Mangel im Überfluss: „Von einer Auswahl kann niemals die Rede sein.“ Buchhandel in der DDR (Teil 4)

Womöglich habe ich mir mit dem Vorhaben, die Geschichte des DDR-Buchhandels auszuloten, zu viel vorgenommen? Je länger mich die Materie allerdings beschäftigt, desto mehr Fragen stellen sich, die nur diejenigen beantworten können, die dabei gewesen sind.

Trotzdem habe ich Mut zur Lücke: In fünf Folgen werde ich darlegen, was ich bisher zur Entwicklung des Buchhandels in der DDR (Teil 1 – 4) und nach der Wende (Teil 5) trotz spärlicher Quellen recherchiert habe. – Warum wage ich diese Skizze? Weil ich mir erhoffe, dass sich Zeitzeugen einfinden, die das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtrücken und/oder Lücken schließen.

Eine Zusammenstellung der verwendeten Quellen findet sich hier.

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Autokennzeichen der DDR © GvP

Autokennzeichen der DDR © GvP

Eigentlich hätten sich die Verantwortlichen in den staatlichen Leitungen, die den Literaturvertrieb kontrollierten, relativ früh bewusst sein müssen, dass sich der Buchhandel in generalis nicht auf Linie trimmen ließ. Nicht etwa, weil er in Opposition zum System gestanden hätte, sondern, weil sich Lesebedürfnisse nicht per Dekret steuern lassen. Dass die Partei dennoch bis 1989 am Versuch festhielt, dem Buchhandel eine Funktion als Transmissionsriemen ihres jeweiligen ideologischen Kurses zuzuschreiben, gehört mit zu den Paradoxien der DDR-Geschichte. Aus heutiger Sicht mag man über die systemimmanenten Widersprüche, die auch so manche kuriose Blüten trieben, gerne den Kopf schütteln. Allerdings darf man darüber nicht das menschliche Leid vergessen.

Wer in die Prozesse involviert war, dem dürfte bereits in den frühen Jahren der DDR klar gewesen sein, dass die Absatzschwierigkeiten und –krisen nicht jenen angelastet werden konnten, die die Literatur vertrieben. Eine deutliche Warnung etwa waren die ständig lauter werdenden Forderungen des Volksbuchhandels, in den Produktionsplänen die Lesebedürfnisse stärker zu berücksichtigen und solche Titel nachzudrucken, die bei den Kunden gefragt waren. Tatsächlich fehlte es bereits im ersten Halbjahr 1961 an nahezu allem: Kochbücher, der Duden oder leichte Unterhaltungsliteratur waren ebenso wenig greifbar wie Reiseführer zu Zielen, die für DDR-Bürger damals erreichbar waren. Dass ausgerechnet jene Bücher nicht vorrätig waren, auf deren Erbe sich die „Literaturgesellschaft“ offiziell berief, stieß so manchen vor den Kopf:

„Es fehlten Koch-, Back-, Camping- und Ehebücher, Ratgeber über Säuglingspflege, Handwerks- und Haushaltskniffe, Gartenpflege und Pilze, Konzert- und Opernführer, ein Auto-Atlas und ‚Wir schneidern selbst‘. Solche Titel waren meistens bereits vorm Erscheinen hoffnungslos ‚überzeichnet‘, wie der ‚Duden‘, von dem zwar immerhin 37.000 Stück gedruckt, aber 115.000 Exemplare bestellt waren. Es gab, wie beklagt wurde, zwar kein Buch über Usedom, aber zwei über Guinea und nicht weniger als 26 Titel über die Novemberevolution. Was Belletristik anging, so waren im ersten Halbjahr 1961 von 1.399 angekündigten Titeln 579 entweder nicht erschienen oder stark überzeichnet, während andere verlangte Bücher längst aus den Plänen gestrichen waren. […]. Besonderen Anklang finden bei der Bevölkerung Bücher von W. Busch (Busch-Album), Zille und Simmel. Viel verlangt werden Bücher, die sich in heiterer und besinnlicher Form mit den Umgangsformen im öffentlichen Leben beschäftigten, doch alle diese Bücher sind seit langem vergriffen. […]. Verlangt wurden Shakespeare, Balzac, Stendal, Hugo Dickens, Thackeray, Tolstoi, Turgenjew, Puschkin, Dostojewski, aber selten konnte ein Titel angeboten werden. Von einer Auswahl kann niemals die Rede sein. Sogar in der Volksbuchhandlung am Alexanderplatz, kurz vor dem Mauerbau ein Schaufenster von strategischer Bedeutung, starrten den zahlreichen Freunden des ‚Kritischen Realismus‘ nur noch leere Regale entgegen. Aus allen Kreisen der Bevölkerung werden namentlich Werke der Brüder Mann, von Feuchtwanger, Fontane, Storm, Hauptmann und v. Eichendorff verlangt, von den russischen Schriftstellern die von Dostojewski, Tschechow, Tolstoi und Gogol, und von französischen Schriftstellern die Titel von Balzac, Zola, Maupassant und Diderot. – Außerdem dem Buch ‚Der Untertan‘ von H. Mann kann in dieser Richtung keinen Wünschen entsprochen werden. […]. Von Seiten der Kundschaft wurde bemängelt, dass zwar die Urne des Dichters in die DDR überführt worden ist, die Presse, Rundfunk und Fernsehen diese Tatsache entsprechend publizieren, der Buchhandel jedoch keine Literatur von Heinrich Mann anbieten kann. […] Allgemein ist zu sagen, dass es gegenwärtig keine Titel eines Klassikers der Weltliteratur gibt. Besonders krass ist das bei Goethe und Schiller.“ (Zit. nach Barck/Langermann/Lokatis 1997, S. 165f.)

Sehr wohl wurde die Misere im Buchhandel, die ursächlich zu Lasten der Kulturpolitik ging, immer wieder offen thematisiert. Sowohl in informellen Gesprächen auf verantwortlichen Ebenen wie auch während der offiziellen Runden, die im Ministerium für Kultur, bei der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel oder in den sogenannten Literaturarbeitsgemeinschaften stattgefunden haben. Eine wichtige Quelle für die Recherche sind zweifelsohne die Jahresberichte der Zentralen Leitung des Volksbuchhandels, die ab 1959 regelmäßig angefertigt wurden. Anfangs mussten die Rechenschaftsberichte vor der Abteilung Finanzverwaltung und Parteibetriebe des ZK der SED, später dann vor der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im Ministerium für Kultur vom amtierenden Hauptdirektor des Volksbuchhandels erläutert und verteidigt werden. Heinz Börner, Hauptdirektor ab 1983, berichtet, dass die Probleme im Laufe der Jahre in den Berichten immer offener und kritischer zur Sprache gekommen seien. Die Einflussmöglichkeiten dagegen, diese zu beheben, seien im Gegenzug immer geringer geworden.

Informationen über die Lesebedürfnisse kamen auch von den so genannten Testbuchhandlungen, die damals vorrangig von Fachbuch-Verlagen mit dem Ziel betrieben wurden, empirische Daten für die eigenen Planungen zu gewinnen. Intensive Buchmarktforschung betrieb die Zentrale Auslieferung LKG. Hier existierte eigens die Abteilung Bedarfs-/Buchmarktforschung, die die regelmäßigen Ergebnisse von Befragungen unter Kunden der Volksbuchhandlungen auswertete und dokumentierte. Ab 1965 unterstand sie direkt Georg Lindorf, dem damals frisch ernannten Finanzchef der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel. Um den Wünschen der Leser noch besser auf die Spur kommen zu können, organisierte LKG ab den späten 1970er sogar im großen Stil Umfragen unter der Bevölkerung. Wie das 1957 in Leipzig gegründete Institut für Marktforschung im Übrigen auch, das regelmäßige Erhebungen zum Lese- und Freizeitverhalten durchführte. – Die Ergebnisse flossen in die Jahresberichte der LKG ein, die an die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel gingen. Ein Zitat aus dem Rechenschaftsbericht aus dem Jahr 1971 belegt, dass sich die Lage seit 1961 nicht entspannt hatte. An Nachschlagewerken, Klassikern und Unterhaltungsliteratur herrschte weiterhin Mangel.

Es fehlten Nachauflagen von Wörterbüchern, darunter medizinische Wörterbücher. Die Auflagenhöhen von biologischen Bestimmungsbüchern sowie Titel von Titeln über Familie, Ehe, Lebensweise waren nicht ausreichend. Besonders unzureichend waren die Auflagen der Gartenbücher des Neumann-Verlages, der Koch- Back- und Haushaltsbücher vom Fachbuchverlag und vom Verlag für die Frau. Im Bereich der schöngeistigen Literatur fehlten über die ‚Bibliothek der Klassiker‘ hinaus ein Grundsortiment ständig lieferbarer Titel des deutschen kulturellen Erbes. […]. Nicht befriedigt wurde der Bedarf an utopischer und Kriminalliteratur sowie im historischen und humoristischen Genre. Bei der Kinderliteratur bestehen Lücken im Angebot für das Erstlesealter und in Titelzahl und Auflagenhöhe bei Kinderbuchreihen.“ (Zit. nach Löffler, o.J., S. 20.)

Ein Organ, das sich – wie Heinz Börner anmerkt – für die Belange der Sortimenter stark gemacht hat, soll die Fachzeitschrift „Der Volksbuchhändler“ gewesen sein. Sie wurde ab Dezember 1958 erst monatlich, später zwei Mal monatlich von der Zentrale Leitung des Volksbuchhandels herausgegeben. Über die Gründe, warum die Fachzeitschrift 1965 urplötzlich vom Markt verschwunden ist, mag man spekulieren. Da das Blatt damals bei den Branchenteilnehmern beliebter gewesen sein soll als das Leipziger „Börsenblatt“, kann man unterstellen, dass „Der Volksbuchhändler“ den Interessen der Branche mehr entsprach als das Organ vom Leipziger Börsenverein für den deutschen Buchhandel.

Obwohl der volkswirtschaftliche Schaden beträchtlich war, drangen die kritischen Stimmen oben nicht durch. Zwar wurden gelegentlich Auflagenhöhen korrigiert oder Nachauflagen gedruckt. Das grundsätzliche Problem allerdings, dass der Überproduktion vom politisch genehmen „Schwerpunkttiteln“, die nicht gekauft wurden, ein permanenter Mangel von nachgefragten Büchern gegenüberstand, wurde nie gelöst. Um den Bedarf befriedigen zu können, ging der Buchhandel früh dazu über, marktfähige Bücher in größeren Mengen vorzubestellen als am Point of Sale tatsächlich gebraucht wurden. Anfangs waren davon vorrangig Kinderbücher und Kalender betroffen, später nahezu alles, was man für lesenswert hielt. Damit wurde eine folgenschwere Entwicklung in Gang gesetzt, der man trotz verschiedener Versuche, diese wieder zu stoppen, bis zum Ende der DDR nicht mehr Herr werden sollte.

Ende der 1960er ging LKG dazu über, die marktfähigen Titel, die wissentlich überproportional häufig geordert wurden, nach einem speziellen Verteilerschlüssel an den Buchhandel auszuliefern. 69% erhielt der Volksbuchhandel. 24% gingen an den Buchvertrieb der Nationalen Volksarmee und die verbliebenen 7% an die privaten Buchhandlungen. Schon 1970 lieferte LKG nahezu 25% aller Titel gekürzt aus, im Bereich Belletristik/Kinderbuch waren fast 50% betroffen (Petry 2001, S. 105.) Da die Sortimenter jetzt dazu übergingen, ihre Bestellungen auf Grundlage der zu erwartenden Kürzungen zu kalkulieren, spitzte sich die Lage dramatisch zu. In den 1980ern Jahren wusste man sich schließlich nicht mehr anders zu helfen, als die Bestellungen administrativ zu kürzen. Von den Kürzungen ausgenommen waren: die Testbuchhandlungen der Verlage, der seit 1966 eigenständig geführte Buch- und Zeitschriftenvertrieb der Nationalen Volksarmee, die Bibliotheken, die Bücher, die für den Export bestimmt waren, sowie die Ostberliner Brecht-Buchhandlung in der Chausseestraße, die zu einem Mekka für begehrten Lesestoff wurde. – Fortan war der DDR-Buchmarkt zweigeteilt: in eine kleine, privilegierte Gruppe, die Bücher uneingeschränkt beziehen konnte, und das Gros jener, deren Bestellungen nur selten zufriedenstellend erfüllt wurden.

Die Entwicklungen schlugen sich auch in der „Ordnung für den Literaturvertrieb“ nieder. Hatte die Fassung von 1976 Kunden noch die Möglichkeit eingeräumt, Titel unverbindlich vormerken zu lassen, ließ die buchhändlerische DDR-Verkehrsordnung das ab 1981 nur noch in dem Fall zu, wenn die Buchhandlung sicherstellen konnte, dass die Titel auch geliefert wurden. Dass diese Regelung in der Praxis vielfach unterlaufen wurde, ist zu vermuten.

Aus den Fugen geriet der Buchmarkt vollends als den Verlagen die Handhabe eingeräumt wurde, Teile ihrer Auflagen für die Auslieferung an den Buchhandel bei LKG zu blockieren. Da die Verlage immer reger davon Gebrauch machten, Bücher für den Eigenbedarf oder den Export für sich zu reklamieren, verknappte sich gerade die Menge jener Titel zusehends, die nachgefragt wurden. Einem Bericht der LKG zufolge waren Ende 1987 in den Bereichen Belletristik, Kinder- und Jugendliteratur, Sport-, Freizeit- und Ratgeber 12% des gesamten lieferbaren Bestandes geblockt (Löffler, o.J., S. 21.) Zu Irritationen sowohl bei den Sortimentern wie bei den Kunden kam es häufig dann, wenn die Verlage bei LKG verfügten, die Blockierungen wieder aufzuheben, und plötzlich Titel im Buchhandel auftauchten, die offiziell längst als vergriffen galten.

Das Geschäftsgebaren der Verlage dürfte bei den Sortimentern auf ebenso wenig Verständnis gestoßen sein wie der Tatbestand, dass es insbesondere der Buchvertrieb der NVA als ungekürzter Bezieher gewesen ist, der gängige Waren in hohen Stückzahlen vom Markt abschöpfte und damit dem Volksbuchhandel den Umsatz streitig machte. Einige Beispiele, wie sich das Verhältnis zwischen Buchbestellung und Buchbezug im 1. Quartal 1989 ausnahm, bringt Dietrich Löffler. So waren etwa von Boccaccios „Decamerone“ 20.000 Exemplare gedruckt worden. Vom Volksbuchhandel vorbestellt waren 91.797 Ausgaben. Bei der Zentralen Auslieferung LKG angeliefert wurden 19.885 Bücher, durch den Verlag blockiert waren 10.000. An die circa 710 Volksbuchhandlungen gingen schließlich 5.108 Exemplare, an den Buchvertrieb der NVA mit seinen damals etwa 139 Verkaufsstellen 4.777 Exemplare. (Löffler, o.J., S. 23.)

In ihrer „Geschichte des Volksbuchhandels“ halten Börner/Härtner fest, dass der Volksbuchhandel als gekürzter Bezieher zwischen 1987 und 1989 selbst bei hohen Auflagen oftmals gänzlich leer ausgegangen sei. Diese Erfahrung teilt auch Heike Wenige. In ihrer Wirkungsstätte, der Freiberger „Akademischen Buchhandlung für Montanwissenschaften“, herrschte in den späten 1980er immer dann besonders große Aufregung, wenn die Paletten von LKG eintrafen: Was war dabei? Und Ines Günther, die ab 1982 in der Leipziger Universitätsbuchhandlung gearbeitet hat, erinnert sich: „Natürlich waren Koch-Gartenbücher, Auto-Reiseatlanten, Märchenbücher vom tschechischen Artiaverlag heiß begehrt und viel zu wenig. Wenn ‚Rat für jeden Gartentag‘ oder ‚Deine Gesundheit‘ angekündigt waren, dann wurden eben 500 Exemplare bestellt, um letzten Endes vielleicht 10 zu bekommen. So war es halt …“

Teil 5 „Vom Mangel zum Überfluss. Die Wende und der DDR-Buchhandel“ folgt kommende Woche. Die vorangegangenen Folgen kann man hier nachlesen

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