„Wir machen einiges anders.“ – SteglitzMind stellt Karsten Möckel vom Liesmich Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute erfahren wir etwas mehr über Karsten Möckel und den Leipziger Liesmich Verlag. Vorgeschlagen hatte das Thorsten Glawe.

Seit wann existiert der Verlag?

Der Liesmich Verlag wurde 2013 in Leipzig gegründet und hat theoretisch nur einen Verlagsleiter und keine Mitarbeiter. Allerdings werden Lektorat, Korrektorat, Design und PR professionell und nebenberuflich betreut, damit aus Manuskripten Bücher werden.

Das Programm?

das Logo © Liesmich Verlag

das Logo © Liesmich Verlag

Derzeit haben wir erst einen Titel im Programm: „Pedalpilot Doppel-Zwo“, spielt in der Fahrradkurierszene Hamburgs, die den Rahmen für eine rührende Vater-Sohn-Geschichte vorgibt. Zur Buchmesse im März 2015 wird ein Roman aus dem Genre der Dokufiktion herausgebracht, der zwar noch keinen Titel hat, aber das Zeug, ein Millionenpublikum zu erreichen. Alle Bücher erscheinen bei uns natürlich auch als E-Book, auch wenn die Printausgabe aufgrund ihres schönen Designs und der angenehmen Haptik meinen Vorzug hätte.

Ihre persönlichen Highlights im Bücherjahr?

Leider komme ich seit der Verlagsgründung nicht mehr so viel zum Lesen, daher nur zwei Empfehlungen meinerseits: „Morphin“ von Szczepan Twardoch und „Das unerhörte Leben des Alex Woods“ von Gavin Extence.

Warum musste es in diesen Zeiten unbedingt ein Verlag sein?

Es MUSSTE nicht sein, es hat sich einfach so ergeben.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Aus der Lust an Literatur und ganz besonders aus den vielen positiven Rückmeldungen von Lesern, Rezensenten und vor allem Freunden.

Hätten Sie sich auch ohne die Innovationen infolge der Digitalisierung eine Verlagsgründung zugetraut?

Die Digitalisierung ist mittlerweile ein alter Hut. Ich bin begeistert von ihren Möglichkeiten und nutze diese entsprechend.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Wir machen einiges anders. Da wir unsere Fixkosten am absoluten Minimum halten, MÜSSEN wir nicht auf Teufel komm raus neue Bücher produzieren. Wir können uns sowohl bei der Auswahl der Manuskripte viel Zeit lassen, um nur die echten Perlen aus dem Ozean zu fischen, als auch beim Feinschliff. Dadurch können wir den AutorInnen eine sehr gute Betreuung bieten, da wir nur sehr wenige Projekte gleichzeitig betreuen und dafür jedes mit der größtmöglichen Aufmerksamkeit begleiten. Das Grundprinzip beim Liesmich Verlag lautet: Wir verlegen wirklich nur die Bücher, hinter denen wir hundertprozentig als Verlag stehen und von denen wir absolut sicher sind, dass sie etwas Besonderes darstellen. – Konkurrenz gibt es für uns im eigentlichen Sinne gar nicht. Wir ergänzen uns eher mit befreundeten Verlagen und kratzen nicht am Umsatz der Großen.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Im Prinzip sind wir noch in der Startphase. Allerdings wird immer mehr klar, dass der Fokus noch viel mehr auf Marketing und Vertrieb gelegt werden muss, als nur auf die Herstellung der Bücher.

Wie gewinnen Sie Autoren?

die Neuerscheinung im Frühjahr 2015

die Neuerscheinung im Frühjahr 2015

Autoren gewinnen UNS. Indem sie auf uns aufmerksam werden und uns mit ihren Manuskripten beehren. Im Gegensatz zu anderen Verlagen (und ich spreche aus Erfahrung), gibt es immer eine kompetente Antwort an die Einsender. Allerdings werden wir zum Glück auch noch nicht zugeschüttet mit Angeboten.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Derzeit mache ich das als Verlagsleiter noch fast allein. Hin und wieder hilft die Familie oder ein Freund springt ein. Das muss und wird sich natürlich im Laufe der Zeit ändern und professionalisieren. Derzeit funktioniert das aber noch ganz gut. Wir haben einen sehr einfach zu bedienenden Online-Shop, alle Bestellungen und E-Mails landen derzeit bei mir. Neben dem Selbstverkauf bemühen wir uns natürlich auch, unsere Bücher in möglichst vielen Buchhandlungen zu platzieren und auch Einzelhandelsgeschäfte einzubeziehen, zu denen die Werke thematisch passen könnten.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Das ist eines der schwierigsten Themen für solch kleine Verlage wie den Liesmich Verlag. In Leipzig hatten wir ganz gute Karten, weil wir hier direkt in die Buchhandlungen gehen konnten. Sogar einige große Filialisten haben uns hier gern und sehr freundlich unterstützt. Aber natürlich stoßen wir auch an unserem Verlagssitz oft auf verschlossene Ohren. Weitaus schwieriger sieht es außerhalb unserer direkten Einflusssphäre aus. Trotz vieler Versuche per Mail- und Telefonmarketing ist es uns bisher kaum gelungen, in anderen Städten Fuß zu fassen. Hier sind nur sehr wenige bereit, unbekannte Namen in ihr Sortiment aufzunehmen. Das ist oft deprimierend. Aus diesem Grund haben wir uns nun nach einigem Zögern auch entschlossen, uns bei einem der großen Barsortimenter listen zu lassen. Deren Konditionen lassen allerdings kaum Luft zum Atmen.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Ohne Amazon geht natürlich nichts. Allerdings sind wir dort derzeit nur im sogenannten Marketplace vertreten, versenden die Bücher also selbst. Da bleibt dann wenigstens ETWAS hängen. Alle berechtigte Kritik am Onlinehändler mal außer Acht gelassen: Aus Sicht des Verlages sind die Bedingungen bei Amazon auch nicht schlechter als bei den großen Zwischenbuchhändlern, die teilweise Zahlungsziele von 180 Tagen und ähnliche Rabattforderungen haben.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Wir setzen notgedrungen vor allem auf kostengünstige Marketing-Maßnahmen. Wir bemühen uns, im Internet sehr aktiv zu sein und dort LeserInnen zu erreichen. Wir experimentieren aktuell mit gedruckten Werbeträgern und versuchen präsent zu sein. Messestände sind zumindest aktuell für uns absolut nicht bezahlbar und auch Lesungen können wir nur selten organisieren, da bisher alle unsere Autoren im Ausland leben.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

???????????????????????????Derzeit sind wir dort noch nicht Mitglied. Bei allen Dingen, die der Börsenverein dankenswerterweise für die Branche tut, ist er jedoch für uns als winzigen Newcomer-Verlag derzeit noch kein Thema. Der Beitrag ist uns schlicht zu hoch und läuft unseren Bemühungen der Kostenminimierung zuwider. Sicherlich wird in Zukunft darüber nachzudenken sein, in den Börsenverein einzutreten, derzeit haben wir andere Prioritäten.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Wir machen Bücher für alle Menschen, die Lust auf gute Literatur haben. Das klingt zwar erst einmal ziemlich unentschlossen, aber da wir erst ein Buch herausgebracht und ein zweites in Arbeit haben, lässt sich das noch gar nicht genauer eingrenzen und wir wissen selber noch nicht genau, wohin die Reise geht. Kinderbücher, Lyrik, Fantasy und Science-Fiction wird es bei uns im Verlag auf absehbare Zeit nicht geben, ansonsten warten wir ab, welche Manuskripte ihren Weg zu uns finden.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Wir wollen uns einerseits mit unserem sehr gelobten Cover-Design einen Namen machen und bei allen thematischen Unterschieden ein bestimmtes Grundprinzip beibehalten (ein wenig vergleichbar mit dem Insel Verlag vielleicht). Die größte Chance unserer Bücher besteht jedoch in deren Qualität. Liesmich- Bücher fesseln, begeistern und machen bei den LeserInnen Lust auf mehr.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Ich habe ein bestimmtes Gründungskapital in den Verlag gesteckt. Sollte dieses aufgebraucht sein ohne Aussicht auf baldige Besserung, werde ich nicht immer mehr zuschießen, sondern würde dann irgendwann die Sache beenden. Dieses finanzielle Risiko kennt jeder kleine Verlag, weil einfach das Polster zu gering ist. Risiken gibt es viele: Kunden, die nicht zahlen, Buchhändler, die nicht bestellen, Leser, die (uns) nicht lesen. Das Schlimmste wäre jedoch ein Rechtsstreit, der niemals ausgeschlossen ist. Das würde uns das Bein stellen, auf dem wir stehen. Teure Anwälte können und werden wir uns nicht leisten.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Das Faszinierende und Schöne an den unabhängigen Verlagen ist die Hingabe und Aufopferungsbereitschaft, mit der sich alle KleinverlegerInnen für ihre Bücher einsetzen. Die im Vergleich zu den großen Buchkonzernen begrenzten Mittel bringen so viele kreative und mutige Ideen hervor, dass man ständig neue Schätze entdecken kann.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Einfach loslegen, so wie wir es getan haben! Man braucht natürlich Leute, auf die man sich blind verlassen kann und viel Geduld. Die fehlt mir manchmal, wird mir nachgesagt …

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Die Leipziger Verlage ed[ition]. cetera und Festa verdienen unbedingte Aufmerksamkeit, ebenso der Hamburger Ankerherz Verlag. In der Gesprächsreihe sollte unbedingt auch Andreas Köglowitz vom Unsichtbar Verlag zu Wort kommen, der sicher einige spannende Antworten geben kann.

Danke für diesen Einblick!

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Liesmich Verlag im Netz:

Die Homepage: www.liesmich-verlag.de

Facebook: www.facebook.com/Liesmich.Verlag

Eventuell bald auch auf YouTube und XING

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4 Kommentare zu “„Wir machen einiges anders.“ – SteglitzMind stellt Karsten Möckel vom Liesmich Verlag vor

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