„Ich sehe keine Schwierigkeiten. Der Verlag hat vieles erst möglich gemacht.“ – SteglitzMind stellt Adrian Kasnitz von der parasitenpresse vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute erfahren wir mehr von Adrian Kasnitz von der parasitenpresse. Vorgeschlagen hatte das Helge Pfannenschmidt von der edition AZUR.

Eine Skizze vom Verlag …

Adrian Kasnitz  © privat

Adrian Kasnitz © privat

Die parasitenpresse ist ein kleiner, auf Lyrik spezialisierter Verlag aus Köln. Gegründet im Jahr 2000 gibt es uns nun schon seit 15 Jahren, was ein kleines Wunder ist, denn zu Beginn war diese lange Verlagsreise nicht abzusehen. Anfangs haben wir Lyrikhefte aus wiederverwerteten Materialien hergestellt, also eigentlich alles in Handarbeit geschafft, vom Papiersammeln bis zum Heften. Startkapital waren null Mark. Die aktuelle Version der Lyrikhefte zitiert diese Produktionsweise, ist aber deutlich weniger arbeitsintensiv.

Die Programmschwerpunkte?

Der Fokus liegt bei uns auf jüngeren deutschsprachigen Autor/innen. Neben der Reihe mit Lyrikheften, in der in diesem Frühling Band 31 und 32 folgen werden, verlegen wir auch Lyrik-Taschenbücher, Gedichte aus den Benelux-Ländern und Lateinamerika, Kurztexte.

Ihr Highlight im Bücherjahr?

Das Highlight des letzten Jahres war, dass wir es geschafft haben, durch Crowdfunding unsere Taschenbuch-Reihe anzuschieben. Mit dem Band „Fremdbestäubung“ von Dominik Dombrowski ist dann im Herbst das erste Früchtchen vom neuen Baum gefallen.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Wir wollten einen Verlag gründen, der so funktioniert wie ein Musiklabel, wo der Verleger und viele Helfer selber Autor/innen sind. Für mich als junger Dichter war es auch Selbstzweck, um die eigenen Texte veröffentlicht zu sehen. Aber nach dem überraschenden Erfolg der ersten zwei Büchlein war klar, dass es weitergehen kann, dass das Netzwerk aus jungen Schriftstellern, das damals schon recht groß und von Köln nach Berlin, München und Wien reichte, für einen Spezialverlag taugen würde.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Ich sehe keine Schwierigkeiten. Der Verlag hat vieles erst möglich gemacht.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

Auch wenn wir viele Dinge in Handarbeit geleistet haben und auch heute noch leisten, haben wie auch schon vor 15 Jahren unseren Verlag aus dem Laptop heraus geführt, unser Lager passte lange Zeit in einen Schuhkarton.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Wir wissen, dass wir ein sehr ausgefeiltes Produkt für einen sehr kleinen Interessentenkreis herstellen. Die Möglichkeiten sind beschränkt. Alles was unnütz für uns ist, lassen wir einfach weg. Unsere Taschenbücher heißen Die nummernlosen Bücher. Sie besitzen keine ISBN-Nummern. Sie kommen da gut an, wo man ihren Autor/innen begegnen kann, auf Lesungen, Festivals, bei Veranstaltungen.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Schwer zu sagen. Vielleicht noch netzwerkartiger arbeiten.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Das entwickelt sich wie eine Schneeballschlacht. Früher oder später trifft man die Richtigen.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Parasitenpresse_ Cover DombrowskiDer Vertrieb ist eigentlich die schwerste Aufgabe. Wir vertreiben viel direkt – bei Veranstaltungen oder über unseren eigenen Internet-Shop. Dann pflegen wir den Kontakt zu ausgewählten Buchhandlungen, Machen wir uns aber nichts vor, da gibt es nicht allzu viele, die sich für uns begeistern.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Wir sprechen Buchhandlungen an, wo wir denken, dass wir gut dorthin passen. Oder andersrum: dass es den Buchhandlungen gut tun würde, uns zu führen. Manche Buchhändler/innen können sich zunächst nicht so viel unter den Lyrikheften vorstellen, da ist es gut, so etwas einmal in die Hand zu nehmen.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Ich habe nichts gegen Amazon. Für ländliche und städtische Gebiete ohne gute Buchhandlung war Amazon und andere Online-Plattformen eine ganz wichtige Sache, um den literarischen Anschluss nicht zu verlieren. Amazon & Co. brauchen aber die parasitenpresse und die parasitenpresse braucht Amazon & Co. nicht.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Im Grunde genommen nichts.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Wir sind gegen Vereine😉

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Unsere Bücher machen wir für die Guten: Lyrik-Verrückte und Poesie-Nerds.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Wir kümmern uns um den Nachwuchs. Da stecken viele Chancen drin. Irgendwann bekommt einer von denen den Nobelpreis oder Ähnliches und dann freuen wir uns mit.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Das größte Risiko ist der Tag, an dem sich niemand mehr für Poesie interessiert, weil alles durchkalkuliert und geregelt ist.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

das Logo  © parasitenpresse

das Logo © parasitenpresse

Ich mag das Kollegiale, die Freundschaften, die daraus entstehen können. Die kurzen Wege, auch wenn man in verschiedenen Städten oder Ländern einen ähnlichen Begriff von Literatur und dem Büchermachen hat. Was ich ätzend finde, ist die Hackerei, wenn es um die vermeintlichen Geldtöpfe geht.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Nur Mut! Nur zu!

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Ein paar sehr gute Lyrikverlage sind hier schon genannt worden, auch wenn mir gerade der gesamte Überblick fehlt und ich vielleicht jemanden vergesse. Ich empfehle den Verlag Peter Engstler aus der Rhön, den [SIC] – Literaturverlag aus Aachen, hochroth Verlag und die edition ch aus Wien.

Herzlichen Dank für diesen Einblick!

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Die Parasitenpresse im Netz:

Die Homepage: https://parasitenpresse.wordpress.com/

4 thoughts on “„Ich sehe keine Schwierigkeiten. Der Verlag hat vieles erst möglich gemacht.“ – SteglitzMind stellt Adrian Kasnitz von der parasitenpresse vor

  1. Ich fände ein Interview mit Julietta Fix, die Betreiberin von Fixpoetry.com gut. Sie leistet so eine tolle Arbeit für viele Autoren, unabhängige Verlage, usw. und ist schließlich selbst Herausgeberin der Edition Fixpoetry im Horlemann Verlag. Das also mein Vorschlag! LG Marco Grosse

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