„Die Wahrheit liegt – wie bei der ganzen DDR-Geschichte – irgendwo dazwischen.“ Gespräche mit ehemaligen Volksbuchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Heike Wenige und Holger Brandstädt einiges haben wissen lassen, teilt nun Maritta Tanzer ihre Erinnerungen. Sie kam 1961 als Lehrling zum volkseigenen Buchhandel und ist bis zu ihrem Renteneintritt im Jahr 2007 eine Buchhändlerin aus Leidenschaft geblieben.

Wie hat mein Versuch auf Sie gewirkt, die Geschichte des DDR-Buchhandels zu rekonstruieren?

Wie Sie richtig festgestellt haben, ist die Geschichte der DDR-Verlage wesentlich besser aufgearbeitet. Insofern ist das Vorhaben, die Geschichte des Buchhandels rekonstruieren zu wollen, lobenswert. Allerdings scheint mir, dass Sie die Entwicklungen zu theoretisch erfassen. Das heißt zu sehr aus dem Blickwinkel der Partei, respektive wie wir Buchhändler funktionieren sollten, nicht immer funktionieren wollten und schlussendlich doch funktioniert haben. Die Planerfüllung, die Einhaltung des vorgegebenen Warenbestandes, ein gutes Inventurergebnis lagen ja insofern in unserem Sinne, dass wir die Monatsprämien alle gut brauchen konnten. Also, die Wahrheit liegt – wie bei der ganzen DDR-Geschichte – irgendwo dazwischen. Mit pauschalen Urteilen kann ich mich nicht anfreunden.

Würden Sie meiner These zustimmen, dass die Buchhändler in der DDR mitunter recht eigensinnig gewesen sind?

Richtiger müsste es wohl heißen, dass die meistens Buchhändler nicht nur eigensinnig, sondern auch kreativ waren. Das waren sie, um die (ja, die restriktiven) Planaufgaben zu erfüllen. Aber nicht etwa, um dem Staat einen Gefallen zu tun, sondern um zur monatlichen Umsatzprämie zu kommen. Unsere Gehälter waren (und sind es auch nach der Wende noch) an der Untergrenze!

Mögen Sie das ein wenig ausführen?

Maritta Tanzer © privat

Maritta Tanzer © privat

Beispielsweise behaupten Sie in Ihrer Skizze, dass die Schaufensterauslagen der Buchhandlungen wegen fehlender Dekomaterialien zeitweilig leer geblieben seien. Gemüsegeschäfte und andere Läden, deren Fenster nicht gerade liebevoll gestaltet beziehungsweise leer waren, kenne ich aus der DDR. Im Buchhandel habe ich derartiges NIE erlebt. Um die Schaufenster aufzumöbeln, haben wir viele Deko-Elemente selbstgemacht. Aufgrund der vielen Mängel waren wir (wie jeder andere DDR-Bürger auch) im Beruf immer sehr einfallsreich und haben bei der Schaufenstergestaltung auch aus Nichts etwas gemacht. Das war übrigens bereits während der Lehrzeit ein Thema. Während meiner Lehre bei „Buch und Kunst“ in Dresden haben wir beispielsweise einmal eine größere Menge von „Klamanns Puppentheater“ erhalten, einem damals sehr begehrten und seinerzeit recht freizügigen Comic aus dem Eulenspiegel-Verlag. Wir haben das ganze Fenster von innen schwarz verklebt und nur ein Guckloch gelassen. Vor dem stauten sich die Passanten. Die Lehrlinge der Buchhandlung „Gutenberg“ haben sogar einmal im Schaufenster Theater gespielt …

In der Buchhandlung „Am Neumarkt“, die ich ab 1965 geleitet habe, gab es sechs kleine Schaufenster. Es fiel nicht immer leicht, die zu bestücken, aber Ideen waren immer da. Für das Kinderbuchfenster lieh ich vom Spielwarenladen nebenan Blickfänge aus und für das Messefenster in der „Hinrichs’schen“ Kunstgegenstände aus dem Grassi-Museum.

Meint das, dass man bei der Gestaltung der Schaufenster alle Freiheiten hatte?

Nicht ganz. Bei der Schaufenstergestaltung in Leipzig (besonders in der Innenstadt) und vorrangig zur Buchmesse war zu beachten, dass auch nur im Entferntesten politisch anstößige Bücher nicht ins Fenster kamen. Ich erinnere mich, dass 1968 am Morgen vor Eröffnung der Herbstmesse eine Kommission der Bezirksdirektion des Volksbuchhandels durch die Innenstadt lief, um die Auslagen in den Schaufenstern kritisch in Augenschein zu nehmen. Ich musste damals den Stadtplan Prag aus dem Fenster nehmen!!!

Heutzutage stellen Verlage den Buchhandlungen reichlich Dekomaterial zur Verfügung …

Von den DDR-Verlagen selbst kamen höchstens Plakate, die wir selbst aufgezogen haben. Was es von ihnen außerdem gab, waren nachbestellbare Schutzumschläge für die lieferbaren Titel. Dadurch sollte gewährleistet werden, dass die Bücher, die länger im Sortiment standen, nicht abgegriffen aussehen (Einschweißen war ja noch nicht üblich). Das ist ja heute nicht mehr nötig, weil die Hardcover höchstens solange im Sortiment stehen, bis das Taschenbuch erscheint. Ich frage mich manchmal, was aus den ganzen Remittenden wird!

Wo haben Sie Ihre buchhändlerische Lehre absolviert?

Die theoretische Ausbildung erfolgte an der „Deutschen Buchhändler-Lehranstalt“ in Leipzig. Wir waren dort internatsmäßig untergebracht und 4 x 4 Wochen im Jahr vor Ort. In der Schule existierten zu meiner Zeit übrigens noch getrennte Klassen für Volksbuchhändler und Privatbuchhändler. Die Dresdner Volksbuchhandlung „Buch und Kunst“, in der ich zwischen 1961 und 1964 gelernt habe, war mit über 20 Lehrlingen und je einem Lehrausbilder für jede Abteilung (Fachbuch, Belletristik, Bestellwesen, Werbung usw.) die Lehrbuchhandlung für den Bezirk Dresden. Alle vier Wochen wurde die Abteilung gewechselt und ab dem zweiten Lehrjahr erfolgte ebenfalls jeweils für vier Wochen eine Ausbildung in Spezialbuchhandlungen. Dazu gehörten das Antiquariat, das „Internationale Buch“, die zentrale Buchhaltung und für den naturwissenschaftlich-technischen Bereich die Buchhandlung der Technischen Universität Dresden.

Stichwort „ES Schneider“ …

Genau. Leiter der Buchhandlung der TU Dresden war der damals schon legendäre Walther Schneider – genannt „ES-Schneider“. Sein Verdienst war die „Einheitliche Systematik“, die er Ende der 1950er entwickelt hat, um für alle Volksbuchhandlungen eine einheitliche Sortierung zu ermöglichen. Das war für die Fachbuchhandlungen besonders wichtig. Bei der von ihnen in der Skizze erwähnten „Dresdner Kartei“ handelt es sich übrigens nicht um die „Einheitliche Systematik“, sondern die Bestellkartei, die LKG früh eingeführt hat. Die Titelkarten waren hier nach Verlagen geordnet, jeder Verlag hatte eine eigene Nummer. Es gab die Kartei für die laufenden Bestellungen (manchmal jahrelang) und eine „tote“ Kartei für alle Titelkarten, bei denen keine Bestellung lief. Im ersten Lehrjahr durften wir nur diese sortieren, um Titel kennenzulernen.

Wie würden Sie Ihre Lehrzeit im Rückblick bewerten?

Unsere Ausbildung empfinde ich heute noch als sehr gut. Vieles davon habe ich während meiner Zeit in Leipzig und Freiberg als Lehrausbilderin übernommen. Zur Ausbildung gehörte beispielsweise, dass wir monatlich eine längere schriftliche Buchbesprechung und ein kürzeres schriftliches “Verkaufsargument“ (also, wie wir das Buch dem Kunden empfehlen würden) abzuliefern hatten. Keine schlechte Sache, oder? Betriebswirtschaft wurde im Gegensatz zu heute damals eher klein geschrieben. Das war wohl auch nicht nötig, da es kaum Anreize gab, es anders zu machen als vorgegeben. Partien, Rabatte und ähnliches kannten wir nicht und die Handelsspanne betrug überall 27,5%. Diese ohne Taschenrechner auszurechnen war in der Lehrausbildung eine beliebte Aufgabe. Ich glaube, das können heute nur noch wenige im Kopf ausrechnen.

Und der literarische Kanon, der vermittelt wurde?

Geschichte und Literatur bestimmter Epochen (z.B. die Antike) kamen extrem kurz weg, dafür wurde die “Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung” ausführlich gelehrt. Wie überall kam es aber auch hier auf den entsprechenden Lehrer an. An der Fachschule hatten wir zwei tolle Literaturlehrer, die sich um den Lehrplan nicht allzu sehr kümmerten. Einer davon war der 2006 verstorbene Rolf Recknagel, der sich u.a. um die Traven-Forschung verdient gemacht hat.

Welche Bedeutung hatten die „Ordnung für den Literaturbetrieb“ und das „Statut für den Volksbuchhändler“ in Ihrem buchhändlerischen Alltag?

Das „Statut“ und andere Arbeitsanweisungen, die Sie als Pflichtlektüre für die Buchhändler ausweisen, standen in der Handbibliothek. Wir haben sie nicht gelesen, höchstens mal reingeschaut, wenn es irgendwelche Differenzen zu klären gab. Ebenso wenig von Bedeutung war die Betriebszeitung „Der Volksbuchhändler“, die von der Zentralen Leitung des Volksbuchhandels bis 1965 herausgegeben wurde. Das Organ bot keine Hilfestellung bei der praktischen Arbeit. Die Redaktion war übrigens in einem Gebäude in Leipzig am Gerichtsweg untergebracht. Das „Börsenblatt“ vom Leipziger Börsenverein hatte schon allein deshalb einen größeren Wirkungskreis, weil sämtliche Betriebe, Bibliotheken, Institute und auch Privatpersonen den beiliegenden Vorankündigungsdienst (VD) beziehen wollten. Das zog nach sich, dass bereits eine Woche nach Erscheinen des VD Bücher hoffnungslos überzeichnet waren.

Die utopischen Bestellmengen, die der Buchhandel orderte, um überhaupt mit gängigen Titeln beliefert zu werden, muten aus heutiger Sicht kurios an …

In der “Hinrichs’schen Buchhandlung“ in Leipzig hatten wir deshalb einmal ein irres Problem. Die höchste Spalte in den Bestellformularen war eine dreistellige, sprich: die bestellbare Höchstmenge lag bei 999 Exemplare. Unsere Bestellzahl bei Titeln, von denen wir annahmen, dass sie stark gekürzt geliefert werden, (wie zum Beispiel bei Kalendern) bewegte sich in der Regel zwischen 600 und 700. Woraufhin 7, 10 oder 20 Exemplare geliefert wurden. In diesem Rahmen haben wir 1967 auch das wunderschöne tschechische Kinderbuch “Die kleine Ameise Ferdinand“ von Ondrej Sekora bei LKG geordert. Vermutlich hatten die Tschechen gerade genug Papier- und Druckkapazitäten, jedenfalls kam die Bestellung bei uns nahezu ungekürzt an. Der Buchhandlungsleiter wollte an andere Buchhandlungen umlagern. Wir wehrten uns dagegen, weil das Weihnachtsgeschäft vor der Tür stand und der restliche Kinderbuchbestand in der “Hinrichs’schen“ damals nicht eben üppig war. Ich glaube, es gab keinen Kunden, der “Die kleine Ameise Ferdinand“ nicht mitgenommen hat. Der hohe Bestand war nach Weihnachten jedenfalls komplett verkauft. Obwohl wir eine super Arbeit geleistet hatten, gab es keine Umsatzprämie für uns. Es wurde damit argumentiert, dass der Warenbestand überschritten war.

Können Sie die These bestätigen, dass Titel im Vorankündigungsdienst nicht mehr angekündigt wurden, um Überzeichnungen zu vermeiden?

Meines Wissens stimmt das so nicht. Ich glaube, wir hätten uns das manchmal sogar gewünscht. Der Vorankündigungsdienst weckte Begehrlichkeiten …

Woran fehlte es Ihrer Erinnerung nach hauptsächlich?

Also Klassiker, wie Sie in der „Skizze zum DDR-Buchhandel“ schreiben, die fehlten nicht. Wir – und jede andere Buchhandlung auch, die ich kenne – hatten immer ein Klassik-Regal. Die Bibliothek der deutschen Klassiker (BdK) war zwar nie vollständig da und die zehnbändige Goethe-Ausgabe immer Mangelware. Aber irgendetwas war immer da. Ich weiß, sehr viele Titel gab es nicht in genügender Stückzahl und viele nur unter dem Ladentisch. Man brauchte einen langen Atem und einen guten Draht zum Buchhändler, um die BdK vollständig zu bekommen.

An welchen Titel mangelte es darüber hinaus?

Mangel bestand beispielsweise bei Lizenzausgaben in Belletristik, auch linientreuer Autoren wie etwa Jorge Amado oder B. Traven, und beim Kinderbuch. Zu niedrig waren die Auflagen bei Kochbüchern, Kalendern, Blumenbüchern oder Naturführern (nicht nur aus dem Neumann-Verlag Radebeul), weil hochwertiges Kunstdruckpapier in der DDR rar war. Ich erinnere mich noch, dass der Verlag Kunst während meiner Lehrzeit bei „Buch und Kunst“ eine Nachauflage von Fritz Löfflers reich bebilderten Band „Das alte Dresden“ angekündigt hatte – ein Titel, der lange vergriffen gewesen war. Viele, viele Dresdner waren damals bedürftig, unsere Kartei von Bestellzetteln „hochschwanger“. Die starke Nachfrage wurde bei der Zuteilung insoweit bedacht, als Dresdner Buchhandlungen von LKG mehr Exemplare erhalten haben als die Buchhandlungen in den anderen Bezirken. Was glauben Sie, wie viele wir abbekommen haben? Etwa 20 Stück!

Danke für heute, liebe Frau Tanzer, wir setzen unser Gespräch fort.

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Maritta Tanzer (geb. 1944) absolvierte zwischen 1961 und 1964 ihre buchhändlerische Lehre in der Volksbuchhandlung „Buch und Kunst“ in Dresden. Bis heute wird ihr damaliger Chef, Hans Führer, von den Ehemaligen als Vaterfigur verehrt. 1964 wechselte sie nach Leipzig in die Volksbuchhandlung „Am Neumarkt“, die 1967 mit der „Hinrichs’sche Buchhandlung“ zusammengelegt wurde. Neben ihrer Tätigkeit als Lehrausbilderin war sie dort für die Belletristik und das Kinderbuch zuständig.

Nach Differenzen mit der Bezirksdirektion des Leipziger Volksbuchhandels kam sie 1968 als Referentin bei der Abteilung Buchmarktforschung beim Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel (LKG) unter. 1969 schloss sie ein vierjähriges Fernstudium an der 1957 gegründeten „Fachschule für Buchhändler“ in Leipzig-Leutzsch ab, die seit 1960 berufsbegleitende Fernstudiengänge möglich machte. Die Schule war damals im selben Gebäude wie die „Fachschule für Bibliothekare Erich Weinert“ untergebracht war, die Lehrpläne und Dozenten waren jedoch andere. Die Fusion zur „Fachschule für Bibliothekare und Buchhändler Erich Weinert“ erfolgte 1985. Die Abschlüsse wurden erst weit nach der Wende vom Kultusministerium als Fachhochschulabschluss anerkannt.

1972 Umzug nach Freiberg, wo Maritta Tanzer zunächst in der Hochschulbibliothek der Bergakademie arbeitete. 1978 wechselte sie zur „Akademischen Buchhandlung für Montanwissenschaften“, bei der sie bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2007 für die Ausbildung der Lehrlinge, die Betreuung der Vertriebsmitarbeiter sowie für die Sortimente Belletristik und Kinderbuch verantwortlich war.

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