„Bis auf wenige Ausnahmen hat doch keiner der großen Verlage mehr ein eigenes Profil.“ – SteglitzMind stellt Heike Wenige vom Freiberger „Taschenbuchladen“ vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr! Im Übrigen freue ich mich auch über Gastbeiträge: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen?

Heike Wenige vom Taschenbuchladen, der im sächsischen Freiberg ansässig ist, lief mir in einem angesagten sozialen Netzwerk über den Weg. Zu meiner Freude fackelte sie nicht lange, als ich sie bat, hier mitzutun.

Eine Skizze vom Laden …

Im November 1994 tatsächlich als Taschenbuchladen eröffnet, aber schon alsbald umstrukturiert  und die literarische Nische in Freiberg (Klein- aber Universitätsstadt) besetzt. Der Name ist geblieben, weil wir eine Institution in Freiberg sind und mittlerweile 1A-Lage.

Warum sind Sie Buchhändlerin geworden?

Ich wollte das mit 15 tatsächlich gerne werden. Damals sollte man sich schon festlegen. Lehrstellen waren rar. Und ich stamme auch aus einer Buchhändler- und Antiquarfamilie (also Großvater und die Großonkels), weswegen es in unserer Familie schon immer viele Bücher gab. Das prägt.

Würden Sie sich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

Schwere Frage, aber ich sage mal JA!

Was hat sich in den vergangenen Jahren in Ihrem beruflichen Alltag verändert?

Heike Wenige  © privat

Heike Wenige © privat

Nun, wir sind aufmerksamer geworden: Wir beobachten genauer, was im Laden passiert, was in all den Medien besprochen wird, wonach gefragt wird und werten schneller aus, ob es für unseren Laden relevant sein könnte. Seltsam auch, dass man im Gespräch wieder damit werben muss, dass man ein Buch von heute auf morgen besorgen kann – wir hielten das ja immerzu für selbstverständlich….

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternehmen Sie in dieser Richtung?

Wir haben seit 15 Jahren eine Internetseite mit eigenem Shop (damals noch mein „Hobby“) und fühlen uns den Anforderungen gut gewachsen. Mittlerweile ist es ein wichtiges Instrument und auch Facebook bringt uns tatsächlich wieder junge Menschen in den Laden.

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verorten Sie für Ihre Buchhandlung die größten Gefahren?

Wenn wir so weiter arbeiten können, wie wir arbeiten, sehe ich keine Gefahr. Individualität und Service sind wichtig, und das pflegen wir jeden Tag. Wir sind Mitglied von Buy Local und tragen diese Botschaft wärmstens an unsere Kunden heran und haben damit Erfolg. Sogar die Kindereinrichtungen und Schulen, die wir unterstützen, haben diese Zusammenhänge mittlerweile erkannt und reagieren.

Wie halten Sie es mit dem E-Book?

Wir bieten Ebooks über unsere Internetseite an, bewerben dieses auch, verhalten uns aber ansonsten eher zurückhaltend. Ebook- Diskussionen führen wir selten. Aber wir sind aussagefähig, wenn sich jemand dafür interessiert.

Wäre das eine Option für Sie, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

das Logo  © Taschenbuchladen

das Logo © Taschenbuchladen

Zumeist bekommen wir die Bücher regionaler Autoren angeboten und die haben auch Platz bei uns.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

Na, mit einem Lächeln im Gesicht und der eigenen Freude, genau das richtige für den Kunden gefunden zu haben bzw., dass der Kunde im Laden selbst das richtige gefunden hat. Das erfordert nicht nur Bücherkenntnis, sondern auch Menschenkenntnis. Wir bieten nichts Besonderes, außer die umfangreichen Serviceleistungen, die selbstverständlich sein sollten, auch, wenn meist nur 50 Cent  übrig bleiben. Unsere Erfahrungen bestätigen einfach, dass Bemühungen nachhaltig sind.

Und unsere Lokalzeitung hat mal geschrieben, dass wir „Autoren zum Anfassen“ bieten. Unsere zahlreichen großen und kleinen Lesungen im Jahr werden geschätzt und ich pflege sogar seit 6 Jahren einen Lyriksalon, zudem  mittlerweile 50 bis 60 Menschen kommen. Ja, um sich Lyrik anzuhören…

Im Gespräch zu bleiben ist sehr wichtig. Und das gelingt in einer Kleinstadt vielleicht sogar noch besser.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… Welche wären das?

Dürfen es auch mehr sein??

Aber ja, doch…

Gerade aktuell: Verlagsvorschauen sollten mehr Arbeitsmittel sein und den Buchhändler nicht mit den üblichen Superlativen und mehrseitigen Einzeltitelankündigungen quälen, man hat doch auf der ersten Seite schon begriffen, wie wichtig das Buch für den Verlag sein könnte.

Der Wunsch aller Buchhändler nach weniger Neuerscheinungen verhallt leider im Nichts. Dementsprechend austauschbar sind ja auch die Programme geworden. Bis auf wenige Ausnahmen hat doch keiner der großen Verlage mehr ein eigenes Profil. Erfolgreiche Titel werden nicht nur inhaltlich kopiert, die Buchcovergestaltung ist schon lange austauschbar und gleichförmig geworden.

hereinspaziert !  © Taschenbuchladen

hereinspaziert ! © Taschenbuchladen

Mich stören tatsächlich auch die eigenen Shops auf den Homepages der Verlage. Warum wird hier nicht an den örtlichen Buchhandel verwiesen? Über die Zahlen im Direktvertrieb wird gar nicht gesprochen. Kein Wunder, dass der einzelne Sortimentsbuchhändler immer weniger Unterstützung durch die Verlage erfährt, warum sollte der Verlag das auch tun, wenn er es selber verkaufen kann und mehr verdient. Da kann man sich das auch leisten, ein Taschenbuch für 9,90 Euro versandkostenfrei zu liefern.

Vertreter sind uns wichtig. Als Bindeglied zwischen Verlag und Buchhändler leisten diese eine wichtige und unersetzliche Arbeit. Den Verlagsvorschauen mit den unklaren Titelankündigungen wie „Ein neuer Irving“ oder „Der neue Weltbestseller“ und kein anständiger Text dazu kann man selten trauen. Und zum Vertreter sollte man so ein Verhältnis haben, dass die Kommunikation stimmt, der Vertreter den Laden kennt und unabhängig und individuell trotz Umsatzvorgaben seitens des Verlages beraten kann. Das kann telefonische Betreuung nicht leisten.

Und was würden Sie sich vom Börsenverein für den deutschen Buchhandel wünschen?

Mitgliedernähe fällt mir ein. Wenn ich den Stand es Börsenvereins auf den Buchmessen sehe, fühle ich mich als Einzelbuchhändler ausgeschlossen in der Masse der schwarzen Anzüge. Und mit Nähe meine ich in allen Dingen: Transparenz, weniger elitäres Getue, Einsatz für den Buchhändler und die Preisbindung, bezahlbare Seminare… Die Aktion „Vorsicht Buch“ ist für uns eine große Enttäuschung. Meine Kundschaft versteht nicht, warum sie Angst vor einem Buch haben sollte…

Was treibt Sie in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Ratlosigkeit im Neuerscheinungsdschungel… Es wird uns so schwer gemacht, gute Belletristik zu finden – aber wir finden sie!

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Profan gesagt, um ein Buch zu kaufen, was man vielleicht gar nicht suchte, es aber trotzdem großartig findet. Die Buchhandlung ist nicht nur geistiger Ort in einer Stadt, sondern auch Kommunikationspunkt, Wohlfühlort und kultureller Botschafter…

Welche anderen Buchhandlungen empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Da kenne ich welche, weiß aber nicht, ob die auch möchten… Zum Beispiel Holger Brandstädt von der Friedrich-Wagner-Buchhandlung in Ueckermünde oder Wenke Helmboldt von der Buchhandlung Universitas in Chemnitz.

Herzlichen Dank. Und womöglich fragen Sie einfach bei in Frage kommenden Kollegen nach, ob sie womöglich mögen wollen…

Mache ich…

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Fünf Fragen vom Börsenblatt für den deutschen Buchhandel zur Gesprächsreihe mit Buchhändler/innen beantworte ich hier

Zu Wort gekommen sind bislang:

Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen

Edda Braun mit ihrer Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt

Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm

Margarete Haimberger mit ihrer Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg

Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen

Martina Bergmann mit der Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen

Thomas Calliebe mit seiner Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau

Mila Becker mit Mila Becker Buch & Präsent in Voerde

Trix Niederhauser aus der Schweiz von der Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental

Simone Dalbert von der der Buchhandlung Schöningh in Würzburg

Klaus Kowalke von der Stadtteilbuchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. in Chemnitz

Beate Laufer-Johannes von der der BücherInsel in Frauenaurach bei Erlangen

Petra Hartlieb von der Wiener Buchhandlung Hartliebs Bücher

Nicole Jünger aka Kata Butterblume vom Buchladen am Neuen Markt in Meckenheim

Jörg Braunsdorf von der Berliner Tucholsky-Buchhandlung

Stefanie Diez und ihre Buchhandlung Die Insel im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg

Britta Beecken von der Berliner Buchkantine

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3 Kommentare zu “„Bis auf wenige Ausnahmen hat doch keiner der großen Verlage mehr ein eigenes Profil.“ – SteglitzMind stellt Heike Wenige vom Freiberger „Taschenbuchladen“ vor

  1. Bis auf wenige Ausnahmen hat doch keiner der großen Verlage mehr ein eigenes Profil. Erfolgreiche Titel werden nicht nur inhaltlich kopiert, die Buchcovergestaltung ist schon lange austauschbar und gleichförmig geworden.

    Wahre Worte 😦 . Triviales kann Suhrkamp (zur Finanzierung) inzwischen genauso gut wie Bertelsmann. Gerade bei Krimis und Thrillern werden die Einbände hemmngslos kopiert.

  2. Meine Lieblingsbuchhandlung Ist in Hermsdorf

    Buchandlung Herold – Kramer

    Die beiden Inhaber Sebastian Herold und Denny Kramer haben eine Insel in unserem kleinen Staedtchen geschaffen, die unterhaltsam, froehlich, informativ und herzlich einlaedt, wieder zu kommen. Sie sind Initiatoren verschiedenster Buchvorstellungen, Teil des Freundeskreises Hermsdorfer Gespraech und pflegen einen lebendigen Kontakt mit den Kindergaerten und Schulen unseres Ortes.

    Ich wuerde mich ausserordentlich freuen, wenn sie in SteglitzMind zu Wort kommen koennen.

    Herzlichst
    Ina Schulze
    Hermsdorf/Thueringen

  3. ….“Wenn ich den Stand es Börsenvereins auf den Buchmessen sehe, fühle ich mich als Einzelbuchhändler ausgeschlossen in der Masse der schwarzen Anzüge…“ Nachdem ich hier ja sowieso schon meinen BücherFrauen Ruf weg habe, gerne auch hier mal wieder den Hinweis auf die BücherFrauen (www.buecherfrauen.de) , die einst auch mit deshalb gegründet wurden, weil diese Vorherrschaft der schwarzen Anzüge der „weiblichen Branche“ nicht gerecht wird.

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