Die formvollendete B(r)uchlandung der Pappritz. – Ein Paradebeispiel

Derzeit beschäftigen mich gute Formen. Nein, keine Fragen des Designs, sondern solche des Anstands und der guten Sitten. Anfangs dachte ich mir noch, was für ein dröges Thema. Wen interessiert das? Anstand ist so was von gestern. Die Dame ist aus dem hiesigen Wortschatz nahezu verschwunden und Frauen, die sich noch von einem Kavalier in den Mantel helfen lassen, plagt die Frage, ob die galante Geste sich mit dem Grad ihrer Emanzipation verträgt. Selbst das „Sie“ befindet sich im Gefolge der Studentenbewegung seit Jahrzehnten auf dem Rückmarsch. Anstand ist out! Da brauchen wir aktuell doch nur nach Bayern zu schauen…

Die Erstausgabe 1956 © gefunden bei booklooker

Die Erstausgabe 1956 © gefunden bei booklooker

Nach anfänglichem Zaudern roch ich allerdings bald Lunte. Denn die Frage danach, über welche Sitten in den Zeitläuften Konsens bestand, verweist direkt auf den jeweils herrschenden Zustand der Republik. Bisweilen legen die Antworten einen Finger auf Wunden, ein anderes Mal decken sie Untiefen auf, die die Etikette kaschieren sollte. Häufig muss man herzhaft lachen, ganz einfach weil der Lack ab ist. Bisweilen ist man auch darüber erstaunt, warum das, was gestern noch ein Skandal war, heute Gepflogenheit ist. So ist es mir jedenfalls ergangen als ich im Zuge meiner Recherchen auf das „Buch der Etikette“ nebst einem Fräulein Pappritz stieß, welches die Nachkriegspresse zur „Anstandsdame der Nation“ und „Hofmarschallin der guten Sitten“ ernannt hatte.

Hoppla, dachte ich mir, diese Besteller-Geschichte aus dem Biedermeier der Adenauer-Ära kommt für SteglitzMind wie gerufen. Ich nahm die Fährte auf. Am Ende meiner Beschäftigung mit dem Fräulein stand die Einsicht, dass die Verlage vor 57 Jahren auch nicht viel anders tickten als heute. Wohl hielten Öffentlichkeit, Politik und der Literaturbetrieb in den 50er Jahren das noch für skandalös, worüber sich längst keiner mehr aufregt, weil es in den Verlagen heute Standard ist. – Doch der Reihe nach …

Wer, bitte schön, ist Fräulein Pappritz?

Erica Pappritz wurde als einziges Kind eines Dragoner-Rittmeisters am 25. Juni 1893 geboren. Von einer Zäsur zwischen 1945 und 1949 abgesehen, tat sie ab April 1919 ununterbrochen Dienst im Auswärtigen Amt; ab 1929/30 als Leiterin des Referats für Zeremoniell und Rangfragen in der Protokollabteilung. Nach 1949 baute sie mit Hans Herwarth von Bittenfeld, dem damaligen Leiter des Arbeitsstabes für das Protokoll und späteren Chef des Protokolls im Auswärtigen Amt, das offizielle Protokoll der Bundesregierung auf. Nach der Wahl des ersten Präsidenten der Bundesrepublik soll sie das Ehepaar Heuss für das gesellschaftliche Parkett fit gemacht haben. 1952 wurde sie zur Vortragenden Legationsrätin ernannt und damit zugleich die ranghöchste Beamtin im Auswärtigen Amt. Die Pappritz, der man in Anlehnung an einen Adligen, der sich um gute Formen verdient gemacht hatte, zu Lebzeiten mit leichter Hand ein „von“ andichtete, ist 1972 in Bonn verstorben.

Ausführlich über ihr Leben und Wirken informierte am 20. März 1957 der SPIEGEL-Titel „Der Fluch der Etikette“ mit einem Bild der Protokollchefin in vollem zeremoniellen Ornat. Einen Eindruck davon, wie diplomatisch die stellvertretende Protokollchefin mit den guten Formen hantierte, vermittelt ein Bericht über den Staatsbesuch des äthiopischen Kaisers Haile Selassie I., der in Bonn im November 1954 stattgefunden hatte:

Die größten weiblichen Triumphe feierte unbestritten die Herzogin von Harrar, 23, Mutter eines siebenjährigen Kindes und Schwiegertochter des Kaisers. Carlo Schmid: ‚Die Prinzessin hat ein Häutle von Samt.‘ Ihre Garderobe war Gegenstand uneingeschränkter Bewunderung. In der Redoute trug sie ein weißes Fehencape. Und zum Frühstück im Palais Schaumburg, am zweiten Tag des Staatsempfangs, hatte sie eine Garderobe gewählt, die geeignet gewesen wäre, die Sinne der männlichen Frühstücksgäste zu verwirren. – Die Dame des Protokolls, von der die Prinzessin auf dem Petersberg abgeholt werden sollte, stürzte angesichts dieser Garderobe erschreckt ans Telephon. Erica von Pappritz wußte, wie stets, Rat. Man möge der Prinzessin ans Herz legen, es ziehe im Mercedes 300 und es sei kalt, es sei kühl im Palais Schaumburg. Am besten sei es, sie würde etwas Warmes unterziehen. Und so geschah es, ohne daß die Reize der Prinzessin allzu bedrohlich geschmälert worden wären.“ – So stellte der SPIEGEL am 11. November 1954 die Episode im Bericht „Hoheit lassen bitten“ dar.

1956 erschien das „Buch der Etikette“ im Perlen-Verlag. Das Cover zierten zwei Namen: Der ehrenwerte Name der Pappritz und als weiterer Name der von Karlheinz Graudenz, den der Verlag als „Weltenbummler“ ausgeben hatte. Eine Liaison mit Folgen. Denn ab sofort sollte der Fluch der Etikette seinen Verlauf nehmen…

Ein Skandal und seine Folgen

Es vergingen einige Monate, dann erregten sich die Medien über eine Täuschung, die dem Perlen-Verlag angelastet wurde. So die ZEIT, die am 7. März 1957 süffisant titelte „Tut eine Dame so etwas?“, um im Literaturteil weitere kritische Fragen aufzuwerfen:

Eine Perle unter seinen Publikationen zu haben, ist verständliches Bestreben jedes Verlags, und er erreicht es damit, daß er sich, wenn nicht einen guten, so doch einen prominenten Autor beschafft, dessen Name wenigstens „zieht“. Diese kleine Täuschung mag noch hingehen, aber darf man Käufer locken mit dem Namen eines prominenten „Autoren“, der das betreffende Buch gar nicht geschrieben hat?

Tatsächlich stammte von Karlheinz Graudenz nicht nur die Idee, dass sich der Name der stellvertretenden Bonner Protokollchefin auf einem Benimm-Buch gut machen würde. Vielmehr hat der vermeintliche Weltenbummler auch das Manuskript zu weiten Teilen alleine geschrieben. Nicht verbürgt ist, ob die viel beschäftigte Protokolldame ihr Werk autorisiert, geschweige denn, ob sie es jemals überhaupt gelesen hat. Verbürgt hingegen ist, dass der Spiegel im Jahr darauf über den Co-Autoren Graudenz in Erfahrung gebracht hatte, dass er unter Pseudonym den Text zum Schlager „Die alte Klofrau“ verfasst hatte.

Zur Ehre gereichte der Anstandsdame, die sich öffentlich zumeist mit Monokel präsentierte, das 509 Seiten starke Benimm-Buch wohl kaum. In der ZEIT mokierte sich Josef Müller-Marein über den „falschen guten Ton“ der Legationsrätin („Symptom Pappritz“) und einen „Wälzer […] zum hochwohllöblichen Gebrauch für Snobs“. Doch nicht nur die Medienvertreter taten konsterniert. Die rheinischen Karnevalisten ergötzen sich an den Benimmregeln und Karikaturisten ließen sich davon  inspirieren. Auch darüber wusste der SPIEGEL am 20. März 1957 zu berichten:

Im Nu hatten sich die rheinischen Karnevalisten der ausgefallensten Anstandsregeln bemächtigt, etwa dieser: ‚Die Unterwäsche (machen wir es kurz) – sei kurz! Lange Unterhosen bleiben unmännlich und häßlich, auch wenn sie kaum jemand sieht.‘ Auf dem Bonner Marktplatz schnitt eine monokelbewehrte Pseudo -Pappritz vor jubelndem Karnevalsvolk die Hosenbeine von langen Herren-Unterhosen ab. Die Karikaturisten ließen sich durch eine andere Passage des Buches zu Witzen inspirieren: ‚Während und nicht erst nach der Benutzung (der Toilette) wolle man sich der berühmten Kette bedienen. Dieses Gesetz gilt um so eiserner, je kleiner und hellhöriger die Wohnung ist. Danken wir der Technik, daß sie uns mit der Wasserleitung ein Mittel zur diskreten Neutralisierung unerwünschter Geräuschkulissen in die Hand gegeben hat!“ Die Kette der Wasserspülung avancierte im Bonner Jargon prompt zur ‚Eti-Kette‘“.

Damit war das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Binnen kürzester Zeit machten sich weite Teile der Republik über die Anstandsregeln aus der Protokollabteilung des Auswärtigen Amts lustig …

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Zur Fortsetzung „Des einen Schadenfreude ist des anderen reinste Freude …geht es hier

Im „Buch der Etikette“ kann man übrigens hier stöbern. Ich empfehle die „Kritischen Fragen“. So zum Beispiel in diesem Kapitel die Darlegungen „Suche einen Lebenspartner“, in denen es u.a. heißt: „Männer träumen von einer Frau, die schön wie ein Glamour-Girl, reich wie eine Konzernerbin, intelligent wie Madame de Staël ist. Und kochen können soll sie nach Möglichkeit wie die eigene Mutter dereinst zu Hause. –  Frauen wünschen sich den strahlenden Helden eines Wildwestfilms, der das Gemüt eines Bernhardiners mit dem Bankkonto des „Mr. 5%“ vereint.“

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9 Kommentare zu “Die formvollendete B(r)uchlandung der Pappritz. – Ein Paradebeispiel

  1. Eine Frage geht mir spontan durch den Kopf:
    War Erica Pappritz verheiratet?
    Ihr Foto von der „Spiegel“-Titelseite hinterlässt eine gewisse Spur
    des Grauens.
    Tochter von Rittmeister, wäre auch zweifellos gut bei Edgar Wallace
    aufgehoben gewesen.

      • Es tut soweit etwas zur Sache, als es der Versuch ist,
        einen Menschen zu verstehen.
        Da Erica Pappritz im Mittelpunkt des Artikels steht,
        interessiert mich, wie es ein Mensch schaffen konnte,
        eine dermaßene Kontinuität aufs Parkett zu legen.

        Ich sage nur, Weimarer Republik, das verkürzte Tausendjährige Reich
        und seine gewaltige und gewalttätige Etikette, dann „hopps“,
        der Sprung ins Wasser der jungen Demokratie, die sich ja etwas
        anderes auf die Fahnen geschrieben hatte, als es seit 1933 galt.

        Solche Sprünge kommen ohne Schnittmengen nicht aus,
        erfordern viel Kraft und Aufwand.
        Eine verheiratete Frau, womöglich mit Kindern gesegnet,
        hätte sie damals solche Energieleistungen vollbringen können?
        Wäre das überhaupt von der gesellschaftlichen Etikette her
        erlaubt und machbar gewesen?

  2. Meine sehr bescheidene Meinung : Ghostwriting mit / für prominente(n) Namen, denen es vermutlich selbst an den grundlegenden Fähigkeiten fehlt, einen Satz geradeaus und richtig zu schreiben, ist nicht in Ordnung. Es ist schlicht Betrug. Allerdings ein wohl seit langem üblicher, den das Publikum entweder nicht wahrnimmt oder nicht wahrnehmen will. Es gehörte auch heute skandalisiert, damit bräche aber wohl ein lukrativer Markt ein, denn es werden wohl mehr Ratgeber und Sachbücher verkauft – und genau die sind ja anfällig für das Ghostwriting – als Belletristik.

  3. Eine wunderbare Präsentation. Ich bin gespannt auf den 2. Teil. Man merke: Auch an „alten“ Werken kann man sich erfreuen.

    Viele Grüße
    Annegret

  4. – Vortragende Legationsrätin? Ist das noch besser als dem ollen Goethe sein Geheimer Legationsrat?
    – Knigge hat man das „von“ m.W. auch zu Unrecht angedichtet.
    – Meine Mutter konnte nicht kochen. Das war wohl in den 50ern nicht vorgesehen.

  5. ich danke ergebens; habe diese kolumne mit einem gewissen grinsen auf den lippen gelesen, war ich doch opfer einer strengen hambuger mutter, die auf etikette viel wert legte. umso entschlossener legten wir jungs nach unserer nestflucht das entsprechend gegenteilige zutage.

    mit besten grüßen vom nerg, anner griem

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