Steglitz stellt Ludger Menke mit „krimiblog“ u.a. vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Heute kommt Ludger zu Wort, der u.a. das Krimiblog pflegt. Vorgeschlagen hatte ihn Bettina Schnerr-Laube, die hinter Bleisatz steht.

Dein Steckbrief in Stichworten …

Vielen Dank an Dich, liebe Bettina vom Blog Bleisatz für das Weiterreichen der Staffel und Dir, liebe Gesine, dass ich hier zu Gast sein darf. – Die Stichworte: Mensch seit 1966 | Bibliothekar seit 1992 | DJ seit 1994 | Netzarbeiter seit 1999 | Blogger seit 2005 | Fortsetzung folgt (hoffentlich)

Seit wann, warum und wo bloggst du?

Eine Warnung: Sie hören jetzt eine „Opa erzählt vom Kaiser“-Geschichte.
Erste Gehversuche in Internet unternahm ich 1999 bei GeoCities und sammelte erste Foren-Erfahrungen bei Parsimony.net (beide Plattformen gibt es nicht mehr). Dort konnte ich 2002 auch erste  „Blog“-Erfahrungen sammeln, nur hieß das damals noch nicht „Blog“. Das „Nachtbuch“ war ein Experiment, persönlich angehauchte Texte online zustellen und zugleich einen Krimi-Nachrichten-Dienst anzubieten. Seit 2005 blogge ich mit WordPress-Installationen auf einem eigenem (gemieteten) Serverplatz. Und habe so die Freuden und Tiefen erlebt, die man als technischer Laie erleben kann. Datenbank-Crash, Datenverlust und – besonders beliebt – Hacker-Angriffe. Dennoch: WordPress ist klasse, ich habe beruflich auch mal Serendipity ausprobiert, hat mir aber nicht so zugesagt.

Ludger Menke ©  RTL Nord

Ludger Menke © RTL Nord

Stichwort Technik: Seit etwa zwei Jahren bin ich großer Tumblr-Fan, weil ich es sinnvoll finde, für jede mediale Form, die im Internet möglich ist (Texte, Fotos, Videos, Podcasts, Links, Zitate) eine eigene, mediale Aufbereitung im Blog zu haben. Der große Nachteil bei Tumblr: Es ist ein externer Anbieter in den USA, zwar kostenlos, aber man hat eben keinen Einfluss darauf, ob die Seite läuft oder die Server ausfallen. Zum Glück sind einige Webdesigner und Programmierer, die mit und für WordPress arbeiten, auf die Idee gekommen, solche unterschiedlichen Formatvorlagen auch für WordPress möglich zu machen. In einem meiner Blogs – den Krimi-Depeschen – kann man das erkennen.

Seit dem es für WordPress die Multsite-Funktion gibt, nutze ich die ausgiebig. Zur Erklärung: Bei einer Multisite-Installation muss man WordPress nur einmal aufsetzen, kann aber durch Subdomänen ganz viele, verschiedene Blogs anbieten. Man kann das bei meinem Krimiblog erkennen: Es gibt das Hauptblog krimiblog.de und dann eben die Krimi-Depeschen und die Attraktionen. Außerdem pflege ich als Tumblr-Fan das Blog tage-des-lesens.de, in dem ich in der Regel den ersten Eintrag des Tages blogge, als Aufwärm- und Schreibübung.

Deine Themenschwerpunkte …

Mein Aliasname Krimiblogger verrät es: Ich mag Krimis, Thriller, Spannungsromane und auch Schund. Was genau Krimi ist, kann ich nicht sagen, meine Blogs spiegeln auch meine Suche nach Definitionen und Begriffserklärungen wider. Im Laufe der Zeit bin ich vorsichtiger geworden, ein Buch als „Krimi“ zu bezeichnen. Daneben versuche ich aber auch über den literarischen Tellerrand zu schauen.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Durch die Krimi-Depeschen, die ich jetzt seit eineinhalb Jahren pflege, beschäftige ich mich viel mit den Unterschieden im deutschsprachigen und englischsprachigen Feuilleton. Für Krimileser ist der Blick nach England und in die USA wichtig und tatsächlich finde ich das Feuilleton im anglo-amerikanischen Raum vielseitiger, abwechslungsreicher, verspielter. Dort ist nicht alles toll, aber es gibt interessante Versuche, Literatur aufzubereiten und nachvollziehbar zu vermittelten. Deutsches Feuilleton besteht in Bezug auf Literatur vor allem aus Rezensionen und gelegentliche Autorenportraits, alles oft mit einem hohen Bildungsanspruch. Umfassendere, verständliche Texte, historische Abrisse, gute Grafiken, oder gar Texte von Lesern finden sich so gut wie gar nicht. Noch trostloser wird es, wenn ich in die Online-Ausgaben schaue. Was etwa die Süddeutsche Zeitung, die im Print ja durchaus eine gute Zeitung ist, im Online-Feuilleton bietet, ist in meinen Augen enttäuschend – um es freundlich auszudrücken. Schaut man hingegen auf die Feuilletons des Guardian, der New York Times oder auf so ein hervorragendes Online-Feuilleton wie Los Angeles Review of Books, findet man Leserrezensionen, anspruchsvolle Bilderstrecken, spannende Grafiken, umfassende Autorendossiers oder einfach auch mal die Einbindung von Tweets.

Das Netz bietet so viele neue Formen  und Möglichkeiten des Erzählens  – auch und gerade für Literaturkritik und die Auseinandersetzung mit Literatur. Dazu kommt oft eine visuell enttäuschende Umsetzung der Texte. Deutsches Feuilleton ist immer noch Bleiwüste, auch online. Dabei möchte ich ansprechende, lustvolle, geistreiche Texte in einem schönen Layout sehen. Gerade bei längeren Texten braucht man das doch: Gliederung, Zwischenüberschriften, eingerückte Zitate, eine gut lesbare Schriftart.

Fast schon peinlich finde ich manche Versuche von Zeitungsredaktionen, auf Krampf Videos abzuliefern. Als jemand, der hauptberuflich seit fast 20 Jahren beim Fernsehen arbeitet, muss ich einfach sagen, dass vieles davon scheußlich aussieht, matschig gedreht wurde, einen furchtbaren Ton hat und lieblos zusammengeschnitten wurde, wenn überhaupt jemand sich die Mühe des Schnitts gemacht hat. Wenn Blogger Videos mit ihrer persönlichen, authentischen Art drehen ist das etwas völlig anderes – eben authentisch und glaubwürdig – als wenn ein hauptberuflicher Rezensent seinen Monolog vor einer Bücherwand abfilmen lässt.

Dich treibt so einiges um …

Oh, es gibt noch so viel, – die Nicht-Kommunikation, die Ignoranz gegenüber Genre-Literatur, die Rückkehr der Buchillustrationen und schöne Bücher, die inszenierten Skandälchen, aber Deine Leser wissen sicher, worüber ich schreibe. Und ich möchte nicht langweilen.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Die üblichen Verdächtigen: Facebook, Google+, seit kurzem auch bei Pinterest, und vor allem Twitter. Ich mag Twitter sehr, es ist auf den ersten Blick oberflächlich, quatschig, schnell. Mit entsprechenden Helfern und der Bereitschaft zur Kommunikation kann man aber viel mit Twitter gewinnen. Ich habe zum Beispiel einige interessante Kontakte zu Autoren, gerade auch aus dem anglo-amerikanischen Raum, durch Twitter knüpfen können.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Kokett könnte ich sagen, es steht mir nicht zu, dass zu sagen. Aus eigener Erfahrung: Lasst  das Pöbeln. Ich habe früher gerne mal einen „Rant“, wie man das heute in der Onlinewelt nennt, losgetreten. In der Regel verlierst Du damit nur. Du magst vielleicht für einen Moment Aufmerksamkeit bekommen, aber randalierst Du öfter, wirst Du schnell in die Motz-Ecke gestellt und längerfristig verlierst Du Leser. Persönlicher Streit hat nichts in Blogs zu suchen. Was nicht heißt, dass ich jetzt nie wieder einen Rant lostreten werde. Wenn es etwas gibt, worüber ich mich richtig aufrege…

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Von Rechtsstreitigkeiten oder Urheberrechtsklagen bin ich bislang zum Glück verschont geblieben. Aber Du musst damit rechnen, selbst wenn Du alles nach besten Wissen und Gewissen machst, das ein Abmahn-Anwalt auf der Matte steht. Bloggen kann – und das sollte man sich klar machen – nicht nur Zeit kosten, es kann auch Deinen Bankkonto belasten.

Immer wieder wird ja auch Ausdauer angemahnt – blogge regelmäßig! Ich sehe Blogs eher als zeitlich begrenzte Publikationsformen. Das machst Du halt mal für ein, zwei Jahre, manche auch länger und dann lässt Du es ruhen, weil Deine Interessen sich verändert haben, Du Vater oder Mutter geworden bist, eine Wohnung renovieren musst – was auch immer. Blogs sind nicht starr, sie leben, verändern sich, sterben. Das gehört dazu und solange man das als Blogger halbwegs offen und transparent macht, finde ich das sehr in Ordnung. Man nennt es, glaube ich, Leben.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Darf ich auch zwei?

Du darfst auch zwei …

Mein E-Mail-Wechsel mit dem wunderbaren Joseph Hansen, einem US-amerikansichen Krimiautor, der mit seinen Dave-Brandstetter-Krimis einen authentischen, schwulen Serienhelden erschaffen hat. Und eine faszinierende Begegnung mit Magdalen Nabb, einer sympathischen, intelligenten englischen Autorin, die in Florenz lebte, kluge Krimis schrieb und einen Briefwechsel mit George Simenon führte.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Wenn ich vorher kontaktiert werde, wäge ich ab, ob ich es schaffe, das Buch zu besprechen. Oft lehne ich freundlich ab, immer mit dem Hinweis, dass ich als Einzelkämpfer eben nicht alles lesen kann. Habe ich ein Rezensionsexemplar bestellt und bespreche das Buch dann nicht, dann plagt mich mein schlechtes Gewissen.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self-Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Genauso wie mit traditionellen Verlagen. Da mache ich keinen Unterschied.

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Mittlerweile habe ich meinen zweiten Kindle, ich habe ein iPad geschenkt bekommen und auf allen Rechnern, die sich in meinem Haushalt befinden, sind Lese-Apps installiert. E-Books sind eine gute Ergänzung, gerade auf Reisen. Und ja: Wenn ich ein Buch auf dem Kindle habe und es mir gefällt, dann kaufe ich durchaus auch noch die Print-Ausgabe, oder umgekehrt. Da wäre es schön, wenn sich Verlage ein Beispiel an Haffmans & Tolkemitt nehmen würden. Deren Hardcoverplus (du kaufst das gedruckte Buch und bekommst das E-Book kostenlos dazu) finde ich einen guten Ansatz.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Die schwierigste Frage, denn es gibt so viele, tolle Blogs! Ich mag das Zeilenkino, das recht junge Blog crimenoir und Pflichtlektüre für Krimileser ist The Rap Sheet. Neu und leider nicht immer zu erreichen ist 54books.de. Da geht es nicht um Krimis, sondern um die vielen, ungelesenen Bücher, die man im Regal hat. Eine schöne Idee!
Mehr erfahren sollten Deine Leser über den Macher von Krimikultur:Archiv, weil der noch viel, viel mehr über Krimis weiß als ich.

Danke vielmals, Ludger! Hat gar nicht weh getan, die Geschichte „Opa erzählt vom Kaiser“ …

Vielen Dank, dass ich hier sein durfte.

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Zuletzt stellte sich Ilja Regier mit Muromez vor. Seine Wunsch-Interviewpartnerin war Frintze. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier

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12 Kommentare zu “Steglitz stellt Ludger Menke mit „krimiblog“ u.a. vor

  1. Pingback: #VerschämteLektüren (20): Der Krimiblogger mag es auch mal cozy – Ludger Menke und Inspector Jury. – Sätze&Schätze

  2. Gefällt mir sehr, das Interview bzw. die Antworten. Auch der Hinweis, dass man jenseits von Deutschland einen weiteren Horizont hat, was Inhalte und Aufmachungen von Feuilletons angeht, vor allem im Online-Bereich. Das Beispiel mit der Los Angeles Review of Books ist perfekt!

  3. Es ist auch eine Frage des Masses (jawohl, sehr geehrte Damen und Herren Deutsche und Österreicherinnen: zwei „s“, nicht Euer hässliches „ß“!) – sicher eine Frage des Masses also, aber im Zweifelsfall ziehe ich eine Bleiwüste einem Klicki-Bunti-Smarties-Dschungel vor …

    • Bildstrecken, die nur den Sinn haben, Klicks zu generieren, sind furchtbar. Bildstrecken, die hingegen einem choronologischem Erzählen dienen, auch im Gegensatz zum „sprunghaften“ Hypertext, wie ihn das Internet bietet, können durchaus sinnvoll eingesetzt werden. Da werden, denke ich, oft noch nicht alle Möglichkeiten ausgelotet und eingesetzt.
      Herzliche Grüße

    • Für das „unter Umständen“ bin ich Ihnen sehr dankbar. Denn man kann es natürlich auch umdrehen: Wer Bleiwüsten ins Internet stellt, ist unter Umständen einfach nur zu faul, sich Gedanken über Textstruktur und Lesbarkeit zu machen. Glücklicherweise bleibt es Spekulation.

  4. Pingback: frauenkrimis.net – KrimiMeldungen 18032013

  5. Schönes Interview und vielen Dank für die Erwähnung!
    Eigentlich sollte mein Blog aber fast immer zu erreichen sein, sollte es da Probleme geben einfach eine Nachricht an mich und ich kümmere mich drum.
    Beste Grüße
    54books

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