„Was ist ein Buch ohne Leser?“ SteglitzMind fragt bei Enno Arkona nach (Teil 2)

Im ersten Teil unseres Gespräches haben wir über den Stoff, den geschichtlichen Hintergrund gesprochen und was Enno Arkona geritten hat, daraus den historischen Krimi „Die Humanistenverschwörung“ zu stricken. Heute geht es um seine Erfahrungen als Selfpublisher und was ihn bisher davon abgehalten hat, seinen Krimi aktiv zu bewerben.

Ohne die rasanten Entwicklungen im Bereich Selfpublishing wäre Ihr Manuskript womöglich in der Schublade liegengeblieben?

Enno Arkona © Jannette Kneisel

Schwer zu sagen. Für mich war die Entwicklung ein Glücksfall. Die Veränderungen kamen genau zum richtigen Zeitpunkt.

Haben Sie jemals damit geliebäugelt, Ihren historischen Krimi bei einem klassischen Verlag unterzubringen?

Ja, klar. Bei den einschlägigen Agenturen habe ich es ja versucht. Zwei von denen hatten Interesse. Eine hat ein Gutachten erstellt, das war für mich ein echter Meilenstein. Überlange Sätze, zu viel Latein, unwichtige Details über Bücher. Weg mit dem Bildungskram. Stattdessen Nebenfiguren ausbauen, die zu kurz kommen, den Handelsgehilfen, die Großmutter. Es war ein bisschen so, als würden sie mir vorschlagen, es vollständig umzuschreiben und „Die Wanderhumanistin“ zu nennen.

Das haben Sie abgelehnt?

Sagen wir, ich konnte mich nicht entscheiden. Wenn ich hätte sicher sein können, dass das klappt, hätte ich es gemacht. Aber in diesen Dingen gibt es keine Garantie. Selbst mit kompletter Neuausrichtung hätte ich ja noch lange keinen Vertrag in der Tasche gehabt. So hat der Text ein paar Jahre lang in der Schublade gelegen. Als ich ihn dann wieder hervorgeholt habe, 2013, war auf dem Buchmarkt etwas in Bewegung geraten.

Dienstleister für Selbstverleger sind inzwischen zahlreich. Warum haben Sie – vom Korrektorat bis zu Umbruch und Cover – alles in eigene Hände genommen?

Das hatte ich so überhaupt nicht vor. Eigentlich wollte ich alles machen lassen: Korrektorat, Cover, Buchsatz, Ebook-Konvertierung, Website zum Buch. Nur das Lektorat war mir zu teuer, das hätte einige tausend Euro gekostet. Dass ich mich dann Stück für Stück fürs Selbermachen entschieden habe, hatte im Wesentlichen zwei Gründe. Erstens, nicht alle professionellen Dienstleistungen sind tatsächlich gut, selbst wenn sie eine Menge Geld kosten. Eine Erfahrung, die jeder irgendwann mal macht. Ich habe sie beim Cover gemacht. Zweitens: Selbermachen kann ziemlich interessant sein. Es hat mich zum Beispiel sehr interessiert, ein Buch selbst zu setzen. Als Büchermensch lerne ich gerne etwas darüber, wie Bücher hergestellt werden. Das hat auch einfach Spaß gemacht.

Ein Buch zu schreiben ist das Eine; die andere Hürde ist dessen Herstellung. Was hat Sie dabei besonders viel Energie und Zeit gekostet?

das selbstgemachte Cover

Das Cover. Wie schon angedeutet, die erste Version habe ich mir von einem Profi machen lassen. Das Ergebnis hat mir überhaupt nicht gefallen. Also habe ich mich selber drangesetzt. Davon wird aus guten Gründen immer abgeraten. Wenn man nicht gerade Designer ist, sollte man die Finger davon lassen. Ich bin kein Designer. Bei den Motiven konnte ich zwar auf wirklich geniale Vorlagen zurückgreifen, auf Dürers Bilder, und ich habe eine Ewigkeit herumgetüftelt. Meine Ergebnisse waren, naja, ganz nett. Für die erste Version des Buchs war das dann ok. Die war ja praktisch nur im Bekanntenkreis unterwegs. Aber am Ende wollte ich doch lieber ein professionelles Cover haben.

Warum fahren Sie mit E-Book und dem gedruckten Buch zweigleisig?

Warum sollte ich es denn nicht tun? Ich bin froh, dass das inzwischen ohne weiteres möglich ist. Als Leser habe ich auch gern die Wahl. Manchmal kaufe ich sogar beides.

Den Druck hat BoD übernommen. Warum haben Sie sich für diesen Dienstleister entschieden?

Die meisten Anbieter hatte ich nach und nach abgehakt, Create Space, Ruckzuckbuch, Tredition usw. Am Ende waren Epubli und BoD übrig. Epubli wäre mir eigentlich lieber gewesen. Die sind in Berlin ansässig, nicht so groß und unpersönlich wie BoD, und auch die vertragliche Seite fand ich in ein paar Punkten besser. Aber zu dem Zeitpunkt, als ich mich entscheiden musste, konnte Epubli bei Amazon nur als Marketplace-Anbieter auftreten. Sprich: drei Euro Versandkosten zusätzlich zum Ladenpreis, im deutschen Buchhandel ein Unding. Das wollte ich nicht. BoD hatte einfach die Nase vorn, was die Reichweite im Buchhandel anging.

Wie zufrieden sind Sie mit der Zusammenarbeit?

Die ist ok. Letztens hatte ich eine Frage, habe angerufen, eine freundliche Auskunft bekommen und die Sache war geklärt.

Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?

In ein paar Detailfragen. Beispielsweise bei der Limitierung der Seitenzahl auf 700.

Mancher mag sich fragen, warum „Die Humanistenverschwörung“ in zwei Bänden vorliegt …

Dafür gab es mehrere Gründe. Einer war die erwähnte 700-Seiten-Grenze bei BoD. Natürlich hätte ich die 750 Seiten auch auf 700 herunterbrechen können. Aber der Lesekomfort hätte darunter gelitten. Und von wegen Lesekomfort: Einen dickleibigen Roman stundenlang in der Hand halten, das ist doch eine Zumutung. Zwei Bände à 380 Seiten sind sehr viel handlicher.

Krönender Abschluss Ihres Langzeitprojektes war bisher der Druck. Was hält Sie davon ab, den Titel aktiv zu vermarkten?

Die Erfolgsaussichten. Ich bin skeptisch, was die Vermarktungschancen für einen selbstpublizierten historischen Krimi angeht. Wenn ich ein ausgesprochenes Marketing-Talent wäre, dann hätte ich längst losgelegt. Bin ich aber leider nicht.

Leser und Reaktionen würden Sie Ihrem Buch aber dennoch wünschen?

Was ist ein Buch ohne Leser? Natürlich.

Rezensionsexemplare können bei Ihnen angefragt werden?

Natürlich.

Sie führen zum Buch ein Blog. Facebook, Twitter, Instagram, Youtube & Co bespielen Sie nicht. Warum halten Sie sich von diesen Kanälen fern?

Es klingt jetzt vielleicht etwas beckmesserisch, wenn ich darauf hinweise, dass die Website zu meinem Buch kein Blog ist. Aber es gibt da einen Zusammenhang zu Ihrer Frage. Bei statischen Seiten erwartet niemand, dass ich regelmäßig neue Artikel poste. Bei einem Blog schon. Das war mir zu zeitaufwendig, deshalb habe ich die Blogfunktion schon nach wenigen Wochen abgestellt. Der Zeitaufwand ist auch der Hauptgrund dafür, dass ich die Social-Media-Kanäle nicht bediene. Das ist ja kein Selbstläufer. Um da was zu erreichen, hätte ich vor gefühlt zehn Jahren anfangen müssen, Kontakte zu knüpfen. Man muss regelmäßig neuen Content bieten, und natürlich die Kontakte pflegen. Man muss herausfinden, welche Kanäle überhaupt geeignet sind, um die eigene Zielgruppe anzusprechen. Alles keine Dinge, die man mal so nebenbei macht. Um da tatsächlich etwas zu erreichen, muss man sich schon einiges einfallen lassen. Hinzu kommt, dass ich meine Zielgruppe als nicht besonders Facebook-affin eingeschätzt habe. Ich will nicht ausschließen, dass ich mich in diesem Punkt geirrt habe. Aber für mich war die Devise immer: Lieber die Zeit ins Schreiben investieren, das ist nun mal das Wichtigste bei dem Projekt.

Was würden Sie nach Ihren bisherigen Erfahrungen mit dem Langzeitprojekt heute anders angehen?

Ich würde vorsichtiger damit sein, so ein Projekt anzufangen. Ich hatte das ja nicht als Langzeitprojekt geplant. Niemand plant sowas. Vielleicht wäre ein Kurzroman eine gute Idee …

Wo sehen Sie für Selfpublisher die größten Herausforderungen?

Das kann ich nicht so recht verallgemeinern. Die Szene ist zu heterogen. Die wahre Herausforderung ist am Ende dieselbe wie eh und je für alle Autoren: einen guten Text schreiben, den die Leute lesen wollen.

Herzlichen Dank, Enno Arkona. Wünschen wir Ihrer „Humanistenverschwörung“ Leser und Reaktionen; meine Empfehlung haben Sie jedenfalls.

 

 

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„Für mein Empfinden werden viele Sachen heute zu schnell geschrieben.“ – SteglitzMind fragt bei Enno Arkona nach

Neulich im Café. Enno Arkona, Historiker und Germanist, hat 20 Jahre an seinem historischen Krimi „Die Humanistenverschwörung“ gearbeitet. Kürzlich ließ er das Buch drucken. Er meint, ein Nischenprodukt. Wir kamen ins Gespräch.

Enno Arkona © Jannette Kneisel

Ihnen ist ein kurzweiliger, äußerst spannender Krimi gelungen, der die Zeit kurz vor der Reformation auf 750 Seiten lebendig werden lässt. Nach Nische klingt das nicht unbedingt…

Freut mich, wenn Sie das so sehen. Mit Nischenprodukt meine ich: Es ist ein historischer Roman, der ein bisschen querliegt zu den Erwartungen ans Genre. Ken-Follett-Fans kommen eher nicht auf ihre Kosten.

Das heißt konkret?

Nehmen wir das erste Kapitel. Die halbe Stadt ist unterwegs zu einem Hinrichtungsspektakel. Ein historischer Roman, der den Erwartungen entspricht, schildert natürlich dieses Spektakel. Mein Roman schildert die Gedanken von jemandem, der sich fragt, ob es die richtige Entscheidung war, zu der Hinrichtung nicht mitzugehen.

Wie besessen muss man sein, um sich 20 Jahre lang in einen Stoff zu verbeißen?

Die Frage würde ich anders stellen. Wie groß muss ein Stoff sein, wenn man sich 20 Jahre lang damit beschäftigt? Meiner war ziemlich groß: die Renaissance. Im Übrigen sind die 20 Jahre eine Übertreibung. Ich habe ja nicht ständig dran gesessen. Einige Jahre hat der Text einfach nur in der Schublade gelegen. Und noch was. Für mein Empfinden werden viele Sachen heute zu schnell geschrieben. Das sage ich als Leser. Dass ein guter Roman Zeit braucht, um zu wachsen, versteht sich doch eigentlich von selbst. Ein Krimi ist etwas extrem Konstruiertes. Als Leser will ich davon nichts merken. Der Plot, die Figuren, die Details, das alles soll gerade nicht konstruiert wirken. Das braucht dann eben seine Zeit. Da können ein paar Jahre zusammenkommen.

Warum mussten Sie ein Buch, besser gesagt: „Die Humanistenverschwörung“ schreiben?

Nürnberg © Enno Arkona

Das ist eine lange Geschichte. Mindestens 40 Jahre … Die Idee habe ich tatsächlich im Frühjahr 97 entwickelt. Damals war ich ein paar Monate arbeitslos. Ich wusste allerdings nicht, dass es nur ein paar Monate sein würden. Da zieht man schon mal Projekte zum Geldverdienen in Erwägung, die nicht wirklich dafür geeignet sind. Immerhin war mir klar, dass man mit einem Buch nur dann Geld verdient, wenn es auch Leute lesen wollen. Also Krimi. Krimi wird immer gelesen. Dass es ein historischer Krimi sein muss, war auch schnell klar. Ich war damals ein Fan der Falco-Romane von Lindsey Davis. Außerdem war Geschichte das Fach, das ich studiert hatte. Als arbeitsloser Mediziner hätte ich mir wahrscheinlich einen Pathologenkrimi ausgedacht.

Wie kamen Sie dann auf die Humanistenverschwörung?

Das war mehr Zufall. Eigentlich hätte mich die Zeit um 1800 mehr interessiert, schon von der Literatur her. Aber ich wollte es systematisch angehen und habe mir für meinen ersten Roman die Zeit um 1500 vorgenommen, Renaissance, Geburt der Neuzeit, Epochenwende. Das Jahr 1515 war dann reine Willkür. Ich habs einfach so entschieden, ohne Genaueres darüber zu wissen, was mich erwartet. Es hätte genauso gut 1516 sein können oder 1512. Andererseits gab es auch ein Element von Planung. Im Studium hatte ich mich ausführlich mit der Reformation beschäftigt, von Luther hatte ich genug. Was mir fehlte, war ein genaueres Bild der Zeit vor 1517. Wie hatte ich mir die Situation in den Jahren unmittelbar vor der Reformation vorzustellen? So bin ich dann mitten in der Humanistenverschwörung gelandet.

Anerkennung und Renommee als Autor – darum geht es Ihnen nicht?

Doch, doch. Aber ich dachte immer, das kommt irgendwann von selbst … Inzwischen habe ich eingesehen, von selbst kommt gar nichts. Schon gar nicht beim Selfpublishing. Um die Frage zu beantworten: Ich weiß nicht, wie wichtig mir das ist, Renommee als Autor. Ich bin immer noch dabei, es herauszufinden.

Lieber Buchhändler als Tuchhändler, denkt sich der Nürnberger Patrizier Jacob Teufel im Jahr 1515 – und bezahlt sein Vorhaben mit dem Leben. Der Mord und dessen Aufklärung sind frei erfunden, alles andere haben Sie akribisch recherchiert. Was reizt Sie an der wahren Geschichte so?

Albrecht Dürer, Melencolia I, 1514 (Detail). Quelle: Wikimedia Commons

Historische Romane leben von Details. Die hätte ich mir niemals alle so schön ausdenken können. Die wahren Geschichten sind einfach unschlagbar. Abgesehen davon habe ich selber am meisten davon gehabt, so viel zu recherchieren, mich in die Dürerforschung einzuarbeiten, in die Nürnberger Stadtgeschichte, in den Reuchlinstreit usw. Das war schon was anderes als im Studium. Eine Art Tiefenbohrung. Irgendwo muss man mal ins Detail gehen.

Sie haben Geschichte und Germanistik studiert. Beste Voraussetzungen, um einen historischen Stoff literarisch zu verarbeiten?

Nicht wirklich. Einen Stoff literarisch verarbeiten, kann sein, dass ein Germanistikstudium da nicht schadet. Aber eine gute Geschichte schreiben, das ist was anderes. Da ist die Germanistik eher hinderlich. Und vom Geschichtsstudium führt auch keine gerade Linie zum historischen Roman. Die Herangehensweise, die man da lernt, Quellenkritik, Hilfswissenschaften, das ist alles nützlich beim Recherchieren. Für das Schreiben eines Romans muss man das hinter sich lassen. Da braucht man anderes Handwerkszeug.

Was machte mehr Arbeit: Figuren zu erfinden, die erfundene Geschichten erleben? Oder die Lebenswelt dieser Figuren möglichst faktentreu zu rekonstruieren?

Beides ähnlich viel, sagen wir: 25 Prozent. Die restlichen 50 Prozent, ich fürchte, die werden gern unterschätzt. Die Arbeit am Text, an der einzelnen Seite, am einzelnen Satz. Das ist die Hauptarbeit.

„Der historische Roman ist erstens ein Roman und zweitens keine Historie“, so Alfred Döblin. Würden Sie dieser Aussage zustimmen?

Ja. Ein historischer Roman ist keine Geschichtsschreibung, er ist ein Roman. Ich würde noch ein bisschen weiter gehen. Ein historischer Roman hat den Vorzug, dass jeder weiß: Dies ist Fiktion. An Geschichtsschreibung geht man anders heran. Das Vertrauen in das, was da vermittelt wird, ist viel zu groß. Einem Sachbuch wird zu schnell geglaubt. Am schlimmsten sind in dieser Hinsicht Biografien. Letztens ist eine über Dürer erschienen, die war mehr Fiktion als mein Roman.

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Im zweiten Teil unseres Gespräches haben wir unter anderem Enno Arkonas bisherigen Erfahrungen als Selfpublisher behandelt und natürlich auch darüber sprechen, was ihn bislang davon abgehalten hat, seinen Krimi aktiv zu bewerben. – Wer mehr über den historischen Hintergrund der „Humanistenverschwörung“ wissen möchte, wird auf der Webseite zum Buch fündig.

„Laut meinem alten Zeugnis hatten wir Staatsbürgerkunde und Literaturpropaganda“. Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Maritta Tanzer, Heike Wenige, Holger Brandstädt und Simone Zopf einiges haben wissen lassen, teilt nun Kerstin Hänsel (geb. 1961) ihre Erinnerungen. Zwischen 1978 und 1980 hat sie die Buchhändler-Lehranstalt in Leipzig besucht, die damals unter dem Namen „Betriebsberufsschule des Volksbuchhandels der DDR“ firmierte. Ihre praktische Ausbildung machte sie in der Volksbuchhandlung „Gutenberg“ in Zwickau, dann war sie im sächsischen Glauchau bei „Buch und Kunst“ tätig.

Was hat Sie bewogen, Buchhändlerin zu werden?

Ausschlaggebend war die Liebe zum Buch, ich habe sehr viel gelesen und als junges Mädchen haben mich auch die Großstadt Leipzig und das Internatsleben, weg von den Eltern, gereizt.

Selbstverständlich war das damals nicht, dass man seinen Wunschberuf erlernen konnte …

Kann ich nicht bestätigen. Ich wollte diesen Beruf und bin sofort genommen worden.

War Ihnen bewusst, dass dem Buchhandel eine erzieherische Funktion zugedacht war und er dementsprechend auch in der Pflicht stand, politisch genehme „Schwerpunkttitel“ zu vertreiben?

Nein, das war mir nicht bewusst. Ich hatte vor allem mit Kinderbüchern und unpolitischen Klassikern zu tun. Nie fühlte ich mich unter Verkaufsdruck und meine Schaufensterwettbewerbe konnte ich auch selbstständig und kreativ durchführen. Gestaltet wurden die Fenster mit – natürlich – sozialistischen Autoren.

Wie würden Sie Ihre Ausbildung an der Buchhandelsschule in Leipzig im Rückblick bewerten?

Jahrgang an der Buchhänderschule © Kerstin Hänsel

Ausgesprochen positiv. Es wurde Fachwissen von Shakespeare über das Verlagswesen bis zur Buchbinderei vermittelt. Das Internatsleben war streng, aber auf gar keinen Fall ideologisch geprägt.

Worauf wurde in Leipzig besonders großen Wert gelegt?

In welcher Position im Buchhandel jeder Einzelne eingesetzt werden kann, nach seinem Interesse und Wissen. Ich war die geborene Verkäuferin und kam deshalb ins Sortiment. Beim Besuch der Verlage, unter anderen Volk und Welt, oder in der Buchdruckerei wusste ich sofort, das ist nicht mein Ding. Ich wollte immer Kontakt mit Menschen.

Welchen Anteil hatte die Staatsbürgerkunde im Rahmen Ihrer Ausbildung?

Maximal 10 Prozent. Ist an mir vorbei gegangen, ich kann mich kaum noch an solche Unterrichtsstunden erinnern. Aber laut meinem alten Zeugnis hatten wir Staatsbürgerkunde und Literaturpropaganda.

Was war während Ihrer Lehrzeit Pflichtlektüre?

Dieter Noll „Abenteuer des Werner Holt“, Fallada „Wolf unter Wölfen“, Scholochow „Der stille Don“, Theodor Storm „Der Schimmelreiter“ Johann Wolfgang Goethe „Die Leiden des jungen Werther“, Bruno Apitz „Nackt unter Wölfen“, Anna Seghers „Das siebte Kreuz“. An andere erinnere ich mich nicht mehr.

Spielten die „Ordnung für den Literaturbetrieb“ und das „Statut für den Volksbuchhändler“ noch eine Rolle?

Nein.

Gab es etwas, woran Sie an der Buchhandelsschule Anstoß genommen haben?

Nein, nur die sehr strenge Internatshausordnung.

Ihre praktische Ausbildung haben Sie bei der „Volksbuchhandlung Gutenberg“ in Zwickau gemacht. War das Ihr Wunschbetrieb?

Es war mein Wunschbetrieb, da ich damals ja auch in Zwickau gewohnt habe. Nach der Ausbildung musste ich bei „Buch und Kunst“ in Glauchau arbeiten und dorthin umziehen. Habe eine Nacht in Buchhandlung geschlafen, um eine Wohnung in Glauchau zu bekommen.

Der Kabarettist Bernd-Lutz Lange war zwischen 1963 und 1965 als buchhändlerische Hilfskraft in der Zwickauer „Volksbuchhandlung Gutenberg“ beschäftigt. In seinem Buch „Das gabs früher nicht. Ein Auslaufmodell zieht Bilanz“ berichtet er, dass es zu seinen Aufgaben gehörte, jene Bücher in den Schaufenster auszulegen, die im Laden wie Blei lagen. War das zu Ihren Zeiten auch noch so? Und sagt Ihnen der Begriff „Gebrauchswerber“ noch etwas?

Gebrauchswerber kamen alle Vierteljahre in die Buchhandlung und waren ausnahmslos für die Schaufenstergestaltung zuständig. Wir Buchhändler mussten die Vorarbeit leisten und schwerverkäufliche Titel heraussuchen. Die kamen dann in die Auslage. Für mich ein Grund, mehrfach an Schaufensterwettbewerben teilgenommen zu haben. Ich wollte meine eigenen Ideen verwirklichen.

Für welche Bereiche waren Sie dann bei „Buch und Kunst“ zuständig?

Vorwiegend im Sortiment und im Bestellwesen beziehungsweise der Warenannahme, wenn Paletten vom LKG (Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel) geliefert wurden.

Wichtig war die Planerfüllung im Volksbuchhandel. Aber auch der Umsatz von Parteiliteratur und Importbuch musste stimmen. Wie wurde in Ihrem Betrieb verfahren, wenn absehbar war, dass der Plan nicht erfüllt werden konnte?

Habe ich bewusst nicht wahrgenommen. Schon gar nicht als Lehrling, der an Besprechungen nicht teilnehmen musste.

Stichwort Bückware. Gingen in Ihrem Betrieb auch Bücher unter der Ladentheke weg? Erinnern Sie sich noch daran, was besonders gefragt war?

Ich würde sagen, dass gut 40 Prozent unter der Ladentheke verkauft wurden. Besonders Globen, Märchenbücher, Bücher von Christa Wolf und Titel aus dem zentralen tschechischen Exportverlag Artia, damals in Prag ansässig.

Was lagerte wie Blei?

Sowjetische Propaganda und Parteitagsbeschlüsse.

Wie lief das mit den Vorbestellungen?

Man hatte mehrere Holzkisten mit Karteikarten und sobald eine Lieferung kam, wurde ausgewählt. Ein Großteil ging an Verwandte, Bekannte, Doktoren, dann erst bekam Otto Normalkunde eine Postkarte, das er sein Buch abholen könne.

Was war bei „Buch und Kunst“ im sächsischen Glauchau anders als in der Gutenberg-Buchhandlung in Zwickau?

Vom Arbeitsstil gab es keine Unterschiede. Aber in der Kleinstadt da waren die Schiebereien noch viel ausgeprägter. Selbst ich hatte Mühe, mal ein von mir gewünschtes Buch zu kommen. Dort herrschte die Buchhandlungsleiterin und die hatte Haare auf den Zähnen. Zum 1. Mai mussten wir zum Demonstrieren nach Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. Am Rosenhof wurde dann im Block des Volksbuchhandels losmarschiert.

Mauerfall im November 1989, Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion im Juni 1990, deutsche Einheit am 3. Oktober 1990. Wie haben Sie diese turbulenten Monate erlebt?

Ich war damals mit einem Volkspolizisten verheiratet, der als Abschnittsbevollmächtigter tätig war. Wie er mit der Wende umgegangen ist, habe ich nicht verkraftet. 1990 habe ich mich sofort selbstständig gemacht und ein Antiquitätengeschäft eröffnet. Der Neubeginn, ob privat oder beruflich, war einfach phantastisch. Ich habe die neue Zeit genossen und ausgelebt.

Welche Hoffnungen hatten Sie für Ihr Land? Welches waren Ihre größten Sorgen?

Bis zuletzt dachte ich, die DDR würde als Staat mit demokratischer Führung und Reisefreiheit weiterexistieren. Aber als das „Volk“ dann nur noch nach der DM schrie, war mir klar, dass es vorbei sei mit der DDR als selbstständiges Land. Im Nachhinein erschreckend ist für mich die Vorgehensweise der Treuhandanstalt. Ich glaube, da ist viel Unrecht geschehen.

Welche Standards, die der volkseigene Buchhandel gesetzt hat, würden Ihres Erachtens dem Buchhandel heute gut tun?

Auf jeden Fall die persönliche Beratung. Die fehlt mir in jeder Buchhandlung. Die schauen nur in Ihren Computer, wo ein Buch steht. Eine inhaltliche Beratung fehlt komplett. Ich habe während meiner buchhändlerischen Tätigkeit immer in nahezu jedes Buch zumindest hineingeschnuppert und konnte konkrete Angaben über Inhalte machen. Man könnte auch öfter wieder Buchbesprechungen durchführen und die Menschen so an neue Bücher und Nachwuchsautoren heranführen.

Existieren die beiden Buchhandlungen noch, in denen Sie gearbeitet haben?

Nein, beide wurden in 1990er Jahren geschlossen.

Liebe Frau Hänsel, herzlichen Dank für Ihren Rückblick.

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Mein Dank gilt allen, mit denen ich mich bislang habe austauschen dürfen. Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Zeitzeugen einfänden und ihre Erfahrungen einbringen.

Bibliodiversität – ein Newcomer in der Buchbranche

Seit der Leipziger Buchmesse macht in der Buchbranche einer neuer Begriff von sich reden: Bibliodiversität. Ein Neologismus, der für kulturelle Vielfalt – im engeren Sinn für literarische Vielstimmigkeit steht. Was bitte meint Bibliodiversität? Und was kann getan werden, um kulturelle Vielfalt zu erhalten? Müssen wir uns um sie sorgen? Und wenn ja warum?

Bibliodiversität wird Thema einer Gesprächsrunde am Vorabend der Buchtage Berlin sein, das die Autorin und Übersetzerin Doris Hermanns, die Autorin und Philosophin Ariadne von Schirach, Jörg Braunsdorf von der Tucholsky Buchhandlung und Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag bestreiten werden.

Der Eintritt ist frei. Ich lade Euch herzlich dazu sein.

Safe the date: 12. Juni 2017 um 19:00 Uhr in der Tucholsky Buchhandlung (Tucholskystr. 47 in Berlin/Mitte).

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Eingeführt hat den Begriff die Australierin Susan Hawthorne. Sie ist Autorin, Verlegerin und Feministin und engagiert sich in der „International Alliance of Independent Publisher“ – ein international agierendes Netzwerk von über 400 unabhängigen Verlagen mit Sitz in Paris. Noch sind keine deutschen Verlage dabei. 2014 veröffentlichte Hawthorne ihr Manifest für unabhängiges Publizieren „Bibliodiversität“, ein Plädoyer für „faire Bücher“, die dem seichten Mainstream trotzen. Das Manifest hat der Berliner Verbrecherverlag, von Doris Hermanns ins Deutsche übersetzt und mit einem Nachwort versehen, kürzlich herausgebracht.

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Der Begriff lehnt sich an den biologischen Fachbegriff Biodiversität an. Ohne Biodiversität – die Vielfalt der Ökosysteme, die Vielfalt der Arten und die genetische Vielheit innerhalb der Arten – ist Leben unmöglich. Tag für Tag gehen Teile dieser natürlichen Vielfalt verloren. Arten sterben aus, Lebensräume werden zerstört. Allein in Deutschland gelten ein Viertel aller Pflanzenarten und ein Drittel aller Tierarten in ihrem Bestand gefährdet.

Laut Susan Hawthorne droht der Bibliodiversität ein ähnliches Schicksal. Ihre Ausgangsthese: „So wie die Biodiversität ein Indiz für die Gesundheit des Ökosystems ist, kann der Zustand eines ökosozialen Systems an seiner Vielfältigkeit gemessen werden und der Zustand der Verlagswelt an ihrer Bibliodiversität.“ Gefahren drohen vorrangig durch a.) den Freihandel, b.) Player wie Amazon, Apple und Google, c.) internationale Konzentrationsprozesse und globale Vertriebsstrukturen, d.) die Art und Weise, wie Bücher vermarktet werden, und e.) den Trend, gängige Titel abzukupfern.

Das globale Publizieren, so Hawthorne, funktioniere genauso wie die moderne Landwirtschaft, die tonnenweise prächtig aussehende, aber geschmacklose Tomaten auf den Markt wirft. Nicht anders würden Großverlage und international aufgestellte Konzerne agieren, die profitgetrieben erfolgreiche Bücher kopieren (One-Size-fits-All-Produkte) und diese stapelweise an Buchhandelsketten ausliefern. „Buchverkauf in den Händen von Großunternehmen bedeutet, dass alle Buchhandlungen den gleichen Bestand in Läden verkaufen, die alle gleich aussehen.“

Durch diese Gleichmacherei entstünde eine Monokultur des Geistes, die ebenso zerstörerisch wirke wie die landwirtschaftliche Monokultur. „Wenn die soziale Umwelt von erkenntnistheoretischen Monokulturen – einzelne Stimmen, die alle das Gleiche sagen – überrollt wird, kommt es zu einem Verlust des dynamischen Gleichgewichts und diejenigen, die etwas Neues oder Anderes zu sagen haben, werden ignoriert.“

Als Spieler und Verteidiger der Bibliodiversität bringt die Australierin die unabhängigen Verlage ins Spiel. Sie sind diejenigen, die sich dem schleichenden kulturellen Verfall widersetzen. Hawthorne nennt sie „kleine grüne Pflanzen, die durch die Risse des Asphalts wachsen“. Ihre These: „Klein zu bleiben, macht es möglich, etwas Einzigartiges zu produzieren, einen Geschmack oder eine Farbe, die nicht industriell hergestellt werden kann.“ Schreiben und Verlegen gedeihen nach Hawthorne am besten in kleinen Unternehmen.

Susan Hawthorne schärft den Blick für die Ähnlichkeiten zwischen Agrar- und Verlagsindustrie. Keine Frage: sicherlich ist kulturelle Vielfalt für pluralistische und multikulturelle Gesellschaft essentiell. Manches aber scheint ein wenig überspitzt. Was bringt es den kleinen und unabhängigen Verlagen, wenn sie überhöht, um nicht zu sagen: glorifiziert werden? Nicht zu Unrecht hält ein Rezensent das Hawthornsche Manifest für ein Glaubensbekenntnis. Und genau dieser idealistische Glaube an die Potenz kleiner unabhängiger Verlage mag auch erklären, warum deren Probleme im Manifest nicht zur Sprache kommen. Dafür umso häufiger feministische Fragen.

Bibliodiversität im Gespräch © Sabine Münch

Was bringt uns die Bibliodiversität? Alter Wein in neuen Schläuchen? Überschätzt Hawthorne die Potenz der kleinen und unabhängigen Verlage? Sind tatsächlich nur sie diejenigen, die für kulturelle Vielfalt sorgen? Und sollte Bibliodiversität nicht viel eher ein Nebeneinander von großen und kleinen Verlagen meinen; einen Betrieb, der sowohl spezielle Interessen als auch den breiten Massengeschmack bedient?

Fragen, die ich in der Gesprächsrunde mit Doris Hermanns, Ariadne von Schirach, Jörg Braunsdorf und Jörg Sundermeier aufgreifen möchte. Am 12. Juni 2017 um 19:00 Uhr in der Tucholsky Buchhandlung (Tucholskystr. 47 in Berlin/Mitte). Der Eintritt ist frei.

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Wer sich auf die Gesprächsrunde vorbereiten mag, dem seien hier einige Thesen aus dem Manifest an die Hand gegeben:

  • Die Produzenten/innen von Bibliodiversität leben an den Rändern der Gesellschaft; sozial, politisch, oft auch geografisch und linguistisch. Sie bewegen sich an den schnell verändernden Außengrenzen des kulturellen Flusses, während Großverlage im seichten Mainstream paddeln.
  • Das Wilde und Unangepasste ist ein Merkmal von Bibliodiversität und für deren Existenz zentral.
  • Bibliodiversität basiert auf dem Respekt vor anderen; auf einem dynamischen Gleichgewicht der Gesellschaft, auf der Ablehnung von Monokultur, Pornografie, Rassismus, Sexismus, Homophobie, Diskriminierung – im schlimmsten Fall Hass.
  • Inhalt ist der Kern der Bibliodiversität und das Kerngeschäft der Unabhängigen.
  • Unabhängige Verlage kommen ihrer kulturellen, sozialen und ökologischen Verpflichtung nach. Sie haben das Gemeinwohl im Sinn und machen faire Geschäfte.
  • Unabhängige Verlage haben die Gabe, kulturelle Veränderungen vorherzusehen.
  • Da sie kleinere Auflagen produzieren und nur selten Remittenden zurücknehmen müssen, agieren sie umweltfreundlicher.
  • Unabhängigen Verlagen geht es nicht um Profit, sondern darum eine langlebige und kräftige literarische Kultur zu schaffen.
  • Unabhängige Verlage stellen Stereotype und die Vorstellung von Normalität in Frage.
  • Sie verweigern sich anpassender Gleichmacherei und widerstehen der Versuchung, Sprache für Mainstream-Leser annehmbarer zu machen.
  • Sie verschaffen den Außenseitern, den Stimmlosen und Marginalisierten Gehör und veröffentlichen die risikoreichen, die innovativen, die einfallsreichen Stimmen.