Persönliche Bemerkungen zu meinen Ahnen im Schatten

In den vergangenen zwei Jahren habe ich mich intensiv mit der Geschichte meiner Familie beschäftigt; genauer gesagt: mit meinen „Ahnen im Schatten“, über die mir so gut wie nichts bekannt gewesen ist. Eine für meine Generation nicht untypische Feststellung. Unsere Eltern waren nach 1945 auf die Zukunft fokussiert, die Vergangenheit ist kein Thema gewesen.

Vater und Tochter in jungen Jahren © GvP

Abgesehenen von einigen „Highlights“ wie etwa Joachim Bernhard von Prittwitz und Gaffron (1726 – 1793), der Friedrich den Großen 1759 in der Schlacht von Kunersdorf aus großer Gefahr gerettet hat, oder Tante Billa (1903 – 1971), die im Zweiten Weltkrieg zu den wenigen fliegenden Frauen gehörte und während ihrer Dienstfahrten für den Kreisauer Kreis im Büstenhalter Kassiber schmuggelte, sowie launige Anekdoten, die mein Vater aus seiner frühen Kindheit in geselliger Runde gerne zum Besten gegeben hat, wurde über die Geschichte unserer Familie, die sich bis hin zu Karl dem Großen (742 – 814 n.Chr.) zurückverfolgen lässt, nicht gesprochen. Gerade so als wolle man die ritterlichen und später dann die preußischen Ehrenkodexe, die Prittwitze jahrhundertelang hochgehalten haben, vergessen machen.

Für meine Suche habe ich einen großen Bogen zurückgeschlagen und viele neue Kapitel aufgeschlagen, nicht nur meine Familie betreffend. – Aus der Geschichte lernen, das sagt sich leicht und ist zumeist eine reichlich trockene Angelegenheit. Nicht aber, wenn man die Spuren der eigenen Familie zurückverfolgt. Dann wird Geschichte nicht nur lebendig, sondern auch sehr persönlich.

Inzwischen erschließt sich mir, warum über dem Schreibtisch meines Vaters zeitlebens ein Konterfei des Alten Fritz hing. Ich kann auch nachvollziehen, warum er seine Erfahrungen in Krieg und Nachkrieg nicht teilen wollte oder gar konnte. Er wurde mit 17 Jahren eingezogen, sollte gemeinsam mit anderen Kindersoldaten in den letzten Tagen des Krieges den Rügendamm sprengen, kam in sowjetische Kriegsgefangenschaft und schlug sich nach seiner Entlassung zu Fuß nach Melkof durch, wo er schuftete, um zu überleben.

mein Großvater Bernhard (links) mit seinem Vater Wilhelm © Familie vP

Dass er nicht über Tante Anneli (1892 – 1963) sprechen wollte, mag mir ja noch einleuchten. Für mein Dafürhalten hat die Schwester seines Vaters an der Seite des Predigers Frank Buchmann eine dubiose Rolle gespielt. Warum aber hat er nie von seinem Großvater Wilhelm (1864 – 1931) erzählt? Einen Mann, der mich sehr verblüfft hat. Und warum sollte ich von seinem Vater Bernhard (1896 – 1944) nur so viel wissen, dass er 1944 an der Ostfront gefallen ist?

Viele Kapitel in unserer Familiengeschichte haben mich bedrückt. Manches auch erheitert. Etwa Leonhard Adolph von Prittwitz (1706 – 1760), der nicht nur die Chuzpe hatte, seine Erhebung zum Freiherrn in Eigenregie zu managen. Den Krösus hat er auch bei seinen Kutschfahrten gespielt. Statt Pferde ließ er sechs Hirsche anspannen, die eigens für diesen Zweck abgerichtet worden waren.

Viele Schicksale haben mich berührt. Besonders nahe ist mir das meines Großvaters Bernhard gegangen, aus dessen Leben ich hier einige Etappen berichte. – Im Grunde wären alle Geschichten, die ich in den vergangenen Jahren über meine Vorfahren zusammengetragen habe, Erzählungen wert. Aber, wen interessiert das?

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