbreitete ihm den Vorschlag, ob er nicht den Anfang für eine kleine Blütenlese in der Art „Best of: Verlagsabsagen“ machen wolle. Thorsten sagte spontan zu und war wiederum für eine Überraschung gut. Aus seinem Erfahrungsbericht, der auch Tipps für schreibende Kollegen im Umgang mit Verlagsabsagen enthält, ist ein unterhaltsamer Rückblick auf den eigenen schriftstellerischen Werdegang geworden, der hier in drei Fortsetzungen zu lesen ist. – Ich sage Thorsten dafür herzlich danke.

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Fazit: Ich nehme Absagen sportlich!

Die Quintessenz der meisten Verlagsabsagen mit Begründung lautet bei mir ungefähr so: „nicht eindeutig U- oder E-Literatur, zu filmisch und nicht in der Tradition der deutschen Literatur“. Das alles habe ich öfter gelesen und gehört. Von verschiedenen Lektoren aus verschiedenen Verlagen über verschiedene Romane – dann muss da etwas dran sein. Das ist ja okay. Das muss ich dann akzeptieren, meine Schlüsse daraus ziehen. Dann verändere ich aber nicht etwa meinen Stil oder meine Sprache. Dieses Jahr erscheinen meine ersten Romane auf Englisch. Im anglophonen Raum wird nämlich nicht in U- und E-Literatur unterschieden.

Thorsten Nesch 2010er Jahre © privat

Thorsten Nesch 2010er Jahre © privat

Ich bin mittlerweile verlegter Autor und habe auch einen Preis gewonnen, den Hans-im-Glück-Preis, aber es wird nur etwa jeder dritte Roman von mir veröffentlicht. Allerdings mache ich auch den Fehler, keine Exposees einzureichen und danach abzuwarten, ob ich dafür bezahlt werde, um die Geschichte zu schreiben. Ich schreibe immer DEN für mich wichtigsten und besten Roman zu dem jeweiligen Zeitpunkt. Den Roman, nachdem ich mich fühle. Das musste ich all die Jahre vorher, als ich dafür jobben musste, um mein Leben und die Zeit dafür zu finanzieren auch. Das mache ich jetzt nicht anders, das kann ich gar nicht anders.

Inzwischen habe ich den Absagepuffer durch eine Agentur auch nicht mehr. Dafür die ultimative Absage! Nach zwei Jahren Zusammenarbeit, in denen zwei Romane angeboten und abgelehnt wurden, hieß es von dort: „Alle Lektoren kennen dich jetzt. Wenn die deinen Namen lesen, schauen die gar nicht mehr rein. Du brauchst mindestens drei Jahre nichts mehr dahinschicken.“ Da wird es einem dann schon mulmig, während unten meine drei Kinder Krach machen … aber nach einer halben Stunde war das vorüber. Das Gefühl und der Krach. Was soll ich machen? Für drei Jahre aufhören, Erwachsenenromane zu schreiben? Kleiner Scherz, oder? Nur weil ich nicht damit reich werden kann? Wäre das mein Ziel gewesen, dann hätte ich gar nicht erst angefangen, Romane zu schreiben.

Lust auf ein paar Agenturabsagen? Ich hatte noch andere Kontakte mit diversen Agenturen. Im Prinzip lautete ihr Tenor (Achtung: Tipp für Autoren, die davon leben wollen): „Schreib für Frauen, die lesen zu 74%, schreib Romance Novels, lustige, Thorsten, das kannst du doch, lustig sein!“ Das kann ich. Wenn mir danach ist, und da, wo es passt. Bei mir passt aber immer nur die beste Idee, und wenn das nun mal keine lustige Romance Novel für Frauen ist, kann ich nix dafür. – Ausschließen kann ich das aber auch nicht. Vielleicht wollen wir doch mal ein Auto kaufen …

Fazit: Ich sehe Absagen sportlich. Ganz ehrlich, außer die, die mit Hoffnung und jahrelangem Zögern verbunden gewesen sind, haben mir keine wehgetan. Das gehört dazu. Richtig gut finde ich die Persönlichen. Und deswegen halte ich es inzwischen so, dass ich meine Geschichten nur jenen Lektorinnen vorschlage, die mir von unserem jahrelangen E-Mail-Absagen-Verkehr her bekannt sind. Die werden in der Regel dann auch relativ zügig gelesen. Ein Jahr oder länger dauert es inzwischen nicht mehr. Andere Verlage, ohne solch‘ persönlichen Kontakt, probiere ich gar nicht erst.

Als unbekannter Autor würde ich mich bei Agenturen bewerben und Verlagen etwas schicken, wenn sie dafür infrage kommen. Probieren, meine Kurzgeschichten in Magazinen unterzubringen und bei Preisausschreiben einreichen. Über Jahre kann sich dann mit etwas Glück zumindest Neugier seitens der Lektoren entwickeln und die kann man dann pflegen. Weder passt jeder Roman für jeden Verlag, noch passt jeder Roman für jeden Lektor. Zudem ist alles in der Welt von der Stimmung der Person abhängig und die kann bekanntlich schwanken. Einfach versuchen. Wenn man schreiben muss, hört man sowieso nicht auf. Ansonsten wäre es ein Hobby.

Schon vor Jahren ist mir eines klar geworden: Es gibt Berufe, die ich auf Dauer nicht ausüben könnte (und das ist jetzt kein Spaß): Polizist (die müssen immer dahin, wo Trouble ist), Finalpfleger (das würde ich mit nachhause nehmen) und Lektor (denn feststeht: die müssen allzu oft etwas lesen, was sie gar nicht richtig wollen, das glaube ich zumindest). Ich möchte nur Geschichten lesen, die ich gut finde. Aber ein Lektor ist vor allem eines: Einer der Ersten, der meine neuste Geschichte liest. Und wenn dann so etwas in einer Absage, einer Meisterabsage steht, dann macht mich das richtig glücklich: „Es ist mir wirklich sehr unangenehm, dass wir so lange Zeit gebraucht haben, um zu diesem Ergebnis zu kommen – aber es ist einfach ein wirklich gutes Buch.“ Und mehr will ich nicht: Ein wirklich gutes Buch schreiben.

© Thorsten Nesch

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Zu Teil 1 geht es hier. – Mehr über Thorsten Nesch erfahrt Ihr hier.

So Ihr ebenfalls zu der kleinen Blütenlese „Best of: Verlagsabsagen“ beitragen möchtet, nur zu. Dafür könnt Ihr die Kommentarfunktion nutzen oder mir eine eMail mit Euren Erfahrungen senden, die dann wiederum in Gänze oder in Auszügen in weitere Beiträge zum Thema einfließen könnten.

„Passt nicht ins Programm“, „wir haben lange überlegt“, „haben in der Redaktionskonferenz über das Manuskript gesprochen“, „ist wirtschaftlich ein Wagnis“, „Ihr Manuskript konnte uns leider nicht überzeugen“, „wir sehen leider keine Möglichkeit für eine Veröffentlichung“ – so klingen Standardabsagen von Verlagen. Ich freue mich auf diesbezüglich einschlägige Erfahrungen von Euch ;-)

Thorsten Nesch: Von Musterabsagen und Meisterabsagen (II)

Von Thorsten Nesch wollte ich wissen, warum sich für sein Kabinettstückchen „Die Lokomotive“ kein Verlag finden ließ. Eine surreale Geschichte, die existenzielle und ethische Fragen aufwirft, und noch dazu auf so engem Raum spielt, dass das Atmen beim Lesen gelegentlich schwer wird. Er berichtete mir von jahrelangen Bemühungen darum, den Absagen seitens der Verlage und dem daraus resultierenden Entschluss, Titel, die Verlage abgelehnt haben, in Eigenregie bei epubli zu veröffentlichen. Aufhorchen ließen mich die Argumente der Verlage: Das, was mich für „Die Lokomotive“ besonders eingenommen hatte, hielt Verlage teilweise sogar von einer Publikation ab.

Da ich dem Phänomen der Verlagsabsagen näher auf die Spur kommen wollte, unterbreitete ich Thorsten den Vorschlag, ob er nicht den Anfang für eine kleine Blütenlese in der Art „Best of: Verlagsabsagen“ machen wolle. Er sagte spontan zu. Aus seinem Erfahrungsbericht, der auch Tipps für schreibende Kollegen im Umgang mit Verlagsabsagen enthält, ist ein unterhaltsamer Rückblick auf den eigenen schriftstellerischen Werdegang geworden, den SteglitzMind seit gestern in drei Fortsetzungen bringt. – Ich sage Thorsten dafür ganz herzlich danke.

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„Bei uns hätten Sie aber Hardcover bekommen können“ – Wenn Absagen hoffen oder auf sich warten lassen

Das nächste bewegende Ereignis war 2006 die Nominierung meines Romans „Untertauchen in Albanien“ (heute „Flirren“, bei epubli) für den Jubiläumspreis beim Eichborn Verlag. Obwohl er nicht gewann, schrieb man mir, könnte er für eine Veröffentlichung im Frühjahr 2008 infrage kommen. Schwindelgefühle, Bugs Bunny im Bauch, Hummeln in der Hose, das ganze Programm.

Und jetzt sind wir bei den schmerzhaften Absagen angelangt, jenen, die mit einer gewissen Vorfreude – wenn auch nur in Form einer in Aussicht gestellten Möglichkeit – verbunden sind. Mitte 2007 erhielt ich aufgrund der schwierigen Lage des Verlages und der damit einhergehenden Schrumpfung des belletristischen Programms das Nein. Das tut dann doch mal weh. Da konnte der Verantwortliche nichts für, so ist es. Weiterträumen. – Es gab noch weitere positive Reaktionen zu „Flirren“, die als Zitate in der Beschreibung bei epubli und Amazon nachgelesen werden können, aber letztendlich konnte sich kein Verlag zur Veröffentlichung entschließen. Dafür gab es einen deutlichen Schub guter Absagen mit der Bitte, den Kontakt zu halten.

2008, mit der Nominierung des Manuskriptes „Joyride Ost“ zum Besten Jugendbuchdebüt passierte etwas Neues: Verlage wandten sich an mich, als sie von der nominierten Geschichte erfuhren. (Daher ist es eine gute Idee, bei jedem Preis auch die Shortlist zu veröffentlichen). Ich wurde kontaktiert! Von Verlagen! Ich dachte, gleich latscht Moses durch die Tür.

Thorsten Nesch 2000er Jahre © privat

Thorsten Nesch 2000er Jahre © privat

Übrigens ist es auch nicht so gewesen, dass ich zuvor für „Joyride Ost gar keine Absagen kassiert hätte! Eine Absage kam so daher: „Wie können Sie glauben über Ausländer zu schreiben?“ Wie bitte? Erstmal sind Tarik und Jana in Wessenheim geboren, sprechen ein besseres Deutsch als ich. Und dann muss ich mich wundern: Ach so, aber über kleine grüne Marsmännchen, das können die sich vorstellen oder was? Nur nicht über Leute, die meine Nachbarn sind? Ein Knaller. In Kanada sorgt so ein Spruch auf der Arbeit mindestens für eine Abmahnung. – Bevor jetzt jemand sagt, typisch BRD … Nein, nein, es war kein deutscher Verlag.

Der einzige Verlag, der die Preisverleihung nicht abwartete, und mir direkt eine Veröffentlichung zusicherte, war der Rowohlt Verlag. Unnötig zu sagen: ich freute mich wahnsinnig über das große Vertrauen in meine Geschichte und mich als Autor. Natürlich sagte ich zu. Den Preis gewann ich nicht, mein Leben ist ja kein Hollywood-Film. Wie ich später erfuhr, war im Publikum bei der Lesung der Nominierten, wo in der Moderation auch erwähnt wurde, dass ich bei einem Verlag unterschrieben hätte, eine Vertreterin eines anderen interessierten Verlages anwesend, die ihrer Kollegin simste „Ich hoffe, er hat bei uns unterschrieben“. Hatte er nicht. Und er hatte per E-Mail vor der Reise nach Oldenburg zur Preisverleihung sogar alle interessierten Verlage darüber in Kenntnis gesetzt – so bin ich. Es soll sich ja keiner vergeblich lange Hoffnung machen. Ich weiß ja schließlich, wie das ist.

Und jetzt komme ich zur Kategorie: lahmste Verlagsreaktion. Da schrieb mir doch glatt in der darauffolgenden Woche jemand „Bei uns hätten Sie aber Hardcover bekommen können. Der Zug ist jetzt abgefahren“. Klasse Satz, oder? Für jemanden, ohne Hintern in der Hose, ohne Mut, Gespür, nennt es, wie Ihr wollt – das war Sandkastenniveau. Wollte die, dass ich mich doch noch darüber ärgern sollte, beim Rowohlt Verlag unterschrieben zu haben? Ja, stimmt, ich bin schon ein Idiot: nach 15 Jahren Absagen (in anderen Zusammenhängen spricht man dann von lebenslänglich) springe ich auf den erstbesten Verlag. Nur weil der nicht abwartet, ob ich gewinne oder nicht, sondern seinem Gefühl vertraut und vom Roman und von mir überzeugt ist, anstatt dass ich in aller Ruhe mit dem Rücken an der finanziellen Wand warte, bis ein wirbelloser Verlag sich nach dem Regen bequemt, aus der feuchten Erde zu kriechen, und mir einen Hardcover Vertrag anbietet? Natüüürlich. Kopfschütteln. Noch heute. Egal, weiter.

Wie, weiter? Du bist doch verlegter Autor! Da wird dann doch jeder Roman durchgewunken und veröffentlicht! Das Geräusch einer Diamantnadel, die über eine Schallplatte kratzt. Nein, dem ist nicht so. Ich gebe zu, das dachte ich auch, weil einem das über 15 Jahre jeder so sagt, und weil das ja manchmal, ehrlich gesagt, auch den Anschein hat. Wenn dem so war, dann war dem so, bis ich kam.

Im Gegensatz zu dem Jugendbuch ist zum Beispiel „Die Lokomotive“ ein Thriller für Erwachsene. Und weil ich nach anderthalb Jahrzehnten verstanden hatte, was Verlage meinen, wenn sie in der Absage regelmäßig schreiben „steht nicht in der Tradition der deutschen Literatur“, schickte ich den Roman nicht als solchen, sondern mit dem vertretbaren Zusatz ‚Novelle‘ in die Lektorate. Teufel, dachte ich, wenn ich damit nicht in der Tradition der deutschen Literatur stehe! Bis zum Gummizug meiner Schiesser Feinripp-Unterhose stehe ich da drin! Jain.

Was Thorsten nicht wusste … erfuhr ich, als ich mit dem Roman bei der ersten Agentur nachfragte. Ihr Urteil: Fantastisch, gefolgt von anderen Superlativen – aber: wir müssen ein Wort streichen! Genau. Aus der Novelle wurde ein Roman. Wohlgemerkt ich habe sogenannte Romane gesehen, die sind halb so dick wie „Die Lokomotive“. Achtung: Hinweis für AutorInnen! Novellen werden grundsätzlich nicht als Debüt-Erwachsenbuch veröffentlicht, wurde mir gesagt. Rumms. Damit hatte ich schon mal die Top 12 der Verlage zerschossen, da ich es dort unter Novelle in der Annahme eingereicht hatte, nun wirklich alles richtig gemacht zu haben.

Weiter ging es mit Absagen und halben Zusagen, während der Roman von der Agentur vertreten wurde – fast 2 Jahre lang. Letztendlich musste ich ihn selbst veröffentlichen, über epubli. Richtig verstanden hat das keiner, nicht aus der Branche und kein Leser. Tja. Auch hier können weitere Auszüge aus Verlagsabsagen bei epubli und Amazon nachgelesen werden.

Nicht anders erging es dem Jugendthriller „School-Shooter“, den ich aufgrund des Literaturstipendiums des Landes NRW schreiben konnte, und der auch von der Film und Medienstiftung NRW für ein Hörspielmanuskript gefördert wurde. Umgesetzt wurde das Hörspiel vom WDR, wo es 2012 in 1Live erstmalig ausgestrahlt wurde. Gründe für die Absage des Romans bei Verlagen? Einem war er „zu spannend“ – das hat in der Vergangenheit auch schon mal für eine Veröffentlichung gesprochen. Aber oft hatte man auch Amerikaner mit einem ähnlichen Thema eingekauft. Das ist dann einfach so.

© Thorsten Nesch

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Zu Teil 1 geht es hier; der 3. Teil erscheint morgen. – Mehr über Thorsten Nesch erfahrt Ihr hier.

So Ihr ebenfalls zu der kleinen Blütenlese „Best of: Verlagsabsagen“ beitragen möchtet, nur zu. Dafür könnt Ihr die Kommentarfunktion nutzen oder mir eine eMail mit Euren Erfahrungen senden, die dann wiederum in Gänze oder in Auszügen in weitere Beiträge zum Thema einfließen könnten.

„Passt nicht ins Programm“, „wir haben lange überlegt“, „haben in der Redaktionskonferenz über das Manuskript gesprochen“, „ist wirtschaftlich ein Wagnis“, „Ihr Manuskript konnte uns leider nicht überzeugen“, „wir sehen leider keine Möglichkeit für eine Veröffentlichung“ – so klingen Standardabsagen von Verlagen. Ich freue mich auf diesbezüglich einschlägige Erfahrungen von Euch 😉

Thorsten Nesch: Von Musterabsagen und Meisterabsagen (I)

Thorsten Nesch ist für Überraschungen gut. Das ging mir bei dessen Kabinettstückchen „Die Lokomotive“ durch den Kopf, einem Lesestoff, den mir Max Franke von epubli empfohlen hatte. Nach der Lektüre kam ich mit Thorsten ins Gespräch, dessen Jugendromane „Joyride Ost“ und „Verkehrt!“ bei Rowohlt verlegt sind. Ich wollte wissen, warum sich für „Die Lokomotive“ kein Verlag finden ließ. Eine surreale Geschichte, die existenzielle und ethische Fragen aufwirft, und noch dazu auf so engem Raum spielt, dass das Atmen beim Lesen gelegentlich schwer wird.

Thorsten berichtete mir von jahrelangen Bemühungen darum, den Absagen seitens der Verlage und dem daraus resultierenden Entschluss, Titel, die Verlage abgelehnt haben, in Eigenregie bei epubli zu veröffentlichen. Aufhorchen ließen mich die Argumente der Verlage: Das, was mich für „Die Lokomotive“ besonders eingenommen hatte, hielt Verlage teilweise sogar von einer Publikation ab.

Aufhänger der packenden Story ist ein Zugunglück, das sich zwischen dem Festland und der Insel Sylt ereignet. Während die Flut steigt, erwacht der Broker Thomas Ochs aus einer Ohnmacht: Eingeklemmt unter Stahltrümmern, dem Puffer der Lokomotive gefährlich nahe, der sich nach und nach absenkt. Ochs stößt auf einen weiteres Opfer der Katastrophe, den Rentner und Alt-Gewerkschaftler Baehr. Sie kämpfen gemeinsam ums Überleben. Und auch gegen einander aufgrund ihrer unterschiedlichen Lebensstile und gegensätzlichen Weltanschauungen …

Da ich dem Phänomen der Verlagsabsagen näher auf die Spur kommen wollte, unterbreitete ich Thorsten den Vorschlag, ob er nicht den Anfang für eine kleine Blütenlese in der Art „Best of: Verlagsabsagen“ machen wolle. Er sagte spontan zu und war wiederum für eine Überraschung gut. Aus seinem Erfahrungsbericht, der auch Tipps für schreibende Kollegen im Umgang mit Verlagsabsagen enthält, ist ein unterhaltsamer Rückblick auf den eigenen schriftstellerischen Werdegang geworden, den SteglitzMind ab heute in drei Fortsetzungen bringt. – Ich sage Thorsten dafür ganz herzlich danke.

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„Die Probe lässt stilistisch wenig Wünsche offen.“ – Aus Absagen lernen

Meine erste Absage erhielt ich am 1. Oktober 1990. Ein denkwürdiger Tag. Nach Freunden und meinen ersten Lesungen hatte endlich jemand aus einem großen Verlag mein mit Schreibmaschine getipptes Manuskript gelesen. Die Lektorin wies mich sogar persönlich ausdrücklich darauf hin, „dass diese Ablehnung in erster Linie aus programmpolitischen Gründen erfolgt“. Ja!, dachte ich, ich bin auf dem richtigen Weg: Die Ablehnung hatte rein gar nichts mit der Qualität eines Textes zu tun! –Was Musterabsagen waren, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Thorsten Nesch 1990er Jahre © privat

Thorsten Nesch 1990er Jahre © privat

So ging das bis 1994. Dann kamen handschriftlich ergänzte Musterabsagen dazu, zum Beispiel mit einem Ausrufezeichen nach der Verabschiedung. Oder ein ganzer Nebensatz wurde der Absage hinzugefügt „da ihr Text eher ein jugendlich intellektuelles Publikum anspricht“. Ich schwor mir damals: Sobald ich eine Idee für ungebildete Alte hatte, würden die wieder von mir hören.

Eine Absage verlieh mir sogar ein Diplom der Mineralogie. Es war eine Absage für jemand anders. Irrtümlich unter meinem Namen an mich geschickt. Statistisch gesehen verständlich, eine Verwechslung muss es auch mal geben bei der Flut der Einsendungen. Es fühlte sich aber auch unbekannt gut an – jemand hatte mir wirklich einen Universitätsabschluss zugetraut.

Und dann gab es die schönen Absagen. Ja, die gibt es, denn sie zeigten, dass ich schriftstellerisch doch auf meinem Weg war. Eine Geschichte verschickte ich mit einer Postfachadresse unter einem Pseudonym mit einer erfundenen Vita – übrigens einer wirklich coolen – und wurde erwischt. Die Absage kam an meine Hausadresse mit meinem Namen: „Wusste ich es doch, dass mir Ihr Schreibstil bekannt vorkommt“. In meiner Verblendung habe ich das damals unreflektiert positiv interpretiert, wegen der Tatsache, dass man mich an meinem erstklassigen Schreibstil wiedererkennen würde. Man kann das ja aber auch anders lesen …

Jemand schrieb: „Die Probe lässt stilistisch wenig Wünsche offen.“ Das war schon ein echtes, zweifelloses Lob. Das fühlte sich richtig gut an. Ein anderes Mal wurde mir versehentlich die positiv empfehlende schriftliche Einschätzung einer Lektorin mitgeschickt: „…könnte das Werk einen Beitrag zur psychologischen Situation unserer Gesellschaft leisten“. Hallo, die empfahl eine Veröffentlichung! Recht hatte sie, aber in der Programmplanung hatte bereits ein anderes Buch zu einem ähnlichen Thema Platz gefunden. Daher Absage. Pech gehabt.

Diese Absagen haben mir wirklich etwas bedeutet. Ich wollte besser werden, und es klang, als wäre dem so. 1996 folgte für mich der literarische Ritterschlag. Persönlich hatte ich mein Ziel des glaubwürdigen Schreibens erreicht, als eine biografische Geschichte mit dem Zusatz abgelehnt wurde, ich solle doch „mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben und weniger übertreiben“. (Was natürlich für die nicht näher erläuterbaren Geschehnisse der 90er Jahre spricht.) Und eine fiktive Story wurde abgelehnt: ich solle „etwas über das Realistische hinausgehende“ schreiben. – Für mich war klar: Ich konnte Fiktion als Realität verkaufen und umgekehrt. Ich war Schriftsteller. Qualitativ hatte ich mein Ziel erreicht. Ende 1996.

Apropos Absagen: Einigen Umschlägen mit Exposee, Vita und Leseprobe hatte ich eine Musterabsage zum Ausfüllen beigelegt. Ein selbst entworfenes Absageformular, mit der Bitte, mir einige Hinweise oder Tipps zum Schreiben zu geben. Ich setze mich eben gerne mit Literatur auseinander. Damals war Creative Writing weitgehend unbekannt, und es gab lediglich gefühlte fünf verklausulierte Sachbücher zum Thema. So bekam ich die Idee, die Quelle selbst anzuzapfen. Leider nutzte nur ein Lektor die Möglichkeit: „Wenn das Buch nur halb so witzig wäre wie die Musterabsage“. Ein bisschen mehr Sportsgeist hätte ich mir gewünscht. – Ich wollte doch nur lernen.

Aber es gab auch einen sehr von mir geschätzten Verlag, der mich in der eigens für mich komponierten Absage in Fettschrift gebeten hatte: „Bitte nichts mehr schicken!“ Sagen wir mal, ein kleiner Genickschlag. Ich schätze den Verlag immer noch – auch für seine Ehrlichkeit. So habe ich mir viel Geld erspart und wir uns beide Zeit.

1998 flatterte die ganz besondere Absage ins Haus, eine Meisterabsage, wie ich sie nenne, von KiWi: „Gut geschrieben, aber der letzte Kick fehlt mir noch. Halten Sie doch mal Kontakt zu meiner Kollegin“, gez. Martin Hielscher (nach Diktat verreist). Auch ich vereiste nach dem Diktat. Nach Kanada. Das war vorerst meine letzte Absage.

Das soll euch nicht auch so gehen, liebe Kollegen und Kolleginnen. Mir hat das vorher niemand gesagt. Deswegen tue ich das einfach mal hier, vielleicht ist ja noch jemand so stumpf wie ich, aber bei so einem Angebot MELDET MAN SICH DANN DA AUCH MAL! Ich glaube, ich bin deutlich geworden. Ich weiß nicht, warum mir das damals nicht klar war. Jedenfalls habe ich mich damals nicht bei seiner Kollegin gemeldet, sondern bin mit der Einstellung in den englischsprachigen Teil Kanadas gereist: Was Joseph Conrad kann, kann ich schon lange. Der wurde auch in seiner Zweitsprache verlegt, und zwar recht erfolgreich. Zum Thema Autorenhybris werde ich vielleicht auch mal etwas schreiben.

© Thorsten Nesch

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Zum 2. Teil geht es hier. – Mehr über Thorsten Nesch erfahrt Ihr hier.

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„Passt nicht ins Programm“, „wir haben lange überlegt“, „haben in der Redaktionskonferenz über das Manuskript gesprochen“, „ist wirtschaftlich ein Wagnis“, „Ihr Manuskript konnte uns leider nicht überzeugen“, „wir sehen leider keine Möglichkeit für eine Veröffentlichung“ – so klingen Standardabsagen von Verlagen. Ich freue mich auf einschlägige Erfahrungen von Euch 😉

Steglitz stellt Ludger Menke mit „krimiblog“ u.a. vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Heute kommt Ludger zu Wort, der u.a. das Krimiblog pflegt. Vorgeschlagen hatte ihn Bettina Schnerr-Laube, die hinter Bleisatz steht.

Dein Steckbrief in Stichworten …

Vielen Dank an Dich, liebe Bettina vom Blog Bleisatz für das Weiterreichen der Staffel und Dir, liebe Gesine, dass ich hier zu Gast sein darf. – Die Stichworte: Mensch seit 1966 | Bibliothekar seit 1992 | DJ seit 1994 | Netzarbeiter seit 1999 | Blogger seit 2005 | Fortsetzung folgt (hoffentlich)

Seit wann, warum und wo bloggst du?

Eine Warnung: Sie hören jetzt eine „Opa erzählt vom Kaiser“-Geschichte.
Erste Gehversuche in Internet unternahm ich 1999 bei GeoCities und sammelte erste Foren-Erfahrungen bei Parsimony.net (beide Plattformen gibt es nicht mehr). Dort konnte ich 2002 auch erste  „Blog“-Erfahrungen sammeln, nur hieß das damals noch nicht „Blog“. Das „Nachtbuch“ war ein Experiment, persönlich angehauchte Texte online zustellen und zugleich einen Krimi-Nachrichten-Dienst anzubieten. Seit 2005 blogge ich mit WordPress-Installationen auf einem eigenem (gemieteten) Serverplatz. Und habe so die Freuden und Tiefen erlebt, die man als technischer Laie erleben kann. Datenbank-Crash, Datenverlust und – besonders beliebt – Hacker-Angriffe. Dennoch: WordPress ist klasse, ich habe beruflich auch mal Serendipity ausprobiert, hat mir aber nicht so zugesagt.

Ludger Menke ©  RTL Nord

Ludger Menke © RTL Nord

Stichwort Technik: Seit etwa zwei Jahren bin ich großer Tumblr-Fan, weil ich es sinnvoll finde, für jede mediale Form, die im Internet möglich ist (Texte, Fotos, Videos, Podcasts, Links, Zitate) eine eigene, mediale Aufbereitung im Blog zu haben. Der große Nachteil bei Tumblr: Es ist ein externer Anbieter in den USA, zwar kostenlos, aber man hat eben keinen Einfluss darauf, ob die Seite läuft oder die Server ausfallen. Zum Glück sind einige Webdesigner und Programmierer, die mit und für WordPress arbeiten, auf die Idee gekommen, solche unterschiedlichen Formatvorlagen auch für WordPress möglich zu machen. In einem meiner Blogs – den Krimi-Depeschen – kann man das erkennen.

Seit dem es für WordPress die Multsite-Funktion gibt, nutze ich die ausgiebig. Zur Erklärung: Bei einer Multisite-Installation muss man WordPress nur einmal aufsetzen, kann aber durch Subdomänen ganz viele, verschiedene Blogs anbieten. Man kann das bei meinem Krimiblog erkennen: Es gibt das Hauptblog krimiblog.de und dann eben die Krimi-Depeschen und die Attraktionen. Außerdem pflege ich als Tumblr-Fan das Blog tage-des-lesens.de, in dem ich in der Regel den ersten Eintrag des Tages blogge, als Aufwärm- und Schreibübung.

Deine Themenschwerpunkte …

Mein Aliasname Krimiblogger verrät es: Ich mag Krimis, Thriller, Spannungsromane und auch Schund. Was genau Krimi ist, kann ich nicht sagen, meine Blogs spiegeln auch meine Suche nach Definitionen und Begriffserklärungen wider. Im Laufe der Zeit bin ich vorsichtiger geworden, ein Buch als „Krimi“ zu bezeichnen. Daneben versuche ich aber auch über den literarischen Tellerrand zu schauen.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Durch die Krimi-Depeschen, die ich jetzt seit eineinhalb Jahren pflege, beschäftige ich mich viel mit den Unterschieden im deutschsprachigen und englischsprachigen Feuilleton. Für Krimileser ist der Blick nach England und in die USA wichtig und tatsächlich finde ich das Feuilleton im anglo-amerikanischen Raum vielseitiger, abwechslungsreicher, verspielter. Dort ist nicht alles toll, aber es gibt interessante Versuche, Literatur aufzubereiten und nachvollziehbar zu vermittelten. Deutsches Feuilleton besteht in Bezug auf Literatur vor allem aus Rezensionen und gelegentliche Autorenportraits, alles oft mit einem hohen Bildungsanspruch. Umfassendere, verständliche Texte, historische Abrisse, gute Grafiken, oder gar Texte von Lesern finden sich so gut wie gar nicht. Noch trostloser wird es, wenn ich in die Online-Ausgaben schaue. Was etwa die Süddeutsche Zeitung, die im Print ja durchaus eine gute Zeitung ist, im Online-Feuilleton bietet, ist in meinen Augen enttäuschend – um es freundlich auszudrücken. Schaut man hingegen auf die Feuilletons des Guardian, der New York Times oder auf so ein hervorragendes Online-Feuilleton wie Los Angeles Review of Books, findet man Leserrezensionen, anspruchsvolle Bilderstrecken, spannende Grafiken, umfassende Autorendossiers oder einfach auch mal die Einbindung von Tweets.

Das Netz bietet so viele neue Formen  und Möglichkeiten des Erzählens  – auch und gerade für Literaturkritik und die Auseinandersetzung mit Literatur. Dazu kommt oft eine visuell enttäuschende Umsetzung der Texte. Deutsches Feuilleton ist immer noch Bleiwüste, auch online. Dabei möchte ich ansprechende, lustvolle, geistreiche Texte in einem schönen Layout sehen. Gerade bei längeren Texten braucht man das doch: Gliederung, Zwischenüberschriften, eingerückte Zitate, eine gut lesbare Schriftart.

Fast schon peinlich finde ich manche Versuche von Zeitungsredaktionen, auf Krampf Videos abzuliefern. Als jemand, der hauptberuflich seit fast 20 Jahren beim Fernsehen arbeitet, muss ich einfach sagen, dass vieles davon scheußlich aussieht, matschig gedreht wurde, einen furchtbaren Ton hat und lieblos zusammengeschnitten wurde, wenn überhaupt jemand sich die Mühe des Schnitts gemacht hat. Wenn Blogger Videos mit ihrer persönlichen, authentischen Art drehen ist das etwas völlig anderes – eben authentisch und glaubwürdig – als wenn ein hauptberuflicher Rezensent seinen Monolog vor einer Bücherwand abfilmen lässt.

Dich treibt so einiges um …

Oh, es gibt noch so viel, – die Nicht-Kommunikation, die Ignoranz gegenüber Genre-Literatur, die Rückkehr der Buchillustrationen und schöne Bücher, die inszenierten Skandälchen, aber Deine Leser wissen sicher, worüber ich schreibe. Und ich möchte nicht langweilen.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Die üblichen Verdächtigen: Facebook, Google+, seit kurzem auch bei Pinterest, und vor allem Twitter. Ich mag Twitter sehr, es ist auf den ersten Blick oberflächlich, quatschig, schnell. Mit entsprechenden Helfern und der Bereitschaft zur Kommunikation kann man aber viel mit Twitter gewinnen. Ich habe zum Beispiel einige interessante Kontakte zu Autoren, gerade auch aus dem anglo-amerikanischen Raum, durch Twitter knüpfen können.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Kokett könnte ich sagen, es steht mir nicht zu, dass zu sagen. Aus eigener Erfahrung: Lasst  das Pöbeln. Ich habe früher gerne mal einen „Rant“, wie man das heute in der Onlinewelt nennt, losgetreten. In der Regel verlierst Du damit nur. Du magst vielleicht für einen Moment Aufmerksamkeit bekommen, aber randalierst Du öfter, wirst Du schnell in die Motz-Ecke gestellt und längerfristig verlierst Du Leser. Persönlicher Streit hat nichts in Blogs zu suchen. Was nicht heißt, dass ich jetzt nie wieder einen Rant lostreten werde. Wenn es etwas gibt, worüber ich mich richtig aufrege…

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Von Rechtsstreitigkeiten oder Urheberrechtsklagen bin ich bislang zum Glück verschont geblieben. Aber Du musst damit rechnen, selbst wenn Du alles nach besten Wissen und Gewissen machst, das ein Abmahn-Anwalt auf der Matte steht. Bloggen kann – und das sollte man sich klar machen – nicht nur Zeit kosten, es kann auch Deinen Bankkonto belasten.

Immer wieder wird ja auch Ausdauer angemahnt – blogge regelmäßig! Ich sehe Blogs eher als zeitlich begrenzte Publikationsformen. Das machst Du halt mal für ein, zwei Jahre, manche auch länger und dann lässt Du es ruhen, weil Deine Interessen sich verändert haben, Du Vater oder Mutter geworden bist, eine Wohnung renovieren musst – was auch immer. Blogs sind nicht starr, sie leben, verändern sich, sterben. Das gehört dazu und solange man das als Blogger halbwegs offen und transparent macht, finde ich das sehr in Ordnung. Man nennt es, glaube ich, Leben.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Darf ich auch zwei?

Du darfst auch zwei …

Mein E-Mail-Wechsel mit dem wunderbaren Joseph Hansen, einem US-amerikansichen Krimiautor, der mit seinen Dave-Brandstetter-Krimis einen authentischen, schwulen Serienhelden erschaffen hat. Und eine faszinierende Begegnung mit Magdalen Nabb, einer sympathischen, intelligenten englischen Autorin, die in Florenz lebte, kluge Krimis schrieb und einen Briefwechsel mit George Simenon führte.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Wenn ich vorher kontaktiert werde, wäge ich ab, ob ich es schaffe, das Buch zu besprechen. Oft lehne ich freundlich ab, immer mit dem Hinweis, dass ich als Einzelkämpfer eben nicht alles lesen kann. Habe ich ein Rezensionsexemplar bestellt und bespreche das Buch dann nicht, dann plagt mich mein schlechtes Gewissen.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self-Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Genauso wie mit traditionellen Verlagen. Da mache ich keinen Unterschied.

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Mittlerweile habe ich meinen zweiten Kindle, ich habe ein iPad geschenkt bekommen und auf allen Rechnern, die sich in meinem Haushalt befinden, sind Lese-Apps installiert. E-Books sind eine gute Ergänzung, gerade auf Reisen. Und ja: Wenn ich ein Buch auf dem Kindle habe und es mir gefällt, dann kaufe ich durchaus auch noch die Print-Ausgabe, oder umgekehrt. Da wäre es schön, wenn sich Verlage ein Beispiel an Haffmans & Tolkemitt nehmen würden. Deren Hardcoverplus (du kaufst das gedruckte Buch und bekommst das E-Book kostenlos dazu) finde ich einen guten Ansatz.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Die schwierigste Frage, denn es gibt so viele, tolle Blogs! Ich mag das Zeilenkino, das recht junge Blog crimenoir und Pflichtlektüre für Krimileser ist The Rap Sheet. Neu und leider nicht immer zu erreichen ist 54books.de. Da geht es nicht um Krimis, sondern um die vielen, ungelesenen Bücher, die man im Regal hat. Eine schöne Idee!
Mehr erfahren sollten Deine Leser über den Macher von Krimikultur:Archiv, weil der noch viel, viel mehr über Krimis weiß als ich.

Danke vielmals, Ludger! Hat gar nicht weh getan, die Geschichte „Opa erzählt vom Kaiser“ …

Vielen Dank, dass ich hier sein durfte.

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Zuletzt stellte sich Ilja Regier mit Muromez vor. Seine Wunsch-Interviewpartnerin war Frintze. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier

„Heute ist vieles nicht mehr ganz so gut, wie man uns glauben machen möchte.“ – Ein Gespräch mit dem Verleger B. Claus DeFuyard

Verschiedentlich präsentierte SteglitzMind bereits Beiträge aus dem KULTURFLÜCHTER. Ganz von ungefähr kommt das nicht. Seit längerem begleite ich das literarisch ambitionierte Projekt mit Biss, das sich Un-Periodikum nennt und im Zeitlichkeitverlag erscheint. Anlässlich der neuen Web-Präsenz hatte ich Gelegenheit mit B. Claus DeFuyard, Gründer des Verlages und Herausgeber des Un-Periodikums „Der Kulturflüchter“, ein Gespräch zu führen.

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Die alten Fragen: Wer bin ich? Wer sind wir? Wer sind Sie?

Ich? Keine Ahnung. Fragen Sie das Orakel …

… oder neuerdings die Leser

Ach ja! Ich kenne mich nicht aus. – Sie etwa – mit sich selbst?

Nein – ich das unbekannte Wesen …

Andere wissen mehr über einen – da können wir wirklich gespannt sein …

Nur, das habe ich nicht gemeint: Ich wollte wissen, wer oder was der Zeitlichkeitverlag ist? Sie haben einen starken Bezug zur Vergangenheit – war denn früher alles besser?

Nee, wirklich nicht. Mit einer kleinen Einschränkung: Heute ist vieles nicht mehr ganz so gut, wie man uns glauben machen möchte. Zieht man Vergleiche heran: wie Fortschrittsgläubigkeit, das blinde Vertrauen allein in das Machbare, führt das heute zu merkwürdigen Verhaltensweisen – es bleibt dabei allerlei auf der Strecke …

Was meinen Sie? Sie sind doch kein Moralwächter?

Das überlasse ich den Fundamentalisten. Ich meine: Mir gehen schlechte Manieren schon auf den Geist. Mit Leuten, die sich nicht benehmen können, kann ich nichts anfangen. Und die Moral hat sich verflüchtigt, Anstand wird als vorgestrig angesehen, ist nicht clever. Klingt alles furchtbar lehrerhaft, ich weiß – es wird aber andauernd beschworen. Man weiß zwar um den Verlust: wie auch in punkto Gerechtigkeit – manche reden unentwegt davon in Ermangelung eines Programms. Als wäre der Rest der Welt gegen Gerechtigkeit. Als würden sie darauf Urheberrecht beanspruchen. Wir aber wissen inzwischen: Wo Gerechtigkeit ausgeübt wird, fällt eine Menge an Ungerechtigkeit an. Das Problem existiert seit mehreren tausend Jahren.

In einem der Bücher Ihres Verlages steht ein toller Spruch: „Ich kehre zurück, wenn der Fluss, der mich dahinreißt, sich gegen den Strom wendet.“

Das ist ein Zitat. Und das habe ich versprochen.

Also: Gegen den Mainstream?

Definitiv. Es ist meine – unsere – Überzeugung, dass wir schwere Fehler machen.

Mittlerweile glaubt ja jeder an alles, auch das, was unter keinen Umständen geglaubt werden sollte.

Gute Nachrichten sind selten geworden. Jede Postzustellung birgt Risiken. Die Politiker, die letztlich Verantwortung tragen, führen sich auf wie Teilnehmer im Dschungelcamp und deswegen werden sie auch immer wieder gewählt, weil sich anscheinend niemand sonst findet, der mit gutem Gewissens ein Arschloch sein möchte. Ein überaus Hochbezahltes, das muss der Neid zugestehen.

Die Generation 50 plus – für die Sie einstehen …

…sehr freundlich.

Finden Sie kein Gehör?

Dafür gibt es keine Lobby hierzulande. Das hat letztlich zur Gründung des Zeitlichkeitverlages geführt – schwierig, schwierig, gebe ich zu. Unser Problem, oder das, wofür wir uns herumschlagen, ist auch nicht quasi per Gewerkschaft zu lösen. Es ist ein gesellschaftliches Phänomen: Älter werden. Und Alter überhaupt wird nur noch im Zusammenhang mit Alzheimer und Parkinson wahrgenommen. Bestenfalls ist der oder die Alte liebenswert, aber trottelig und natürlich auch unziemlich komisch.

(Er greift zum Glas Wasser) Meine Frau sagt, ich soll viel trinken. – In diesem Zusammenhang: Wenn ich daran denke, was Staat und Krankenkasse, die Steuer mit den Leuten machen, packt mich die Wut. Ich kann aber nicht allein auf die Straße gehen und mich lächerlich machen. Jungen Leuten würde es gut anstehen, sich auf die Seite der Alten zu schlagen, denn was wir heute sind, sind sie morgen – unausweichlich. Eine Zumutung, ich weiß.

Der Verlag verfolgt frische Spuren …

© Zeitlichkeitverlag

© Zeitlichkeitverlag

die werden tagtäglich frei Haus geliefert.

Also: wann ist man für den Zeitlichkeitverlag alt genug?

(lacht) Für alle und natürlich die tollen Ollen, die noch etwas zu sagen haben. Und es auch professionell ausdrücken können. Keine Schwätzer. Mit Biss und Lust auf Beute. Wir wollen uns ja nur auskotzen – zum Wohl des Landes.

Und woran knüpft der Name des Verlags „Zeitlichkeit“ an?

Puuh! Ihre Zeitlichkeit und die Meine – es drückt unverhohlen aus, dass mit der Zeit, die vermeintlich jedem zur Verfügung steht, sorgsam umgegangen werden sollte. Gelingt ja nicht immer, weiß ich – ein bisschen mehr, als die Teilnahme an einer Loveparade erfordert.

Verstehen Sie denn keinen Spaß?

Ich unterhalte mich ja mit Ihnen.

Nebenbei – sieht man von den drei Buchtiteln ab – erscheint im Zeitlichkeitverlag der Kulturflüchter – ein UnPeriodikum. Was versprechen Sie sich davon?

Das ist auch so eine unendliche Geschichte: Wir sammeln den Dreck auf – manchmal komisch und allzu oft tragisch. Das ist jetzt das sechste Heft, das wir anvisieren. Der Kulturflüchter präsentiert sich neuerdings zeitgemäß im Internet. In Echt sind die Ausgaben jeweils für 11,- Euro zu haben. Print On Demand.

(Er trinkt sein Glas Wasser leer) In seiner Gesamtheit betrachtet ist das ein durchaus beachtlicher, aber nicht immer einfacher Weg, der uns Freunde eingebracht hat und auch jene, die außer sich geraten, wenn sie nur den Namen Der Kulturflüchter hören.

Was ist ein Kulturflüchter?

Kulturflüchter sind eigentlich Pflanzen und Tiere, die sich in der epidemisch ausbreitenden Kulturlandschaft nicht behaupten können. Sie sind ’hemerophop’ – ein anderes Wort für ’kulturmeidend’. Damit sind im übertragenden Sinn die Menschen gemeint, denen vieles, was heutzutage unter dem Zeitgeist verstanden wird, zu schaffen macht. Sie emigrieren, schalten ab, ziehen sich zurück, rücken aus. Setzen sich ab. Flüchten. Noch was?

Gibt es da Vorbilder?

(überlegt) Vielleicht war Heinrich Heine einer. Robert Walser war sicherlich ein Kulturflüchter. Rainer Maria Rilke. Und die vielen Namenlosen, die einfach die Nase voll hatten und ausgewandert sind. Ihnen gilt mein Verständnis. Ich bin einer. So sehe ich das.

Insgesamt betrachtet ist es doch eine kleine – bescheidende – Erfolgsgeschichte und so nicht auf dem Markt vertreten. Das sprichwörtliche UnPeriodikum ist immer ausverkauft …

(lacht) Kunststück: Bei der Auflage.

Ein Kultstück. Ich habe gehört: Es gibt jemand – der oder die – hat für die Exemplare N° 1 bis N° 5 ganze 200 Euro überwiesen. Und hat sich die fünf Folgen über den Versand durch die umgangsfreundliche Deutsche Post nach Neuseeland schicken lassen. Stimmt das?

Klingt nach einem PR-Gag? Aber irgend so etwas war da – muss ich nachsehen.

Demnach ist der Kulturflüchter eine Wutschrift – bezieht Stellung?

Eine Fluchschrift – wir versuchen einfach gegen den Strich zu arbeiten. Wir müssen nichts erfinden. Zwischen Abscheu und Bewunderung, Blödsinn und Sinnvollem – für jeden ist das ja nicht bestimmt. Einige regt das furchtbar auf – die meisten unserer Leser aber sagen: Endlich mal eine andere Sichtweise. Wir sind noch nicht am Ende – es besteht Bedarf.

Was erwartet uns noch?

Wenn alles weitergeht, als wäre nichts geschehen – die Zuwachsphilosophie die einzige Antwort bleibt – dann werden mehr Leute aussteigen. Ich muss nicht unentwegt Spaß haben, unentwegt erreichbar sein, unentwegt zahlen müssen, unentwegt e-mailen, twittern, das ist schon manisch. Was will man uns denn noch einreden? Wir werden mit guten Absichten zugemüllt.

Sieht dieser merkwürdige Hahn, der die neue Webpräsenz ziert, deshalb so gerupft aus?

Das ist anzunehmen. Auf einem Biohof in den Mähdrescher geraten. Das ist symbolträchtig … Von Fürsorge gezeichnet, von Gerechtigkeit zermürbt, der Spaßgesellschaft hilflos ausgeliefert. Meine Sympathie gehört dem Viech. Passt zu uns.

Jetzt fehlt noch: Muss ich mich für das Gespräch bedanken?

(lacht) Lass den Quatsch.

(lacht) Gut! Wir brauchen aber noch einen starken Abgang. Famous last word!

Hallo Deutschland – alles wird gut!

Steglitz stellt Ilja Regier mit „Muromez“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Mit Ilja, der Muromez ins Leben rief, kommt heute der Wunsch-Interviewpartner von Sophie zu Wort, die Literaturen pflegt.

Dein Steckbrief in Stichworten …

Empathisch. Genießerisch, Kritisch. Kulturinteressiert (Literatur, Kinematographie, etc.).

Master-Student (irgendwas mit Medien). Kind der 80er.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

Muromez ©  Ilja Regier

Muromez © Ilja Regier

Der Stein wurde im Sommer 2010 zum Rollen gebracht. Damals, anders als heute, widmete ich mich dem Thema Fußball und seiner Kultur. Hatte allerdings Perioden, in denen ich gar nichts aufs (digitale) Papier bringen wollte oder konnte. Füllte einen gewissen Druck, jede Woche etwas kommentieren zu müssen, Spiele zu sehen und nicht „up to date“ zu sein. Es gab Phasen von Monaten, als mir gar nichts gelang, ich zu viel verpasste, andersherum, die ich voller Elan anging. Da die gewünschte Resonanz ausblieb, ein Teufelskreis sich entwickelte, entschloss ich mich das Blog irgendwann einzustellen. Merkte auch, dass ich mit Medien, die sich professioneller damit beschäftigen, aus Zeit- und Kostengründen nicht mithalten konnte. Mir vielleicht die Kontakte fehlten. Nur über das „Runde ins Eckige“ zu schreiben, limitierte ebenso.

Von Fußball zur Literatur?

Da mich stets Literatur beschäftigte – meine Eltern besitzen eine kleine, private Bibliothek – versuchte ich mich etwas anderem zu widmen. Bisher bereue ich nichts. Im September 2012 wurde mein Literatur-Blog gegründet – bin quasi noch ein Frischling unter den Literatur-Bloggern. Neben dem Lesen ist das Schreiben ebenfalls eine große Passion, die sich eher in den Printmedien im Journalismus bestätigt füllt.

Plattform ist WordPress. Versuchte zwar schon alles auf eigenen Server zu legen, aber das Ganze war dann eher dank meiner Programmier-Fähigkeiten zum Mäuse melken. Ein von WordPress gehostetes Blog reicht derweil vollkommen für meine Aktivitäten aus.

Deine Themenschwerpunkte …

Rezensionen/Buchbesprechungen. Lese querbeet eigentlich alles, insofern es mich anspricht. Finde den Kontrast wichtig, nach schwerer Literatur, die man tapfer gemeistert hat, auch mal etwas Leichteres in die Hand zu nehmen. Bisweilen experimentiere ich ebenso rum. Schreibe „Gedankenströme“ auf, die mir irgendwann nach Geisterstunde plötzlich beim Rauchen auf dem Balkon kommen oder verarbeitete zum Beispiel eine Metamorphose Das Nichtbegreifen begreifen können, die ich beim Besuch der Gedenkstätte Auschwitz fühlte, als ich die Ehre hatte, mit Zeitzeugen zu sprechen, die die Völkermorde überlebten.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Naja, bemerke stetig, dass die Liebe zu Büchern im Literaturbetrieb abnimmt. Zahlen sind das Wichtigste, einerseits verständlich. Aber ehrliche Meinungen in einer Buchhandlung? Die bekommt man fast nie. Alles wird in den Himmel gelobt. Bestseller taugen, weil sie eben Bestseller sind. Manchmal aus Jux und Dollerei, ich weiß, ein wenig gemein, schnappe ich mir eine Händlerin („ich habe es bereits ANgelesen!“) und lasse sie mir irgendein Bestseller-Werk erklären, meist geschieht das in höchsten Tönen. Das Material konsumierte ich allerdings bereits, lache mir ins Fäustchen, was da gerade für ein Quatsch mit Soße erzählt wird, wie Tatsachen verdreht werden. Sicherlich, sind das subjektive Empfindungen, aber dennoch…

Ob Bücher in den Läden ausgestellt sind, die weniger sinnvoll oder gar kokolores sind? Das wird man von keinem Verkäufer, zu hören bekommen. Niemand bietet dir auch offensichtlich ein Auto an, das nach einem Monat mit einem Motorschaden zur Reparatur müsste. Die Realität sieht dennoch anders aus. Mit Griffen ins Klo verbunden. „Alles ganz toll und wunderbar!“ Dieses Heuchlerische nervt, Ideen wie man etwas ändern könnte? Schwierig! Mittlerweile habe ich allerdings ein kleines Lädchen gefunden, dem ich (meist) Vertrauen schenke. Ansonsten schaue ich mich bei unabhängigeren Betrachtern wie eben Bloggern nach Material um – was ja das Wunderbare daran ist –, die Mehrheit macht das allerdings sicherlich nicht.

Überhaupt finde ich es wichtig, dass solche kleinen Geschäfte in der komplizierten Zeit der Digitalisierung und Globalisierung überleben. Heißt für mich, dass ich meine Faulheit ständig besiegen muss. Statt auf die Amazon-Bestellung, die schon am nächsten Morgen da ist, zu warten, lieber eben bei kleinen Offline-Stores bestellen. Unvorstellbar, wenn diese irgendwann mal aussterben sollten!

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Facebook und Twitter. Ansonsten versuche ich auch, Bekannte davon zu erzählen, wenn sie mich fragen, was ich gerade gelesen habe und empfehlen kann.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Ständig zu nehmen, statt zu geben. Vernetzungen treiben jeden Blogger voran. Sich nicht zu schade zu sein, mal bei anderen zu schauen, zu kommentieren. Weniger gut kommen ebenso längere Auszeiten an, die man manchmal leider nicht ändern kann, wenn die Hände gebunden sind. Ansonsten sicherlich der Blogger-Ehrenkodex (falls es so etwas tatsächlich gibt): C+P tunlichst vermeiden.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Sah bei anderen Blogs, dass sie keine Verrisse mehr anfertigen, nur noch die Perlen präsentieren wollen. Kann ich einerseits verstehen. Ich meine, wer sind wir schon, innerhalb von vielleicht zwei Stunden, die Arbeit mehrerer Monate/Jahre infrage zu stellen, sie für Müll zu erklären? Der Regisseur Detlev Buck, kurz vor der Premiere seines Films „Die Vermessung der Welt“, meinte dazu, dass er sich wünsche, dass die Feuilletonschreiberlinge doch etwas rücksichtsvoller allgemein mit ihren Kritiken umgehen sollten. Zwischen den Zeilen lesend, fragte ich mich, ob sein Werk tatsächlich eklatante Schwächen aufweisen würde, wenn er schon so einen Aufruf startet.

Die Schwierigkeit bei solchen Verrissen ist, dass man schnell despektierlich werden kann. Wiederum denke ich mir, dass ich, sollte ich alles positiv bewerten, genau wie die beschriebenen Händler wäre. Alles voller Blumen und Sonnenschein wäre. Ist es allerdings bekanntlich nicht…

Ferner, so denke ich, behalte ich weiter meine Meinungsfreiheit bei. Manchmal kann es auch Spaß machen, irgendwas in Schnipsel auseinanderzunehmen und es für Dleck (wie die Asiaten sagen würden) zu erklären. Das klingt hart. Aber warum sollte ich etwas nicht kritisieren dürfen, wenn es mir ebenso mehrere Stunden oder Tage Zeit gekostet hat, ich dafür 20 Euronen auf den Tisch gelegt habe? Alles in allem ist das ein schmaler Grat. Eine gesunde Mischung ist die Lösung.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Mehrere kleine, die das Bloggen an sich zu einem großen Erlebnis machen. Am Ende auf „veröffentlichen“ drücken. Zu sehen, dass die Mühe nicht umsonst war. Dass irgendwer damit etwas anfangen kann. Dass irgendwer einen Kommentar abgibt. Das sind die schönen Momente und sicherlich auch die Ehre haben zu dürfen, hier mal neben renommierteren Kollegen als Grünschnabel zu Wort zu kommen.

Wie gesagt, ich bin ja noch relativ neu in diesem „Geschäft“, aber umgeben von wahnsinnig gemeinschaftlichen Bloggern. Bisher durfte ich noch nie so einem Kreis im Web 2.0 begegnen, weil viele eben mit einem Tunnelblick durchs Netz gehen.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Passiert jetzt nicht so regelmäßig. Aber es muss schon das Gesamtpaket stimmen, damit ich es annehme.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self-Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Noch nicht vorgefallen, bezweifle allerdings, dass ich mich damit beschäftigen würde. Jeder intensive Leser kennt sie, die unendliche Liste der noch zu lesenden Bücher – diese hat Vorrang!

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Niente. Verteufle mp3s, wähle stattdessen lieber die alte Schallplatte oder CD. Verteufle E-Zeitungen und damit sich der Kreis schließt, verteufle ebenso E-Books. Oldschool!

Die Digitalisierung macht vieles einfacher, aber nicht unbedingt besser. Ich hasse es, abends auf einen lieblosen Bildschirm blicken zu müssen, nachdem ich schon vorher die ganze Zeit auf einen Rechner, mein Smartphone oder sonst was geblickt habe.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Regelmäßig unter anderem als Besucher unterwegs bei Literaturen, Buzzaldrins, aus.gelesen, Ada Mitsou und Philea’s Blog, die sich hier allesamt bereits vorgestellt haben. Und zu Wort kommen sollte hier mal: Frintze.

Danke sehr Ilja. Nicht allein dein realtiv junges Blog, auch deinen Bericht über deinen Aufenthalt in Auschwitz-Birkenau und die Begegnung mit Zeitzeugen möchte ich den Lesern unseres Gespräches ans Herz legen …

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Zuletzt stellte sich Bettina Schnerr-Laube mit Bleisatz. Ihr Wunsch-Interviewpartner war Ludger Menke, der u.a. den  Krimiblog betreibt. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier