„Der Buchhandel war eine jener Nischen, in der viele Unangepasste überwinterten.“ – Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Bedingungen des sozialistischen Literaturvertriebs und den Strukturwandel des ostdeutschen Buchhandels infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Einiges hat uns bereits Heike Wenige wissen lassen. Heute erinnert sich Holger Brandstädt an die Jahre 1989/90. Unsere nächsten beiden Gespräche werden sich um seine Erfahrungen infolge der Privatisierung des DDR-Buchhandels drehen.

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Was hat Sie von der Gastronomie in den Buchhandel getrieben?

Meine Großmutter war Buchhändlerin, ich wollte immer schon was mit Büchern machen. Leider war 1983 landesweit keine Lehrstelle für männliche Bewerber vorgesehen. 1989 war ich beruflich als Koch soweit gekommen, dass sich die Frage Studium, Meisterausbildung oder wechseln stellte. Der Wechsel kam dann gerade noch rechtzeitig, um in den Buchhandel einzusteigen, bevor dieser in die Wendewirren stürzte.

Wie haben Sie die letzten Monate im DDR-Buchhandel erlebt?

Kulturstaatsministerin Monika Grütters überreicht Holger Brandstädt den Deutschen Buchhandlungspreis 2015 © Bundesregierung/Orlowski

Kulturstaatsministerin Monika Grütters überreicht Holger Brandstädt den Deutschen Buchhandlungspreis 2015 © Bundesregierung/Orlowski

Im Sommer 1989 sind reihenweise Buchhändler in den Westen ausgereist, andere hatten einen Ausreiseantrag gestellt und so stand die Berliner Buchhandelsgesellschaft vor dem Problem, die Läden zu besetzen. Mir wurden vier Filialen zur Auswahl gestellt, verbunden mit der Bitte, ein paar Wochen im „Internationalen Buch“ auszuhelfen. Letztlich blieb ich dort. Die Buchhandlung war hell, groß, man musste weder heizen noch putzen, es gab jeden Tag neue Ware und das Publikum war international. Ich bekam eine Stelle in der Belletristik, in der damals neben einer Buchhändlerin noch ein Maurer, eine Melkerin und eine Bürofachfrau arbeiteten. Alles motivierte Seiteneinsteiger, die recht schnell selbstständig arbeiten konnten. Daran war gerade in kleinen Buchhandlungen nicht zu denken.

War Ihnen bewusst, dass der Volksbuchhandel ursprünglich eine erzieherische Funktion hatte und dementsprechend auch in der Pflicht stand, politisch genehme „Schwerpunkttitel“ zu vertreiben?

Natürlich gab es palettenweise Werke von Otto Gotsche & Co, die Buchhandlungen waren jedoch auch damals schon bestrebt, Umsätze zu erzielen. Dazu kam, dass der Buchhandel eine jener Nischen war, in der viele Unangepasste überwinterten. Da hatten die hohlen Parolen des SED-Regimes wenig Widerhall. Werke wie die „Ordnung für den Literaturbetrieb“ und das „Statut für den Volksbuchhändler“ sind mir nie untergekommen.

Inwieweit unterschied sich das Sortiment der Internationalen Buchhandlungen von dem der anderen volkseigenen Betriebe?

Das „Internationale Buch“ (IB) in Berlin/Mitte war eine der größten Buchhandlungen der DDR. Das Sortiment setzte sich aus deutsch- und fremdsprachigen Titeln zusammen. Da gab es Fachbücher auf Russisch und Böll auf Vietnamesisch (letztere mussten aus Angst vor Flöhen immer erst auf der Warenrampe in Quarantäne). Es gab Buchhändler aus der UdSSR, die Humboldt-Uni war nah und Westberlin ebenso, weshalb die Buchhandlung auch als Schaufenster der DDR dienen sollte. Alles war aus hellem Holz, großflächig verglast und großzügig angelegt. Viele Kunden kamen, um ihren Zwangsumtausch in Bücher anzulegen, und es gab eine Kasse an der zum Kurs 1:1 mit D-Mark bezahlt werden konnte. Das IB belieferte Bibliotheken und Botschaften. Die Amerikanische Botschaft schickte jedes Jahr kalifornischen Cabernet Sauvignon als Dankeschön – ein für unseren damaligen Geschmack fürchterlich saurer Wein. Und die russischen Kollegen gingen manchmal mittags rüber in die Botschaft Unter den Linden und holten aus der Kantine große Tüten mit noch warmen Gebäck.

Können Sie bestätigen, dass die Internationalen Buchhandlungen eine privilegierte Stellung hatten und aufgrund ihres Sortiments in der DDR besonders beliebt waren?

Ganz klar ja. Während viele Buchhandlungen einmal in der Woche beliefert wurden, traf im IB täglich neue Ware ein. Nur leider reichten die gelieferten Exemplare pro Titel oft nicht einmal aus, um alle Bibliotheken und Kollegenbestellungen zu erfüllen. Als ich im August 1989 anfing sollten die Erinnerungen von Pu Yi, Chinas letztem Kaiser, erscheinen. Der Bertolucci-Film war gerade wie ein Straßenfeger durchs Land gerollt und so war die Nachfrage riesig. Zweimal am Tag fragten manche Kunden, ob das Buch denn schon da sei. Als es kam (sieben Exemplare) knobelten wir dann aus, wer den Kunden sagt, dass es schon durch sei. Das war keine schöne Aufgabe. Vor der Buchhandlung stand immer eine lange Schlange. Denn auch hier galt: Kein Rundgang ohne Korb!

Mauerfall im November 1989, Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion im Juni 1990, deutsche Einheit am 3. Oktober 1990. Wie erinnern Sie sich an diese turbulenten Monate im Buchhandel?

Es ging alles wahnsinnig schnell und war viel zu komplex, um es hier in Kürze festzuhalten. Ich erinnere mich daran, dass wir am 4. November am Fenster standen und die Demonstration zum Alexanderplatz ziehen sahen. Erst nach Schichtschluss reihten wir uns ein. Und am 10. November wurde die Buchhandlung trotz durchgefeierter Nacht natürlich pünktlich geöffnet. Den 3. Oktober verbrachte ich in einem Pub an der Westküste Irlands und vor der Währungsunion stapelten sich im Tresor Kleingeldrollen, da dieses erstmal weiterhin im Umlauf war und zwar zum Kurs 1:1, was das Geschäftskapital stärkte. Die Frage, welchen Rabatt die Buchhandlung denn z.B. beim Aufbau Verlag bekam, war gar nicht so schnell zu beantworten und führte erstmal zu hektischen Aktivitäten der Einkaufsabteilung. Und die Frage, ob denn nun noch ausgeliefert wird, was bestellt war – das waren ja oft Mondzahlen (1000 Exemplare bestellt = 80 Stück geliefert) trieben uns plötzlich Schweißperlen auf die Stirn.

Nach der Wende war der Hunger nach Lesestoff groß, der zu DDR-Zeiten verboten oder nur schwer zugänglich war. Die Geschäfte im Buchhandel florierten. Können Sie sich erinnern, was damals besonders stark nachgefragt wurde?

Bahros „Alternative“ ebenso wie die Protokolle des Politbüros, Schriften von Basisdruck fallen mir als erstes ein. Später dann westlicher Mainstream von Wimschneider über Cardella, Tolkien und Fromm bis zur „Möwe Jonathan“. Viele Leser ergänzten ihre Sammlungen von Grass und Lenz bis Orwell mit einigen ausgewählten Titeln, dafür hatten wir KV-Kataloge; sprich: die Barsortimentskataloge von Köhler & Volkmar, damals fest gebunden und auf Papier gedruckt. Die Bestellungen gaben wir telefonisch auf, was oft am völlig überlasteten Telefonnetz scheiterte. Anfangs fuhren wir auch nach Westberlin, um Bestellungen direkt aufzugeben. Bei der VAH Jager war ich mal persönlich, die schauten ganz schön erstaunt drein ob dieses Bestellweges.

Um Westtiteln Platz zu machen, haben viele Buchhandlungen nach der Währungs- und Wirtschaftsunion ihre DDR-Bestände leer geräumt. Wie war das bei Ihnen?

Geräumt haben wir auch reichlich und aussortiert. Allerdings hatte das „Internationale Buch“ viel internationale Kundschaft, da waren die DDR-Bestände durchaus noch gefragt. Klemperes „LTI“ kostete bei Reclam Leipzig 2,50 Mark, die erste Nachwendeauflage dann circa 16 Mark. Das war schon ein Unterschied als der Staat zu jedem verkauften Buch nicht noch was drauflegte. Hatten wir zuvor 500 Stück geordert, stellte sich jetzt die Frage ob wir fünf nehmen sollten und ob diese einen Käufer finden würden. Wo früher die Abteilung Gesellschaftswissenschaft im Erdgeschoss gewesen war, wurde nun eine Taschenbuchabteilung eingerichtet, dazu Berlin-Literatur und es gab Neue Medien gleich im Kassenbereich. Die fremdsprachigen Titel wurden reduziert und das Fachbuch ausgebaut. Die unaussprechlichen russischen Originale zu verkaufen war wohl das schwierigste Unterfangen.

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Der ausgebildete Koch Holger Brandstädt (geb. 1966) fing im September 1989 als ungelernte Kraft im „Internationalen Buch“ in der Spandauer Straße in Berlin/Mitte an. Eingestellt wurde er von Gerald Nußbaum, dem damaligen Direktor des Ostberliner Volksbuchhandels, der zu DDR-Zeiten unter dem Namen „Berliner Buchhandelsgesellschaft“ firmierte. 1989 gehörten circa 64 volkseigene Buchhandlungen zum Verbund.

Nußbaum trug sich bereits früh mit dem Gedanken, mit einem starken, westdeutschen Partner zu fusionieren. Nach Verhandlungen mit Thomas Grundmann von der Bouvier Buchhandelsgruppe in Bonn entstand im Juli 1990 die „Berliner Buchhandelsgesellschaft Bouvier und Nicolai“ GmbH (BBN), die sich die interessantesten Objekte der ehemaligen Hauptstadt der DDR sicherte. Unter den ehemaligen Renommierläden wie „Universitätsbuchhandlung“, „Kunstsalon unter den Linden“, war auch das „Internationale Buch“, wo Holger Brandstädt beschäftigt war. Er absolvierte 1990/91 in Bonn und Köln bei Bouvier diverse Praktika; zeitgleich machte er per Fernstudium seinen Abschluss als Buchhändler. Im August 1992 kam das Einsehen, dass sich die BBN überhoben hatte. Die vermeintlichen Filetstücke des Ostberliner Buchhandels hatten sich als nicht lukrativ genug erwiesen. Die meisten Buchhandlungen der BBN machten dicht; lediglich zwei konnten im Rahmen eines Management-Buy-Out an ehemalige Mitarbeiter verkauft werden.

Nach dem Zerfall der BBN ging Holger Brandstädt zur „Wohlthat’schen Buchhandlung“ GmbH, bei der er zuletzt als Filialleiter in Berlin/Friedrichshagen beschäftigt war. Im Oktober 2001 übernahm er in Ueckermünde die traditionsreiche „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“.

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Mein Dank gilt allen, mit denen ich mich bislang habe austauschen dürfen. Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Zeitzeugen einfänden, um das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtzurücken und/oder Lücken zu schließen.

 

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