„Independents, Kleinstverlag und Selfpublisher sollten bessere Vertriebsmöglichkeiten erhalten.“ – SteglitzMind stellt das Team von „Pro qm“ vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr! Im Übrigen freue ich mich auch über Gastbeiträge: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen?

Dass wir das Team von der Buchhandlung Pro qm etwas näher kennenlernen, die sich auf die Themen Stadt, Politik, Pop, Ökonomiekritik, Architektur, Design, Kunst  und Theorie spezialisiert hat und in Berlins Mitte zu finden ist, hatte sich eine Leserin von SteglitzMind gewünscht, die sich arise nennt.

Eine Skizze vom Laden…

hier geht's hoch  ©  Katja Eydel

hier geht’s hoch © Katja Eydel

Pro qm wurde als thematische Buchhandlung 1999 in Berlin-Mitte gegründet und beschäftigt sich vor allem mit Stadt und deren Schnittstellen zu Politik, Pop, Ökonomiekritik, Architektur, Design, Mode und Kunst. Das Projekt ist interdisziplinär: Neben der Buchhandlung veranstalten wir regelmäßig Vorträge, Diskussionen und Buchpräsentationen im Laden, arbeiten an Ausstellungen und Konferenzen mit, haben Büchertische und temporäre Dependancen.

Ungefähr die Hälfte unseres Bestandes ist nicht-deutschsprachig, wir importieren sehr viel vor allem aus dem englischsprachigen Raum, aber auch aus allen anderen Gegenden der Welt. Daneben bieten wir auch eine große Reihe an internationalen Magazinen bei uns an.

Wie kam es zu Pro qm?

Wir sind inzwischen ein Team aus zehn Leuten mit den verschiedensten Hintergründen: Kunst, Architektur, Design, Kunst-, Kultur-, Filmwissenschaften – nur nicht aus dem Buchhandel. Pro qm ist aus einer theoretischen Auseinandersetzung mit Stadtpolitik heraus erstanden und einer Diskussion um alternative Räume der kulturellen Produktion, als sozialer Ort, um die Beschäftigung mit solchen Fragestellungen zu ermöglichen. Die Funktionalität der Buchhandlung ist vor allem eine spezifische Form der Verhandlung, die gleichzeitig die Ökonomie des Ladens sichert. Sie ermöglicht eine vernetzte Beschäftigung mit Theorien und deren Distribution, mit eigener wissenschaftlicher Arbeit und mit künstlerischen Projekten.

Würden Sie sich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Weg entscheiden?

Unbedingt! Aber die Mischung macht’s, wir sind alle noch in weiteren Bereichen aktiv, schreiben, forschen, kuratieren, dozieren, pendeln und/ oder erziehen. Diese Erfahrungen und das Wissen werden dann wieder in den Buchladen importiert in Gestalt von neuen thematischen Schwerpunkten oder von Veranstaltungen, die sich aus diesen Netzwerken speisen.

Auftritt des Musikers Dan Bodan  © Pro qm

Auftritt des Musikers Dan Bodan © Pro qm

Was hat sich in den vergangenen Jahren in Ihrem beruflichen Alltag verändert?

Vermutlich ist die Antwort quer zu allen Berufssparten mit Computernutzung ähnlich: das Ringen mit den anschwellenden E-Mail-Halden.
Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternehmen Sie in dieser Richtung?

Wir haben eine Website mit einem selbstprogrammierten Webshop, dort bieten wir ausgewählte Neuheiten an, kündigen in einem Blog unsere Veranstaltungen an, die wir auch noch gesondert per Mail verschicken. Facebook nutzen wir auch als Plattform.

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verorten Sie für Ihre Buchhandlung die größten Gefahren?

Wir sehen für uns derzeit noch keine Bedrohung. Wir sind so spezialisiert, dass unsere KundInnen aus aller Welt gezielt zu uns kommen, weil sie sich mit ihren spezifischen fachlichen Anliegen bei uns ernst genommen wissen oder einfach von unserem thematischen Sortiment angesprochen fühlen

Wie halten Sie es mit dem E-Book?

Bisher gab es vor zwei Jahren mal eine einzige eher als Witz gemeinte Nachfrage dazu. Via Barsortiment sind wir freigeschaltet für den Verkauf von E-Books, wir warten entspannt auf den Ansturm. Da wir einen großen Anteil an Publikationen führen, bei denen Gestaltung und Materialität, Art der Bindung, Papier, Bildqualität, Farbigkeit oder ähnliches von zentraler Bedeutung sind, sehen wir in diesem Bereich auf absehbare Zeit auch noch nicht die Gefahr einer Ablösung durch elektronische Datenträger.

Wäre das eine Option für Sie, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Das machen wir schon immer bei Pro qm. Im Eigenverlag herausgegebene Publikationen – aus dem In- und Ausland – in Form von Heften, Büchern, Zeitschriften, Platten, CDs und DVDs gehören bei uns zentral zum Sortiment, sofern sie sich thematisch mit unseren Fragestellungen überschneiden. Die Verwaltung ist  zugegebenermaßen etwas aufwändiger, aber manchmal kommen gerade die wertvollsten Kommentare zu einer Thematik aus den verwinkeltsten Kanälen.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

so schaut's Innen aus  ©  Katja Eydel

so schaut’s Innen aus © Katja Eydel

Sicher trifft die These von der Nische auch auf unseren Ansatz zu: die Spezifik der Auswahl und der thematischen Sortierung, das Angebot der gezielten Recherche und der Bestellung von Büchern aus aller Welt, ihr Versand überallhin, nicht zuletzt aber auch die Möglichkeit des Zufallsfundes im Laden. Die regelmäßigen Veranstaltungen in unseren Räumen sowie die aushäusigen Engagements bei Konferenzen, Ausstellungen und Messen betten die Literatur in ihr jeweiliges diskursives und soziales Umfeld ein.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… Welche wären das?

Ein Wunsch ginge eher in Richtung Vertriebsstrukturen: Independents, Kleinstverlage, Selfpublisher sollten bessere Vertriebsmöglichkeiten erhalten, dass sich so womöglich auch das Angebot anderer unabhängiger Buchläden diversifizieren kann. Vielleicht ließen sich ja so etwas wie solidarische Finanzierungsmodelle denken, wo Major-Verlage einen kleinen Anteil in die Vertriebsstruktur der unterversorgten Indies investieren?

Ein weiterer Wunsch wäre die Optimierung der Vertriebskanäle, innereuropäisch wie weltweit. Es ist manchmal ein zähes Projekt, einen Titel alleine schon aus einem unserer Nachbarländer zu nachvollziehbaren Konditionen nach Berlin zu bekommen. In dem Maße, in dem sich unsere Städte internationalisieren und sich die Nachfrage entsprechend auffächert, sollte dem ja eigentlich auch die Vertriebsgeschwindigkeit und Vielfalt des Buches entsprechen.

Und was würden Sie sich vom Börsenverein für den deutschen Buchhandel wünschen?


Der Börsenverein könnte Impulse geben in Richtung der oben erwähnten Vertriebsthematik.

Was treibt Sie in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Suhrkamp lässt ja keinen kalt.

eine Ausstellung der Architekturzeitschrift OASE  © Pro qm

eine Ausstellung der Architekturzeitschrift OASE © Pro qm

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Mit Belustigung beobachten wir alleine schon die verdichtete Verkehrssituation vor unserem Laden, wenn die diversen Versanddienstleister ihre Lastwagen in zweiter Reihe stapeln, und im Anschluss die Nachbarn mit den Benachrichtigungszettelchen durch die Läden ziehen, um ihre Päckchen einzusammeln. Und etliche Anbieter verschicken übrigens nicht an die vielbemühte Packstation.

Und wir sind natürlich mit unserem Stadtschwerpunkt auch echte Fans von lebhafter Innenstadt, deren Lokalspezifik sich in der Buntheit, Schrägheit und Vielfalt ihrer Geschäfte und Märkte ausdrückt, und wünschenswerterweise auch in ökonomischem Zusammenhang mit ihren BewohnerInnen steht, deren Einkommen sich teilweise ja durchaus auch aus lokalen Ökonomien speisen könnte – jetzt mal im Gegensatz zu den Monopolen an der Autobahn und in Shoppingmalls.

In Berlin haben wir, was den Buchhandel betrifft, sicher einen privilegierten Status, hier gab es etliche Neugründungen in letzter Zeit, was wir natürlich super finden, denn so kann auf lokaler Ebene ein immer diverseres und spezifischeres Angebot ausgebreitet werden.


Welche anderen Buchhandlungen empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

 Zuallererst unsere Freunde von der Buchhandlung & Verlag b_books in Kreuzberg, mit denen wir 2007 zusammen den Buchladen der documenta 12 in Kassel organisiert haben, und deren verlegerische Projekte für unseren Laden sehr wichtig sind. Auch ganz wichtig, gleich um die Ecke von denen, sind Motto Berlin, Buchhandlung und Vertrieb für Kunst und Independents. In Charlottenburg ist die erste Adresse für Kunst, Architektur, Design natürlich der wohlsortierte Bücherbogen! Eine wichtige linke Institution in Berlin, auch als Verlag, ist der Buchladen Schwarze Risse im Mehringhof. Und vor kurzem neugegründet im Wedding hat sich Echo Bücher, spezialisiert auf elektronische Musik, eine Mischung aus Veranstaltungsort, Buchladen und Café. Man könnte jetzt seitenweise weiterlisten…

Feine Empfehlungen. Neben der Website und Facebook ist Pro qm auch anderweitig im Netz präsent…

Ja, Designers & Books ist eine amerikanische Website mit Buchempfehlungen aus den Bereichen Design und Architektur, auf der wir ein „gefeatured bookshop“ sind, und wo wir monatlich einige unserer Bestseller auflisten. Stil in Berlin bewegt sich in den Straßen und im Alltag Berlins und Hipshops gibt Emfehlungen aus für „concept stores from around the world“.

Vielen Dank, dass Pro qm diese Gesprächsreihe bereichert.

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Eine Übersicht über die Empfehlungen, die im Rahmen der Gesprächsreihe mit Buchhändler/innen seit Juli 2013 zusammengekommen sind, findet sich hier

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