Gut gemeint, reicht nicht. Was sich Buchhändler vom Börsenverein des deutschen Buchhandels wünschen

„Welchen Börsenverein braucht die Branche?“ – das wird die Zukunftskonferenz erörtern, die auf dem Frankfurter Mediacampus am 11. und 12. September stattfindet. Diese Themenstellung hatte ich auch schon im Rahmen meiner Gesprächsreihe mit Buchhändlern aufgegriffen. So liegt es nahe, die Aussagen im Vorfeld des Branchentreffens zusammenzufassen.

Auf meine Frage, was sich Sortimenter vom Börsenverein des deutschen Buchhandels wünschen, gaben 44 Befragte Auskunft. Generell keinen Änderungsbedarf erkennen nur zwei der Befragten. Wobei Susanne Martin (Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen) Versäumnisse in der Vergangenheit einräumt und Brigitte Gode (Gollenstein Buchhandlung in Blieskastel) offen darüber nachdenkt, ob sie aufgrund ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit im Börsenverein womöglich voreingenommen ist.

Brigitte Gode  © privat

Brigitte Gode © privat

Im Gegensatz zu vielen finde ich, dass unser Verband keinen sooo schlechten Job macht angesichts der Herausforderungen, denen er sich stellen muss und der Bandbreite der Mitglieder, die er vertreten soll. Meine Kritikpunkte liegen eher in der Vergangenheit, in der wichtige Entwicklungen einfach verschlafen wurden, aber darüber jetzt noch Tränen zu vergießen, hilft niemandem. Ein Verband ist auch immer nur so gut wie seine Mitglieder.

Ich bin selbst seit vielen Jahren im Ehrenamt engagiert und deshalb sicherlich voreingenommen. Es wird ja immer wieder unter Kollegen diskutiert, ob man den Börsenverein wirklich braucht und ob man sich den Beitrag nicht sparen könnte. Ich halte ihn für enorm wichtig, weil wir eine sehr sensible Branche sind und daher eine starke Branchenvertretung brauchen. Das kann nur der Börsenverein leisten.

Abgesehen von den beiden Statements, die dem Dachverband der Buchbranche eine zufriedenstellende Arbeit bescheinigen, äußerten alle anderen Verbesserungswünsche; darunter auch jene Vier, die nicht Mitglied sind. Ganz oben rangiert der Wunsch, dass sich der Börsenverein mit aller Kraft für die Buchpreisbindung und den reduzierten Mehrwertsteuersatz einsetzen soll. Sorgen macht in diesem Zusammenhang das Freihandelsabkommen. Gemeinsam ist außerdem das Anliegen, dass die Öffentlichkeitsarbeit forciert werden sollte. Es hapert an Aufklärung. Beklagt wird, dass der Verband die besonderen Leistungen des Buchhandels nicht herausstellt. Stichworte sind: Buchpreisbindung, Lieferzeiten und Onlineshops. Insbesondere mit Blick auf das Schreckgespenst Amazon werden hier erhebliche Versäumnisse angekreidet.

Ingo Herrmann & Heike Röminger  © Ingo Herrmann

Ingo Herrmann & Heike Röminger © Ingo Herrmann

Ich wünsche mir weniger Event und mehr Information; mich erschreckt immer wieder, wie wenig Kunden z. B. um die gesetzliche Buchpreisbindung in Deutschland wissen und darum, dass die (auch kostenlose!) Lieferung auf den nächsten Tag zwar etwas Besonderes ist (im Vergleich zum europäischen Ausland), aber keine Erfindung der Eingeborenen von Amazonien. – Mit diesem Wissen relativiert sich der „Vorteil“ der Bestellung bei Amazon doch erheblich. So Ingo Herrmann und Heike Röminger von der Buchhandlung Moby Dick in Berlin

Innovative Werbekampagnen, zum Beispiel wie wahnsinnig schnell der Buchhandel liefert! Nach 30 Jahren immer noch fast ein Geheimnis, obwohl es eines der dicksten Pfunde der Branche ist. Nur Apotheken sind schneller! Meinen Jessica Ebert und Katja Weber von der Berliner Buchhandlung ebertundweber

Was ich mir wünsche? Eine Werbe-Kampagne, für die Online-Präsenz und die schnellen Lieferungen des allgemeinen Buchhandels und für die Preisbindung. Sagt John Cohen von der Hamburger Buchhandlung cohen + dobernigg

Neben besseren Kundeninformationen erwartet man sich verstärkte Anstrengungen in Sachen Marketing und Werbung für das Buch und das Lesen. Und das, obwohl der Börsenverein mit „Vorsicht Buch!“ eine solche Kampagne gestartet hat. Freilich kommt die Initiative nicht bei allen gut an.

Margarete Haimberger © Margarete Haimberger

Margarete Haimberger © Margarete Haimberger

Die Aktion „Vorsicht Buch“ ist für uns eine große Enttäuschung. Meine Kundschaft versteht nicht, warum sie Angst vor einem Buch haben sollte… Sagt Heike Wenige vom Taschenbuchladen im sächsischen Freiberg

Sollten sie nochmal Werbung für das Buch machen, sollten sie dies bitte auf dem Niveau von Quentin Blake oder Tomi Ungerer tun, mit menschlichem Strich statt mit Photoshop-Glätte, mit Humor statt Funnyfunny. Wünscht sich Margarete Haimberger von der Schröersche Buchhandlung in Berlin

Für besonders einfallsreich hält man die Werbemaßnahmen, die der Börsenverein für das Buch betreibt, jedenfalls nicht. Gewünscht werden mehr Kreativität und Originalität sowie eine stärkere Einbeziehung der Buchhandlungen. Schlussendlich treffen auch die horrenden Kosten, die „Vorsicht Buch!“ verschlingt, einen Nerv.

Holger Brandstädt © Roland Köhler

Holger Brandstädt © Roland Köhler

Ich wünsche mir, dass der Börsenverein in Zukunft gut gemeinte Werbeaktionen ein bisschen kostengünstiger und näher an der Realität in den Buchhandlungen konzipiert. So Beate Laufer-Johannes von der der BücherInsel in Frauenaurach

Macht noch viel mehr Werbung für das Buch & das Lesen – in allen Formen!!! Bespielt dabei verschiedene Kanäle! Bietet mehr lokale Aktionen an, die dann individuell von den Buchhandlungen genutzt und ergänzt werden können… Fordert Barbara Roth von der Offenburger Buchhandlung Roth

Aktionen wie „Vorsicht Buch“ und einiges, was da sonst gestalterisch aus Frankfurt auf die Branche losgelassen wurde (z.B. die Bücherstapelgutscheinhüllen), erschrecken mich ob ihrer Einfallslosigkeit. Auch Nachfragen heißt es dann immer reflexartig: ‚Ihren Kollegen gefällt es. ‘ Solche Aussagen bringen weder mich noch die Branche weiter. Meint Holger Brandstädt von der Friedrich-Wagner-Buchhandlung

Noch weiter gehen Sabine und Ute Gartmann, die in Osterholz-Scharmbek die schatulle betreiben. Sie fordern einen „Umbau der MVB“ (Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels). Und Clemens Bellut vom Heidelberger Buchladen artes liberales hält die Anstrengungen, die der Börsenverein in Sachen Werbung und Marketing unternimmt, sogar für gänzlich überflüssig:An mir könnte der Börsenverein schon eine Menge sparen, wenn er den unglaublichen Aufwand mit seinen Magazinen und Informationsblättern einschränken oder einstellen würde und auch den dazugehörigen ganzen Apparat der Werbewirtschaft, des Marketings, der Produktion und des Vertriebs dieser völlig überflüssigen Papiere…“

Ein anderes großes Thema, das die Befragten umtreibt, sind die Mitgliedsbeiträge, die für sozial unverträglich gehalten werden. Angemahnt wird mehr Beitragsgerechtigkeit.

Thomas Calliebe  ©  Thomas Calliebe

Thomas Calliebe © Thomas Calliebe

Es kann nicht angehen, dass die „Kleinen“ proportional viel mehr zahlen als die „Großen“. Sagt Gustav Förster von der Wein-Lese-Handlung Förster in Ganderkesee

Bei der Gestaltung des Mitgliedsbeitrages stehe ich auf dem Standpunkt, dass ein geringerer Umsatz bei den Sortimentern auch zu geringeren Mitgliedsbeiträgen führen muss. Da läuft im Verband derzeit eine Gegenbewegung, um das Gesamtbeitragsniveau nicht weiter absinken zu lassen. Erläutert Thomas Calliebe, Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau

Offenbar kommt den kleineren Buchhandlungen eine Mitgliedschaft generell zu teuer. Die Angebote, die der Verein offeriert, können sie sich selten leisten.

Kostengünstigere Seminare, denn der Kostendruck in einer Buchhandlung ist ohnehin schwierig, da wäre es wünschenswert, dass Seminare, die zweifelsohne wichtig sind, günstig (nicht kostenlos) angeboten würden. Meint Gaby Kellner von Barbaras Bücherstube in Moosburg

Schlussendlich stellt sich die Frage, ob der Verband genügend für seine Mitglieder tut. Hier ist Skepsis angebracht. Immerhin klagen die Umsatzschwächeren vielfach darüber, stiefmütterlich behandelt zu werden.

Nicole Jünger © privat

Nicole Jünger © privat

Das ist wie in der Politik: Je weiter man sich von der Basis entfernt, desto weniger bekommt man das „wahre Leben“ mit. Der Börsenverein sollte mehr auf die Probleme der kleinen Buchhandlungen bzw. Verlage eingehen. Sagt Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen

Die an sich guten Verbandsstrukturen werden von Interessengruppen aktiv gegen andere benutzt. Das stört mich sehr, und ich wünsche mir, dass die Verbandsangestellten sich von ihren (großen) Beitragszahlern weniger manipulieren lassen. So Martina Bergmann, Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen

Naturgemäß wünsche auch ich mir eine Stärkung der Interessen der kleineren Mitglieder – da wo uns das Geld, der Einfluss, die Reichweite fehlt. Meint Nicole Jünger vom Buchladen am Neuen Markt in Meckenheim

Wo man mit seinen Sorgen, Wünschen und Interessen nicht ernst genommen werden, dort fühlt man sich auch nicht wohl.

Die Heerscharen „grau gekleideter Herren“ in Leipzig stoßen mich regelmäßig ab. Da fühle ich mich als Sortimenter weder wohl noch wahrgenommen. Sagt Holger Brandstädt von der Friedrich-Wagner-Buchhandlung in Ueckermünde

Offenbar hat sich inzwischen sogar eine Kluft zwischen „Oben“ und „Unten“ entwickelt; zwischen einer abgehoben und elitär agierenden Verbandsspitze nebst dem zugehörigen Apparat festangestellter Mitarbeiter einerseits und den „kleineren“ Einzelbuchhändlern andererseits.

Maria Glusgold-Drews © privat

Maria Glusgold-Drews © privat

Mitgliedernähe fällt mir ein. Wenn ich den Stand des Börsenvereins auf den Buchmessen sehe, fühle ich mich als Einzelbuchhändler ausgeschlossen in der Masse der schwarzen Anzüge. Und mit Nähe meine ich in allen Dingen: Transparenz, weniger elitäres Getue, Einsatz für den Buchhändler und die Preisbindung, bezahlbare Seminare… So Heike Wenige vom Taschenbuchladen im sächsischen Freiberg

Ich würde mir wünschen, dass der Landesverband aktiver auf die Mitglieder zuginge mit Aktionen und Ideen, und nicht nur Newsletter verschickte, die so unpersönlich aufgemacht sind. Fordert Maria Glusgold-Drews vom Buchladen MaschaKascha – Schöne Bücher in Hannover

Ginge es nach den Wünschen der 44 Befragten, dann würde der Börsenverein die Beiträge überdenken und sich stärker um die Belange der Umsatzschwächeren kümmern. Täte er dieses, dann wären ihm womöglich sogar neue Mitglieder gewiss.

Ich bin ganz bewusst kein Mitglied im Börsenverein. An Umsätze angepasste Mitgliedsbeiträge war ein Entscheidungskriterium bei mir, aber auch der Eindruck der fehlenden Nähe zur Basis. Bisher habe ich diese Entscheidung nicht bereut. Bettina Haenitsch von der Buchhandlung der buchladen in Seligenstadt

Beate und Mischa Klemm © lesen und lesen lassen

Beate und Mischa Klemm © lesen und lesen lassen

Was dem Verein ganz offensichtlich fehlt, ist Nähe zur Basis. Diese Anforderung fasst das Statement von Beate und Mischa Klemm, Buchhandlung lesen und lesen lassen, prägnant zusammen. Auf die Frage, was sie sich vom Börsenverein wünschen, antworteten die beiden Berliner Buchhändler: „Die einfache Frage: „‚Was würden Sie sich vom Börsenverein wünschen?‘ wäre schon mal ein guter Anfang.“

Weitreichender sind die Wünsche von Clemens Bellut, Heidelberger Buchladen artes liberales. Er fordert den Verband auch auf, sein Selbstverständnis zu überdenken: „Für diese Wunschliste reicht das (virtuelle) Papier hier nicht: Vielleicht am kürzesten zu sagen, dass der Börsenverein wirklich eine Vereinigung des BUCH handels werden sollte und nicht ein Instrument von Großunternehmen, die wahlweise Bücher, Schlüsselanhänger, Teddybären, Tassen u.a. vertreiben. Oder umgekehrt gesagt: die klare Selbstzuordnung, ob der Börsenverein für den Handel arbeiten will, der zufällig auch die Ware ‘Buch’ vertreibt, oder für die Bücher, ihre Autoren, ihre Verleger, ihre Setzer und Drucker, ihre Buchläden und ihre Leser arbeiten will, die nebenbei auch über Handelsbeziehungen verbunden sind.“

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Was sich die befragten Buchhändler/innen von Verlagen wünschen, das kann man hier nachlesen

 

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5 Kommentare zu “Gut gemeint, reicht nicht. Was sich Buchhändler vom Börsenverein des deutschen Buchhandels wünschen

  1. Ein Verein sei nur so gut, wie seine Mitglieder, können wir oben lesen.

    Dann sind also die Mitglieder des FC Bayern (Meister!) gaaaanz toll, und die des HSV (fast abgestiegen) alles Tunichtgute?

    Das kann so nicht sein, das ist zu einfach. Ja, ein Verein – wie auch eine Genossenschaft, die ja ein Mischform aus Verein und GmbH darstellt – braucht die Mithilfe seiner Mitglieder, so wie die Regierung auf die aktive „Mithilfe“ (i.e.: Kontrolle) der Parlamentarier angewiesen ist.

    Trotzdem gibt es bessere und weniger erfolgreiche „Regierungen“ – und es giibt erfolgreiche Vereine und erfolglose. Und beide Ausprägungen sind immer stark mit dem Führungspersonal verknüpft, das ist nicht anders als in Firmen auch.

    Bei Firmen ist die Erfolgskontrolle aber meistens etwas einfacher, ein Manager, der nicht reüssiert, bekommt seine Papiere!
    (ja, manchmal auch „vergoldet“, aber trotzdem, geschasst werden ist keine Erfahrung, die man machen möchte).

    Bei Vereinen ist das allenfalls dann der Fall, wenn wirklich drastische, publikumswirksame Fehlleistungen aufgedeckt werden (ich denke da an den größten Verein der Welt – na? Ja, den ADAC 😉 In diesen Fällen wird gerne das böse Sprichwort zitiert: : Der Fisch …..
    Und ja, es hat seine Berechtigung, unbedingt.

    MfG LB

  2. Das hier und die beiden „Wünsch dir was“-Beiträge sind ein für den ‚einfachen‘ Leser und Kunden interessanter Blick hinter die Buchhandlungskulissen.
    Wobei viele der Wünsche der BuchhändlerInnen auch eins zu eins von Lesern und Kunden getielt werden dürften. Danke für die Artikel. lg_Jochen K.

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