„Ich mache einfach das, was man machen sollte …“ – SteglitzMind stellt Matthias Burki von Der gesunde Menschenversand vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute erfahren wir mehr über Matthias Burki, der den Verlag Der gesunde Menschenversand gegründet hat. Der Vorschlag kommt von Hartmut Abendschein, der die edition taberna kritika verantwortet.

Eine Skizze vom Verlag …

Matthias Burki © Mischa Christen

Matthias Burki © Mischa Christen

Der gesunde Menschenversand wurde 1998 in Bern gegründet und ist nun seit einigen Jahren in Luzern zu Hause, ein Fast-1-Mann-Verlag mit 120 Stellenprozenten, ab August 2015 kommt aber eine 50%-Stelle dazu. Und natürlich gibt es viele freie Mitarbeiter für Grafik, Lektorat, Korrektorat etc.

Die Programmschwerpunkte?

Schwerpunkt ist Spoken-Word-Literatur in Text und Ton, Literatur also, die auch oder ausschließlich für die Bühne, im Radio usw. geschrieben wurde und von den Autor/innen selber vorgetragen wird. Anzahl lieferbarer Titel: ca. 100; analog und digital (E-Books seit 2 Jahren, Ton-Download seit Anbeginn)

Ihre persönlichen Highlights?

„Simeliberg“ von Michael Fehr natürlich (2. Preis in Klagenfurt), „Grand Tour“ von Fitzgerald & Rimini. Aber vor allem eine Veranstaltung: Am 1. Februar organisierte der Autor Matto Kämpf eine Benefiz-Veranstaltung für Menschenversand, an der gleich 20 Autor/innen des Verlags aufgetreten sind. Ein langes, ausverkauftes Fest mit dem längsten Büchertisch der Verlagsgeschichte. Und ein fast zu Tränen rührendes Engagement, wer kann schon auf so treue, mitdenkende, ja mitfühlende Autor/innen zählen?

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Das war nicht so geplant, am Anfang stand die Idee einer Anthologie (Das Buch der Langeweile), so brauchten wir einen Verlagsnamen, dann haben wir, damals noch zu zweit, halt einfach weitergemacht, mit Poetry Slams, Hörbüchern, einem Literaturfanzine usw. Ohne Businessplan und mit einer gesunden Portion Naivität. Parallel dazu blühte die Schweizer Spoken-Word-Szene auf und so ergab das eine das nächste …

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

menschenversand_Cover 1Keine Ahnung. Zum Glück habe ich auch keine Zeit, darüber nachzudenken.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

Vorläufig wenig, neben den natürlich anfallenden neuen Arbeitsschritten.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

„Positionieren“ und „Konkurrenz“ sind Begriffe, die mir fern liegen. Ich mache einfach das, was man machen sollte, wenn man Spoken-Word-Literatur verlegt.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Noch weniger gesunder Menschenverstand und noch mehr gesunde Naivität.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Über die (Schweizer) Spoken-Word-Szene, viele der Autor/innen kenne ich seit Jahren. Oder über Empfehlungen.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Die üblichen Wege mit Auslieferung, Barsortiment und Vertretung. Im Unterschied zu anderen Verlagen ist der Direktverkauf höher, an Lesungen, aber auch mit Ständen außerhalb der Buchbranche, etwa an Weihnachtsmärkten usw.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Einiges, aber zu wenig. Schön ist: Es gibt einige Menschenversand-Fans unter den Buchhändler/innen, in Bern und anderswo, die sich sehr für die (Hör)Bücher einsetzen.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Schwierig. Kein direkter Kontakt.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Viel, aber zu wenig.

Wie halten Sie es mit dem Schweizer Buchhändlerverband?

Mitglied. Als politischer Akteur unerlässlich und in jüngster Zeit im (erfolglosen) Kampf gegen die Abschaffung der Buchpreisbindung, der möglichen schweizerischen Verlagsförderung (vielleicht erfolgreich) und dem Auftritt an der Leipziger Buchmesse sehr aktiv, gut vernetzt und engagiert.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Die Nische ergibt sich aus dem Schwerpunkt – Literatur auf der Bühne. Die Leser und Hörerinnen sind erfreulich unterschiedlich, auch je nach Autor/in, insofern erübrigt sich das marketingverseuchte Zielgruppensuchen.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Im Überleben.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Im zermürbenden Sich-ständig-knapp-über-Wasser-Halten.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

das Logo  © Der gesunde Menschenversand

das Logo © Der gesunde Menschenversand

Experiment, Austausch, Sperrigkeit, Hilfsbereitschaft, Trinken, Freundschaft, Tanzen.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Abraten. Auch als Jurist kann man jammern, aber auf bedeutend höherem Niveau.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Alle Verlage von SWIPS (Swiss Independent Publishers), Urs Engelers Verlag, insbesondere die roughbook-Reihe, diaphanes, Edition Korrespondenzen, kookbooks, Der Kollaboratör, Voland & Quist, Verbrecher Verlag, den Jörg Sundermeier hier bereits vorgestellt hat, und viele mehr …

Herzlichen Dank für diesen Einblick!

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Der gesunde Menschenversand im Netz:

www.menschenversand.ch

2 thoughts on “„Ich mache einfach das, was man machen sollte …“ – SteglitzMind stellt Matthias Burki von Der gesunde Menschenversand vor

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