„Das zu bewahren, ist eine wunderbare und nötige Idee.“ – Im Gespräch mit der ehemaligen Volksbuchhändlerin Heike Wenige

Heike Wenige (geb. 1969) wurde nach einer buchhändlerischen Lehre 1986 – 1988 von ihrem Ausbildungsbetrieb, der „Akademischen Buchhandlung für Montanwissenschaften“ in Freiberg, übernommen. Geleitet wurde der volkseigene Betrieb, in dem Heike die M-L-Literatur und das Kinderbuch verantwortete, seit 1972 von Barbara Hackel, die den Betrieb mit ehemals 18 Mitarbeitern und zwei Lehrlingen nach der Privatisierung in Eigenregie weitergeführt hat. Heike wechselte 1992 nach Chemnitz in die Buchhandlung einer Freundin. 1994 kehrte sie zurück nach Freiberg, wo sie im November ihren Taschenbuchladen eröffnet hat.

 Wie hat mein Versuch auf dich gewirkt, die Geschichte des DDR-Buchhandels zu rekonstruieren?

Ich als Volksbuchhändler finde das natürlich super spannend, das war auch mein erster Gedanke. Der zweite war, wie viele Volksbuchhändler findet man denn noch? Und die Skizzen zum Buchhandel in der DDR zu lesen war dann doch irgendwie schmerzhaft….

Warum sollte uns die Geschichte des DDR-Buchhandels überhaupt noch beschäftigen?

Heike Wenige © Marco Borrmann

Heike Wenige © Marco Borrmann

Und das fand ich dann eben sehr wichtig; dass sich jemand so mit diesem Thema auseinandersetzen möchte, Erinnerungsansätze schafft, wo andere die Lücken füllen können und was sich zu einem Gesamtbild, besser einem Erinnerungsbild des Volksbuchhandels entwickeln kann … Das gehört zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte unbedingt dazu und meines Wissens hat sich da noch keiner so an dieses Thema herangewagt. Außer den beiden Publikationen von Börner/Härtner „Im Leseland“ und „Das Monopol“ von Jürgen Petry ist mir nichts bekannt. Und diese beiden Bücher erklären nur einen Teil des Ganzen, die Führungsebenen bzw. den LKG. Die Buchhändler, die im Laden standen können ganz andere Geschichten erzählen… Das zu bewahren, ist eine wunderbare und nötige Idee.

Sicherlich wirft meine Skizze mehr Fragen auf als sie Antworten geben kann. Wo hast du besonders viele Fragezeichen gesetzt?

Da ich ja eher ein Küken unter den DDR-Buchhändlern bin ist mir beispielsweise der Einfluss der SED auf die Buchproduktion im Gesamten gar nicht so bewusst gewesen damals. Das war für mich und meine Generation von Buchhändlern schon nicht mehr so spürbar.

Deine Erfahrungen im volkseigenen Buchhandel speisen sich aus den Jahren unmittelbar vor der Wende. Hattest du den Eindruck, dass sich gewisse Strukturen und Anforderungen die das Ziel hatten, Euren Alltag zu reglementierten, in Auflösung befanden?

Ja, unbedingt! Es war ja die Zeit von Glasnost und 1988 wurde der Sputnik verboten … Politisches/gesellschaftliches Geschehen wurde freiweg in der Frühstücksrunde diskutiert. Das war unglaublich spannend. Von Reglementierungen habe ich eben nichts gespürt. Ich musste als Lehrling ja nicht mal mehr ein FDJ-Hemd zur Demonstration am 1. Mai anziehen.

Welche Probleme haben dich als junge Buchhändlerin in der DDR besonders umgetrieben und was gab dir trotz aller Schwierigkeiten Antrieb?

Ich „durfte“ einen wunderbaren Beruf erlernen! Und wie schon gesagt, die gesellschaftlichen Probleme befanden sich gerade in öffentlicher Diskussion und in Auflösung. Unser „Kollektiv“ war so eine soziale Einheit. Auch die theoretische Ausbildung in Leipzig an der Buchhändlerschule war schon äußerst liberal geprägt. Naja und letzten Endes war ich schon ganz glücklich, wenn auch ich eines der begehrten Bücher bekommen habe.

Seit 1994 führst du dein eigenes Geschäft, den Taschenbuchladen im sächsischen Freiberg. Erfolgreich! Meinst du, dass deine Erfahrungen im volkseigenen Buchhandel auch Teil deines Erfolgsrezeptes sind? – Wenn ja, welche Standards und Erkenntnisse beziehst du heute noch in deine Arbeit ein?

Auf alle Fälle ist das literarische Wissen, auf das zu DDR-Zeiten und in unserer Ausbildung großer Wert gelegt wurde (anders als heute), eine wichtige Basis gewesen. Und in unserer Buchhandlung gab es damals schon einen hohen Standard im Umgang mit dem Kunden und den damals möglichen Serviceleistungen. Das prägt natürlich…

Gibt es etwas, was du aus der DDR gerne in die BRD „rübergerettet“ hättest?

Was meinen Beruf betrifft? Ja, vermisst hatte ich das kollektive Lesen. Zumeist haben wir ja alle das gleiche Buch gelesen und darüber debattiert. Da ging es noch wirklich um Inhalte und nicht um verkaufte Stückzahlen. Das Buch als Kulturgut, ja, darüber müsste man mal wieder lauter nachdenken.

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Zum Vorhaben:

Viel wissen wir über die Geschichte des DDR-Buchhandels nicht. Während das „Schicksal der DDR-Verlage“ verschiedentlich aufgearbeitet wurde (z.B. Christoph Links 2009), wurde die Entwicklung im Buchhandel noch kaum betrachtet. Wie sah der berufliche Alltag für Sortimenter in der DDR eigentlich aus? Wie haben Buchhändler die Wende und die Wiedervereinigung erlebt?

Dietrich Löffler, der sich mit dem Funktions- und Strukturwandel des Buchhandels in der DDR beschäftigt hat, meint aufgrund der Quellenlage sogar, dass sich die Vorgänge heute nur noch über Berichte von ehemaligen Mitarbeitern rekonstruieren lassen. Hier möchte eine Initiative auf SteglitzMind ansetzen. Gesucht werden Zeitzeugen, die ihre Erfahrungen einbringen.

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