„Ich glaube das Jammertal ist langsam durchschritten.“ SteglitzMind stellt Mila Becker von „Mila Becker Buch & Präsent““ vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten.

Dass wir heute Mila Becker mit Mila Becker Buch & Präsent näher kennenlernen sollten, der in Voerde ansässig ist, hatte Eva Hehemann vorgeschlagen, und zwar folgendermaßen: „Mila Becker in Voerde sagt, ihre Kund_innen kämen mit ausgedruckten Amazon-Bestellzetteln zu ihr, damit sie ihnen die gewünschten Bücher beschaffen kann. Das ist wohl buy local in Perfektion.“

Ich freue sehr mich, dass Mila dabei ist, und sage ihr herzlich danke – auch für die netten Telofonate…

Eine Skizze vom Laden …

In Voerde-Friedrichsfeld seit September 1996. Belletristik, Kinder- und Jugendbuch.

lesende Buchhändlerin ©  Mila Becker

lesende Buchhändlerin © Mila Becker

Warum bist du Buchhändlerin geworden?

Reiner Zufall. Ich wurde sechs Wochen vor meinem Examen gefragt, ob ich nicht eine Buchhandlung übernehmen wolle. Und ich habe ja gesagt.

Würdest du dich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

Ja. Ich glaube das Jammertal ist langsam durchschritten. Die ehemaligen Marktriesen bluten, das Internet ist etabliert und die unabhängigen Buchhandlungen, die bis jetzt durchgehalten haben, haben in meinen Augen auch eine reelle Chance ihren Platz zu behaupten.

Was hat sich in den vergangenen Jahren in deinem beruflichen Alltag verändert?

Die Kunden haben ja auch alle Internet und selbst die Senioren sind toll informiert. Da heißt es wacher zu sein und mehr Service anzubieten. Man darf sich kaum noch Schwächen leisten.

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternimmst du in dieser Richtung?

Eigener Internetauftritt, Facebook, Online-Bestellungen, Antiquariat, Suchaufträge…. Was man halt so macht!

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verortest du für deine Buchhandlung die größten Gefahren?

Warum sprechen alle immer nur vom Sterben?? Thalia, Weltbild und Co. schwächeln gewaltig. Diese sind aber auch für einen Großteil des Sterbens verantwortlich gewesen. Vielleicht sollte man wieder mehr auf die Neueröffnungen blicken, statt nur auf dieser ewigen Dauerdepression herum zu reiten. Hätten die Verlage übrigens den unabhängigen Sortimentern die gleichen Konditionen gewährt, wie den Riesen, die sie letztendlich nur über den Tisch gezogen haben, hätten wir auch schon mehr Spaß im Buchhändleralltag gehabt!

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Buch & Präsent ©  Mila Becker

ein schönes Heim © Milas Buchladen

Bieten wir natürlich an, ebenso die Reader. Für den Urlaub und als Arbeitserleichterung haben sie durchaus ihren Platz und ihre Berechtigung. Ich habe auch so ein Ding. Nutze es aber nur im Notfall. Ich will richtige Bücher! Und ich biete allen gerne ein schönes Heim und möchte sie auch um mich haben. Ich finde das Getöse, welches um die E-Books gemacht wird, vollkommen übertrieben.

Wäre das eine Option für dich, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Ich biete sie an. Allerdings nur , wenn sie mich wirklich überzeugen. Der  Haken bei diesen ist, und ich höre schon den Aufschrei, man sieht es ihnen leider zu 90% an. Das Auge isst ja bekanntlich auch mit, und die meisten sehen vollkommen unprofessionell aus. Wenn man da dann nicht 100% hinter steht, liegen diese, wie in Blei gegossen.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

Mit Spaß, Herzblut, Neugier, Wissen und Optimismus und einem schönen Ambiente. Ein bisschen Schnickschnack macht den Laden gemütlicher und lockt noch zusätzliche Käufer hinein.

Wenn du drei Wünsche frei hättest, die Verlage erfüllen… Welche wären das?

Die gleichen Konditionen, die auch Thalia und Konsorten haben, und Autorensponsering.

Bei Carlsen wäre mein Wunsch ganz konkret! Ich möchte meinen Herrn Branding zurück!!

Stopt die irrsinnige Masse an Neuerscheinungen. Es gibt nicht weniger Leser, es gibt zu viele Bücher. Gegen diese unendliche Flut, die produziert wird, kann weder der gutwilligste Buchhändler, noch der ambitionierte Leser ankommen. Nicht Masse, sondern Klasse wäre mal wieder angesagt!

Und was würdest du dir vom Börsenverein für den deutschen Buchhandel wünschen?

voller Preziosen © Mila Becker

voller Preziosen © Milas Buchladen

Sozial verträglichere Mitgliedsbeiträge. Die Seminarsangebote sind ebenfalls zu teuer.

Was treibt dich in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Bin gerade mitten in der Organisation. Wenn die Ergebnisse stehen, werden sie hier zu finden sein.

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Weil es sonst irgendwann keine mehr gibt. Im Gegensatz zum normalen Einzelhandel haben wir ja auch die Preisbindung, man hat also keinen Preisvorteil, wenn man im Internet bestellt, so schnell sind wir allemal und es ist einfach persönlicher. Es kommt auch nicht zu so fatalen Fehlern wie bei Amazon, das sich ein Schriftsteller wie Andreas Séché direkt neben den Shades of Grey wieder findet!

Welche anderen Buchhandlungen empfiehlst du? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Buchhandlung Taube in Marbach und die beiden Schmitz-Buchhandlungen in Essen-Werden!

Danke, Mila. Und ich bin äußerst gespannt, was dich momentan im Literaturbetrieb besonders umtreibt. Ich hoffe ja, wir lesen darüber dann tatsächlich auch hier…

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Zu Wort gekommen sind bislang: Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen, Edda Braun mit ihrer Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt, Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm, Margarete Haimberger mit ihrer Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg, Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen, Martina Bergmann mit der Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen und Thomas Calliebe mit der Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr!

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3 Kommentare zu “„Ich glaube das Jammertal ist langsam durchschritten.“ SteglitzMind stellt Mila Becker von „Mila Becker Buch & Präsent““ vor

  1. Mila ist toll! Leider wohne ich zu weit weg… aber sie verschickt meine Wunschbücher prompt und immer mit einem netten persönlichen Gruß dabei…

  2. sehr schöner Beitrag! Den jetzt millionenfach virtualisieren….;-)) also virenschleudermässig verbreiten.

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