„Die extreme Zentralisierung bei den Großen bietet ungeahnte Chancen und Möglichkeiten.“ – SteglitzMind stellt Dominik Bartels vom Blaulicht Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute erfahren wir mehr über Dominik Bartels und den Blaulicht Verlag. Vorgeschlagen hatte das Volker Surmann vom Satyr Verlag.

Eine Skizze vom Verlag …

Dominik Bartels © privat

Dominik Bartels © privat

Der Blaulicht Verlag mit Sitz im niedersächsischen Helmstedt wurde im Jahre 2008 von einigen Enthusiasten gegründet, die es leid waren, den nächsten Schwedenkrimi oder den übernächsten historischen Roman in der Buchhandlung unter die Nase gehalten zu bekommen. Deshalb haben wir uns auf den Bereich Lesebühnen, Poetry Slam und politische Literatur konzentriert. Im Laufe der Zeit sind aus beruflichen und familiären Gründen einige Mitarbeiter ausgeschieden. Momentan verantworten nur noch zwei Leute das Verlagsprogramm. Allerdings arbeiten wir mit einem festen Stamm von Illustratoren und Lektoren zusammen.

Die Highlights im vergangenen Bücherjahr?

Im Jahr veröffentlichen wir zwischen 6 und 8 neue Titel. Im letzten Jahr war das Debüt von Ninia LaGrande „…und ganz, ganz viele Doofe!“ unser Highlight. Ninia ist eine der erfolgreichsten Bloggerinnen Deutschlands und setzt sich in vielfältigster Weise für Gleichberechtigung, Toleranz und Minderheitenrechte ein. Das Buch ist ein Querschnitt ihrer literarischen Arbeit der letzten Jahre und sehr, sehr unterhaltsam. Daneben hat es unser Autor Tobi Katze nach seinem Debüt „rocknrollmitbuchstaben“ geschafft, sein nächstes Buch beim Rowohlt Verlag veröffentlichen zu dürfen.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Wir wollten zeigen, dass man in einem wirtschaftlichen Umfeld dennoch seinen Schwerpunkt auf Kultur- und Talentförderung legen kann. Uns geht es nicht darum, ständig zu wachsen und jedes Jahr einen neuen Rekordgewinn einzufahren. Ein Verlag sollte auch eine gewisse Verantwortung für die literarische Vielfalt in diesem Land übernehmen. Natürlich ist das finanziell gesehen immer ein Spagat, aber es hat auch niemand gesagt, dass es einfach ist.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Aus dem Glauben daran, dass es immer genügend Menschen geben wird, die daran interessiert sind, neue und unbekannte Autoren zu entdecken. Und wir sind uns sicher, dass gerade die extreme Zentralisierung bei den Großen der Buchbranche ungeahnte Chancen und Möglichkeiten bietet. Außerdem sehen wir uns in der Verantwortung, dem von uns kritisierten Einheitsbrei der großen Verlagshäuser ein adäquates Angebot entgegen zu stellen.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

Wir begrüßen die Digitalisierung ausdrücklich. Letztlich ermöglicht sie es uns, auch kleine Auflagen zu realisieren, ohne das die Kosten explodieren. Darüber hinaus vereinfacht sie die Kommunikation mit unseren freien Mitarbeitern. Es ist sehr bequem, den Lektoren oder Illustratoren die entsprechenden Dateien zu schicken, so dass diese die Korrekturen und Änderungen unmittelbar und ohne großen Aufwand vornehmen können. Fast alle unserer Arbeitsabläufe sind digitalisiert.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

blaulicht_Cover ninia la grandeWir empfinden andere Verlage nicht als Konkurrenz. Wir sehen uns als Ergänzung auf dem Markt. Des Weiteren versuchen wir gemeinsam mit den Autoren Bücher zu verlegen, die eine sehr individuelle Handschrift tragen. Unsere Autoren haben nicht nur ein Mitspracherecht, sie verantworten wichtige Teile der Gestaltung ihres Werkes. Wir streben immer an, dass sich Autor und Verlag zu 100% mit dem Buch identifizieren können. Deshalb weichen wir auch schon mal von den üblichen Vorgaben und Parametern ab, wenn der Autor dafür nachvollziehbare Gründe hat. Als Beispiel sei hier das Drehbuch genannt, dessen Cover weder eine Vor- noch Rückseite hat. Das kann man drehen und wenden, wie man möchte.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Jeder macht in der Startphase die eine oder andere Erfahrung, die er sich gern erspart hätte, aber letztlich gehört das zu einem wichtigen Lernprozess dazu. Nach mehr als 5 Jahren achten wir sehr darauf, dass unsere Autoren auch bereit sind, beim Absatz ihres Buches aktiv mitzuhelfen.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Wir sichten keinerlei Manuskripte. Das mag man für falsch halten, aber das ist unsere Philosophie. Unsere Autoren sprechen wir auf Veranstaltungen wie Lesebühnen, Poetry Slams oder anderen Literaturevents an. Die Persönlichkeit eines Autors ist für uns ein ganz entscheidender Faktor. Hinzu kommen Empfehlungen von Kollegen, Veranstaltern oder auch unseren Verlagsautoren. Aufgrund der eher geringen Zahl von Neuerscheinungen in unserem Programm haben wir auch keine Schwierigkeiten, genügend interessante und neue Autoren zu finden.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Wir vertreiben unsere Bücher selbst. Das klappt ganz hervorragend. Der Kontakt mit dem örtlichen Buchhandel ist immer sehr, sehr nett und beide Seiten profitieren von diesem Weg. In der Regel sind wir genauso schnell wie der Großhandel, d.h. die bestellten Titel sind am nächsten Tag im Geschäft. Versandkostenfreiheit ist bei uns ebenfalls eine Selbstverständlichkeit. Der Vertrieb über einen Großhändler würde uns des Kontakts zu den kleinen Buchhandlungen berauben. Gerade diese persönlichen Gespräche und Bindungen sind uns aber wichtig.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Wir setzen auf persönliche Kontakte und unsere familiäre Ausrichtung. Großhandelsketten wie Hugendubel oder Thalia interessieren uns wenig. Unser Ziel ist es, mit den kleineren, inhabergeführten Buchhandlungen in Kontakt zu treten bzw. zu bleiben. Mit diesen begegnet man sich auf Augenhöhe. Dort werden die Kunden noch individuell beraten und man nimmt sich Zeit, um auch mal ausgefallene Wünsche zu erfüllen. Das entspricht unserer Philosophie. Dennoch haben wir dasselbe Problem wie alle anderen Independent-Verlage: Im Sortiment des stationären Buchhandels sind wir praktisch nur rudimentär vertreten.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Wir leben damit, dass es viele Kunden gibt, die dort unsere Bücher bestellen. Können wir ihnen das vorwerfen? Nein, denn unsere Präsenz im stationären Buchhandel ist viel zu dürftig. Wir arbeiten jedoch daran, dass unsere Leser die Bücher online lieber in unserem eigenen Shop kaufen. Das klappt zunehmend besser.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Mit einem minimalen Budget ist das nicht sehr einfach. Wir versuchen kreative und ungewöhnliche Lösungen zu erarbeiten. Bislang mit überschaubarem Erfolg. Ab und zu schalten wir Anzeigen in einschlägigen Magazinen und Programmheften, wobei auch dies keine nachhaltigen Wirkungen entfaltet. Vor diesem Hintergrund sind wir stolz darauf, dass unsere Autoren sehr viel Eigeninitiative zeigen. Ohne deren Mithilfe würde es nicht funktionieren.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Wir sind kein Mitglied.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

blaulicht verlag_ Cover Tobi Katze_Wir machen Bücher für Menschen, die sich nicht für große Autorennamen oder bekannte Verlagshäuser interessieren, sondern für gute Geschichten und markante Typen. Ebenso bunt wie unser Programm ist auch unsere Leserschaft.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Die größte Chance für alle kleinen Verlage besteht darin, dass die großen Verlagshäuser auch weiterhin zu betriebswirtschaftlichen Konzernen mutieren und die Rendite über Kunst und kulturelle Vielfalt stellen. Solange diese Entwicklung anhält, haben alle kleinen Verlage gute Chancen, sich am Markt zu etablieren.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Als kleiner Verlag besteht das größte Risiko darin, dass man mehrere Titel hintereinander am Markt platziert, die sich überhaupt nicht verkaufen lassen. Momentan klappt die Mischkalkulation ganz gut, was aber auch bedeutet, dass wir jedes Jahr wenigstens ein bis zwei überdurchschnittlich erfolgreiche Titel benötigen, um alle Projekte realisieren zu können. Der finanzielle Puffer ist eben doch ziemlich überschaubar.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Das sind alles rührige, tolle, engagierte Leute. Bei Problemen, egal welcher Art, kann man sich jederzeit Rat bei den Kollegen einholen. Und, es wurde hier auch schon mehrfach gesagt, man verspürt keine Konkurrenzsituation. Über den Erfolg des Satyr Verlags mit dem Buch von Lars Ruppel habe ich mich beispielsweise sehr gefreut. Das gönnt man dem Kollegen einfach von Herzen, weil man genau weiß, dass dies erst einmal wieder etwas Luft im täglichen Überlebenskampf verschafft.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Sie sollten für sich klar definieren, warum sie ein solches Unternehmen gründen wollen. Und man sollte sich darüber klar sein, dass man damit zu 99,99% nicht reich werden wird.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Ich empfehle den Andreas Reiffer Verlag aus Meine. Ein sehr netter und kompetenter Kollege, der seit vielen Jahren bestimmte Nischen füllt.

Vielen Dank für diesen Einblick!

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

das Logo ©  Blaulicht Verlag

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Der Blaulicht Verlag im Netz:

Die Homepage: www.blaulicht-verlag.de

Bei Facebook unter: https://www.facebook.com/pages/Blaulicht-Verlag

 

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3 Kommentare zu “„Die extreme Zentralisierung bei den Großen bietet ungeahnte Chancen und Möglichkeiten.“ – SteglitzMind stellt Dominik Bartels vom Blaulicht Verlag vor

  1. Kuriose Philosophie, keine Manuskripte zu sichten, ich meine, hinter jeder Philosophie steckt doch eine Philosophie, würde ich gerne einmal mehr drüber erfahren.

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