„Man braucht auch mal große Vorbilder …“ – SteglitzMind stellt Bernd Schuchter vom Limbus Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute erfahren wir mehr von Bernd Schuchter und den Limbus Verlag. Vorgeschlagen hatte das Jürgen Schütz vom Wiener Septime Verlag.

Eine Skizze vom Verlag …

Bernd Schuchter © Merle Rüdisser

Bernd Schuchter © Merle Rüdisser

Der Limbus Verlag geht 2015 in sein zehntes Jahr als Verlag und fühlt sich mittlerweile angekommen im Literaturbetrieb. Die Programmschwerpunkte deutschsprachige Gegenwartsliteratur mit Fokus österreichische Literatur sowie die Essayreihe zu diversen gesellschaftspolitisch aktuellen Themen werden im Literaturbetrieb gut angenommen; die Resonanz von Presse und Buchhandel ist seit Jahren positiv, ebenso die Umsatzentwicklung in den letzten Jahren. Nach der Gründung in Innsbruck und vier Jahren in Hohenems (Vorarlberg) hat der Verlag seit 2011 wieder in Innsbruck seinen Sitz. Im Programm sind inklusive E-Books etwa 135 Bücher lieferbar, wobei seit zwei Jahren alle Novitäten sowohl in Print als auch digital erscheinen. Die Backlist wird nach und nach digitalisiert.

Machen Sie alles alleine?

Im Verlag selbst sind wir zu dritt, neben den zwei Lektorinnen Mag. Merle Rüdisser und Mag. Elisabeth Mayr bin ich als Verleger für das Organisatorische, die Programmgestaltung, Presse und Vertrieb zuständig.

Ihre persönlichen Highlights im Bücherjahr?

Meine Highlights in diesem Buchfrühling sind die drei Essays von Alois Schöpf (Kultiviert sterben), Stefanie Holzer (Wer, bitte, passt auf meine Kinder auf?) und vor allem der sehr schöne Stefan-Zweig-Essay von Reinhard Wilczek (Stefan Zweigs Reise ins Nichts). Im Herbst freuen wir uns auf den neuen Erzählband von Wolfgang Hermann (Die letzten Gesänge) und die Neuauflage von Wolfgang Hermanns wunderbarem Band Paris Berlin New York.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Limbus_Schoepf_Sterben_DownÜber das eigene Schreiben (meine Romane erscheinen im Braumüller Verlag, Wien, zuletzt der Roman Föhntage und der Reiseführer Innsbruck abseits der Pfade, Anm.) kam ich in den Literaturbetrieb, lernte AutorInnen kennen und machte erste Gehversuche bei Literaturzeitschriften. Neben dem Studium arbeitete ich auch jahrelang in einem Antiquariat und lernte das Buch als Kulturträger, von der haptischen Seite her, kennen: Was ist ein Vorsatz, eine Titelei, ein Schnitt, Bünde, Bögen, wann sagt man berieben, wann bestoßen. Das war sehr lehrreich, insbesondere auch der Zugang zur Druckgrafik; so lernte ich etwa den Unterschied zwischen Holz- und Kupferstich, Radierung und Lithografie. Da war es ein kleiner Schritt zum eigenen Büchermachen; vor allem, da es damals, um 2003, 2004, einen gewissen Bedarf an neuen Verlagen gab, es war die letzte Gründerwelle, wenn man so will; Verlage wie die meisten Independents, Blumenbar, Voland & Quist in Deutschland, Salis in der Schweiz, Luftschacht, Klever oder eben Limbus sind Gründungen jener Jahre. Seitdem hat sich viel getan. Wir sind alle professioneller geworden, mit dem Verlegen selbst, dem Büchermachen. Die Verlage wurden über die Jahre erwachsen.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Das Büchermachen ist schlicht eine sehr schöne Arbeit; man lernt spannende Menschen kennen, die sich mit spannenden Themen beschäftigen; es ist manchmal recht unzeitgemäß, trotz aller Schwierigkeiten aber eine sehr erfüllende und sinnvolle Arbeit. Abgesehen davon ist der Literaturbetrieb – die befreundeten AutorInnen und VerlegerInnen, BuchhändlerInnen und VertreterInnen, JournalistInnen und LeserInnen – sehr solidarisch und interessant. Das macht den Alltag nicht nur erträglich, sondern erstrebenswert.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

Limbus_Hermann_DieletztenGesaenge_Cover_DownKaum etwas; wir bieten unsere Bücher auch als E-Books an, das macht vom Umsatz her aber kaum etwas aus, da wir eine sehr spezielle Art von Literatur machen; unsere LeserInnen sind da klassisch sozialisiert und schätzen sorgfältig gemachte, gedruckte Bücher. Wenn da mal eine junge Generation nachkommt, die es gewohnt ist, auf dem Bildschirm oder dem Tablet zu lesen, wird sich das ändern. Aber das sind Veränderungen, die nur sehr langsam stattfinden.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Als kleinerer Verlag arbeiten wir immer in einer Art Nische, wenngleich bei einem passenden Thema und einem passenden Autor auch die großen Zeitungen und die LeserInnen genauso zu begeistern sind, etwa bei Hans Platzgumers Tschernobyl-Roman Der Elefantenfuß, das verselbständigte sich damals im März 2011 wegen Fukushima; da riefen schon mal ein Dutzend Journalisten pro Tag an, über Wochen. Ansonsten wissen unsere LeserInnen, das wir ordentliche Bücher machen, ordentlich lektoriert, mit schönem Satz und schöner Ausstattung und mit spannenden Themen. Engagierte Literatur, wenn man so will, mit diesem speziellen Fokus auf österreichische AutorInnen.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Schwer zu sagen, es hängt oft ein wenig von der einen oder anderen Rezension oder dem einen oder anderen Buchhändler ab, man braucht ein wenig Glück; am Ende ist es aber immer so, dass man sich von vergangenen Erfolgen nichts kaufen kann; jedes neue Buch muss sich neu bewähren, die Arbeit beginnt mit jedem neuen Buch aufs Neue.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Limbus_Hermann_PBNY_Cover_DownMittlerweile kennt man den Verlag und da wir hauptsächlich mit HausautorInnen arbeiten, ergibt sich aus der Tatsache, dass wir nur etwa fünfzehn Bücher im Jahr machen, dass das Programm über die Jahre zu einem guten Teil immer wieder von jenen AutorInnen bestritten wird, mit denen wir bereits zusammenarbeiten. Hinzu kommen ein paar Empfehlungen von KollegInnen; in der Essayreihe gehen wir auch nach Themen und sprechen AutorInnen an, von denen wir glauben, sie könnten zum jeweiligen Thema etwas schreiben. Blindzusendungen finden den Weg ins Programm eher selten.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Ich habe früher auch im Buchhandel gearbeitet und kannte daher die Strukturen des Buchhandels ein wenig; der Vertrieb ist klassisch aufgebaut – Auslieferungen, Barsortimente, Vertreter –, wobei in den letzten Jahren der Direktvertrieb keine unbedeutende Rolle spielt. Da wir uns keine großen Inseratenkampagnen leisten können, sind wir immer auf redaktionell gestaltete Pressearbeit angewiesen, und natürlich Mundpropaganda sowie die persönlichen Gespräche bei Lesungen und Messen.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

In Österreich ist die Szene recht kollegial – wenn das Buch vom Autor, vom Thema her für den Buchhandel passt, kaufen die KollegInnen auch gerne ein; die Schweiz ist da schon schwieriger und der deutsche Markt ist aufgrund der Umwälzungen durch Thalia und Hugendubel in den letzten Jahren ein wenig trostloser geworden; da braucht es als Türöffner oft lokal bekannte deutsche AutorInnen oder entsprechend gut wahrgenommene Rezensionen in den Leitmedien; besonders die deutschen Radios sind aber meist sehr interessiert, auch mit den großen Zeitungen wie taz, NZZ, FAZ oder der Zeit haben wir keine schlechten Erfahrungen gemacht.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Braucht man und ist aus dem Betrieb nicht wegzudenken; wir beliefern sie aber nicht direkt, sondern über unsere Auslieferungen und Barsortimente. Amazon ist wie der unbeliebte Onkel, keiner mag ihn, er gehört aber doch zur Familie. Man muss sagen – abgesehen von den Arbeitsbedingungen und dem sonstigen Geschäftsgebaren –, was sie machen und wie, das ist schon gut.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Limbus_Holzer_Kinder_DownPersönliche Marketingarbeit, persönlicher Kontakt zu LeserInnen, BuchhändlerInnen, JournalistInnen, BibliothekarInnen usw. Jedes Buch hat sein je eigenes Marketing, kein Dienst nach Vorschrift.

Wie halten Sie es mit dem Hauptverband des österreichischen Buchhandels?

Der HVB ist ein wichtiges Organ, auch wenn er unsere tägliche Arbeit nicht oft streift; als Institution etwa auf den großen Buchmessen und als Interessenvertretung ist er für alle österreichischen Verlage wichtig; genauso wichtig ist aber etwa die weitaus niederschwelligere Arbeit der IG AutorInnen, deren Stand etwa auf der Frankfurter Buchmesse eine enorm wichtige Anlaufstelle für AutorInnen und Verlage ist.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Wie bereits oben beschrieben; haptisch, handwerklich, inhaltlich-literarisch anspruchsvoll, engagierte Themen, authentisch: Wir stehen hinter jedem Buch. Unsere Leser sind so vielfältig wie die Vielfalt an Büchern und Themen, die es in der Welt gibt.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Wir arbeiten daran, unseren Stil und unser Programm unverwechselbar zu machen, etwa durch die schöne Reihe Limbus Preziosen, sodass man vielleicht in ein paar Jahren sagen kann: „Ah, ja die Preziosen-Reihe.“, wie man das heute von der Salto-Reihe des Wagenbach-Verlags oder den Büchern der Friedenauer Presse sagt; man braucht auch mal große Vorbilder …

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Ein Standbein unseres Verlags ist sicher die Kulturförderung der öffentlichen Hand, besonders in Österreich; das betrifft alle österreichischen Verlage, von Haymon über Residenz bis Klever. Wenn es die in der Form mal nicht mehr gibt, wird es für die österreichische Literatur zappenduster.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Die kleinen Verlage sind ein wenig flexibler, können oft schneller produzieren und dürfen sich das eine oder andere Mal etwas trauen, was gegen die Marktgepflogenheiten ist. Als wir den Essay über das Vorlass-Wesen (Wenn Dichter nehmen von Alois Schöpf, 2014) gemacht haben, waren wir und der Autor vielen Anfeindungen ausgesetzt, vor allem vom etablierten Literaturbetrieb, den Institutionen, Archiven, auch von AutorenkollegInnen und Vereinigungen; diese hysterische Reaktion hat uns gezeigt, dass wir einen wunden Punkt getroffen hatten, also nicht ganz falsch lagen. Ein wunderbarer Artikel in der Zeit hat uns dann zum größten Teil recht gegeben; das war eine wichtige, wenngleich späte Genugtuung für unsere Arbeit.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Limbus_Wilczek_Zweig_DownDa kann man nicht raten, einfach machen oder nicht. Es geht da auch viel um Leidenschaft fürs Lesen, das Buch, das Büchermachen; lesen Sie den schönen Essay Wie ich Bücher gestalte. Ästhetik des Buches von Friedrich Forssman, der eben bei Wallstein erschienen ist; man sollte sich schon darüber Gedanken machen, wie man Bücher machen will, gründen allein ist zu wenig. Auch die Leidenschaft allein ist zu wenig, man sollte vom Büchermachen schon ein wenig Ahnung haben, inhaltlich und haptisch-ästhetisch, sei es durch ein klassisches Germanistik-Studium, als Buchgestalter, Grafikdesigner oder auch als Autodidakt, ein Verlag bedeutet schlicht Arbeit und die kann man immer gut oder schlecht erledigen.

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Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Es gibt einige spannende Verlage, die unbeirrt ihren Weg gehen; in Österreich der Sonderzahl Verlag, Luftschacht oder etwa der Klever Verlag; ich würde Ralf Klever vom Klever Verlag als nächsten Gesprächspartner vorschlagen.

Wo findet man Ihren Verlag im Netz?

Vornehmlich über unsere Website. Die extrem zeitfressenden Auftritte wie Facebook oder Twitter, die ja auch ständig betreut werden müssen, sparen wir uns derzeit noch und machen stattdessen lieber ein Buch zusätzlich; aber das kann sich ja mal ändern.

Herzlichen Dank für diesen Einblick!

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

4 thoughts on “„Man braucht auch mal große Vorbilder …“ – SteglitzMind stellt Bernd Schuchter vom Limbus Verlag vor

  1. Sehr erfrischende, ehrliche Antworten und ein für mich neu zu entdeckender Verlag. War gerade auf der Verlagsseite. Das könnte teuer werden.
    Danke für die Vorstellung – überhaupt mal ein dickes Dankeschön für diese tolle Interviewreihe!
    Liebe Grüße
    Kai

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