„Ich sehe die Schwierigkeiten als Herausforderung.“ – SteglitzMind stellt Sonja Rüther mit ihrem Briefgestöber vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute erfahren wir mehr über Sonja Rüther, die Briefgestöber gründete. Den Vorschlag macht Peter R. Hellinger von art&words.

Wie kam es zur Gründung?

Sonja Rüther © Stephanie Schierenbeck

Sonja Rüther © Stephanie Schierenbeck

Briefgestöber habe ich vor fünf Jahren gegründet, weil ich die Idee zu einem Nischenprodukt hatte, das eine vollkommen untypische Vermarktung bedurfte: Der Weg zum Kur-Erfolg. Bis heute ist der Vertrieb dieses Ratgebers über den Einzelhandel kaum der Rede wert, aber über die Direktangebote an Kliniken und Kur-Beratungsstellen sind knapp 50.000 Bücher verkauft worden. Ich bin gelernte Kauffrau im Groß- und Außenhandel und diese Feuertaufe machte Lust auf mehr. Es folgte der Ratgeber „Schrei nach Geborgenheit“ von der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Gundula Göbel, zu dem es ergänzend Anfang 2015 eine besondere Broschüre über emotionale Hungersnot geben wird.

Diese Bereiche sind mir persönlich wichtig und in den vergangenen Jahren habe ich mich sehr für Familien und das Brechen von Tabu-Themen eingesetzt, aber eigentlich war ich schriftstellerisch immer im Fantasy- und Thrillergenre zuhause.

Ihre persönlichen Highlights?

Und so kommen wir zu meinem persönlichen Highlight des Bücherjahres 2014: Aus dunklen Federn. Zu dieser Anthologie habe ich die Autorinnen und Autoren Lena Falkenhagen, Thomas Finn, Markus Heitz, Hanka Jobke, Boris Koch und Vincent Voss eingeladen, die sofort zusagten und Geschichten ablieferten, die unter die Haut gehen.

Machen Sie alles alleine?

Bis heute ist Briefgestöber ein Ein-Frau-Unternehmen.

Warum musste es in diesen Zeiten unbedingt ein Verlag sein?

Um ehrlich zu sein, achte ich nicht zu sehr darauf, ob es offiziell einen richtigen Zeitpunkt für etwas gibt. Es war für mich der richtige Zeitpunkt, genau dieses zu tun.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Ich sehe die Schwierigkeiten als Herausforderung. Und die Energie ziehe ich aus dem Feedback der Leserinnen und Leser, aus Teilerfolgen und aus dem Wissen, dass da noch viel mehr geht. Manchmal ist es frustrierend, gute Titel im Programm zu haben, aber so schwer Gehör bei Buchhändlern und der Presse dafür zu finden. Aber wenn man bedenkt, wie viele Bücher jährlich veröffentlicht werden, dann sollte einem klar sein, dass man sich etwas einfallen lassen muss, um herauszustechen.

Hätten Sie sich auch ohne die Innovationen infolge der Digitalisierung eine Verlagsgründung zugetraut?

Definitiv nicht. Ich habe grundsätzlich eine Menge Respekt vor dem, was größere Verlage leisten, die sich entsprechende Netzwerke aufgebaut haben, gänzlich andere Verhandlungsmöglichkeiten besitzen und viele Angestellte beschäftigen. Meine Möglichkeiten sind sehr begrenzt, weil ich nebenbei auch noch zwei Kinder habe, die meiner Aufmerksamkeit bedürfen. Wenn ich den Großteil meiner Arbeit nicht übers Internet erledigen könnte, würden mir schlicht die Möglichkeiten fehlen. Meine Lektorin und mein Agent sitzen in Berlin, die Setzerin in München. Ich liebe die digitale Welt mit ihren kurzen Wegen.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Ich mag dieses Konkurrenzdenken nicht besonders, ich bin eher eine Netzwerkerin. Ich mag das „Eine Hand wäscht die andere Prinzip“. Deswegen frage ich auch viel nach und höre zu. Und manchmal bin ich frech und stelle einen Fuß in Türen, die ich gerne offen hätte.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Ich wäre gleich etwas vorsichtiger mit der Auswahl meiner Geschäftspartner und selbstbewusster im Umgang mit den Titeln. Ich musste einiges an Lehrgeld zahlen, aber letztendlich war alles irgendwie auch gut so wie es lief. An all den Aufs und Abs bin ich sehr gewachsen. Und das Fazit vieler Erlebnisse ist: Leistung hat ihren Preis, den man bezahlen muss, wenn man will, dass es richtig gemacht wird. Das gilt für meine Arbeit und die der anderen, weswegen ich aber auch nur noch mit Profis zusammenarbeite.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Ich fürchte, was das angeht, bin ich sehr verwöhnt, weil ich mich seit zwölf Jahren in der Autorenszene bewege und das große Glück habe, auf unterschiedliche Weise mit einigen von ihnen bereits lange zusammenzuarbeiten.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Als gelernte Kauffrau und überzeugte Chaotin ist eine Organisation in meinem Kreativhof-Büro eingezogen, die Sinn ergibt und die Wege kurz hält. Bislang werden noch alle Bücher von mir selbst verpackt und verschickt.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Als ich verkündete, ich wolle eine Anthologie auf den Markt bringen, hörte ich allgemeines Seufzen. Diese fantastische literarische Kunstform erfreut sich keiner großen Beliebtheit, was sich manchmal so anhört wie: „Das hab ich irgendwann mal probiert, es war ekelig.“

Das ist wie mit den Ratgebern oder meinem Thriller (der bei dotbooks als eBook erschienen ist) – im Vorwege glauben Entscheider zu wissen, was die Leserinnen und Leser haben wollen und vor allem, was nicht. Ich weiß, dass viel Erfahrung dahinter steckt, aber ich glaube nicht, dass man etwas tatsächlich so pauschal sagen kann. Also stecke ich die Erwartungen schrittweise höher und gehe immer wieder drauf zu. Man muss sich mit Beständigkeit und Qualität auf dem Markt beweisen, um wahrgenommen zu werden, und natürlich mit den wichtigsten Großhändlern zusammenarbeiten – das hält das Risiko für alle Seiten gering.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Amazon ist ein wichtiger Vertriebspartner. Ich habe einen direkten Liefervertrag mit Amazon und schätze die Transparenz, wenn es um Verkaufszahlen, Statistiken und Bezahlung geht. Viele Bücher werden über diesen Weg verkauft, natürlich nutze ich das. Zumal es schwierig ist, in den stationären Buchhandel zu kommen. Ich würde mein Hauptgeschäft viel lieber in Zusammenarbeit mit Buchhändlern machen, was auch eine viel persönlichere Note hätte und meiner Netzwerkvorliebe entspräche. Aber wie gesagt, es ist schwierig, obwohl alle Titel über Libri, Umbreit und KNV erhältlich sind.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

briefgestöber_aus dunklen FedernIch arbeite mit einer PR-Agentur zusammen, die auf den Buchmarkt spezialisiert ist. Für meinen Ratgeber habe ich Interviews gegeben und Fachartikel geschrieben. Ganz viel Aufmerksamkeit wird über Facebook, Gewinnspielaktionen und bei der Anthologie durch Zombiezeichnungen generiert. Selten wird auch mal eine Anzeige geschaltet, aber leider sind Anzeigen und spezielle Marketingaktionen diverser Anbieter nicht erschwinglich und selten stehen sie im Verhältnis zum zu erwartenden Umsatz. Fachzeitschriften erhalten Rezensionsexemplare, und die Zusammenarbeit mit Bloggern ist sehr bereichernd und wertvoll.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Der Börsenverein ist für den Buchhandel sicher nicht mehr wegzudenken. Eine Mitgliedschaft ist für das kommende Jahr geplant.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Derzeit habe ich zwei klare Zielgruppen:

  1. Familien mit Kindern von 0 – 18 und Pädagogen, Pflegeeltern und Bezugspersonen von Kindern. – Besondere Schwerpunkte: Erziehungsprobleme, Burnout, Familiengesundheit, Schulprobleme
  2. Freunde der Dark Fantasy und des Horrors

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Derzeit würde ich noch auf Nischenprodukte tippen. Es ist durchaus einfacher, etwas auf dem Markt zu positionieren, das entweder ein Alleinstellungsmerkmal hat (wie mein Kur-Ratgeber vor fünf Jahren) oder so speziell ist, dass es bereits eine gewisse Fangemeinde dafür gibt. Allerdings will ich nicht ausschließen, dass ich das Programm nicht doch in den nächsten Jahren auf Romane ausweite. Das hängt ein wenig von den Erfahrungen ab, die ich im Zuge der Anthologie sammle, und ob die Wirtschaftlichkeit den Status von Liebhaberei übersteigt.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Das größte Risiko ist, dass ich auf vielen Büchern sitzen bleibe. Die Kosten haben die Bücher bereits wieder eingespielt. Ich konnte zum Glück alles so planen, dass das tatsächliche Risiko sehr gering zu halten war.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Die Kreativität und die daraus resultierende Energie. Man trifft auf viele Menschen, die sich für Ideen mehr begeistern als für die Frage, ob und wie gut es sich wohl verkaufen wird. Und das befördert oftmals Titel zu Tage, die vielleicht nie eine Chance bekommen hätten, und die plötzlich unfassbar erfolgreich sind. Und die Leserinnen und Leser sind so herrlich offen für Neues.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Kritikfähigkeit. Heute kann jeder einen Verlag gründen, eigene Werke oder die anderer Autoren auf den Markt bringen, ohne irgendwelchen Qualitätskontrollen zu unterliegen. Ich habe in den letzten Jahren in viele Bücher reingelesen, die sehr viel Potenzial gehabt hätten, wenn eine Zusammenarbeit mit einem professionellen Lektor stattgefunden hätte. Also sollte sich jeder im Vorfeld fragen: Habe ich das Budget für Lektorat, Korrektorat, Satz, Cover, alle anfallenden Gebühren und ggf. Werbemaßnahmen?

Bin ich der Typ, der gerne Klinken putzt? Kann ich damit leben, wenn der Erfolg auf sich warten lässt? Und habe ich tatsächlich Lust, mich mit allen notwendigen Themen (Buchmarkt, Großhändler, wichtigen Registrierungen, Marketing, etc.), Büroarbeit und Buchhaltung auseinanderzusetzen? – Wenn das nicht abschreckend sondern herausfordernd klingt, dann ab an die Arbeit. Ich persönlich habe viel durch „Learning by doing“ an den Start gebracht, Neulingen würde ich raten, erst lernen, dann tun.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Den Buchvolk Verlag mag ich sehr gerne. So weit ich weiß, wurde er vor zwei Jahren gegründet und bringt seitdem ganz besondere Bücher heraus. Die Illustrationen sind super.

Herzlichen Dank für diesen Einblick!

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Briefgestöber im Netz:

Die offizielle Homepage: http://www.briefgestoeber.de/

Bei Facebook: https://www.facebook.com/pages/Briefgest%C3%B6ber/261826387168622?fref=ts

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