„In den Niederlagen des Alltagsgeschäftes erinnere ich mich an die Erfolge.“ – SteglitzMind stellt Eckhard Brauer vom Derk Janßen Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute erfahren wir mehr über Eckhard Brauer, Mitverleger und Lektor im Derk Janßen Verlag.

Vorgeschlagen hatte das Jörg Braunsdorf von der Tucholsky-Buchhandlung. Jörg ist übrigens Mitveranstalter von READ!BERLIN, einem Literaturfestival, das der Digitalisierung der Gesellschaft, des Literaturgeschäfts und neuen Erzählformen Rechnung tragen will. Es findet vom 24. bis 30. April 2015 vornehmlich rund um die Berliner Torstraße statt.

Eine Skizze vom Verlag …

Der Verlag wurde 2005 in Freiburg im Breisgau von Derk Janßen mit Buchideen zum amerikanischen Transzendentalismus gegründet. 2011 trat Eckhard Brauer als Partner in den Verlag ein und der Verlag erweiterte sein Programm um die Herausgabe von zeitgenössischer Lyrik, 2013 kam zeitgenössische Prosa hinzu. 2014 erhielt der Verlag für sein literarisches Gesamtprogramm den Landespreis für literarisch ambitionierte kleinere Verlage des Landes Baden-Württemberg.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

janßen_S.F.A._WiGDas habe ich meinen Cousin vor zehn Jahren auch gefragt und er hat gemeint, es müsse sein. Im Ernst: Der Verlagsgründer Derk Janßen hat sich innerhalb seiner juristischen Doktorarbeit von der Juristerei immer weiter entfernt und der Literatur genähert, wobei er in seiner Arbeit ausgegangen ist von Herrmann Broch, der wohl auch eher als Literat bekannt ist als Jurist. So gelang er irgendwann in die Tiefen der Amerikanischen Transzendentalisten des 19. Jahrhunderts, stieß auf Walt Whitman und Ralph Waldo Emerson und hatte die Idee, diese großen amerikanischen Denker des 19. Jahrhunderts auch den deutschen Lesern (wieder) nahe zu bringen und gründete mit dem Verlag irgendwie auch wieder einen Club der toten Dichter, der zunehmend auch prominente Anhänger fand und findet.

Nach einer Zäsur kam 2010 der Lyriker S.F. Ahrens auf uns zu, mit der Idee, Gedichte als „Flugblätter“ in einer Reihe Flugblätter Lyrik zu verlegen, eine Loseblattsammlung, gedruckt auf edlem Papier, eingelegt in kleinen Umschlagkartons im Jackettaschenformat. Und korrespondierend zu diesem Format stellte uns Ahrens die Idee seiner geplanten Trilogie „Worte im Gehen“ vor. Unter diesem Titel stellten wir auch seinen ersten Band 2011 vor. Seitdem bin auch ich aktiv im Verlag, habe das Lektorat übernommen, organisiere und betreue Lesereisen der Autoren im Norden der Republik. Der Verlagssitz ist in Freiburg im Breisgau, ich selbst lebe in Kiel.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

In erster Linie aus den persönlichen Begegnungen mit den Autoren und in der Auseinandersetzung mit ihrer Sprache. In den Niederlagen des Alltagsgeschäftes erinnere ich mich an die Erfolge. Zuletzt an den Förderpreis für literarisch ambitionierte Kleinverlage des Landes Baden Württemberg, der uns angesichts unseres sehr überschaubaren Sortiments eher unverhofft erreichte.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

Wir machen (noch) keine elektronischen Bücher. Die Kommunikationsmöglichkeiten sind gerade für mich, 860 Kilometer vom Verlagsstandort entfernt, unverzichtbar.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Das kann ich so nicht sagen. Gestalterisch und inhaltlich mögen sich Dritte (gern positiv) dazu äußern. Andere unabhängige Verlage nehmen wir sehr viel eher als Kollegen denn als Konkurrenten wahr.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Ich würde gern auf die teuersten Fehler verzichten.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Bislang auf persönliche Empfehlungen hin.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

(Noch) direkt selbst.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

janßen_H.H._SchutzgebietGrundsätzlich immer zu wenig. Wir suchen nach Buchhandlungen, zu deren Sortiment unsere Formate passen könnten. Zuletzt in der Tucholsky-Buchhandlung in Berlin, dessen Inhaber unsern Verlag für Ihren Blog vorgeschlagen hat. Auf einen Barsortimenter haben wir zeitweise ganz verzichtet.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Persönlich beiße ich mir jetzt auf die Zunge. Als Mitverleger kann ich sagen, sind unsere Berührungspunkte bislang eher klein. Ansonsten gilt -wie bei den Anderen auch – zu besorgen, dass unsere Rezensionsexemplare, die wir an die „Großkopferten“ schicken, von denen direkt auf die Rampe gen Amazonschlund landen. Dann ist es irgendwie bedrückend und gleichermaßen drollig, wenn Kulturredakteure in ihren Medien den Verlust der Art(en)vielfalt durch Amazon und Co beweinen, während in den Katakomben der Sendeanstalten und Redaktionen unsere Bücher über die Rampen rauschen.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Grundsätzlich zu wenig; Lesungen, Flyer, Klinkenputzen, all das, was die Anderen auch mit wenig Geld machen können. Aber an dieser Stelle nenne ich mal mein Highlight der Bücherjahre 2013 bis 2015: Die Erzählung, „Im Schutzgebiet“ von Hans Hoischen und konterkariere damit den Aktualitätswahn gleichermaßen wie den Jugendwahn in der Branche.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Wir sind kein Mitglied. Der mögliche Nutzen rechtfertigt zu diesem Zeitpunkt nicht die aufzuwendenden Kosten.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Zielgruppe sind bestenfalls bibliophile Leser mit großer Freude an unserer anspruchsvollen Muttersprache. Das ist zumindest unser Anspruch. Was die Marktnische angeht, klingt es vielleicht ketzerisch, wenn ich sage, eine solche Melange an Formaten ist so marktfremd, dass sie hoffentlich schon wieder auffällt. Jedenfalls ist das Programm in seiner Abfolge schon etwas außergewöhnlich: Da wird als erstes mit Walt Whitman der vielleicht größte amerikanische Lyriker nicht als solcher (neu) verlegt, sondern wird für viele doch überraschend als politischer Essayist vorgestellt. Wenn man aber in seinem Werk „Demokratische Ausblicke“ liest und er über die Spekulanten als „Vulgärlinge“ herzieht, dann hat man den Eindruck, den Börsenboom unserer Tage vor Augen, das Buch sei gestern geschrieben worden. Dann folgt zeitgenössische Lyrik, die jedenfalls monetären Segen so gut wie nie verspricht und erst dann zuletzt öffnet sich der Verlag mit der ersten Erzählung der zeitgenössischen Prosa.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

janßen_W.W._AusblickeDurch die marktfremde Melange aufzufallen. So könnte ich die nächste Frage gleich mit beantworten mit dem Risiko, nicht aufzufallen. Aber ohne Lakonie, besteht die Chance darin, Bücher ganz grundsätzlich so zu gestalten, dass sie sich von der Masse abheben und nicht nur uns gefallen. Der Buchhändler sollte bestenfalls das Buch in den Händen halten und sagen: Na, das ist doch mal was anderes, das verkaufe ich gern und diese Freude am Buch an den Leser weiterreichen.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Die Schwierigkeit liegt darin, dass schon der Herstellungsprozess zeitaufwändig ist und dann oft die Mittel fehlen, die nötige Aufmerksamkeit zu erreichen. Vermarktung und Vertrieb sind besonders für uns Kleinverleger die Achillesferse. Das Buch muss erst mal in die Hände des Buchhändlers gelangen, oder für uns natürlich noch besser gleich in die Hände des Lesers.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Ihre wortwörtliche Unabhängigkeit und Freiheit und die dort dementsprechend sich engagierenden Menschen mit ihrem Idealismus.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Ich halte mich hier nicht für einen geeigneten Ratgeber, habe aber den Eindruck, jetzt gerade auch auf der Leipziger Messe, gewonnen, dass bei den technischen Möglichkeiten heute das finanzielle Risiko sich doch auch sehr in Grenzen halten kann. Vermutlich war es noch nie so günstig, einen Verlagsballon mal steigen zu lassen. Für einen nachhaltig wirtschaftlich funktionierenden Verlag, sollten an dieser Stelle Verleger zu Wort kommen, die aus ihrer Passion auch einen Brotberuf machen konnten.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Eine Reihe von Verlagen, die ich empfehlen könnte, sind bei Ihnen schon zu Wort gekommen. Reinicke & Voss – der Verlag ist noch nicht dabei, den ich hier gern vorschlagen möchte. Das Lyrikprogramm dieses Leipziger Verlags ist sehr beachtlich. Auch den Achter Verlag von Wolfgang Orians, den wir in Leipzig auf der Messe kennengelernt haben, möchte ich empfehlen. Die Art der Buchgestaltung wie auch besonders die Präsentation hat uns sehr beeindruckt. Unsere Gespräche drehten sich – nicht wirklich überraschend – um die Fragen, die hier im Blog gestellt werden.

Herzlichen Dank für diesen Einblick!

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

das Logo © Derk Janßen Verlag

das Logo © Derk Janßen Verlag

Der Derk Janßen Verlag im Netz:

Die Homepage: www.derk-janssen-verlag.de

 

2 thoughts on “„In den Niederlagen des Alltagsgeschäftes erinnere ich mich an die Erfolge.“ – SteglitzMind stellt Eckhard Brauer vom Derk Janßen Verlag vor

  1. Liebe Gesine,
    das ist ja mal ein hochinteressanter Verlag. Mir Haben die nüchternen Antworten sehr gut gefallen, vielleicht auch, weil hier mal richtig viele Informationen rübergekommen sind. Dass diese Leute mit Leidenschaft dabei sind, kann man ja eh voraussetzen. Jedenfalls ist das das erste Interview, dass mich nun spontan zum Kauf von gleich zwei Büchern des Verlages verführt hat. Der Essay von Whitman interessiertmich sehr und auch der Prosatext von Hans Hoischen, einem mir völlig unbekannten Autor, hat mich gleich angesprochen.
    Liebe Grüße und mal wieder ein dickes Danke Schön für diese interessante Reihe
    Kai

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