„Würde ich Schlagzeug spielen, wäre es wahrscheinlich ein Label geworden.“ – SteglitzMind stellt Ulf Stolterfoht von Brueterich Press vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute steht Ulf Stolterfoht von Brueterich Press Rede und Antwort. Vorgeschlagen hatte das Bertram Reinecke von Reinecke & Voß.

Eine Skizze vom Verlag …

Ulf Stolterfoht © Ayse Yavas

Ulf Stolterfoht © Ayse Yavas

Angemeldet hatte ich den Verlag schon im März 2011, es hat dann aber doch bis zum März 2015 gedauert, bis die ersten drei Bücher erscheinen konnten. Was, von heute aus betrachtet, auch ganz gut so war. Der Verlag hat zwei Standorte, Berlin-Schöneberg und Feistritzwald in der Steiermark.

Ein Einzelkämpfer?

Ich mache bisher alles alleine, also auch die Auslieferung, nur die Gestaltung liegt in fremden Händen, nämlich denen der Stuttgarter Agentur gold & wirtschaftswunder, und in Stuttgart wird auch gedruckt.

Die Programmschwerpunkte?

Bei BRUETERICH PRESS erscheinen Lyrik und Lyriktheorie, beides im Original und in Übersetzung. Bisher lieferbar sind drei Bücher, zwei Gedichtbände von Hans Thill und Oswald Egger, und ein Theoriebuch von Franz Josef Czernin – bisher nur analog, eBooks sind aber für die Zukunft eine Option, vor allem für Wiederveröffentlichungen oder zweite Auflagen.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Da ich mich nur mit Lyrik auskenne, zumindest ein bisschen, kam nichts anderes in Frage. Und für jemanden, der selbst auch nur Lyrik schreibt, ist es schön, wenn er morgens mal rauskommt, Bücher zur Post bringen, Versandtaschen kaufen, mit BuchhändlerInnen Kaffee trinken. Solche Sachen. Würde ich Schlagzeug spielen, wäre es wahrscheinlich ein Label geworden.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Zu sehen, dass man auch mit relativ wenig Geld relativ viel anstellen kann, ist eine prima Sache. Dazu kommt die allseits bekannte Lyrikunlust bei den großen Verlagen, die sich in den nächsten Jahren eher noch steigern wird, wenn ich die Zeichen richtig deute. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass es Lyrik in zehn Jahren nur noch in kleinen oder sehr kleinen Verlagen geben wird. Vielleicht ist das auch gar nicht so schlimm. – Ich glaube mittlerweile, dass es gut ist. Und das sage ich nicht nur als Miniverleger, sondern in erster Linie als Autor.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

Bei mir hat sich in den paar Monaten natürlich nichts verändert. Was sich sicher ändern wird, sind die absurd hohen Preise, die derzeit von den sogenannten. Publikumsverlagen für eBooks verlangt werden. Hier sind die Kleinen sicher im Vorteil, weil es für sie viel einfacher ist, für ein eBook das zu verlangen, was es in der Produktion tatsächlich kostet. Was Lyrikbände betrifft, wird das alles wohl etwas länger dauern, aber ich denke, dass es auch hier zu Veränderungen kommt. Ich sehe das als große Chance, nicht als Bedrohung.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Die Lyrik bei BRUETERICH PRESS ist etwas schwieriger und die Bücher sind etwas teurer als üblich. Der Rest ist sicher ähnlich.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Ich frage Freunde, ob sie Lust haben, ein Buch zu machen.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Durch morgendliche Gänge zur Post (siehe oben).

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Ich versuche, Buchhandlungen dazu zu überreden, BP-Depots anzulegen. Das klappt ganz gut. Bisher gibt es solche Depots in Berlin, Köln, Düsseldorf, Südtirol und hoffentlich bald auch in Wien und Zürich. Darüber hinaus gibt es Buchhandlungen, die die Bände abonniert haben, und solche, die sie in Kommission nehmen. Insgesamt dürften es noch ein paar mehr sein. Natürlich kann jede Buchhandlung auch ganz normal über das VLB bei mir bestellen.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Diesbezüglich überhaupt keine Ambitionen.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Was für die Buchhandlungen gilt, gilt genauso für die Leser: ich versuche möglichst viele Menschen zu einem BP-Abo zu überreden. Im Moment gibt es 56 AbonnentInnen. Bei 75 Abos wären die Druckkosten weitgehend abgedeckt. Ansonsten: Flyer, Email-Verteiler, Facebook, Lesungen. Wenn man an den richtigen Türen klopft, gehen die manchmal auch auf. Wobei das Klinkenputzen für mich sicher einfacher ist als für jemanden, der „nur“ verlegt und selbst nicht schreibt.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Ich bin kein Mitglied. Weiß auch nicht, ob die mich nehmen würden.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Zu 80% für Leute, die selbst auch Lyrik schreiben und veröffentlichen. Mir kommt das aber nicht schlimm vor – das ist eben so.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Darin, daß die großen Verlage die Lyrik drangegeben haben. Und in der Tatsache, dass kaum jemand nein sagt, wenn ich ihn / sie um ein Buch bitte. (Wobei diese beiden Dinge wahrscheinlich auch miteinander zu tun haben.)

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Keine. Wenn sich der Verlag nach drei Jahren nicht trägt, werde ich wieder aufhören damit.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Kann ich nicht beantworten. Für mich ist die Independent-Szene die einzige Szene.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Es einfach zu versuchen. Allerdings ohne das Ziel, davon leben zu wollen.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Meinen Schöneberger Nachbarn, den Quiqueg Verlag.

Danke sehr für diesen Einblick!

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

das Logo © Brueterich Press

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Brueterich Press im Netz:

www.brueterichpress.org/

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