„Man kehrt einem Beruf, den man mit Leidenschaft ausübt, nicht einfach den Rücken, weil die Bedingungen schwieriger geworden sind.“ – SteglitzMind stellt Brigitte Gode von der Gollenstein Buchhandlung vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr! Im Übrigen freue ich mich auch über Gastbeiträge: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen?

Dass wir die Gollenstein Buchhandlung kennenlernen sollten, die in Blieskastel (nahe Homburg und Saarbrücken) ansässig ist, hatte Blogleserin arise vorgeschlagen. – Ich freue mich sehr, dass Brigitte Gode der Einladung gefolgt ist und sich und ihren Buchladen heute vorstellt.

Eine Skizze vom Laden…

Die Gollenstein Buchhandlung wurde von mir im Jahr 2005 gegründet. Mit mir zusammen arbeitet meine Tochter Annabelle. Wir repräsentieren also zwei Generationen, was von den Kunden sehr geschätzt wird. Auf 70 qm in der historischen Altstadt von Blieskastel bieten wir ein allgemeines Sortiment. Unser Schwerpunkt liegt auf der Belletristik und dem Kinder- und Jugendbuch. Letzterem räumen wir einen besonderen Platz ein, ergänzt durch hochwertige Spiele der Firma Haba.

Warum sind Sie Buchhändlerin geworden?

Brigitte Gode  © privat

Brigitte Gode © privat

Weil ich mich schon immer in Geschichten verlieren konnte, weil ich gerne über das, was ich gelesen habe, rede und gerne Umgang mit anderen Menschen habe. Wahrscheinlich habe ich dadurch in Sachen Literatur ein gewisses Sendungsbewusstsein entwickelt. Auf den Punkt gebracht: weil ich mir ein Leben ohne Bücher nicht vorstellen kann.

Würden Sie sich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

Aus heutiger Sicht ist es natürlich schwer zu entscheiden, wie ich mich als Berufseinsteigerin entscheiden würde. Aber nach fast 40 Jahren im Buchhandel und dem unerschütterlichen Optimismus, mit dem ich ausgestattet bin, kann ich die Frage nur mit Ja beantworten. Außerdem, siehe oben, was könnte man mit solchen Veranlagungen Besseres tun? Man kehrt einem Beruf, den man mit Leidenschaft ausübt, nicht einfach den Rücken, weil die Bedingungen schwieriger geworden sind. Ich würde einem Berufsanfänger heute aber raten, sich diesen Schritt sehr genau zu überlegen und empfehlen, seine Motivation für diesen Beruf sehr genau zu hinterfragen.

Was hat sich in den vergangenen Jahren in Ihrem beruflichen Alltag verändert?

Ich gehöre der Generation an, die das Bibliographieren anhand von dickleibigen Katalogen gelernt und mit Buchlaufkarten hantiert hat. Elektronisches Bibliographieren, Warenwirtschaftssysteme, Online-Shops und E-Books haben unseren Alltag grundlegend verändert, in vielen Bereichen auch leichter gemacht. Andererseits stehen wir heute einem ganz anderen Kundentypus gegenüber. Viele Kunden sind vorinformiert, haben schon „bei Amazon nachgesehen“, Internetrezensionen gelesen und stellen daher höhere Anforderungen an die Beratung.

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternehmen Sie in dieser Richtung?

Wir betreiben einen Online-Shop über unser Barsortiment und bewerben diesen auch. Wir verzeichnen zunehmende Frequenz über diesen Bestellweg, sowohl von Stammkunden, die die Bequemlichkeit zu schätzen wissen, als auch von Neukunden, die wir dann sehen, wenn sie ihre Bücher abholen. Wir machen die Erfahrung, dass die Online-Kunden selten den Versandweg wählen, sondern ihre Bestellung in der Buchhandlung abholen. Ein Zeichen dafür, dass der persönliche Kontakt nach wie vor geschätzt wird. Wenn wir die Stimme gegen Amazon erheben, müssen wir etwas entgegensetzen. Deshalb sollte heute jeder Buchhändler diese Bestellmöglichkeit anbieten.

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verorten Sie für Ihre Buchhandlung die größten Gefahren?

hereinspaziert... © Gollenstein Buchhandlung

hereinspaziert… © Gollenstein Buchhandlung

Wir sind eine typische Kleinstadtbuchhandlung und außerdem konkurrenzlos. Insofern haben wir keine Standortprobleme. Wenngleich die Situation in Kleinstädten eine eigene Problematik besitzt: Unvollständiger Branchenmix, unterschiedliche Öffnungszeiten und dadurch weniger Kundenfrequenz. Ich engagiere mich in meiner Stadt, habe angeregt und in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung auch erreicht, dass Blieskastel, eine schöne kleine Barockresidenz, Città slow geworden ist. Weil ich es für überlebenswichtig halte, dass Kleinstädte ihre Qualitäten verstärkt bewusst machen, mit ihrer einzigartigen Atmosphäre punkten.

Die größte Gefahr lauert nach meiner Einschätzung im Internet. Wenn es uns nicht gelingt, gerade die jüngere internetaffine Generation aufzurütteln und sie zum Nachdenken über die Folgen ihrer Bequemlichkeit zu bringen, dann hat das nicht nur für den Buchhandel verheerende Folgen. Eine Stadt ohne lebendigen Handel ist eine tote Stadt, ohne Lebensqualität. Die Buy local-Initiative zielt genau in die richtige Richtung. Wirklich nachhaltigen Erfolg kann die Initiative nur erreichen, wenn es gelingt, vor allem die Kommunalpolitiker ins Boot zu holen und zum Umdenken zu bringen.

Was nützt die schönste Kampagne, wenn Stadträte weiterhin in den besten Innenstadtlagen überdimensionierte Shopping-Center genehmigen?

Wie halten Sie es mit dem E-Book?

Nun, ich betreibe eine Buchhandlung, kein Elektronik-Fachgeschäft. Ich bin nicht bereit, meine Energie in etwas zu investieren, von dem wir genau wissen, dass es uns nie ein wirtschaftliches Auskommen sichern wird. Was haben wir davon, wenn wir uns mühsam die technischen Kenntnisse unterschiedlicher Reader aneignen, um dann mit einer lächerlich geringen Gewinnspanne alle paar Monate einen Reader zu verkaufen? In der Liga derjenigen, die mit diesem Geschäft Gewinne machen, können wir Kleinen nicht mitspielen. Nachdem sich die Tolino-Verhandlungen des Börsenvereins zerschlagen haben, sehe ich kaum noch Chancen in diesem Geschäft nennenswert mitzumischen. Ich sehe unsere Aufgabe darin, den elektronischen Content zur Verfügung zu stellen. Wir bieten in unserem Web-Shop die Möglichkeit E-Books herunterzuladen. Wir klären unsere Kunden auch darüber auf. Die Diskussionen um Amazon haben dazu geführt, dass verstärkt nach alternativen Download-Möglichkeiten gefragt wird.

Wäre das eine Option für Sie, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Ein klares Nein, ausgenommen vielleicht Autoren aus dem regionalen Umfeld. Ich vertraue  lieber der professionellen Selektion durch die Verlage. Wir wollen uns nichts vormachen, das meiste was auf dem Gebiet entsteht, ist aus dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung entstanden. Es mag Ausnahmen geben, aber in aller Regel lassen diese Machwerke qualitativ zu wünschen übrig. Ich möchte mit gutem Gewissen hinter dem stehen, was ich meinen Kunden empfehle. Das erwartet man auch von mir.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

Vorleseaktion mit der Patenschule  © privat

Vorleseaktion mit der Patenschule © privat

Da nenne ich jetzt die beiden „abgedroschensten“ Phrasen aus dem „angestaubten“ Buchhändlervokabular: Atmosphäre und Beratungskompetenz. Aber es ist nun mal so. Bei uns ist es bunt und gemütlich und wir sind zwei gestandene Buchhändlerinnen, die wissen, was sie tun.

Was soll ich sonst dazu sagen? Wir arbeiten keine Bestsellerlisten ab, sondern setzen uns für die Bücher ein, von denen wir überzeugt sind. Wir werten uns und unsere Bücher auch nicht mit MA vor der Tür ab. Außerdem engagieren wir uns sehr für den Lesenachwuchs. Wir sind eine Lesepatenschaft mit einer weiterführenden Schule eingegangen, das heißt, wir unterstützen die Schülerbibliothek, sponsern Lesungen und helfen mit, die Schüler auf den Vorlesewettbewerb vorzubereiten.

Unser bester Werbeträger hängt an der Decke, ist bunt, leuchtet 24 Stunden und heißt Kronleuchter. Das Ding besitzt magische Kräfte.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… Welche wären das?

Zuallererst: vertraut auf euer angestammtes Produkt. Das Buch hat schließlich auch die Erfindung des Fernsehens und des Internets überlebt. Neuerdings wird kolportiert, dass in den USA der E-Book Umsatz stagniert und das Hardcover zulegt. Na also!

Und dann: Sucht sorgfältiger aus, strafft die Programme. Das gäbe dem Buch eine größere Wertigkeit. Nicht alles, was gedruckt werden kann, muss auch gedruckt werden.

Und drittens: Kümmert euch mit dem Marketing mehr um die kleineren und mittleren Buchhandlungen. Schnürt Pakete, die zu unserer Größe passen. Stellt uns auch bei kleineren Bestellmengen Werbematerial und Leseexemplare zur Verfügung. Wir, die Indis, sind diejenigen, die sich auch für die Bücher einsetzen, die nicht auf den Bestsellerlisten landen.

Und was würden Sie sich vom Börsenverein für den deutschen Buchhandel wünschen?

Ich bin selbst seit vielen Jahren im Ehrenamt engagiert und deshalb sicherlich voreingenommen. Es wird ja immer wieder unter Kollegen diskutiert, ob man den Börsenverein wirklich braucht und ob man sich den Beitrag nicht sparen könnte. Ich halte ihn für enorm wichtig, weil wir eine sehr sensible Branche sind und daher eine starke Branchenvertretung brauchen. Das kann nur der Börsenverein leisten. Ich wünsche mir, dass die Kampagne „Vorsicht Buch“ noch mehr Fahrt aufnimmt und dass es den Verantwortlichen gelingt, noch mehr Kollegen dafür zu begeistern.

Was treibt Sie in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Wir hatten einen fantastischen Bücherherbst mit so vielen guten Büchern wie selten. Die Frühjahrsvorschauen sind inzwischen eingetrudelt und müssen noch gesichtet werden. Wäre schön, wenn auch im Frühjahr die literarischen Quellen so ergiebig sprudeln würden.

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Weil sie uns vermissen werden, wenn wir nicht mehr da sind!

Welche anderen Buchhandlungen empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Für mich als Vertreterin der saarländischen Buchhändler ist das jetzt ein bisschen heikel. Ich schätze die Arbeit aller Kollegen, deshalb nenne ich jetzt eine Buchhandlung aus Cochem, die sehr engagierte Cornelia Layaa-Laulhé.

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Eine Übersicht über die Empfehlungen, die im Rahmen der Gesprächsreihe mit Buchhändler/innen seit Juli 2013 zusammengekommen sind, findet sich hier

9 thoughts on “„Man kehrt einem Beruf, den man mit Leidenschaft ausübt, nicht einfach den Rücken, weil die Bedingungen schwieriger geworden sind.“ – SteglitzMind stellt Brigitte Gode von der Gollenstein Buchhandlung vor

  1. Pingback: (Die Sonntagsleserin) KW #03 – Januar 2014 | Bücherphilosophin.

  2. Ich vertraue lieber der professionellen Selektion durch die Verlage. Wir wollen uns nichts vormachen, das meiste was auf dem Gebiet entsteht, ist aus dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung entstanden. Es mag Ausnahmen geben, aber in aller Regel lassen diese Machwerke qualitativ zu wünschen übrig.
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    Ein wahres Wort. Sieht man von *Das Geheimnis der Jaderinge* von Tereza Vanek ab, hatte die selbstverlegte Literatur, welche ich bis jetzt gelesen habe. eine ausgesprochen gruselige Qualität.

    Wenn man es nicht schafft, von einem Verlag angenommen zu werden, dann sollte man sich vielleicht eingestehen, nicht so gut zu sein, wie man selbst glaubt.

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