„Ich habe viele Fehler gemacht, die meine Leser jetzt nicht mehr machen müssen.“ – Boris Langendorf über „Null Zins? Nein danke!“

Obwohl ich Boris Langendorf seit langem persönlich kenne und schätze, überraschte mich diese Entscheidung: Seinen Ratgeber für Börseneinsteiger „Null Zins? Nein danke!“ publizierte er bei einem BOD-Verlag. Anlass genug, ihm einige Fragen zu stellen.

Auf Ihrer Autorenseite fällt der Satz „etiam si omnes – ego non“ ins Auge. Was verbinden Sie damit?

Das Prinzip, das eigene Denken zu bewahren und nicht einfach im Mainstream mitzuschwimmen.

Als Diplom-Kaufmann und Wirtschaftsjournalist haben Sie sich vier Jahrzehnte für den Buchmarkt stark gemacht. Warum wenden Sie sich mit Ihrem Ratgeber jetzt einer anderen Öffentlichkeit zu?

mit Langendorf im Gespräch © Sabine Münch

mit Langendorf im Gespräch © Sabine Münch

In einem zweiten Leben war und bin ich seit 1987 privater Kleinanleger, und nach dem Verkauf von „Langendorfs Dienst“ habe ich die große Chance gesehen, meine dabei gemachten Erfahrungen anderen zur Verfügung zu stellen. Ich habe viele Fehler gemacht, die meine Leser jetzt nicht mehr machen müssen, und dennoch eine Rendite erzielt, von der das Sparbuch nur träumen kann.

Auf Rendite scharf sein ist ja vielen verdächtig…

Vor dem Hintergrund der sich öffnenden Rentenlücke bei gleichzeitigen Nullzinsen ist die private Absicherung mit rentierlicher Geldanlage für jeden eine brennende Frage, die nicht mit Emotionen zu lösen ist.

Als langjähriger Beobachter und Begleiter der Buchbranche sollte es Ihnen eigentlich leicht gefallen sein, einen klassischen Verlag für Ihre Publikation zu gewinnen?

Nicht wirklich. Die Fachverlage haben alle einen Ratgeber für Börseneinsteiger und wollen ihre etablierten Autoren nicht verärgern (und dabei hatte ich immer gedacht, sie wollten Geld verdienen). Ich habe auch einige Publikumsverlage kontaktiert, aber denen war ein braves Einsteigerbuch, wenn sie sich schon für das Thema Börse hergeben, nicht reißerisch genug. Das Manuskript haben aber alle gelobt.

Was hat Sie schlussendlich bewogen, ein Selfpublisher zu werden?

Ein wesentlicher Vorteil ist die Schnelligkeit. Gerade Informationen zur Geldanlage sind, anders als etwa ein lustiger Roman, leicht verderbliche Ware, und wenn die Arbeit fertig ist, soll sie auch gleich raus und nicht erst bis zum Frühjahrsprogramm warten. Wichtig ist auch, dass ich die Publikation ganz unter der eigenen Kontrolle habe: je nachdem, wie schnell und gut Rückkopplungen aus dem Leserkreis kommen, kann ich jederzeit mit einer Neuauflage reagieren.

Gegen Indie-Autoren bestehen gewisse Vorbehalte. Wie stehen Sie dazu?

Die sind sicher in vielen Fällen berechtigt. In anderen eben nicht. Das ist wie im richtigen Leben.

Dienstleister fürs Selfpublishing gibt es inzwischen reichlich. Warum haben Sie sich für BoD entschieden?

BoD erschien mir vom gesamten Auftreten als seriöser und erfolgversprechender Partner. Dahinter steht Libri, ein vertriebsstarkes Unternehmen, das es bestimmt auch bei meinen nächsten Buchprojekten noch gibt. Und in Gesprächen mit Buchhändlerinnen habe ich festgestellt, dass BoD auch dort einen guten Ruf hat.

Andere Anbieter wie etwa Create Space von Amazon, epubli oder tredition waren für Sie nie eine Option?

Doch, ich habe sie mir auf der Frankfurter Buchmesse alle angesehen. Es gab keinen, den ich für mich ausgeschlossen hätte, aber dann muss man sich auch mal entscheiden.

Welche verlegerischen Dienstleistungen nimmt Ihnen BoD ab?

Produktion, ISBN, Pressemeldung mit Rezensionsversand, Auftritt auf der eigenen Seite. Vieles wie Lektorat, Korrektorat, Covergestaltung ist zubuchbar.

Wie zufrieden sind Sie bisher mit der Zusammenarbeit?

Gut und fair.

Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?

Null ZinsBis jetzt noch nirgends, aber das Buch ist ja erst dieser Tage erschienen. Die Frage kann ich ernsthaft erst beantworten, wenn das Projekt richtig etabliert ist.

Worauf sollte man bei der Zusammenarbeit mit Selfpublishing-Dienstleister besonders Acht geben?

Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells und Vertriebsstärke.

Mit einem E-Book und einem gedruckten Buch fahren Sie zweigleisig. Warum das?

Weshalb sollte ich mit meiner Botschaft nicht alle Lesegewohnheiten und -vorlieben bedienen?

Bekanntlich tut sich der Buchhandel mit Publikationen von Selfpublishern eher schwer… „Langendorfs Dienst“, den Matthias Koeffler im vergangenen Jahr übernommen hat, haben Sie 2002 aus der Taufe gehoben, um den unabhängigen Buchhandel im Wettbewerb zu unterstützen. Dankt Ihnen der Buchhandel das jetzt, indem er „Null Zins? Nein danke!“ ins Sortiment aufnimmt?

Ich erwarte nicht, dass der Buchhandel dies aus Dankbarkeit oder gar aus Mitleid tut, sondern weil „Nullzins? Nein danke!“ ein Problem lösen hilft, das sehr vielen Buchhandelskunden bald unter den Nägeln brennen wird und vielleicht auch dem einen oder anderen Buchhändler selbst. Da erwarte ich aber nicht, dass das Sortiment von selbst darauf kommt, das muss ich kommunizieren.

Ihr Buch ist auch bei Amazon erhältlich…

So spielt das Leben. Das gilt im Übrigen meines Wissens für alle anderen Bücher auch. Ich habe das Buch geschrieben, um die Menschen vor den Zinsfalle zu bewahren und nicht als Aktion gegen Amazon.

Der Zwang zum Selbstmarketing gilt heute für nahezu alle Autoren. Was werden Sie tun, um Ihren Ratgeber für Börseneinsteiger bekannt zu machen?

Die Branchenöffentlichkeit suchen, so oft es geht, und auch die Endkunden. Die so genannten Sozialen Medien bieten dafür heute Möglichkeiten, von denen frühere Autorengenerationen nicht zu träumen wagten. Welche davon die effektivsten sind, das wäre vielleicht auch mal ein interessantes Buchthema.

Es heißt ja, dass der Umstand, dass Autoren nicht mehr auf Verlage angewiesen sind, erhebliche Folgen für den Buchmarkt und -handel haben werden. Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?

Diese Frage überzeichnet etwas. Schließlich ist BoD ja auch ein Verlag, dessen Dienste ich gern in Anspruch nehme und die ich keineswegs auch noch selbst leisten will.

Könnte es sein, dass Independent Publikationen den klassischen Gatekeepern à la longue den Rang ablaufen?

Niemals. Es wird sich ein Gleichgewicht einstellen zwischen der Produktion klassischer Verlage und der Produktion marktrelevanter (nur um die geht es) Selfpublisher. Mit sich steigernder Offenheit und Servicebereitschaft gegenüber Autoren können klassische Verlage ihren Marktanteil in diesem neuen Gleichgewichtszustand hoch halten.

Und nun – zur wichtigsten Frage: In Ihrem Ratgeber geben Sie Ihre in fast 30 Jahren gewachsene Erfahrung als Kleinanleger weiter. Gesetzt den Fall, ich hätte 1.000 Euro übrig. Zu welcher Anlage würden Sie mir aktuell raten?

Da kann ich nur raten zu warten, bis Sie die fünf- bis zehnfache Summe übrig haben und dann mit der Investition in drei schön langweilige Qualitätsaktien zu starten.

Danke, Boris Langendorf. Ich erlaube mir, gelegentlich nachzuhaken, wenn sich das Projekt dann etabliert hat.

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„Der Begriff ‚Leseland‘ müsste neu aufgerollt werden.“ Gespräche mit ehemaligen Volksbuchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Heike Wenige und Holger Brandstädt einiges haben wissen lassen, teilt nun Maritta Tanzer ihre Erinnerungen. Sie kam 1961 als Lehrling zum volkseigenen Buchhandel und ist bis zu ihrem Renteneintritt im Jahr 2007 eine Buchhändlerin aus Leidenschaft geblieben.

Frau Tanzer, im ersten Teil unseres Gespräches (den man hier nachlesen kann) haben wir u.a. auch darüber gesprochen, welche Titel im Sortiment häufig gefehlt haben. Was ging bei Ihnen wie „geschnitten Brot“?

Doppelbödige Texte. Sozialistische Gegenwartsliteratur, die versteckte Kritik übte, die ging „wie geschnitten Brot“, auch „unter dem Ladentisch“ weg. Hermann Kants „Aula“, Christa Wolf, Brigitte Reimann, K.H. Jacobs, die Strittmatters, um hier nur einige gängige Autoren aus meinen Anfangsjahren im Buchhandel zu nennen. Unvergesslich bleibt mir die Leipziger Herbst-Buchmesse im Jahr 1965. Vor dem ehemaligen Buchmessehaus am Alten Markt habe ich gemeinsam mit Erik Neutsch dessen Neuerscheinung „Spur der Steine“ verkauft. Etwa 200 Exemplare (natürlich mit Autogramm) gingen binnen kurzer Zeit weg. Das wäre heute ein Traumergebnis – und das mit Literatur, die im Zuge des Bitterfelder Weges entstanden ist.

War das alles nur „unter dem Ladentisch“ zu haben?

Kants „Aula“, 1965 erschienen, war anfangs sehr gefragt, später aber fast immer im Sortiment vorrätig. Auch Strittmatters Bücher gab es nicht nur unter dem Ladentisch – doppelbödig und aufregend war von ihm eigentlich doch nur „Ole Bienkopp“, erstmals 1963 erschienen. Doppelbödig war Christa Wolf. Nehmen wir beispielsweise ihren 1976 erschienenen Titel “Kindheitsmuster“, in dem der ganz normale Alltag im Nationalsozialismus ein Thema war. Erstmals in der DDR-Literatur war das ein Thema. Oder ihre „Kassandra” aus dem Jahr 1983 – die ersten Auflagen von diesem Buch gab es tatsächlich nur unter dem Ladentisch. Meine eigene “Kassandra”-Ausgabe hat eingeklebte Streifen. – Ich hatte mir die geschwärzten Stellen besorgt, abgeschrieben und in meine DDR-Ausgabe eingeklebt. Doppelbödige Texte, die sehr gefragt waren, gab es allerdings nicht nur bei der deutschen, sondern in der Perestroika-Zeit eher noch bei der sowjetischen Literatur. Da waren auch die Kinos zur “Woche des sowjetischen Films” rammelvoll. Daniil Granins „Sie nannten ihn Ur“ bekam man 1988 nur unter dem Ladentisch.

Sie haben ganze Passagen aus Büchern abgeschrieben?

Ich habe vieles abgeschrieben, ganze Bücher. Biermanns “Drahtharfe”, 1965 bei Wagenbach in West-Berlin erschienen, habe ich komplett in einer Nacht kopiert, weil ich das Buch am nächsten Tag an eine Ausstellerin aus der BRD zurückgeben musste.

Welche Möglichkeiten haben Sie darüber hinaus genutzt, um an Bücher zu kommen, die der Zensur zum Opfer gefallen waren?

Maritta Tanzer bei der Inventur © privat

Maritta Tanzer bei der Inventur (nach der Wende) © privat

1963 war bei „Volk und Welt“ erstmals Jewtuschenko erschienen – ein Gedichtband. Mir ist es mit Jewgeni Jewtuschenko ähnlich ergangen wie mit Wolf Biermann. Ich fand seine Texte faszinierend aufmüpfig. Wegen dem darin enthaltenen Gedicht „Babi Jar“, in dem Jewtuschenko dem Massenmord an Kiewer Juden im Jahr 1941 gedenkt, wurde der Titel einige Tage später eingezogen und auch aus den Bibliotheken entfernt. Leider waren die zwei, drei Exemplare, die wir von der Auslieferung erhalten hatten, bereits am ersten Tag verkauft. Ich hatte das Buch, aus welchen Gründen auch immer, leider verpennt. Zum Glück hatte ich damals eine Freundin an der Theaterhochschule, die es aus der dortigen Bibliothek ausgeliehen hatte, bevor es aus dem Bestand entfernt wurde. Es ging “verloren“ und musste deshalb von meiner Freundin bezahlt werden. Bis heute steht es mit Bibliotheksstemmpel in meinem Bücherschrank. Anderenfalls wäre es sicher eingestampft worden.

Wie lief das mit Titeln aus dem sogenannten nicht-sozialistischen Ausland?

Die Devisen, die nötig gewesen wären, um Rechte von westlichen Verlagen zu bekommen, waren ja mehr als beschränkt. Viele Kinderbücher und moderne Autoren konnten auch aus diesem Grund nicht oder nur in geringen Auflagen erscheinen. „Pippi Langstrumpf“ erschien in der DDR einmal in einer kleinen Taschenbuchausgabe. Wir erhielten sie so gekürzt, dass es gerade einmal für die Kinderbibliothek und die eigenen Kollegen mit Kindern oder Enkeln gereicht hat. Ähnlich war es zum Beispiel mit Büchern von Erich Kästner.

Wie sind Sie dennoch an Bücher von West-Verlagen gekommen?

In den Internationalen Buchhandlungen ließen sich manchmal Autoren aufstöbern, deren Rechte westliche Verlage innehatten. Der Sowjetunion war, wie Sie vielleicht wissen, das Copyright ziemlich wurscht. Über diesen Umweg konnte man an Titel in deutscher Sprache gelangen (meist lediglich mit einem russischsprachigen Vorwort versehen), die in der DDR nie erschienen wären. Ich besitze zum Beispiel Ausgaben von Remarque. Dessen Roman „Im Westen nichts Neues“ wurde im Original in der DDR ja erst 1989 veröffentlicht.

Entdeckergeist und Erfindungsreichtum waren demnach vom Buchhändler im starken Maße gefragt?

Wenn ich von mir und meinen langjährigen Kolleginnen ausgehe: Wir hatten immer viel Freude daran, lesbare Bücher für unsere Kunden aufzustöbern. Viele dieser Bücher, die vor der Wende oft, leider nicht immer, im Laden standen, sind heute vom Markt verschwunden. Diese Kostbarkeiten haben wir über die Jahre gehegt und immer wieder gerne verkauft. Eines davon ist heute noch mein Lieblingsbuch, nämlich „Der Fremde von Barra“ vom kanadischen Autor Fred Bodsworth. Die deutsche Übersetzung ist 1965 im Aufbau Verlag erschienen und leider nur noch antiquarisch erhältlich.

Der Bestand an lieferbaren Titeln war so übersichtlich, dass wir ausreichend Zeit für die Suche nach besonderen Büchern hatten. Und da gab es, wie heute auch, einige Entdeckungen zu machen, die man dem Kunden gerne vermittelte. Das war immer sehr schön für uns, wenn sich Kunden beraten lassen wollten. Neben den von ihnen angesprochenen Ladenhütern, gab es durchaus Nischenprodukte. Zum Beispiel aus dem LDPD-Verlag „Buchverlag Der Morgen“, die wir gern empfohlen haben. Wie viele andere DDR-Verlage existiert dieser Verlag heute auch nicht mehr.

Was ging nur mäßig über die Ladentheke?

Natürlich standen Bücher zur Geschichte der Arbeiterbewegung (Gotsche, Bredel und andere Namen), aber auch geförderte, mittelmäßige Autoren, die alle schon in der x-ten Auflage erschienen waren, wie Blei im Regal. Das betraf in erster Linie die Bücher aus dem Mitteldeutschen Verlag. Wir mussten Buchlaufkarten führen, um die Titel im Blick zu behalten und den Verkauf nachzuweisen. Abgesehen von einem gewissen Grundsortiment aus dem Dietz-Verlag hatten wir die Regale übrigens nie voller unverkäuflicher Literatur. Dabei halfen auch die Buchlaufkarten. Meiner Erinnerung nach gab es eher Zeiten, wo wir mangels Masse viele Bücher frontal gestellt haben.

Buchlaufkarten – ein Mittel zur Kontrolle?

Mittels der Buchlaufkarten sollten diese Titel immer wieder nachbestellt werden und am Lager gehalten werden. In Leipzig kamen regelmäßig zwei Autoren in die Buchhandlung, um zu kontrollieren, dass ihre Bücher auch im Sortiment standen – Hildegard Maria Rauchfuss und Ferdinand May (der Vater von Gisela May). Die haben sich dann beim Verlag beschwert, wenn sie ihre Bücher nicht im nicht Sortiment gefunden haben.

Die Leipziger Buchhandlung „Am Neumarkt“ war zu Ihrer Zeit Testbuchhandlung des Staatsverlags. Erhoben wurden dort Daten für die Programm- und Auflagenplanung.

Ja, genau. Die Volksbuchhandlung „Buch und Kunst“ in Dresden, wo ich meine buchhändlerische Lehre absolviert habe, war sogar für zwei Verlage Testbuchhandlung: Für den Verlag Bauwesen und den Transpress-Verlag für Verkehrswesen. Übrigens hatten nur die Testbuchhandlungen das vollständige Sortiment des jeweiligen Verlages vorrätig zu halten. In Leipzig, in der Buchhandlung “Am Neumarkt“, waren es der Verlag Wirtschaft und der Staatsverlag. Später in Freiberg dann der Verlag für Grundstoffindustrie. Etliche Titel dieses Verlages werden heute antiquarisch gesucht, weil es nichts Besseres für bestimmte Spezialgebiete gibt.

Wie war das mit der Parteiliteratur?

Die Genossen, die in den Betrieben die unselige Parteiliteratur verkaufen mussten, waren schon bemitleidenswert. Denn irgendwann hatten ihre Mitgenossen weder die Lust, das Zeug zu lesen, noch den Willen, es zu bezahlen, auch wenn es sich nur um Pfennigbeiträge handelte. Die Bestände stauten sich dann in den Buchhandlungen, was den Warenbestand belastete.

Zu DDR-Zeiten war das Buch nicht nur eine begehrte Ware, sondern auch ein beliebtes Tauschobjekt…

Der Begriff „Leseland DDR“, mit dem sich der Staat gerne geschmückt hat, müsste für meine Begriffe neu aufgerollt werden. Viele Kunden haben rare Titel bestellt, ob sie die je gelesen haben, weiß ich nicht. Für viele (nicht alle) waren Bücher Statussymbole oder auch Geldanlagen als Ersatz für Dinge, die sie sowieso nicht kriegen konnten (wie etwa Reisen, Konfektion, Elektronik). Mangels anderer Alternativen waren Bücher natürlich auch Geschenkartikel. Für uns Buchhändler – auch nicht für alle – waren sie bisweilen auch Tauschobjekte. Ja, irgendwann benötigten auch unsere Kinder einen neuen Anorak oder Vitamine im Winter. Und nach Ladenschluss war das eben nicht mehr zu bekommen.

Meine Skizze wirft mehr Fragen auf als sie Antworten geben kann. Wo haben Sie besonders viele Fragezeichen gesetzt?

Einige Punkte habe ich ja bereits angeschnitten. Besonders aufgestoßen ist mir, dass die Skizze den Eindruck erweckt, als sei der Alltag des Buchhändlers in der DDR freudlos gewesen. Trotz der geringen Auswahl, die es gab, und trotz aller Widrigkeiten, die ich erlebt habe, hat der Beruf des Buchhändlers in der DDR Spaß gemacht. Wir haben beileibe nicht den ganzen Tag an Partei und Regierung gedacht. Ich meine, dass Sie das in Ihren Ausführungen zu verbissen sehen. Ein wichtiger Grund ist zudem, dass die Kollegen sich lange kannten, über viele Jahre hinweg (in der Akademischen Buchhandlung in Freiberg sogar bis heute) zusammengearbeitet haben und viele Schwierigkeiten auch mit Humor umschifften. Ich glaube, solche „Kollektive“, wie sie in der DDR gang und gäbe waren, sind heute rar. Ich sehe nicht, dass wir damals groß gelitten hätten.

Auf jeden Fall möchte ich Ihnen vermitteln, dass ich (wie viele meiner Kolleginnen) trotz aller Widrigkeiten mit Leib und Seele Buchhändler war. Wenn wir uns heute treffen, sprechen wir weniger über die Schwierigkeiten, sondern eher über sehr lustige Weihnachtsfeiern, Wanderungen, Betriebsausflüge, die es so heute nicht mehr gibt. Und die – auch wenn angeordnet gewesen war, darüber einen Artikel für das Brigadetagebuch zu verfassen – ungeheuer Spaß gemacht haben.

Gibt es etwas, was Sie aus dem DDR-Buchhandel gerne in die Bundesrepublik „rübergerettet“ hätten?

Maritta Tanzer beim Verkauf © privat

Maritta Tanzer beim Verkauf (nach der Wende) © privat

Während meiner Zeit in der „Akademischen Buchhandlung“ existierte ein System von monatlichen Ausstellungen, die in den jeweiligen Speiseräumen der Betriebe in und um Freiberg herum stattfanden. Jeder Kollege war für zwei Betriebe zuständig. Für die Ausstellungen wurde monatlich Literatur gesammelt. Nur so konnte möglich gemacht werden, dass die Beschäftigten in den Betrieben wenigstens begrenzt zu Büchern kamen, die sie im Laden nie gesehen hätten. Der Andrang in der Mittagspause war immer irre. Und die Hemmschwelle für viele, die nie eine Buchhandlung betreten hätten, war beseitigt.

Fächer, in denen Bücher gesammelt wurden, existierten bei uns auch für die sogenannten Vertriebsmitarbeiter, für die ich in der „Akademischen Buchhandlung“ verantwortlich gewesen bin. Wir hatten circa 70. Das waren literaturinteressierte Mitarbeiter in Betrieben, Schulen, Instituten und Bibliotheken, aber auch in den umliegenden Dörfern, die Bücher im Namen unserer Buchhandlung verkauften. Dafür bekamen sie eine Aufwandsentschädigung. Bei uns waren es zehn Prozent. – Ich weiß, dass all diese Dinge im heutigen Buchgeschäft weder praktikabel noch nützlich wären. Ich möchte Ihnen anhand dieser Beispiele lediglich einige Besonderheiten des DDR-Buchhandels vor Augen führen.

Was stößt Ihnen im Vergleich zur DDR beim heutigen Literaturbetrieb auf?

Die Titelflut mit unendlich viel Müll, die Fokussierung auf die Bestsellerlisten, die Rückgabe vom Hardcover nach nur sechs Monaten, die Unmengen von Remittenden, besonders im Taschenbuchbereich, empfinde ich aus ökonomischer Sicht ähnlich wie das Entsorgen der überflüssig gewordenen Literatur in den stillgelegten Braunkohletagebau Espenhain um die Wendezeit. Man braucht Zeit zur Sortimentspflege, d.h. längere Verweildauer belletristischer Titel im Sortiment, damit sich der Buchhändler vertraut machen kann mit dem, was er verkaufen will. Und die Riesenbuchhandlungen, deren Sortimente die Leute fast erschlagen, sind auch nicht das, was ich mir als Buchhändler mal erträumt habe.

Liebe Frau Tanzer, herzlichen Dank für diesen Einblick. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir im Gespräch blieben.

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Maritta Tanzer (geb. 1944) absolvierte zwischen 1961 und 1964 ihre buchhändlerische Lehre in der Volksbuchhandlung „Buch und Kunst“ in Dresden. Bis in die heutigen Tage wird ihr damaliger Chef, Hans Führer, von den Ehemaligen als Vaterfigur verehrt. 1964 wechselte sie nach Leipzig in die Volksbuchhandlung „Am Neumarkt“, die 1967 mit der „Hinrichs’sche Buchhandlung“ zusammengelegt wurde. Neben ihrer Tätigkeit als Lehrausbilderin war sie dort für die Belletristik und das Kinderbuch zuständig.

Nach Differenzen mit der Bezirksdirektion des Leipziger Volksbuchhandels kam sie 1968 als Referentin bei der Abteilung Buchmarktforschung beim Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel (LKG) unter. 1969 schloss sie ein vierjähriges Fernstudium an der 1957 gegründeten „Fachschule für Buchhändler“ in Leipzig-Leutzsch ab, die seit 1960 berufsbegleitende Fernstudiengänge möglich machte. Die Schule war damals im selben Gebäude wie die „Fachschule für Bibliothekare Erich Weinert“ untergebracht war, die Lehrpläne und Dozenten waren jedoch andere. Die Fusion zur „Fachschule für Bibliothekare und Buchhändler Erich Weinert“ erfolgte 1985. Die Abschlüsse wurden erst weit nach der Wende vom Kultusministerium als Fachhochschulabschluss anerkannt.

1972 Umzug nach Freiberg, wo Maritta Tanzer zunächst in der Hochschulbibliothek der Bergakademie arbeitete. 1978 wechselte sie zur „Akademischen Buchhandlung für Montanwissenschaften“, bei der sie bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2007 für die Ausbildung der Lehrlinge, die Betreuung der Vertriebsmitarbeiter sowie für die Sortimente Belletristik und Kinderbuch verantwortlich war.