Wünsch dir was! Wie Verlage Buchhändler zufriedener stellen können (I)

Sollte sich der Osterhase befleißigen, all‘ jene Wünsche in einen Sack zu packen, die Buchhändler an Verlage richten, dann hätte er schwer zu schleppen. Ganz schön viel kam jedenfalls auf die Frage „Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… welche wären das?“ zusammen, die Buchhändler im Rahmen meiner Reihe SteglitzMind stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor beantwortet haben. Während sich die Gesprächspartner bei der Frage, was man sich vom Börsenverein des deutschen Buchhandels erhoffe, eher zurück hielten, gab sich hier keiner bedeckt. Mancher holte weit aus. Schnell wurde mir deutlich, dass das Verhältnis zwischen herstellendem und verbreitendem Buchhandel nicht gänzlich ungetrübt ist. Wissen Verlage etwa das nicht zu würdigen, was Buchhändler leisten?

Welche Schritte Verlage einzuleiten hätten, um Buchhändler zufriedener zu stimmen, darum geht es in den folgenden Blogposts. In diesem Teil fasse ich die Wünsche an Programm und Marketing zusammen; im zweiten Teil wird es vorrangig um Vertrieb und Wettbewerbsbedingungen gehen.

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Ganz oben auf der Liste steht ein Wunsch, der nicht nur aus dem Sortiment seit Jahren laut wird. Obwohl der Novitäten-Ausstoß in jüngerer Zeit etwas rückläufig ist, bleibt der Buchmarkt dennoch durch eine unverminderte Titelflut unüberschaubar. Das Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB) listet nahezu 1,4 Millionen Titel und jährlich kommen Unmengen hinzu. So buhlten 2012 – laut „Buch und Buchhandel in Zahlen“ – 91.100 Neuerscheinungen um Buchhändler und Leser. Diesen Bücherberg kann selbstverständlich kein Mensch bewältigen; selbst ein potentieller Vielleser nicht, der es hypothetisch auf vier Bücher wöchentlich bringt. Auch dieser schafft jährlich kaum mehr als 200 Bücher. Kurzum: Es drängeln sich zu viele auf dem Markt, sagen die Buchhändler, und fordern entsprechend von den Verlagen eine Drosselung der Produktion.

lesende Buchhändlerin ©  Mila Becker

lesende Buchhändlerin © Mila Becker

Sucht sorgfältiger aus, strafft die Programme. Das gäbe dem Buch eine größere Wertigkeit. Nicht alles, was gedruckt werden kann, muss auch gedruckt werden“. Sagt Brigitte Gode von der Gollenstein Buchhandlung in Blieskastel

„Stoppt die irrsinnige Masse an Neuerscheinungen. Es gibt nicht weniger Leser, es gibt zu viele Bücher. Gegen diese unendliche Flut, die produziert wird, kann weder der gutwilligste Buchhändler, noch der ambitionierte Leser ankommen. Nicht Masse, sondern Klasse wäre mal wieder angesagt!“ Findet Mila Becker von Mila Becker Buch & Präsent in Voerde

„Ratlosigkeit im Neuerscheinungsdschungel treibt um… Es wird uns so schwer gemacht, gute Belletristik zu finden – aber wir finden sie!“ Meint Heike Wenige vom Taschenbuchladen im sächsischen Freiberg

Da sich die befragten Sortimenter in der Pflicht sehen, Perlen aus dem Büchermeer zu fischen, gereicht ihnen ein unüberschaubarer Markt, den niemand bewältigen kann, zum doppelten Ärgernis. Perlen lassen sich in trüben Gewässern nur schwerlich auffinden. Aber nicht allein die Überproduktion wird kritisiert, sondern auch das Tempo, das Verlage beim Verlegen vorlegen. Bücher werden zu schnell und zu eilfertig verramscht und damit der Chance enthoben, sich auf dem Markt durchzusetzen. Moniert wird in diesem Zusammenhang ebenfalls, dass Verlage ihre Backlist vernachlässigen und dass die Fristen zwischen Hardcover- und Taschenbuchausgaben zu kurz sind.

Lia Wolf  © Oskar Schmidt

Lia Wolf © Oskar Schmidt

1. weniger Publizieren in 2. niedrigeren Auflagen was zu 3. weniger Verramschen führt und somit der dritte Wunsch sich von selbst erfüllt und für den Wunsch nach Backlistpflege frei bleibt.“ Sagt Lia Wolf von der Wiener Buchhandlung Lia Wolf

„Verramscht eure Bücher nicht so schnell! Die Bücher werden sehr, sehr schnell – manchmal innerhalb eines halben Jahres an moderne Antiquariate billig verhökert, so dass zeitgleich bei uns die „normale“ Ausgabe gehandelt wird – das ist sehr unschön…“ Meinen Jessica Ebert und Katja Weber von der Berliner Buchhandlung ebertundweber

Ebenfalls ihr Fett weg bekommen die Verlagsprogramme höchst selbst. Anstoß nehmen die Befragten vorrangig an Qualität und Uniformität des Angebots.

Mich treibt um, das es immer schwerer wird, Titel mit Substanz zu finden, die zu verkaufen Freude macht. Die Unzahl austauschbarer Massenware auch aus Häusern mit großer literarischer Tradition wie z.B. Aufbau, Ullstein, List deprimiert. Fragen Sie doch mal Verlage, was im vorletzten Herbst der Spitzentitel war?! Auch wenn Osburg, Liebeskind u.a. immer noch für Lichtblicke sorgen, dünnt sich das Angebot trotz hoher Novitäten-Anzahl doch zusehends aus.“ So Holger Brandstädt von der Friedrich-Wagner-Buchhandlung in Ueckermünde

Moniert werden allerdings nicht nur flache Inhalte, auch die Gestaltung der Bücher lässt in den Augen der Buchhändler vielfach zu wünschen übrig. Verbesserungen fordern sie bei der Titel- und Covergestaltung. Lieblose, uninspirierte Klappentexte kommen ebenso wenig an wie austauschbare und uniforme Cover. Zudem scheinen Verlage das Preis-/Leistungsverhältnis aus dem Auge verloren zu haben. Für Unmut sorgt außerdem, wenn Titel künstlich aufgeblasen werden. Und bisweilen wäre weniger ganz einfach mehr.

Margarete Haimberger © Margarete Haimberger

Margarete Haimberger © Margarete Haimberger

Ich wäre schon zufrieden, wenn auf jedem Umschlag ein paar Angaben zum Inhalt stehen würden und keine geheimnisvollen Sätze aus dem Buch. Es mag originell sein, aber die Kunden legen so ein Buch meist zurück.“ Sagt Trix Niederhauser aus der Schweiz von der Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental

„Reduziert die vielen austauschbaren Titel und blast Bücher nicht künstlich auf: in unsere Regale passt halt nur eine begrenzte Zahl von Titeln. Ein Buch mit den Ausmaßen eines Backsteins nimmt uns einfach zu viel Platz weg wenn man den Text auch – ohne Einbußen an guter Lesbarkeit – auf ein Drittel der Seiten unterbringen könnte. „Meint Rosemarie Reif-Ruppert von der Gostenhofer Buchhandlung in Nürnberg

„Übertreibt es nicht mit der Ausstattung, vertraut auf die Wirkung des Worts (und wenn es keine Wirkung hat, lasst es lieber ganz bleiben.“ Wünscht sich Margarete Haimberger mit ihrer Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg

Rosi Reif-Ruppert © Rainer Kradisch

Rosemarie Reif-Ruppert © Rainer Kradisch

Ach, bitte: druckt ansprechende Texte auf die Buchrückseite!“ Fordern Beate und Mischa Klemm von der Berliner Buchhandlung lesen und lesen lassen

„Liebe Verlage, bitte macht Bücher nicht so billig! Wenn die Qualität stimmt, darf ein Taschenbuch auch 14,99 kosten und nicht nur 8.99. Achtet doch bitte wieder mehr auf das Preis-Leistungsverhältnis: für 800 Seiten mit schmucken Cover sind 10 € zu wenig, für 80 Seiten, auf schlechtes Papier gedruckt, sind € 12,90 zu viel.“ So Rosemarie Reif-Ruppert von der Nürnberger Gostenhofer Buchhandlung

Absolut NO GO ist das „Trittbrettfahrer-Syndrom“, was meint, dass Verlage das abkupfern, was auf dem Markt gut geht. Mogelpackungen verschaukeln Leser, in der Folge büßen Verlage langfristig Glaubwürdigkeit und Renommee ein.

Stefanie Dietz © Anette Hempfling

Stefanie Dietz © Anette Hempfling

Die zunehmende Produktion austauschbarer Titel und die zunehmende Uniformität des Angebotes mit der Gefahr, dass die Qualität immer mehr in den Hintergrund tritt. Tödlich für den Buchhandel ist die Devise „Fliegen irren nicht…“, also legen wir noch eins auf den großen Haufen drauf. Das andauernde „Für die Leser von…„ signalisiert doch nur „Abklatsch Nr. X“. Sagt Gustav Förster von der Wein-Lese-Handlung Förster in Ganderkesee

„Was mir am Programm der großen Publikumsverlage am meisten auf den Geist geht, ist das “Trittbrettfahrersyndrom”. Erfolgreiche Titel werden von anderen Verlagen kopiert, (indem etwa Themen geklaut werden, Cover ähnlich gestaltet), um den naiven Leser dazu zu bringen, Bücher zu kaufen, die den eigentlichen Erfolgstitel nur wiederkäuen. Durch dieses reine Interesse am schnellen Umsatz verlieren Verlage an Glaubwürdigkeit.“ Meint Stefanie Diez von der Berliner Buchhandlung Die Insel

Bedauert wird vielfach, dass etablierte (Publikums-) Verlage den Mut zum besonderen, zum ambitionierten Buch verloren haben. In diesem Zusammenhang kommen in der Gesprächsreihe die sogenannten Independent Verlage gut weg, die abseits des Mainstreams trotz schlechter gestellter Vertriebsmöglichkeiten mit innovativen Programmen und ungewöhnlichen Büchern überzeugen, die ansprechend gestaltet sind. Sie werden von den befragten Buchhändlern vielfach lobend erwähnt.

Hannah Wiesehöfer und Nina Wehner © die Buchkönigin

Hannah Wiesehöfer und Nina Wehner © die Buchkönigin

Sehr viele kleinere bis kleine, unabhängige Häuser wie z.B. der Secession Verlag, Binooki oder Kunstmann leisten wunderbare Arbeit und sind mit großer Hingabe bei der Sache, da gibt es rein gar nichts dazu zu wünschen!!!“ So Stefanie Diez von der Berliner Buchhandlung Die Insel

„Schön ist, dass auch im Literaturbetrieb immer noch neue Konzepte erdacht werden und funktionieren. Zum Beispiel der neue Berliner Verlag Metrolit – ein Projekt verschiedener Akteure des Literatur- und Medienbetriebs (Aufbau, Walde + Graf, Flux Fm). Sie haben ein innovatives Programm aufgestellt, das sich sowohl am Zeitgeist orientiert als auch auf klassisch verlegerische Arbeit setzt. Weiterhin ist es erfreulich zu sehen, dass auch kleine ambitionierte Projekte wie zum Beispiel der Binooki Verlag oder Kookbooks eine Chance haben, sich zu etablieren. Auch Ungewöhnliches oder scheinbar Abseitiges muss nicht konträr zu wirtschaftlicher Machbarkeit stehen, und trägt zu einer lebendigen literarischen Szene abseits des Mainstreams bei.“ Meinen Hannah Wiesehöfer und Nina Wehner von der Berliner Buchhandlung Die Buchkönigin

Nicht gut weg kommt das Marketing, mit dem Verlage gedenken, Buchhändler für ihre (Spitzen-)Titel einzunehmen. Dass Mittelmäßiges mit Superlativen hochgejubelt wird, verärgert den Buchhandel. Mit künstlich aufgeblähten Kampagnen für einzelne Titel, die mit aller Macht auf Bestseller-Listen gehievt werden sollen, hat er ebenso wenig am Hut. Und für marktschreierische Vorschauen, die den Handelspartner für dumm verkaufen wollen, haben Buchhändler schon überhaupt kein Verständnis.

Heike Wenige  © privat

Heike Wenige © privat

Es bringt mir nichts, einen umworbenen Bestseller einmal von hinten, von vorne, auf einem Stapel, in einen kunstvollen Aufbau oder sonst wie auf jeweils einer ganzen Seite abgebildet bestaunen zu können. Dagegen hätte ich gerne Vorschauen oder Leseproben, die Informationen über Text und Autor bieten. Ja, auch wie die Geschichte ausgeht und wer der Täter ist, darf gerne verraten werden…“ So Rosemarie Reif-Ruppert von der Nürnberger Gostenhofer Buchhandlung

„Verlagsvorschauen sollten mehr Arbeitsmittel sein und den Buchhändler nicht mit den üblichen Superlativen und mehrseitigen Einzeltitelankündigungen quälen, man hat doch auf der ersten Seite schon begriffen, wie wichtig das Buch für den Verlag sein könnte.“ Findet Heike Wenige vom Taschenbuchladen in Freiberg

Statt viel Gedöns und leeren Versprechungen („wir werben in…“) wünschen sich Buchhändler sachliche Informationen und Leseproben. Auf wenig Verständnis stößt, dass Verlage inzwischen mit Leseexemplaren geizen. Mancher kann sich durchaus vorstellen, auf die gedruckte Vorschau zu verzichten. Andere wiederum sprechen sich dafür aus, dass die Gelder, die für aufwändig gestaltete Vorschauen und Kataloge ausgegeben werden, sinnvoller fließen sollten.

Clemens Bellut © Laurenz Micke

Clemens Bellut © Laurenz Micke

Vor allem: Seid großzügig mit Leseexemplaren, denn unsere Kunden fordern unsere persönlichen Buchempfehlungen ein und dafür müssen wir lesen, lesen, lesen.“ Sagt Beate Laufer-Johannes von der der BücherInsel in Frauenaurach

„Wieder mehr Leseexemplare im Hinblick auf den Einkauf und natürlich den Verkauf. Was ich gelesen habe, kann ich in der Regel auch verkaufen.“ Meint Trix Niederhauser aus der Schweiz von der Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental

„Dass sie die Gelder, die in ihre oft unglaublich aufwendigen Kataloge und Präsentationen gehen, eher den Autoren, den Lektoren, den Setzern und den Buchhändlern zugute kommen lassen.“ Fordert Clemens Bellut vom Heidelberger Buchladen artes liberales

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BTW: Die Fragestellungen der Gesprächsreihe will eine Veranstaltung erweitern und vertiefen, die in Berlin/Mitte am 3. Juni 2014 ab 19.00 Uhr in der Tucholsky-Buchhandlung stattfindet. Wir erwarten uns eine kontroverse Debatte, zu der Ihr herzlich eingeladen seid. Zur Diskussion beitragen werden u.a. Siegmund Ehrmann, MdB (Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien), Zoë Beck (Autorin und e-Book-Verlegerin CulturBooks), Lorenz Borsche (Vorstand der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch), Boris Langendorf (freier Publizist), Daniel Leisegang (Autor von „Das Buch als Beute“) und Stefan Weidle (Verleger und Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung). – Der Eintritt ist frei.

Um Voranmeldung wird gebeten: kurt(klammeraffe)tucholsky(punkt)de

 

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6 Kommentare zu “Wünsch dir was! Wie Verlage Buchhändler zufriedener stellen können (I)

  1. Wir vom Septime Verlag erfüllen eigentlich all diese Forderungen.
    Wir machen Bücher die ohne Ablaufdatum sind und pflegen unsere Backlist – traurigerweise entsteht bei uns aber der Eindruck, dass ausser uns selbst, niemanden diese Backlist interessiert.
    Buchhändler remittieren Bücher schon nach ein paar Monaten, ohne abzuwarten, dass sich er Titel durchsetzt, und wundern sich, wenn das Buch nach 6 Monaten über die online-Anbieter zigmal verkauft wird.
    Neulich: Ein Buchhandlung rief bei uns an mit der Aussage, dass ein 2010-Titel nicht bestellbar sei beim Barsortiment.
    Nach Rückfrage wurde und mitgeteilt, dass der Titel „gestrichen“ wurde!
    Mit herzlichen Grüßen
    das Team von http://www.septime-verlag.at

  2. Ich kann mich ich den Kommentaren der Kollegen und Kolleginnen nur anschliessen. Und, eine digitale Vorschau, die gerade diskutiert wird, geht einfach gar nicht. Herr Riethmüller von der Osianderschen mag eine andere Organisation haben, innerhalb der Kette und einem Warenwirtschaftssystem. Aber kleinere Buchhandlungen, die es vielfach gibt, wie hier in den Kommentaren dargestellt, sind dazu nicht bereit und nicht in der Lage. Ich will Papier und brauche die Vorschauen in Papier.

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