Die Buchhandlung setzte ein Gesicht auf, als würde sie einer Kette angehören. – Ein Gastbeitrag von Guido Rohm

Im Rahmen der losen Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” hatte ich vorgeschlagen, dass Ihr Gastbeiträge beisteuern könntet. Schilderungen aus dem Buchhändleralltag oder, was auch immer… Erfahrungsberichte zum Beispiel: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen? Nach der Polemik von Stefan Möller aka @Hedoniker Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden!, die reichlich Wind machte, der Replik darauf von Lorenz Borsche, dem Brief des sterbenden Bildungsbürgers vom Krankenbett herab, dass kein Ausweg sei aus der Feder von Sandhofer und Gerrit van der Meers persönlichem Bericht Draußen vor der Tür. Als arbeitsloser Buchhändler nachts in einer fremden Stadt steuerte heute Guido Rohm, Schriftsteller, Künstler und Blogger, einen Beitrag bei. – Ich sage dafür herzlich danke.

Was Guido schreibt, passt in keine Schublade. Für Untat, seine jüngste Veröffentlichung, bürstete er beispielsweise das Krimigenre gegen den Strich. Auch unsere erste Begegnung verlief unorthodox: Sein Beitrag im Rahmen der Gesprächsreihe Steglitz stellt bibliophile Blogger vor sprengte die Regeln. – Was kann man anderes von einem erwarten, der gestammelte Notizen bloggt?

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Ein Ort für Elben. Von Guido Rohm

Buchhandlungen, also die unabhängigen, die, die keiner Kette angehören, sind für mich als Autor schwer einzuschätzen. Bot einer meiner kleinen Verlage, bei denen ich veröffentliche, einer von ihnen an, eine Lesung zu veranstalten, drucksten sie meist herum. Man müsse sich das überlegen.

Sie sollten sich keine Sorgen machen, sagte einer meiner Verleger zu den Besitzern der Buchhandlungen. Er würde die Bücher mitbringen, den Wein. Die Bücher dürfe die Buchhandlung selbstverständlich verkaufen. Darum ginge es ja. Ein Geschäft, so konnte man denken, dass für beide Seiten lukrativ ist.

Ich kenne nicht alle Buchhandlungen in diesem Land, auch wenn ich das gerne tun würde. Wo hält man sich am liebsten auf? Wo halte ich mich am liebsten auf? Richtig, in einer mit Büchern vollgestopften Buchhandlung. Ein Ort, der mit Fantasie so vollgestopft ist, dass man jeden Moment damit rechnen muss, dass ein Elb um die Ecke gelaufen kommt.

Meine Lieblingsbuchhandlung, die ich früher hier in Fulda, wo ich wohne, hatte, war eine Buchhandlung, die alles das besaß, was ich erwartete, und vor allem das bot, was ich mir von einem solchen Ort erträumte: Hohe Bücherregale, so hoch, dass man zu den Gipfeln nur mit Hilfe einer Leiter stürmen konnte. Links und rechts der Eingangstür befanden sich zwei Regale, die mit lauter gelben Reclamheften bestückt waren. Eng an eng standen sie da, und ich musste jedes Mal, wenn jemand kam oder ging, einen Schritt in den Laden machen, um Platz für die- oder denjenigen zu machen. Es machte Mühe, die keine Mühe, sondern ein Riesenspaß war.

Das Finden der Bücher war ein Job, er war der, den man am liebsten bezahlt bekommen hätte. Nicht lange und ich kannte mich besser wie manche der Buchhändlerinnen aus. „Haben Sie was von Lem?“, fragte ein älterer Herr. Die Verkäuferin, deren Brille an eine Kette hing, zuckte mit den Schultern. Sie glaube nicht, sie müsse erst nachsehen. „Doch, doch!“, rief ich. „Hier ist er doch!“

Es war, als würde man die Nachmittage mit seinen besten Freunden, die alle längst tot waren, verbringen. Es war bizarr und schön zugleich.

Guido Rohm © Alfred Harth

Guido Rohm © Alfred Harth

Später, es ist ein paar Jahre her, verkaufte man den Laden. Es war für die ehemaligen Besitzer schwer geworden, zu überleben. Die großen Buchhandelsketten tauchten auf. Das Internet. Plötzlich wurde aus meiner Privatangelegenheit etwas, das keinen Spaß mehr machte, weil die Wände voller Suhrkamp-Bücher, und jene in denen meine geliebten Heyne-Science-Fiction-Romane untergebracht waren, von den Büchern, die die Ketten für wichtig hielten, verdrängt wurden.

Die Buchhandlung, in der ich mich so viele Jahre lang wohlgefühlt hatte, setzte nicht auf Individualismus oder darauf, eine gewissen Eigenständigkeit zu bewahren, sondern sie setzte ein Gesicht auf, als würde sie auch einer Kette angehören.

Und ohne dass sie es bemerkte, begann sie zu sterben, weil die Leute gar nicht wussten, warum sie die kleine Schwester einer großen Schwester aufsuchen sollten. Warum sollten sie sich mit einer Kopie zufrieden geben, wenn das Original, das natürlich auch nur eine Kopie zahlloser anderer Kopien war, alles das im Überfluss bot, was die kleine Schwester mit trauriger Hand reichte.

In dieser Zeit bemühte sich mein damaliger Verleger, aber auch meine Frau, die sich um solche Sachen wie Lesungen und Kritiker verwünschen kümmert, um eine Lesung in der Buchhandlung, die in meinen Kindheits- und Jugendtagen so etwas wie meine Heimat gewesen war.

Nein, man habe kein Interesse. Sie lehnten ab, obwohl ich kein Risiko darstellte, außer dem Risiko, nicht so bekannt zu sein, wie sie es sich erhofften.

Die kleine Schwester, so kam es mir vor, wollte wie die große sein, und das brach ihr schließlich das Genick. – Wie ich kürzlich las, wird die Buchhandlung schließen, auch wenn sie noch eine weitere, auf Kinderbücher und Krimskrams spezialisierte Filiale, die in einem Einkaufszentrum untergebracht ist, weiterbetreiben wird; immer in der Hoffnung, so zu werden, wie all die gleichaussehenden austauschbaren Filialen der Ketten.

Ich kenne, wie eingangs bereits geschrieben, nicht alle Buchhandlungen. Wie könnte ich sie auch alle kennen, es würde Zeit und Geld voraussetzen, dass ich nicht habe.

Überleben werden sie aber, da bin ich mir sicher, nur, wenn sie lernen, sich auf ihre Stärken zu besinnen. Wenn sie wieder zu jenen Trutzburgen werden, in denen die Leser sich vor den Massen an schlechten Büchern verstecken können, die wie eine Armee auf den Tischen der Ketten liegen.

Bücher sind etwas, in das man einkehrt, sie sind etwas, in dem man sich versteckt, in dem man kauert, um die schlechten Zeiten, die wir alle hin und wieder durchmachen, zu überstehen. Für mich war das so. Es ist ein alter wiederkehrender Traum im Winter vor dem Kamin in einem Sherlock Holmes zu schmökern.

Und wenn Bücher eine Rückkehr sind, sollten Buchhandlungen Orte sein, an denen die Zeit keine Chance hat.

Unbestechliche Plätze, die sich keiner Mode anpassen müssen, weil die Fantasie nie einer Mode unterworfen war. Weil sie seit allen Zeiten Hochkonjunktur hat.

© Guido Rohm

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5 Kommentare zu “Die Buchhandlung setzte ein Gesicht auf, als würde sie einer Kette angehören. – Ein Gastbeitrag von Guido Rohm

  1. als ex-buchhändlerin kenne ich diese geschichte… habe sie zwei mal miterleben müssen und dürfen, und beide male stand am ende der geschichte der untergang der jeweiligen buchhandlung. ich glaube, dass viele kollegen längst erkannt habe, dass allein das feine & besondere, das wissen & die leidenschaft einen kleinen teil der ehemals goldenen buchhandelszeiten retten können.
    die, die über die wenigen (großen) läden, die noch etwas abwerfen, zu bestimmen haben, wollen davon allerdings nichts hören. aber ich gebe die hoffnung nicht auf, dass sich die kleinen goldenen nischen doch halten und vielleicht irgendwann wieder durchsetzen können – mit individualität & … mit lesern, die es zu schätzen wissen.

  2. Pingback: Ein Ort für Elben | Guido Rohms gestammelte Notizen

  3. Ich hoffe, dieser Kommentar wird dem Gastbeitrag von Guido Rohm zugeordnet?

    Lieber Herr Rohm,

    was für ein schönes Essay. Ich glaube, ich kenne den Ort, den Sie beschreiben und die ganze traurige Geschichte.

    Und ich möchte nur eine kleine Anmerkung dazu machen: gerade engagierte Viel-Leser (was nicht heisst, daß die auch die Masse der Verkäufe generiert hätten) haben mit Begeisterung die Befreiung von den Fesseln des „Herrschaftswissens“ der Buchhändler durch öffentlich zugänglich Titelbibliotheken – allen voran eben ‚amazon‘ – aufgenommen und genutzt. Nur die treuesten sind dann mit der ausgedruckten amazon-Webpage auch noch zum Buchhändler gelaufen.

    Mit dem Internet hat eine ‚Professionalisierung‘ des Laien stattgefunden, die nicht nur in unserer Branche zum raschen Umdenken hätte führen müssen. Hätte, hätte, Fahrradkette…

    Beste Grüße – und die Sache mit dem mitgebracht4en Wein UND den Büchern, da reden wir nochmal persönlich drüber, wenn Sie möchten…. 😉

    LB

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