„Wir denken nicht in Warengruppen, sondern in Kaufanlässen.“ SteglitzMind stellt Christian Röhrl von der „Buchhandlung Bücherwurm“ vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr! Im Übrigen freue ich mich auch über Gastbeiträge: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen?

Christian Röhrl vom 3-köpfigen Vorstand der Arbeitsgemeinschaft unabhängiger Buchhandlungen (AuB) führt in Regensburg die Buchhandlung Bücherwurm. Wir sind uns in einem angesagten sozialen Netzwerk begegnet. Zu meiner Freude ließ er sich nicht lange bitten, hier mitzutun.

Eine Skizze vom Laden…

Der Bücherwurm entstand  aus einer Studenteninitiative heraus. 1985, zunächst als Verlag für Kleinkunst und Versandbuchhandel. Seit 1988 gibt es das erste Ladengeschäft. Damit wird heuer das 25 Jährige begangen. In der Zeit wurden im Raum Regensburg und Amberg diverse Läden eröffnet, heute bestehen davon noch 2 in Regensburg und Neutraubling und ein Shop im Shop im Zweiradcenter Stadler, wo alles rund ums Rad und Motorrad angeboten wird.

Der Bücherwurm war meist als Stadtteilbuchhandlungen konzipiert mit einem Schwerpunktprogramm für Familien. Anspruchsvolles Kinderbuch, Belletristik und Ratgeber. Das Ganze im Nonbook ergänzt im Bereich Kulinaria, Wellness und Geschenkartikel. Es gibt eine „Eine Welt“-Ecke (Fair Trade) in jedem Laden. Das Hauptgeschäft im Regensburger Westen hat eine Fläche von 600 qm, die Filiale im Kaufpark Neutraubling 140 qm, und der Stadler Shop ca. 12 qm. Zurzeit sind 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, z.T. auch in Teilzeit beschäftigt.

Das Rechnungsgeschäft mit Schulen, Institutionen und Bibliotheken macht ca. 20% vom Umsatz aus. Es gibt einen Online Shop, noch den Libri Shop, wir werden aber im Herbst wechseln  und einen Facebookauftritt.

Warum sind Sie Buchhändler geworden?

Christian Röhrl © privat

Christian Röhrl © privat

Ich bin über die Musik zum Buchhandel gekommen. Die Liedermacherband Onyx suchte einen Bassisten. Da bin ich 1982 eingetreten. Aus der Band hat sich dann ein Kleinkunstverlag entwickelt. Irgendwann kamen wir auf die Idee, nicht unseren ganzen Bücheretat zu Pustet zu tragen und beschlossen, eine Buchhandlung zu gründen. Dabei rezensierten wir (3 angehende Lehrer und ich) Kinderbücher und erstellten einen Versandkatalog für Kindergärten, der 500 mal verschickt wurde. Nach meinem BWL Studium habe ich dann diese kleine Versandbuchhandlung übernommen und 1988 den ersten Laden eröffnet, weil mich der Buch Virus nicht mehr losgelassen hat. Mein Gedanke war, Literatur und Musik. Damit willst Du  dein Leben verbringen.

Würden Sie sich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

Bei mir war die Lust am Bücherverkaufen immer mit einem betriebswirtschaftlichen Background verbunden. Nach 25 Jahren Berufserfahrung mit allen denkbaren Höhen und Tiefen denke ich, dass ich es allmählich kann und ich kann mir keinen schöneren Beruf  vorstellen.

Was hat sich in den vergangenen Jahren in Ihrem beruflichen Alltag verändert?

Vor allem nach 2004 bin ich allmählich zur Erkenntnis gelangt, dass es tief greifende Wandlungen in der Branche gibt, angesichts der damaligen Entwicklung bei den Filialisten, dem aufkommenden Online Handel. Es stellte sich mir die Frage, wie man künftig weiter arbeiten muss, um zu überleben. Die wichtigste Erkenntnis ist, dass man als Einzelkämpfer – noch dazu in der Umsatzklasse, in der sich die meisten Buchhandlungen tummeln, künftig keine Chance mehr haben wird. (70% aller Buchhandlungen tummeln sich mit einem Umsatz von unter 300.000,– bei  einem betriebswirtschaftlichen Ergebnis von MINUS 6,5%, laut letztem Betriebsvergleich))

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternehmen Sie in dieser Richtung?

Ich kümmere mich zu 5% um Online und zu 95% um meine Kunden im Laden. Die Kunden sollen im Laden erleben, dass das was anderes ist, als am PC zu hocken.

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verorten Sie für Ihre Buchhandlung die größten Gefahren?

Es findet seit 2007 ein schleichender Verlust an Barkunden statt. Zum anderen sehe ich die größte Gefahr auf der Vermieterseite. Eine Buchhandlung kann vielfach beim Ertrag nicht mit anderen Branchen mithalten. Die Gefahr wächst, dass Mietverträge einfach nicht verlängert werden. Gerade oft auch an Standorten, die gut funktionieren.

Wie halten Sie es mit dem E-Book?

Ich habe gerade unter anderem deshalb das neue EURO BIS Flow von KNV eingeführt, das eine sehr einfache Möglichkeit des E-Book Verkaufs über die ganz normale Bibliografie ermöglicht. Ansonsten bin ich Papieranhänger und Haptik Fetischist.

Wäre das eine Option für Sie, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Ich verkaufe ja auch seit 25 Jahren Bücher von Eigenverlegern. Es sind vor allem regional gute Titel dabei. Generell denke ich aber, dass es Sinn macht, vor einer Veröffentlichung jemanden zu haben, der das Ganze lektoriert, korrigiert, bewirbt, veröffentlicht und einen wirtschaftlich sinnvollen (gebündelten) Vertrieb ermöglicht. – Kurz ich bevorzuge Verlage.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

© Buchhandlung Bücherwurm

© Buchhandlung Bücherwurm

Ein wesentlicher Punkt ist der Versuch, sich in die Kundensicht zu begeben. Also was sucht ein Kunde. Beispiel: Der Kunde will in Urlaub in die Toskana. Dem versuchen wir Rechnung zu tragen, indem er alles zu dem Thema beieinander findet. Von der Karte, den Reiseführer, der Urlaubslektüre, dem Beschäftigungsblock und dem Hörbuch für mitfahrende Kids, regionalen Titeln (Das Monster von Florenz …) bis hin zu Rotwein und Olivenöl.

Kurz wir denken nicht in Warengruppen, sondern in Kaufanlässen. Das schafft dann genau die gedanklichen Verbindungen, die das Netz oft auch mit noch so ausgefeilten Algorithmen nicht kann. Wir versuchen, den besonderen Service bieten. Dazu kommt die gute Mischung aus Beratung und sich selbst verkaufender Präsentation.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… Welche wären das?

1) Übernehmt die Versandkosten. Gesamtwirtschaftlich würde das die Kosten für Beteiligten senken

2) Haltet Euch an die Preisbindung: Die Konditionen der Buchhandlungen dürfen nicht allein am Umsatz festgemacht werden

3) Bestraft Buchhandlungen nicht, wenn die Eure Bücher ans Lager nehmen. Beispiel: Remissionsgebühr. Das Wort Schulbuchverlage will ich nur mal so hinschreiben. Das wären dann Seiten füllende Wunschlisten.

Und was würden Sie sich vom Börsenverein für den deutschen Buchhandel wünschen?

Noli turbare circulos meos…

Was treibt Sie in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Wir suchen immer für unsere Lesungen geeignete Autoren. Was mich dann ärgert, wenn diese dann nur über Agenturen zu buchen sind.

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Sie sollen sich inspirieren lassen…

Welche anderen Buchhandlungen empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Viele Kollegen in der AUB geben kompetente Gesprächspartner ab. Etwa Karin Esch von der Buchhandlung Lesezeit in Düsseldorf oder Hartwig Bögeholz von der Bücherstube in Bielefeld.

Danke sehr…

Halt! Aus meiner Sicht fehlt hier eine wichtige Frage: Wie kauft man heute Bücher ein?

Sie verraten es uns…

Nur als Großer werden sie von Verlagen ernst genommen. Der Rohertrag kann sich schnell mal zwischen klein und groß um 15 % unterscheiden. Wenn man die Betriebsvergleichszahlen ansieht, die bei 6,5 % minus bei kleinen Buchhandlungen liegen, sollte eigentlich das Ziel eigentlich klar sein: Wie kann man die Spanne um mehr als 6,5% steigern, damit endlich Schluss mit der Selbstausbeutung ist!

Man muss gemeinsam einkaufen, dabei aber alle Freiheiten der Lieferantenwahl, des Barsortiments und der Sortimentsgestaltung haben. Es müssen dabei beide Seiten einen Gewinn haben: Die klassische win – win- Situation. Ein möglicher Weg ist das Cross Docking, das wir von der AuB zur Zeit mit der EK Servicegroup in Bielefeld aufbauen und das im 1. Quartal 2014 starten wird. Das Ganze ist eine Kombination von besseren Konditionen, bei gleichzeitig schlankeren Prozessen und niedrigerer Lagerbindung bei völliger Freiheit der Gestaltung des eigenen Sortiments mit Zugriff auf andere Warengruppen und sämtlichen Leistungen, die man sich für einen Händler nur vorstellen kann. Und das mit einem erfahrenen und leistungsstarken Partner. Cross Docking wird ein Meilenstein beim Einkauf sein! – Wer mehr wissen möchte, mag sich an mich wenden.

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Fünf Fragen vom Börsenblatt für den deutschen Buchhandel zur Gesprächsreihe mit Buchhändler/innen beantworte ich hier

Zu Wort gekommen sind bislang:

Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen

Edda Braun mit ihrer Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt

Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm

Margarete Haimberger mit ihrer Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg

Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen

Martina Bergmann mit der Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen

Thomas Calliebe mit seiner Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau

Mila Becker mit Mila Becker Buch & Präsent in Voerde

Trix Niederhauser aus der Schweiz von der Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental

Simone Dalbert von der der Buchhandlung Schöningh in Würzburg

Klaus Kowalke von der Stadtteilbuchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. in Chemnitz

Beate Laufer-Johannes von der der BücherInsel in Frauenaurach bei Erlangen

Petra Hartlieb von der Wiener Buchhandlung Hartliebs Bücher

Nicole Jünger aka Kata Butterblume vom Buchladen am Neuen Markt in Meckenheim

Jörg Braunsdorf von der Berliner Tucholsky-Buchhandlung

Stefanie Diez und ihre Buchhandlung Die Insel im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg

Britta Beecken von der Berliner Buchkantine

Heike Wenige mit dem Taschenbuchladen, der im sächsischen Freiberg ansässig ist

4 Kommentare zu “„Wir denken nicht in Warengruppen, sondern in Kaufanlässen.“ SteglitzMind stellt Christian Röhrl von der „Buchhandlung Bücherwurm“ vor

    • 1) bei Agenturen hat die dann „Mit“-veranstaltende Buchhandlung meist allenfalls eine Nebenrolle
      2) Buchverkauf und auch Eintritt für einen Autor wird oft von den Agenturen selber organisiert.
      3) Oft kann die Veranstaltung nicht mehr in der Buchhandlung stattfinden, kurz, wir haben eigentlich nichts mehr davon. Zugegebenermassen ist das Risiko oft auch geringer, aber einer der Hauptgründe einer Profilierung der Buchhandlung durch die Veranstaltung geht meist verloren (Neben der Literaturförderung natürlich). Nebenbei bemerkt sind die Eintrittspreise bei Agenturvermittlung in der Regel erheblich höher.

      • Herzlichen Dank für die Antwort. Sie macht mich – als Autorin, die nicht bei einer Leseagentur ist – ziemlich wütend. Mir scheint, als werde in diesem ganzen Geschäft immer weniger auf Augenhöhe miteinander verhandelt. Genau daran krankt die ganze Buch- und Verlagsbranche, manchmal bis zum Abwinken. Bei einer solchen Arroganz würde ich mir als Buchhandlung die Buchung über eine Agentur auch sparen. Schade für alle.

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