„Die edition ch gibt es, damit es Bestimmtes eben auch gibt.“ SteglitzMind stellt Günter Vallaster von der edition ch vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute steht Günter Vallaster von der edition ch Rede und Antwort. Vorgeschlagen hatte das Adrian Kasnitz von der parasitenpresse.

Eine Skizze vom Verlag …

Günter Vallaster © edition ch

Günter Vallaster © edition ch

Die edition ch wurde 1990 in Wien von der Autorin Christine Huber als AutorInnenedition für visuelle Poesie und Lyrik gegründet. Der Verlagsname leitet sich somit von den Initialen ihres Namens ab. Christine Huber gab die Edition an Franz Obel weiter, dieser an Lisa Spalt, schließlich landete sie 2004 bei mir. Die edition ch wurde somit zu einer Wanderedition, die es auf diese Weise auf ein mittlerweile 25-jähriges Bestehen gebracht hat, und nach wie vor besteht sie nur aus der Herausgeberin oder dem Herausgeber, weitere MitarbeiterInnen gibt es nicht. Bei Einzeltiteln können sich die jeweiligen AutorInnen in unterschiedlichem Umfang auch als MitarbeiterInnen einbringen, indem sie Satz, Layout und Cover ihres Buches auch selbst gestalten. Bei den Anthologien der Reihe „Raum für Notizen“ layoute ich.

Die Programmschwerpunkte?

Und nach wie vor widmet sich die Edition der sprachreflexiven Literatur im transmedialen Spannungsfeld von Text, Bild und Klang, dann und wann kann auch mal Prosa erscheinen. Jedes ch-Buch ist ein Highlight, zuletzt erschienen die Anthologie „Räume für Notizen“ mit visuell-poetischen und essayistischen Beiträgen aus aller Welt, „Herzbau“ von Andrea Zámbori mit wunderbaren, hochpräzisen Zeichnungen, soeben aus der Druckerei gekommen ist „Und wieder vergisst der Tag dann die Nacht“, der neunte Band des autobiografischen und biografiereflektierenden Verwicklungsromans von Ilse Kilic und Fritz Widhalm aka „Das fröhliche Wohnzimmer“, in den Startlöchern steht gerade „für die fisch“ von jopa jotakin, „frische fischlyrik ohne hand und fuß, aber mit schuppen und flossen“, wie er selbst zu seinem Band meint, mit Zeichnungen von Andrea Knabl und Kala Haisee.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Musste es gar nicht. Wenn mich Lisa Spalt damals nicht gefragt hätte, wäre ich möglicherweise nie editionärisch tätig geworden – wenn mich dieser Bereich grundsätzlich immer auch interessiert hat, zum Beispiel hatte ich vor längerer Zeit mal ein Praktikum in einem Verlag gemacht.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

© Andrea Zámbori

© Andrea Zámbori

Ich verstehe mich vor allem selbst als Autor und habe auch ein wissenschaftliches Interesse an Sprache und Literatur. Dies prägt auch meine herausgeberische Tätigkeit, bei der sich drei Linien festmachen lassen: Zunächst einmal die Anthologien der Reihe „Raum für Notizen„, die keine bloßen Text-Bild-Sammlungen darstellen, sondern immer von konzeptuellen Überlegungen getragen sind. So habe ich beispielsweise mal Autorinnen und Autoren dazu eingeladen, einen Buchstaben nach Wahl visuell-poetisch umzusetzen („Ein Alphabet der visuellen Poesie“, 2010) oder die Form des Paragramms auszuloten („Paragramme – Ein Sammelband“, 2011) oder gemeinsam mit Jörg Piringer eine Zusammenstellung visueller und digitaler Poesie aus mehreren Ländern rund um den Globus herausgegeben („A Global Visuage“, 2012). Eine weitere Linie repräsentiert der biennal erscheinende Verwicklungsroman von Ilse Kilic und Fritz Widhalm, von dem bei meiner Vorgängerin Lisa Spalt schon die ersten drei Bände erschienen waren.

Schließlich gibt es auch die Einzelpublikationen, die in der edition ch auch möglich sind, wobei Einzeltitel an und für sich in größeren Verlagen besser aufgehoben sind. Als Autor kann ich nicht in dem erforderlichen Umfang andere Autorinnen und Autoren betreuen, aber zumindest mal eine erste Publikation mit Präsentationen ermöglichen. Der Grund, weshalb ich die edition ch übernommen hatte, war also die Möglichkeit, Projekte zu realisieren und ihnen eine Öffentlichkeit zu geben. Ich verstehe die Edition vor allem als Plattform für Texte und Bilder, die neue Wege wagen und daher auf dem konventionellen Markt oft schwerer auf Akzeptanz stoßen. Auch der interkulturelle Austausch war stets eine große Motivation: Die Reihe „Raum für Notizen“ startete 2006 mit „Grenzüberschneidungen. Peresečenija granic. Poesie Visuell Interkulturell“, worin herausgegeben von Juliana V. Kaminskaja und mir russische und deutschsprachige visuelle Poesie u.a. von Dmitrij Avaliani, Alexandr Gornon, Boris Konstriktor, Lenore Llinza, Brigitta Falkner, elffriede.aufzeichnensysteme, Heinz Gappmayr, Werner Herbst, Christine Huber, Erika Kronabitter, Gerhard Rühm und Liesl Ujvary versammelt wurde.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

© jopa jatakin

© jopa jotakin

Ich sitze inzwischen tatsächlich öfter am Computer als über Büchern und nutze das Internet, um die edition ch zu präsentieren, indem ich das Blog mit möglichst vielen Informationen ausstatte. Dazu gehören auch einige pdf-Files mit Leseproben, also Ansätze zum E-Book sind schon vorhanden.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Ich kenne keine Konkurrenz, ich bin für Vielfalt. Meinetwegen soll es in der Literatur alles Mögliche geben und die edition ch gibt es, damit es Bestimmtes eben auch gibt.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Als ich anfing, hatte ich keine Wohnungseinrichtung, aber eine Edition und fünf Projekte. Um editionärisch tätig zu sein, müssen bestimmte Rahmenbedingungen erfüllt sein.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Indem ich sie zu meinen Anthologieprojekten einlade. Bei Einzeltiteln muss eine ästhetische Wellenlänge mit mir als Autor gegeben sein.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Eigenauslieferung.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Für ein Fußfassen im Buchhandel sind die Mittel und Auflagenhöhen zu gering. Es gibt aber schon Nischenbuchhandlungen, die immer wieder mal an Publikationen der Edition interessiert sind und bestellbar sind die Bücher grundsätzlich ja immer und von jeder Buchhandlung.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Auf der Amazon-Homepage war ich schon lange nicht mehr. Ich empfehle, die Bücher im Buchhandel oder direkt bei der Edition zu bestellen. Das geht auch viel schneller als über Amazon.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

© Ilse Kilic / Fritz Widhalm

© Ilse Kilic / Fritz Widhalm

Veranstaltungen (Lesungen, Ausstellungen, Performances), Rezensionen, Workshops und so weiter – also verschiedene Formen der öffentlichen Präsentation, selbst organisiert, mitorganisiert oder indem ich anbiete. Sehr schön war zuletzt beispielweise die mit der Reihe „Raum für Notizen“ zusammenhängende Ausstellung „räume für notizen | rooms for notes“ in der Wiener Galerie wechselstrom von Renate Pittroff und Christoph Theiler, bei der 77 AutorInnen und bildende KünstlerInnen ausgestellt haben, über 90 Exponate waren es, und einige internationale Gäste zusammen mit VertreterInnen aus Österreich mit Lesung, Vortrag und Performance in der Alten Schmiede und in der Galerie aufgetreten sind. Das ist Vernetzung, wie ich sie mir vorstelle.

Wie halten Sie es mit dem Hauptverband des österreichischen Buchhandels?

Die edition ch ist zu klein für den Hauptverband.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Mir geht es eigentlich nicht um Marktnischen, sondern mehr um so etwas wie Kulturauftrag.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Für diese Gesprächsreihe vorschlagen möchte ich „Das fröhliche Wohnzimmer“ von Ilse Kilic und Fritz Widhalm, das schon seit 30 Jahren editionärisch und als Rundum-Kunst-Projekt in Wien sehr aktiv ist. Beide sind auch seit langem schriftstellerisch und eigentlich in allen Kunstformen tätig, Ilse Kilic ist derzeit auch Generalsekretärin der Grazer Autorinnen Autorenversammlung, des größten AutorInnenverbandes in Österreich. Und aus dem digitalen und Hybrid-Buchbereich TRAUMAWIEN und die edition taberna kritika. – Eine der Verantwortlichen der edition, nämlich Hartmut Abendschein, Betreiber des literarischen Weblogs taberna kritika und Mitbegründer von litblogs.net, kam hier meines Wissens bereits in einem anderen Zusammenhang zu Wort. Und nicht vergessen, die edition keiper, u.a. mit einem feinen, von Helwig Brunner betreuten Lyrikprogramm und den Klever Verlag von Ralph Klever, der sich sehr um die avancierte Literatur kümmert. U.a. erlesene visuelle Poesie und Anthologien zu Fragestellungen der Zeit in bibliophilen Ausgaben verlegt Batya Horn in ihrer Edition Splitter, Kerstin Lichtblau startete mit dem lichtblau verlag ein spannendes Label für Bild, Sound und Poesie. In der edition art science, u.a. mit der engagierten, von Erika Kronabitter herausgegebenen Reihe „Lyrik der Gegenwart“, ist zuletzt mit „hab den der die das“ eine umfangreiche Würdigung von Friederike Mayröcker erschienen, mit Beiträgen von 165 DichterInnen

Herzlichen Dank für diesen Einblick!

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

das Logo © edition ch

das Logo © edition ch

Die edition ch im Netz:

Die Homepage/das Blog: http://editionch.at/

Und bei Facebook: https://www.facebook.com/pages/Edition-ch/583087415150799?fref=ts

3 thoughts on “„Die edition ch gibt es, damit es Bestimmtes eben auch gibt.“ SteglitzMind stellt Günter Vallaster von der edition ch vor

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