„Wir sollten unser System nicht nur verteidigen, sondern es vielmehr offensiv propagieren!“ Im Gespräch mit Stefan Weidle

???????????????????????????????Wie groß ist die Zukunft des Buches?“ – so ist eine Diskussionsrunde überschrieben, mit der SteglitzMind indirekt verbandelt ist. Und zwar insofern als die Gespräche mit Buchhändlern/innen, die ich seit letztem Sommer führe, dafür Pate standen. In seinem Beitrag kündigte der Inhaber der Berliner Tucholsky-Buchhandlung Jörg Braunsdorf an, die Fragestellungen der Interviewreihe anderenorts vertiefen zu wollen. Seinen Worten folgen nun Taten. Die Diskussionsrunde, von der Braunsdorf sich auch Signale an die Politik und den Börsenverein für den deutschen Buchhandel erhofft, findet am Dienstag, den 3. Juni 2014, um 19.00 Uhr in der Tucholskystr. 47 in Berlin/Mitte in der Tucholsky-Buchhandlung  statt.

Gäste sind: Siegmund Ehrmann, MdB (Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien), Zoë Beck (Autorin und e-Book-Verlegerin CulturBooks), Lorenz Borsche (Vorstand der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch), Boris Langendorf (freier Publizist), Daniel Leisegang (Politikwissenschaftler, Redakteur der Monatszeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ und Autor von „Amazon. Das Buch als Beute”) und Stefan Weidle (Verleger und Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung).

Ich erwarte mir im Vorfeld der Berliner Buchtage, die übrigens Tags darauf beginnen, eine spannende Diskussion, zu der Ihr herzlich eingeladen seid. Der Eintritt ist frei, um Voranmeldung, entweder per E-Mail  [kurt(at)buchhandlung-tucholsky(dot)de] oder via Facebook, wird gebeten.

Als Appetizer gibt es auf SteglitzMind vorab Gespräche mit einigen Gästen, die das Podium bestreiten werden.

Heute – Stefan Weidle

„Es geht um das Buch“ – steht auf dem Best-of-Katalog der Kurt-Wolff-Stiftung und neuerdings auch auf knallroten Stofftaschen, die auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse erstmals am Stand der Stiftung zu haben waren. Die Assoziation liegt nahe, dass das Buch gefährdet ist. Wie sehr sorgen Sie sich darum?

Als wir den Slogan erfanden, das muß 2006 gewesen sein, hatten wir noch keine Gefährdung des Buches dabei im Blick. Es ging uns da eher um die Wurst, bzw. die Assoziation zu dieser. Freilich könnte man den Satz, wie Sie, heute anders verstehen, und ich sorge mich zwar nicht um das Buch, verfolge aber manche Entwicklung rund um das Buch mit Sorge, etwa die Wahrnehmung des Buches als bloßer Content, bei dem es egal ist, in welcher Form er rezipiert wird. Ein Buch ist ein Zusammenklang von mehreren Elementen: Die Wahrnehmung dafür tritt unseligerweise mehr und mehr in den Hintergrund.

Stefan Weidle  © Jürgen Eis

Stefan Weidle © Jürgen Eis

Offenbar ist Amazon ja nicht nur der größte Feind des Buchhandels. Für den Buchhändler scheint der Riese aus Seattle auch die einzige Gefahr zu sein? Ist das nicht zu eng gedacht?

Amazon ist nicht nur der Feind des Buchhandels. Amazon ist der Feind unserer gelebten Kultur, die doch zu einem großen Teil aus den Begegnungen in den Städten besteht, aus dem Flanieren. Wir binden uns durch unser gemeinsames Leben in Städten und Dörfern zusammen, betrachten einander und vergleichen. Nur wo wir zusammentreffen, sind wir das Volk (wer mag schon in verödeten Innenstädten demonstrieren, wo alle Schaufenster längst von selbst zerbrochen sind?). Wenn es Amazon und Konsorten gelingt, den Einzelhandel auszumanövrieren, dann ist das ein Ende für vieles, worauf wir uns gründen. Aber es ist ja nicht nur Amazon, es ist der Slogan der Nemesis: Geiz ist geil. Wenn wir auf andere Werte als Geld Wert legten, könnte man den Untergang noch aufhalten. Aber sobald heute drei Menschen irgendwo zusammenkommen, werden Preise verglichen. Der Preis hat längst den inneren Wert der Ware ersetzt. Etwas ist nicht den Nutzen wert, den es bringt, sondern den Betrag, den es gekostet hat. Also zu Ihrer Frage zurück: Der gesamte Online-Handel ist der Feind.

Die Angst ist groß, dass die Buchpreisbindung mit dem transatlantischen Freihandels­abkommen fallen könnte. Könnten denn freie Preise nicht sogar eine Belebung des Buchmarktes zur Folge haben?

Wenn die Preisbindung fällt, schließe ich drei Monate später meinen Verlag. Ich jogge zurzeit gelegentlich mit einem Briten, der mir in den wärmsten Farben schilderte, was in seinem Land nach Aufhebung der Preisbindung passiert ist. Die Bücher wurden sehr viel teurer, und die Buchhandlungen machten sich auf den Weg über die Wupper – auch wenn die nicht durch Großbritannien fließt. Nein, freie Preise sind keine Belebung, eher eine Betodung des Buchmarktes. Schauen Sie nach Israel, dort war der Buchmarkt wegen des Preiskampfes zweier Ketten so unter die Räder gekommen, dass der Staat die Autorenhonorare übernehmen musste. Um den Komplettzusammenbruch zu verhindern, hat man die Preisbindung eingeführt. Wir sollten unser System nicht nur verteidigen, sondern es vielmehr offensiv propagieren! Die Schweiz wird schon bald die Früchte ihres Wahnsinns ernten, denn der stationäre Buchhandel wird es kaum auf Dauer überleben, dass Amazon jedes deutschsprachige Buch (also auch Bücher aus Schweizer Verlagen) mit 20% Rabatt auf den Ladenpreis portofrei in die Schweiz liefert. Natürlich ein Verlustgeschäft für Amazon (geliefert wird von DHL – deren Rolle beim bösen Spiel wird überhaupt nie hinterfragt), aber es geht ja nicht um kurzfristigen Gewinn, sondern um den Aufbau einer Monopolstellung. Man könnte sich wehren: Was, wenn jeder Schweizer bei Amazon ein Reclam-Bändchen bestellt und es sofort zurückschickt? Auch die Schweizer wären das Volk, wenn sie es denn sein wollten.

Selfpublishing ist in aller Mund; inzwischen satteln auch etablierte Verlage auf. Wie schätzen Sie das ein: Nur ein Hype oder ein langfristiger Trend, der den Buchmarkt umstülpt?

Ich beschäftige mich nicht damit. Wie gesagt, ist ein Buch für mich mehr als Content. Gut daran aber ist, dass die Bezahlverlage dadurch ihr Geschäft verlieren.

Neben Kleinstverlagen drängen zunehmend auch Labels von Selfpublishern auf den Markt, die den Käufer vermuten lassen, dass ein Verlag dahinter steht. Was halten Sie davon?

Ist mir noch nicht untergekommen. Aber: Niemand wird aus freien Stücken Selfpublisher. Man sucht doch immer zuerst einen Verlag. Und wenn jemand das Buch eines Selfpublishers für ein traditionell verlegtes Buch hält, ist das doch nur recht. Bücher sollen gelesen werden, egal auf welchem Weg sie in die Welt kommen. Wenn das Buch gut ist, spielt es keine Rolle, was auf dem Buchrücken steht.

Bei den Gesprächen mit Buchhändlern/innen für SteglitzMind konnte ich mich verschiedentlich nicht des Eindrucks erwehren, dass der Sortimenter bisweilen Publikationen aus Independent Verlagen und Titel von Selfpublishern in einen Topf wirft. Machen Sie ähnliche Erfahrungen? Und wenn ja, halten Sie das womöglich für problematisch?

Nein, diese Erfahrung habe ich noch nicht gemacht. Ich glaube nicht, daß Selfpublisher Buchhandelsvertreter und eine professionelle Auslieferung haben. Ein Sortimenter, der nicht jeden Morgen unmittelbar nach dem Aufstehen gegen seinen Schrank läuft und anschließend die Beule mit dem Klammerbeutel überpudert, kann das unterscheiden.

Die Zugehörigkeit zur Kurt-Wolff-Stiftung ist für Verlage ja quasi auch ein Gütezeichen. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten. Verzeichnen Sie im Zuge der Entwicklung, dass immer mehr Kleinstverlage entstehen, verstärkt Anträge auf eine Mitgliedschaft?

Ja, wir bekommen mehr Anträge als früher. Was uns zeigt, dass wir gelegentlich auch mal was richtig gemacht haben. Wir haben eine Kriterienkatalog auf unsere Website gestellt, und wer alle diese Kriterien erfüllt, wird automatisch in den Freundeskreis der KWS aufgenommen. Bei der Aufnahme in den Katalog entscheidet das Kuratorium der Stiftung (dem kein Verleger angehört), wer dafür qualifiziert ist; und natürlich wird immer wieder rotiert, auf die Dauer wird jeder Verlag auch mal aussetzen müssen. Mehr als 65 Verlage können wir im Katalog nicht präsentieren.

Als Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung sprechen Sie sich schon länger für eine staatliche Förderung engagierter Buchhandlungen aus. Jetzt kündigte Kulturministerin Monika Grütters an, den unabhängigen Buchhandel finanziell unterstützen zu wollen. Was versprechen Sie sich davon?

Das muss ich präzisieren: Es geht nicht um eine staatliche Förderung, also um Subventionen. Es geht darum, Buchhandlungen, die sich als kulturell wichtiger Ort etabliert haben, dafür mit einer Prämie auszuzeichnen, also analog den Auszeichnungen für die Programmkinos. Kulturell wichtige Buchhandlungen sind solche, die das Gespräch über Kultur ermöglichen. Wenn nämlich über Kultur nicht mehr gesprochen wird, stirbt sie. In vielen kleineren Orten findet Kultur, bzw. eine Debatte über Kultur, allein in Buchhandlungen statt; das muss so bleiben und sich noch verstärken. Und eine »vielfältige Verlags- und Literaturszene«, zu deren Förderung die KWS angetreten ist, findet kaum in Buchhandelsketten statt, sondern im inhabergeführten unabhängigen Buchladen. Natürlich geht es auch darum, die flächendeckende Versorgung mit Literatur zu sichern. Ich verspreche mir davon, dass Buchhandlungen nicht mehr in erster Linie als Warenumschlagplätze angesehen werden, sondern als staatlich anerkannte kulturelle Einrichtungen; diese Buchhandlungen bekommen dann ein Label an die Tür oder das Fenster, das darauf hinweist. Diese Plakette können auch Buchhandlungen bekommen, die nicht unabhängig oder zu umsatzstark für eine Prämie sind, aber ein gutes Kulturprogramm anbieten.

Von der Gesprächsrunde in der Berliner Tucholsky-Buchhandlung, bei der Sie am 3. Juni ebenfalls Gast sind, erhofft sich der Veranstalter Jörg Braunsdorf ein Signal in Richtung Politik und Börsenverein. Wo sehen Sie in diesem Kontext besonderen Nachholbedarf?

In Richtung Politik erhoffe ich mir ein wachsendes Bewusstsein für die Wichtigkeit des Buchhandels für unsere Kultur (jenseits derer die Verrohung lauert). In Richtung Börsenverein habe ich wenig zu sagen, da ich mit diesem konstruktiv und vertrauensvoll bei der Gestaltung des Prämiensystems für den unabhängigen Buchhandel zusammenarbeite.

Wenn Sie drei Wünsche an den Buchhandel frei hätten. Welche wären das in Ihrer Funktion als Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung? Und welche für Ihren Weidle-Verlag, mit dem Sie sich seit über 20 Jahren vorrangig um die Exilliteratur verdient gemacht haben?

Als KWS: 1. Mehr Einsatz für unabhängige Verlage. 2. Kein eigenes Indie-Regal, wir wollen nicht die armen Verwandten sein. Wenn unsere Bücher neben den uniformen Konzernprodukten liegen, sieht man erst, wieviel individueller sie gemacht und gestaltet sind. 3. Permanente Präsentation unseres Katalogs »Es geht um das Buch«. Die Kunden nehmen ihn sehr gerne mit, er muss nur sichtbar zur Mitnahme ausliegen.

Als Weidle Verlag (der übrigens inzwischen viel mehr macht als Exilliteratur): 1. Termine mit unseren Vertreterinnen. 2. Mehr Bestellungen von Leseexemplaren (unsere Bücher verkaufen sich leichter, wenn man sich davon überzeugt hat, dass sie überzeugend sind). 3. Verkauf ausschließlich unserer Bücher in gewaltigen Stückzahlen.

Es scheint im Trend zu liegen, sich die Buchhandlung der Zukunft auszumalen. Wie sieht Ihre persönliche Vision aus?

Meine Vision ist schon Bonner Realität und heißt Buchhandlung Böttger. Dort finde ich immer wieder Titel aus Verlagen, die selbst ich nicht kannte. Und treffe Autoren, die aus Mangel an kommerziellem Potential anderswo gar nicht erst eingeladen werden. Letzte Woche etwa Alfred Goubran, einen Wiener Autor, der einen großartigen Roman, »Durch die Zeit in meinem Zimmer«, bei Braumüller publiziert hat. Hand aufs Herz, Ihr Buchhändler: Wer kennt den, und wer hätte ihn eingeladen?

Ich wünsche mir in erster Linie von einer Buchhandlung, dass der Buchhändler belesener ist als ich selbst und mir Tipps gibt, für die ich ihm immer dankbar sein werde. – S. Corinna Bille hätte ich ohne meinen Buchhändler vermutlich nicht entdeckt, ebenso wenig Giovanni Orelli, von dem ich inzwischen sogar ein Buch publiziert habe (das im Impressum ein Dankeschön an Alfred Böttger enthält). Das ist meine Buchhandlung der Gegenwart, und meine Buchhandlung der Zukunft wünsche ich mir ganz genau so. Und ich weiß, dass es hierzulande Buchhändler gibt, die sich in diese Richtung bewegen.

Vielen Dank, Herr Weidle. Ich freue mich auf unsere persönliche Begegnung am 3. Juni in der Tucholsky-Buchhandlung.

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Am Sonntag, den 1. Juni,  könnt Ihr beim Buchmarkt ein Gespräch mit dem Initiator der Veranstaltung, Jörg Braunsdorf, lesen.

Zum Gespräch mit Lorenz Borsche von eBuch geht es hier, Zoë Beck  steht mir im Zusammenhang mit der Diskussionsrunde „Wie groß ist die Zukunft des Buches?“ hier Rede und Antwort und zu den Antworten von Boris Langendorf geht es hier

 

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Ein Kommentar zu “„Wir sollten unser System nicht nur verteidigen, sondern es vielmehr offensiv propagieren!“ Im Gespräch mit Stefan Weidle

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