Vergesst die kleinen Buchhändler nicht. Wünsch dir was! (Teil II)

So einiges kam auf die Frage „Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… welche wären das?“ zusammen, die Buchhändler im Rahmen meiner Reihe SteglitzMind stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor beantwortet haben. Während sich die Gesprächspartner bei der Frage, was man sich vom Börsenverein des deutschen Buchhandels erhoffe, eher zurück hielten, gab sich hier keiner bedeckt. Mancher holte weit aus. Schnell wurde mir deutlich, dass das Verhältnis zwischen verbreitendem und herstellendem Buchhandel nicht gänzlich ungetrübt ist. Wissen Verlage etwa das nicht zu schätzen, was Buchhändler leisten?

Welche Schritte Verlage einzuleiten hätten, um das unabhängige Sortiment zufriedener zu stimmen, thematisieren zwei Blogposts. Im ersten Teil habe ich die Wünsche an Programm und Marketing zusammengefasst; heute geht es um den Vertrieb, die Wettbewerbsbedingungen und anderes, was Buchhändlern bei der Zusammenarbeit mit Verlagen aufstößt.

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Auf den Umstand, dass Filialisten und Großbuchhändler ihren Einkauf zentral tätigen, haben sich die Verlage in den vergangenen Jahren eingestellt, indem sie den Innendienst ausgebaut und den Außendienst verkleinert bzw. gänzlich abgeschafft haben. Seither ist des Öfteren zu hören, dass freie Handelsvertreter, die zwei- oder teilweise sogar dreimal jährlich Buchhandlungen besuchen, um Novitäten vorzustellen und Bestellungen aufzunehmen, ein Auslaufmodell sind. Dass Verlage gänzlich auf Vertreter verzichten können, diese Ansicht teilen die Interviewpartner allerdings nicht. Vielmehr schlagen sie eine Bresche für kompetente Verlagsvertreter, die individuell und unabhängig beraten. Sie sind ein wesentliches Bindeglied zwischen Buchhandel und Verlag; nicht zuletzt, weil sie wichtige Informationen zu Neuerscheinungen vermitteln, die Vorschauen nicht bieten. Der verlagseigene Innendienst, namentlich die telefonische Betreuung durch Key Account Berater, punktet bei den 44 Gesprächsteilnehmern dagegen nicht.

Sabine und Ute Gartmann  © Jürgen Heuser

Sabine und Ute Gartmann © Jürgen Heuser

Wir arbeiten gern mit fitten Vertretern, haben keine Lust auf „Telefonbetreuung“. Sagen Sabine und Ute Gartmann von der Buchhandlung die schatulle in Osterholz-Scharmbek

„Man erhalte uns unsere Verlagsvertreter, die abseits der plakativen und austauschbaren Kurzbeschreibungen der Neuerscheinungen in den Verlagsvorschauen, glaubwürdige und auf meine Buchhandlung zutreffende Einschätzungen abgeben können.“ Wünscht sich Bettina Haenitsch von der Buchhandlung der buchladen in Seligenstadt

„Vertreter sind uns wichtig. Als Bindeglied zwischen Verlag und Buchhändler leisten diese eine wichtige und unersetzliche Arbeit. Den Verlagsvorschauen mit den unklaren Titelankündigungen wie „Ein neuer Irving“ oder „Der neue Weltbestseller“ und kein anständiger Text dazu kann man selten trauen. Und zum Vertreter sollte man so ein Verhältnis haben, dass die Kommunikation stimmt, der Vertreter den Laden kennt und unabhängig und individuell trotz Umsatzvorgaben seitens des Verlages beraten kann. Das kann telefonische Betreuung nicht leisten.“ So Heike Wenige vom Taschenbuchladen in Freiberg

Gar auf wenig Verständnis stößt, warum Verlage ihre Geschäfte über andere Vertriebsschienen als den Buchhandel abwickeln. Moniert werden Aktivitäten auf Nebenmärkten wie Supermärkten, Blumenläden oder Apotheken. Ein Dorn im Auge der Befragten ist der Direktvertrieb an Endkunden.

Holger Brandstädt © Roland Köhler

Holger Brandstädt © Roland Köhler

Ich wünsche mir, dass Verlage weniger die Nebenmärkte fördern und stattdessen dem Buchhandel ähnlich attraktive Angebote machen.“ Fordert Holger Brandstädt von der Friedrich-Wagner-Buchhandlung in Ueckermünde

„Dass die Verlage zu uns Buchhandlungen als Partner 100% stehen und somit alle Geschäfte über den Buchhandel abgewickelt werden und nicht die arbeitsintensiven abgeben, die leicht zu handelnden und lukrativen jedoch direkt über Verlag-Kunde laufen…“ Das möchte Barbara Roth von der Offenburger Buchhandlung Roth

„Wenn, wie die Verlage gerne betonen, der Buchhandel als Vertriebsweg so wichtig ist: Wieso gibt es dann Bücher in Supermärkten und wieso verkaufen sie, die laut über nicht rentable Einzellieferungen an die Buchhändler wettern, ihre Bücher direkt an Endkunden?“ Fragen Ingo Herrmann und Heike Röminger von der Berliner Buchhandlung Moby Dick

In diesem Kontext ist es wenig verwunderlich, dass die verlagseigenen Webshop-Lösungen ebenfalls im Kreuzfeuer der Kritik stehen. Besser beraten wären Verlage, wenn sie auf das stationäre Sortiment verlinken würden.

Bettina Heanitsch © privat

Bettina Heanitsch © privat

Mich stören tatsächlich auch die eigenen Shops auf den Homepages der Verlage. Warum wird hier nicht an den örtlichen Buchhandel verwiesen? Über die Zahlen im Direktvertrieb wird gar nicht gesprochen. Kein Wunder, dass der einzelne Sortimentsbuchhändler immer weniger Unterstützung durch die Verlage erfährt, warum sollte der Verlag das auch tun, wenn er es selber verkaufen kann und mehr verdient. Da kann man sich das auch leisten, ein Taschenbuch für 9,90 Euro versandkostenfrei zu liefern.“ So Heike Wenige vom Taschenbuchladen im sächsischen Freiberg

„Ab und an habe ich den Eindruck, der Buchhändler steht bei Verlagen als letzter in der Reihe. Warum eigene Shops auf den Verlagshomepages? Die Buchhändler lesen und setzen sich aktiv für die Bücher der Verlage ein – das ist nicht sehr unterstützend.“ Meint Bettina Haenitsch von der buchladen in Seligenstadt

Gar nicht gut kommt an, dass Verlage auf ihrer Webpräsenz auf die Bezugsmöglichkeit via Amazon verweisen. Und so mancher fragt sich, warum sie überhaupt mit einem Onliner kooperieren, der den Buchmarkt gnadenlos kannibalisiert, statt ihm die Stirn zu bieten.

Barbara Roth  © Iris Roth

Barbara Roth © Iris Roth

Dass die Verlage uns auf Ihre Homepages verlinken und listen und nicht als erstes (und meist auch noch ausschließlich) Amazon als Bezugsquelle anführen.“ Ärgert Barbara Roth von der Offenburger Buchhandlung Roth

„Verkauft eure Bücher nicht an Amazon! Würden sich drei, vier große Publikumsverlage trauen, ihre Titel nicht mehr über Amazon zu verkaufen, wäre der Ruf von Amazon bezüglich der allumfassenden Lieferfähigkeit schnell hin und der Kunde würde auch wieder mal woanders hinschauen.“ Fordern Jessica Ebert und Katja Weber von der Berliner Buchhandlung ebertundweber

Auf allgemeines Unverständnis stößt, warum sich Verlage nicht an den Kosten für Lesungen und Veranstaltungen beteiligen. Dass Buchhandlungen, die sich solcherart mit viel Herzblut und Engagement für Bücher einsetzen, mit Flyern oder Partieexemplaren abgespeist werden, sorgt für Unmut. Manchen ärgert in diesem Zusammenhang auch, dass Autoren zunehmend über spezialisierte Agenturen und nicht mehr direkt über den Verlag für Lesungen in der Buchhandlung gebucht werden können.

Torsten Meinicke © Buchladen Osterstraße

Torsten Meinicke © Buchladen Osterstraße

Übernahme eines Teils der Kosten bei Lesungen, denn schließlich machen wir mit unseren Lesungen Werbung für das jeweilige Buch.“ Das wünscht Torsten Meinicke vom Hamburger Buchladen Osterstraße

„Schafft ein Budget für Veranstaltungen, aus dem ihr kleinere Buchhandlungen unterstützen könnt. Und zwar mit mehr als nur Plakaten oder Partieexemplaren!“ Fordert Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen

Obwohl der Sortimentsbuchhandel trotz aller Umwälzungen ein wichtiger Umschlagsplatz für Bücher ist, scheinen Verlage auf die Belange kleinerer und mittlerer Buchhandlungen wenig Rücksicht zu nehmen. Für ihr Engagement sehen sich die Befragten regelrecht abgestraft. Sie wünschen sich mehr Entgegenkommen und Solidarität. Darüber hinaus sind ihre Forderungen so vielfältig wie das stationäre Sortiment bunt ist.

Annaluise Erler © Julius Erler

Annaluise Erler © Julius Erler

Vernünftige Konditionen auch für Kleinbestellungen. Ich möchte für mein Engagement per VLB (und nicht nur per BS-Katalog zu bibliografieren) nicht mit Minderrabatten und Versandkosten statt Portokosten „bestraft“ werden. Nachlieferungen grundsätzlich portofrei (das ist in jeder anderen Branche selbstverständlich!)“ Sagt Gustav Förster von der Wein-Lese-Handlung Förster in Ganderkesee

„Wir Buchhändler sind das Schaufenster für die Verlage. Falls wir die Produkte dann trotz Bemühungen doch mal nicht verkaufen können, möchten wir nicht auch noch mit Remi-Kosten bestraft werden.“ So Annaluise Erler von der Buchhandlung Findus in Tharandt

Beate Laufer-Johannis  © privat

Beate Laufer-Johannis © privat

„Ein höherer Rabatt ohne Riesenabnahmemengen würde uns das Leben sehr erleichtern. Nehmt auch uns „kleine Buchhandlungen“ ernst und unterstützt uns bei Aktionen.“ Wünscht sich Beate Laufer-Johannes von der der BücherInsel in Frauenaurach bei Erlangen

„Schnürt Pakete, die zu unserer Größe passen. Stellt uns auch bei kleineren Bestellmengen Werbematerial und Leseexemplare zur Verfügung. Wir, die Indis, sind diejenigen, die sich auch für die Bücher einsetzen, die nicht auf den Bestsellerlisten landen.“ So Brigitte Gode von der Gollenstein Buchhandlung in Blieskastel

„Schön wäre es, auf Sonderauslieferungen zu verzichten, die uns unnötig die Kosten in die Höhe treiben.“ Meinen Beate und Mischa Klemm mit der Buchhandlung lesen und lesen lassen

Allgemein sorgen die Konditionen für Verdrießlichkeit. Dass Verlage vor Ketten, Filialisten und Großabnehmern wie Amazon regelrecht katzbuckeln und ihnen nennenswerte Wettbewerbsvorteile einräumen, gereicht den Kleineren, die sich stärker anstrengen müssen, zum großen Ärgernis. Unisono werden ungerechte Konditionen und unfairer Wettbewerb beklagt, der auf Kosten des unabhängigen Sortiments geht. Entsprechend wünschen sie sich bessere Konditionen, geringere Versand- und Remissionskosten und Rabatte, die nicht nur auf die Absatzzahlen, sondern auch auf die Ladengröße abgestimmt sind.

Edda Braun © privat

Edda Braun © privat

Ich erwarte, dass die Verlage Konditionenforderungen von Amazon und Konsorten, die keine Wettbewerbsgerechtigkeit mehr ermöglichen, an unsere Realitäten angleichen. Die Preisbindung würde es ermöglichen und mit welchem Recht fordert die Krake 20 – 25% mehr Rabatt zzgl. Distributionskosten? Schließlich wickelt der traditionelle Buchhandel erheblich mehr Buchumsatz ab als Amazon.“ So Jörg Braunsdorf von der Berliner Tucholsky-Buchhandlung

„Bei der Konditionengestaltung nicht nur die ‚Großen‘ zu hofieren, sondern an unseren gemeinsamen Auftrag denken, für die Verbreitung und den Erhalt der Buches als Kulturgut und Bildungsmittels ersten Ranges zu sorgen.“ Wünscht sich Edda Braun von der Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt

„Bessere Rabatte, die zugeschnitten sind nicht nur auf Absatzzahlen sondern auch auf die Ladengröße.“ Fordert Maria Glusgold-Drews vom Buchladen MaschaKascha – Schöne Bücher in Hannover

Hatte das Spartenpapier 1985 nicht festgeschrieben, das die drei Parteien des deutschen Buchhandels fair miteinander umgehen sollen? Und heißt es in der Orientierungshilfe des Börsenvereins für das Verhalten von Verlag, Sortiment und Zwischenbuchhandel nicht, dass Verlage bei ihrer Konditionengestaltung darauf Acht geben müssen, auch kleinere Sortimente wettbewerbsfähig zu halten? Ist der gemeinsame Konsens, der drei Sparten jahrzehntelang verband, inzwischen hinfällig geworden? Ja, beklagt Susanne Martin von der Stuttgarter Schiller Buchhandlung:

Susanne Martin © Silvie Brucklacher

Susanne Martin © Silvie Brucklacher

Ich bedauere sehr, dass der Branchenkonsens, Werte, die für alle Sparten über viele Jahrzehnte gegolten haben, in den letzten Jahren mehr oder weniger verloren gegangen ist. Ich bedauere das natürlich zum einen, weil der Sortimentsbuchhandel als schwächstes Glied das besonders zu spüren bekommt. Aber auch deshalb, weil ich glaube, dass das langfristig unserer Branche und ihrer Durchsetzungskraft (und damit letztlich dem Buch) sehr schaden wird und sie beliebig werden wird. Und das finde ich einfach schade.“

Bleibt an dieser Stelle ein Appell an die Adresse der Verlage: Zeigt euch solidarischer, nehmt Rücksicht auf die Belange der Kleineren und fokussiert nicht nur kurzsichtig jene, die eure Kasse klingeln lassen. Buchhändler wünschen sich eine partnerschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Und nicht zuletzt: Sie vermissen Wertschätzung!

Simone Dalbert © privat

Simone Dalbert © privat

Es wäre schön, wenn man nicht als Bittsteller, sondern als Handelspartner mit gemeinsamem Interesse (Handel mit Kultur UND Ware, nämlich Buch) gesehen würde.“ Meint Ingo Herrmann und Heike Röminger von der Berliner Buchhandlung Moby Dick

„Nach der Buchmesse hat sich bei uns eine gewisse Frustration breit gemacht, was den Messebesuch betraf. Irgendwie hatten wir uns in den letzten Jahren an den Ständen der Verlage zunehmend als Störfaktor gefühlt, nicht als interessierten und möglicherweise sogar interessanten Partner der Verlage. Klar gilt das nicht für alle, wir hatten auch sehr nette Messegespräche, aber wenn mir gesagt wird, ich solle doch von zu Hause aus bestellen, man habe gerade keine Zeit zum Aufnehmen einer Bestellung, dann komme ich schon ins Grübeln…“ So Rosemarie Reif-Ruppert von der Gostenhofer Buchhandlung

„Vergesst die vielen kleinen Buchhändler nicht. Wir machen einzeln nicht den Umsatz einer großen Filialkette oder sogar eines Online-Riesen. Aber wollt ihr wirklich, dass die Kleinen mit der Nähe zum Kunden immer weniger werden?“ Fragt Simone Dalbert von der Würzburger Buchhandlung Schöningh

„Dass auch umgekehrt sie, wenn sie denn solcherart Bücher machen und herausbringen, in ein ähnlich ambitioniertes Verhältnis zu denjenigen Buchläden und Buchhändlern treten, wo sie ein solches Verhältnis zu ihren Büchern lebendig vorfinden können.“ Wünscht sich Clemens Bellut vom Heidelberger Buchladen artes liberales

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BTW: Die Fragestellungen der Gesprächsreihe will eine Veranstaltung erweitern und vertiefen, die in Berlin/Mitte am 3. Juni 2014 ab 19.00 Uhr in der Tucholsky-Buchhandlung stattfindet. Wir erwarten uns eine kontroverse Debatte, zu der Ihr herzlich eingeladen seid. Zur Diskussion beitragen werden u.a. Siegmund Ehrmann, MdB (Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien), Zoë Beck (Autorin und e-Book-Verlegerin CulturBooks), Lorenz Borsche (Vorstand der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch), Boris Langendorf (freier Publizist), Daniel Leisegang (Autor von “Das Buch als Beute”) und Stefan Weidle (Verleger und Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung). – Der Eintritt ist frei.

Um Voranmeldung wird gebeten: kurt(klammeraffe)tucholsky(punkt)de

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9 Kommentare zu “Vergesst die kleinen Buchhändler nicht. Wünsch dir was! (Teil II)

  1. Bücher aus kleinen Verlagen wird man im Supermarkt nicht finden. Nur die Bestseller. Hier bietet sich eine Chance für die Buchhandlungen: Bietet mehr Bücher aus kleinen Verlagen an! Wenn das geschieht, sind die kleinen Verlage auch nicht mehr so darauf angewiesen, ihre Bücher auf Amazon oder im Verlagsshop online zu verkaufen. Dann gewinnen und überleben alle.

  2. Ivh stimme nicht mit allem mit Gregor Keuschnig überein, aber der letzte Absatz muss dick unterstrichen werden. Der Einkauf beim Buchhändler muss zum Event werden. Das Einkaufserlebnis ist heutzutage ein sehr wichtiger Bestandteil und muss auch Teil der Verkaufsstrategie des Buchhändlers sein/werden. Bei mir in der Gegend (südl. Niederösterreich) setzt sich das schön langsam durch.

    • Sorry, da haben Sie mich falsch verstanden. Ich will keine Events, sondern Veranstaltungen. Das ist ein Unterschied. Der Einkauf muss auch nicht zu „einem Erlebnis“ werden. Mir reicht das Buch oder die Bücher, die ich da kaufe, die für mich zu einem Erlebnis werden sollen. Wenn ich Zirkus haben möchte, gehe ich dahin. Aber nicht in einen Buchladen.

  3. Tja, das hat man davon, wenn man nach Wünschen fragt. Man wünscht sich „mehr Rabatte“, Geld für Lesungen oder – hübsch verbrämt – am besten sofort ein Monopol. Geradezu anmaßend, wenn man glaubt, Verlage dazu bewegen zu müssen, kleinere Auflagen zu drucken. Natürlich gibt es zu viele Neuerscheinungen, aber nur weil es zu viele Autos gibt, käme ein Autohändler nie auf die Idee seinem Prinzipal Vorschriften über die Modelltiefe zu machen. Perplex bin ich über den „Wunsch“, Verlage mögen doch bitte keine Sätze aus den Büchern auf dem Umschlag drucken. Lediglich einen Dresscode für die Verlagsvertreter habe ich noch vermisst, aber vielleicht kommt das noch.

    Am interessanten ist dann der Satz: „Wir Buchhändler sind das Schaufenster für die Verlage.“ Wie weltfern muss man eigentlich sein, um dies tatsächlich noch zu glauben? (Nur für die Akten: Ich finde Weltenferne schön. Sie verträgt sich nur nicht mit Ökonomie.)

    Hehre Worte, berechtigte Existenzängste. Aber was geschieht wirklich? Bücher von Verlagen jenseits des Mainstreams fassen die meisten ambitionierten Buchhandlungen (ich rede nicht von den Ketten) nicht nur mit spitzen Fingern an, sondern lieber gar nicht. Wer nicht mit einem dicken Verlagsprospekt nebst Leseexemplaren aufwarten kann, hat kaum eine Chance. Wie sollen kleine und kleinste Verlage so etwas stemmen? Oder ist man daran vielleicht dann doch nicht so interessiert?

    Wer das Wort „Amazon“ nicht sofort mit Abscheu und Ekel intoniert und/oder über andere Wege des Buchverkaufs sich nur erdreistet nachzudenken wird bestenfalls ungläubig angestaunt. Ich finde diesen Affekt einerseits verständlich, andererseits wohlfeil. Denn ich finde bei Amazon Hinweise auf Bücher, die mir zu 98% der Buchhändler nicht hätte anbieten können. Nicht, weil diese Leute nicht ihren Beruf mit Herzblut und Interesse machen, sondern weil sie nicht alles wissen können. Der Amazon-Algorithmus ersetzt eine persönliche Beratung nicht, aber er kann sie quantitativ ergänzen.

    Buchhändler können langfristig nur überleben, wenn sie einen Mehrwert zum Online-Geschäft anbieten. Zum Beispiel Begegnungen: Lesungen, Lesergespräche, vielleicht sogar Literaturkurse, um den potentiellen Leser, die potentielle Leserin auf neue Pfade zu führen. Oder Themenabende, -wochen, was weiss ich. Stattdessen rekurrieren sie auf Privilegien; sie haben ihren Kopf zurückgewendet statt nach vorne. In unmittelbarer Nähe zum Ruhrgebiet lebend habe ich mitbekommen, wie trotzig Politik und Wirtschaft noch in den 80er Jahren die Zukunft des Bergmanns beschworen haben, statt ihre Region auf die geänderte Situation proaktiv vorzubereiten. Die Resultate kann man an nackten Zahlen inzwischen ablesen.

  4. Hat dies auf Treffpunkt Phantastik rebloggt und kommentierte:
    Auch hier Teil zwei von Vergesst die kleinen Buchhändler nicht. Wünsch dir was! (Teil II) durch Gesine von Prittwitz – ist zwar nicht direkt sekundärliterarisch, aber das Thema ist so zentral für alle Bibliophielen, dass es mir trotzdem richtig erschein es hier zu posten …

  5. Ich lebe in Frankreich, wo es völlig normal ist, Bücher nicht nur im Buchhandel zu verkaufen und wo trotzdem Buchhandlungen existieren. Aus der Sicht einer, die ihre Kochbücher also auch mal neben der Käsetheke kauft, frage ich mich, ob manche der deutschen Buchhandlungen wirklich noch im Sinne derer arbeiten, die Bücher überhaupt erst ins Leben bringen, wenn sie ein Monopol auf den Bücherverkauf fordern (das dann aber auch nicht so ganz ausfüllen).

    Gerade Nischenprodukte haben es im Buchhandel eher schwer, auf den berühmten Stapeln zu landen, warum also nicht zusätzlich den Kunstband auch über Museumsshops vertreiben, den Reiseführer über touristische Einrichtungen? Würden denn die hier verkauften Exemplare wirklich im Buchhandel in den Laden gestellt werden? Warum eigentlich sollen Autoren und Verlage auf Verkaufsmöglichkeiten verzichten???

    Wie wäre es andersherum: Wenn es im deutschen Buchhandel wirklich so schlecht läuft, warum nicht mal eine Konzeptöffnung andenken? Ich könnte mir gut vorstellen, meine Genussbücher z.B. in einem Buchladen zu kaufen, der mir auch sinnlich Genuss bietet. Ich könnte mir vorstellen, dass die Buchhändlerin, die von Herzen auf Chicklit und Mode steht, vielleicht in einer Boutique glücklich wird, in der sie statt austauschbarem Non-Book-Krempel irgend einen schicken Fummel anbietet zu eben dieser Literaturauswahl. Und wenn ich morgen einen Buchhändler finde, bei dem ich auch noch Wein kosten kann und andere Gleichgesinnte kennenlernen, der bekäme mich so schnell nicht mehr als Kundin los … für beide Produkte. Denn das kann Amazon nun wirklich nie und nimmer!
    Oder ist das zu französisch gedacht? 😉

    • Ihre Antwort, Frau van Cronenberg, zeugt von einer anscheinenden Unkenntnis der deutschen Buchverkaufsland, ich schriebe hier absichtlich nicht Buchhandelslandschaft. Auch in Deutschland gibt es Bücher nahezu überall, die Anzahl der Buchverkaufsstellen ist um vielfaches höher als die der Buchhandlungen. Kochbücher gibts in Möbelhäusern, Gartenbücher in Gartencentern, ja sogar Kinderbücher gibts dort, Schülbücher gibts in nahezu jedem Papierwarenhandel, Bestseller liegen stapel- / palettenweise bei Edeka, Taschenbücher gibts in jedem Supermarkt………. Und das ist beilebe nicht das Ende der möglichen Aufzählung! Und bei mir mir können sie sogar Wein bekommen! Und es geht auch nicht darum, ein unterstelltes Monopol zu verteidigen. Das gibt es nämlich gar nicht! Bei manchen Verlagen hat man eher den Eindruck, sie kümmern sich mehr um die „Nebenmärkte“ als um ihren immer wieder beschworenen Erstvertriebsweg, den Buchhandel.

      • Oh ja, Herr Förster,
        ich habe natürlich absolut keine Ahnung vom deutschen Buchverkaufsland, deshalb schreibe ich ja auch von Kooperationen mit Museumsshops, touristischen Einrichtungen u.a. Ideen. An die französischen Öffnungen und Ideen reicht das trotzdem bei weitem nicht heran … davon habe ich immerhin ein klitzeklein wenig Ahnung.
        Aber ich will ja niemanden missionieren, nur laut über Möglichkeiten außerhalb von Amazonien nachdenken. Über den Tellerrand gucken, mehr nicht. So ganz laienhaft …

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