„Ich sehe schon mittelfristig keine Perspektive für das Berufsbild.“ SteglitzMind stellt Thomas Calliebe von der Buchhandlung Calliebe vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten. – Etwas mehr zum Vorhaben hier.

Thomas Calliebe bekundete zum Start der Reihe, dass er auf die Beiträge gespannt sei. Da habe ich nicht lange gefackelt und ihn gebeten, hier mitzutun. Er sagte prompt zu und nun freue ich mich, dass wir heute etwas mehr über ihn und die Buchhandlung Calliebe erfahren dürfen, die in Groß-Gerau ansässig ist. – Ich sage Thomas danke!

Eine Skizze vom Laden…

1982 hat meine Mutter die 1976 gegründete Buchhandlung, mit allgemeinem Sortiment, gekauft. Bis 1998 firmierten wir unter Buch & Kunst, Meta Calliebe, dann habe ich die Buchhandlung von ihr übernommen. Sie arbeitet bis heute im Laden mit. Groß-Gerau ist eine Kreisstadt und Mittelzentrum, wir liegen mit unseren 60qm in einer 2b-Lage mit sehr guter Parkplatzanbindung, aber wenig Laufkundschaft. In gut erreichbarer Nähe liegen Darmstadt, Mainz, Wiesbaden und Frankfurt.

Warum sind Sie Buchhändler geworden?

Lesen war, wie könnte es anders sein, schon seit der Jugend meine Leidenschaft, was durch die Mitarbeit in der Buchhandlung und den Kontakt zu Büchern und Kunden noch verstärkt wurde. So war ich in der glücklichen Lage, mich beruflich an meiner Neigung zum Lesen orientieren zu können.

Würden Sie sich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

Nein, weil ich schon mittelfristig keine Perspektive für das Berufsbild sehe. Zu einschneidend sind die Veränderungen und Verwerfungen in der Branche.

Was hat sich in den vergangenen Jahren in Ihrem beruflichen Alltag verändert?

der Mann im Laden  ©  Thomas Calliebe

der Mann im Laden © Thomas Calliebe

Die Einführung der Warenwirtschaft light, zunächst über KNV, später dann Libri pro5 hat die Abläufe natürlich extrem verändert. Der Erkenntnisgewinn war von Anfang an enorm. Wir sind noch heute mitunter erstaunt, wie groß die Diskrepanz zwischen Bauchgefühl und harten Zahlen sein kann.

Der Service für die Kunden wurde erweitert, heute besorgen wir auch Musik-CDs, DVDs, Spiele, weit über das Angebot des Barsortiments hinaus und extrem knapp kalkuliert, um den Servicebereich abzurunden. Die Antiquariatssparte haben wir stark ausgebaut und kaufen seit einigen Jahren Bücher an, um sie über diverse Internet-Plattformen anzubieten. Das Rechnungskundengeschäft, hauptsächlich mit Schulen, wird ständig erweitert.

Bei Libri haben wir die „Themenwelten“ abonniert, was in Sachen Sortiment ein guter Zugewinn des Angebots darstellt. So haben wir einmal im Monat ein Thema, z.B. skandinavische Krimis, Design oder Kinderliteratur, die Bücher incl. Dekomaterial. Weiterhin arbeiten wir mit dem Regalmanager von Libri bei Hörbüchern und dem Thema Psychologie/Lebensberatung und sehen hier eine gute Sortimentserweiterung. Die Titel werden von Libri laufend durch neue ausgetauscht, dabei entstehen keine Remikosten.

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternehmen Sie in dieser Richtung?

Wir haben seit vielen Jahren unseren Webshop über die Anbindung von Libri. Zunächst war das eine ungeliebte Angelegenheit, weil die Rabatte nicht stimmten. Titel, die wir in Partiestärke im Laden hatten, wurden uns von den Kunden über den Onlineshop zu Minimalkonditionen ins Abholfach bestellt. Seit Libri die Rabatte angepasst hat, wird der Internetauftritt von uns stark umworben und gerne als Erweiterung unseres Gesamtangebotes genutzt.

Seit einem guten Jahr arbeite ich an der Facebookseite der Buchhandlung, was ich als sehr interessante und wirksame Präsentationsmöglichkeit für uns sehe. Die Fangemeinde und der Austausch auf der Seite wachsen ständig.

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verorten Sie für Ihre Buchhandlung die größten Gefahren?

Durch unser starkes Rechnungskundengeschäft sehe ich die Gefahr durch die Digitalisierung bei den Schulbüchern und den Fortsetzungswerken für Steuerberatungen und Rechtsanwälte. Wir erleben bei Schulbuchbestellungen, dass bisher stark genutzte Bücher plötzlich nur noch „in digitaler Form“ lieferbar und damit für Buchhandlungen nicht mehr bestellbar sind. Bei den Fachbüros ist es eher eine Frage, wie bereit deren Inhaber sind, den digitalen Weg zu beschreiten, der dann auch ohne bzw. nur noch über wenige Fachbuchhandlungen stattfinden wird.

der Buchladen ©  Thomas Calliebe

der Buchladen © Thomas Calliebe

Wie halten Sie es mit dem E-Book?

Wir haben von Anfang an E-Book-Reader mit angeboten und stellen über den Shop natürlich auch Download-Möglichkeiten zur Verfügung. Ich sehe allerdings für uns hier keine Zukunft. Digital heißt Internet, das wird auch kein „buy local“ ändern. Es ist ein Widersinn, im Buchhandel mit Onlinegeschäften eine Ladenmiete erwirtschaften zu wollen.

Wäre das eine Option für Sie, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Wir führen selbstverständlich Titel von Autoren aus unserer Region, auch Self Publisher – allerdings hat das nichts mit Umsatz oder gar Gewinn zu tun. Diese Titel sind mangels Marketing sehr beratungsintensiv und zudem nur mäßig rabattiert. Auf den gesamten Buchmarkt bezogen vertraue ich auf Bücher aus eingeführten Verlagen, weil ich mir hier in Bezug auf Inhalt, Form und Gestaltung sicher sein kann.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

Eine unserer Stärken, von der selbstverständlichen individuellen Beratung einmal abgesehen, ist die Leseförderung in Kindergärten und Grundschulen. Dabei reicht das Spektrum von Veranstaltungen, Lesungen, Bücherspenden bis hin zu den Lesetüten- und Lesekofferaktionen mit den Verlagen Oetinger und Ravensburger.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… Welche wären das?

Da sind wir derzeit wunschlos glücklich. Die Verlage haben sich sehr gut auf den Wandel eingestellt und bieten auch für kleine Sortimentsbuchhandlungen attraktive Aktionen.

Und was würden Sie sich vom Börsenverein für den deutschen Buchhandel wünschen?

Der Börsenverein leistet gute Arbeit. Lediglich bei der Gestaltung des Mitgliedsbeitrages stehe ich auf dem Standpunkt, dass ein geringerer Umsatz bei den Sortimentern auch zu geringeren Mitgliedsbeiträgen führen muss. Da läuft im Verband derzeit eine Gegenbewegung, um das Gesamtbeitragsniveau nicht weiter absinken zu lassen.

Was treibt Sie in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Ich sehe den ganzen Literaturbetrieb einem gigantischen Wandel unterworfen. Da sind die Autoren, die zwischen der Publikation in klassischen Buchverlagen und Online-Self-Publishing wählen können, die Rezension zwischen klassischem Feuilleton und Blog, die Publikation zwischen Print und Ebook, irgendwo dazwischen taumelt noch der Buchhandel, versucht Schritt zu halten und einen Weg zu finden.

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Weil sie in einer Buchhandlung vieles finden, was ihnen das Internet nicht bieten kann: Das Stöbern, das Reinlesen, das unnachahmliche Gefühl, ein gutes Buch in der Hand zu halten, die Gespräche, nicht zuletzt die Sozialkontakte, um nur ein paar Dinge zu nennen.

Welche anderen Buchhandlungen empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Das Lesecafé in Frankfurt am Main ist leider online nicht präsent. Als Gesprächspartnerin möchte ich Frau Bornhofen von der Buchhandlung Bornhofen in Gernsheim benennen.

Danke, Thomas, es war mir ein Vergnügen!

Die Buchhandlung von Thomas Calliebe findet Ihr hier im Netz: der Online-Shop, hier gibt es antiquarische Bücher und da geht es zur Facebook-Seite

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Zu Wort gekommen sind bislang: Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen, Edda Braun mit ihrer Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt, Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm, Margarete Haimberger mit ihrer Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg, Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen und Martina Bergmann mit der Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr!

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3 Kommentare zu “„Ich sehe schon mittelfristig keine Perspektive für das Berufsbild.“ SteglitzMind stellt Thomas Calliebe von der Buchhandlung Calliebe vor

  1. Pingback: *+* KiJu2015BuWo! – Der Startschuss fällt… *+* | Irve liest...

  2. Kann mich da Petra nur anschließen. Danke!

    Drei Buchhandlungen, die ich aus ganz unterschiedlichen Aspekten spannend finde: Osiander (weil sie nach wie vor expandiert und ich sie noch aus Tübinger Zeiten kenne, wo sie eine Institution war), Thomas Baders Buchhandlung zum Wetzstein in Freiburg (www.buch-wetzstein.de) und die Buchhandlung Pusteblume in Dresden von Cornelia Maul (www.pusteblume-buchhandlung.de).

  3. Wie immer vielen Dank für diese spannenden Interviews, die mir Buchhandlungen näher bringen als jede teure Werbeaktion.
    Und bei jedem Interview lerne ich etwas Neues. Wie die Sache mit den Libri-Rabatten. Ich dachte früher, ich täte meinem Buchhändler Gutes, wenn ich mir Bücher online ins Abholfach bestelle. Zum Glück ist das nun anders.
    Auch die „mäßige Rabattierung“ von Titeln im Self Publishing kannte ich noch nicht – ich dachte – hier würden die handelsüblichen Rabatte verhandelt.

    Und genau das ist der Reiz dieser Interviewreihe: Man bekommt plötzlich Verständnis für Dinge, die man vorher einfach völlig falsch gesehen hat, aus Unkenntnis der Interna. Buchhändler sollten viel öfter solches Wissen an die Öffentlichkeit bringen.

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