„Am wichtigsten ist aber ja: Leser zu gewinnen!“ – SteglitzMind stellt Ingo Držečnik vom Elfenbein Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute steht Ingo Držečnik vom Elfenbein Verlag Rede und Antwort. Der Vorschlag kommt von Stefan Weidle, der den Weidle Verlag verantwortet.

Eine Skizze vom Verlag …

Ingo Držečnik © privat

Ingo Držečnik © privat

Ich habe den Elfenbein Verlag 1996 zusammen mit Roman Pliske in Heidelberg gegründet, seit 2001 ist er in Berlin-Prenzlauer Berg ansässig, hat bisher etwa 130 Titel publiziert – und ernährt trotzdem weder seine Gründer noch die zahlreichen von Projekt zu Projekt unterschiedlichen Mitarbeiter. Festangestellte gibt’s also nicht, aber „feste Freie“ schon. So begleiten mich z. B. seit Anbeginn die Buchgestalterin Oda Ruthe und der Romanist Rafael Arnold, ohne die zahlreiche Bücher überhaupt nicht möglich geworden wären. Seitdem Roman Pliske den Mitteldeutschen Verlag in Halle leitet, führe ich die verlegerischen Geschäfte im engeren Sinne allerdings alleine.

Die Programmschwerpunkte?

Erster Schwerpunkt war 1997 schon die portugiesische Literatur, vor allem ihr größter Klassiker: Luís de Camões, dessen Werkausgabe im Frühjahr 2015 mit dem Band „Dramen und Briefe“ (nach den „Lusiaden“ und „Sämtlichen Gedichten“) abgeschlossen sein wird. Weitere ‚kleine Sprachen‘ mit ihren großen Literaturen haben’s uns seither angetan, so dass im Elfenbein-Regal nun auch einige Griechen, Italiener, Franzosen, Katalanen, Tschechen, Ungarn usw. neben allerhand Deutschen stehen, von der Renaissance bis zur Gegenwart, Romancier neben Lyriker. Noch sind alle Titel altmodisch gedruckt und gebunden, fast ausschließlich in Leinen mit Schutzumschlag; bald folgen einige Romane, die sich zum Unterwegslesen eignen, auch als E-Books.

Was ist geplant?

In diesem Frühjahr wird neben erwähntem Camões noch ein Gedichtband von Odysseas Elytis: „Die Sonne die Sonnenherrscherin“, und ein Roman von Ferdinand Peroutka: „Wolke und „Walzer“ erscheinen. Insbesondere von letzterem erhoffe ich mir zum 70. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus ein größeres Medienecho: Das Buch, 1947 zunächst als Theaterstück erschienen und später im US-amerikanischen Exil zum Roman umgearbeitet, ist eine der ersten panoramaartig angelegten literarischen Auseinandersetzungen mit der NS-Terrorherrschaft in der Tschechoslowakei und war bisher in deutscher Sprache nicht verfügbar. Peroutka war im KZ Buchenwald inhaftiert, nach dem kommunistischen Putsch in Prag musste er – überzeugter Demokrat – sein Heimatland verlassen. Ich denke, jetzt ist es an der Zeit, diesem von zwei totalitären Regimen verfolgten Autor auch in Deutschland wenigstens postume Anerkennung zuteilwerden zu lassen.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Wir wollten damals unserm Freund und Lyriker Andreas Holschuh, der bereits zahlreiche Gedichte in Zeitschriften veröffentlichen konnte, ein Buch schenken, nur für dieses eine Projekt haben wir den Elfenbein Verlag gegründet. Entsprungen ist der Plan unserer Arbeit an der studentischen Literaturzeitschrift metamorphosen, bei der wir – sozusagen „by doing“ – typische Verlags- und Redaktionsarbeit spielerisch und ohne besonderen finanziellen Druck erlernen konnten: Wir wählten uns geeignet erscheinende Texte zur Veröffentlichung aus, redigierten sie, schrieben selbst Artikel, kümmerten uns um Anzeigenakquise, um die Druckkosten schon im Vorfeld ein wenig aufzufangen, und verkauften die Hefte direkt und über den Buchhandel. Bei dieser Arbeit kamen uns auch Holschuhs Gedichte unter. Und kaum war der Elfenbein Verlag gegründet und das erste Buch erschienen, flatterten schon die Manuskripte herein …

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Ich ignoriere beharrlich sämtliche Hiobsbotschaften über die vermeintliche Zukunft des gedruckten Buches.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

Grundsätzlich hat sich für Elfenbein nichts geändert. Ich halte am gedruckten Buch fest und bin gleichsam überzeugt, dass es weiterhin Leser des gedruckten Buches geben wird. Und für die mache ich weiter diese altmodischen Schinken. (Was nicht heißen soll, dass ich gegen E-Books wäre, die wird’s dann eben zusätzlich geben …)

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Ich glaube nicht, dass Elfenbein prinzipiell anders verfährt als die anderen literarischen Verlage – kleine wie große, die zudem auch gar keine Konkurrenz darstellen. Denn Gabriele d’Annunzios „Alcyone“, Rainer Klouberts „Yuanmingyuan“ oder Klabunds „Literaturgeschichte“ bekommen Sie deutsch ja nur als Elfenbein-Bücher, wer will mit ihnen konkurrieren? Das sind ja keine Reiseführer, Kochbücher, Ratgeber.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Das ist schwer zu sagen, weil es so theoretisch ist und selbst jeder Fehler, den man begangen hat, einen ja auch weitergebracht hat, also ganz und gar nicht umsonst war. Allerdings tat es mir schon sehr weh zu lernen, dass ein erhöhter ‚Titelausstoß‘ nicht unbedingt zu einer größeren Wahrnehmung in Buchhandel und Feuilleton führt: 2001 hatte Elfenbein – ein bisschen größenwahnsinnig für einen 5-Jährigen, ich gebe es zu – 16 Novitäten. Die konnten natürlich nicht alle in der F.A.Z. besprochen werden … Aber auch diese Erfahrung haben wir wahrscheinlich machen müssen, um daraus zu lernen, dass eine solide Begrenzung auf 6 bis 8 Titel pro Jahr bei der Größe des Verlags angemessener ist – und finanziell nicht ganz so ruinös.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Verleger müssen Autoren eigentlich selten für sich gewinnen – es sei denn, sie suchten Autoren (diese Verleger gibt’s natürlich auch, aber die haben, glaube ich, anderes im Sinne als ich). Es ist doch eher umgekehrt: Die Autoren müssen ihre Verleger gewinnen. Ich habe zumindest oft diesen Eindruck, wenn ich unverlangte Einsendungen bekomme, die nicht einmal ein persönliches Anschreiben enthalten. Im Falle Elfenbeins waren es zudem auch oft bereits tote Autoren, die keinen Verlag (mehr) hatten: Für Klabund z. B. hat sich doch Jahrzehnte kaum jemand verlegerisch interessiert. Man konnte ihn aber antiquarisch beschaffen und lesen. Und so hat dieser großartige, fast vergessene Autor dann seine Verleger gewonnen: Zwischen 1998 und 2003 haben wir eine achtbändige Klabund-Werkausgabe publiziert. Auch viele Übersetzungen aus Sprachen, die man ja nicht gerade ständig spricht, flattern ins Verlagsbüro, werden gelesen – und gewinnen im günstigsten Falle einen Verleger. – Am wichtigsten ist aber ja: Leser zu gewinnen!

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Elfenbein ist da ganz klassisch organisiert: Vier wunderbare Handlungsreisende (vulgo: „Vertreter“) besuchen zweimal jährlich die engagiertesten literarischen Buchhändler in Deutschland und Österreich. Diese bestellen dann im Voraus. So kann ich die Auflage ein wenig besser vorab planen. Die GVA, eine Auslieferungsgesellschaft, liefert nach Erscheinen für uns (wie auch für unzählige weitere Verlage) an den stationären Buchhandel aus. Und was im guten Buchhandel irgendwann nicht (mehr) im Regal steht, kann ja von diesem in der Regel über Nacht beim sogenannten Barsortiment (dem Großhändler) bezogen werden.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Elfenbein hat praktisch nur gute Erfahrungen mit dem stationären Buchhandel gemacht, die wenigen Ausnahmen bestätigen nur die Regel, dass der gute Buchhandel nach wie vor existiert und seine Arbeit von den Buchkäufern auch geschätzt wird: Er verfügt über belesenes Personal, das Auskunft geben kann und auch ältere, nicht mehr über Nacht schnell und einfach per Knopfdruck beim Großhändler bestellbare Titel dann eben beim Verlag bzw. seiner Auslieferung direkt bezieht.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Das ist nicht einfach zu beantworten: Ich habe über sieben Jahre eine stationäre Buchhandlung – die „Elfenbein Literaturhandlung“ – geführt, in der ich für gerade nicht anwesende Nachbarn gerne auch mal Pakete angenommen habe. Als sich aber vermehrt darunter Sendungen befanden, auf denen Amazons Schriftzug prangte, bekam ich schon ein paar Zweifel … Es ist ja ganz klar, dass sich das Kaufverhalten durch das Internet geändert hat und auch weiter ändern wird, das müssen wir wohl so hinnehmen. Wenn es die Möglichkeit gibt, sogar nachts in eine (virtuelle) Buchhandlung zu „gehen“, dann wird da eben auch gekauft. Der stationäre Buchhandel muss also mehr bieten als ein Internethändler. Die Buchpreisbindung allein scheint hier nicht mehr zu helfen, also sollte es das besondere Sortiment, die Auswahl, die persönliche Empfehlung, vielleicht auch ein Leseprogramm sein, das der Händler anbietet.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Wie eigentlich alle Verlage versenden wir zweimal jährlich einen Vorschauprospekt an den Buchhandel sowie an die Presse, wir beschicken natürlich ausgewählte Rezensenten mit Presseexemplaren, und ein- bis zweimal im Quartal schreibe ich einen E-Mail-Newsletter mit Hinweisen auf neue Bücher, veröffentlichte Besprechungen, Lesetermine. Wir besuchen mit einem Ausstellungsstand die Frankfurter Buchmesse, nehmen an den verschiedenen Aktionen der Kurt Wolff Stiftung (Katalog „Es geht um das Buch“, Empfang „Wir tanzen aus der Reihe“ usw.) teil und beteiligen uns z. B. an Veranstaltungsreihen wie „Stadt, Land, Buch“, dem alljährlich im Herbst stattfindenden Berliner Lesemarathon des Börsenvereins, oder mit einem Verlagsstand beim Poesie-Festival in der Akademie der Künste u. ä.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Elfenbein ist selbstverständlich Mitglied des Börsenvereins, der als das wohl stärkste Sprachrohr unserer Branche sich u. a. für den Erhalt der Buchpreisbindung einsetzt, die für die im Ausland immer wieder bewunderte deutsche und österreichische Verlags- und Buchhandelsvielfalt wesentlich verantwortlich ist.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Bisher sind im Elfenbein Verlag nur Bücher erschienen, die ich selbst unbedingt lesen wollte und von denen ich annahm – und annehme -, dass sie auch andere Menschen interessieren. Das ist natürlich keine marketingmäßig auslotbare Zielgruppe. Aber das Gefühl, dass es noch andere geben könnte, die das, was unter dem Namen Elfenbein erscheint, auch gut und richtig und wichtig finden, hat mich – glaube ich – noch nicht getrogen. Und vor Nischen habe ich, offen gesagt, ein wenig Angst, die können ja schnell auch mal von anderen besetzt werden. Ich bleibe lieber im größeren Raum, da gibt’s ja potenziell auch mehr Leser.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Elfenbein hat mit zeitgenössischer Lyrik begonnen, mit deutschsprachigen und internationalen Romanciers weitergemacht und sich auch bald Klassikern und nahezu Vergessenen zugewandt, um sie wiederzuentdecken – diese Mischung weiter beibehalten zu können und sich nicht mit einer kleinen literarischen Sparte spezialisieren zu müssen, für die eine besondere Zielgruppe vielleicht theoretisch definiert werden könnte, sehe ich als größte Chance. Ich selbst lese schließlich auch nicht nur Lyrik oder nur zeitgenössische Romane oder nur Übersetzungen aus der Renaissance-Zeit.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Ich denke nicht, dass in der Programmgestaltung des Elfenbein Verlags besondere Risiken liegen, gute Literatur wird doch immer ihre Leser finden. Schwierig ist nur immer wieder einzuschätzen, wie viele das sein könnten … Ein Risiko liegt meist nur in der Auflagenhöhe. Wenn ich diese moderat halte, kann ich es aber minimieren. Das klingt vielleicht etwas konservativ im Sinne von „keine Experimente“, aber ich drucke lieber nach, als dass ich auf falsch kalkulierten Beständen sitzenzubleiben muss.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Ich kann das schlecht einschätzen, weil ich die gesamte „Szene“ nicht überschauen kann, zudem auch glaube, dass sie in diesem Sinne, als inhaltlich zu markierende „Szene“ nämlich, gar nicht existiert. Es gibt im deutschsprachigen Raum sehr viele konzern-unabhängige Verlage, deren Programme nicht direkt etwas miteinander zu tun haben, die sich aber sehr gut ergänzen und dadurch eben die erwähnte Vielfalt ausmachen. „Independent“ klingt mir zudem zu modisch, zu sehr nach „jung“, „klein“, „anders“, ein bisschen auch nach „rebellisch“ und nach „nicht in bekannte Muster einzuordnen“. All das passt doch zu Elfenbein nicht oder zumindest nicht mehr. Das Attribut „unabhängig“, wie es auch die Kurt Wolff Stiftung benutzt, so nüchtern es ist, gefällt mir da sehr viel besser. Es schließt auch „Vielfalt“ mit ein.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Wenn sie Autoren und Bücher entdeckt haben, die die anderen bisher nicht bemerkten, möchte ich sie beglückwünschen. Wenn sie allerdings meinen, mit Literatur ihren Lebensunterhalt verdienen zu können, möchte ich sie warnen. Das kann vielleicht funktionieren, ist aber sicher nicht ausgemacht. Warnen würde ich sie in jedem Falle immer vor zu hohen Startauflagen.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Empfehlen möchte ich insbesondere Arco, Arco und nochmals Arco, denn dieser macht Bücher, die ich (fast) alle auch gerne gemacht hätte. Der sollte bei Ihnen bald zu Wort kommen! Daneben natürlich Aviva, Berenberg (den diesjährigen Kurt-Wolff-Preisträger), dann die altehrwürdige Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung; sowie mindestens noch die Friedenauer Presse, Kookbooks, Lilienfeld, den Mitteldeutschen Verlag, die Edition Nautilus, Stroemfeld, Transit, Verbrecher, den Jörg Sundermeier hier bereits vorgestellt hat, Wagenbach, Weidle, über den wir hier ebenfalls bereits gelesen haben, Wunderhorn und und und … es gibt so viele, die schöne Bücher machen!

Herzlichen Dank für diesen Einblick!

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Der Elfenbein Verlag im Netz:

www.elfenbein-verlag.de

 

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4 Kommentare zu “„Am wichtigsten ist aber ja: Leser zu gewinnen!“ – SteglitzMind stellt Ingo Držečnik vom Elfenbein Verlag vor

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