„Es war wie Twitter ohne Internet.“ Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Maritta Tanzer, Heike Wenige und Holger Brandstädt einiges haben wissen lassen, teilt nun Simone Zopf ihre Erinnerungen. Sie kam 1981 als Lehrling zum volkseigenen Buchhandel und blieb dem Beruf über 30 Jahre treu. – Zum vorangegangenen Gespräch geht es hier.

Mauerfall im November 1989, Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion im Juni 1990, deutsche Einheit am 3. Oktober 1990. Wie hast du diese turbulenten Monate erlebt?

Simone Zopf © privat

Simone Zopf © privat

Die Ereignisse überschlugen sich. Jeder Tag war Veränderung. Und der Roman ging weiter… Ohne Internet und Telefon erfuhren wir viele Ereignisse und Dinge beim täglichen Busfahren, in der Stadt, im Antiquariat. Es war wie Twitter ohne Internet. Alles musste neu entschieden werden. Krankenkasse, Versicherung, Mietverträge, Geld, Fahrkarten, Postleitzahlen, Schulformen, Arbeitsverhältnisse, Wohnorte … Die Entscheidungen mussten in dieser Zeit sehr rasch gefällt werden, da es insgesamt so viel zu tun gab. Die Umstände bestimmten das Tempo dieser Zeit. Alle waren damit beschäftigt, das sich verändernde Leben zu organisieren.

Der „ Tag der Deutschen Einheit“ am 3. Oktober 1990 war für mich persönlich ganz besonders feierlich. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hatte uns Kollegen und Kolleginnen zu einem Empfang auf der Frankfurter Buchmesse eingeladen. An diesem Tag bin ich Bundesbürgerin und bundesdeutsche Buchhändlerin zugleich geworden. Das war eine sehr schöne Geste vom Börsenverein. Danke!

Welche Hoffnungen hattest du für dein Land? Welches waren deine größten Sorgen?

Die Hoffnung war, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, was zu mir passt. Diese Hoffnung war größer als alle Sorgen.

Gibt es etwas, was du aus der DDR gerne in die BRD „rübergerettet“ hättest?

Über diese Frage habe ich lange und intensiv nachgedacht. Und die Antwort ist: nichts.

Im März 1990 wurde die Treuhandanstalt gegründet, deren Aufgabe es war, die volkseigenen Betriebe zu privatisieren. Im Zuge dessen wurde der Volksbuchhandel abgewickelt, die Buchbetriebe in den damals noch existierenden 15 Bezirken in Gesellschaften umgewandelt. Für euch war damals die „Thüringer Buchhandelsgesellschaft“ mit Sitz in Erfurt zuständig. Wie hast du die erste Phase der Privatisierung in deinem Betrieb erlebt?

Die Leiter der Buchhandlungen und Antiquariate konnten sich bei der Treuhand um den Kauf der Läden bewerben und haben diese in der Regel auch bekommen. Auch das Antiquariat Erfurt wurde so privatisiert. Wir haben weiterhin sehr gut zusammengearbeitet und von Tag zu Tag gemeinschaftlich das laufende Geschäft entschieden. Aus dem Bauch heraus. Wir hatten keine Ahnung. Und haben es trotzdem gemacht. Schließlich blieb uns ja nichts anders übrig.

Wie hast du auf die Entscheidung deiner damaligen Chefin reagiert, das Antiquariat 1991 in die Eigenständigkeit zu führen?

Das war grundsätzlich die richtige Entscheidung. Einige Investoren bzw. Investoren-Darsteller standen ja auch schon bereit … Uns wurde allerdings auch schnell klar, dass der Laden mit fünf Mitarbeitern so nicht zu halten war. Drei Kollegen, darunter auch ich, suchten und fanden neue Jobs in Erfurt. Das war ganz entspannt und freundschaftlich. Wir sind noch heute alle befreundet.

Nach der Wende war der Hunger nach Lesestoff groß, der zu DDR-Zeiten verboten oder nur schwer zugänglich war. Die Geschäfte im Buchhandel florierten. Kannst du dich erinnern, was damals bei euch besonders stark nachgefragt wurde?

Alles, außer DDR-Literatur. Trotz der Unsicherheit der Zeit wurde noch viel Geld für Bücher ausgegeben. Einerseits haben wir im Antiquariat verstärkt Grafik verkauft und 1991 einen Laden speziell dafür (selbst) umgebaut. In diesen Jahren waren viele kaufkräftige und kaufwillige (West)-Deutsche in Thüringen unterwegs. Andererseits war zu bemerken, dass sich die Menschen der ehemaligen DDR von den in vielen Jahren gesammelten Schätzchen trennen mussten, um Startkapital für das neue private oder berufliche Leben zu haben.

Die Umstellung auf neue Wirtschafts- und Sozialstrukturen war sicherlich kein Zuckerschlecken. Was bereitete dir besonderes Kopfzerbrechen?

Ich musste und wollte mich neu orientieren. Die Wende habe ich als Chance verstanden und tue dies noch heute.

Hilfestellungen für Sortimenter kamen vom Börsenverein, den Barsortimenten und Verlagsauslieferungen. Konntest du davon profitieren? Wie waren deine Erfahrungen?

Für Dezember 1990 hatte ich mir in der Bibliothek in Aachen ein Praktikum organisiert, um zu sehen, ob mir die Arbeit in der Bibliothek gefallen könnte. Das war nicht der Fall. Als ich 1991 noch im Antiquariat arbeitete, hatte ich die Gelegenheit, an einem „Schnellkurs Westdeutscher Buchhandel“ teilzunehmen, den die Verlagsauslieferung KNO organisiert hat. Danke KNV! Danke Herr Voerster! Blieben mir noch die vielen guten Lehrbücher des westdeutschen Buchhandels, die jetzt auch für uns verfügbar waren. Daraus habe ich in kurzer Zeit sehr viel gelernt.

1992 wechseltest du zur Buchhandlung Peterknecht; ein traditionsreiches Haus, 1805 gegründet, seit 1935 im Besitz der Familie Peterknecht …

Das war eine sehr gute Zeit, da es endlich darum ging, Buchhändler zu sein und nicht mehr nur Buchverwalter. 1992 hatten sich die Verhältnisse und Strukturen schon etwas gefestigt in diesem neuen Land. Und doch fühlte sich noch alles neu an, vieles war möglich und noch so manches in Bewegung. Es waren schöne, spannende und aufregende Zeiten mit viel Gestaltungspotential.

Welche Standards, die der volkseigene Buchhandel gesetzt hat, würden deines Erachtens dem Buchhandel heute gut tun?

Hier bleibt mir als einzig Gutes: die fachlich-theoretische Ausbildung. Alle anderen Standards waren politische Korsetts, Nichtbuchhändlersein, Nichtservice, Mangelverwaltung, BWL-Vodoo. Zum Glück ist das überwunden und wer wünscht sich die DDR-Buchhandelszeiten zurück? – Ich auf keinen Fall.

Würdest du vom Literaturbetrieb, so wie du ihn in der DDR kennengelernt hast, etwas auf den hiesigen Betrieb übertragen wollen?

Ich könnte jetzt ganz einfach sagen: In der DDR gab es nicht so viele Bücher und das war gut so, weil das einzelne Buch noch mehr wertgeschätzt wurde. Erwuchs die Besonderheit des Buches aber nicht aus dem Fehlen und Mangel? Ich denke schon. Deshalb: Nein! Lieber ein paar Bücher zu viel, als nur eins zu wenig.

Warum hast du nach 30 Jahren dem Beruf des Buchhändlers den Rücken gekehrt?

Zeiten ändern sich. Ich habe als Buchhändlerin in 30 Jahren viel erlebt, gesehen und gearbeitet. Zeit weiterzugehen. Und Buchhändlerin bleibe ich in meinem Herzen immer.

Simone, herzlichen Dank. Wir bleiben im Gespräch!

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Nach dem Abschluss der Polytechnischen Oberschule (POS) absolvierte Simone Zopf (geb. 1965) zwischen 1981 und 1983 ihre buchhändlerische Lehre in Halle/Saale bei „Das Gute Buch“, der größten Volksbuchhandelsfiliale im Bezirk Halle. Nach der Übernahme durch ihren Ausbildungsbetrieb war sie dort für die Sortimente Fachbuch und Gesellschaftswissenschaften zuständig. Umzug nach Erfurt, wo sie ab 1988 im „Antiquariat des Volksbuchhandels“ tätig war. Die Leiterin des Antiquariats, das damals fünf Mitarbeiter hatte, wagte nach der Wende den Schritt in die Selbstständigkeit.

1992 kam Simone Zopf zu „Peterknecht“. Dort war sie 20 Jahre lang beschäftigt; zunächst für das Fachbuch verantwortlich, in späteren Jahren dann für Belletristik und als 1. Sortimenterin. Im Sommer 2012 holte ein junger Berufskollege die erfahrene Buchhändlerin in seine Buchhandlung „Die Eule“ nach Weimar. Nach 30 Berufsjahren brauchte Simone Zopf dann frischen Wind; nach ersten Erfahrungen als Verlagsvertreterin in 2015 möchte sie zukünftig hier anknüpfen.

Zum ersten Teil des Gespräches geht es hier

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„Das System an sich war nicht verhandelbar.“ – Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Maritta Tanzer, Heike Wenige und Holger Brandstädt einiges haben wissen lassen, teilt nun Simone Zopf ihre Erinnerungen. Sie kam 1981 als Lehrling zum volkseigenen Buchhandel und blieb dem Beruf über 30 Jahre treu. – Zum vorangegangenen Gespräch geht es hier.

Du hast deine Jahre bei „Das Gute Buch“ in Halle als „bleierne Zeit“ bezeichnet. Magst du das etwas näher ausführen?

Schwer zu beschreiben. Ich war jung, dynamisch, sehr interessiert. Die DDR, die Buchhandlung, das Leben allgemein war geprägt von Tristesse, Mangel, Verfall. Einerseits verfallende Städte, Umweltverschmutzung, Mangelwirtschaft – andererseits die offizielle Linie mit Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik, die allseits gebildete sozialistische Persönlichkeit, der „Klassenfeind“ etc. etc. Und dazwischen wir, die einfach nur jung waren und ihr Leben leben wollten, Bücher, Familie, Freunde, Urlaub, Party.

Die Stagnation dieser Zeit war völlig konträr zu meinen Vorstellungen von Leben und Arbeiten. Ich stand mit 18 Jahren als fertige Buchhändlerin in der Buchhandlung und hasste die Vorstellung, 45 Jahre so arbeiten zu müssen. Um mich dem täglichen Einerlei und der Langeweile zu entziehen, habe ich praktisch alles gemacht, was sich mir bot, um meine Zeit sinnvoll zu nutzen. So beispielsweise an der Telefonzentrale der Bezirksleitung, Arbeitszeitnachweise geführt, Posteingänge bearbeitet und einmal für drei Wochen als delegierte Aushilfe der Buchhandlung (sogenannte sozialistische Hilfe) in einem Betrieb für die Herstellung von Kohleanzünder gearbeitet. Das war ganz besonders interessant! Und anstrengend! Direkt in der Produktion mit ganz normalen, wirklich hart arbeitenden Menschen! Das war sozialistischer Realismus pur. Kannte ich sonst nur aus Büchern. Da waren die kulturpolitischen Aufgaben ganz weit weg. Dort habe ich etwas fürs Leben gelernt.

Aufgrund deiner Parteilosigkeit hat dein Betrieb dein Ziel vereitelt, ein Direktstudium an der „Fachschule für Bibliothekare und Buchhändler Erich Weinert“ in Leipzig aufzunehmen. Wie bist du mit dieser Entscheidung umgegangen?

Ich stand der Entscheidung der Kaderleitung machtlos gegenüber. Die Möglichkeit, zu kündigen und einfach zum Studium zu gehen, bestand nicht. Meine nächste Alternative, als Kulturbeauftragte zur Trasse in die Sowjetunion zu gehen, scheiterte ebenfalls genau an diesen Mechanismen. Das System an sich war nicht verhandelbar. – Glücklicherweise bin ich dann aus persönlichen Gründen nach Erfurt umgezogen und fand im Antiquariat des Volksbuchhandels meine Nische unter Gleichgesinnten. Und zum Glück kam dann 1989 die Wende.

Idealerweise waren leitende Stellen mit SED-Mitgliedern besetzt. Wie präsent war die Partei in deinem Betrieb?

Präsent. Einerseits haben wir uns immer beobachtet und kontrolliert gefühlt, andererseits haben wir als Buchhändler auch Tag für Tag unsere ganz normale Arbeit gemacht, waren Kollegen, hatten Spaß, haben gelesen. Normal eben. Schwer zu beschreiben.

Wie sah eure Zusammenarbeit mit der Bezirksdirektion des Volksbuchhandels aus, die ja im gleichen Gebäude untergebracht war wie „Das Gute Buch“?

Wir waren ja eine Bezirksstadt, standen als größte Buchhandlung  im besonderen Fokus der Bezirksleitung, allein schon aus der räumlichen Nähe. Im Großen und Ganzen haben wir versucht, Begegnungen aus dem Weg zu gehen

Antiquariate waren bei DDR-Bürgern beliebt, weil es dort vielfach mehr zu entdecken gab als in den herkömmlichen Buchläden. In Erfurt warst du ab 1988 im dortigen „Antiquariat des Volksbuchhandels“ beschäftigt. Was war hier anders als in Halle bei „Das Gute Buch“?

das Team im Antiquariat um 1992 © privat

das Team im Antiquariat um 1992 © privat

Wir waren Gleichgesinnte. Wir haben offen und ehrlich geredet, ohne Angst vor Partei und Staatssicherheit. Das war schon etwas Besonderes. Das Antiquariat bot uns einen geschützten Raum. Die äußeren politischen Umstände waren deshalb zwar nicht anders, sie ließen sich hier aber besser ausblenden. Diese Gemeinschaft war stärkend.

Der Umgang mit dem Buch und den Kunden war ein anderer. Wir haben täglich im Laden, in Privatwohnungen und auch ganze Bibliotheken angekauft, d.h. wir wussten nie, was es am nächsten Tag Neues gibt. Und die Kunden auch nicht. Das war jeden Tag eine Überraschung und ein bisschen wie Weihnachten. Meiner Vorstellung von einem guten Buchhändler, geprägt von Kundenservice, Offenheit, Toleranz und Rücksichtnahme, kam die tägliche Arbeit im Antiquariat so viel näher. Diese besondere Situation kenne ich auch von anderen Antiquariaten des Volksbuchhandels. Das waren Oasen für Buchhändler.

Kannst du bestätigen, dass die Antiquariate des Volksbuchhandels beschlagnahmte Bibliotheken, etwa von Republikflüchtigen, aufgekauft haben?

Ja, das kann ich für Erfurt. Beispielsweise konkret der Fall eines junges Mannes, der die DDR unerlaubt Richtung BRD verlassen hatte und dessen Besitz durch die Staatlichen Organe der DDR beschlagnahmt und veräußert wurde. Die Bücher bekamen wir zur Bewertung und in den Bestand. Die Mutter des jungen Mannes kam zu uns ins Antiquariat und bat um einige Bücher aus dem Bestand des Sohnes, bevor wir die Titel in den Laden stellen. Selbstverständlich gewährten wir ihr dies. Allerdings waren wir als staatliches Antiquariat verpflichtet, uns die Bücher bezahlen zu lassen.

Das Buch war zu DDR-Zeiten nicht nur eine begehrte Ware, sondern auch ein beliebtes Tauschobjekt. Hat das auch das Image des Buchhändlers beeinflusst?

Allerdings. Buchhändler war ein angesehener Beruf. Jemanden in einer Buchhandlung zu kennen, konnte von Vorteil sein. Deshalb kenne ich Buchhändler, die beim Kennenlernen neuer Leute andere Berufe angegeben haben, um nicht plötzlich viele neue „Freunde“ zu haben und ausgenutzt zu werden. Ich gab mich bisweilen als Zahnarzthelferin aus, bis mal jemand meine Meinung zu seinem Zahnstatus haben wollte.

Woran erinnerst du dich besonders in dieser Phase zwischen 1988 – 1989?

Das Publikum im Antiquariat war sehr anders als im ´normalen´ Buchhandel. Viele Sammler, Sucher, liebenswerte Spinner, Freaks, schräge Leute mit ganz speziellem Wissen und Können. Die Mischung der Leute und die allgemeine politische Luftveränderung führten zu interessanten Gesprächen. Manchmal fast wie in einer Parallelwelt. Oder wie in einem Roman. Ja, manchmal kommt es mir so vor, als wären wir damals alle Romanfiguren gewesen.

Hat dich die Wende überrascht?

Im Grunde ja. Oder auch nicht. Das etwas passiert, war klar. Aber wie, wo, in welchem Tempo und mit welchen Konsequenzen, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht klar.

Über deine Erfahrungen nach dem Mauerfall sprechen wir in der kommenden Woche.

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Nach dem Abschluss der Polytechnischen Oberschule (POS) absolvierte Simone Zopf (geb. 1965) zwischen 1981 und 1983 ihre buchhändlerische Lehre in Halle/Saale bei „Das Gute Buch“, der größten Volksbuchhandelsfiliale im Bezirk Halle. Nach der Übernahme durch ihren Ausbildungsbetrieb war sie dort für die Sortimente Fachbuch und Gesellschaftswissenschaften zuständig. Umzug nach Erfurt, wo sie ab 1988 im „Antiquariat des Volksbuchhandels“ tätig war. Die Leiterin des Antiquariats, das damals fünf Mitarbeiter hatte, wagte nach der Wende den Schritt in die Selbstständigkeit.

1992 kam Simone Zopf zu „Peterknecht“. Dort war sie 20 Jahre lang beschäftigt; zunächst für das Fachbuch verantwortlich, in späteren Jahren dann für Belletristik und als 1. Sortimenterin. Im Sommer 2012 holte ein junger Berufskollege die erfahrene Buchhändlerin in seine Buchhandlung „Die Eule“ nach Weimar. Nach 30 Berufsjahren brauchte Simone Zopf dann frischen Wind; nach ersten Erfahrungen als Verlagsvertreterin in 2015 möchte sie zukünftig hier anknüpfen.

Zum ersten Teil des Gespräches geht es hier

„Entweder es gab das Buch – oder eben nicht.“ – Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Maritta Tanzer, Heike Wenige und Holger Brandstädt einiges haben wissen lassen, teilt nun Simone Zopf ihre Erinnerungen. Sie kam 1981 als Lehrling zum volkseigenen Buchhandel und blieb dem Beruf über 30 Jahre treu. – Zum ersten Teil unseres Gesprächs geht es hier.

Nach der Lehrzeit wurdest du von „Das Gute Buch“ in Halle übernommen. War das dein Wunschbetrieb?

Nein. Am allerliebsten hätte ich schon damals im Antiquariat gearbeitet. Das Antiquariat Halle, unter der Leitung des sehr geschätzten Kollegen Herrn Wolff, war eine (gefühlte) Insel inmitten des real existierenden sozialistischen Buchhandels. Die alten Bücher und der schöne, alte Laden versprachen große Freiheit.

Als junge Buchhändlerin warst du für die Sortimente Fachbuch und Gesellschaftswissenschaften, und damit auch für die Parteiliteratur, zuständig. Waren solche Titel in den späten 1980er überhaupt noch gängig?

Simone Zopf © privat

Simone Zopf © privat

Was heißt gängig? Die waren einfach da. Die Parteiliteratur war für alle verpflichtend, die in der Partei oder parteinah waren. Sie wurde für das sogenannte Parteilehrjahr gebraucht. Auch Studenten mussten für diese Bücher ihr Geld ausgeben. Zum Beispiel: „ Bericht des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands an den X. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Berichterstatter Erich Honecker“. Davon wurden tausende Exemplare verkauft. Aber auch gelesen??

Manches in diesem Segment haben wir unter uns auch umgedichtet. Aus Friedrich Engels „ Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ wurde „Der Affe auf dem Weg zur Arbeit“. Erich Honecker Biografie „ Mein Leben“ hieß unter Buchhändlern auch schon mal „ Aus dem Leben eines Taugenichts“. – So ganz ernst genommen haben wir das alles nicht.

Obschon es immer schwieriger wurde, ideologische Traktate an den Mann und die Frau zu bringen, war Planerfüllung wichtig. Wie seid Ihr verfahren, wenn absehbar war, dass der Umsatz von Parteiliteratur nicht stimmte?

Nichts. Wie auch? Aktiv verkaufen war nicht. Vielleicht im Kundengespräch: „Ach übrigens gibt es jetzt so ´ne neue Broschüre zum Parteitag, tolles Vorwort und gute Argumente“. Nee, das hat niemand gemacht und niemand gewollt. Am Ende war es ja auch egal, ob der Umsatz gestimmt hat, oder nicht. Ging ja trotzdem weiter. Naja, zumindest bis 1989.

Welche Titel waren während deiner Zeit besonders schwer zu beschaffen und welche lagerten wie Blei?

Interessante Fragestellung. Weil: „schwer zu beschaffen“ impliziert ja, dass es möglich war, Titel zu besorgen. Abgesehen von einigen Fachbüchern war aber nichts zu beschaffen. Entweder es gab das Buch – oder eben nicht. Das, was es gab, wollte keiner und das, was die Kunden wirklich wollten, gab es nicht.

Bückware. Gingen in eurem Betrieb auch Bücher unter der Ladentheke weg? Erinnerst du dich noch daran, was besonders begehrt war?

Wo soll ich anfangen, wo aufhören? Immer Mangelware: Autoatlanten (es gab nur zwei: einen großen, einen kleinen), Gartenbücher, Bildbände (Edition Leipzig, Seemann), Belletristik westdeutscher Autoren, kritische ostdeutsche Autoren, Bilderbücher, Lexika, Wörterbücher, Reiseliteratur etc. etc. Es gab in der Buchhandlung einen sogenannten „Giftschrank“, in dem Exemplare der besonderen Art, weil selten und somit tauschbare (!) lagerten. Über diese verfügten die Abteilungsleiter/Buchhandelsleiter.

Wie haben die Kunden reagiert, wenn Wunschlektüre partout nicht lieferbar war?

Fatalistisch. Die Kunden kannten es nicht anders. Bitter, aber wahr. Dafür war die Freude umso größer und wirklich echt, wenn sie dann tatsächlich einmal ein Buch in die Hände bekamen, das sie schon so lange haben wollten. Dafür haben wir Buchhändler auch schon mal gesorgt. Viele Kunden kamen täglich, um nach dem gewünschten Buch nachzufragen. Oft gab es eben nur 1 – 3 Exemplare für die Buchhandlung. Und so war das Buch eben „durch“, d.h. vergriffen, wenn der Kunde dann am nächsten Tag kam. Da wir unsere Kunden gut kannten, haben wir bisweilen (unerlaubt) das Buch auf einen fiktiven Namen ins Abholfach gestellt und es dem Kunden dann gegeben. – Jetzt, wo ich darüber nachdenke, erscheint mir dieses Leben und dieses Arbeiten kaum mehr vorstellbar.

Wie lief das mit den Vorbestellungen?

Im „Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel“ gab es die Beilage „Vorankündigungsdienst für den Buchhandel“ (VD). Dieser enthielt die Anzeigen der Erst- und Nachauflagen sechs Wochen vor dem Erscheinungstermin der Titel. Das war praktisch das einzige Arbeitsmittel für Titelneuankündigungen und auch die einzige Informationsquelle für die Kunden. Wir haben ca. 20 Titel ausgewählt und an ein Brett gehangen.

Diese Titel konnten die Kunden dann tatsächlich bestellen. Bestellen hieß hier allerdings auch noch nicht bekommen. Bei reinen Fachbüchern war es vergleichsweise einfacher mit der Bestellung, hier war auch mal eine Nachbestellung möglich.

Zu den wirklich begehrten Büchern wie Autoatlanten, Garten- oder Eisenbahnbüchern gab es, wenn sie denn im VD angezeigt wurden, manchmal eine Vormerkerliste. Das funktionierte dann beispielsweise so: auf die Liste konnten ca. 30 bis 50 Kunden eingetragen werden. Das war noch keine Bestellung mit Anspruch auf Erhalt. Die Kunden wussten das, waren aber froh, schon einmal auf einer Liste zu stehen. Die Buchhandlung konnte die Titel nach Anzeige im VD bei LKG ordern. Die Bestellzahlen allerdings waren utopisch. Es wurden 1000 Exemplare bestellt. Davon wurden vielleicht 60 in die Buchhandlung geliefert. Von diesen kamen 10 in den „Giftschrank“, 20 waren für Kollegen, ebenso viele für die die ersten 20 Kunden auf der Liste und der Rest war für den Freiverkauf im Laden bestimmt, wenn es gut lief.

Dieses absurde Bestellverhalten führte dazu, dass eines schönen und wundersamen Tages von 999 bestellten Kochbüchern doch tatsächlich, warum auch immer, eine große Palette mit circa 600 Exemplaren in der Buchhandlung eintraf. Das Erstaunen und die Freude für uns und die Kunden war groß. So hatten wir doch mal einen Nachmittag und auch noch am folgenden Vormittag ein sehr begehrtes Kochbuch tatsächlich vorrätig.

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Nach dem Abschluss der Polytechnischen Oberschule (POS) absolvierte Simone Zopf (geb. 1965) zwischen 1981 und 1983 ihre buchhändlerische Lehre in Halle/Saale bei „Das Gute Buch“, der größten Volksbuchhandelsfiliale im Bezirk Halle. Nach der Übernahme durch ihren Ausbildungsbetrieb war sie dort für die Sortimente Fachbuch und Gesellschaftswissenschaften zuständig. Umzug nach Erfurt, wo sie ab 1988 im „Antiquariat des Volksbuchhandels“ tätig war. Die Leiterin des Antiquariats, das damals fünf Mitarbeiter hatte, wagte nach der Wende den Schritt in die Selbstständigkeit.

1992 kam Simone Zopf zu „Peterknecht“. Dort war sie 20 Jahre lang beschäftigt; zunächst für das Fachbuch verantwortlich, in späteren Jahren dann für Belletristik und als 1. Sortimenterin. Im Sommer 2012 holte ein junger Berufskollege die erfahrene Buchhändlerin in seine Buchhandlung „Die Eule“ nach Weimar. Nach 30 Berufsjahren brauchte Simone Zopf dann frischen Wind; nach ersten Erfahrungen als Verlagsvertreterin in 2015 möchte sie zukünftig hier anknüpfen.

„Wir Buchhändler haben im Grunde mit viel Aufwand den Mangel verwaltet.“ – Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Maritta Tanzer, Heike Wenige und Holger Brandstädt einiges haben wissen lassen, teilt nun Simone Zopf ihre Erinnerungen. Sie kam 1981 als Lehrling zum volkseigenen Buchhandel und blieb dem Beruf über 30 Jahre treu.

Warum hast du dich für den Beruf des Buchhändlers entschieden?

Ich konnte lesen – das war schon einmal ein guter Anfang. Buchhändler war der einzige Beruf, den ich wirklich lernen wollte. Die Vorstellung der großen, offenen, vielfältigen Welt der Bücher und Schriftsteller hat mich fasziniert. In der Schule war ich eine der wenigen, die Literaturunterricht spannend fanden, fast ein Exot in meiner Klasse und so hoffte ich, in der Berufsausbildung Gleichgesinnte zu finden, denen Bücher so viel bedeuteten wie mir. An der Berufsschule für Buchhändler in Leipzig und auch in der Buchhandlung in Halle habe ich genau dies in einigen (wenigen) Lehrern, Kollegen und Mitschülern gefunden. Wir haben sehr viel gelesen, mit und für Bücher gelebt und diese wertgeschätzt.

Die Verlage und der Buchhandel gehörten zum kulturellen Bereich in der DDR, so wie Film, Theater, Kunst, Bibliotheken und Museen.

Selbstverständlich war es in der DDR nicht, dass man seinen Wunschberuf ergreifen konnte …

Nein, das war es nicht. Für meinen Jahrgang war genau eine Ausbildungsstelle als Buchhändler im zentral herausgegebenen Lehrstellenverzeichnis der Stadt Halle verzeichnet. Jeder Schüler erhielt in der 9. Klasse eine einzige Bewerberkarte und nur mit dieser konnte man sich auf genau eine Stelle bewerben.

War dir bewusst, dass dem Buchhandel eine erzieherische Funktion zugedacht war und er dementsprechend auch in der Pflicht stand, politisch genehme „Schwerpunkttitel“ zu vertreiben?

Nein, in diesem frühen Stadium nicht. Allerdings haben wir davon in unserer Ausbildung schnell und umfassend erfahren. Aber verinnerlicht? Eher nicht. Es gab in der DDR ein „Lehrbuch für Buchhändler“. Daraus konnte ich lernen, zum Beispiel dass „Die Triebkraft im kapitalistischen Verlagswesen und Buchhandel ist das Streben nach Profit“ während „In der sozialistischen Gesellschaf (es) Aufgabe des Verlagswesens und Buchhandels (ist), zur immer besseren Befriedigung der ständig wachsenden materiellen und kulturellen Bedürfnisse der Bevölkerung beizutragen“. Worthülsen angesichts der Realität in der DDR und der Arbeitswirklichkeit in den Buchhandlungen.

Wie sah denn die Wirklichkeit in der Buchhandlung aus?

LKG Umfrage Ende 1960er Jahre (1)

LKG Umfrage Ende 1960er Jahre (1)

Die Buchhandlung war alt, schlecht zu heizen, durch Umbauten im sozialistischen Stil verhunzt, z.B. Kassenhäuschen mit Glasscheibe wie in der Kaufhalle. Die Kunden durften nur mit einem am Eingang bereitstehendem Korb durch den Laden gehen (Anzahl limitiert), mussten die Bücher kaufen, die halt gerade da waren und dann die gekauften Bücher selbst einpacken (wenn Papier da war). Kundenservice Fehlanzeige. Tatsächlich war der Kunde nicht willkommen. Das war DDR Alltag.

Auf ungefähr 400 qm Verkaufsfläche kamen 40 Mitarbeiter (Laden, Büro, Hauptkasse, Hausmeister, Wareneingang, Abholfach, Parteileitung, Buchhandelsleiter….) Viele Mitarbeiter und doch wurde nicht genug gearbeitet. Und wir als Buchhändler haben im Grunde mit viel Aufwand den Mangel verwaltet.

Wie schätzt du deine Lehrzeit bei „Das Gute Buch“ im Rückblick ein?

Anfangs eröffnete sich mir tatsächlich eine neue, weite Welt. Ich lernte noch einige Kollegen aus der alten Buchhandelszeit kennen, vielleicht kann ich sie als bürgerlich bezeichnen, die waren irgendwie anders, nicht politisch durchdrungen, normal eben. Im Unterschied zu den jüngeren, politisch gebundenen Kollegen, die selbst schon die Stufen der politischen Erziehung durchlaufen hatten. Dazu kamen wir – Lehrlinge und sogenannte Jungfacharbeiter. Wir waren doch sehr anders (meinten wir jedenfalls damals) und haben versucht in diesen, für uns antiquierten Strukturen neue Wege zu finden. Aber vieles war so eng, so begrenzt, so unbeweglich. Andererseits waren wir irgendwie ganz normale Kollegen, haben gelacht, gestritten, gefeiert und ein bisschen gearbeitet 🙂

Gab es etwas, was dich als Lehrling besonders „genervt“ hat?

Die Arbeitszeit von 8,45 Stunden plus Pausen war in 2 Schichten eingeteilt. 7:00 Uhr bis 16:30 Uhr oder 9:00 Uhr bis 18:00 Uhr. Früh 7 Uhr (!) wurde mit Staubtuch, Wasser und Lappen alles durchgeputzt. Jeden Tag. Alle Regale. Im Alter von 16/17 Jahren empfand ich das als ziemlich sinnlos. Das ganze Land war dreckig und ich sollte um 7 Uhr morgens dagegen ankämpfen…

So habe ich sehr gern und oft meinen Dienst gegen die Spätschicht getauscht, oder einfach länger geschlafen. Natürlich gab es dann auch Ärger, aber who cares, niemand konnte entlassen werden in der DDR. Immerhin habe ich so meinen Ausbildern eine gute Gelegenheit verschafft, an mir im Sinne des Sozialismus erzieherisch tätig zu werden….

Wie bewertest du den theoretischen Unterricht an der Leipziger „Berufsschule für Buchhändler“ aus heutiger Sicht?

LKG Umfrage Ende 1960er Jahre (2)

LKG Umfrage Ende 1960er Jahre (2)

Das war eine inhaltlich sehr gute, fundierte, umfangreiche Ausbildung. Sehr besonders waren die Fächer „Literaturkunde“ und „Wissenschaft und Technik“. In Literatur wurden uns sehr gründlich Literaturkenntnisse aller Epochen vermittelt. Hauptaugenmerk lag allerdings auch hier auf der sozialistisch geprägten Literatur: sozialistischer Realismus, Bitterfelder Weg, Sowjetliteratur oder den bürgerlichen Schriftstellern, die ins ideologische Bild der DDR passten bzw. passend gemacht wurden wie zum Beispiel Arnold Zweig.

Das Fach „Wissenschaft und Technik“ unterrichtete eine sehr kluge, für uns allwissende Lehrerin. Hier ging es nur um Fakten. Basiswissen aus wirklich allen Fachgebieten. Medizin, Technik, Bergbau, Sprachen, Philosophie, Pädagogik, Chemie… Die ganze Bandbreite des Sortiments und das ganze praktisch unpolitisch. Eine Oase in der Ausbildungszeit. Die Tiefe und Breite dieses Unterrichts war genau die Art von Horizonterweiterung, die ich brauchte. Je mehr ich hörte, desto mehr wollte ich wissen und lesen und diskutieren und dabei sein. – Im Laufe des Buchhändlerjahre kam dann allerdings die Erkenntnis: Das Wissen eines Buchhändlers ist Fußballfeld groß, aber nur Spatentief. 😉

Welchen Anteil hatte die Staatsbürgerkunde im Rahmen deiner Ausbildung?

Kannten wir alles schon aus vier Schuljahren an der POS. Da war Staatsbürgerkunde auch schon langweilig. Es gab kein Entrinnen. Allerdings versuchten wir im Unterricht immer zu diskutieren. Die Klassenstruktur war recht durchmischt, kirchlich Gebundene, politisch Korrekte, Suchende, Zweifelnde und Gleichgültige, denen eine politisch linientreue Staatsbürgerkundelehrerin gegenüberstand. Die Diskussionen hörten an der Schultüre nicht auf. Hier prallten Welten aufeinander. Aber es war spannend.

Worauf wurde während deiner Ausbildung besonders großen Wert gelegt?

Die Ausbildung allgemein war schon darauf angelegt, aus uns nützliche Glieder der Gesellschaft zu schmieden. Egal, was gearbeitet wurde – Bücher verkaufen, Straßenbahn fahren, Häuser bauen – das waren offiziell nicht einfach nur Tätigkeiten, nein, alles wurde politisch überhöht und sollte immer ein Kampf für Frieden und Sozialismus sein. Ich hatte aber auch das Glück, noch auf einige ältere, erfahrene Buchhändler zu treffen, die mir weitab vom Politischen noch etwas vom ursprünglichem Beruf des Buchhändlers lehren konnten: Wissen, Zuhören, Belesenheit, Klugheit, Umgang mit Menschen, Integrität.

Schlussendlich haben wir unsere Arbeit getan. Die große Aufgabe – Sozialismus bla, bla – hat uns in der täglichen Arbeit nicht interessiert.

Was war während deiner Lehrzeit Pflichtlektüre?

Zwischen ungeliebten Ladenhütern (hohe Auflagen, praktisch immer in der Buchhandlung verfügbar) – Willi Bredel, Hans Marchwitza, Erik Neutsch – und begehrten Büchern (kleine Auflage, selten zu haben) – de Bruyn, Cibulka, Fritz Erpenbeck, Christa Wolf, Christoph Hein, Heiner Müller – gab es die breite Masse an Titeln, die so schlecht nicht war und in Ermangelung besserer Bücher gekauft wurde. Zwischen all diesen Titeln lag auch unsere Pflichtlektüre. Sehr viel Wert wurde auf Buchbesprechungen gelegt. Die haben wir sehr oft geschrieben. Manchmal nicht gern …

Spielten die „Ordnung für den Literaturbetrieb“ und das „Statut für den Volksbuchhändler“ noch eine Rolle?

Wenn es diese Ordnung gab, sollte ich davon während meiner Buchhändlerzeit gehört haben. Allerdings scheint es mich nicht nachhaltig beeindruckt zu haben, bzw. war es für die tägliche Arbeit nicht von Belang, sodass mir die Inhalte in Vergessenheit geraten sind. Während der täglichen Arbeit war es eben doch wichtiger, die Kartei ordentlich zu führen, ohne Differenzen an der Kasse zu arbeiten, Buchlaufkarten korrekt auszufüllen oder Bücher auf einer Palette so aufzubauen, dass sie nicht umfielen. Vielleicht stand das ja drin. Dann habe ich doch etwas daraus gelernt 😉

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Nach dem Abschluss der Polytechnischen Oberschule (POS) absolvierte Simone Zopf (geb. 1965) zwischen 1981 und 1983 ihre buchhändlerische Lehre in Halle/Saale bei „Das Gute Buch“, der größten Volksbuchhandelsfiliale im Bezirk Halle. Nach der Übernahme durch ihren Ausbildungsbetrieb war sie dort für die Sortimente Fachbuch und Gesellschaftswissenschaften zuständig. Umzug nach Erfurt, wo sie ab 1988 im „Antiquariat des Volksbuchhandels“ tätig war. Die Leiterin des Antiquariats, das damals fünf Mitarbeiter hatte, wagte nach der Wende den Schritt in die Selbstständigkeit.

1992 kam Simone Zopf zu „Peterknecht“. Dort war sie 20 Jahre lang beschäftigt; zunächst für das Fachbuch verantwortlich, in späteren Jahren dann für Belletristik und als 1. Sortimenterin. Im Sommer 2012 holte ein junger Berufskollege die erfahrene Buchhändlerin in seine Buchhandlung „Die Eule“ nach Weimar. Nach 30 Berufsjahren brauchte Simone Zopf dann frischen Wind; nach ersten Erfahrungen als Verlagsvertreterin in 2015 möchte sie zukünftig hier anknüpfen.