Vom Mangel zum Überfluss. Die Wende und der DDR-Buchhandel

Womöglich habe ich mir mit dem Vorhaben, die Geschichte des DDR-Buchhandels auszuloten, zu viel vorgenommen? Je länger mich die Materie allerdings beschäftigt, desto mehr Fragen stellen sich, die nur diejenigen beantworten können, die dabei gewesen sind.

Trotzdem habe ich Mut zur Lücke: In fünf Folgen werde ich darlegen, was ich bisher zur Entwicklung des Buchhandels in der DDR (Teil 1 – 4) und nach der Wende (Teil 5) trotz spärlicher Quellen recherchiert habe. – Warum wage ich diese Skizze? Weil ich mir erhoffe, dass sich Zeitzeugen einfinden, die das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtrücken und/oder Lücken schließen.

Eine Zusammenstellung der verwendeten Quellen findet sich hier. Die vorangegangenen Folgen kann man hier nachlesen

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Autokennzeichen der DDR © GvP

Autokennzeichen der DDR © GvP

 

Nach dem Mauerfall ging es im volkseigenen Buchhandel offenbar heiß her. Am 10. Januar 1990 räumte die Zentrale Leitung auf einer Krisensitzung ein, die Kontrolle über die Betriebe des Volksbuchhandles verloren zu haben. Im März wurde den Mitarbeitern darauf die Möglichkeit eingeräumt, ihre Verträge fristlos zu kündigen. Gebrauch davon machten zahlreiche kleinere Kommissionsbuchhandlungen. Das waren ehemals privat betriebene Buchhandlungen, die, um ihr Überleben zu sichern, sich zu einer Zusammenarbeit mit dem Volksbuchhandel entschlossen hatten. Es kam schließlich zu einem Misstrauensantrag gegen den amtierenden Hauptdirektor Heinz Börner, der im Mai scheiterte.

Mit den Beschlüssen der Übergangsregierungen unter Hans Modrow und Lothar de Maizière, die volkseigenen Betriebe aufzulösen und eine „Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums“ einzusetzen, ging die Ära des zentralistisch gesteuerten DDR-Buchhandels zu Ende. Heinz Börner erhielt die kultusministerielle Weisung, den volkseigenen Buchhandel abzuwickeln. Im August wurden sowohl die „Ordnung für den Literaturvertrieb“ als auch das „Statut des Volksbuchhandels“ außer Kraft gesetzt. Die Buchbetriebe des Volksbuchhandels, die in den damals noch existierenden 15 Bezirken bestanden, wurden in Gesellschaften umgewandelt; in Ostberlin entstanden zwei. Kaum eine dieser Gesellschaften, die zumeist von den ehemaligen Bezirksdirektoren des Volksbuchhandels geleitet wurden, hielt sich aus eigener Kraft länger als ein Jahr am Markt.

  • Nordbuch, Rostock
  • Mecklenburgische Buchhandelsgesellschaft, Schwerin
  • Bücherfreund, Neubrandenburg (mit Sitz in Waren)
  • Kurmärkische Buchhandelsgesellschaft, Potsdam
  • Märkische Buchhandelsgesellschaft, Frankfurt/Oder
  • Lectio-Buchhandelsgesellschaft, Cottbus
  • Anhaltiner Buchhandlungen, Magdeburg
  • Hallesche Buchhandelsgesellschaft, Halle
  • Thüringer Buchhandelsgesellschaft, Erfurt
  • Ostthüringer Buchhandelsgesellschaft, Gera (mit Sitz in Jena)
  • Südthüringer Buchhandelsgesellschaft, Suhl
  • Buchhandelsgesellschaft Buch und Kunst, Dresden
  • Leipziger Buchhandelsgesellschaft, Leipzig
  • Buch-Tour Buchhandels- und Reisevermittlungsgesellschaft, Karl-Marx-Stadt
  • Berliner Buchhandelsgesellschaft, Berlin
  • Buchhandelsgesellschaft Ex litterae, Berlin

Der Eintrag zur Liquidation der Zentralen Leitung des Volksbuchhandels ins Handelsregister erfolgte am 4. Dezember 1990. Die letzten Unterlagen aus Börners Hand übernahm der bestellte Abwickler am 31. August 1991. Heute residiert im ehemaligen Leipziger Gebäude der Zentralen Leitung in der Friedrich-Ebert-Straße 25 eine Rechtsanwaltskanzlei. Heinz Börner wechselte zum LKG.

Ab sofort war nichts mehr wie es war. Dass das System nach der friedlichen Revolution in sich zusammenfallen sollte wie ein Kartenhaus, damit hatte auch im Buchhandel keiner gerechnet. Nach dem 1. Juli 1990, dem Tag der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, räumten die Buchhändler Lager und Regale leer, um für die begehrten Westbücher Platz zu schaffen. Wie Heinz Börner berichtet, beliefen sich die Ausbuchungen im ersten Halbjahr 1990 auf einen Wert von rund 70 Millionen Ost-Mark, das soll 40% aller seit dem Jahr 1954 vom Volksbuchhandel ausgebuchten Bestände entsprochen haben. Die Gesamtsumme der Remittenden, die nach der Währungsunion bei LKG lagerten, bewegte sich im dreistelligen Millionenbereich der nach der Vereinigung geltenden Währung DM. (Petry 2001, S. 180.)

Einmal wieder platzte die Zentrale Auslieferung LKG aus allen Nähten. Das traf auch SERO, eine Abkürzung für das VEB Kombinat Sekundär-Rohstofferfassung, über das gewöhnlich makuliert wurde. Schließlich wusste man sich hier nicht mehr anders zu helfen, als Bücher, die die Geschichte vermeintlich eingeholt hatte, tonnenweise in die stillgelegten Teile des Braunkohletagebaus Espenhain zu kippen, wo sie unterpflügt wurden. Darunter befanden sich auch jene, die vor kurzer Zeit bei den DDR-Lesern noch stark nachgefragt worden waren. Nicht anders verfuhren die ostdeutschen Verlage, die nahezu ihre kompletten Bestände bei Recyclinghöfen ablieferten. Darin inbegriffen die Neuerscheinungen, die nach dem Wegfall der Zensur entstanden waren. – Eine besondere Rolle kommt in diesem Zusammenhang dem niedersächsischen Pastor Martin Weskott zu, der sich ab 1991 über 200-mal zu den Abfallhalden aufmachte, um die Bücher vor dem Vergessen zu retten. Im Büchermagazin in Katlenburg lagern heute über eine Million ausrangierter DDR-Titel aller nur denkbaren Genres.

Im Herbst 1990 hatte der volkseigene Buchhandel faktisch aufgehört zu existieren. Am 23. November 1990 wurde die „Leitlinie zur Bewertung von Buchhandlungen“ vom Vorstand der Treuhandanstalt verabschiedet, die nicht ohne Folgen bleiben sollte. Während die Anstalt unter Detlev-Karsten Rohwedder anfangs noch die Linie vertrat, möglichst viel von der kulturellen Substanz Ostdeutschlands erhalten zu wollen, verfolgte die CDU-Politikerin Birgit Breuel, die nach Rohwedders Ermordung dessen Amt übernahm, eine Politik der zügigen Verkäufe. Heute befinden sich nahezu sämtliche Großbetriebe des DDR-Volksbuchhandels in der Hand von westdeutschen Eigentümern. So auch der Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel LKG, der 1989 mit seinen damals 1.200 Mitarbeitern noch einen Umsatz von 1,2 Milliarden Ost-Mark gestemmt hat. Die Verlagsauslieferung, die im Zuge eines MBO Management-Buy-Out von Jürgen Petry und einer 60-köpfigen Mannschaft vor dem Aus gerettet wurde, gehört seit 2009 zu KNO VA, der Koch, Neff & Oettinger Verlagsauslieferung in Stuttgart.

Dass ein flächendeckendes Sterben kleinerer Sortimenter aufgehalten wurde, ist dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel zu danken. Große westdeutsche Filialisten begannen, den ostdeutschen Buchmarkt aufzurollen und sich Filetstücke zu sichern. Nachdem die Thurn & Taxis Beteiligungsgesellschaft die volkseigenen Buchhandlungen im Bezirk Dresden en bloc gekauft hatte (Buchhandelskette Buch und Kunst, die heute zu Thalia gehört), warnten die Vorsteher der Börsenvereine Frankfurt und Leipzig in einem gemeinsamen „Memorandum für mittelständische Strukturen im DDR-Buchhandel“ im Mai 1990 vor den Gefahren der Monopolisierung. In der Folge wurde die umstrittene „Leitlinie zur Bewertung von Buchhandlungen“ revidiert und mit der Treuhand der Deal ausgehandelt, dass Angestellten aus dem Volksbuchhandel bei allen Buchhandlungen im Wert unter einer Million DM ein Vorkaufsrecht in Anspruch nehmen konnten. Legt man die Zahlen zugrunde, die Börner/Härtner (2012) dokumentieren, kann man annehmen, dass von den 707 Objekten, die Ende 1989 zum Volksbuchhandel gehörten, immerhin knapp die Hälfte an ehemalige Mitarbeiter gegangen ist.

Die Umstellung von der sozialistischen Planwirtschaft auf die Marktwirtschaft verlangte von jedem Einzelnen enorme persönliche Anstrengungen ab – und das binnen kürzester Zeit. Zwar organisierten der Börsenverein, die Frankfurter Buchmesse, westdeutsche Verlage und Verlagsauslieferungen zum Zwecke der Markteingliederung für den ostdeutschen Buchhandel unterschiedliche Hilfs- und Patenschaftsprogramme, die sicher nicht alle frei von Eigennutz gewesen sind. Freilich waren die Versuche, den ostdeutschen Kollegen auf die Sprünge zu helfen, nicht mehr als der Tropfen auf den heißen Stein. Sie hatten den Boden unter den Füßen verloren, die Zukunft des Landes war ebenso ungewiss wie die persönliche Existenz. Würde die Marktwirtschaft dem ostdeutschen Buchhandel tatsächlich das versprochene Heil bringen?

Viele Buchhandlungen, die von ehemaligen Mitarbeitern aus dem Volksbuchhandel und dem Buchvertrieb der Nationalen Volksarmee mit großem Engagement weitergeführt wurden, existieren heute nicht mehr. Darunter auch prominente Namen. Die Leipziger Hinrichs´sche Sortimentsbuchhandlung schlidderte bereits im Herbst 1991 in die Liquidation – drei Monate zuvor hatten die Angestellten noch das 200-jährige Firmenjubiläum gefeiert. Die renommierte Brecht-Buchhandlung, die 1990 von zwei Mitarbeiterinnen übernommen worden war, musste im Juli 2003 ihr Aus vermelden. Die Karl-Marx-Buchhandlung am Alexanderplatz, zu DDR-Zeiten für Westberliner Studenten und Links-Intellektuelle ein Mekka, machte 2008 dicht.

Welches Schicksal widerfuhr privat geführten Sortimenten nach der Wende? Hier kann man nur mutmaßen. Nach Dietrich Löffler soll LKG im Jahr 1987 noch 203 private Buchhandlungen beliefert haben. (Löffler, o.J., S. 31). Zum Vergleich: Laut Jürgen Petry gehörten zum Jahresende 1970 immerhin noch 802 private Sortimenter zum Kundenkreis der LKG. (Petry 2001, S. 106.) – Sicherlich hat es nicht nur die Erfurter Buchhandlung Peterknecht geschafft, sich auch nach 1990 zu behaupten und am Markt neu zu positionieren …

In der kommenden Woche lesen wir hier einen Gastbeitrag von André Gottwald zur Situation der Druckereien in der DDR

4 thoughts on “Vom Mangel zum Überfluss. Die Wende und der DDR-Buchhandel

  1. Es ist schon interessant, eine Skizze über den alten Volksbuchhandel zu lesen. Was mich so fasziniert hat, die Inbrunst mit der die Buchhändler an die Distribution gegangen sind. Leidenschaft. Liebe zur Literatur. Liebe zur Beschaffung von Büchern. .. Bedauerlich kam die Wende dazwischen. Die Chancen der ehemaligen Volksbuchhändler eine Buchhandlung zu übernehmen tendierten im einstelligen Prozentbereich. Berliner Volksbuchhandel wollte sich der Bonner Buchhändler Bouvier unter den Nagel reißen. Stopfte auch sofort bunte Bücher rein. Die leseaffinen Berliner haben es nicht gedankt. Der Berliner Volksbuchhandel war am Boden und zerstört. Jetzt dümpelt der Einzelbuchhandel auch wieder. Gegen die Übermacht im Internet gibts kaum Chancen.

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