„Bei uns dürfen sich die Autorinnen und Autoren mal so richtig austoben.“ SteglitzMind stellt Sebastian Kaufmann mit dem Chaotic Revelry Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Ich freue mich sehr, dass Sebastian Kaufmann vom Chaotic Revelry Verlag heute Rede und Antwort steht. Vorgeschlagen hatte das Anne Hagemann.

das Logo © Chaotic Revelry Verlag

das Logo © Chaotic Revelry Verlag

Seit wann existiert Chaotic Revelry?

Der Chaotic Revelry Verlag (kurz CR-Verlag) ist ein unabhängiger Underground-Verlag und wurde 2007 von mir und Dog Thor Dionysos in Köln gegründet. Mittlerweile wird der Verlag regelmäßig von unserer freiberuflichen Lektorin Anne Hagemann unterstützt und komplettiert.

Für was steht der Name?

Der Verlagsname ist programmatisch gemeint: Das Verlagsprogramm ist humorvoll-anarchisch geprägt; statt herkömmlicher Lesungen werden die Neuerscheinungen des Verlags über experimentelle Video- oder Online-Lesungen sowie Performance-Projekte vermarktet. Zudem werden bevorzugt analoge Werke von Autoren verlegt, die vorher noch nicht publiziert haben.

Lieferbare Titel?

In der Zwischenzeit hat der Verlag neben sechs Anthologien schon elf Einzelpublikationen herausgegeben.

Ihre Highlights im Bücherjahr?

Unsere Highlights im Bücherjahr sind das Buch von Johannes Witek mit dem Titel Wenn alle Sängerknaben der Welt das hohe C singen, muss ich mir in den Kopf schießen sowie das Debüt unserer Autorin Enya Benthaus Betrachtungen über Blaues und Schwarzes.

Warum musste es in diesen Zeiten unbedingt ein Verlag sein?

CoverWitekInterviewFrische Texte und Bücher haben so etwas unglaublich Befreiendes und Beständiges. Es gibt so viele schlaue, feingeistige Menschen, denen wir eine Plattform bieten möchten, um gehört zu werden. Außerdem war die Faszination für Bücher schon von klein auf da. Schon bei der unendlichen Geschichte waren die spannendsten Buchstellen die im Antiquariat von Karl Konrad Koriander.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Nun ja, wie in jedem Kunstbereich gibt es den Mainstream, der sich das liebe Geld auf die Fahnen geschrieben hat, und es gibt die subkulturellen Kleinen, denen das Kunstwerk an sich wichtiger ist als die Millionen auf dem Konto. Wir haben abgekoppelt vom Buch als Kapital natürlich viel mehr Freiheiten das zu tun, was wir möchten. Wie alles Im Leben gibt es Vor- und Nachteile.

Hätten Sie sich auch ohne die Innovationen infolge der Digitalisierung eine Verlagsgründung zugetraut?

Ich denke, ohne die Möglichkeit einer Homepage und somit quasi die direkte Öffnung für die gesamte Welt, hätten wir in der Weise einen solchen chaotischen, rebellisch-anmutenden Verlag nicht gegründet. Nun leben wir aber mitten im digitalen Zeitalter, und wir sind quasi das Ergebnis dieser Epoche.

CoverEnyaInterviewWas machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Das ist relativ einfach zu erklären. Bei uns dürfen sich die Autorinnen und Autoren mal so richtig austoben ohne großartige Grenzen und Schranken, natürlich alles im Rahmen des friedlichen Menschenbildes, aber das versteht sich ja von selbst.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Eventuell hätten wir uns doch etwas intensiver um Fördermittel oder Startgelder bemüht. Wenn die Mittel zu knapp sind, beeinflussen sie letztlich doch das künstlerische und verlegerische Schaffen.

Wie gewinnen Sie Autoren?

In der Regel über das Internet. Wir bekommen sieben Jahre nach Gründung doch regelmäßig Manuskripte per Post oder per Email zugeschickt. Wir haben aber auch schon eine Autorin auf einer kleinen Verlagsmesse persönlich und direkt gewinnen können.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Sehr independent. Nämlich vertreiben wir die Bücher komplett selbst. Bestellungen sind direkt bei uns möglich telefonisch, per Mail und Fax sowie über unseren regionalen Handelspartner booklooker aus Düsseldorf. Und natürlich kann man unser gesamtes Sortiment auch direkt mit der ISBN-Nummer bei einer Buchhandlung bestellen.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen?

CoverSchumacherInterviewWir versuchen immer wieder persönlichen Kontakt zu Buchhändlern aufzubauen und ausgewählte Independent-Buchhandlungen über unsere Bücher durch Flyer und Postkarten zu informieren.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Gar nicht. Ich habe weder ein privates noch ein gewerbliches Konto bei Amazon.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Wir gehen auf Kleinverlagsmessen, unsere Autorinnen und Autoren lesen so oft es möglich ist und wir knüpfen Kontakt im Netz zu guten Literaturbloggern und Literaturzeitschriften. Außerdem gibt es häufig Online-Lesungen auf Youtube etc. Klassische Rezension findet man aber auch von unseren Büchern.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Bisher sind wir noch kein Mitglied. Mal sehen, ob sich das in Zukunft ändern wird. Generell habe ich nicht den Eindruck, dass sie sich besonders um Independent-Verlage kümmern.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Das ist vielleicht diese beste Frage dieses Interviews, weil man das nie so richtig einschätzen kann. Aber es ist schon das Lesepublikum abseits des Mainstreams, Vielleser, Querdenker, Satireliebhaber, Surrealisten.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Da wir in dem Rahmen, in dem wir uns bewegen, unsere Literatur kostendeckend herausbringen können und frei entscheiden können, mit wem wir welches Projekt gestalten wollen, sind die Chancen nicht schlecht, dass wir noch ein wenig auf dem Markt überleben können.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

CoverJonisInterviewDas größte Risiko eines Independent-Verlags sind wohl irgendwelche unvorhersehbaren Steine, die einem in den Weg gelegt werden, sei es finanziell oder gesundheitlich. So etwas kann einem kleinen Verlag natürlich schnell mal das Genick brechen.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Die ungezwungene Art mit Büchern und Literatur umzugehen. Independent-Verlage wirken freundlicher, unsteifer und offener als große Verlage, die verbissen um jeden Euro kämpfen müssen.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Macht es einfach!

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Ich empfehle hiermit den Brühler Independent-Verlag open for books, die sich auf europäische Kinderbücher spezialisiert haben, wie auch den Chili Verlag, weil dieser genauso verrückt ist wie wir.

Herzlichen Dank, Sebastian Kaufmann, für diesen Einblick.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Chaotic Revelry Verlag im Netz:

Homepage: http://www.chaoticrevelry.de

Twitter: https://twitter.com/chaoticverlag

Facebook: https://www.facebook.com/chaoticrevelryverlag

Online-Messestand: http://www.smallpress.de/aussteller/aid/397/

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3 Kommentare zu “„Bei uns dürfen sich die Autorinnen und Autoren mal so richtig austoben.“ SteglitzMind stellt Sebastian Kaufmann mit dem Chaotic Revelry Verlag vor

  1. Was für ein erfrischendes Interview und sympathische Positionen! Danke dafür, bin jetzt neugierig auf deren Bücher

  2. Pingback: „Bei uns dürfen sich die Autorinnen und Autoren mal so richtig austoben.“ SteglitzMind stellt Sebastian Kaufmann mit dem Chaotic Revelry Verlag vor | Lesbar und Texterei von Texthase Online

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