Best of: Verlagsabsagen – Das Problem mit den Socken

Verlagsabsagen können einen heftig vor den Kopf stoßen; sie sind aber längst kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Nehmen wir zum Beispiel Thorsten Nesch, der mit seinem vergnüglichen Drei-Teiler „Von Musterabsagen und Meisterabsagen“ hier einen Anfang für eine kleine Blütenlese „Best of: Verlagsabsagen“ gemacht hat. Wie andere auch nahm er die Absagen sportlich und jene seiner Publikationen in die eigene Hand, die Verlage nicht verlegen mochten.

Nikola Hahn – die das Procedere heute aus der Sicht jener betrachtet, die abschlägige Bescheide verschicken – ließ sich ebenfalls nicht unterkriegen. Vielmehr nahm sie die Absage eines Verlages sogar zum Anlass, um einen eigenen Verlag zu gründen – und zwar einen Verlag ohne Bücher! Unter dem Leitgedanken „Lieber Autor, ich bedauere, aber Bücher passen leider nicht in unserer Verlagsprogramm! Mit vielen Grüßen Ihr Verleger“ ging Thoni – der Verlag ohne Bücher im September 2011 bei blog.de und blogspot.com als interaktives Schreibprojekt an den Start. – Und ich empfehle Euch, dort zu stöbern und zu lesen.

Hinter dem Kabinettstücken stand die Idee, den Umbrüchen in der Buchbranche mit Hilfe eines Personenensembles ein Gesicht zu geben. Die abgefahrene Geschichte rund um einen Verleger namens DER VERLEGER, die eigentlich nichts anderes als eine Hommage an das Buch und das Lesen ist, beendete Nikola nach sieben Monaten. Und  zwar deshalb, um nun den Thoni Verlag mit Büchern zu gründen. Das erste Programm auf Papier und als E-Book stand im Oktober 2012 auf eigenen Beinen: Bücher & Kunst von Nikola Hahn. – Ich sage Nikola danke für ihren Beitrag und Petra Samani für zwei Paar Socken via Twitter.

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Das Problem mit den Socken. Oder: Von der Schwierigkeit ein Manuskript loszuwerden

Am Anfang aller Träume steht eine Idee – die Idee, zur schreibenden Zunft zu gehören. Die Idee wird mit Begeisterung und Schaffenskraft umgesetzt und in ein mehr oder weniger umfangreiches Manuskript gegossen. Nach der ganzen Plackerei wartet schließlich der Erfolg: die Veröffentlichung des Werkes, Anerkennung, Lob und bare Münze. Denkt man.

Spätestens, wenn der Postmann zum zehnten Mal klingelt und dem angehenden Bestsellerautor sein hoffnungsfroh verschicktes Päckchen wieder in die Hand drückt, verwandeln sich die rosarotesten Träume in schwarze Gewitterwolken, die sich je nach Mentalität des verkannten Autors oder der verkannten Autorin in Tränenausbrüchen, Wutanfällen, Depressionsschüben oder Selbstzweifeln entladen.

Absagebriefe von Verlagen sind eine Kollektiverfahrung angehender Schriftsteller und ein empfindlicher Schlag in ihr Inneres, mit dem sie erst einmal fertig werden müssen. Dass diese Schreiben im Computerzeitalter in über 90% der Fälle genormte Massenprodukte sind, die sich bestenfalls im Briefkopf des absendenden Verlages unterscheiden, erhöht ihre Folterwirkung auf die Seele eines Schreiberlings eher, als dass es sie mindert, denn ein Manuskript, an dem man mit aller Kraft Monate oder sogar Jahre gearbeitet hat, mit einem nichtssagenden Formbrief zurückzubekommen, muss als Missachtung verstanden werden. Denkt man.

Spätestens, wenn sich die Gelegenheit ergibt, mit Leuten zu reden, die „auf der anderen Seite“ stehen, kommen Zweifel. Aber wie macht man die jemandem verständlich, der schon das zweite oder dritte Dutzend Absagebriefe in der Hand hält und immer noch nicht weiß, warum sein Manuskript wirklich abgelehnt wurde? Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, über so ein emotional belastetes Thema objektiv zu sprechen? Ich glaube, ja. Und zwar dann, wenn es gelingt, in Büchern das zu sehen, was sie sind: Verkaufsartikel, die wie alle anderen Waren den Gesetzen der Marktwirtschaft umso mehr unterliegen, je höher der Anspruch ist, von vielen gelesen zu werden. Also legen wir das von Träumen, Wünschen und Mystifikation umgebene Produkt Buch zur Seite und betrachten uns die Regeln dieses nüchternen Marktes an einem weniger emotionsgeladenen Artikel: Nehmen wir einfach an, wir wollten statt Bücher Socken verkaufen!

selbstgestrickt © Petra Samani

selbstgestrickt © Petra Samani

Am Anfang steht die Idee, für meine Familie oder für mich ein Paar Socken zu stricken. Irgendwann hat man das Stricken schließlich gelernt, zwei rechts, zwei links! Also wird die Idee mit Begeisterung und Schaffenskraft umgesetzt, und meine Lieben werden mit Ringelsöckchen in ihren Lieblingsfarben beglückt. Sie sind begeistert (oder trauen sich nicht, es nicht zu sein) und ermuntern mich selbstverständlich dazu, weiterzumachen. Schließlich ist es heutzutage eine Seltenheit, dass jemand selber strickt! Das Lob ist Balsam für mein Selbstwertgefühl, und ich überlege, ob sich nicht auch andere Menschen für meine Söckchen begeistern könnten. Ich fange an, mich mit Socken generell zu beschäftigen und stelle Vergleiche an. Ich gehe ins Kaufhaus und schüttele den Kopf über die Massenware, die dort ausliegt und die überhaupt keinen Vergleich mit meinen Söckchen aushalten kann.

Schließlich komme ich zu dem Schluss, dass sich alle Welt auf meine Söckchen stürzen würde, wenn sie denn wüsste, dass es sie gäbe. Ich nehme also die zehn schönsten, verpacke sie sorgfältig und schicke sie an die Söckchenverkaufsleiter großer Kaufhäuser. Selbstverständlich bin ich überzeugt, dass mindestens acht davon schon beim Auspacken so begeistert sein werden, dass sie sofort mit mir ins Geschäft kommen wollen.

Machen wir an dieser Stelle einen kleinen Schnitt und schlüpfen in die Haut eines langjährig verantwortlichen Verkaufsleiters für den Söckchenstand im Kaufhaus X. Er hat seine Stammkunden und weiß genau, was sie gerne kaufen. Danach richtet er seine Kollektion aus, und er fährt nicht schlecht damit. Wenn er sehr engagiert ist, was wir einmal unterstellen, wird er sich für alles interessieren, was mit dem Söckchenmarkt zusammenhängt und sich selbstverständlich auch über aktuelle Trends informieren und neuen Ideen gegenüber aufgeschlossen sein.

Nun liefert ihm der Postbote jeden Tag zusätzlich zu seiner umfangreichen Geschäftspost zwischen fünf und zehn Päckchen von Leuten, die gerne stricken und der Meinung sind, dass ihre Ringel-, Bett-, Wander- oder Spitzensöckchen das absolute Nonplusultra sind. Da unser Söckchenverkäufer, wie erwähnt, grundsätzlich neue Ideen gut findet, packt er selbst das zehnte Päckchen noch mit einer gewissen Neugier aus. Und was findet er vor? Grün-gelbe Ringelsöckchen, die er schon im vergangenen Jahr nicht hat verkaufen können, Söckchen mit fallengelassenen Maschen, schnell und hastig zusammengestrickt, daneben aber auch hin und wieder kleine Meisterwerke der Strickkunst, die er vielleicht sogar verkaufen könnte, wenn sie eine andere Farbe oder Größe hätten.

Eigentlich müsste unser Söckchenverkäufer nun verschiedene Briefe schreiben, in denen er den Absendern erklärt, dass ihre Waren in Stil und Qualität leider nicht dem entsprechen, was seine Kunden wünschen. Wenn er ehrlich wäre, würde er dem Ringelsöckchenstricker schreiben, dass diese Art von Socken seit Jahren kein Mensch mehr kauft. Dem mit den fallengelassenen Maschen müsste er sagen, dass er nichts vom Sockenstricken versteht und sich besser ein anderes Handwerk aussuchen sollte. Und dem dritten schließlich könnte er antworten, dass ihm seine Strickwaren zwar sehr gut gefallen, dass sie von der Form und Größe jedoch nicht in sein Sortiment passen. Aber was würde passieren, wenn unser Söckchenverkäufer sich tatsächlich dieser Mühe unterziehen würde?

Ganz abgesehen davon, dass es ihn eine ganze Menge Zeit kosten würde, an jeden persönlich zu schreiben, würde ihm der erste Söckchenstricker wohl zurückschreiben, dass es eine Anmaßung sei, zu bestimmen, welche Socken die Leute anziehen wollten und welche nicht. Schließlich gebe es unter seinen unzähligen Bekannten und Verwandten keinen einzigen Menschen, der etwas gegen grün-gelbe Ringelsöckchen einzuwenden habe, und man müsse den Leuten nur zeigen, wie schön diese Ringelsöckchen seien, um sie zum Kauf zu bewegen.

Der zweite Strickmeister würde wahrscheinlich vor Wut zum Telefonhörer greifen und unseren armen Söckchenverkäufer beschimpfen, wie er es wagen könne, seine Söckchen zu verunglimpfen. Immerhin stricke er schon seit Jahren so, es sei sein Stil. Und er lasse sich doch nicht von so einem hergelaufenen Söckchenverkäufer mangelndes Talent bescheinigen!

Und der dritte schließlich könnte auf die Idee verfallen, die wohlmeinende Absage als Aufforderung zu werten, mit seiner Gesamtkollektion persönlich zu erscheinen, um vielleicht doch noch ins Geschäft zu kommen. Unser armer Söckchenverkäufer würde also irgendwann seine Tage nur noch damit verbringen, sich mit unaufgefordert zugeschickten Söckchenpaketen und deren Absendern herumzuärgern. Weil er dem aus dem Weg gehen möchte, hat er einen Standardbrief aufgesetzt, der folgendermaßen lautet:

Sehr geehrte/r Herr/Frau Söckchenstricker(in),

haben Sie vielen Dank für die Zusendung Ihrer Strickwaren, die wir im Hinblick auf eine Vermarktung in unserem Hause gewissenhaft geprüft haben. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass unsere Kollektion bereits langfristig festgelegt ist und wir deshalb keine Möglichkeit sehen, Ihre Produkte in unser Verkaufsangebot aufzunehmen. 

Wir möchten Sie bitten, in dieser Ablehnung keine Missachtung Ihrer Arbeit sehen zu wollen. 

Für das unserem Haus entgegengebrachte Vertrauen bedanken wir uns und verbleiben

mit freundlichen Grüßen

i.A. (Unterschrift)

Eine Woche später bringt mir der Postbote mein erstes von zehn Päckchen mit diesem Brief zurück. Zuerst bin ich enttäuscht. Aber dann denke ich mir, einen Ignoranten gibt es immer, und neun Chancen habe ich ja noch. Leider schwinden sie von Tag zu Tag, und mit ihnen meine gute Laune, die sich nur phasenweise hebt, wenn ich glaube, Wohlwollendes zwischen den Zeilen zu lesen:

Mit unserer Entscheidung ist kein Werturteil verbunden; es kann also durchaus sein, dass Sie bei einem anderen Söckchenverkäufer bessere Chancen für eine Vermarktung haben.

Das lässt mich meine verschmähte Söckchensammlung sofort an zehn weitere Kaufhäuser schicken.

Spätestens, wenn ich dem Postboten das Du angeboten habe, weil ich ihn öfter sehe als meinen Ehemann und die abgelehnten Söckchen vom vielen Herumschicken schon leicht angeschmuddelt sind, fange ich an zu begreifen, dass mein ganzes Tun nicht mehr ist als ein Beitrag zur Sanierung der Deutschen Post AG, und die erwähnten Gewitterwolken entladen sich. Ich male mir in aller Genüßlichkeit aus, wie ich irgendeinen Söckchenverkäufer erwürge, oder, noch besser: wie ich ihn verhöhnen werde, wenn ich eines Tages mit meinen Söckchen den Renner liefere und einer seiner Konkurrenten damit das Geschäft seines Lebens macht! Oder ich schmeiße meine Söckchen in den Müll und die Stricknadeln gleich dazu und hoffe, dass man sie in hundert Jahren wieder ausgräbt und mir post mortem die Ehre zuteil wird, der am meisten verkannte Söckchenstricker des 20. Jahrhunderts gewesen zu sein!

Einige Tage später, wenn Wut und Selbstmitleid verraucht sind, spüre ich das unbändige Verlangen, neue Söckchen zu stricken, und irgendeine kleine Stimme in meinem Kopf flüstert mir zu, dass es in der Bundesrepublik schließlich mehr als zwanzig Söckchenverkäufer gibt und ich bislang wohl ausgerechnet die dümmsten davon erwischt habe.

Spätestens, wenn ich diese Stufe erreicht habe, wird die Idee der Söckchenverkäufer, sich mit ihren wohlfeilen Standardbriefen die lästigen Söckchenstricker galant vom Hals zu halten, zum bitterbösen Bumerang. Da ich nicht weiß, warum meine Söckchen keine Gnade fanden, und das einzige, an das ich mich halten kann, nette Formulierungen sind, die mir suggerieren, dass meine Arbeit wenigstens aufmerksam geprüft wurde (also kann sie so schlecht ja auch wieder nicht sein), werde ich immer weiter meine Söckchen in alle Welt verschicken. Irgendwann muss doch mal jemand die Qualität erkennen! Das kann sich schlimmstenfalls über Jahre hinziehen und den rosarotesten Traum in den schwärzesten Alptraum verwandeln, der mich und mein ganzes Leben auf die Frage reduziert, wie es sein kann, dass in Deutschland pro Jahr Millionen mehr oder weniger mieser Söckchen verkauft werden, während meine ihr Dasein in stickigen Postkartons zubringen müssen.

Spätestens dann sollte der Punkt erreicht sein, an dem ich in meinem eigenen Interesse meine Söckchen ganz genau unter die Lupe nehme, ein paar Fragen stelle und sie auch ehrlich beantworte:

1. Gibt es außer Söckchenstricken nicht noch andere, wichtigere Ziele in meinem Leben?

2. Taugen die mit viel Liebe gestrickten, eigentlich für meine Familie gedachten Ringelsöckchen überhaupt dazu, in aller Öffentlichkeit ausgestellt zu werden?

3. Habe ich mich über verschiedene Stricktechniken nicht nur informiert, sondern diese auch genügend erprobt?

4. Sind meine Päckchen professionell gepackt gewesen?

5. Habe ich mich genügend mit den Gesichtspunkten des Verkäufers beschäftigt, der bei allem Wohlwollen seine Kalkulation nicht aus den Augen verlieren darf?

6. Bin ich bereit, notfalls etwas ganz Neues zu machen, um zum Ziel zu kommen?

7. Würde ich es akzeptieren, wenn man mich auffordern würde, wesentliche Dinge an Form und Größe zu ändern, ohne das als Angriff auf meine Person misszuverstehen?

8. Kann ich so viel Distanz zu meiner Arbeit aufbringen, um sie nach objektiven Gesichtspunkten zu beurteilen und zu kritisieren?

Jedes „Ja“ wird mir helfen, meine Produkte besser an den Mann zu bringen und Ablehnung weniger als Beleidigung, sondern vielmehr als Aufforderung zu werten, an der Perfektion meines Handwerks zu arbeiten. Und was für Socken gut, ist, kann für Bücher allemal billig sein, oder?

© Nikola Hahn

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So Ihr ebenfalls zu der kleinen Blütenlese „Best of: Verlagsabsagen“ beitragen möchtet, nur zu. Dafür könnt Ihr die Kommentarfunktion nutzen oder mir eine eMail mit Euren Erfahrungen senden, die dann wiederum in Gänze oder in Auszügen in weitere Beiträge zum Thema einfließen könnten.

Über die Zeitpunkte des Eintreffens von Verlagsabsagen machte sich Michael Röder so seine Gedanken: Ein Bauantrag geht schneller durch!

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Ein Kommentar zu “Best of: Verlagsabsagen – Das Problem mit den Socken

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