„Vom Börsenverein erwarte ich mir mehr Kritikfähigkeit.“ SteglitzMind stellt Holger Brandstädt von der Friedrich-Wagner-Buchhandlung vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr! Im Übrigen freue ich mich auch über Gastbeiträge: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen?

Dass wir heute Holger Brandstädt von der Friedrich-Wagner-Buchhandlung kennenlernen, die in Ueckermünde ansässig ist, hatte Heike Wenige vom Taschenbuchladen vorgeschlagen, der im sächsischen Freiberg zu finden ist.

Eine Skizze vom Laden…

Holger Brandstädt © Roland Köhler

Holger Brandstädt © Roland Köhler

Die Friedrich-Wagner-Buchhandlung ist eine unabhängige Sortimentsbuchhandlung mit 100 m² Verkaufsfläche ganz im Nordosten der Republik. Namensgeber Friedrich Wagner war Buchbinder und machte sich vor 130 Jahre in Ueckermünde selbständig. Sohn Johannes, bei dem meine Großmutter in die Lehre ging, machte 1936 eine Vollbuchhandlung daraus. Dessen Tochter Johanna führte die Buchhandlung bis 1981 als Kommisionsbuchhandlung. Nach einigen Jahren als Volksbuchhandlung und Nachwendeprivatisierung bin ich seit 2001 Inhaber. Die Buchhandlung umfasst ein allgemeines Sortiment, dazu Wein, etwas Papeterie, ausgewählte Nonbooks und Regionalprodukte. Es gibt einen Raum für Kunstausstellungen, eine Ferienwohnung und zahlreiche Veranstaltungen (Lesungen, Kino, Konzerte u.a.). Unser Team besteht aus mir als Inhaber, drei Aushilfen und zwei Katzen.

Warum sind Sie Buchhändler geworden?

Bücher haben mich immer fasziniert. Mutter und Großmutter waren im Handel tätig, Vater und Großvater im Zierpflanzenbau. Der Handel liegt mir mehr.

Würden Sie sich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

Ich kann mir keinen besseren Beruf wünschen, sehe aber für junge Leute durchaus fehlende Zukunftsperspektiven. Darüber hinaus kenne ich einige gute Sortimenter, die seit Jahren eine feste Anstellung in der Branche suchen und Opfer des Strukturwandels geworden sind. Hier im Pommerschen gibt es derzeit keine Beschäftigungsmöglichkeiten für angestellte Buchhändler, in Berlin sieht es seit Jahren auch mau aus.

Was hat sich in den vergangenen Jahren in Ihrem beruflichen Alltag verändert?

Größte Veränderungen für mich brachten die Mitgliedschaft in der eBuch e.G. und die Teilnahme am ANABEL-Einkaufsmodell. Ich habe schon 2001, als ich die Buchhandlung übernommen habe, nach einer Möglichkeit gesucht als kleine Sortimentsbuchhandlung Synergien zu nutzen. Damals gab es keinen Zusammenschluss, der mich überzeugt hat. Seitdem bei der eBuch die Warenwirtschaft nicht mehr Grundvoraussetzung ist, hat sich dies geändert.

Ich bin im Einkauf deutlich flexibler geworden, habe bessere Konditionen, weniger Arbeit im Back-Office. Der Genossenschaftliche Verbund stärkt die Position des unabhängigen Buchhandels, er bietet Firmen wie Amazon, Redcon & Co. Paroli und macht aus vielen Einzelkämpfern ein schlagkräftiges Team – und dies ohne dass die Individualität des Einzelnen auf der Strecke bleibt.

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternehmen Sie in dieser Richtung?

Ich habe seit Firmengründung eine Homepage, die bis Ende 2012 mit buchhandel.de verknüpft war. Dies war leider ein sehr mühseliges, unrentables Geschäft, da oft Bestellungen von bereits vergriffenen Titeln und aus Garagenverlagen, die zum Teil ohne Rabatt und mit überhöhten Versandgebühren liefern, eintrafen. Derzeit suche ich nach einer Alternative und nehme demnächst an einem Seminar zu diesem Thema teil.

hereinspaziert! © Holger Brandstädt

hereinspaziert! © Holger Brandstädt

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verorten Sie für Ihre Buchhandlung die größten Gefahren?

Die größte Gefahr geht hier mit der Veränderung der Bevölkerungsstruktur einher. Die Einwohnerzahl sinkt, der Altersdurchschnitt steigt und das Land zieht sich immer mehr aus der Fläche zurück. Gleichzeitig bieten Discounter verstärkt die Brotartikel des Fachhandels an und die Aktiven kaufen im Internet. Fällt die Preisbindung geht auch hier das Licht aus, denn mit den Einkaufskonditionen, die Verlage schon jetzt Konzernen wie Amazon, Weltbild & Co einräumen, ist kein fairer Wettbewerb möglich.

Wie halten Sie es mit dem E-Book?

Die bisher via MVB und Libri angebotenen Reader haben mich nicht überzeugt. Ich empfehle daher eher das Lesen auf dem iPad oder anderen Tablet-PCs.

Als Mitglied der eBuch e.G. habe ich dank der Genossenschaft einen gut sortierten professionellen Online-Store. Die Umsätze halten sich in Grenzen, aber der Aufwand für mich auch. Wobei ich mich frage welche Funktion, außer den Content anzubieten, der Buchhändler beim E-Book hat und wie er sich und seine Individualität mehr einbringen kann?

Wäre das eine Option für Sie, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Das mache ich schon, aber oft fehlen den Self Publishern einfachste gestalterische und kalkulatorische Grundkenntnisse.  Wo es geht stehe ich beratend zur Seite, um für beide Seiten bessere Ergebnisse zu erzielen. Gerade im regionalen Bereich kann Self Publishing eine sinnvolle Sortimentsergänzung sein.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

Mit Freude an Individualität. (Nicht jeder Bestseller findet seinen Weg in den Nordosten, dafür sind ganz eigene Titel Best- und Longseller.) Durch eine gute regionale Vernetzung, einen erstklassigen Service und ein spannendes Veranstaltungsprogramm, aktive Öffentlichkeitsarbeit inbegriffen. Dazu regionale Kompetenz: Im Sortiment finden sich u.a. selbstverlegte Postkarten und der deutsche Vertrieb der Reihe ‚Zeit, Raum‚ Identität‘ aus Stettin/Polen. Durch Stärkung des buy local-Gedankens und gemeinsame Aktionen mit den umliegenden Fachhändlern, die die Vielfalt des Angebots in der Ueckermünder Altstadt ins öffentliche Bewusstsein zurückholen.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… Welche wären das?

Buch und Wein © Roland Köhler

Buch und Wein © Roland Köhler

1. Ich wünsche mir, dass Verlage weniger die Nebenmärkte fördern und stattdessen dem Buchhandel ähnlich attraktive Angebote machen.

2. Ich wünsche mir mehr Weltsicht der Verlage. Die Gastländer der Buchmesse zeigen, dass auch nichtenglische Literaturen großartige Entdeckungen zu bieten haben. Und dies sicher nicht nur wenn in Frankfurt ein neues Gastland gekürt wird.

3. Dass sich endlich ein Verlag findet, der weitere Provence-Krimis von Pierre Magnan ins Deutsche übersetzt. Der ist um Längen besser als Fred Vargas und ein Opfer des Verschiebebahnhofs, der den Scherz-Verlag irgendwann bei Fischer abgestellt hat.

Und was würden Sie sich vom Börsenverein für den deutschen Buchhandel wünschen?

Konsequenten Einsatz für die Preisbindung / Preisgünstige Bereitstellung buchhändlerischer Hilfsmittel / Beratung in Fachfragen. Letzteres erlebe ich sehr gut bei Michael Menard vom Landesverband Nord in Hamburg, aber die Heerscharen „grau gekleideter Herren“ in Leipzig stoßen mich regelmäßig ab. Da fühle ich mich als Sortimenter weder wohl noch wahrgenommen. Darüber hinaus erwarte ich mehr Kritikfähigkeit vom Börsenverein und die Nutzung des kreativen Potentials der Branche. Aktionen wie ‚Vorsicht Buch‘ und einiges, was da sonst gestalterisch aus Frankfurt auf die Branche losgelassen wurde (z.B. die Bücherstapelgutscheinhüllen), erschrecken mich ob ihrer Einfallslosigkeit. Auch Nachfragen heißt es dann immer reflexartig: ‚Ihren Kollegen gefällt es. ‘ Solche Aussagen bringen weder mich noch die Branche weiter.

Was treibt Sie in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Das es immer schwerer wird, Titel mit Substanz zu finden, die zu verkaufen Freude macht. Die Unzahl austauschbarer Massenware auch aus Häusern mit großer literarischer Tradition wie z.B. Aufbau, Ullstein, List deprimiert. Fragen Sie doch mal Verlage, was im vorletzten Herbst der Spitzentitel war?! Auch wenn Osburg, Liebeskind u.a. immer noch für Lichtblicke sorgen, dünnt sich das Angebot trotz hoher Novitäten-Anzahl doch zusehends aus. Mich retten im Sommer Regionaltitel und die Tatsache, dass dank steigender Touristenzahlen auch die Backlist wieder mehr gepflegt werden kann.

Veranstaltungen © Roland Köhler

Veranstaltungen © Roland Köhler

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Weil Buchhandlungen im Idealfall lebendige Orte der Entdeckung und Begegnung sind, die sich durch Individualität und Engagement auszeichnen.

Welche anderen Buchhandlungen empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Ich empfehle ob ihres Engagements Ute Henze von der gleichnamigen Buchhandlung in Wolgast und Tatjana Mischke von der Franz-Mehring-Buchhandlung in Berlin-Friedrichshain, die an ihrem Standort mehrfach massive Veränderungen der Bevölkerungsstruktur gemeistert hat.

Wo findet man Ihre Buchhandlung im Netz? 

Neben der Homepage und dem E-Book-Store ist sowohl die Buchhandlung als auch ihr Inhaber auf Facebook aktiv.

Danke sehr! Wäre meine Katze Liese-Lotte noch, würde ich sie bei Ihnen gerne in die Lehre schicken…

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Fünf Fragen vom Börsenblatt für den deutschen Buchhandel zur Gesprächsreihe mit Buchhändler/innen beantworte ich hier

Zu Wort gekommen sind bislang:

Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen

Edda Braun mit ihrer Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt

Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm

Margarete Haimberger mit ihrer Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg

Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen

Martina Bergmann mit der Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen

Thomas Calliebe mit seiner Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau

Mila Becker mit Mila Becker Buch & Präsent in Voerde

Trix Niederhauser aus der Schweiz von der Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental

Simone Dalbert von der der Buchhandlung Schöningh in Würzburg

Klaus Kowalke von der Stadtteilbuchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. in Chemnitz

Beate Laufer-Johannes von der der BücherInsel in Frauenaurach bei Erlangen

Petra Hartlieb von der Wiener Buchhandlung Hartliebs Bücher

Nicole Jünger aka Kata Butterblume vom Buchladen am Neuen Markt in Meckenheim

Jörg Braunsdorf von der Berliner Tucholsky-Buchhandlung

Stefanie Diez und ihre Buchhandlung Die Insel im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg

Britta Beecken von der Berliner Buchkantine

Heike Wenige mit dem Taschenbuchladen, der im sächsischen Freiberg ansässig ist

Christian Röhrl von der Buchhandlung Bücherwurm in Regensburg

Susanne Dagen vom Buchhaus Loschwitz in Dresden

Jessica Ebert und Katja Weber von der Berliner Buchhandlung ebertundweber

Anna Jeller mit ihrer Buchhandlung Anna Jeller in Wien

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Ein Kommentar zu “„Vom Börsenverein erwarte ich mir mehr Kritikfähigkeit.“ SteglitzMind stellt Holger Brandstädt von der Friedrich-Wagner-Buchhandlung vor

  1. hallo, ich schlage hier eine Buchhandlung vor:

    Barbaras Bücherstube in Moosburg. http://www.barbarasbuecherstube.de/

    gibt es mit wechselnden Inhabern seit fast 30 Jahren und die tolle Beratung und das tolle Sortiment, das ich in meinen Jugendjahren dort erlebt habe, war mit ausschlaggebend, dass ich tatsächlich selbst Buchhändlerin geworden bin. leider gab es vor drei Jahren keine Stelle mit lebensermöglichender Bezahlung mehr für mich und seitdem arbeite ich etwas technisches und erkenne erst jetzt unter dem Schutzschirm der IGMetall, wie hart die Arbeitsbedingungen im Buchhandel waren.
    Die Gründerin Barbara war eine Koryphäe und hatte tolle Mitarbeiterinnen, eine davon führt den Laden inzwischen. Ich würde ihr gerne die Chance geben, über die Grenzen dieser oberbayerischen Kleinstadt hinaus zu strahlen. Schon lange vor den Zeiten des Internets barg diese Ladentür einen Zugang in die ganze Welt.

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