„Schwierigkeiten ist das falsche Wort, als Unternehmer und Verleger kennt man nur Herausforderungen.“ – SteglitzMind stellt Karlheinz Schlögl vom Golkonda-Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Ich freue mich sehr, dass heute Karlheinz Schlögl Rede und Antwort steht, der gemeinsam mit Hannes Riffel den Golkonda-Verlag verantwortet. Vorgeschlagen hatte das Steffen Janssen vom Luzifer Verlag.

Seit wann existiert Ihr Verlag?

Den Golkonda-Verlag in Berlin gibt es seit 2010, der Verlagsname ist dem Atomvulkan Golkonda von Arkadi & Boris Strugatzki geschuldet, deren Werkausgabe zum zentralen Programm bei Golkonda gehört. Ursprünglich als GbR von Hannes Riffel gegründet, der hauptberuflich als freier Lektor und Übersetzer tätig ist, erfolgte 2012 mit meinem Einstieg als Co-Gesellschafter die Umwandlung in eine GmbH.

Machen Sie und Hannes Riffel alles alleine?

Karlheinz Schlögl © Golkonda-Verlag

Karlheinz Schlögl © Golkonda-Verlag

Von Anfang an mit dabei waren auch unsere Gestalterin Susanne Beneš und Setzer und SF-Spezialist Hardy Kettlitz. Darüber hinaus unterstützen uns zahlreiche freie Mitarbeiter und Verlagsfreunde dabei, schwerpunktmäßig, aber nicht nur, internationale Phantastik und Krimis sowie seit 2014 auch klassische Literatur und Sachbücher zu veröffentlichen, und zwar sowohl als aufwendig gestaltete Printausgaben wie auch als eBooks.

In Summe sind nun schon an die sechzig Bücher bei Golkonda erschienen, wir waren also mehr als fleißig in den letzten vier Jahren, und freuen uns, dass unser Schaffen auch schon viermal mit dem Kurd Laßwitz Preis gewürdigt wurde, zweimal für Bestes ausländisches SF-Werk mit deutscher Erstausgabe und zweimal für Beste Übersetzung zur SF ins Deutsche mit Erstausgabe.

Ihre persönlichen Highlights?

Bei so vielen bereits erschienenen Büchern kann jede Aufzählung von Highlights immer nur zur Unterschlagung anderer wichtiger Bücher führen, aber wenn schon, dann sind es für mich die deutschen Erstveröffentlichungen, und hier vor allem die Storybände aus dem angloamerikanischen Raum von David Marusek, Paolo Bacigalupi, Ted Chiang, Geoff Ryman und Kij Johnson sowie, mein persönliches Steckenpferd, die Ausgabe der Gesammelten Werke von Samuel R. Delany, für deren Herausgeberschaft ich mich auch verantwortlich zeichne.

Warum musste es in diesen Zeiten unbedingt ein Verlag sein?

Delany-Bewegung_150Ich denke, die Zeit ist immer passend für einen neuen Verlag … Für mich war es entscheidend, damit auch die Möglichkeit zu haben, die eigenen Lieblingsautoren und meinen Literaturgeschmack sichtbar zu machen. Und eigentlich sehe ich in diesen Zeiten für kleine Verlage dank Amazon und E-Books ganz neue Möglichkeiten und Chancen, sich neben den Großen zu behaupten, eben ohne eigenes Vertriebsnetz zu den Buchhandlungen.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Schwierigkeiten ist das falsche Wort, als Unternehmer und Verleger kennt man nur Herausforderungen. Unser Engagement beruht auf der Freude und dem Stolz, schöne Bücher zu schaffen, die unseren Qualitätsvorstellungen entsprechen und die wir selbst gerne in unsern eigenen Bücherregalen stehen haben möchten.

Hätten Sie sich auch ohne die Innovationen infolge der Digitalisierung eine Verlagsgründung zugetraut?

Die Digitalisierung erleichtert uns selbstverständlich die Erstellung der Bücher, Datenaustausch und die Kommunikation zwischen allen Beteiligten wird dadurch einfacher möglich. Der Ausgangspunkt jeglicher erfolgreichen Verlegertätigkeit ist jedoch die Auswahl der »richtigen« Bücher für das Verlagsprogramm, und hier muss man Vertrauen in den eigenen Geschmack und Riecher haben, keine Digitalisierung und Innovation kann einem das abnehmen.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Halbengel_150Ich denke, jeder Verlag ist einzigartig durch die im jeweiligen Verlag engagierten Personen. Entsprechend spiegelt auch der Golkonda-Verlag das Geschmacksspektrum des Golkonda-Teams wieder und führt dadurch zu seinem eigenen unverwechselbaren Verlagsprogramm.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Man lernt natürlich einiges dazu, aber viele der späteren Einsichten sind zu Beginn gar nicht umsetzbar. Um beispielsweise Medienpräsenz und Besprechungen zu bekommen oder Kooperationen mit anderen Verlagen eingehen zu können, ist es vorab einmal notwendig, sich selbst mit seinem Programm zu positionieren.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Lesen, lesen und nochmals lesen, um vergleichen zu können und eine gute Auswahl zu treffen. Die Kontaktierung von Autoren, die man veröffentlichen möchte, erfolgt zumeist über deren Agenten. Aber sobald man mit dem eigenen Programm wahrgenommen wird, passiert es auch, dass einem von den Agenten Manuskripte ungefragt angeboten werden oder Autoren sich bei einem melden, weil sie auch Teil des Verlagsprogrammes werden wollen.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Neben einigen ausgewählten, für uns wichtigen Buchhandlungen, die direkt beim Verlag bestellen, wie beispielsweise das Otherland in Berlin, mit dem wir auch persönlich stark verbunden sind, erfolgt im Printbereich die Auslieferung vor allem über die großen Zwischenhändler wie KNV und Libri. Damit dort wiederum die gewünschten Bestellungen eintreffen, muss unser Marketing das Verlagsprogramm entsprechend bekannt machen, wobei für uns dann vor allem die Rezensionen im Fernsehen, im Radio, in den Internetblogs und auf den Literaturhomepages sehr, sehr hilfreich sind.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Atomvulkan_150Da wir kein eigenes Vertriebsnetz unterhalten, ist der direkte Kontakt zu den Buchhandlungen nur punktuell möglich. Umso mehr freut es uns dann, wenn es von Seiten der Buchhandlungen immer wieder auch Angebote gibt, einen Golkonda-Schwerpunkt zu präsentieren, wie beispielsweise letzten Sommer bei Dussmann in Berlin, bei Leykam in Graz, bei Decius in Hannover und vor allem über das ganze Jahr mit eigenem Golkonda-Regal in der Otherland Buchhandlung in Berlin.

Letztendlich verdanken wir jeden Erfolg den Autoren unserer Bücher. So kann es durchaus passieren, das auch große Ketten wie Hugendubel schon mal vorab einen spürbaren Teil einer Auflage vorbestellen, wenn sie erfahren, dass beispielsweise George R. R. Martins Armageddon Rock von Golkonda neu aufgelegt wird.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Als Kleinverlag stellt Amazon einen echten Mehrwert da, das ganze Verlagsprogramm wird für alle zugänglich, ohne in jeder Buchhandlung präsent sein zu müssen. Gleichzeitig braucht man nicht zu befürchten, mit Amazon Margen neu aushandeln zu müssen oder erpressbar zu werden, da man von den Umsatzgrößen her einfach viel zu klein ist.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Wir bemühen uns mit Newsletter, Blog auf der Verlags Homepage und viralem Marketing über den Golkonda Insider auf Facebook Aufmerksamkeit auf unser Verlagsprogramm zu lenken. Wichtig für uns sind alle Buchbesprechungen, entsprechend verfügen wir über einen stetig wachsenden Presseverteiler, über den wir vorab unsere Informationen und Leseexemplare diesen Meinungsmachern zukommen lassen.

Johnson-Pinselstriche_150Des Weiteren schalten wir regelmäßig Bannerwerbungen im Internet, platzieren Anzeigen in den passenden Magazinen, unterstützen Online-Aktionen im E-Book-Segment bei den entsprechenden Portalen und freuen uns über jede zusätzliche Gelegenheit, wie beispielsweise dieses Interview, um den Golkonda-Verlag einer noch breiteren Leserschaft bekannt zu machen. – Für all diese Themen und noch einige mehr ist bei uns Heide Franck zuständig, die gerne weitere Anfragen per E-Mail an presse@golkonda-verlag.de beantwortet.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Nächste Frage bitte.

Nun denn: Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Marusek-Glueck_150In erster Linie wohl für uns selbst, in der Hoffnung und Erwartung, dass auch andere unseren Geschmack teilen. Der Golkonda-Verlag ist sehr breit aufgestellt, entsprechend bedienen wir, oder versuchen es zumindest, sehr viele Zielgruppen. Phantastik-Liebhabern bieten wir, neben Kurzgeschichtensammlungen und Romanen, auch Sekundärliteratur zum Thema an, den Krimi-Fans bieten wir Crossovers zur Phantastik und den Liebhabern der Klassikliteratur wiederum eine eigene Klassikerreihe, wobei auch hier Brückenschläge zurück zur Phantastik zu finden sind, wie beispielsweise Der lachende Mann von Victor Hugo. Und Bücher wie Dunkle Reflexionen von Samuel R. Delany, HalbEngel von Tobias O. Meissner oder Bloß weg hier! von Frank Böhmert zeigen dem interessierten Leser, welches Spektrum diese Autoren, die in erster Linie mit dem Genre Literatur assoziiert werden, zu bieten haben. Das Durchbrechen dieser Genregrenzen, der ganzheitliche Ansatz zur Literatur, ist auch eine erklärte Zielsetzung des Golkonda-Verlages.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Dass wir uns bei der Leserschaft als klare Marke etablieren, sodass diese im Vertrauen auf das bereits geschaffene Verlagsprogramm bereit ist, sich von uns zu neuen Büchern hinführen zu lassen. Dass wir quasi mit unserem Programm eine Art Garantie abgeben können, dass die Erwartungshaltung unserer Leser erneut erfüllt wird, auch wenn die neuen Autoren noch nicht im deutschsprachigen Raum etabliert sind.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Mit unserer Breite im Verlagsprogramm zu verschrecken, einer Beliebigkeit anheimzufallen, dem Leser keine Identifikation zu bieten und entsprechend nicht die Resonanz zu finden, die wir eigentlich anstreben.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

das Logo © Golkonda-Verlag

das Logo © Golkonda-Verlag

Die Freiheit zu haben, seine eigenen Vorstellungen, welche Inhalte der Verlag publizieren soll, ohne allzu große Kompromisse umsetzen zu können. Und vor allem Mitstreiter zu finden, die diese Ziele mittragen und ebenfalls ihr Engagement einbringen, ohne dass alles nur unter kommerziellen Aspekten beurteilt wird. Die Glückshormone, die dabei bei allen Beteiligten ausgeschüttet werden, sind wohl außerhalb der Independent-Szene kaum zu bekommen.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Auf sich selbst zu vertrauen und nicht auf diejenigen zu hören, die immer vermeintlich wissen, was alles nicht funktioniert. Aber dieser Rat gilt wohl grundsätzlich für alle, die etwas Neues schaffen wollen.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Spontan fällt mir der Verlag Das Beben ein, ganz neu und E-Books only, oder der Septime Verlag in Wien mit der wunderbaren James-Tiptree-Ausgabe.

Herzlichen Dank für diesen Einblick.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Der Golkonda-Verlag im Netz:

Die Homepage: http://golkonda-verlag.de/

Die Präsenz bei Facebook: https://www.facebook.com/Golkonda.Insider

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3 Kommentare zu “„Schwierigkeiten ist das falsche Wort, als Unternehmer und Verleger kennt man nur Herausforderungen.“ – SteglitzMind stellt Karlheinz Schlögl vom Golkonda-Verlag vor

  1. Pingback: translate or die | Aktuelles: Phantastische Netzstreifzüge 30

  2. Hallo Du Gleichgeborener, an Deinen Aktivitäten merke ich, dass Du wieder zurück bist. War es denn gut bei der Messe? Ich bin schon wieder mächtig beschäftigt, weil zwei Touren bevorstehen. Aber vielleicht sollten wir uns doch in der nächsten Woche mal treffen, was hälst Du davon? Zunächst einmal herzlichste Grüße von Dagmar

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