„Es ist ein hartes Brot, im Sortiment Fuß zu fassen.“ – SteglitzMind stellt Volker Surmann vom Satyr Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Ich freue mich, dass wir heute etwas mehr über Volker Surmann vom Berliner Satyr Verlag erfahren. Vorgeschlagen hatte das Karsten Strack vom Poetry-Slam-Verlag Lektora.

Eine Skizze vom Verlag …

Volker Surmann © privat

Volker Surmann © privat

Satyr ist ein Independent-Verlag für Humor und Satire mit einem Schwerpunkt auf Lesebühne und Poetry Slam. Aus diesem Bereich rekrutieren wir unsere Autorinnen und Autoren. Den Verlag wird im Sommer 2015 zehn Jahre alt, seit 2011 führe ich ihn und bin zugleich einziger Mitarbeiter. Ich publiziere pro Jahr etwa 8 bis 10 Titel. Das 2014er Highlight war sicher „Holger, die Waldfee“ von Lars Ruppel. Kurz nachdem das Buch gedruckt war, wurde Lars deutscher Poetry-Slam-Meister. Inzwischen ist das Buch mit über 3500 verkauften Exemplaren in nur zwei Monaten das wahrscheinlich bestverkaufte Lyrikbuch Deutschlands.

Warum musste es in diesen Zeiten unbedingt ein Verlag sein?

Na ja, den Verlag gibt es seit zehn Jahren. Wieso es ein Verlag sein musste, kann nur der Gründer beantworten. Ich kann nur sagen, wieso ich ihn 2011 übernommen habe. Zu dem Zeitpunkt war ich als Lektor für Satyr tätig und ich war überzeugt, die richtigen Weichenstellungen vorgenommen zu haben, Satyr in schwarze Zahlen zu führen. Deshalb war ich so mutig (oder verrückt), den Verlag zu übernehmen, als die vorigen Eigentümer ihn nicht weiterführen wollten. Und Tatsache: Ich hab auf die richtigen Schwerpunkte und Autoren gesetzt. Satyr geht es gut und ich kann vom Verlegen, zumindest zum Teil, auch leben.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Aus der Begeisterung für gute Stoffe und tolle Autorinnen und Autoren.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Na ja, ich sehe die anderen Kleinverlage ja gar nicht als Konkurrenz an, der Umgang ist eher familiär, wir arbeiten an vielen Stellen zusammen, z.B. bei Vorschau-Aussendungen usw. Was Kleinverlage immer besser machen als Major-Verlage ist, dass sie viel näher am Autor sind und dieser viel mehr Einfluss auf das Produkt hat als in einem Majorverlag, wo es in zig Abteilungen zig Bedenkenträger gibt. Das ist das größte Pfund, mit dem wir wuchern können: die Autorenbetreuung.

Wie gewinnen Sie Autoren?

satyr_Ruppel_ 72In der Regel kommen alle Satyr-Autorinnen und -autoren aus dem Umfeld der Lesebühnen- und Poetry-Slam-Szene. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Ich habe einen kleinen, externen Vertrieb dazwischengeschaltet, der sich um alle Vertriebsaufgaben kümmert, und dafür sorgt, dass Vertreter, Barsortimente, Verlagsauslieferung, E-Book-Distribution usw. mit allem versorgt sind, was sie brauchen. Diese Lösung erspart mir, dafür noch jemanden einzustellen. Ich selbst würde das nicht noch zusätzlich schaffen.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Es ist ein hartes Brot, im Sortiment Fuß zu fassen. Leider. Ab 2015 habe ich erstmals das ganze Bundesgebiet durch Vertreter abgedeckt. Mal sehen, was das bringt. Im Sortiment wünsche ich mir manchmal mehr Offenheit gegenüber den unabhängigen Verlagen. Aber am Ende landen doch nur wieder die Major-Verlage auf dem Neuerscheinungsstapel … Und die Filialisten zu knacken wird für unabhängige Verlage immer schwieriger. Zentraleinkäufer sind oftmals Leute, die nicht ein Fünkchen Interesse an Literatur haben, das sind oft BWL-Fachidioten, für die Bücher nur eine Ware sind.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Amazon ist ein zweischneidiges Schwert. Zum einen ist es, vorsichtig gesagt, etwas „demokratischer“, da fast alle Bücher – egal ob aus großem oder kleinem Verlag – erst einmal gleichberechtigt an den Start gehen und kein Buchhändler, kein Zentraleinkäufer darüber entscheidet, welches Buch er einkauft, auf Stapel legt oder nicht. Das ist für uns Kleinverlage gut. Die Händlerkonditionen sind allerdings ziemlich beschissen, die von Amazon angestrebte Zentralisierung des E-Book-Marktes ist sehr kritisch zu sehen. Mir ist also jeder Sortimenter, der Satyr-Bücher verkauft, lieber als Amazon!

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Klassische Pressearbeit plus Social-Media-Präsenz, hier und da in Fanzines und Slam-Zeitschriften kleinere Anzeigen. Aber das Budget für solche Dinge ist klein, leider.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Wir sind Mitglied.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Ich mache Bücher für alle Menschen, die Humor, Satire, Poetry Slam und Lesebühne lieben. Das ist meine Zielgruppe.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

In eben dieser Zielgruppe.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

das Logo © Satyr Verlag

das Logo © Satyr Verlag

Dass der Buchhandel weiter einbricht und sich noch stärker zentralisiert.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Die Unabhängigkeit, die Nähe zu den Autorinnen und Autoren und der Zusammenhalt unter den Indie-Verlagen.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Es nicht zu tun. Man braucht unheimlich langen Atem und ein großes Maß an Frustrationstoleranz.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Alle Kolleginnen und Kollegen, die sich in der Kurt-Wolff-Stiftung für unabhängige Verlage zusammengeschlossen haben, sowie Unsichtbar-Verlag, Blaulicht-Verlag, gONZo-Verlag usw.

Herzlichen Dank für diesen Einblick!

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Der Satyr Verlag im Netz:

Homepage: www.satyr-verlag.de

Onlineshop: http://www.vertriebscentrum.de/shop/

Vorschau: http://issuu.com/satyrverlag/docs/vp2015_fr__hjahr_web/1?e=10089203/10448203

 

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„Wie alle anderen versuche ich, alles anders zu machen als alle anderen.“ – SteglitzMind stellt Stefan Weidle vom Weidle Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute stellt sich ihnen Stefan Weidle, der den Weidle Verlag in Bonn verantwortet. Vorgeschlagen hatten das Claudia Gehrke vom Tübinger konkursbuch Verlag, Vanessa Wiesner vom Milena Verlag in Wien und Jörg Sundermeier vom Berliner Verbrecher Verlag.

Seit wann existiert Ihr Verlag?

Stefan Weidle © privat

Stefan Weidle © privat

Der Weidle Verlag wurde nach ein paar Gastspielen bei dann vom Pleitegeier gefressenen Verlagen schließlich 1995 mit dem ersten eigenen Programm flügge. Anfänglich publizierte er hauptsächlich Exilliteratur, heute alles, was ihm gefällt, also keine Bücher, die wir nicht selbst kaufen würden.

Machen Sie alles alleine?

Wir sind zu viert und haben in Friedrich Forssman den Gestalter aller unserer Titel, die folglich das analoge Licht der Welt erblicken.

Ihre Highlights im Bücherjahr?

Unsere derzeitigen Highlights sind: Mooses Mentula, »Nordlicht – Südlicht« und die ruhmreich abgeschlossene Roman-Tetralogie von Pétur Gunnarsson, »Das vierte Buch über Andri« heißt der letzte Band.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Weil niemand die Manuskripte publizieren wollte, die mir gefielen.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

»Ich erleuchte mich durch Unermessliches.« (Ungaretti)

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

Das gleiche wie bei allen anderen.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

weidle_verlag_Mentula-Umschlag-14-04-28Es gibt unter uns Independent-Verlagen keine Konkurrenz, wir pflegen einen kollegialen Umgang. Zumal wir alle im selben Boot sitzen, das manchem Tsunami trotzen muss. Wie alle anderen versuche ich, alles anders zu machen als alle anderen.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Ich würde weniger Titel publizieren.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Gar nicht. Die Bücher kommen zu mir.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Auslieferung: GVA (Gemeinsame Verlagsauslieferung Göttingen), Vertreter: indiebook und Vertreter in Österreich und der Schweiz. Kein Vertrag mit Amazon.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Die Vertreter tun das meiste. Ich besuche Buchhandlungen und stelle mich vor, präsentiere auch gerne den Verlag, am liebsten mit einem Kollegen, zuletzt mit Dietrich zu Klampen zu Klampen! Verlag), nächstes Jahr mit Jörg Sundermeier (Verbrecher Verlag). Ich bin froh, dass es viele Buchhändler gibt, die unseren Verlag mögen. Zu einigen halte ich Kontakt via Facebook. Ich habe eigentlich recht gute Erfahrungen, außer mit den Buchhandelsketten, bei denen wir nicht vorkommen. Zur Strafe geht’s denen jetzt schlecht.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Gar nicht. Ein Buchhändler wie jeder andere, der unsere Titel übers Barsortiment bezieht.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

E-mails schreiben, Website pflegen, über Facebook kommunizieren, Kontakt zu Rezensenten halten, auf Buchmessen rumsitzen, gelegentlich Anzeigen schalten und alles, was alle anderen auch machen. Wenn ich eine geniale neue Idee gehabt hätte, würde ich sie nicht verraten. Ich glaube, ich verrate nicht mal, dass ich eine hatte.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Bin Mitglied. Und würde das VLB (Verzeichnis lieferbarer Bücher) umsonst abgeben, wenn ich könnte.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Wir machen Bücher für erfahrene, neugierige Leser. Für Leute wie uns selbst. Wenn man etwas für eine Zielgruppe macht, der man nicht selbst angehört, passiert es leicht, dass man sie unterschätzt. Unsere Leser sind Menschen, die einen Sinn für die Schönheit von Büchern haben; nicht umsonst haben wir inzwischen acht Auszeichnungen der Stiftung Buchkunst versammelt.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

In der Literatur der Ränder. Deutschsprachige Gegenwartsautoren können im Grunde nur die großen Verlage durchsetzen.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Wenn die Preisbindung fällt, schließe ich drei Monate später den Verlag.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Die Solidarität. Und die Originalität der Kollegen. Und ihre Trinkfestigkeit.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Ich würde zur Anschaffung einer Zwangsjacke raten.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Arco, Elfenbein, Maro, Argument, Pendragon.

Herzlichen Dank für diesen Einblick, Stefan Weidle.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Der Weidle Verlag im Netz:

Die Homepage: www.weidleverlag.de

Bei Facebook unter Weidle Verlag

 

„An Bruchstellen entsteht Neues, das ist ein allgemeines Thema meines kleinen Verlages.“ – SteglitzMind stellt Claudia Gehrke vom konkursbuch Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Ich freue mich, dass heute Claudia Gehrke vom Tübinger konkursbuch Verlag Rede und Antwort steht. Vorgeschlagen hatte das Steffen Ille vom Verlag Ille & Riemer.

Seit wann existiert konkursbuch?

Claudia Gehrke © Anja Müller

Claudia Gehrke © Anja Müller

In Tübingen, seit 1978. Der Verlag wurde am 1.4.1978 mit „konkursbuch 1“ gegründet. Entstanden ist die Idee eines Periodikums mit Essays, literarischen Texten, Notizen, Bildern zu unterschiedlichen Themen zwischen Alltag, Politik und Philosophie: „konkursbuch“ – in ironischer Anspielung an „Kursbuch“ – in einem „Salon“, den ich in meiner Studentinnenzeit in Tübingen veranstaltete. Immer mittwochs (passend haben wir jetzt einen Blog, an dem es immer mittwochs neue Beiträge gibt) trafen sich StudentInnen, Lehrende, KünstlerInnen, Freundinnen, aßen und debattierten. Keiner glaubte an die Realisierung der ersponnenen Kulturzeitschrift, Peter Pörtner und ich machten es einfach. Anders als „Kursbuch“ wollten wir keine „politische“ Kurse aufzeigen, nicht wie das „Kursbuch“ der Bahn aufgeschlagen werden, um einen Weg zu einem Ziel zu finden – unsere Gründungsidee war die Konfrontation von Theorie und Literatur, Bildern und Gedanken, Privatem und Theoretischem. Es waren Abschweifungen statt Kurse, Blicke in Zwischenwelten. Das ist unser Programm geblieben, daraus haben sich nach und nach die einzelnen Programmschwerpunkte entwickelt. Damals noch streng getrennte Bereiche von Theorie und Literatur und Bildern brachten wir bereits in den ersten Ausgaben des „konkursbuch“ zusammen, oder im erotischen Jahrbuch, das sich aus „konkursbuch Nummer 6“ entwickelte, agierten wir zwischen Kunst und sogenannter Pornografie (wobei damit nicht diese Mainstream-Heftchen oder Filme gemeint waren, sondern das „Pornografie“ Genannte bedeutete nur, dass Texte und Bilder das deutlich Sexuelle nicht ausgeschlossen haben), zwischen verschiedenen „Sexualitäten“.

Sie machen das nicht alles alleine…

Wir sind immer klein geblieben, zur Zeit arbeiten wir zu dritt, Babett Taenzer betreut von Berlin aus seit gut sieben Jahren die Pressearbeit und organisiert unsere Veranstaltungen, Berndt Milde betreut unseren kleinen Mailorderversand, ich, die Verlegerin, suche aus dem Vielen möglichen Büchern aus, mache die Programme und bastle Bücher, dazu kommt eine freie Lektorin, die zugleich Autorin ist , Regina Nössler. Und es gibt meistens eine Praktikantin. Die Arbeitsbereiche sind zwar getrennt, aber vieles machen wir zusammen und auch zusammen mit Autorinnen, von der Gestaltung bis zu den Überlegungen, wie wir die Bücher besser sichtbar machen könnten.

Die Programmschwerpunkte…

  • Literarische Reisen zwischen die Kulturen, allgemeine Literatur.
  • Literatur zum Liebesleben: Erotische Romane, Prosa, Bildbände, Jahrbücher. Es geht immer auch um die Ambivalenzen des Alltags und Abgründe zwischen Fantasie und Realität.
  • Thrillerreihe: Kein blutiges Gemetzel; die Suspense-Spannung baut sich langsam auf, in den Psychen der Figuren, in dem, was sich alltäglich zwischen Menschen abspielt, den sozialen Spannungen, der Vergangenheit die sie einholt, Alltags-Situationen, die plötzlich umkippen.
  • Und immer noch „konkursbuch“, unregelmäßig, zu unterschiedlichen Themen, zuletzt u.a. „Außenseiter“.

Mögen Sie das noch ein wenig erläutern?

Konkursbuch_noessler-wanderurlaubDie „literarischen Reisen“ führen z.B. auf die Kanarischen Inseln, die vor allem als touristische Reiseziele bekannt sind, und nicht als Literaturlandschaft, die zwischen Europa, Südamerika und Afrika liegt. Emigration spielte auf den Inseln immer eine Rolle und ihre Literatur ist davon beeinflusst, von europäischen, südamerikanischen und afrikanischen Erzähltraditionen.

Und wir reisen nach Asien, vor allem nach Japan, auch nach Korea, und von dort zurück mit Blick auf Feinheiten der Sprache und Alltagskultur, den man so vielleicht nur werfen kann, wenn man Sprachgrenzen übertritt und aus der Mehrsprachigkeit heraus schreibt, wie es eine der bekanntesten Autorinnen unseres Verlages macht, Yoko Tawada.

Man kennt von uns manchmal nur diese eine Autorin, andere kennen uns nur mit der kanarischen Literatur. Und viele kennen nur die erotische Seite des Verlags, die erotischen Jahrbücher „Mein heimliches Auge“, die „multisexuell“ von zart bis deutlich rund um Erotik, Sex, Liebe Texte und Bilder versammeln und das seit Langem, im Herbst 2015 erscheint die Nummer 30.

„An Bruchstellen entsteht Neues“, das ist ein allgemeines Thema meines kleinen Verlages. „Glücklicherweise berühren sich alle Territorien an irgendeinem Rand; wir werden alle zu Grenzlandbewohnern … die Zwischenregionen, die Regionen des Übergangs, die Tore und Zwischenräume werden zu neuen Zentren … so wird die überwundene Grenze zur vibrierenden Membran …“ (Michel Butor in einer alten Ausgabe des konkursbuch, Nr. 23, „Reisen ans Ende der Sonne. Revolte, Revolution, Utopie“)

In der Kunst entspricht dem die Collage. Man schneidet Teile aus unterschiedlichen Vorlagen aus, fügt auch neu entstandene Teile hinzu und klebt sie in andere Zusammenhänge. Ränder und Brüche bleiben sichtbar, auf den ersten Blick einander widersprechende Teile fügen sich zusammen, Schnittmengen durch Übereinandergeklebtes entstehen, es entsteht ein Bild, das nicht verbirgt, dass es in seinen Einzelteilen aus unterschiedlichen Welten kommt, als Ganzes aber doch etwas „Neues“ darüber Hinausgehendes zeigen kann. So ließe sich auch unser Verlagsprogramm als ein Ganzes sehen, trotz der scheinbar disparaten Bereiche.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Aus Lust daran, Bücher zu machen, aus Lust, aus vielen Einzelteilen ein Ganzes zu basteln, Texte und Themen, die mich mitrissen, in Objekte zum Blättern und Lesen zu verwandeln. Ähnliches sagt vielleicht jeder Verleger. Das „Geschäftliche“, sich anzustrengen, Leser für diese „Lustobjekte Buch“ zu finden, ist natürlich auch wichtig und eine mühsame Arbeit. Der Verlag ist langsam gewachsen, ich habe nicht darüber nachgedacht, warum Verlag oder ob Verlag und wie lange Verlag, auch nicht darüber, was für ein Programm dieser Verlag haben würde.

Wir machten konkursbuch. Der Verlag wuchs daraus wie ein Baum und verästelte sich. Anfangs planten wir – Mitherausgeber Peter Pörtner und ich – dass wenigstens sieben Ausgaben von „konkursbuch“ erscheinen sollten (ein Grund war, dass uns jemand sagte, wenn es sieben Ausgaben gibt, könne man über dieses Periodikum eine Doktorarbeit verfassen). Peter P. ging nach einem Jahr nach Japan. Die Zusammenarbeit Tokio – Tübingen gestaltete sich vor den Onlinezeiten schwierig, nur manchmal gab es eine rauschende Telefonverbindung dank der Connections einer befreundeten Postmitarbeiterin, andere Kommunikation dauerte Wochen. Das kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Konkursbuch 4, „Kunst. Archäologische Notizen zur Moderne“ entstand als Letztes soweit ich mich erinnere noch zwischen Tokio und Tübingen. Anschließend war ich alleine die Verlegerin.

Schon bevor Nummer 7 erschien (Thema „Müßiggang“, das hätte gut überleiten können zum Ausstieg), waren Texte eingegangen, die zu lang waren für „konkursbuch“ und die mich begeisterten, so entstanden die ersten literarischen und essayistischen Bücher. Aus „konkursbuch 6, Erotik“ (erschienen 1980) entwickelte sich die Reihe der erotischen Jahrbücher. Das von Anfang an und immer noch multisexuelle „Mein heimliches Auge“. Seit 1998 gibt es auch „Mein lesbisches Auge“ und seit 2003 „Mein schwules Auge“.

Ihre persönlichen Highlights im Bücherjahr?

konkursbuch_yoko etuedenSicher zu viele!

Yoko Tawada, Etüden im Schnee, Roman. Der Roman erzählt Zeitgeschichte aus ungewöhnlicher Perspektive, aus der von drei Generationen Eisbären. Es geht um Ost und West, um Migration, das Leben als Autorin und um vieles mehr. Yoko Tawada hat genau recherchiert, ihre Geschichte erzählt unterhaltsam-bewegend auch aus dem wirklichen Leben von zwei der Bären, von Tosca und Knut – so wie diese es vielleicht wahrgenommen haben. Die Großmutter ist eine erfundene Eisbärin und der gesamte Roman ein „kunstvolles Geflecht verschiedener Ebenen, die leichtfüßig ineinander gleiten …“ (ekz, Beatrix Szolvik). Wie immer bei Texten Tawadas ist die „Handlung“ nicht leicht wiederzugeben. Die Leser, wenn sie sich auf die Geschichte einlassen, geraten in einen Sog mit vielen kleinen überraschenden Erkenntnissen, sehen die Welt mit „neuen“ Augen. „Man möchte den ‚Etüden im Schnee‘ immer weiter lauschen und von ihnen bezaubert werden“, hieß es in einer Rezension.

Regina Nössler, Wanderurlaub, Roman (Thrillerreihe). Eine Gruppe Urlauber, Ehepaare, Freundinnen, Einzelreisende, auf der Kanareninsel La Palma. Sie treffen sich im Hotel, dann gehen die geführten Wanderungen los. Der Wanderführer geht viel zu schnell. Die Natur zeigt sich von ihrer gefährlichen Seite. Doch die eigentliche Gefahr lauert nicht in der Natur. Sondern in dem , was diese Menschen an Alltagsproblemen mitbringen, was sich zwischen ihnen aufbaut. Alle eint eins, ohne dass sie es voneinander wissen: die Angst vor dem sozialem Abstieg. „Patricia Highsmith hat eine deutsche Erbin gefunden. Ein Feuerwerk an genauen Beobachtungen und stimmigen Details durchzieht die sich immer bedrohlicher aufschaukelnde Handlung …“ schrieb Alf Mayer über das Buch (Juror Deutscher Krimipreis / Krimibestenliste, in „Strandgut“).

Ines Dietrich, Geheimnisse der Insel La Palma. Ein Reiseführer durch 12 Monate. Dieses Buch habe ich in wochenlanger Nachtarbeit zusammen mit der Autorin gestaltet, mit vielen Bildern ist es eine Reise durch ein Jahr auf dieser kleinen kanarischen Insel, in jedem Monat finden sich Spaziergänge, Pflanzen, Tiere, die Feste des Monats, auch kleine Anekdoten aus der Vergangenheit und typische Rezepte. Man merkt dem Buch die Liebe der Autorin zur Insel an, es ist persönlich formuliert und, wie Leser es beschreiben, „liest man es in einem Sog, es zieht von Jahreszeit zu Jahreszeit mit vielen Kleinigkeiten, die sonst in keinem Reiseführer zu finden sind“, es ist „von der Seele weg geschrieben, die Begeisterung für die Insel steckt an.“ (Das mailte uns Juan M. Castro, der die Insel und ihre Pflanzen und Tiere inklusiver der Insekten gut kennt. Und er ergänzte, dass er sogar Neues im Buch gefunden habe).

konkursbuch_unterbrochene SchienenSigrun Casper, Unterbrochene Schienen. Erzählungen und Beobachtungen rund um das Thema Ost/West, Krieg, Mauerbau und Mauerfall, es sind autobiografische Geschichten, erzählt zuerst aus der Perspektive des Mädchens, dann aus der einer jungen Frau, die nach dem Mauerbau aus Ostberlin flieht, dann aus der einer Erwachsenen mit selbstironischem gebrochenem Westostwestblick. „Ihre sensiblen Beobachtungen kleidet die Autorin in klare schöne Sätze.“ (Tagesspiegel)

Mein heimliches Auge Nr. XXIX. Ein Highlight für jedes Bücherjahr, von mir persönlich „zusammengebastelt“, ausgewählt gemeinsam mit jungen „Augen“, denn fast immer macht eine Praktikantin an der Auswahl der Beiträge mit. Texte und Bilder, die sich wie ein Roman lesen lassen. Auch von jeder beliebigen Stelle im Buch aus lassen sich eigene „Romane“ bauen rund ums Liebesleben. Als wir vor Jahren Prozesse ums Heimliche Auge hatten, hieß es in dem Gutachten, dass detailliert nachvollzog, wieso das „heimliche Auge“ Kunst ist: „Das heimliche Auge ist ein dynamisches Kunstwerk, in dem jeder einzelne Beitrag in ein Netz von Interpretationen einbezogen wird. Bilder und Texte gehen Beziehungen miteinander ein, sie variieren einander, widersprechen einander, ergänzen, unterminieren oder extrapolieren einander. Abstrakte Kunst und realistische Fotografie, ernste Darstellungen und ironische Kritik reflektieren einander und eröffnen neue Horizonte, die über das Einzelne hinausweisen …

Dieses Verfahren potenziert sich, denn ein solches Jahrbuch wird im seltensten Fall von vorne bis hinten durchgelesen. Im Gegenteil, man kann bei jedem beliebigen Bild oder Text beginnen und dieses mit jedem anderen kombinieren, so dass eine Vielzahl von Argumentationsketten und Darstellungskombination entsteht. Ein solches Gebilde wird in der Postmoderne als Hypertext bezeichnet: die Summe der ästhetischen Erkenntnisse in Mein heimliches Auge sei somit um ein Vielfaches größer als die Anzahl der textuellen und visuellen Beiträge. Eine solche Verfahrensweise sei als absolutes Gegenteil zu pornografischen Verfahrensweisen zu betrachten, da diese, um ihres Zieles schnellstmöglicher Lustbefriedigung willen, auf Eindeutigkeit und Eindimensionalität beharren müssen, so dass im Falle der Pornografie die Summe der ästhetischen Erfahrungen um ein Vielfaches geringer sei als die Anzahl der Darstellungen, im schlechtesten Fall bliebe nur eine einzige Erfahrung, die der ‚Aufreizung‘ …“

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Wenn wir Briefe und E-Mails von Lesern bekommen, die ihre Begeisterung ausdrücken. Reaktionen nach Veranstaltungen. Und wenn mich ein neues Buchprojekt begeistert. Wir ertrinken in Manuskripten und Projektvorschlägen, ich schaffe nicht, alles anzusehen. Aber manchmal springt mich auch etwas aus diesen Bergen an und nicht allein Neues von unseren „Hausautorinnen“.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

Wir machen E-Books der Romane und Erzählungen, nicht der erotischen Jahrbücher und Fotobücher, die gibt es weiterhin exklusiv in gedruckter Form. Wir nutzen Facebook etc., (das betreut Babett Taenzer), haben den oben erwähnten konkursbuch-Blog ins Leben gerufen (den betreut eine unserer Autorinnen, Regina Nössler, zusammen mit Babett Taenzer). Wir versuchen also wie andere Verlage auch, die Community, die vor allem online unterwegs ist und sich online informiert, zu erreichen. Das bedeutet natürlich Mehrarbeit. Aber wir bleiben als Verlag klein, arbeiten nur zu dritt in aufgeteilten Arbeitsbereichen und teils mit den Autorinnen zusammen und alles, was möglich wäre, können wir gar nicht schaffen. Unsere Homepage z.B. ist sehr altmodisch, der Plan, sie zu modernisieren, ist da, aber geschafft haben wir es noch nicht.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Schwer zu sagen, was wir anderes machen als alle anderen. Wir sind unseren Anfangsideen treu geblieben. Dem Blick zwischen Schubladen. Wir sind klein geblieben. Wir machen manchmal Bücher, die man aus „geschäftlichen“ Gründen nicht machen dürfte, die wir persönlich, mit Lesungen und größeren Veranstaltungen, zu den Lesern bringen, auch wenn das manchmal nicht viele sind. Wir positionieren uns vielleicht noch immer dadurch, dass wir den direkten Kontakt zum Publikum suchen, in Veranstaltungen, in Gesprächen. Wenn man uns anruft, erreicht man einen von uns Dreien persönlich.

konkursbuch_mein heimliches augeWir wären gerne präsenter im Buchhandel. Es gibt natürlich Buchhandlungen, die mehrere unserer Bücher sichtbar und vorrätig haben, denen möchte ich an dieser Stelle herzlich danken! Aber es sind weniger geworden als früher. Die Medienwellen der letzten Zeit, erotische Literatur betreffend, nutzten uns nichts. Der Hype z.B. um Shades of Grey oder frühere „Erotikbestseller“ geht über uns hinweg, führt aber natürlich dazu, dass viele Verlage sich des Themas annehmen, vielleicht in der Hoffnung, was vom „Kuchen“ abzubekommen, und diese machen sich dann mit Werbeetat im Hintergrund und auch in den Buchhandlungen breit, dazu kommen aktuell noch viele Neugründungen und Selbstverlegtes.

Wir verlegen seit Jahren, Jahrzehnten inzwischen, über die Wellen hinweg, zwischen den Wellen Vielschichtiges zum Thema. Da es aber immer mehr gibt, neue „Erotikverlage, „E-Book-Frauenerotikverlage“ und Reihen bei den Großen, manche von ihnen existierten noch nicht, als wir schon verlegt haben, aber kommen jetzt, wenn es zum Thema geht, eher zu Wort als wir.

In den Massen gibt es viel „Schrott“, darunter die „Perlen“ zu finden, wird schwerer, schwerer also, darin sichtbar zu bleiben. Das überfordert auch die Buchhändler, oft nehmen sie das, was sich bei ihnen am besten verkauft, es gibt aber auch hier tolle Ausnahmen, vor allem unter den kleineren gut sortierten Buchhandlungen, die ihre Kundinnen und Kunden kennen. Aber wir machen einfach immer weiter mit unseren unterschiedlichen Programmbereichen und arbeiten für kleineres Publikum.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Diese Frage habe ich mir so noch nicht gestellt. Wenn ich mit mehr Geld anfangen würde (wir hatten nie Geld im Hintergrund, lebten und leben sozusagen von Buch zu Buch ) – also wenn ich mit Geld im Hintergrund anfangen oder weitermachen könnte, würde ich mehr Geld für gezielte Werbung ausgeben und vor allem für MitarbeiterInnen, die sich dann mit je mehr Zeit um die einzelnen Arbeitsbereiche wie den Onlinebereich, Homepage etc., um Buchhaltung, Abrechnungen etc. kümmern könnten. Denn wir sind alle immer wieder einmal ziemlich überlastet, und das Gefühl, etwas, was man hätte unbedingt noch für ein Buch, eine Autorin hätte tun können, einfach zeitlich nicht geschafft zu haben, ist belastend. Aber die Freude über Reaktionen von Lesern entlastet und beglückt dann wieder.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Sie finden uns. Es gibt zu den langjährigen AutorInnen im Verlag Geschichten, wie sie zum Verlag gekommen sind, über persönliche Kontakte, und andere über die Manuskripteinsendung direkt an uns. Die wenigen Bücher, zu denen uns Agenturen überredet haben, haben bei uns eher nicht „funktioniert“.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

konkursbuch_geheimnisse der Insel La PalmaWir haben Vertreter. Wir machen uns Mühe mit der Vorschau. Wir schicken auf Wunsch Leseexemplare. Für Buchhändler ist es wirklich schwer, in den Massen an auf sie einstürmenden Verlagsvorschauen Bücher auszuwählen, daher sind Verlagsvertreter, die ihnen Bücher mehrerer Verlage nahebringen, noch immer wichtig. Wir können natürlich keine großen monatlichen Garantievorschüsse zahlen, sondern nur die übliche Umsatzbeteiligung am Verkauf. Die Vertreter sollten unser Programm schätzen, sich aber nicht zu viel erwarten. Leider blocken Buchhändler unser Programm öfter ab als früher. Mit Argumenten wie: Wir seien bei der falschen Auslieferung, daher bestellen sie nicht, bzw. nur beim Barsortiment, wenn jemand nach unsren Büchern fragt. Damit unterstützen sie allerdings Amazon und schaden sich selbst.

Denn es gibt es noch immer viele Menschen, die sich im Buchhandel zu Büchern inspirieren lassen möchten, die das Gefühl haben, von den Onlinemassen „erschlagen“ zu werden. Daher sind Buchhändler, die persönlich beraten und Bücher empfehlen können, sehr wichtig. Auf jeder Buchmesse ist unser Stand oft überquellend voll, und es gibt viele, die fragen, wo unsere Bücher im Buchhandel zu finden sind. Ich wünsche uns also neue Fans unter Buchhändlerinnen und Buchhändlern!

Wie halten Sie es mit Amazon?

Unsere Titel sind bei Amazon, denn ohne Amazon könnten wir nicht existieren, da uns die breite Sichtbarkeit im stationären Buchhandel fehlt und man bei Amazon durch unsere Bücher blättern kann, auch alte Backlisttitel sind dort verfügbar. Das muss man in aller Offenheit und bei aller Kritik, die auch wir über diesen Konzern äußern, sagen können.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Wir sind drin. Lesen das Börsenblatt gerne, rufen manchmal bei speziellen Rechtsfragen an und lassen uns beraten, schätzen den Service, aber aus Überlastung machen wir nicht weiter aktiv „mit“.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Für alle, die Lust an unseren Büchern haben. An Literatur, die eigenwillig, unangepasst und manchmal auch experimentell oder provokant ist. Menschen, die Bücher mögen, die sich nicht auf den Wegen der gängigen Muster bewegen. Inhaltlich sind sie so vielschichtig, dass sie keine einzelne Zielgruppe ansprechen. So hoffen wir, in jeder Sparte unsere Fans zu finden, und freuen uns, wenn neue hinzukommen und sie vielleicht auch mal in die anderen Programmteile unseres Verlags hineinblicken.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Wir haben kleine und unterschiedliche Fangruppen unserer Bücher. Es gibt Fans der Erotik, die in der ganzen Überfülle des Internets sich an unserer Auswahl im „Heimlichen Auge“, an der Authentizität und Qualität, erfreuen und an den Romanen der Reihe „Liebesleben“, die nicht versucht, den Stereotypen erotischer Literatur zu entsprechen, sondern auf literarisch gut geschriebene lebensnahe sowie eigenwillige Geschichten setzt und auch von den Ambivalenzen der Liebe erzählt.

Dann gibt es die Fans unserer Krimireihe, die das Grauen, was im Alltag steckt und sich manchmal fast unmerkbar entwickeln kann, zum Thema macht, die der Psychologie schräger und alltäglicher Charaktere folgt, ohne blutiges Gemetzel. Wichtig ist nicht der Mord, sonders das, was dahin führt, hat Agatha Christie einmal einer ihrer Figuren in den Mund gelegt: „Die Geschichte beginnt eigentlich vorher, manchmal viele Jahre vorher, mit all den Ursachen und Geschehnissen, die bestimmte Menschen an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Stunde an einem bestimmten Ort zusammenführen.“

Und es gibt Fans einzelner Autorinnen aus unserer Belletristik im Allgemeinen, hier bringen wir literarische Perlen jenseits der Reihen, die unsere Herzen und Geister berührt haben und denen wir viele LeserInnen wünschen.

Verlagssignet © konkursbuch

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Es sind Nischen außerhalb des Mainstreams, das schubladenübergreifende Denken, das unseren Büchern zueigen ist. Dass ein erotischer Roman auch eine gut erzählte Geschichte sein kann. Dass Liebesromane nicht immer die Geschichte von „Boy meets Girl“ erzählen müssen, sondern auch in Beziehungen ansetzen können, wenn die Verliebtheit sich im Alltag zurechtfinden muss, wie geht es dann mit der Liebe weiter? So reisen wir durch literarische Welten von großen fantastischen Romanen, Literatur von Inseln hin zu kleinen Alltagsgeschichten, und alle mit Leidenschaft und ausgewählt.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Dass wir aufgrund der oben beschrieben Vielfältigkeit des Verlagsprogramms, das für andere nicht als „Ganzes“ erkennbar ist, zu wenig sichtbar sind, dass es Verlage mit kleinerem Programm und einheitlich modisch gestylten Büchern leichter haben als wir mit unserer nach wie vor in „Handarbeit“ und individuell unterschiedlich gestalteten Einzeltiteln und Reihen. Dass wir damit hinter den „gestylten“ Marken verschwinden. Heute sollten Cover „auffälliger“ sein, wie uns Vertreter sagten. Auf Buchmessen sieht man den „Stil“ unseres Verlages und er kommt an, aber so gebündelt sieht man unsere Bücher ja sonst nirgendwo.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Dass sie sich durch ein hohes kreatives Potenzial auszeichnet, sich auf die Suche nach neuen Themen und AutorInnen macht. Dass man sich untereinander austauscht und aushilft, und der Konkurrenzgedanke nicht vorherrschend ist. Das bei den Indiependent-Verlagen viele Bücher und AutorInnen eine Chance haben, die vermutlich sonst nicht alle einen Verlag gefunden hätten. Dass es um liebevoll gestaltete, gute und gut lektorierte Bücher geht. Dass sich die Indies leisten können, an AutorInnen zu glauben und ihnen einen Platz im Programm einräumen, weil sie die Arbeit der AutorIn gut finden, auch wenn das Buch sich nicht gut verkauft.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Glaubt an eure Idee. Tut euch mit guten Leuten zusammen, die ein gutes Lektorat, eine gute Gestaltung etc. machen. Viel Kraft und Durchhaltevermögen und so wenig Konkurrenzdenken wie möglich.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Empfehlen würden wir den Aviva Verlag (Berlin), Stroemfeld (Frankfurt), den Weidle Verlag, den Verbrecher Verlag (Berlin), den Jörg Sundermeier hier ja bereits vorgestellt hat, die Edition Nautilus (Hamburg), den Verlag Antje Kunstmann (München), den Argument/Ariadne Verlag (Hamburg), Grosskonzern – Der kleine Verlag (Berlin), und viele andere wunderbare Kolleginnen und Kollegen, die im Katalog der Kurt-Wolff-Stiftung „Es geht um das Buch“ vertreten sind.

Herzlichen Dank, Claudia Gehrke, für diesen Einblick!

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Der konkursbuch Verlag im Netz:

Facebook: Die Facebook-Verlagsseite bietet Neuigkeiten über unsere AutorInnen, Bücher, Veranstaltungen und den Verlag an sich. Unsere Fans können erfahren, wer wann wo liest, in den Alben zu den Buchmessen und Veranstaltungen blättern, wie es so war, auch die Cover unserer Bücher sind dort zu finden und Online-Rezensionen. Wir verweisen auf Neues zu AutorInnen und Verlag. – Natürlich kann man auch mit uns in Kontakt treten, längere Anfragen sollten jedoch per E-Mail gestellt werden.

Blog: In unserem Blog gibt es einen Blick hinter die Kulissen, jeden Mittwoch kommt ein neuer Beitrag. Autorinnen und Autoren, Mitarbeiterinnen und Verlegerinnen erzählen in Anekdoten oder Nachdenkenswertem aus dem Leben/Alltag von Menschen, die mit Büchern zu tun haben, es sind literarische, essayistische oder glossenhafte Beiträge. Es steht den AutorInnen frei, worüber sie schreiben möchten. Durch diese Blogeinträge kommen die Menschen hinter den Büchern zu Wort. Die Bandbreite der AutorInnen unseres Verlages lässt sich hier vorzustellen.

Über den Verlag:

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.konkursbuch-verlag-aus-tuebingen-mit-waschkuechenpornografie-fing-alles-an.c6359133-70df-4e6c-a389-fb6fb9d3bbad.html

http://www.phenomenelle.de/informelle/lestory/35-jahre-konkursbuch-verlag-interview-mit-claudia-gehrke/

http://buechertisch.org/betwixt-und-between-konkursbuch/

http://www.buchbesprechung.de/konkursbuch-verlag

https://de.wikipedia.org/wiki/Konkursbuch_Verlag

http://www.tagblatt-anzeiger.de/Home/aus-der-region_artikel,-Der-Konkursbuch-Verlag-feiert-seine-Gruendung-vor-35-Jahren-_arid,216658.html

sehr alt: http://www.literaturhaus.at/index.php?id=8173

„Wir machen einiges anders.“ – SteglitzMind stellt Karsten Möckel vom Liesmich Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute erfahren wir etwas mehr über Karsten Möckel und den Leipziger Liesmich Verlag. Vorgeschlagen hatte das Thorsten Glawe.

Seit wann existiert der Verlag?

Der Liesmich Verlag wurde 2013 in Leipzig gegründet und hat theoretisch nur einen Verlagsleiter und keine Mitarbeiter. Allerdings werden Lektorat, Korrektorat, Design und PR professionell und nebenberuflich betreut, damit aus Manuskripten Bücher werden.

Das Programm?

das Logo © Liesmich Verlag

das Logo © Liesmich Verlag

Derzeit haben wir erst einen Titel im Programm: „Pedalpilot Doppel-Zwo“, spielt in der Fahrradkurierszene Hamburgs, die den Rahmen für eine rührende Vater-Sohn-Geschichte vorgibt. Zur Buchmesse im März 2015 wird ein Roman aus dem Genre der Dokufiktion herausgebracht, der zwar noch keinen Titel hat, aber das Zeug, ein Millionenpublikum zu erreichen. Alle Bücher erscheinen bei uns natürlich auch als E-Book, auch wenn die Printausgabe aufgrund ihres schönen Designs und der angenehmen Haptik meinen Vorzug hätte.

Ihre persönlichen Highlights im Bücherjahr?

Leider komme ich seit der Verlagsgründung nicht mehr so viel zum Lesen, daher nur zwei Empfehlungen meinerseits: „Morphin“ von Szczepan Twardoch und „Das unerhörte Leben des Alex Woods“ von Gavin Extence.

Warum musste es in diesen Zeiten unbedingt ein Verlag sein?

Es MUSSTE nicht sein, es hat sich einfach so ergeben.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Aus der Lust an Literatur und ganz besonders aus den vielen positiven Rückmeldungen von Lesern, Rezensenten und vor allem Freunden.

Hätten Sie sich auch ohne die Innovationen infolge der Digitalisierung eine Verlagsgründung zugetraut?

Die Digitalisierung ist mittlerweile ein alter Hut. Ich bin begeistert von ihren Möglichkeiten und nutze diese entsprechend.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Wir machen einiges anders. Da wir unsere Fixkosten am absoluten Minimum halten, MÜSSEN wir nicht auf Teufel komm raus neue Bücher produzieren. Wir können uns sowohl bei der Auswahl der Manuskripte viel Zeit lassen, um nur die echten Perlen aus dem Ozean zu fischen, als auch beim Feinschliff. Dadurch können wir den AutorInnen eine sehr gute Betreuung bieten, da wir nur sehr wenige Projekte gleichzeitig betreuen und dafür jedes mit der größtmöglichen Aufmerksamkeit begleiten. Das Grundprinzip beim Liesmich Verlag lautet: Wir verlegen wirklich nur die Bücher, hinter denen wir hundertprozentig als Verlag stehen und von denen wir absolut sicher sind, dass sie etwas Besonderes darstellen. – Konkurrenz gibt es für uns im eigentlichen Sinne gar nicht. Wir ergänzen uns eher mit befreundeten Verlagen und kratzen nicht am Umsatz der Großen.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Im Prinzip sind wir noch in der Startphase. Allerdings wird immer mehr klar, dass der Fokus noch viel mehr auf Marketing und Vertrieb gelegt werden muss, als nur auf die Herstellung der Bücher.

Wie gewinnen Sie Autoren?

die Neuerscheinung im Frühjahr 2015

die Neuerscheinung im Frühjahr 2015

Autoren gewinnen UNS. Indem sie auf uns aufmerksam werden und uns mit ihren Manuskripten beehren. Im Gegensatz zu anderen Verlagen (und ich spreche aus Erfahrung), gibt es immer eine kompetente Antwort an die Einsender. Allerdings werden wir zum Glück auch noch nicht zugeschüttet mit Angeboten.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Derzeit mache ich das als Verlagsleiter noch fast allein. Hin und wieder hilft die Familie oder ein Freund springt ein. Das muss und wird sich natürlich im Laufe der Zeit ändern und professionalisieren. Derzeit funktioniert das aber noch ganz gut. Wir haben einen sehr einfach zu bedienenden Online-Shop, alle Bestellungen und E-Mails landen derzeit bei mir. Neben dem Selbstverkauf bemühen wir uns natürlich auch, unsere Bücher in möglichst vielen Buchhandlungen zu platzieren und auch Einzelhandelsgeschäfte einzubeziehen, zu denen die Werke thematisch passen könnten.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Das ist eines der schwierigsten Themen für solch kleine Verlage wie den Liesmich Verlag. In Leipzig hatten wir ganz gute Karten, weil wir hier direkt in die Buchhandlungen gehen konnten. Sogar einige große Filialisten haben uns hier gern und sehr freundlich unterstützt. Aber natürlich stoßen wir auch an unserem Verlagssitz oft auf verschlossene Ohren. Weitaus schwieriger sieht es außerhalb unserer direkten Einflusssphäre aus. Trotz vieler Versuche per Mail- und Telefonmarketing ist es uns bisher kaum gelungen, in anderen Städten Fuß zu fassen. Hier sind nur sehr wenige bereit, unbekannte Namen in ihr Sortiment aufzunehmen. Das ist oft deprimierend. Aus diesem Grund haben wir uns nun nach einigem Zögern auch entschlossen, uns bei einem der großen Barsortimenter listen zu lassen. Deren Konditionen lassen allerdings kaum Luft zum Atmen.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Ohne Amazon geht natürlich nichts. Allerdings sind wir dort derzeit nur im sogenannten Marketplace vertreten, versenden die Bücher also selbst. Da bleibt dann wenigstens ETWAS hängen. Alle berechtigte Kritik am Onlinehändler mal außer Acht gelassen: Aus Sicht des Verlages sind die Bedingungen bei Amazon auch nicht schlechter als bei den großen Zwischenbuchhändlern, die teilweise Zahlungsziele von 180 Tagen und ähnliche Rabattforderungen haben.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Wir setzen notgedrungen vor allem auf kostengünstige Marketing-Maßnahmen. Wir bemühen uns, im Internet sehr aktiv zu sein und dort LeserInnen zu erreichen. Wir experimentieren aktuell mit gedruckten Werbeträgern und versuchen präsent zu sein. Messestände sind zumindest aktuell für uns absolut nicht bezahlbar und auch Lesungen können wir nur selten organisieren, da bisher alle unsere Autoren im Ausland leben.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

???????????????????????????Derzeit sind wir dort noch nicht Mitglied. Bei allen Dingen, die der Börsenverein dankenswerterweise für die Branche tut, ist er jedoch für uns als winzigen Newcomer-Verlag derzeit noch kein Thema. Der Beitrag ist uns schlicht zu hoch und läuft unseren Bemühungen der Kostenminimierung zuwider. Sicherlich wird in Zukunft darüber nachzudenken sein, in den Börsenverein einzutreten, derzeit haben wir andere Prioritäten.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Wir machen Bücher für alle Menschen, die Lust auf gute Literatur haben. Das klingt zwar erst einmal ziemlich unentschlossen, aber da wir erst ein Buch herausgebracht und ein zweites in Arbeit haben, lässt sich das noch gar nicht genauer eingrenzen und wir wissen selber noch nicht genau, wohin die Reise geht. Kinderbücher, Lyrik, Fantasy und Science-Fiction wird es bei uns im Verlag auf absehbare Zeit nicht geben, ansonsten warten wir ab, welche Manuskripte ihren Weg zu uns finden.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Wir wollen uns einerseits mit unserem sehr gelobten Cover-Design einen Namen machen und bei allen thematischen Unterschieden ein bestimmtes Grundprinzip beibehalten (ein wenig vergleichbar mit dem Insel Verlag vielleicht). Die größte Chance unserer Bücher besteht jedoch in deren Qualität. Liesmich- Bücher fesseln, begeistern und machen bei den LeserInnen Lust auf mehr.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Ich habe ein bestimmtes Gründungskapital in den Verlag gesteckt. Sollte dieses aufgebraucht sein ohne Aussicht auf baldige Besserung, werde ich nicht immer mehr zuschießen, sondern würde dann irgendwann die Sache beenden. Dieses finanzielle Risiko kennt jeder kleine Verlag, weil einfach das Polster zu gering ist. Risiken gibt es viele: Kunden, die nicht zahlen, Buchhändler, die nicht bestellen, Leser, die (uns) nicht lesen. Das Schlimmste wäre jedoch ein Rechtsstreit, der niemals ausgeschlossen ist. Das würde uns das Bein stellen, auf dem wir stehen. Teure Anwälte können und werden wir uns nicht leisten.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Das Faszinierende und Schöne an den unabhängigen Verlagen ist die Hingabe und Aufopferungsbereitschaft, mit der sich alle KleinverlegerInnen für ihre Bücher einsetzen. Die im Vergleich zu den großen Buchkonzernen begrenzten Mittel bringen so viele kreative und mutige Ideen hervor, dass man ständig neue Schätze entdecken kann.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Einfach loslegen, so wie wir es getan haben! Man braucht natürlich Leute, auf die man sich blind verlassen kann und viel Geduld. Die fehlt mir manchmal, wird mir nachgesagt …

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Die Leipziger Verlage ed[ition]. cetera und Festa verdienen unbedingte Aufmerksamkeit, ebenso der Hamburger Ankerherz Verlag. In der Gesprächsreihe sollte unbedingt auch Andreas Köglowitz vom Unsichtbar Verlag zu Wort kommen, der sicher einige spannende Antworten geben kann.

Danke für diesen Einblick!

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Liesmich Verlag im Netz:

Die Homepage: www.liesmich-verlag.de

Facebook: www.facebook.com/Liesmich.Verlag

Eventuell bald auch auf YouTube und XING

„Bei der geringen Titelzahl ist jeder Titel für mich ein Highlight.“ – SteglitzMind stellt Boris Koch von Medusenblut vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute stellt sich ihnen Boris Koch, der Medusenblut – einen Verlag für dunkle Phantastik gründete. Vorgeschlagen hatte das Jasper Nicolaisen vom Berliner Verlag das Beben.

Seit wann gibt es Medusenblut?

Alles begann 1996 mit vierzigseitigen Heften in 100er Auflage als Privatdruck. Anfang der Nullerjahre waren es dann Bücher mit ISBN und ohne Limitierung auf 100 geworden, und dabei ist es bis heute geblieben.

Machen Sie alles alleine?

Boris Koch © privat

Boris Koch © privat

Feste Mitarbeiter gibt es neben mir keine, das wäre bei der geringen Verlagsgröße auch wirklich übertrieben. Doch werde ich regelmäßig von befreundeten Kollegen unterstützt, vor allem von Kathleen Weise von Textwache beim Lektorat, Korrektorat und sonstigem Rat, von Franziska Knolle bei der Herstellung und von dem Autor Michael Tillmann bei diversen Auftritten bei Messen und auf Cons.

Die Programmschwerpunkte?

Programmschwerpunkt ist die dunkle Phantastik, überwiegend in Form von Erzählungsbänden deutschsprachiger Autoren.

Ihre Highlights?

Mein Highlight im Bücherjahr gibt es leider nicht, da 2014 kein neuer Titel erschienen ist. Die Zeit, die für den Verlag blieb, floss in die Digitalisierung, sprich: Die ersten Titel sollen demnächst auch als e-book lieferbar sein. 2015 folgt dann wieder ein neuer Titel, für 2016 habe ich zwei im Blick. Und da gilt dann: Bei der geringen Titelzahl ist jeder Titel für mich ein Highlight.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Es sollte ja gar nicht. Eigentlich war ich als Herausgeber einer Phantastikreihe im Heftformat in einem Kleinverlag vorgesehen. Als ich die ersten Titel zusammen hatte, machte der Verlag einen Rückzieher und ich wollte die Autoren nicht hängen lassen. Also sagte ich: Krieg ich hin und hab die Sache allein aufgezogen.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Ganz banal gesagt: Medusenblut ist zum einen zu klein für die sattsam bekannten Schwierigkeiten, zum anderen bin ich nicht auf Einkünfte aus dem Verlag angewiesen, was zu großer Freiheit in der Titelauswahl führt. Verlegen bedeutet dann aber auch Verantwortung gegenüber den Autoren, wenn ich also ein Buch mache, muss ich mich auch dafür engagieren, Schwierigkeiten hin oder her.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

medusenblut_derdrachregtsichDie banalsten Dinge haben sich geändert: Ich maile mit meinen Autoren anstatt ihnen Briefe zu schreiben. Der Verlag hat eine Website mit direkter Bestellmöglichkeit und Newsletter anstatt ein Programm aus Papier an Stammkunden zu verschicken. Bei Lesungen und anderen Veranstaltungen wird die Papierform jedoch selbstverständlich verteilt. Buchhandlungen bestellen per Mail, nicht per Fax oder Anruf. Bücher werden online besprochen und weniger in Fanzines.

Aber da diese Verschiebungen ja auch im Alltag geschehen sind, nehme ich das nicht groß als Veränderungen im Verlag wahr. Im Kern sind die Tätigkeiten ja die gleichen geblieben.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Ich glaube nicht, dass ich vieles ganz bewusst anders mache, ich denke, bei uns kleinen und winzigen Verlagen wird vieles einfach automatisch durch die handelnden Personen geprägt. Das fängt bei der Programmgestaltung an, die sehr viel subjektiver ist als bei großen Verlagen, und geht weiter über alle möglichen persönlichen Kontakte, die jeder im Lauf der Zeit aufgebaut hat, sei es in der Presse, bei Veranstaltern oder bei Graphikern zur Covergestaltung.

Dadurch dass ich selbst von Anfang an auch Autor war, habe ich – das dürfte ein Unterschied zu vielen anderen sein – immer versucht, Lesungen zu bekommen und dort dann das Verlagsprogramm ans Publikum zu bringen. Auch wenn ich mehr andere Autoren als mich selbst verlegt habe, war so immer eine Verzahnung meiner beiden Tätigkeiten gegeben. Überhaupt war ich viel auf diversen kleinen Veranstaltungen, von der Minipressen-Messe in Mainz über Musikfestivals und Horrorfilmtreffen bis zu kleinen Cons der Phantastik- oder Spieleszene. Einmal auch auf der Leipziger Buchmesse, aber die großen Messen sind mir als Aussteller eigentlich zu teuer, da man keine Bücher direkt verkaufen darf.

Da ich als Autor in den letzten Jahren überwiegend Kinder- und Jugendbücher schreibe, aber bei Medusenblut dunkle Phantastik für eher erwachsene Leser verlege, ist diese Verzahnung natürlich inzwischen begrenzt erfolgreich. Ich kann ja schlecht bei Schullesungen in der sechsten Klasse Medusenblut-Programme verteilen…

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

medusenblut_gaensekielDa ich damals zu Studienzeiten eher reingestolpert bin und weder das Heftformat noch die Limitierung meine Idee war, würde ich vermutlich vieles anders machen. Entscheidend war für mich damals aber, dass ich mich irgendwann entscheiden musste, ob ich mich in erster Linie als Autor oder Verleger sehe. Was treibe ich stärker voran, wo stecke ich neben dem Studium mehr Energie rein? Es war klar, dass das Schreiben immer Vorrang hatte, so gern ich den Verlag betrieb. Am Ende musste das Studium dran glauben, trotzdem kam der Verlag immer an zweiter Stelle, er konnte also eine bestimmte Größe nie überschreiten.

Die Entscheidung für das Schreiben würde ich jederzeit wieder so treffen, von dem her wäre es wahrscheinlich am Geschicktesten, mir zwei, drei Partner zu suchen, damit der Verlag nicht ganz so von mir abhängig ist und von meiner begrenzten Zeit beschränkt wird.

Wie gewinnen Sie Autoren?

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Ich spreche sie an. Ich hoffe, ich unterschlage jetzt nicht jemanden, aber meiner Erinnerung nach habe ich lediglich Andreas Gruber aus den unverlangt zugesandten Manuskripten gefischt. Ich weiß noch, dass ich ihn damals auf der Baumesse gelesen habe, auf der ich als Student über Nacht als Standwächter gejobbt habe. Alle anderen habe ich für mich in Fanzines und Anthologien entdeckt oder auf (gemeinsamen) Veranstaltungen kennengelernt, dann bewusst mehr von ihnen gelesen, so weit erhältlich, und sie schließlich angesprochen, ob sie Lust hätten, ein Buch bei mir zu machen. Nach dem ersten kam dann in verschiedenen Fällen – etwa bei Christian von Aster, Michael Tillmann und Michael Siefener – auch ein zweites oder drittes Buch dazu.

Viele von den Autoren veröffentlichen inzwischen auch anderswo, aber es existiert doch ein grober Stamm, aus dem auch die nächsten Veröffentlichungen kommen. Da ich nur wenige Titel veröffentliche, weniger als noch vor acht, neun Jahren, bleibt eigentlich kein Raum für neue Autoren. Leider. Aber ein, zwei habe ich schon noch im Blick…

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

medusenblut_schattenÜberwiegend sind es Direktbestellungen; inzwischen habe ich einen gewissen Kundenstamm. Dazu kommen Bestellungen aus dem Buchhandel, gerade wenn in einem größeren Magazin eine Rezension erschienen ist oder eine Veranstaltung war. Dann gibt es in Berlin etwa die Otherland Buchhandlung, die mein komplettes Programm auf Lager hat. Zumindest meistens… Dazu kommen kleine Händler wie Storisende. Der Direktversand ist bei Neuerscheinungen manchmal anstrengend, aber sonst über das Jahr ganz entspannend, hier und da zum Feierabend bei schöner Musik ein, zwei Bücher einzupacken.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Außerhalb von Spezialbuchhandlungen gibt es quasi keine Chance ins Sortiment aufgenommen zu werden. Michael Tillmanns „Heavy-Metal-Phantastik“ hatte ich mal im EMP Mailorder, ansonsten sind es überwiegend Einzelbestellungen vom Buchhandel, sprich: Ein Kunde hat es vor Ort konkret verlangt.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Ich hab keinen besonderen Deal mit ihnen, aber wenn die Bücher dort verkauft werden, habe ich auch nichts dagegen.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Die oben angesprochenen Auftritte sind noch immer ein wesentlicher Bestandteil. Dazu kommt Pressearbeit, sprich Rezensionen, und eventuell hier und da eine Anzeige, wobei dafür das Budget sehr beschränkt ist. Die eigene Website, Newsletter, bei Bucherscheinen eine Info an diverse Websites, die sich dafür interessieren könnten.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Ich überfliege den täglichen Newsletter.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

medusenblut_stirnhirnweihnachtenIch denke weder an Zielgruppen noch an Marktnischen, das ist für mich der falsche Ansatz. Durch das Verlagsprofil bin ich auf dunkle Phantastik festgelegt, das kann aber auch SF sein, vom Social Beat inspiriert wie bei Michael Tillmann, in der linken Szene verortet wie bei Jakob Schmidt oder völlig durchgeknallte Gaga-Fantasy mit formalen Spielereien wie in Simon Weinerts „Der Drache regt sich“. Oder nur bedingt besinnliche Weihnachtsgeschichten aus unserer Lesebühne „Das StirnhirnhinterZimmer“.

Entscheidend ist aber, dass ich immer vom konkreten Buch ausgehe. Gefällt es mir, kann ich in ihm etwas Besonderes sehen, sehe ich hier eine eigene Stimme des Autors? Dann lohnt sich das Buch. Auch im Lektorat wird nicht an Zielgruppen oder den Markt gedacht. Da geht es zwar natürlich auch um die Wahrnehmung des Lesers, aber nicht auf Glättung um des potenziellen Erfolgs willen. Erst wenn das Buch steht, wird an den Verkauf gedacht.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Für jedes Buch woanders.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Dass ich nicht von ihm abhängig bin. Das gibt mir zwar alle Freiheiten, kann jedoch auch zu einer nachlässigen Einstellung führen.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Vieles, vor allem die Bereitschaft, sich gegenseitig zu unterstützen.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Einmal darüber schlafen. Dann nochmal. Wenn man dann noch will, sich gründlich informieren und einfach ausprobieren.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Viele selbstverständlich, und viele stehen auch schon in Ihrer Liste. Vermisst habe ich dort jedoch noch mindestens Onkel & Onkel und Liebeskind.

Vielen Dank für diesen Einblick.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Medusenblut im Netz:

www.medusenblut.de: Der Verlag mit vollständigem Programm. Der Shop fehlt noch, aber Direktbestellungen gehen trotzdem unkompliziert per Mail.

www.otherland-berlin.de: Toller Buchladen in Berlin, der Medusenblut meist vorrätig hat. Macht auch Versand.

www.lesehappen.de: Zusammenschluss von sieben Autoren, wovon sechs schon bei Medusenblut veröffentlicht haben, einschließlich mir selbst.

www.michaeltillmann.de: Medusenblut-Autor, der mich regelmäßig unterstützt und hier und da Standdienst übernimmt.

„Ich bin generell eher ein Langstreckenläufer.“ – SteglitzMind stellt Helge Pfannenschmidt mit seiner edition AZUR vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute erfahren wir etwas mehr über Helge Pfannenschmidt und seine edition AZUR. Vorgeschlagen hatte das Barbara Miklaw vom Mirabilis Verlag.

Eine Skizze vom Verlag…

Die edition AZUR mit Sitz in Dresden wurde 2005 als Imprint des Jenaer Glaux Verlags gegründet und ist seit Anfang 2009 ein eigenständiger Verlag. Pro Jahr erscheinen 4-5 wunderschön gestaltete Bände mit Lyrik und Kürzestprosa in Auflagen zwischen 300 und 1.500. Zu den Autoren des Verlags zählen u. a. Nancy Hünger, Thomas Kunst und Sudabeh Mohafez. Besondere Aufmerksamkeit verdient in diesem Jahr Peter Neumanns Debütband »geheuer«.

Warum musste es in diesen Zeiten unbedingt ein Verlag sein?

Darüber habe ich am Anfang gar nicht nachgedacht. Der Verlag entstand, weil ich als Lektor Manuskripte und Konzepte auf dem Tisch hatte, die ich unbedingt in Buchform sehen wollte. Und da andere Verlage offensichtlich zu träge waren, sagte ich mir: Dann mach ich das eben selbst.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Aus dem Umgang mit den leidenschaftlichen, sensiblen, klugen, mutigen und verrückten Autorinnen und Autoren, deren Bücher ich verlegen darf.

Hätten Sie sich auch ohne die Innovationen infolge der Digitalisierung eine Verlagsgründung zugetraut?

Helge Pfannenschmidt © edition AZUR

Helge Pfannenschmidt © edition AZUR

Ja, unbedingt. Das hat für mich keine große Rolle gespielt und tut es ehrlich gesagt auch jetzt noch nicht – abgesehen davon, dass man durch den Digitaldruck deutlich an Flexibilität gewinnt. Wir haben noch keinen Weg gefunden, unsere haptisch ansprechenden Bücher in ein digitales Format zu übersetzen. Und bisher hat mich auch noch kein einziger (potenzieller) Leser gefragt, ob es die Lyrik und die Kurzprosabände der edition AZUR auch als E-Books gibt – was nicht heißt, dass ich nicht darüber nachdenke. Ein schön gestaltetes und ausgestattetes Buch ist ohne Zweifel ein Wert an sich, aber am wichtigsten ist mir, dass meine Autoren gelesen werden. Und spätestens wenn sich andeutet, dass die Fixierung auf ein bestimmtes Medium (das gedruckte Buch) das verhindert, wird uns etwas einfallen. Aber diesen Zeitpunkt sehe ich noch nicht gekommen.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der (mächtigen) Konkurrenz?

Zum einen ist AZUR ein Entdeckerverlag, der regelmäßig starke Debüts bringt – ich nenne da mal aus den letzten Jahren Sascha Kokot und Peter Neumann. Es ist aber auch ein Wiederentdeckerverlag, bei dem Autoren aufblühen, die mit ihren vorherigen Büchern erschreckend wenig Aufmerksamkeit erfahren haben – trotz über jeden Zweifel erhabener Qualität. Da nenne ich mal Thomas Kunst. Wir arbeiten in der Regel langfristig mit den Autoren, diese Kontinuität ist mir enorm wichtig. Und dann ist da noch die äußere Erscheinung der Bände: Meine Gestalter (Kraft plus Wiechmann, Berlin) sind tatsächlich Gestalter: Sie spielen nicht einfach eine Reihe durch oder platzieren Foto und Typo auf dem Cover, sondern sie geben jedem Buch eine besondere, unverwechselbare Gestalt – bis ins kleinste Detail. Sie haben einen großen Anteil an der Entwicklung der letzten Jahre.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Es gibt da natürlich viele Dinge, die man nach knapp zehn Jahren besser weiß. Der Status als Imprint eines anderen Verlags war zwar hilfreich für den Anfang, für die Wahrnehmung aber katastrophal – ich war mehr oder weniger unsichtbar. Ich habe schlecht kalkuliert, zu hohe Auflagen gedruckt, war zu passiv, zu schüchtern, zu leise. Aber auch das ist ein Teil des Wegs. Und ich bin generell eher ein Langstreckenläufer.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Rückblickend scheint es, als habe sich das Puzzle von selbst aufgebaut, aber das stimmt natürlich so nicht. Einige Autoren sind mir bei Lesungen oder Workshops aufgefallen sind und die habe ich dann einfach gefragt. Andere habe ich über gemeinsame Freunde und Bekannte kennengelernt oder über das riesige Netzwerk, das sich über die Jahre um so einen Verlag entwickelt. Es mag ein bisschen esoterisch klingen, aber wer sich finden soll, der findet sich auch.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Die Bücher sind bei Libri und KNV gelistet, alles andere erledige ich selbst – ohne Auslieferung. Ich bin ja ganz klassisch in der Punk/Indie-Szene der frühen Neunziger sozialisiert, und der DIY-Gedanke gefällt mir immer noch. Möglichst vieles in der Hand haben; sehen, wie es passiert; direkt kommunizieren. Und rituell jeden Heimweg mit einem Besuch auf dem Postamt krönen, um die Bücher in die Welt zu schicken.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Es sind gemischte Erfahrungen. Ich treffe oft auf sehr engagierte Buchhändler, und genauso oft treffe ich auf Desinteresse und Schulterzucken. Ich könnte sicher mehr tun, aber ganz ehrlich: Aus meiner Sicht stehen da Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis – und zwar für beide Seiten. Präsenz um jeden Preis bringt nichts. Dann konzentriere ich mich lieber darauf, den Leute über andere Kanäle zu verklickern, dass es diese tollen Bücher gibt – und die können sie ja dann in jedem Buchladen bestellen.

Wie halten Sie es mit Amazon?

So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Ich mag Amazon nicht und kaufe dort selbst nichts, aber die Dämonisierung momentan ist dann doch auch etwas heuchlerisch. Die Denkweise bei Thalia, Weltbild, Hugendubel & Co ist dieselbe, nur in einem kleineren Maßstab. Trotzdem sehen sie sich auf der Seite der „Guten“ – ein Witz.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Wir sind, wann immer das möglich ist, präsent auf Messen und Festivals und Lesungen. Nichts geht über den direkten Kontakt zum Leser. Die Kommunikation über Facebook und Website ist ausbaufähig und wird auch tatsächlich ausgebaut – nächsten Sommer wird es da einen komplett neuen Auftritt geben. Zudem werden viele AZUR-Bände intensiv besprochen, regional und zunehmend auch überregional. Eine Neuerung in diesem Jahr ist der gebündelte Vorschauversand über re:book. Anzeigenschaltungen sind nur als Tauschgeschäft machbar.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

das Logo © edition AZUR

das Logo © edition AZUR

Ich bin kein Mitglied. Und bis jetzt konnte mir auch noch keiner so richtig erklären, was das für einen kleinen Verlag wie die edition AZUR bringt. Ich bin auch kein Typ, der die pauschale Lobbyarbeit pro Buch oder pro Verlage unterstützt. Die meisten Verlage sind doch ganz normale Wirtschaftsunternehmen, keine Kulturträger, wie sie einem weismachen wollen. Im Wissenschaftsbereich haben viele nur noch ihren guten Namen, einen Produktmanager und eine Sekretärin, kassieren zum Teil horrende Zuschüsse und produzieren damit Bücher, die sich nicht mal mehr Bibliotheken leisten können. Von den Zuschussverlagen rede ich erst gar nicht. Welches Interesse teile ich mit solchen Leuten?

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Da bin ich wieder beim Thema Kontinuität: Nancy Hünger hat schon vier Bände bei Azur gemacht und mit jedem geht es ein gutes Stück voran. Es gelingt mir zunehmend, Autorinnen und Autoren durchzusetzen, natürlich innerhalb des speziellen Segments, das der Verlag bedient, aber immerhin. Was den Verkauf angeht, bin ich dabei, den Direktvertrieb zu stärken und AZUR als Label zu etablieren, das – bei aller Unterschiedlichkeit der Stimmen – für eine bestimmte Art von Büchern steht und für eine bestimmte Haltung. Ich lese ein Manuskript und weiß oft sofort: Das passt. Oder auch: Das passt nicht. Und inzwischen höre ich das auch oft von den Lesern: »Das ist ja wieder ein typisches AZUR-Buch.«

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Die Welt könnte untergehen, bevor ich all die Bücher machen konnte, die ich machen will. Das wäre Schade.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Dass die Akteure inhaltsgetrieben sind – das ist das Wichtigste. Wenn das nicht gegeben ist, sollte man dieses eh überstrapazierte Label nicht vor sich her tragen. Man sollte keine Bücher machen, nur weil sich gerade irgendwo ein Fördertopf öffnet. Die Begeisterung fürs Literatur mit anderen Verlegern und mit den Lesern zu teilen, ist eine große Freude, es gibt da regelrecht euphorische Momente. Und die Solidarität ist fast immer größer als die Rivalität.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Wenn man neue Ideen hat und sich etwas traut, ist diese Umbruchzeit in der Branche doch perfekt, um einen Verlag zu gründen. Also nur zu!

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Da denke ich u. a. an den Verbrecher Verlag, der sich hier ja bereits vorgestellt hat, das Verlagshaus J. Frank, hochroth, binooki, Voland & Quist, die Edition Korrespondenzen und die Parasitenpresse. Alles tolle Leute!

Herzlichen Dank für diesen Einblick!

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

edition AZUR im Netz:

www.edition-azur.de

www.facebook.com/editionazur

„Ich sehe die Schwierigkeiten als Herausforderung.“ – SteglitzMind stellt Sonja Rüther mit ihrem Briefgestöber vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute erfahren wir mehr über Sonja Rüther, die Briefgestöber gründete. Den Vorschlag macht Peter R. Hellinger von art&words.

Wie kam es zur Gründung?

Sonja Rüther © Stephanie Schierenbeck

Sonja Rüther © Stephanie Schierenbeck

Briefgestöber habe ich vor fünf Jahren gegründet, weil ich die Idee zu einem Nischenprodukt hatte, das eine vollkommen untypische Vermarktung bedurfte: Der Weg zum Kur-Erfolg. Bis heute ist der Vertrieb dieses Ratgebers über den Einzelhandel kaum der Rede wert, aber über die Direktangebote an Kliniken und Kur-Beratungsstellen sind knapp 50.000 Bücher verkauft worden. Ich bin gelernte Kauffrau im Groß- und Außenhandel und diese Feuertaufe machte Lust auf mehr. Es folgte der Ratgeber „Schrei nach Geborgenheit“ von der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Gundula Göbel, zu dem es ergänzend Anfang 2015 eine besondere Broschüre über emotionale Hungersnot geben wird.

Diese Bereiche sind mir persönlich wichtig und in den vergangenen Jahren habe ich mich sehr für Familien und das Brechen von Tabu-Themen eingesetzt, aber eigentlich war ich schriftstellerisch immer im Fantasy- und Thrillergenre zuhause.

Ihre persönlichen Highlights?

Und so kommen wir zu meinem persönlichen Highlight des Bücherjahres 2014: Aus dunklen Federn. Zu dieser Anthologie habe ich die Autorinnen und Autoren Lena Falkenhagen, Thomas Finn, Markus Heitz, Hanka Jobke, Boris Koch und Vincent Voss eingeladen, die sofort zusagten und Geschichten ablieferten, die unter die Haut gehen.

Machen Sie alles alleine?

Bis heute ist Briefgestöber ein Ein-Frau-Unternehmen.

Warum musste es in diesen Zeiten unbedingt ein Verlag sein?

Um ehrlich zu sein, achte ich nicht zu sehr darauf, ob es offiziell einen richtigen Zeitpunkt für etwas gibt. Es war für mich der richtige Zeitpunkt, genau dieses zu tun.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Ich sehe die Schwierigkeiten als Herausforderung. Und die Energie ziehe ich aus dem Feedback der Leserinnen und Leser, aus Teilerfolgen und aus dem Wissen, dass da noch viel mehr geht. Manchmal ist es frustrierend, gute Titel im Programm zu haben, aber so schwer Gehör bei Buchhändlern und der Presse dafür zu finden. Aber wenn man bedenkt, wie viele Bücher jährlich veröffentlicht werden, dann sollte einem klar sein, dass man sich etwas einfallen lassen muss, um herauszustechen.

Hätten Sie sich auch ohne die Innovationen infolge der Digitalisierung eine Verlagsgründung zugetraut?

Definitiv nicht. Ich habe grundsätzlich eine Menge Respekt vor dem, was größere Verlage leisten, die sich entsprechende Netzwerke aufgebaut haben, gänzlich andere Verhandlungsmöglichkeiten besitzen und viele Angestellte beschäftigen. Meine Möglichkeiten sind sehr begrenzt, weil ich nebenbei auch noch zwei Kinder habe, die meiner Aufmerksamkeit bedürfen. Wenn ich den Großteil meiner Arbeit nicht übers Internet erledigen könnte, würden mir schlicht die Möglichkeiten fehlen. Meine Lektorin und mein Agent sitzen in Berlin, die Setzerin in München. Ich liebe die digitale Welt mit ihren kurzen Wegen.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Ich mag dieses Konkurrenzdenken nicht besonders, ich bin eher eine Netzwerkerin. Ich mag das „Eine Hand wäscht die andere Prinzip“. Deswegen frage ich auch viel nach und höre zu. Und manchmal bin ich frech und stelle einen Fuß in Türen, die ich gerne offen hätte.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Ich wäre gleich etwas vorsichtiger mit der Auswahl meiner Geschäftspartner und selbstbewusster im Umgang mit den Titeln. Ich musste einiges an Lehrgeld zahlen, aber letztendlich war alles irgendwie auch gut so wie es lief. An all den Aufs und Abs bin ich sehr gewachsen. Und das Fazit vieler Erlebnisse ist: Leistung hat ihren Preis, den man bezahlen muss, wenn man will, dass es richtig gemacht wird. Das gilt für meine Arbeit und die der anderen, weswegen ich aber auch nur noch mit Profis zusammenarbeite.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Ich fürchte, was das angeht, bin ich sehr verwöhnt, weil ich mich seit zwölf Jahren in der Autorenszene bewege und das große Glück habe, auf unterschiedliche Weise mit einigen von ihnen bereits lange zusammenzuarbeiten.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Als gelernte Kauffrau und überzeugte Chaotin ist eine Organisation in meinem Kreativhof-Büro eingezogen, die Sinn ergibt und die Wege kurz hält. Bislang werden noch alle Bücher von mir selbst verpackt und verschickt.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Als ich verkündete, ich wolle eine Anthologie auf den Markt bringen, hörte ich allgemeines Seufzen. Diese fantastische literarische Kunstform erfreut sich keiner großen Beliebtheit, was sich manchmal so anhört wie: „Das hab ich irgendwann mal probiert, es war ekelig.“

Das ist wie mit den Ratgebern oder meinem Thriller (der bei dotbooks als eBook erschienen ist) – im Vorwege glauben Entscheider zu wissen, was die Leserinnen und Leser haben wollen und vor allem, was nicht. Ich weiß, dass viel Erfahrung dahinter steckt, aber ich glaube nicht, dass man etwas tatsächlich so pauschal sagen kann. Also stecke ich die Erwartungen schrittweise höher und gehe immer wieder drauf zu. Man muss sich mit Beständigkeit und Qualität auf dem Markt beweisen, um wahrgenommen zu werden, und natürlich mit den wichtigsten Großhändlern zusammenarbeiten – das hält das Risiko für alle Seiten gering.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Amazon ist ein wichtiger Vertriebspartner. Ich habe einen direkten Liefervertrag mit Amazon und schätze die Transparenz, wenn es um Verkaufszahlen, Statistiken und Bezahlung geht. Viele Bücher werden über diesen Weg verkauft, natürlich nutze ich das. Zumal es schwierig ist, in den stationären Buchhandel zu kommen. Ich würde mein Hauptgeschäft viel lieber in Zusammenarbeit mit Buchhändlern machen, was auch eine viel persönlichere Note hätte und meiner Netzwerkvorliebe entspräche. Aber wie gesagt, es ist schwierig, obwohl alle Titel über Libri, Umbreit und KNV erhältlich sind.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

briefgestöber_aus dunklen FedernIch arbeite mit einer PR-Agentur zusammen, die auf den Buchmarkt spezialisiert ist. Für meinen Ratgeber habe ich Interviews gegeben und Fachartikel geschrieben. Ganz viel Aufmerksamkeit wird über Facebook, Gewinnspielaktionen und bei der Anthologie durch Zombiezeichnungen generiert. Selten wird auch mal eine Anzeige geschaltet, aber leider sind Anzeigen und spezielle Marketingaktionen diverser Anbieter nicht erschwinglich und selten stehen sie im Verhältnis zum zu erwartenden Umsatz. Fachzeitschriften erhalten Rezensionsexemplare, und die Zusammenarbeit mit Bloggern ist sehr bereichernd und wertvoll.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Der Börsenverein ist für den Buchhandel sicher nicht mehr wegzudenken. Eine Mitgliedschaft ist für das kommende Jahr geplant.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Derzeit habe ich zwei klare Zielgruppen:

  1. Familien mit Kindern von 0 – 18 und Pädagogen, Pflegeeltern und Bezugspersonen von Kindern. – Besondere Schwerpunkte: Erziehungsprobleme, Burnout, Familiengesundheit, Schulprobleme
  2. Freunde der Dark Fantasy und des Horrors

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Derzeit würde ich noch auf Nischenprodukte tippen. Es ist durchaus einfacher, etwas auf dem Markt zu positionieren, das entweder ein Alleinstellungsmerkmal hat (wie mein Kur-Ratgeber vor fünf Jahren) oder so speziell ist, dass es bereits eine gewisse Fangemeinde dafür gibt. Allerdings will ich nicht ausschließen, dass ich das Programm nicht doch in den nächsten Jahren auf Romane ausweite. Das hängt ein wenig von den Erfahrungen ab, die ich im Zuge der Anthologie sammle, und ob die Wirtschaftlichkeit den Status von Liebhaberei übersteigt.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Das größte Risiko ist, dass ich auf vielen Büchern sitzen bleibe. Die Kosten haben die Bücher bereits wieder eingespielt. Ich konnte zum Glück alles so planen, dass das tatsächliche Risiko sehr gering zu halten war.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Die Kreativität und die daraus resultierende Energie. Man trifft auf viele Menschen, die sich für Ideen mehr begeistern als für die Frage, ob und wie gut es sich wohl verkaufen wird. Und das befördert oftmals Titel zu Tage, die vielleicht nie eine Chance bekommen hätten, und die plötzlich unfassbar erfolgreich sind. Und die Leserinnen und Leser sind so herrlich offen für Neues.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Kritikfähigkeit. Heute kann jeder einen Verlag gründen, eigene Werke oder die anderer Autoren auf den Markt bringen, ohne irgendwelchen Qualitätskontrollen zu unterliegen. Ich habe in den letzten Jahren in viele Bücher reingelesen, die sehr viel Potenzial gehabt hätten, wenn eine Zusammenarbeit mit einem professionellen Lektor stattgefunden hätte. Also sollte sich jeder im Vorfeld fragen: Habe ich das Budget für Lektorat, Korrektorat, Satz, Cover, alle anfallenden Gebühren und ggf. Werbemaßnahmen?

Bin ich der Typ, der gerne Klinken putzt? Kann ich damit leben, wenn der Erfolg auf sich warten lässt? Und habe ich tatsächlich Lust, mich mit allen notwendigen Themen (Buchmarkt, Großhändler, wichtigen Registrierungen, Marketing, etc.), Büroarbeit und Buchhaltung auseinanderzusetzen? – Wenn das nicht abschreckend sondern herausfordernd klingt, dann ab an die Arbeit. Ich persönlich habe viel durch „Learning by doing“ an den Start gebracht, Neulingen würde ich raten, erst lernen, dann tun.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Den Buchvolk Verlag mag ich sehr gerne. So weit ich weiß, wurde er vor zwei Jahren gegründet und bringt seitdem ganz besondere Bücher heraus. Die Illustrationen sind super.

Herzlichen Dank für diesen Einblick!

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Briefgestöber im Netz:

Die offizielle Homepage: http://www.briefgestoeber.de/

Bei Facebook: https://www.facebook.com/pages/Briefgest%C3%B6ber/261826387168622?fref=ts

„Für die Eitelkeit ist es geil, zu wissen, dass die Bücher mich überleben werden.“ – SteglitzMind stellt Vanessa Wieser vom Milena Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute stellt sich diesen Vanessa Wieser vom Milena Verlag in Wien. Vorgeschlagen hatten das Jasper Nicolaisen vom Verlag das Beben und Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag.

Seit wann existiert Ihr Verlag?

Vanessa Wieser © Milena Verlag

Vanessa Wieser © Milena Verlag

Unser Sitz ist in Wien, den Verlag gibt es seit 1980. Von 1980 bis 2007 war er ein reiner Autorinnenverlag , dann drohte die Insolvenz.

Machen Sie alles alleine?

Seit 2007 sind wir ein neues Team, das aus der neuen Verlegerin, Vanessa Wieser, und aus Evelyn Steinthaler für Presse und Metka Wakounig als Assistentin der Geschäftsführung besteht. Plus viele Außenposten wie für Grafik, Korrektorat, Buchhaltung etc.

Die Programmschwerpunkte?

Wir führen 8 Reihen, wobei Krimi und Sachbuch derzeit vernachlässigt werden, unsere Schwerpunkte sind Romane, Klassiker, Humor, (kluger) Horror und Zeitgeschichte. Die meisten Neuerscheinungen gibt es nach 3 Monaten auch als E-Book.

Ihre Highlights im Bücherjahr?

Highlights heuer: Andreas Latzko, Menschen im Krieg; Friedrich Torberg, Hier bin ich, mein Vater; Stefan Abermann, Schatzkästlein des reinlichen Hausfreundes; Wolfgang Pollanz & Wolfgang Kühnelt, Das letzte Lied. Songs zum Abschiednehmen.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Man wird vom Schicksal halt nicht gefragt, man greift zu, wenn sich eine Chance auf einen geilen Beruf bietet. Das war bei mir so. Ich hab’s mir zugetraut, den Verlag zu übernehmen, und es war auf jeden Fall leichter als eine Neugründung, weil die Grundpfeiler schon da waren.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

milena_das letzte LiedWas Freude macht, ist nette Autorinnen und Autoren kennenzulernen (die Bösen werden ausgesiebt) und mit diesen zu arbeiten, auch die Programmgestaltung. Was mir außerdem mega Freude macht, ist, sich Gedanken über die Covergestaltung jedes einzelnen Buches zu machen und dann, trara, die Coverentwürfe von den Grafikern geschickt zu bekommen, das ist wie früher Weihnachten. Für die Eitelkeit ist es geil, zu wissen, dass die Bücher mich überleben werden. Und wunderbar ist es, wenn das Publikum uns sagt, dass wir ein super Programm haben! Man muss als Verlag an vielen Fronten kämpfen, wenn von ihnen positives Feedback kommt, dann ist das Erfolg, und Erfolg befriedigt.

Hätten Sie sich auch ohne die Innovationen infolge der Digitalisierung zugetraut, den Milena Verlag neu aufzustellen?

2007 habe ich das E-Book noch gar nicht wahrgenommen. Heute nehme ich es auch nicht über Gebühr wahr, aber anbieten tun wir es trotzdem, man will ja mit der Zeit gehen und jeder Verkauf ist wichtig.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Als „fresher“ Verlag positionieren wir uns über die Vielfalt unseres Programms. Diese ist selten bei einer Größenordnung wie unserer, also mit 3 Mitarbeitern und 12 Büchern im Jahr. Zeitgeschichte, Horror, Humor, „Der weiße Hai“, „Wenn das der Führer wüsste“, „How I Fucked Jamal“ – das alles unter einen Hut zu bringen, gibt’s nicht oft. Was mir auch sehr wichtig ist: dass die Cover auffallen. So es zum Inhalt passt. Unsere Cover erfahren starken Zuspruch, sie polarisieren auch sehr. Die einen lieben sie, die anderen schauen weg oder regen sich auf.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

milena_Schatzkästlein des reinlichen HausfreundesEigentlich nichts. Außer dass es gescheiter gewesen wäre, statt der Comicreihe eine Kinderbuchreihe aus der Taufe zu heben.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Bei Gewinnspielen! Kleiner Scherz. Entweder die Autoren kommen auf mich zu, oder ich auf die Autoren. Toll ist, dass wir in Mieze Medusa und Markus Köhle seit 2007 zwei Autoren aus der Poetry-Slam-Szene haben, von den beiden kamen schon wichtige Anregungen und Tipps bzgl. interessanten Neuzugänglern in der Literatur. Vielen Dank!

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Unsere Auslieferungen übernehmen die ganze Logistik, anders geht es für keinen Verlag. Unsere Vertreterinnen bereisen die Buchhandlungen und wenn Bücher über unsere Homepage bestellt werden, dann machen wir ein liebevolles Packerl. Das sind die Eckpfeiler unseres Vertriebs. Immer wieder besuchen auch wir selbst Buchhandlungen, um unsere Gesichter zu zeigen und persönliche Bindungen aufzubauen.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Siehe Vertrieb. Mediale Präsenz über Rezensionen sind zentral, Besuche bei Buchhändlern sind oft super, manchmal aber auch sinnlos, weil sie manchmal gar keinen Bock auf uns haben. Jetzt nach acht Jahren als Verlegerin in Österreich kann ich nur sagen: dranbleiben, dranbleiben, dranbleiben. Oft stellen sich Erfolgsschübe erst nach Jahren kontinuierlicher Arbeit und steten Bohrens ein. Nicht aufgeben, weitermachen.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Die Gretchenfrage des Buchhandels. Ich denke, ich spreche für alle Verlage unserer Größenordnung, wenn ich sage: Amazon ist neben unserer Homepage die einzige bekannte Plattform, auf der man in allen unseren Bücher schnuppern kann und Bestellungen zeitgerecht bearbeitet und verschickt werden.

Dass die Leute heutzutage gerne über Internet bestellen, hängt hier in Wien mit dem Geschäftesterben zusammen. Außer auf einigen Einkaufsstraßen gibt es in Wien kaum mehr Geschäfte. Der Kleinhandel wird zu wenig unterstützt, die Mieten für Geschäftslokale sind wie alle Mieten hier phantastisch hoch und, und, und. Mit der Buchhandlungsdichte ist es ein bisserl besser, aber viele Leute gewöhnen sich immer mehr daran, ihre Waren bis zur Tür geliefert zu bekommen. Ich weiß nicht, wie lange es Amazon nun schon gibt, aber ich verstehe nicht, dass die Branchenhauptverbände deren gierigem Treiben so lange tatenlos zugeschaut haben (vielleicht habe ich deren Widerstand auch nicht mitgekriegt).

milena_Menschen im KriegDass Amazon von Verlagen frech hohe Prozente verlangt, ist eine Sauerei. Dass auf Amazon bei den Klassikern ein Sauhaufen gelistet ist, ist geschäftsschädigend. Uralte Bücher sind noch im Programm und verdrängen Neuerscheinungen. Dass man bei Ortung von Fehlern nirgendwo anrufen kann, regt mich jedes Mal so auf, dass ich fluchend durch den Verlag laufe. Eine Unart, dieses Konzerngebaren, für die Hersteller, von denen Amazon lebt und reich wird, keine Ansprechpartner zu installieren. Nordkorea, Grüß Gott.

Mein Vorschlag: Alle großen Verlage sollen bei Amazon aussteigen, dann blüht der stationäre Buchhandel wieder auf und wir Kleinen folgen dann. Denn die Neuerscheinungen der großen Verlage finde ich ohnehin in fast jeder Buchhandlung, die der kleinen Verlage … ja, das soll jeder selbst austesten und nach unseren Büchern fragen. Bitte, danke!

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Alles, was uns möglich ist.

Wie halten Sie es mit dem Hauptverband des österreichischen Buchhandels?

Darüber möchte ich nichts sagen.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Für alle, denen sie gefallen. Ich überlege mir keine Zielgruppe, wer sie mag, der ist der Richtige. Man kann sich sein Publikum sowieso nicht aussuchen, ich habe da schon einige Überraschungen erlebt. Eine 82-Jährige kam mit Rollator zur Buchpräsentation von Dee Dee Ramones Roman „Chelsea Horror Hotel“. Wer hätte das vorher gedacht! Man lernt nie aus.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

milena_logo_300Darin, dass wir fleißig wie die Mäuschen jedes Jahr 12 gute bis sehr gute Bücher rausknallen, bis dann endlich fast jeder literaturaffine Mensch uns kennt. In der Kontinuität der Präsenz. Außerdem sind wir drei sehr liebreizend und sympathisch.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Independent sind ja alle, die zu keinem Konzern gehören. Also alle kenne ich natürlich nicht, da gibt es ja hunderte. Die, die ich kenne, wie Verbrecher, Voland & Quist, Orange Press, Mairisch, Ventil, Weidle, Luftschacht, Lilienfeld etwa, schätze ich, weil man mit ihnen offen reden kann und ohne PR-Geschwätz, Selbstüberschätzung und Angeberei auskommt. Weil man sich mit ihnen auf Augenhöhe austauschen kann und es keine Tabu-Themen gibt.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Ruft mich an 🙂

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Luftschacht, Hablizel, Lilienfeld, AvivA, Weidle.

Herzlichen Dank für diesen Einblick!

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Milena im Netz:

www.milena.verlag.at

„Wir machen – gemessen an unserem Umsatz – großen Lärm, das hilft.“ – SteglitzMind stellt Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Ich freue mich, dass heute Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag Rede und Antwort steht. Vorgeschlagen hatte das Jasper Nicolaisen vom Berliner Verlag das Beben.

Eine Skizze vom Verlag…

Der Verbrecher Verlag existiert seit August 1995, er verlegt Sachbücher und Kunstbände, vor allem aber Belletristik in allen Ausformungen, also Theatertexte, Gedichte, Erzählungen, Romane. Lieferbar sind rund 200 Printtitel und rund 50 E-Books.

Ihre persönlichen Highlights?

Highlights als solche gibt es für mich nicht, da ich alle Titel in unserem Programm sehr aufregend finde. Aber sicherlich ist die größte Unternehmung in diesem Jahr der Start der „Das Büro“-Romanreihe bei uns, die Romane von J.J. Voskuil sind teilweise über 1000 Seiten stark. Das ist das größte Unterfangen bei uns seit der Herausgabe der Mühsam-Tagebücher.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Jörg Sundermeier © Nane Dieh

Jörg Sundermeier © Nane Dieh

Weil ich das gut kann.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Wir sind ja per Zufall zu unserem Verlag gekommen, wie, das kann man hier nachlesen. Seitdem aber habe ich das ungeplante Kind sehr lieb gewonnen. Und es macht einfach Spaß, Bücher, von denen andere behaupten, dass sie toll sind, aber unverkäuflich, dann doch gut zu verkaufen. Das verschafft eine ungeheure Befriedigung.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

Wir planen jetzt immer auch eine E-Bookversion eines Textes mit. Aber das ist sicher nicht der letzte Schritt in Richtung Digitalisierung!

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Wir machen hochwertige Bücher, sowohl was den Inhalt als auch die Form angeht. Aber das machen einige andere Verlage auch. Wir denken aber nicht in Kategorien wie Konkurrenz, obschon wir selbstverständlich um Marktanteile ringen müssen. Wir kleineren Verlage halten allerdings in vielfacher Hinsicht zusammen, engagieren uns in der Kurt-Wolff-Stiftung und im Börsenverein. Das gemeinsame Auftreten ermöglicht es uns, genauso wahrgenommen zu werden wie Konzernverlage, das ist heute leider wichtig.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Ich würde es heute mit mehr Professionalität beginnen wollen. Obwohl – manchmal denke ich mit Sehnsucht an die Blauäugigkeit zurück, mit der wir damals gestartet sind.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Die Autorinnen und Autoren sprechen uns an (oder ihre Agenturen). Und auch wir gehen Autorinnen und Autoren an, wenn sie uns auffallen. Viele Bücher sind aber auch auf unseren Vorschlag hin zustande gekommen.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Klassisch. Wir machen – gemessen an unserem Umsatz – großen Lärm, das hilft.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

das Logo © Verbrecher Verlag

das Logo © Verbrecher Verlag

Nun ja, wir sind seit fast 20 Jahren da. Unsere Vertreterinnen und unser Vertreter treten vehement für ihre Verlage ein, sagen aber auch, wenn ihnen ein Buch nicht gefällt. Unsere Bücher gefallen ihnen offenkundig, das freut uns. Es hat allerdings rund zehn Jahre gedauert, bevor wir ernstgenommen wurden. Der Kurt-Wolff-Preis, der uns in diesem Jahr verliehen worden ist, hat nun aber zusätzlich nochmal Aufmerksamkeit für unser Programm gewonnen.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Man macht nicht gern mit, aber man kann – solange man über die Barsortimente vertreibt, eh nichts dagegen tun, dass man auch via Amazon verkauft wird. Wir sind aber generell eher Freunde des lokalen unabhängigen Buchhandels.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Wir trommeln so laut wir können, haben dabei aber stets die Kosten im Blick. Klassische Anzeigen schalten wir nur selten.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Nicht alles, was der Börsenverein beschließt, gefällt mir, doch das Engagement im Verein ist wichtig. Wir sind Mitglied, ich bin im Landesverband Berlin-Brandenburg ehrenamtlich tätig, zur Zeit im Vorstand. Es macht großen Spaß.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Wir machen gute Bücher für gute Leserinnen und Leser. Auf unserem ersten Buch stand: „Ein Buch über Leute, die solche Bücher lesen.“ Ein gewisser Intellekt schadet nicht, finden wir, Neugierde ist wichtig, es darf auch mal kompliziert werden. Und wer Bücher von einem Verbrecher Verlag bestellt, hat sicher auch eine Prise Humor.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Die Programme vieler Verlage verflachen, weil der Renditedruck so hoch ist. Das kommt uns entgegen, da wir uns auch anspruchsvolle Texte und gute Ausstattung leisten können. Die Zukunft sieht also gut aus für uns.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Es ist bei uns immer so – wenn ein Programm nicht funktioniert und die Verkäufe einbrechen, dann wird es sofort schlimm, denn wir haben keine großen Geldreserven. Danach aber sieht es zur Zeit nicht aus.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Die Kollegialität.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Macht es. Erwartet alles. Lasst Euch enttäuschen. Macht weiter. Es kostet Nerven. Es lohnt sich.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Ich empfehle den AvivA Verlag, Berlin, den Milena Verlag, Wien, den Luftschacht Verlag, Wien, den Ventil Verlag, Mainz, den Weidle Verlag, Bonn, Voland & Quist, Leipzig und Dresden, und den Lilienfeld Verlag, Düsseldorf. Und viele andere empfehle ich auch noch, nämlich rundweg alle, die sich in dem Katalog der Kurt-Wolff- Stiftung „Es geht um das Buch“ präsentieren.

Herzlichen Dank für diesen Einblick, Jörg Sundermeier.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

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