„Heute ist vieles nicht mehr ganz so gut, wie man uns glauben machen möchte.“ – Ein Gespräch mit dem Verleger B. Claus DeFuyard

Verschiedentlich präsentierte SteglitzMind bereits Beiträge aus dem KULTURFLÜCHTER. Ganz von ungefähr kommt das nicht. Seit längerem begleite ich das literarisch ambitionierte Projekt mit Biss, das sich Un-Periodikum nennt und im Zeitlichkeitverlag erscheint. Anlässlich der neuen Web-Präsenz hatte ich Gelegenheit mit B. Claus DeFuyard, Gründer des Verlages und Herausgeber des Un-Periodikums „Der Kulturflüchter“, ein Gespräch zu führen.

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Die alten Fragen: Wer bin ich? Wer sind wir? Wer sind Sie?

Ich? Keine Ahnung. Fragen Sie das Orakel …

… oder neuerdings die Leser

Ach ja! Ich kenne mich nicht aus. – Sie etwa – mit sich selbst?

Nein – ich das unbekannte Wesen …

Andere wissen mehr über einen – da können wir wirklich gespannt sein …

Nur, das habe ich nicht gemeint: Ich wollte wissen, wer oder was der Zeitlichkeitverlag ist? Sie haben einen starken Bezug zur Vergangenheit – war denn früher alles besser?

Nee, wirklich nicht. Mit einer kleinen Einschränkung: Heute ist vieles nicht mehr ganz so gut, wie man uns glauben machen möchte. Zieht man Vergleiche heran: wie Fortschrittsgläubigkeit, das blinde Vertrauen allein in das Machbare, führt das heute zu merkwürdigen Verhaltensweisen – es bleibt dabei allerlei auf der Strecke …

Was meinen Sie? Sie sind doch kein Moralwächter?

Das überlasse ich den Fundamentalisten. Ich meine: Mir gehen schlechte Manieren schon auf den Geist. Mit Leuten, die sich nicht benehmen können, kann ich nichts anfangen. Und die Moral hat sich verflüchtigt, Anstand wird als vorgestrig angesehen, ist nicht clever. Klingt alles furchtbar lehrerhaft, ich weiß – es wird aber andauernd beschworen. Man weiß zwar um den Verlust: wie auch in punkto Gerechtigkeit – manche reden unentwegt davon in Ermangelung eines Programms. Als wäre der Rest der Welt gegen Gerechtigkeit. Als würden sie darauf Urheberrecht beanspruchen. Wir aber wissen inzwischen: Wo Gerechtigkeit ausgeübt wird, fällt eine Menge an Ungerechtigkeit an. Das Problem existiert seit mehreren tausend Jahren.

In einem der Bücher Ihres Verlages steht ein toller Spruch: „Ich kehre zurück, wenn der Fluss, der mich dahinreißt, sich gegen den Strom wendet.“

Das ist ein Zitat. Und das habe ich versprochen.

Also: Gegen den Mainstream?

Definitiv. Es ist meine – unsere – Überzeugung, dass wir schwere Fehler machen.

Mittlerweile glaubt ja jeder an alles, auch das, was unter keinen Umständen geglaubt werden sollte.

Gute Nachrichten sind selten geworden. Jede Postzustellung birgt Risiken. Die Politiker, die letztlich Verantwortung tragen, führen sich auf wie Teilnehmer im Dschungelcamp und deswegen werden sie auch immer wieder gewählt, weil sich anscheinend niemand sonst findet, der mit gutem Gewissens ein Arschloch sein möchte. Ein überaus Hochbezahltes, das muss der Neid zugestehen.

Die Generation 50 plus – für die Sie einstehen …

…sehr freundlich.

Finden Sie kein Gehör?

Dafür gibt es keine Lobby hierzulande. Das hat letztlich zur Gründung des Zeitlichkeitverlages geführt – schwierig, schwierig, gebe ich zu. Unser Problem, oder das, wofür wir uns herumschlagen, ist auch nicht quasi per Gewerkschaft zu lösen. Es ist ein gesellschaftliches Phänomen: Älter werden. Und Alter überhaupt wird nur noch im Zusammenhang mit Alzheimer und Parkinson wahrgenommen. Bestenfalls ist der oder die Alte liebenswert, aber trottelig und natürlich auch unziemlich komisch.

(Er greift zum Glas Wasser) Meine Frau sagt, ich soll viel trinken. – In diesem Zusammenhang: Wenn ich daran denke, was Staat und Krankenkasse, die Steuer mit den Leuten machen, packt mich die Wut. Ich kann aber nicht allein auf die Straße gehen und mich lächerlich machen. Jungen Leuten würde es gut anstehen, sich auf die Seite der Alten zu schlagen, denn was wir heute sind, sind sie morgen – unausweichlich. Eine Zumutung, ich weiß.

Der Verlag verfolgt frische Spuren …

© Zeitlichkeitverlag

© Zeitlichkeitverlag

die werden tagtäglich frei Haus geliefert.

Also: wann ist man für den Zeitlichkeitverlag alt genug?

(lacht) Für alle und natürlich die tollen Ollen, die noch etwas zu sagen haben. Und es auch professionell ausdrücken können. Keine Schwätzer. Mit Biss und Lust auf Beute. Wir wollen uns ja nur auskotzen – zum Wohl des Landes.

Und woran knüpft der Name des Verlags „Zeitlichkeit“ an?

Puuh! Ihre Zeitlichkeit und die Meine – es drückt unverhohlen aus, dass mit der Zeit, die vermeintlich jedem zur Verfügung steht, sorgsam umgegangen werden sollte. Gelingt ja nicht immer, weiß ich – ein bisschen mehr, als die Teilnahme an einer Loveparade erfordert.

Verstehen Sie denn keinen Spaß?

Ich unterhalte mich ja mit Ihnen.

Nebenbei – sieht man von den drei Buchtiteln ab – erscheint im Zeitlichkeitverlag der Kulturflüchter – ein UnPeriodikum. Was versprechen Sie sich davon?

Das ist auch so eine unendliche Geschichte: Wir sammeln den Dreck auf – manchmal komisch und allzu oft tragisch. Das ist jetzt das sechste Heft, das wir anvisieren. Der Kulturflüchter präsentiert sich neuerdings zeitgemäß im Internet. In Echt sind die Ausgaben jeweils für 11,- Euro zu haben. Print On Demand.

(Er trinkt sein Glas Wasser leer) In seiner Gesamtheit betrachtet ist das ein durchaus beachtlicher, aber nicht immer einfacher Weg, der uns Freunde eingebracht hat und auch jene, die außer sich geraten, wenn sie nur den Namen Der Kulturflüchter hören.

Was ist ein Kulturflüchter?

Kulturflüchter sind eigentlich Pflanzen und Tiere, die sich in der epidemisch ausbreitenden Kulturlandschaft nicht behaupten können. Sie sind ’hemerophop’ – ein anderes Wort für ’kulturmeidend’. Damit sind im übertragenden Sinn die Menschen gemeint, denen vieles, was heutzutage unter dem Zeitgeist verstanden wird, zu schaffen macht. Sie emigrieren, schalten ab, ziehen sich zurück, rücken aus. Setzen sich ab. Flüchten. Noch was?

Gibt es da Vorbilder?

(überlegt) Vielleicht war Heinrich Heine einer. Robert Walser war sicherlich ein Kulturflüchter. Rainer Maria Rilke. Und die vielen Namenlosen, die einfach die Nase voll hatten und ausgewandert sind. Ihnen gilt mein Verständnis. Ich bin einer. So sehe ich das.

Insgesamt betrachtet ist es doch eine kleine – bescheidende – Erfolgsgeschichte und so nicht auf dem Markt vertreten. Das sprichwörtliche UnPeriodikum ist immer ausverkauft …

(lacht) Kunststück: Bei der Auflage.

Ein Kultstück. Ich habe gehört: Es gibt jemand – der oder die – hat für die Exemplare N° 1 bis N° 5 ganze 200 Euro überwiesen. Und hat sich die fünf Folgen über den Versand durch die umgangsfreundliche Deutsche Post nach Neuseeland schicken lassen. Stimmt das?

Klingt nach einem PR-Gag? Aber irgend so etwas war da – muss ich nachsehen.

Demnach ist der Kulturflüchter eine Wutschrift – bezieht Stellung?

Eine Fluchschrift – wir versuchen einfach gegen den Strich zu arbeiten. Wir müssen nichts erfinden. Zwischen Abscheu und Bewunderung, Blödsinn und Sinnvollem – für jeden ist das ja nicht bestimmt. Einige regt das furchtbar auf – die meisten unserer Leser aber sagen: Endlich mal eine andere Sichtweise. Wir sind noch nicht am Ende – es besteht Bedarf.

Was erwartet uns noch?

Wenn alles weitergeht, als wäre nichts geschehen – die Zuwachsphilosophie die einzige Antwort bleibt – dann werden mehr Leute aussteigen. Ich muss nicht unentwegt Spaß haben, unentwegt erreichbar sein, unentwegt zahlen müssen, unentwegt e-mailen, twittern, das ist schon manisch. Was will man uns denn noch einreden? Wir werden mit guten Absichten zugemüllt.

Sieht dieser merkwürdige Hahn, der die neue Webpräsenz ziert, deshalb so gerupft aus?

Das ist anzunehmen. Auf einem Biohof in den Mähdrescher geraten. Das ist symbolträchtig … Von Fürsorge gezeichnet, von Gerechtigkeit zermürbt, der Spaßgesellschaft hilflos ausgeliefert. Meine Sympathie gehört dem Viech. Passt zu uns.

Jetzt fehlt noch: Muss ich mich für das Gespräch bedanken?

(lacht) Lass den Quatsch.

(lacht) Gut! Wir brauchen aber noch einen starken Abgang. Famous last word!

Hallo Deutschland – alles wird gut!

5 thoughts on “„Heute ist vieles nicht mehr ganz so gut, wie man uns glauben machen möchte.“ – Ein Gespräch mit dem Verleger B. Claus DeFuyard

  1. Ne, sorry, einen Fehler(!) hat der Text: Politiker verdienen nicht viel. Sogar verschwindend gering verglichen mit Bankstern, Sportlern oder Schauspielern, die bestimmt keine 100-Stunde-Woche kennen. Das plappert auch nur jeder nach und ist mindestens genauso spießig.
    Zu sagen, dass Politiker zu wenig verdienen, DAS ist mal gegen den Mainstream! Dazu braucht man Eier am Diskursstammtisch.
    Politikerbashing ist OUT!

  2. Angesichts der Tatsache, dass einem immer eingeredet wird, man solle andere nicht ausgrenzen, wirkt das Verlagskonzept ziemlich erfrischend. Zumindest, wenn es richtig ist, dass Autoren in dem Verlag erst ab einem bestimmten Alter verlegt werden.

    Wundert mich nur, dass die ganzen Gutmenschen noch nicht aufgeheult haben, welche sonst ankommen, sobald von von Ausgrenzung, richtigen und eingebildeten Sexismus und Rassismus die Rede ist. Allerdings ist mir auch kein Begriff für die Ausgrenzung aus Altersgründen bekannt ist.

    Man stelle sich vor, ein Verleger würde verkünden, keine Ausländer, Juden oder Frauen zu verlegen – die Empörungswelle wäre wohl mindestens so unterhaltend wie die um Amazon :mrgreen: .

    • Bevor Missverständnisse aufkommen:
      Ich mag die Einstellung des Verlegers sehr. Nichts ist langweiliger, als die superangepassten und linken Mainstreamspießer. Mich wundert nur, dass eben jene noch nicht aufheult sind.

  3. „Hallo Deutschland – alles wird gut!“

    Wenn ein zerrupfter Hahn oder ein aufgescheuchtes Huhn,
    noch solch Optimismus auf den Weg bringt,
    der weit über Nina Ruge und Yvonne Ransbach hinauszugehen scheint,
    dann klingt „Kulturflüchter“ geradezu als Flucht nach vorne.

    Dem Gockel scheint es nicht an Humor zu mangeln.
    Eine spitze Federführung kann dieses Land allemal gebrauchen,
    wo Unsäglichliches alltäglich vom Stapel gelassen wird.
    Da muss man nur mal „Hallo Deutschland“ schauen.
    Eine Kollision nach der anderen, serviert mit einer perfiden Lust
    am Morbiden und Katastrophalen. Hauptsache es kracht.
    Und überall Blaulicht.

    Da denkt man unweigerlich auch an Sirenen, deren vielfache Bedeutung
    stets auch anziehend wirkte und wirkt.
    Eine geistige Abenteuerreise.
    Das möge man dem Kulturflüchter wünschen!

    Mit besten Grüßen aus dem heimischen Café

    S.E.D.

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