Steglitz stellt Dieter Paul Rudolph mit „Krimikultur: Archiv“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Dass wir heute Dieter Paul Rudolph etwas näher kennenlernen, der das Krimikultur: Archiv pflegt, hatte Ludger Menke vorgeschlagen, der u.a. das Krimiblog verantwortet.

Dein Steckbrief in Stichworten …

Dieter Paul Rudolph, 1955 geboren, Alter bitte selbst ausrechnen; im Wahn der Jugend Germanistik studiert, später – siehe unten – die IT-Branche gerockt. Immer schon geschrieben, Prosa und Literaturwissenschaftliches; seit 2005 Blogger und Krimikritiker, seit 2008 zudem gedruckter Krimiautor, eine teuflische Kombination.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

© Dieter Paul Rudolph

© Dieter Paul Rudolph

Ende des vorigen Jahrtausends – wir erinnern uns: Internetblase – habe ich meinen Horizont durch eine Ausbildung zum Multimedia-Entwickler erweitert, mit dem Schwerpunkt auf multimediale Lernanwendungen. Zur gleichen Zeit kam ich in Kontakt zu hinternet.de, einer der ersten und alterwürdigsten Internetillustrierten („Pop, Kultur und Pommes…“). Mein erstes Projekt war ein Fortsetzungskrimi mit dem Titel „Die Pfauenfeder“, daneben immer wieder Rezensionen von Rockmusikbüchern, vorzugsweise aus dem englischsprachigen Raum. Tja – und irgendwann trug man mir einen Blog an, das war im Februar 2005, um genau zu sein. Einen Krimiblog, den ich nach einem schönen Song von Elvis Costello „Watching the Detectives“ nannte und von dem ich damals nicht wusste, wie er sich entwickeln würde.

Nun, er hat sich prächtig entwickelt. Bis Ende 2012 habe ich fast täglich etwas gebloggt, Rezensionen, Satiren, Informationen, längliche Aufsätze… Parallel dazu entstand das „Krimikulturarchiv“, quasi als Sammelbecken wichtiger Arbeiten befreundeter Autoren. Anfang 2013 dachte ich mir, es sei nun an der Zeit, „Watching the Detectives“ Adieu zu sagen und meine Aktivitäten auf das „Krimikulturarchiv“ zu konzentrieren. Daneben gab und gibt es immer wieder andere, zumeist zeitlich begrenzte Blogprojekte, zuletzt der Endloskrimi „Das Edwin-Drood-Projekt“, immerhin 600 Folgen (ca. 1000 Normseiten) stark. Jeden Tag eine.

Und, warum …

Hm, warum ich blogge? Ich hab nix anderes gelernt… Nein, im Ernst: Weil es mir Spaß macht und einigen LeserInnen offensichtlich auch. Weil ich das Genre „Krimi“ nicht den „Krimimimis“ oder den professoral steifen Krimiverstehern überlassen möchte. Weil ich mit fortschreitendem Alter die Welt immer mehr als „schlechten Krimi“ wahrnehme…

Mir ist es von Anfang an auch darum gegangen, so etwas wie „Krimikultur“  zu unterstützen. Zum Beispiel durch das „Krimijahrbuch“, das zwischen 2006 und 2009 immerhin viermal erschienen ist, oder die Seite alte-krimis.de mit Faksimiles von Krimis aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Hier war Bloggen als PR-Motor äußerst hilfreich. – Und, ich gestehe es: Weil ich etwas zu verkaufen habe, nämlich meine eigenen Krimis. Wer ne Bude auf’m Markt hat, muss auch mal schreien (frei nach Arno Schmidt).

Als Medium bevorzuge ich WordPress. Kostet nix, geht einfach, nette Statistiken.

Deine Themenschwerpunkte …

Hm, Krimis? Gar nicht so leicht zu beantworten. Ich habe mir wie schon erwähnt angewöhnt, die Merkwürdigkeiten der Welt grundsätzlich jeweils als „Krimi“ zu lesen. Die Barmherzigkeitskultur, die man uns übergestülpt hat und für die alle gefälligst dankbar sein sollen, die unverfrorene Umverteilung von unten nach oben (von „Bankenkrise“ über „Tafeln“ bis „Aufstocker“), die kleinen Lügen des Alltags… alle Dinge eben, die ich „schlechte Krimis“ oder „true crime“ nenne und die ich neben den literarischen Erzeugnissen ebenfalls thematisiere.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Zwei Dinge, die ich mit Interesse verfolge und die eigentlich zusammenhängen: die Entwicklung des E-Books und die sogenannten „Indies“ oder Selbstverleger. Da ich ebenfalls dazugehöre (was nicht heißt, dass ich nicht auch bei Verlagen veröffentliche), betrifft es mich auch direkt. Vor allem die allmähliche Konturierung des „Marktes“, das Trennen von Spreu und Weizen, der Aufbau von Strukturen, Autorenkooperativen und so weiter. Auch hier habe ich mir erlaubt, mich einzumischen und mit KollegInnen die Reihe „Schundheft!“ gestartet. Kleine, schmierige Genreheftchen als Print- und E-Book, in denen man mal so richtig die Unterhaltungssau rauslassen kann, ohne vorher sein Gehirn entkernt haben zu müssen.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Ach, eigentlich nur über Facebook. Ansonsten bin ich so arrogant zu behaupten, dass mich die Leute, für die ich schreibe, seit 2005 eigentlich kennen sollten. Twitter ist nichts für mich, das lasse ich lieber.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Mach was du willst, aber bitte schön auf eigenes Risiko. Provoziere ruhig gewisse Leute (eine Spezialität von mir anscheinend…), aber brich nicht in Tränen aus, wenn du selbst angegangen wirst. Nicke nicht alles ab, nur weil es alle abnicken. Tue niemandem vorsätzlich weh, aber rechne damit, dass du jemandem wehtun musst. Ich verstehe es, wenn mich AutorInnen, deren Bücher ich negativ bespreche, „hassen“. Aber meistens lobe ich und versuche, für gute Bücher möglichst viele gute Leser zu begeistern. Ach ja, ganz wichtig: Nimm die Sache ernst, aber nicht unbedingt dich selbst.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Konkrete Schwierigkeiten gibt es natürlich immer. Als ich mit dem Bloggen anfing, galt diese Zunft als ein Sammelbecken für Leute, die „zu schlecht für die Zeitung“ waren (ein ähnliches Phänomen erleben wir gerade auch mit den Selbstverlegern), Dilettanten eben. Dieses Misstrauen zwischen den „Profis“ in den Zeitungsredaktionen und den Bloggern gibt es wohl noch immer, der Konflikt hat sich aber abgekühlt – nicht zuletzt, weil die Blogverächter von gestern längst die Blogger von heute geworden sind. Oder es wenigstens versuchen.

Man kann das als Blogger stoisch hinnehmen, was allerdings nicht meine Art ist. Allgemein hat die „Streitkultur“ nachgelassen, die Diskussionen werden weniger, oft äußert man sich nur noch via Facebook, indem man einen Artikel „liked“. Finde ich schade. Im nichtdigitalen Leben bin ich durchaus harmoniesüchtig; die Wohlfühlatmosphäre in gewissen Blogs und das bisweilen Belanglos-Private („Bin gerade aufgestanden und muss gleich aufs Klo“) bei Facebook ist aber nicht mein Ding.

Ansonsten? Ich musste einmal schleunigst ein paar Kommentare rausnehmen, die über Nacht gekommen waren und in denen konkrete Personen übelst beleidigt wurden. Außerdem durfte ich feststellen, dass man sich durchaus „Feinde“ machen kann, ohne es wirklich zu wollen und ohne jemals mit diesen Leuten in Kontakt gekommen zu sein. Die verfolgen einen dann getreulich und hinterlassen ihre Häufchen überall im Netz.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Allgemein: Ich habe über das Bloggen einige sehr nette und liebe Leute kennengelernt. „Normale“ LeserInnen, KritikerInnen und AutorInnen. Schöne und spannende E-Mail-Korrespondenzen haben sich entwickelt, man hat sich in Frankfurt auf der Buchmesse getroffen, sich gegenseitig geholfen und getröstet, konnte Tipps geben oder etwas vermitteln … so soll es sein.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Es gibt eine Handvoll Verlage, die mich seit Jahren automatisch mit ihren Neuerscheinungen bestücken. Gottlob sind es Verlage, deren Bücher ich meistens gerne bespreche, kleinere Häuser wie Ariadne, Pendragon oder Pulp Master. Generell gilt aber: Selbst wenn ich ein Buch anfordere, bedeutet das nicht, dass ich es auch besprechen werde – und schon gar nicht garantiert positiv. Wenn mir ein Buch nichts zu sagen hat, habe ich auch nichts darüber zu sagen.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Selfpublisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Ich habe schon explizit darum gebeten, dass mir Selfpublisher ihre Titel zuschicken. Sie werden genauso behandelt wie Verlagsbücher.

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Feine Sache. Als Leser mag ich die rasche Verfügbarkeit. Früher habe ich auf längeren Zugfahrten ein Buch mitgenommen und dann festgestellt, dass ich es eigentlich gar nicht lesen will. Heute habe ich meinen Reader dabei und suche mir etwas Passendes aus. Da ich keineswegs „bibliophil“ bin (ich schreibe auch schon mal mit Kugelschreiber Anmerkungen in teure Bücher – und ich meine jetzt nicht Bücher für 20 Euro!), interessiert mich das vielbeschworene „Haptische“ überhaupt nicht. Inhalt, that’s it!

Aber mit dem E-Book ist natürlich noch etwas anderes, vielleicht sogar Revolutionäres verbunden: Jeder kann heutzutage seine eigenen E-Books produzieren und auf Plattformen anbieten. Der Teufel in mir raunt gerade: Ja, genau das tut offensichtlich auch jeder! Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir am Anfang einer Umwälzung dieses ganzen pervertieren „Buch- und Literaturmarktes“ stehen. Die einzigen, die bisher in der Regel nicht von Büchern leben können, sind die Autoren. Was weniger an den Verlagen liegt, die den Autoren nicht mehr zahlen können, weil der größte Teil des Umsatzes von Groß- und Kleinhändlern abgeklemmt wird. Mag sein, dass die auch nicht anders können, aber „gesund“ finde ich das nicht. Durch Selbstvermarktung werden sich die Kräfteverhältnisse allmählich verschieben. Wer als Verlag nicht rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkennt, wird scheitern. Es werden sich neue Formen von Kooperativen (ich darf noch einmal auf die „Schundhefte“ verweisen…) bilden, viele Buchhandlungen werden dichtmachen müssen (vor allem solche, die sowieso längst zu Gemischtwarenläden und Bestseller-Verkaufsstationen verkommen sind). Natürlich wird es nach wie vor eine Zweiteilung des Marktes geben: Hier die Bücherunmengen des Mainstream, dort die kleinen Auflagen der Widerspenstigen. Aber die neuen Formen bedeuten auch neue Chancen. Man muss sie nur nutzen – sonst bleibt alles wie es ist.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Oh je! Ich bin eigentlich ein Kreuz- und Querleser ohne wirkliche Stammblogs… Natürlich muss ich Ludger Menkes Krimiblog zu allererst nennen, weil er mich seit 2005 treu und brav begleitet. Und die fundierten Meinungen von Martin Compart zum Genre und überhaupt zum Verbrechen. Sehr informativ auch Die Webagentin. Als erfreuliches Beispiel dafür, dass selbst Printjournalisten prima bloggen können, seien die Blogs der „Stuttgarter Zeitung“ genannt.

Aber das Stöckchen fliegt natürlich zum unglaublichen Guido Rohm, Deutschlands begabtestem Schund-, Blut- und Schmierautor seit O.M. Gott und Hans I. Glock, und seinen gestammelte Notizen!

Danke sehr! Und da ich bei den „Schundheften“- gefällt mir übrigens sehr – auf einen speziellen „Kampf der Geschlechter“ gestoßen bin, eine Anmerkung zum derzeitigen Genderverhältnis innerhalb dieser Gesprächsreihe: Mit deinem Beitrag zogen die Männer mit den Bloggerinnen wieder gleich auf. Aktuell steht es 24:24.

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Zuletzt stellte sich Ludger Menke mit Krimiblog u.a. vor. Sein Wunsch-Interviewpartner war: dpr = siehe oben. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier

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3 Kommentare zu “Steglitz stellt Dieter Paul Rudolph mit „Krimikultur: Archiv“ vor

  1. Tach auch,

    ich bin froh, dass ich auf dieses Blog gestoßen bin und bin auch der Meinung, dass es ein gut gelungenes und interessantes Interview ist. Und mir gefällt die Grundidee der Interviewreiehe.

    LG

    Christiane (Texthase Online)

  2. Pingback: Bibliophil? Ich? « Krimikultur: Archiv

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