Die unglaubliche und eigentlich unwahrscheinliche Geschichte der ersten West-Buchhandlung in der DDR

Ein Gastbeitrag von Theo Schäfer

Alles war anders als vorher – aber nachher war auch wieder alles anders

Als am Montag, dem 18. Dezember 1989 gegen 8 Uhr in der Früh eine fahle Wintersonne ihre ersten tastenden Strahlen vom östlichen Horizont nach Dresden sickern ließ, waren sie gerade noch stark genug, winzige Feuerblitze an den güldenen Flanken des Goldenen Reiters zu entfachen. Die Szene, die sich den Augen des seit Jahrhunderten nach Osten galoppierenden August des Starken darbot, war eigentlich gespenstisch. Neben dem Sockel seines Denkmals endete eine dunkelgraue, nahezu unbewegliche Kolonne von Menschen, die mehre hundert Meter lang in Dreier- und Viererreihen in die Straße der Befreiung hineindrängte. Das Ziel dieser nur leise in sich wogenden grauen Masse war der Eingang zu dem an diesem Tage eröffneten Club-Center des Bertelsmann Buchclubs.

Dass in diesem Menschen-Konvolut Leben herrschte, war vor allem daran abzulesen, dass der Atem aller hier Wartenden in der 16 Grad kalten Winterluft zu kurzlebigen Eisfähnchen erstarrte. Ich stand dieser Szenerie völlig hilflos gegenüber, wissend, wie klein unsere Buchhandlung war, ahnend, wie unendlich lang diese Menschen in der klirrenden Kälte auszuharren haben würden. Ein Kollege ließ sich mit dem Auto an der wartenden Menschenmenge entlang fahren, streckte seinen Kopf durch das geöffnete Schiebedach, forderte die Menschen mit Hilfe eines Megaphons dazu auf, angesichts der Kälte nach Hause zu gehen: „Wir sorgen dafür, dass Sie alle die gewünschten Bücher erhalten, morgen gegen 8 Uhr kommt schon die nächste Lieferung, da müssen Sie dann nicht mehr so lange warten!“

Kein einziger Mensch verließ die Warteschlange. Augenzeugen berichteten später, diese Warteschlange sei deutlich länger gewesen, als jene vor den ersten Visa-Schaltern für Westreisen. Übrigens war die Schlange am nächsten Tag nicht kürzer, am übernächsten Tag genauso wenig – sie war im wortwörtlichen Sinn zu einer stehenden Einrichtung der Straße der Befreiung geworden und blieb es auch bis zum endgültigen Ladenschluss zehn Tage später.

Am 9. November war die Mauer gefallen, nichts war mehr wie vorher. Dass fünf Wochen später in der Straße der Befreiung 36 ein komplett eingerichteter, moderner und schöner Buchladen seine Pforten öffnen konnte, hat natürlich eine Vorgeschichte, eine sehr kurze, sehr dramatische, sehr schöne Vorgeschichte.

Zwei Versionen leben in der Erinnerungen derer, die damals dabei gewesen sind: Die eine erzählt, dass der charaktervolle und angstfreie Dresdener Oberbürgermeister, ja, genau jener, der als erster mit den „Konterrevolutionären“ sprach und sie um einen runden Tisch versammelte, also Wolfgang Berghofer, den Vorstandvorsitzenden der Verlagsgruppe „Gruner & Jahr“, die zum Medienkonzern Bertelsmann gehörte und gehört, die Frage gestellt hat, ob es denn denkbar und möglich sei, für die Bürger Dresdens noch vor Weihnachten einen westlichen Buchladen zu eröffnen. Die andere Version erzählt, dass aus dem Druckmaschinen-Kombinat „Planeta“ in Dresden, zu dessen größten Kunden Bertelsmann gehörte, der entscheidende Tipp an den Rat der Stadt Dresden ergangen sei. Und dass daraufhin der stellvertretende Bürgermeister die Bertelsmänner zu einem vorweihnächtlichen Testverkauf eingeladen habe. Wahrscheinlich ist an beiden Versionen etwas dran.

Von nun an wurde es turbulent, kurz darauf wuchs aus der Turbulenz hechelnde Hektik: Am 4. Dezember beschloss die Geschäftsleitung des Bertelmann Clubs, noch vor den Festtagen einen kompletten Buchladen in Dresden zu eröffnen. In diesem Zusammenhang ist der Hinweis darauf dienlich, dass man damals in Dresden weder einen Nagel, noch einen Sack Gips oder gar ein Buchregal hätte kaufen können. Vorhanden waren zwei nackte, kahle Räume, von der Stadt zur Verfügung gestellt. Alles andere musste aus dem provinziellen ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück in die geschichtspralle Residenzstadt Dresden gekarrt werden. Und man nahm sich immerhin 14 Tage Zeit, um zu planen, die erforderliche Mannschaft zu definieren und zu informieren, Bücher, Mörtel, Nägel, Schrauben und Mobiliar zu organisieren, die erforderliche Bürokratie zu bewältigen, Werbematerialien inklusive Beitrittserklärungen zu drucken. Darf doch ein Buchclub die deutlich preisgünstigeren Lizenzausgaben ausschließlich an eingetragene Mitglieder verkaufen.

Alles schien wie am Schnürchen zu laufen. Zumindest was die DDR-Obrigkeit betraf – sie schien gar nicht vorhanden zu sein, offensichtlich war alles von höherer Stelle mit höchstem Wohlwollen gesegnet worden. Keiner fragte nach Genehmigungen, niemand interessierte sich für Beglaubigungen, keiner kümmerte sich um Berechtigungen. In der Straße der Befreiung war man – zum ersten Mal in der Geschichte dieser Straße mit dem so schönen Namen – von allem befreit!

Trotzdem gab es sehr dramatische Stunden, als unsere beiden Sattelschlepper bei Bad Hersfeld vom bundesrepublikanischen Zoll festgehalten worden: Ein bornierter und besonders blöder Beamter wollte überprüfen, ob die irgendwo in einem der beiden Sattelschlepper verstauten mehrere Jahre alten Registrierkassen nicht aufgrund des Technologietransfergesetzes Einreiseverbot bekommen müssten. Als ich dann im zuständigen Bonner Ministerium dem entsprechenden Ministerialdirigenten mitteilte, er werde am kommenden Tag in der BILD-Zeitung als „Deutschlands dümmster Beamter, der den Dresdener Brüdern und Schwestern die Weihnachtsfreude nicht gönnt“ auf der Titelseite prangen, kam das Signal für freie Fahrt sehr flott. Nobel war das nicht von mir, aber die Story war tatsächlich abgesprochen und kein Bluff. Jeder Journalist hätte im Wirbel des Ost-West-Freudentaumels damals mitgemacht. Und mich hat nie ein Gewissensbiss in diesem Kontext geplagt.

pixabay public domain

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Von diesem 4. Dezember an war alles in Bewegung – nur August der Starke blieb ganz ruhig und unbewegt, galoppierte standhaft gen Osten, ganz so wie er es seit dem Jahre 1734 zu tun pflegt. Alle anderen Menschen an diesem Ort gaben sich den Tagwerken und ohne Pause den Nachtwerken hin. Als man begann, die Schaufenster zu dekorieren, wurden im Lager die Wände noch mit Gips geglättet und dann weiß gepinselt. Und am Sonntag, dem 17.12. war tatsächlich alles Fertig, auch die beteiligten Mitarbeiter. An den Schaufensterscheiben drückten sich viele Neugierige die Nasen platt, wurden natürlich eingelassen, bestaunten die 10.000 Bücher in den Regalen, unterschrieben die Beitrittserklärung und so verfügte der DDR-Club vor der Eröffnung bereits über 1200 Mitglieder – ein in der über 40jährigen Clubgeschichte einmaliger Vorgang.

Einmalig war auch das Interesse der Medien, und das war keineswegs den so besonders tüchtigen, wackeren und emsigen Club-Mitarbeitern zu danken. Begab es sich doch am nämlichen Tag, dass es Helmut Kohl gefiel, Dresden seinen allerhöchsten Besuch abzustatten. Diesem Umstand war es zu verdanken, dass 14 TV-Teams erschienen, von Radio- und Print-Journalisten ganz zu schweigen. Rundherum war alles eitel Wonne – nur die Leiterin der uns benachbarten volkseigenen Buchhandlung „Bücherstube Gutenberg“ war durch die Diskrepanz zwischen der eigenen Situation mit der entsetzlich mangelhaften Bücherversorgung, der absolut schleppenden Renovierung ihres total verstaubten Ladens und der auch für Wessis atemberaubenden Geschwindigkeit unseres Ladenprojekts so frustriert, dass sie ihre Bücherstube resigniert zusperrte. Für einige Journalisten ein gefundenes Fressen, um über uns herzuziehen, was uns nicht egal, sondern scheißegal war.

Bereits am Montag traf sich die Club-Mannschaft mit 20 der damals 27 Dresdener Buchhändlern zu einem gründlichen, absolut amikalen Informations-Austausch. Vom ersten Tag an gab es unzählige freiwilligen Helfer, mit Hilfe der Dresdener Presse war es auch gelungen, die Menschen so zielgerichtet zu informieren, dass „nur“ noch mit zwei- bis vierstündigen Wartezeiten zu rechnen war. Das klingt aus heutiger Sicht völlig verrückt, aber zuvor gab es Menschen, die sich um 4 Uhr früh anstellten, um dann gegen Mittag mit den gewünschten Büchern nach Hause zu gehen.

Nach 10 Tagen wurde dieser „Probeverkauf“ beendet. Am 29. Dezember wurde die Tür um 13 Uhr gesperrt, an die noch Wartenden wurden als Trostpflaster die noch vorhandenen Straßenkarten und Reiseführer verschenkt, vorher noch dem 30.000 Clubmitglied mit Blumen und Sekt gratuliert, der Laden blitzblank geräumt und dann der Kassensturz zelebriert. Dazu muss darauf hingewiesen werden, dass wir alle Bücher zum Einheitspreis von 5 Ost-Mark verkauft haben. In der Kasse lagen 831.650 Ost-Mark. Die sofort auf ein Dresdener Bankkonto flossen, um dort auf den 1:1–Umtausch zu warten. Klar war bei uns eines: Diese Summe sollte ohne jeden Abzug den Dresdenern zugutekommen – in welcher Form auch immer.

In Rheda und Gütersloh begann man ungesäumt: Die Fundamente einer gesellschaftsrechtlich fundierten Firma mussten erstellt, urheberrechtliche Fragen geklärt, lager- und produktionstechnische Probleme gelöst und Standorte für Filialen gefunden werden. Innerhalb eines guten Jahres gab es zwischen Rostock und Suhl 21 Filialen und rund 1 Million Mitglieder der Firma „Deutscher Bücherbund“. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die unglaublich und fast unglaubwürdige Geschichte des ersten West-Buchladens in der DDR verdient aber noch eine Schluss-Pointe – nein, das ist mir viel zu wenig: Sie verdient ein Happy End, und just dieses vermag ich zu liefern: Als der 1:1 – Austausch DDR-Mark – DM über die Bühne gegangen war, erhielt der Dresdener Kreuzchor nach über 70 Jahren wieder eine eigene Orgel für – wenn ich mich recht erinnere – rund 275.000 DM. Der Rest des Geldes floss in Bibliotheks-Mobile, weil viele Vorstadt-Bibliotheken schließen mussten und in andere Projekte des Sozialfonds der Stadt.

Als ich viele Monate später zum ersten Mal die Engelsstimmen der Kruzianer mit der Begleitung „unserer“ Orgel hörte, rollten ein paar Freudentränen über meine Wangen – erstens weil sie wirklich himmlisch sangen und zweitens, weil ich unendlich dankbar dafür war, jene 10 magischen Tage in Dresden zum Teil miterlebt zu haben.

© Theo Schäfer

Theo Schäfer, Jahrgang 1942, Dr. phil., freier Journalist, Verlagslektor bei Hoffmann & Campe, Pressechef des ORF, Chefredakteur HÖRZU Österreich, Pressechef Bertelsmann AG, 1989 Mitglied der Geschäftsleitung des Bertelsmann Clubs, verantwortlich für Kultur- und Öffentlichkeitsarbeit

3 thoughts on “Die unglaubliche und eigentlich unwahrscheinliche Geschichte der ersten West-Buchhandlung in der DDR

  1. Liebe Gesine,
    Ich habe das Stück der Herrn Schäfer jetzt erst ganz genau gelesen – und da war ich dann doch versucht, das ‚Like‘ wieder zurückzunehmen. Ich habe es nicht getan, das Like ist also ausschliesslich eines für Dich und Deine Seite.
    Mit was für einer Borniertheit der Herr da vorging, ein grosses Unternehmens hinter sich wissend, und dann muss ich auch noch so eine Textstelle wie diese lesen:

    “ Rundherum war alles eitel Wonne – nur die Leiterin der uns benachbarten volkseigenen Buchhandlung „Bücherstube Gutenberg“ war durch die Diskrepanz zwischen der eigenen Situation mit der entsetzlich mangelhaften Bücherversorgung, der absolut schleppenden Renovierung ihres total verstaubten Ladens und der auch für Wessis atemberaubenden Geschwindigkeit unseres Ladenprojekts so frustriert, dass sie ihre Bücherstube resigniert zusperrte. Für einige Journalisten ein gefundenes Fressen, um über uns herzuziehen, was uns nicht egal, sondern scheißegal war.“

    Ich will das nicht weiter kommentieren, bin allerdings froh, dass durch Deine Aktion auch solche Texte erscheinen, auf dass wir nicht vergessen, mit welcher Borniertheit viele von uns damals in den östlichen Teil des Landes gegangen sind.

    Liebe Grüße
    Kai

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