Buchpreisbindung. Eine Entgegnung zum Gutachten der Monopolkommission von Lorenz Borsche

Sehr geehrte Damen und Herren,

gestatten Sie mir, mich kurz vorzustellen: Lorenz Borsche, 63, Gründer und Vorstand der eBuch eG, einer Einkaufsgenossenschaft mit 850 Mitglieds-Buchhandlungen und eigenem Zentrallager mit ca. 120 Mio. Euro Jahresumschlag (VK) und einem bundesweiten Onlineshop, der besonders die Abholung in der lokalen Buchhandlung unterstützt. Meine Vita finden Sie auf meiner Homepage.

Sie werden unschwer verstehen, dass die Buchpreisbindung ein Thema ist, mit dem ich mich seit Jahrzehnten beschäftige, denn es war Ende der 1990er Jahre die Drohung von EU-Kommissar Karel van Miert, diese Preisbindung abzuschaffen, die überhaupt zur Gründung dieser Genossenschaft geführt hat.

Sie, Herr Professor Wambach als Vorsitzender, und Ihre Kolleginnen und Kollegen der Monopolkommission haben sich in einem Gutachten gegen die Preisbindung bei Büchern ausgesprochen. Nein, ich möchte nicht mit Ihnen diskutieren, wie kulturelle Vielfalt sinnvoll geschützt werden kann, auch nicht, ob alles, was zwischen zwei Buchdeckel gepresst wird, unbedingt als Kultur zu gelten hat oder ob der Buchhandel per se ein schutzbedürftiges Biotop sei. All‘ das nicht.

Lorenz Borsche © privat

Und wenn ich nicht wüsste, dass Sie, lieber Herr Professor Wambach, zunächst (wie ich auch) Physik und Mathematik studiert hätten, würde ich Ihre Empfehlung an die Bundesregierung nur für ein Beispiel des unter Wirtschaftswissenschaftlern mittlerweile weit verbreiteten Neoliberalismus (eigentlich: Marktfundamentalismus) halten, dass nämlich der Markt sich am besten von selbst nach Angebot und Nachfrage ausbalanciert und deshalb regulatorische Eingriffe zu vermeiden seien. Das Beste, postulieren Sie, sei doch der von EU-Recht geschützte „unverfälschte Wettbewerb“.

Diese These basiert vor allem auf dem seit John Stuart Mill bekannten Begriff des „homo oeconomicus“, der unterstellt, dass die auf einem Markt handelnden Personen allumfassend informiert und absolut rationale Egoisten seien, die ihre Produktauswahl ausschließlich nach der Summe ökonomischer Kriterien richten. Daraus folgt nach Adam Smith, dass Märkte sich zum Wohle aller selbst regulieren, wenn man sie nur lässt.

Aber den postulierten „homo oeconomicus“ gibt es nicht, das sagt uns nicht nur der gesunde Menschenverstand, mittlerweile haben viele psychologische Studien diese These mehr als einmal falsifiziert. Dann müssen aber auch alle Theorien und Voraussagen, die darauf basieren, mehr oder weniger falsch sein. Leider hat dieses Denkmodell in der Nationalökonomie, die heute Wirtschaftswissenschaft heißt, zu vielen falschen Voraussagen – Stichwort Pareto-Optimum, das es niemals gegeben hat und niemals geben kann – und daraus folgend irrigen Handlungsanweisungen an Politiker geführt, von denen sich lösen zu können sehr schwer scheint.

Nun endlich, nach über 200 Jahren, ist auch in den Wirtschaftswissenschaften die Erkenntnis gereift, dass es den rein rational entscheidenden Optimierer noch nicht mal als Manager in der Wirtschaft gibt, geschweige denn im Privatleben, und es deshalb so gut wie keinen Sinn hat, ihn in irgendwelche Theorien einzubauen. Wir alle handeln zu einem großen Teil nur teilinformiert und emotionsgesteuert und damit in Summe auch unvorhersehbar.

Die Börsen z.B. sind reines Glücksspiel – seit dem Tulpenfieberwahn 1637 in Holland, einer der bekanntesten Finanzblasen der Geschichte, ist das für jeden Laien unschwer erkennbar, auch wenn Nationalökonomen das lauthals bestreiten. Wenn ein Aktienportfolio, von Affen per Dartwürfen ausgewählt, zu einem besseren Ergebnis führt, als die Summe der Erfahrung vieler Fondsmanager, dann ist das ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass Börsenerfolge tatsächlich unvorhersehbar, eben rein zufällig und damit Glückspiel sind. Sie werden die entsprechende Studie der renommierten Cass Business School in London kennen. Und was ist die Börse anderes als ein riesengroßer Markt? Die falsche neoliberale Theorie von den sich selbst regulierenden Märkten aber, die gibt es immer noch, trotz aller Finanzblasen und Börsen-crashes, die es gemäß dieser Theorie doch gar nicht geben dürfte?

Aus der Physik wissen Sie, dass die Gültigkeit von Theorien an ihren Voraussagen gemessen werden, sie werden überprüft und entweder falsifiziert und verworfen, oder erstmal nicht. Je öfter sie nicht widerlegt werden, desto eher könnte es sich dabei um eine gültige Theorie, gar ein (Natur)Gesetz handeln – Wissenschaftler folgen da heute ausnahmslos alle dem Falsi-fikations-Modell von Raimund Popper.

Hat Ihre „Wissenschaft“ auch nur eine der schweren Börsenblasen resp. den unvermeidbar folgenden Crash jemals übereinstimmend und richtig vorausgesagt? Wenn sich die Physik in aus Theorien abgeleiteten Voraussagen solche Fehleinschätzungen erlaubt hätte wie die Wirtschaftswissenschaften – niemand würde Einstein jemals Glauben geschenkt haben, und das zu Recht. Aber Eddington konnte 1919 die Jahre vorher aufgestellte Behauptung, dass Masse nicht nur den Raum, sondern damit auch die Lichtstrahlen krümmt, bei einer Sonnenfinsternis eindrücklich belegen. In der Physik gibt es auch nicht, wie in den Wirtschaftswissenschaften, viele miteinander konkurrierende, sich teilweise diametral widersprechende „Denkschulen“; wenn es nachweisbare Abweichungen von den Voraussagen gibt, führen diese über kurz oder lang zu einem Paradigmenwechsel, wie z.B. beim Übergang von der Newton‘schen zur Einstein’schen Gravitationstheorie.

Können Sie, sehr geehrte Damen und Herren, auch nur ein Beispiel aus den Wirtschaftswissenschaften anführen, bei der große Theorien durch die Wirklichkeit auch nur annähernd so eindrucksvoll bestätigt wurden, wie Einsteins Relativitätstheorie oder auch Plancks Quantenphysik? Mir ist keines bekannt, dafür aber sehr viele Falsifikationen.

Ja, ich stelle die Voraussagekraft der Wirtschaftswissenschaft in Frage. In anderen Fächern wissen die Forscher um die Unzulänglichkeit jeder Prognostik, kein Historiker würde sich erlauben, aus in der Vergangenheit beobachteten Abläufen eine Theorie über die Zukunft zu schnitzen. Noch nicht mal die reinen Statistiker in der Soziologie würden sich so weitreichende theorieabgeleitete Empfehlungen erlauben, wie das die Wirtschaftswissenschaftler tun, denn die Soziologen wissen, dass selbst das genau nachgezählte Verhalten der Menschen in der Vergangenheit leider keine zuverlässige Voraussage für die Zukunft erlaubt.

Insofern also muss ich ein Wirtschaftsgutachten, dass sich eine solche Vorhersage zu machen traut (nämlich, dass die Abschaffung der Preisbindung zum Wohle aller sei) schon ganz grundsätzlich in Frage stellen. Cui bono ist die allerwichtigste Frage und die wird hier nur unzureichend bzw. gar nicht beantwortet.

Ist das, was dem einzelnen Verbraucher kurzfristig dienen könnte – ein eventuell reduzierter Preis durch Konkurrenz der Händler – auch schon gleich gesamtgesellschaftlich von Nutzen? Gilt das denn auch langfristig? Welche Strukturveränderungen werden induziert oder verstärkt und sind diese wünschenswert, auch für eben jenen Einzelnen? Und gibt oder gäbe es nicht vielleicht etwas, das besser für alle ist, als ausgerechnet die Preiskonkurrenz durch die Händler? Auch in anderen Branchen? Nämlich die Preiskonkurrenz durch die Hersteller, wie wir sie mit der Buchpreisbindung haben, weil da wirklich die Produkte miteinander konkurrieren, der Verbraucher damit viele wirtschaftliche, aber auch handfeste psychologische Vorteile erzielt, während die sogenannte  Schnäppchenjagd durch Preiskon-kurrenz der Händler bei ein und demselben Produkt nicht nur zu psychologischer Belastung der Käufer führt, sondern langfristig auch Strukturbrüche hervorbringt, die wir gesamt-gesellschaftlich vielleicht gar nicht wollen?

Würden Sie sich erlauben, nur für ein kurzes Gedankenexperiment alle verfestigten Dogmen Ihrer Wissenschaft (freier Handel ist gut, Preis-Konkurrenz auch, also ist die Preis-Konkurrenz im Handel auch gut) zu vergessen bzw. in Frage zu stellen? Und wenn nicht, dann können Sie mir sicher die von meiner kleinen Geschichte aufgeworfenen Fragen beantworten. Hier kommt sie:

Da haben wir A-Dorf und den allwöchentlichen Markt. Und natürlich auch B-Dorf. In A-Dorf backt der Bäcker Müller sein Landbrot und verkauft es auf dem Markt um drei Taler. Und obwohl der Bäcker Meier sein Hofbrot gleicher Größe um nur zwei-einhalb Taler anbietet, kaufen viele Menschen das Müllersche Landbrot, es schmeckt einfach besser, und der höhere Preis für eine gleichartige Ware wird gerne bezahlt. Das viel kleinere B-Dorf hat keinen Bäcker, also lässt Bäcker Meier seine Frau dort auf dem Markt sein Hofbrot verkaufen, auch dort für zweieinhalb Taler.

Nun kommt der Händler Schulze, der auf beiden Märkten Gemüse und Eier verschiedener Bauern verkauft, zum Bäcker Müller und spricht: Mein lieber Müller, warum gibst Du mir nicht zwei Körbe voll von Deinem Landbrot, wenn ich nach B-Dorf fahre; das lässt sich dort sicher gut verkaufen. Gesagt, getan, Schulze kauft die Landbrote für zweieinhalb Taler bei Müller ein, um sie in B-Dorf für drei Taler zu verkaufen, ein gutes Geschäft für beide. Aber der Verkauf läuft schleppend, die etwas wohlhabenderen B-Dörfler sind es gewohnt, ohnehin öfter nach A-Dorf auf den Markt zu fahren, weil dort das Angebot größer ist, und da nehmen sie doch gleich das Müllersche Landbrot mit. Schulze ärgert sich. Er beschließt, mal eine Zeitlang nichts am Müller-Brot zu verdienen und senkt den Preis auf zweieinhalb Taler, um das Geschäft anzukurbeln.

Das klappt auch gut, jetzt muss er sogar seine Einkaufsmenge erhöhen, weil nicht nur mehr B-Dörfler das Müller-Brot kaufen, sondern sogar manche A-Dörfler gezielt auf Schnäppchenjagd nach B-Dorf fahren, um das dort günstigere Müller-Brot zu erwerben. Mittlerweile hat Schulze seine Abnahmemenge so gesteigert, dass Müller gar nicht mehr wüsste, wie er seine – natürlich erhöhte – Produktion anders absetzen könnte als mit Hilfe von Schulze, während der Ex-Konkurrent Meier schon um seine Existenz kämpfen muss. Dann setzt Schulze das Messer an: auf seinem großen Stand in A-Dorf hängt jetzt ein fettes Schild: „Aktion: Das Original-Müller-Brot für nur zweieinhalb Taler!“ Die A-Dörfler jubeln, endlich überall Müller-Brot für einen halben Taler weniger! Müller schäumt vor Wut, aber was soll er machen, der Händler Schulze hat den viel größeren und schöneren Stand und viel mehr Zulauf – und jetzt kommt er auch noch und fordert, die Brote um nur noch zwei Taler einzukaufen, sonst könne er nichts verdienen.

Bei Müller geht das an die Existenz, aber er muss nachgeben, ohne den Schulze‘schen Absatzkanal könnte er morgen zusperren. Aber er kann die hohe Qualität für diesen Preis nicht mehr aufrechterhalten, er muss die Gehzeit des Teigs verkürzen, damit er schneller und mit weniger Aufwand produzieren kann. Am Ende ist sein Landbrot kaum noch besser als das Hofbrot von Meier – aber das merkt keiner, denn den Meier gibt es schon gar nicht mehr. Schulze aber hat sich aus den realisierten Gewinnen nicht nur schönere, größere Stände mit noch mehr Waren für die Kunden gebaut, sondern auch nach C-Dorf und D-Dorf filialisiert. Die Dörfler halten das für großartig, Schulze everywhere. Mittlerweile hat Schulze auch das Müller-Brot wieder verteuert, er nimmt jetzt 2 Taler und 70 Groschen. Ach ja, alles wird teurer, sagen die Leut‘ und murren auch nicht, als er den Preis auf die ursprünglichen 3 Taler anhebt.

Nur irgendwie, sagen die Alten, hat das Landbrot früher doch besser geschmeckt, und man konnte noch wählen zwischen dem Hofbrot vom Meier, das etwas günstiger war, und dem leckeren, aber teureren Müller-Brot. Die Jungen halten das für das typische „Früher-war-alles-besser“-Geschwätz der Alten und fügen sich in die Realität. Und Schulze baut sich eine schöne Villa und experimentiert in seinem Gartenschuppen mit teuren Feuerwerksraketen, ein Hobby, das er sich früher niemals hätte leisten können.

Das alles dringt dem Landvogt ans Ohr, der sich manchmal unerkannt unter die Dörfler mischt. Er sieht den Müller und den Meier verarmen, Verkaufsstände haben beide schon lange nicht mehr, die Dörfler essen nurmehr mittelgutes Brot, aber zum teuren Preis und der Schulze wird reicher und reicher. Und das mit dem schlechteren Müller-Brot ist ja sogar ihm selbst schon aufgefallen. Der Landvogt denkt nach. Alles hat doch damit begonnen, dass Schulze erstmal das Müller-Brot so verbilligt hat, bis alle Kunden bei ihm kaufen. Und er dann über Preis und Qualität und vor allem seine Gewinnspanne frei bestimmen konnte. Der Landvogt findet das nicht richtig, dass – nur weil Schulze sehr bauernschlau war – die Menschen jetzt, egal ob in A-Dorf oder B-Dorf weniger Qualität bekommen, aber dasselbe bezahlen müssen und obendrein noch Müller und Meier fast am Hungertuch nagen, der Schulze aber immer fetter wird.

Und so macht der Landvogt ein Gesetz, das dem Treiben des Schulze – der mittlerweile auch die Gemüsebauern und Eierproduzenten voll unter seiner Fuchtel hat – Einhalt gebieten und anderen Händlern, die nicht so raffgierig sind wie Schulze, eine Chance geben soll, damit die Menschen frei wählen können, was und wo, sprich bei wem sie kaufen.

Er verfügt, dass der jeweilige Hersteller einen Endpreis für seine Produkte festlegen muss, für die Kartoffeln und die Eier der Bauer, für das Brot der Bäcker und so fort. Und bei Strafe des Teerens und Federns allen Händlern verboten ist, die Herstellerpreise zu umgehen, zu unter- oder zu überbieten.

Sofort senkt Bäcker Müller den Verkaufspreis für sein Brot 2. Qualität auf zweieinhalb Taler, stellt aber auch wieder das gute alte Brot für 3 Taler her und nennt es jetzt Landgutbrot. Und er findet andere Markthändler, die ihm mehr bezahlen, als der Schulze es tut, wenn sie nur Ware bekommen. Es ist ein harter Kampf, aber Schulze muss von seinem hohen Ross herunter und faire Einkaufspreise bezahlen, die Müllers Kosten für gutes Brot decken. Die unsinnigen Feuerwerksexperimente muss er auch einstellen, seitdem er keine Wuchergewinne mehr einstreichen kann. Der Sohn vom Bäcker Meier hat die Bäckerei wieder angefangen und macht mit einem neuen Vielkornbrot dem Müller Konkurrenz. Die Menschen haben wieder eine Auswahl zwischen mehreren Broten und mehreren Händlern und müssen auch nicht mehr nach B-Dorf fahren, um ein Schnäppchen zu machen, denn jede Brotsorte kostet ja nun überall dasselbe.

Schöne Geschichte, oder? Leider nicht wahr, denn der „Landvogt“ (aka Gesetzgeber) hat, von wenigen noch existierenden Ausnahmen abgesehen (Bücher und Medikamente), die früher z.B. für Lebensmittel geltende Herstellerpreisbindung in den 1970er Jahren aufgehoben. Der Erfolg? Kleinbauern und selbst größere Milchgenossenschaften haben keine Chance, werden gar mit Kartellgesetzen gepiesackt, die Preise aber dürfen die Discounter bestimmen. Fibronil-Eier und Hühner-Elend? Wie das oben geschilderte „schlechtere“ Müller-Brot eine Folge irrwitzigen Preisdrucks durch die Großabnehmer, der zu überdimensionierten Großbetrieben führen muss, wo Tierwohl und Qualität nachrangig sind.

Warum wurde denn die Preisbindung bei Lebensmitteln aufgehoben? Weil sie nicht mehr beachtet wurde und die „Großen“ ungeniert und ungestraft Preiskämpfe angezettelt haben. Das hat zu einer starken Machtkonzentration im Lebensmittelhandel geführt, und heute bestimmt nicht mehr die Berchtesgadener Milchbauerngenossenschaft darüber, was sie an einem Liter Bergmilch verdient, sondern Aldi, Lidl, Edeka und Rewe. Und solange der Konzentration von Einkaufsmacht nicht Einhalt geboten wird, haben Hersteller so gut wie keine Chance, es sei denn sie hätten ein Monopol, was so gut wie nie der Fall ist. Ja selbst ein multinationaler Konzern wie Nestlé muss sich von Rewe, der viele Nestlé-Produkte einfach ausgelistet hat, vorführen lassen.

Wenn ich mir heute ein TV kaufen will, dann werde ich zu einer „Schnäppchenjagd“ fast gezwungen, zu tief ist der Jagdinstinkt in uns verankert, zu stark ist die „Belohnung“, die mein Stammhirn signalisiert, wenn ich nur das Wort Rabatt oder das Prozentzeichen sehe. Ganz irrational, aber dutzendfach von Psychologen immer wieder belegt. Sie wissen das alles, oder? Und Sie halten den „homo oeconomicus“ und das Pareto-Optimum immer noch für valide Theorien? Genau wie die von Adam Smiths sich selbst regulierenden Märkten? Das wäre so, als würden Sie schwarze Löcher mit Newtons Gravitationsgesetzen beschreiben wollen.

Von den ganzen unappetitlichen Ausformungen der Schnäppchenjägerei mal ganz abgesehen, als da wären:

  • Amazon zeigt iPhone-Nutzern höhere Preise, als wenn man sich mit einem Android-Smartphone auf der Website bewegt – Apple-Jünger haben mehr Geld, meint Amazon, und sind bereit, mehr für genau dasselbe Produkt, verbunden mit genau derselben Dienstleistung zu bezahlen
  • Produktbezeichnungen sind mittlerweile so kryptisch, aber ähnlich, dass der Verbraucher sich gerne mal von einem Superpreis für das 75-Zoll-TV von Hersteller X ködern lässt, weil er gar nicht merkt, dass sich unter einem unwesentlich anderen Produktcode (HB 1573 AI statt HB 1573 AL) eigentlich das Vorjahresmodell verbirgt und der tolle Preis in Wirklichkeit gar nicht toll ist (Verbraucherzentralen haben das in hunderten von Fällen nachgewiesen).
  • Lokale Händler sterben aus, zu Lasten der Innenstädte, in denen es viele Leerstände gibt, obwohl die Konjunktur brummt.

So sehen unregulierte Märkte aus. Ist es das, was die Bevölkerung sich wünscht?

Die Hersteller-Preisbindung dagegen fördert die gesunde Konkurrenz der Erzeuger um das bessere Produkt zu einem fairen Preis. Sie würde auch dem wirklich amoralisch anmutenden Geschäftsgebaren von Amazon, Preise zu „personalisieren“ sofort einen Riegel vorschieben. Bei überall gleichem Preis können die Händler mit Service punkten, zum Beispiel: einfach zu Fuß um die Ecke erreichbar zu sein und ein freundliches Gesicht zu haben, nicht nur ein Smiley auf einem Karton.

Die Händler-Konkurrenz bei freier Endpreisgestaltung erzeugt völlig absehbar unsinnige Rabattschlachten, unsinnig, weil dem Verbraucher ja das nicht verdiente Geld irgendwo anders aufgeschlagen werden muss, und einen Konkurrenzkampf, der schlimmer ist, als der im Dschungel: jeder Alpha-Löwe wird mal alt und muss weichen, außerdem kann er auch nicht mehr als ein begrenztes Revier „beherrschen“. Händler? Händler wird es, wenn das so weitergeht, nur noch wenige geben, der Mittelstand wird marginalisiert werden und die Bevölkerung sich in reiche „Schulzes“, gerade noch überlebende Müllers und Meiers, und – das fehlt in der Geschichte – die unterbezahlten Paketausfahrer spalten.

Wenn Sie so eine Ellenbogen-Gesellschaft wollen, verbunden mit vielleicht sogar Ihnen unan-genehmen Wahlentscheidungen der darob erzürnten Bürger, dann lassen Sie einfach das Recht des Stärkeren gelten und heben Sie alle Kontrollen auf. Das ist dann Markt-fundamentalismus – bis in die späten 1940er Jahre war der heute so geschmähte „Neo-liberalismus“ nämlich begrifflich der Vorläufer und Ideengeber der sozialen Marktwirtschaft – und die kannte die Preisbindung!

Wenn Sie aber eine mittelstandslastige Gesellschaft bevorzugen, in der sich die große Mehrheit wohl und geborgen fühlt, dann geben Sie dem kleinen Händler nebenan – und den Kunden – auch eine Chance, nämlich die der Herstellerpreisbindung. Dann konkurrieren Produkte miteinander, nicht Einkaufs-Machtzentralen.

Sie meinen, eine Hersteller-Preisbindung sei nicht zu kontrollieren? Ja, in den 1970er Jahren war das so, mit ein Grund, warum ungestraft dagegen verstoßen werden konnte und damit das Gesetz obsolet wurde. Heute ist das, dank Internet, ganz anders, wir haben schon viele, viele Verfahren gegen „Große“ unserer Branche, ja auch gegen Amazon geführt und so oft gewonnen, dass unsere Rechtsabteilung nicht mal mehr Kosten verursacht. Ja, lieber die Überwachung der Preisbindung durch die Konkurrenz ist der Schlüssel, sie auch wirklich flächendeckend und dauerhaft durchzusetzen, ohne dabei den Staat bemühen zu müssen – was ja keiner will.

In unserer Branche darf man das Vorhaben als gelungen bezeichnen, auch wenn es stetiger Nacharbeit bedarf. Und mal ganz ehrlich: nervt es Sie nicht auch, dass der Sprit im Nachbardorf manchmal 5 Cent billiger ist, und Sie jedes Mal neu überlegen müssen, ob Sie den Umweg machen, ob sich das rechnet, oder ob nicht kurz vorher der Preis umspringt? Wäre es nicht enorm erleichternd für alle, wenn der Benzinpreis je Marke im ganzen Lande und für mindestens vier Wochen Gültigkeit hätte, man sich also keinerlei Gedanken darüber machen müsste, sondern einfach zur Tanke fahren könnte? So wie sich der Buchkäufer keine Gedanken machen muss, wo er sein Buch kauft, ob in der kleinen Buchhandlung um die Ecke oder dem Buchgroßkaufhaus in der Stadtmitte, im Buchshop im Einkaufszentrum oder beim Internetversender. Wäre das nicht die wahre Entscheidungsfreiheit, wenn auch das seriell abgepackte Kilo neue Kartoffeln im kleinen, fußläufigen City-Markt um die Ecke genau dasselbe kostete wie beim Edeka auf der grünen Wiese – solange sie vom selben Hersteller kommen? Das wäre doch so viel leichter für alle!

Wir haben so etwas Ähnliches für die Buchhändler realisiert, und sie danken es uns mit großem Zulauf und der rhetorischen Frage: „Warum habe ich mich Euch nicht schon Jahre früher angeschlossen“? Unser System ist ganz einfach: aus den unterschiedlichen Kondi-tionsangeboten der Verlage (aka Rabatte) haben wir („big data“ im Vorfeld) eine statistisch untermauerte Durchschnittskondition ermittelt, und genau die bekommt bei uns jeder Buchhändler, ob groß oder klein, und zwar für jedes Buch. Nun muss er nicht mehr grübeln, ob er nur wegen der besser scheinenden Verlagskondition dieses oder doch lieber jenes Buch auswählt, und er kauft ein, was er dann auch gerne aktiv verkauft. Sie können über die vielen Rationalisierungs-Vorteile des Anabel-Modells hier einen Artikel aus dem Börsenblatt des deutschen Buchhandels nachlesen.

Ganz nebenbei ist unser Modell leider auch ein Beleg dafür, dass der „homo oeconomicus“ so nicht existiert: Jeder fragt uns, warum, wenn unser Einkaufs-Modell doch so überlegen ist, sich nicht längst alle unabhängigen Buchhändler angeschlossen haben? Darum. Weil sie nicht rational ökonomisch entscheiden, sondern weil viele andere Faktoren, auch völlig irrationale, mit hineinspielen, wie zum Beispiel die „Treue“ zu einem bestimmten Lieferanten, die Angst, bevormundet zu werden (bei uns muss niemand irgendetwas), die Unfähigkeit, die Zahlen mal wirklich zu hinterfragen, die Verführung durch den nominell besseren Rabatt, die nicht konsequent zu Ende gerechnet wird, auf dem Papier erstmal toll aussieht, aber Folgekosten erzeugt, die alles konterkarieren, etc. pp.

Wie wäre es, wenn es über die Frage Hersteller-Preis-Konkurrenz vs. Händler-Preis-Konkurrenz mal eine allumfassende Untersuchung gäbe, die unter Beteiligung von Psychologen, Soziologen, Sozialforschern und Wirtschaftswissenschaftlern versucht *alle* Aspekte, auch und vor allem die gesellschaftsdynamischen zusammenzutragen und dabei eben nicht Einzelaspekte im Fokus hat, sondern das Gesamtwohl der ganzen Gemeinschaft? In ökologischen Themenbereichen gibt es solche „Audits“, die themen- und bereichs-übergreifend, also interdisziplinär arbeiten, schon lange, wir kennen auch die TAFs, die sogenannten Technikfolgenabschätzungen, für die ähnliches gilt. Aus den Wirtschafts-wissenschaften sind mir Studien, die auf die Summe aller Faktoren und dabei aufs Allgemein-wohl abstellen, nicht bekannt. Ihr Gutachten jedenfalls erfüllt eine solche Forderung nicht.

Last-not-least: Nur weil das EU-Recht angeblich den „freien Wettbewerb“ und damit eben auch den Preis-Wettbewerb der Händler untereinander „schützt“, heißt das noch lange nicht, dass hier das Richtige geschützt wird. Natürlich sagen uns alle Experimente mit jeder Form von Planwirtschaft, dass nur Konkurrenz die besten Ergebnisse bringt; die Frage ist nur: wer konkurriert und zu welchen Bedingungen? Führen bestimmte Formen von Konkurrenz nicht fast zwangsläufig zu exorbitanten Machtkonzentrationen, die wiederum jede echte Konkurrenz aushebeln?

Viel zu lange haben sich die neoliberalen Wirtschaftstheoretiker vor der Beantwortung dieser Fragen gedrückt, es wird Zeit, dass mal ganz grundsätzlich darüber nachgedacht wird, was eine kluge Wirtschaftspolitik bewirken kann und bewirken sollte. Einfach nur alle Zäune niederreißen wollen, weil sie da sind, das hat schon 1968 ff. nicht funktioniert. Ich muss das wissen, denn ich war dabei, genauso wie bei den durch unsinnige Deregulation verursachten Börsen- und Finanzkrisen der letzten 30 Jahre, bei denen wir Steuerzahler für die falschen Theorien der von uns hoch alimentierten Marktfundamentalisten, wie z.B. dem Deregulierer der SPD, Jörg Asmussen viele, viele Milliarden haben bezahlen müssen. Die Hoffnung, dass man in der Wirtschaftswissenschaft wenigstens aus solchen Katastrophen die richtigen Schlüsse zieht, die habe ich – wie viele andere Unternehmer und normale Steuerzahler auch – längst aufgegeben. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, man soll ja niemandem das Recht auf späte Einsicht absprechen 😉

Beste Grüße,

Lorenz Borsche

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© Lorenz Borsche

Update von mir: Inzwischen sprach sich auch der Kulturausschuss des Bundestages für den Erhalt der Buchpreisbindung aus.

 

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Aus dem Postfach – kein Kommentar

Liebe Gesine von Prittwitz,

ich bewundere sehr Ihr SteglitzMind  – und melde mich deshalb bei Ihnen mit einer Frage und Bitte:

Wir unterstützen die PR der Interessensvertretung Achtung Foliant! und möchten im Rahmen einer Ende März/Anfang April startenden kleinen Kampagne zur Ermunterung von Branchennachwuchs gern ein paar Statements / Testimonilas von JUNGEN Händlern einsammeln. Ziel: ein Themenangebot für Medien (Beruf/Chance/Interview  sind die Resorts, an die ich denke).

Wo beginnen? ich dachte, ich frag mal Sie … weil Sie über die mir über den Buchhandelstreff ein wenig bekannten Menschen natürlich auch andere haben, die bei uns nur als  „Adresse“ vorhanden ist, wenn überhaupt.

Inhalt der Testimonials: kleine Geschichten  darüber, wie jemand in unserer Branche gelandet ist, ob zufällig oder in Verwirklichung eines Traums. Und wie es ihm in der Realität geht.

Wenn Sie mir ein paar Kontakte aus Ihrer großen Sammlung beisteuern, freu ich mich sehr.

Herzlich grüßt ganz aus der Näh

Meine Antwort:

Liebe Frau ….

verstehe ich Ihren Wunsch richtig?

Sie bitten mich um Kontakte, die Ihrem Auftraggeber, der Interessensvertretung für „Achtung Foliant!“ zuarbeiten sollten? Ohne Honorar, versteht sich.

Eine verwegene Hoffnung.

Nichts für ungut.

Mit kollegialem Gruß

Gesine von Prittwitz

Die Antwort darauf:

Liebe Frau von Prittwitz,

Um Gottes willen – verstehen Sie mich nicht falsch! Nein, die Arbeit mache ich selbst und werde dafür auch bezahlt.

Meine Idee war: Testimonials von jungen Händlern einzusammeln, die ihren Beruf lieben. Auch, wenn er schwierig ist. Und darüber – allerdings ohne Honorar – vllt fünf oder mehr  Zeilen zu schreiben, unter eigenem Namen (also als Lohn ein bisschen Bekanntheit in der Branche zu erwerben – wenn es denn darum auch gehen soll). Zum Beispiel so: „Ich bin gern Buchhändlerin, weil ich es toll finde, wie schnell wir jedes Buch besorgen können!“ Oder „… weil ohne meinen Laden in der Straße etwas fehlen würde, was die Lebensqualität dort ausmacht – wenn nur noch Lieferautos parken, dann ist der Kiez nichts mehr wert“…

Natürlich haben wir selbst über den Verein, durch mein hohes Alter und das damit verbundene dicke Adressbuch jede Menge Kontakte. Ich war nur der verwegenen Idee aufgesessen, dass es uns um  die gleichen Themen geht und Sie mir  sagen – sprich mal mit der oder dem, die ist interessant und kann es auf dem Punkt bringen.

Dass Sie unserern leicht verunglückten Briefwechsel (was sicherlich ich zu verantworten habe) gleich öffentlich machen, finde ich sehr traurig.

Herzliche Grüße

 

Vorsicht Buchhandel! Zu Risiken und Nebenwirkungen. – Gerrit van der Meer antwortet Norbert W. Schlinkert

Gerrit van der Meer ist seit Mitte der 80er Jahre im Buchhandel tätig. Wir haben ihn auf SteglitzMind bereits dank seinem Aufruf in Sachen Freihandelsabkommen und dem persönlichen Beitrag Draußen vor der Tür. Als arbeitsloser Buchhändler nachts in einer fremden Stadt etwas kennengelernt. – Nun hat es sich Gerrit nicht nehmen lassen, Norbert W. Schlinkert zu antworten, der gestern hier ausführte, warum er in keine Buchhandlung mehr geht.

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Lieber Norbert W. Schlinkert!

Es gibt seit langem sein schönes altes Bilderbuch mit dem Titel: „Du hast angefangen! Nein, Du….“
Was dieses Buch mit Ihrem Aufsatz zu tun hat? Nun, man kann daraus lernen, warum plötzlich in der Buchhandlung der Handke und der Wondratschek fehlen.
Mitte der neunziger Jahre war die Buchhandelswelt noch in Ordnung. Der Buchhändler konnte es sich leisten, neben den Bestsellern und anderen kommerziell erfolgreichen Titeln, seine Marotten zu pflegen. In fast allen Buchhandlungen konnte man sie finden, die Dostojewskis, Bölls, Handkes und Wondratscheks usw. Daneben noch Lyrik und ausgefallene Bildbänder der Inneren Mongolei. Es war schön damals. Gelebt aber hat man als Buchhändler auch damals schon von der Masse. Die Wondratschekleser waren eine eher kleine Minderheit. Über die Umschlagsgeschwindigkeit japanischer Haikus brauchen wir erst gar nicht zu reden.

Und plötzlich, erst schleichend, dann immer schneller verschwanden die Kunden in die schönen neuen Buchpaläste und ein bisserl später in den unendlichen Weiten des WWW. Es ist doch viel bequemer, sich das Ganze direkt auf die Couch liefern zu lassen.

Natürlich ist der Kunde neugierig und die schöne neue Glitzerwelt war ja so viel „besser und schöner“. Also ging der Kunde. Aber wie es scheint, mit einem schlechten Gewissen. Denn plötzlich war die einstmals geliebte Buchhandlung nur noch ein aus der Zeit gefallener Ramschladen mit schlechter Auswahl und arrogantem unfähigem Personal. So konnte und kann man es zumindest in unzähligen Blogs nachlesen.

Heute, zehn Jahre später findet man als Buchhändler immer mehr Blogbeiträge in denen unsere alten Kunden genau diesen verstaubten, aus der Zeit gefallenen Buchhandlungen nachtrauern. Norbert Schlinkert ist jedoch ein Sonderfall. Er weiß genau, warum er als Cineast nicht mehr ins Kino geht. Er fürchtet die Blicke des Buchhändlers. Er fürchtet sich davor als Leser ausgefallener Literatur diskriminiert zu werden. Ein Cineast, der sich Filme nur noch auf preisreduzierten DVDs aus der Discountbuchhandlung ansieht ? Sorry, aber als Cineast kann ich das nicht nachvollziehen. Cineasten haben meist noch nicht einmal einen Fernseher. Zumindest die, die ich so kenne. Und gerade in Berlin gibt es hervorragende Programmkinos, die fast jeden Geschmack bedienen.

Angst vor den Blicken des Buchhändlers ? Jeder eingefleischte Buchhändler freut sich auf „schwierige Kunden“. Sie sind und waren das Salz in der Bestsellereinheitssuppe. Ich habe es als Buchhändler immer geliebt, wenn der Kunde mich fachlich herausgefordert hat. Damit kann ich als Buchhändler doch ziemlich einfach nachweisen, dass ein Algorithmus nicht in der Lage ist, den Kopf zu ersetzen.
Und ja, auch viele Buchhandlungen sind, zwangsläufig marktgerecht „bunt“ geworden. Wer 25% Umsatz verliert, weil die Kunden den Algorithmus und Lieschen Müllers Kundenmeinung so toll finden, muss einfach mit dem Strom schwimmen. Ob er will oder nicht. Das Marottenregal haben der Betriebsberater und die Hausbank längst über den Jordan geschickt. Ob das immer die richtige Entscheidung war, sei dahingestellt…

Womit wir wieder bei unserem Bilderbuch wären. Wer hat eigentlich damit angefangen? Schwer zu sagen. Das Kunden etwas „Neues“ ausprobieren wollen ist verständlich. Das die Welt sich dreht, unvermeidlich. Und das der Buchhandel sich noch immer in einem Anpassungsprozess befindet, ist eine Tatsache. Vieles wird probiert und manches funktioniert bereits. Anderes ist gescheitert. So scheinen Großbuchhandlungen mit hohem „Nonbookanteil“ und mangelhafter Beratung keine Zukunft zu haben. Ebenso wird vielen Kunden deutlich, dass der Algorithmus doch nicht die Ultima Ratio ist.
Gegen die Angst vor fremden Blicken kann ich als Buchhändler Herrn Schlinkert allerdings nicht schützen. Dieses Problem muss er alleine lösen.

© Gerrit van der Meer

Buchreihe3

Warum ich nicht mehr in Buchhandlungen gehe. – Ein Gast- beitrag von Norbert W. Schlinkert

Im Rahmen der losen Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” hatte ich vorgeschlagen, dass Ihr Gastbeiträge beisteuern könntet. Schilderungen aus dem Buchhändleralltag oder, was auch immer… Erfahrungsberichte zum Beispiel: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen?

Nach der Polemik von Stefan Möller aka @Hedoniker Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden!, die reichlich Wind machte, der Replik darauf von Lorenz Borsche, dem Brief des sterbenden Bildungsbürgers vom Krankenbett herab, dass kein Ausweg sei aus der Feder von Sandhofer, Gerrit van der Meers persönlichem Bericht Draußen vor der Tür. Als arbeitsloser Buchhändler nachts in einer fremden Stadt und Guido Rohms Abgesang Ein Ort für Elben steuert heute Norbert W. Schlinkert einen Beitrag bei.

Norbert, der auch als bildender Künstler unterwegs gewesen ist, veröffentlichte 2005 seine Studie „Wanderer in Absurdistan. Novalis, Nietzsche, Beckett, Bernhard und der ganze Rest“ (Königshausen & Neumann) und wurde 2009 mit seiner Studie „Das sich selbst erhellende Bewußtsein als poetisches Ich. Von Adam Bernd zu Karl Philipp Moritz, von Jean Paul zu Sören Kierkegaard“ promoviert; das Buch erschien Ende 2010 im Wehrhahn-Verlag. Für sein aktuelles, soeben beendetes Romanprojekt wurde ihm 2010 ein Aufenthaltsstipendium des Künstlerdorfes Schöppingen zugesprochen. – Kennengelernt haben wir uns, weil er sein literarisches Weblog Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen im Rahmen der Steglitzer Blogger-Interviewreihe auf Empfehlung von Phyllies Kiehl aka Miss TT vorgestellt hat. – Ich sage Norbert für seinen Gastbeitrag danke.

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Vorsicht Buchhandel! Zu Risiken und Nebenwirkungen … Von Norbert W. Schlinkert

Mich sieht selten eine Buchhandlung in sich hineinspazieren. Dabei konnte ich mir bis Mitte der 1990er Jahre kaum Schöneres vorstellen (einiges natürlich schon), als in eine hineinzugehen und dort das Angebot auf mich wirken zu lassen. In meiner Jugend habe ich, in einer Kleinstadt im südöstlichen Ruhrgebiet mit kaum 50.000 Einwohnern, oft Stunden in der Buchhandlung verbracht und mich zum Beispiel entscheiden müssen und vor allen Dingen können, welche Dostojewski-Übersetzung von „Der Idiot“ ich kaufen soll – die Bücher standen im Regal. Mit ellenlangen Wunschlisten habe ich mit dem Rad Pilgerfahrten zu den Dortmunder Buchhandlungen unternommen und bin manchesmal nach Münster getrampt – alles der Bücher wegen, die ich in Augenschein nehmen, in die Hand nehmen wollte, die ich hineinlesend ergründen wollte. Zu Beginn meiner Zeit in Berlin fuhr ich noch von Prenzlauer Berg zu Kiepert am Ernst-Reuter-Platz, bis die sich entschlossen, alles bunt und lustig und kommunikativ zu machen, nur um pleite zu gehen. Alles vorbei!

"Bücher, die mit mir arbeiten" © Norbert W. Schlinkert

„Bücher, die mit mir arbeiten“ © Norbert W. Schlinkert

Nun, angesichts der Buchhändler:innen-Interviews auf SteglitzMind habe ich mich also gefragt, warum ich nicht mehr in Buchhandlungen gehe. Warum ich als Cineast kaum mehr ins Kino gehe, das weiß ich, aber warum nicht mehr zu den Büchern? Ganz einfach, sie sind nicht mehr dort, sie warten nicht mehr auf mich und die anderen Leser meines Schlages. Bin ich aus der Zeit gefallen? Liegt es an mir? Nicht etwa, dass es nicht vereinzelt gute Buchläden gäbe, aber da muss man schon Glück haben, dass sich einer in der Nähe befindet. Zugegeben, ich bin inzwischen eindeutig überqualifiziert und kann nicht erwarten, meine Interessen in einer jeden Buchhandlung berücksichtigt zu finden, es sei denn, es handele sich um eine sogenannte Universitätsbuchhandlung, aber auch da wäre ich inzwischen skeptisch angesichts der um sich gegriffenen Verschulungstendenzen an den Hochschulen, die mehr und mehr zu reinen Ausbildungsstätten für die Wirtschaft verrohen.

Komme ich denn nun nicht mehr an meine Bücher? Doch, natürlich, und zwar wie viele andere Leser auch – ich bestelle sie selbst, oft antiquarisch, und lasse sie mir zu „meiner“ Packstation schicken, wo ich sie auf dem Rückweg vom Einkauf abhole. Eine Buchhandlung würde bei diesem Prozess nur stören. Selbstverständlich, das wäre ein Einwand: Ich könnte das Buch, wenn es sich um ein Neubuch handelt, das der Zwischenhändler auf Lager hat, auch auf der Website einer kleinen Buchhandlung bestellen. Warum tue ich das nicht? Nun, abgesehen davon, dass viele Buchhandlungen inzwischen ästhetisch höchst fragwürdig kunterbunt aussehen wie Kindertagesstätten, und sich auch nicht selten so anhören, habe ich mir zwei, drei Mal diese Blicke der Buchhändlerinnen angetan, die unverhohlen die Nachricht aussendeten, dass sie mich für einen Spinner halten, einen Menschen, der „schwierige“ Literatur liest und gar noch philosophische Bücher. Da fühlte ich mich fehl am Platze, ausgegrenzt und vertrieben. Entschuldigen Sie bitte meine Empfindlichkeit!

Warum machen eigentlich die Buch-Zwischenhändler keine Buchläden auf? Aus dem gleichen Grund, warum die Anbieter von Haushaltsgegenständen und Goldschürfausrüstungen nicht auf Goldsuche gehen. Das Gold wird nämlich immer weniger, je mehr danach suchen. Klar ist das kein gutes Beispiel für den Buchhandel, alle Beispiele hinken, weswegen man am besten das Original betrachtet. Doch was ist das Original? Meiner Ansicht nach ist das Original die immer noch sehr bunte Verlagslandschaft in Deutschland, getragen vor allem von viel, sehr viel aufopferungsvoller Arbeit der Autoren und Verlage und Lektoren und Übersetzer und geschützt von der Buchpreisbindung – fiele diese, so setzten sich auf dem Markt schnell die durch, die mit einer Ware handeln, die nur zufällig Buch heißt und nicht Banane.

Ich kann mich wie die meisten Menschen sehr gut ohne Buchhändler über Bücher informieren, die noch nicht beworbene kommende Massenware mal ausgenommen – warum also, die Frage wird nicht weniger, eine Buchhandlung aufsuchen? Ab und zu gucke ich bei einem Discount-Buchhändler nach preisreduzierten DVDs, manche kaufen da regelmäßig ihre Schokolade. Es scheint allerdings, wie ich neulich mitbekam, eine Kampagne des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zu geben, die alle Menschen zum Buchhändler ihres Vertrauens und zum Buch selbst führen soll. Drei Millionen Euro hat sich der Börsenverein das angeblich kosten lassen, an Geld scheint es denen ja nicht zu mangeln, wenn ich auch ein wenig daran zweifle, ob der Name der Kampagne gut gewählt ist, nämlich „Vorsicht Buch!“ Abgesehen davon, dass die meisten Menschen davon sicher noch nichts gehört haben, sollte es, angesichts der Realität, wohl eher heißen „Vorsicht Buchhandel!“ – zu Risiken und Nebenwirkungen …

© Norbert W. Schlinkert 2013

Der Buchhändler – ein Luxusartikel?! Ein Gastbeitrag von Gerrit van der Meer

Im Rahmen der losen Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” hatte ich vorgeschlagen, dass Ihr Gastbeiträge beisteuern könntet. Schilderungen aus dem Buchhändleralltag oder, was auch immer… Erfahrungsberichte zum Beispiel: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen? Nach der Polemik von Stefan Möller aka @Hedoniker Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden!, die reichlich Wind machte, der Replik darauf von Lorenz Borsche und dem Brief des sterbenden Bildungsbürgers vom Krankenbett herab, dass kein Ausweg sei aus der Feder des Herrn Sandhofer, steuert heute Gerrit van der Meer nach seinem Aufruf in Sachen Freihandelsabkommen abermals einen Beitrag bei.

Gerrit ist seit Mitte der 80er Jahre im Buchhandel tätig . Er hatte eine eigene literarische Buchhandlung inne, die er aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung am Standort 2006 schließen musste. Danach arbeitete er als Verlagsrepräsentant. Anfang 2013 übernahm er die Geschäftsführung einer Buchhandlung in der Pfalz. – Wir sind einander bei Facebook begegnet und ich fragte ihn kurzerhand, ob er nicht gelegentlich bei SteglitzMind Stellung beziehen möge… Er mochte und ich sage Gerrit danke!

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Draußen vor der Tür. Als arbeitsloser Buchhändler nachts in einer fremden Stadt

Abends gehe ich manchmal noch spät aus dem Haus und streife durch die Stadt.

Die leeren Straßen und die Ruhe der nächtlichen Fußgängerzonen lassen Raum, um Gedanken schweifen zu lassen. Oft bleibe ich dabei an den Schaufenstern der Buchhandlungen hängen.

Dort liegen sie, die Bücherschätze, deren Inhalte ich in der Regel bereits kenne. Manche davon habe ich geliebt, andere weniger, verkauft hab ich sie fast alle, das gehörte zum Geschäft.

Die kleine Literaturbuchhandlung hat ein Suhrkamp-Fenster als Solidaritätserklärung mit dem Verlag gestaltet.

Ich sehe viele wunderbare Bücher, an André Kaminskis „Nächstes Jahr in Jerusalem“, einem meiner Lieblinge, bleibt mein Blick hängen. Diesem Buch verdanke ich meinen Spitznamen. Als meine Frau es las, fesselte sie der Ausspruch des Helden, mit dem er sich seinem zukünftigen Schwiegervater vorstellte: „Ich bin eine Wolke in Hosen.“ Der Name blieb irgendwie an mir haften und ich trage ihn mit Stolz, auch wenn sich die Verträumtheit der frühen Jahre etwas gelegt hat.

Noch vor einigen Monaten habe ich dieses Buch einem Kunden empfohlen. Wir trafen uns auf einer Lesung mit Dieter Hildebrandt anlässlich der Verleihung der Hermann Sinsheimer Preises. Ich stand dort hinter dem Büchertisch. Wie es sich manchmal ergibt, war man sich mehr oder weniger sympathisch und kam ins Gespräch.

Über Gott und die Welt, die gelungene Lesung, Hermann Sinsheimer und den Simplizisimus und über jüdische Literatur in Deutschland.

Und so landet man irgendwann bei André Kaminski. Die ‚Wolke in Hosen‘ konnte den Kunden für das Buch begeistern und am nächsten Tag holte er den Titel in der Buchhandlung ab.

Leider nicht mehr bei mir. Die Buchhandlung, für die ich einige Monate als Geschäftsführer tätig gewesen war, war nicht mehr in der Lage, mein Gehalt zu bezahlen. Und einen Tag nach der Lesung reiste ich ab. André Kaminskis Buch war mein letztes verkauftes Buch als Buchhändler.

Collage © Gerrit van der Meer

Collage © Gerrit van der Meer

Seither schreibe ich Bewerbungen und bekomme Absagen wie diese:

Sehr geehrter Herr …

vielen Dank für Ihre Bewerbung.

Gerne hätten wir so einen erfahrenen Buchhändler wie Sie.

Es sprengt leider unsere finanziellen Möglichkeiten. Daher müssen wir Ihnen leider absagen.

Mit freundlichem Gruß

Filialleitung

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Absagen wie diese, stundenlanges suchen nach Stellenangeboten im Netz und der Tagespresse, und mehr oder weniger klug formulierte Absagen, prägen meinen Alltag. Von überqualifiziert, unpassend für ein junges Team bis hin zu dem ehrlichen, sorry, aber sie sind uns zu alt, ist alles dabei.

Was bleibt, ist leichte Frustration, die allerdings mit einem guten Buch schnell wieder vertreiben werden kann, und die Erkenntnis, dass ein Buchhändler zwar viel mit einem guten Rotwein gemein hat, aber das man sich dieses Luxusprodukt leider kaum noch leisten kann und will.

Und so suche ich weiter. Irgendwann wird sich schon wer finden, der sich einen guten Tropfen beziehungsweise einen Buchhändler noch leisten kann.

© Gerrit van der Meer

Brief des sterbenden Bildungsbürgers vom Krankenbett herab, dass kein Ausweg sei

Lieber stationärer Buchhandel!

Ich schreibe Dir diesen Brief sozusagen von Krankenbett zu Krankenbett. Wenn wir ehrlich sind zu uns selber: von Sterbebett zu Sterbebett. Denn wir liegen beide im Sterben. Dem eignet eine gewisse romantische Schönheit, denn wir sind zusammen gross geworden und werden nun zusammen sterben.

Es gab eine Zeit, da gab es Dich nicht und da gab es mich nicht. Der Verleger war zugleich der Drucker und der Händler seiner Bücher. Zur Buchmesse reiste er, um mit andern Druckern-Verlegern-Händlern seine Produkte zu tauschen. Autoren hatten an so einer Messe so wenig verloren, wie das Publikum. Das bestand aus ein paar Gelehrten, und war kaum der Rede wert. Dann wurden wir beide geboren: Du, indem die heilige Dreieinigkeit Drucker-Verleger-Händler sich aufspaltete als Reaktion darauf, dass ich, der Leser-Käufer, immer immer mehr lesen wollte, weil ich ja unterdessen längst nicht mehr nur Gelehrter war, und weil ich immer weniger Verständnis dafür zeigte, dass der Drucker-Verleger-Händler mühsam Produkte eines Kollegen bestellen musste, ja eventuell erst von der nächsten Messe in einem Jahr mitbringen konnte.

"Goethe's Werke. Erste illustrite Ausgabe, mit erläuternden Einleitungen", Berlin, G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung 1874 - Foto (c) Gesine von Prittwitz

Goethe’s Werke. Erste illustrite Ausgabe, Berlin, G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung 1874 © GvP

Noch vor 100 Jahren war der Besitz von Büchern nicht selbstverständlich, sondern ein Statussymbol. Wer Wert auf sich und seine Stellung in der Gesellschaft legte, hatte einen Bücherschrank vorzuweisen. Da drin standen dann Klassiker in repräsentativ gebundenen Ausgaben. Man musste diese Ausgaben nicht gelesen haben. Um sich im Small Talk unter Geschäftsfreunden darüber zu unterhalten, ob das „weite Feld“ nun von Stifter oder von Fontane stammte, und ob es nun ein „weites Feld“ der ein „zu weites Feld“ sei, genügte es ja, den Büchmann zu konsultieren. Darin fand man alle Klassikerzitate nachgewiesen. In den Auflagen nach den 1960ern findet sich im Büchmann nur noch Schrott. Aber unter Geschäftsfreunden wird ja auch nicht mehr über Stifter und Fontane diskutiert, und eine Bibliothek besitzen heute nur noch ein paar Freaks.

Heute zählt Effizienz, und Bücher sind nicht effizient. Seit Bologna (oder war es Modena?) ist eine breit gefächerte Bildung, zu deren Erwerb man sich Zeit lässt, obsolet. Selbst der Geisteswissenschafter wird durch sein Studium gepeitscht und lernt bestenfalls die feministische Rolle der Alice Schwarzer diskutieren oder Derrida’schen Nonsense nachplappern, aber nicht ein Gedicht von C. F. Meyer analysieren.

Der technische Fortschritt hat uns beiden dann den Rest gegeben. Ich rede nicht vom E-Book, das ist nur die letzte Ausblühung an einer längst modernden Holzwand. Ich rede auch nicht von Buchhandelsketten und jenem Handelsriesen, der sich (ich weiss nicht warum) nach einem riesigen Strom genannt hat. Auch das sind nur Blüten, die eine Pflanze produziert, wenn sie im Sterben liegt und hofft, wenigstens in ihren Früchten irgendwann einmal wieder auferstehen zu können. Mittlerweile sind einige dieser Blüten bereits am Verwelken und Früchte scheinen sie nicht zu tragen. Wir haben es seinerzeit beide nicht gemerkt, aber die tödliche Krankheit, an der wir nun sterben werden, haben wir uns mit der Erfindung der Rotationspresse zugezogen, und mit der Einführung der Klebebindung. Plötzlich wurden Bücher für jedermann erschwinglich. Der arrivierte Geschäftsmann musste sich andere Statussymbole suchen, und fand sie in seinem Automobil, in seiner Yacht und Ähnlichem. Das war der Anfang vom Ende; aber wir merkten es beide nicht.

Die unheilige Allianz von Käufer, der seine Ware so billig wie möglich zu kriegen wünscht, und Produzent, der des Käufers Wünsche erfüllen möchte oder dies wenigstens vorgibt, wird als erstes Dich, lieber Freund, töten, dann den Produzenten, dann mich. Ich höre immer wieder mantra-artig die Buchpreisbindung loben; ich habe keine Ahnung, was man sich davon verspricht. Die Preisbindung ist kein Palliativ, keine lebensverlängernde Massnahme. In Deutschland existiert sie nach wie vor. Dennoch faulen Deinem Körper immer mehr Teile ab. In der Schweiz existiert sie nicht mehr. Es geht dem Buchhandel deswegen nicht schlechter. Auch nicht besser.

A propos „besser“: Früher war nicht alles besser, keineswegs. Schon Goethe musste erleben, dass sein Schwager Vulpius mit seiner Schwarte „Rinaldo Rinaldini“ ein Mehrfaches an Auflagen erzielte, als er selber mit seinen Werken. Klassiker und/oder Lyriker „gingen“ schon immer schwer. Aber wenn ich heute in einer Buchhandlung den neuesten Andreas Brandhorst bestelle, und nicht mehr erlebe, dass die Buchhandlung gleich ein Exemplar für sich mitbestellt hat, das sie ins Regal stellt, finde ich es bedenklich. Es beunruhigt mich wirklich: Selbst Science Fiction, die nie elitär war, führt mittlerweile ein Schattendasein im deutschsprachigen Buchhandel und Verlagswesen. Wo sind die Zeiten, als Jeschke bei Heyne SF-Klassiker im Minutentakt ausstossen durfte? Und meine Buchhandlung die Hälfte eines nicht kleinen Raums voller Science Fiction damit füllte? Heute stehen gut versteckt ein oder zwei Regalmeter SF – oder was halt gerade dafür gilt.

Dafür ist heute der Autor kein Autor mehr, sondern eine Marke, ein Produkt. Und wie jedes Produkt von Zeit zu Zeit mit Werbung auf sich aufmerksam macht, jede Marke von Zeit zu Zeit Neuerungen auf den Markt bringt, von denen dann die meisten binnen Kurzem wieder verschwinden, so sondert unterdessen jeder Autor einmal im Jahr – pünktlich zur Messe, wenn’s geht – einen neuen Roman ab. Ich bedaure ihn, habe mich aber mittlerweile von diesem, eigentlich unserm vierten, Bruder völlig losgesagt. Ich weiss, dass Du, Bruder Buchhandel, ebenso wie der Bruder Verlag krampfhaft an ihm festhaltet, ja ihn zu diesem Verhalten nachgerade zwingt, weil ihr glaubt, mich so bei der Stange und Euch so am Leben zu erhalten. Das ist ein Irrtum: Überfütterung erzeugt Brechreiz, nicht Wolllust. Und unsere Körper werden dadurch noch mehr geschwächt.

Die Ärzte versuchen, unsere Situation schön zu reden. Und manchmal fallen wir selber darauf hinein und reden uns die Situation selber schön. Wir halten für Medizin, was Placebo ist. Um zu vertuschen, wie billig heutzutage Bücher fabriziert sind, hat man den Begriff der „gebundenen Ausgabe“, die ursprünglich eine meinte mit Fadenheftung, über Bord geworfen zugunsten des amerikanisch und deshalb hip klingenden „Hardcover“. Ein Begriff, der versteckt, dass unter dem billigen Pappdeckel ebenso billige Klebebindung verwendet wird. Man zelebriert heute, „Indie“ zu sein, Indie-Autor und Indie-Verlag. „Indie“ – das klingt nach Freiheit und nach Abenteuer. Und wie die Zigaretten-Werbung kaschiert der Begriff einfach, dass wir uns schon lange den tödlichen Krebs zugezogen haben.

Wir waren einst drei Brüder, die ihren Lebensweg gemeinsam begonnen haben: Verleger, Händler, Leser. (Meinethalben auch vier, nehmen wir Bruder Autor wieder ins Boot.) Nun neigt sich dieser Zyklus seinem Ende zu. Wir wollen unserm Tod tapfer entgegen gehen und nicht jammern. Und nicht gegenseitig übereinander her fallen.

In Liebe

Dein Bruder, der Bildungsbürger

(Nach Diktat zur Reanimation auf die Intensivstation verlegt.)

© Herr Sandhofer, einer der beiden Köpfe, die hinter litteratur.ch stecken

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Im Rahmen der losen Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” hatte ich vorgeschlagen, dass Ihr Gastbeiträge beisteuern könntet. Schilderungen aus dem Buchhändleralltag oder, was auch immer… Erfahrungsberichte zum Beispiel: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen? Den Anfang bestritt Stefan Möller aka @Hedoniker mit seiner Polemik „Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden!“, die reichlich Wind machte.

„Lieber stationärer Buchhandel…“ – Ein Gastbeitrag von Stefan Möller aka @Hedoniker

Im Rahmen der losen Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” hatte ich vorgeschlagen, dass Ihr Gastbeiträge beisteuern könntet. Schilderungen aus dem Buchhändleralltag oder, was auch immer… Erfahrungsberichte zum Beispiel: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen? Den Anfang heute macht Stefan Möller mit einer Polemik, die Zündstoff birgt. Ich danke dem Verfasser und würde mich freuen, wenn sein Mittun hier Schule macht.

Stefan lebt und arbeitet als Texter in Hannover. Begegnet sind wir uns vor Jahren via Twitter, wo er die Timeline als @Hedoniker bereichert. Er bloggt über Bücher, die jeder nichtdoofe Mensch gelesen haben sollte, und schreibt für diverse Online-Magazine Rezensionen. Bei Facebook findet Ihr ihn selbstverständlich auch.

Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden! Eine Polemik von Stefan Möller

Stefan Möller © BookFaces/Gute Aussichten

Stefan Möller © BookFaces/Gute Aussichten

Es war doch mal schön mit uns, viele, viele Jahre lang. Warum hast du aufgehört, dich für mich zu interessieren? Was habe ich falsch gemacht? Ich habe mir doch wirklich Mühe gegeben. Hab dich regelmäßig besucht und viele Stunden mit dir verbracht. Waren wir nicht ein perfektes Paar? Gut, das Vergnügen war natürlich erkauft, ganz billig war es nie, dich zu besuchen. Aber dafür hattest du auch viel zu bieten. Du hast mich immer wieder überrascht. Hast mir Dinge gezeigt, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt. Aber es waren immer Dinge, die mich erfreut haben. Ja natürlich, ich wusste, dass du mir nicht treu bist, dass du immer auch das Verlangen nach Gewöhnlichem befriedigt hast. Aber es war mir egal, solange ich das Gefühl hatte, dass du dir für mich immer etwas Besonderes überlegt hattest. Es war schön, damals, und deshalb bin ich auch immer wieder zu dir gegangen und habe dich nie betrogen. Weißt du noch, wie es war, als ich bei dir Warlam Schalamow kennengelernt habe? An genau der Stelle, wo jetzt die historischen Romane stehen? Wie ich aus den Auslagen deines Lyrikregals, das vor einiger Zeit der Romantic Fantasy weichen musste, den Band von Monika Rinck zog?? Es war okay, dass du immer schon andere mit Lind, Wanderhuren und Wanne-Eickel-Cottbus-Bottrop-Hintertupfing-Krimis zufriedengestellt hast, wirklich! Trotzdem blieb diese Spannung, das Knistern zwischen uns. Jetzt langweilst du mich nur noch. Und das verzeihe ich dir nicht. Ordinär bist du geworden, wo früher Schönheit zu finden war, ist jetzt nur noch billige Tünche, die alles, was an dir mal attraktiv war, verkleistert hat. Ab und zu schaue ich noch vorbei, in der Hoffnung, dass du dich wieder geändert hast. Aber meistens schickst du mich weg und sagst, ich solle am nächsten Tag wiederkommen. Ich will das nicht mehr. Ich habe auch keine Lust mehr, mir von dir immer wieder leere Versprechungen machen zu lassen. Du sagst, du weißt, was gut für mich ist und fragst dann doch nur noch „Wie schreibt man das?“

Lieber stationärer Buchhandel, du sagst mir, dass es dir nicht so gut geht, dass deine Geschäfte auch schon mal besser liefen. Dass deine Kunden immer öfter jemand anders attraktiv finden. Dass sie dir weglaufen, dass sie immer weniger gedruckte Bücher lesen. Das tut mir leid. Und auch wieder nicht. Denn du bist selbst schuld. Hast dich darauf verlassen, dass man dir treu bleibt und dir immer weniger Mühe gegeben.

Liebe Buchhandlung Storm in Bremen, liebe Connewitzer Verlagsbuchhandlung in Leipzig, liebe Litera in Hannover – ihr seid immer noch schön, habt nichts an Attraktivität eingebüßt, euch gelten diese Zeilen nicht. Wärt ihr bei mir in der Nähe, ich würde diese Zeilen nicht schreiben. Ihr aber, die ihr 150 Exemplare von „Fifty shades of grey“, aber nicht einen Titel von Matthes & Seitz vorrätig habt; ihr, die ihr es eine tolle Idee fandet, immer weniger verschiedene Titel auf Lager zu haben, weil der ganze Plunder, den ihr Non-Book nennt und dessen Produktionsbedingungen euch weit weniger interessieren als die Arbeitsbedingungen bei Amazon, Platz braucht, ihr, die ihr mir jetzt mit Sicherheit sagen werdet, dass ihr euch nach dem Bedarf richten müsst und deshalb auf leicht Verkäufliches setzt, weil sich Gedichte schließlich nicht verkaufen (auch wenn diese Entwicklung, nach allem, was man so hört, ja auch nur so mittel funktioniert) – denkt einfach mal drüber nach. Denn ein so außergewöhnlicher Kunde bin ich nicht, es gibt viele von meiner Sorte. Menschen, die unter Literatur nicht Dan Brown verstehen, die Coelho nicht philosophisch finden; Menschen, die in einer Buchhandlung keine Schokolade kaufen wollen.

Derweilen bestelle ich im Internet, bei den Verlagen selbst, weil mir kein vernünftiger Grund einfällt, zweimal in einen Laden zu gehen, um ein Buch zu kaufen. Mit dem Paketauslieferer bin ich übrigens schon seit Langem per du.

Vielleicht wird es ja eines Tages wieder Zuneigung. Man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben.

Dein

Stefan Möller

© Stefan Möller

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Wie nicht anders zu erwarten, regte Stefans Gastbeitrag vielfältige Diskussionen an. Nicht allein hier, sondern auf vielen anderen Kanälen im social Web. Eine Replik könnt Ihr auch auf Sophies Blog Literaturen lesen

Wir sind Schreibsklaven! Oder: Die Seele und das Herz bitte an der Garderobe abgeben – auf der Bühne spielen die Verkaufszahlen

Der Blogpost „Statt Schriftsteller ist man Schreibmaschine“, in dem zwei Autorinnen über haarsträubende Erfahrungen mit Verlagen berichteten, treibt seit seinem Erscheinen im Juli vergangenen Jahres um. Immer wieder erreichen mich dazu Kommentare, Stellungnahmen und Erfahrungsberichte. So gestern von einer Autorin, die ungenannt bleiben möchte. – Ich danke ihr für einen Bericht, der unter die Haut geht.

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So, jetzt habe ich diese ganze Artikelserie gelesen und lange überlegt, ob ich auch was schreiben soll. Letztendlich bin ich zu der Auffassung gekommen, dass es wohl gut ist, wenn ich auch etwas dazu sage, damit die Zahl derer, die den Mund aufmachen ein bisschen größer wird.

Also ja: Hiermit reihe ich mich ebenfalls in die Liste der Autoren ein, die vorsichtshalber ihren Namen nicht nennen, denn im Großen und Ganzen kann ich alle Punkte bestätigen, die ich hier gelesen habe.

Ich selbst schreibe seit über 20 Jahren. Etwa 10 Jahre davon habe ich gebraucht, um gut schreiben zu lernen. Weitere 10 Jahre hat es gedauert, ehe ich das ganze Elend mit Bewerbungen und Ablehnungen überstanden hatte und mein erstes Buch von einem “echten” Verlag gedruckt wurde. Inzwischen sind es drei Verlage, zwei davon namhaft, einer nicht ganz so.

© Clipart GvP

© Clipart GvP

Der Erfolg, also das “Verlegt werden” an sich, ist in meinem Fall noch recht jung. Aber ich kann jetzt schon sagen, dass sich vieles daran falsch anfühlt. “Die Seele und das Herz bitte an der Garderobe abgeben – auf der Bühne spielen die Verkaufszahlen.” Dieses Motto spürt man schnell, wenn man die heilige Grenze zum Verlag erst einmal übertreten hat. Sicher, alle sind freundlich zu mir, alle lieben meine Bücher und wahrscheinlich meinen sie es wirklich so. Aber mein Herz und meine Seele habe ich längst verkauft. Für einen Dumpingpreis, denn leben kann ich bei Weitem nicht davon. Man könnte auch sagen, ein durchschnittlicher Verdiener verdient im Monat soviel wie ich im ganzen Jahr. Das Geld bringt also mein Mann in die Familie. Ich “verwirkliche nur mich selbst”. Mit dem kleinen Unterschied, dass ich selbst das nicht mehr tue, seitdem mir die Verlage sagen, was ich schreiben soll, wie lang es sein darf, für welche Zielgruppe ich es zurechtschustern muss und wann der Abgabetermin ist. Der Titel, das Cover und der Klappentext werden festgelegt, bevor das neueste Buch auch nur einen Satz lang ist, also zu einem Zeitpunkt, zu dem es nur aus einer Idee besteht, die ich in einem Exposé formuliert habe. So etwas ist wirklich, WIRKLICH unheimlich!!! Alles Mögliche könnte in der Zwischenzeit passieren. Was, wenn ich mit meinen Figuren nicht warm werde? Wenn die Geschichte nicht funktioniert? Wenn ich in eine Sackgasse laufe und das Buch nochmal umschreiben muss? Wenn ich einfach mal krank werde oder etwas anderes dazwischenkommt und deshalb der Zeitplan platzt? Wenn irgendwas davon passiert, dann müsste ich stümpern und tricksen und das Buch würde trotzdem gedruckt und ich bekomme die Dresche von den Lesern, weil “natürlich” der Autor verantwortlich für sein Buch ist.

Zum Glück vertraue ich mir und meinem Können. Ich weiß, dass ich dieses Buch schreiben kann, auch unter dem gegebenen Druck und in der vorgegebenen Zeit. Was das betrifft, bin ich also froh, dass ich zwanzig Jahre Vorlauf hatte, um mich und mein Können zu entwickeln. Ich habe inzwischen eine Routine, die ich jetzt dringend brauche, und zum Glück gehöre ich auch zu denen, bei denen die Ideen nur so hervorsprudeln.

Aber dennoch. Ich bin immer noch schockiert darüber, wie es hier (in der glitzernden Verlagswelt) läuft. Ich dachte immer, ein Buch müsste perfekt sein, die Figuren, die Sprache, die Atmosphäre. Ich habe Werke in meiner Schublade, an denen ich mit unendlicher Geduld geschrieben und gefeilt habe, die von zahlreichen Testlesern und anderen Autoren gegengelesen wurden, bis ich alle konstruktive Kritik in den Text eingearbeitet hatte. Aber solche Bücher werden jetzt nicht einmal geprüft, von keinem meiner Verlage. Und warum? Weil sie zufällig ein Thema behandeln, das auf dem Markt gerade gefloppt ist.

Also muss ich neue Bücher schreiben, für die ich wenig Zeit habe, so wenig Zeit, dass sie kaum ein Testleser zu Gesicht bekommt, bevor sie auch schon in den Druck müssen. Aber sie haben das richtige Thema, oder sagen wir mal, das Thema, von dem die Marketingabteilung glaubt, es könnte das richtige sein.

Ganz ehrlich, immer, wenn ich darüber nachdenke, kann ich spüren wie eine kleine Wunde in meinem Herz aufreißt und anfängt zu schmerzen. Ich musste mich und meine Seele verkaufen, um dabei zu sein. Und jetzt kämpfe ich Tag um Tag darum, sie zurückzubekommen. Ich tue alles dafür, mir die Geschichten zurückzuerobern und sie trotz all der Vorgaben und Beschränkungen wieder zu einem Teil von mir zu machen. Und ich bange und hoffe, darauf, dass sich meine Bücher irgendwann so gut verkaufen, dass ich wieder die Regeln bestimmen darf.

Aber im Moment stehe ich noch ganz unten in der Rangordnung. Selbst der Gang in den Buchladen ist meistens deprimierend. Meine Bücher müssen wohl irgendwo im B oder C-Programm laufen (auch wenn meine Lektorinnen immer davon schwärmen, wie gut mein Buch überall ankommt). Ich aber jedenfalls finde sie trotz namhafter Verlage meistens nicht, wenn ich in einen Buchladen komme. Oder ein einzelnes Exemplar steht einsam und verloren irgendwo im Regal, wo nur hartgesottene Fans nach ihm suchen werden. Manchmal hole ich solch ein einsames Buch heraus, trage es ein bisschen mit mir herum und lege es dann liebevoll und wie zufällig irgendwo auf den Tisch. Aber wahrscheinlich findet es die Buchhändlerin dann doch vor dem Leser und stellt es in seinen Regalplatz zurück.

Offensichtlich hat für mich also noch niemand einen Stapelplatz bei Thalia gekauft. Warum auch. Ich bin jung und neu am Markt. Ich muss mich erst einmal beweisen.

Und so organisiere ich bis jetzt auch noch viel zu viel selbst. Wenn ich eine Lesung halten will, muss ich mir selbst einen Ort suchen und das Publikum am besten gleich mitbringen, von einem Lesungshonorar mal ganz zu schweigen. Wenn ich ein bisschen Pressewirbel will, dann toure ich selbst durch das Internet, pflege meine Sozialforen und streichele meine Leser mit liebevollem Smalltalk. Tatsächlich sind das oftmals die besten Momente. Meinen Lesern bin ich manchmal am Nächsten, obwohl ich nur ein paar geschriebene Worte von ihnen habe, in denen sie ihre Leseeindrücke schildern. Ich bin also wirklich gerne “bei meinen Lesern”. Aber der Verkaufserfolg steigt wohl nur wenig durch diese 1:1 Zuwendung und meine neuesten Bücher werden dadurch auch nicht gerade schneller fertig.

Stattdessen geht fast die Hälfte der Zeit dafür drauf, alles selbst zu organisieren. Mir ist es noch nie so schwer gefallen, mich auf mein aktuelles Manuskript zu konzentrieren, weil die Tage ständig zwischen dem einen und dem anderen zerrissen werden. Wenn ich einen schlechten Tag habe, aktualisiere ich manchmal häufiger den Verkaufsrang bei Amazon, als ich beim Schreiben meines neuesten Werkes auf die Returntaste drücke. Nicht etwa deshalb, weil bei Amazon so viele Bücher über den Tisch gehen würden, nein, wohl eher deshalb, weil ich mir das so sehr wünsche.
Es ist also alles andere als eine heile Welt, die dort hinter den Verlagstüren herrscht. Und wir Autoren sind in dem “Geschäft” die ärmsten Säue von allen. Wir machen unseren Job ja gerne, hundert andere stehen Schlange, um unseren Platz einzunehmen, also muss man uns weder fair bezahlen, noch fair behandeln.

Meine Agentin fand dafür den treffendsten Begriff: Wir sind Schreibsklaven. Genau so fühle ich mich oft. Aber verflucht nochmal, ich mache meine Job so gerne, dass ich ihn trotzdem nicht aufgeben würde, dass ich das alles mitmache und lächele und nach außen hin den Schein wahre – und nur dann den Mund aufmache, wenn mein Name nicht darunter steht.

Manchmal denke ich, wir Autoren müssten mal streiken, alle auf einmal, die Kleinen und die Namhaften. Wir müssten uns alle verabreden und unsere neuesten Manuskripte einfach nicht pünktlich zum VÖ-Termin abliefern. Aber das Problem ist wohl, dass es auch unter uns zu viele Streikbrecher geben würde – und noch mehr Autoren, die nur darauf warten, dass mal ein Programmplatz freibleibt. Im Notfall würde sich auch noch eine Auslandslizenz finden, die man schnell ins Programm schieben kann.
Also muss ich mich wohl damit abfinden, dass ich nur eine Nummer auf dem Markt bin. Und alles, was ich hoffen kann, ist, dass sich die Qualität meiner Bücher irgendwann durchsetzt und mich zu einer größeren Nummer macht, bis ich irgendwann vielleicht tatsächlich Geld verdiene. Nur so viel wie man zum Leben braucht. Das würde mir ja schon reichen.

Tja, jetzt habe ich so viel geschrieben und frage mich gerade, was die Moral von der Geschichte ist. Im Grunde ganz klar: Wenn ihr es könnt, wenn ihr nur irgendwie die Möglichkeit habt, auf andere Weise glücklich zu werden, dann lasst die Finger vom Schreiben! Diese Welt mag glänzen, aber auch das Schlachtermesser glänzt, bevor es dem Schwein die Kehle aufschlitzt.
Doch wie auch immer. Ich für meinen Teil werde weiterkämpfen. Ich weiß schon lange, dass ich nur glücklich bin, wenn ich schreibe, also könnte ich es wohl nie sein lassen. Selbst wenn ich wollte 😉

Liebe Grüße
Eure Schreibsklavin!

Ich kann mich dem Drang nicht entziehen, dass ich mir wünsche, gehört & gelesen zu werden

Der Blogpost „Statt Schriftsteller ist man Schreibmaschine“, in dem zwei Autorinnen über haarsträubende Erfahrungen mit Verlagen berichteten, treibt seit seinem Erscheinen im Juli vergangenen Jahres um. Immer wieder erreichen mich dazu Kommentare, Stellungnahmen und Erfahrungsberichte. So gestern von Barbara, deren Gedanken ich hier teilen möchte. – Ich danke Barbara für ihre offenen Worte.

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Du lieber Himmel – wenn man alle Kommentare nebst den beiden zugrunde liegenden Texten gelesen hat, könnte einem glatt die Lust am Schreiben vergehen…wenn, ja wenn… Wenn man, wenn man nicht schreiben müsste. Lust hat damit – zumindest bei mir – weniger zu tun: Ich muss.

Keine Angst. Ich halte mich nicht für BESONDERS BERUFEN.
Ich frage mich schon lange nicht mehr, warum ich schreiben muss, um leben zu können. Ist einfach so. Wie mein Wunsch, Kinder in die Welt zu setzen. Einfach da und bedarf keiner Begründung (mehr). Ich bin Diplom-Biologin – es fällt mir leicht, etwas als angeboren hinzunehmen. Ehrlich, so etwas kommt weltweit ziemlich häufig vor…

Ich schätze, dieses MUSS teile ich mit einer Menge anderer Menschen, denn abgesehen von unserem Fingerabdruck und unserem Genom sind wir Menschlein meist nicht halb so originell und einzigartig, wie wir vermuten oder das bisweilen gern hätten. Und genau da liegt das Problem: Überangebot. Es gibt ein Überangebot an Schriftstellern.
Denen ist meines Erachtens nach gleichzeitig mit dem Drang zur Feder ein weiteres Attribut angeboren: wahrgenommen, gehört, gelesen werden wollen. Verzeihlich, wenn man bedenkt, dass alle Weltreligionen von einem Gottes-/Götterbild ausgehen, das sich äußert und zwar nicht ins leere Weltall hinein, sondern um von Menschen gehört zu werden. Scheint das nächste fundamentale Phänomen zu sein: sich äußern wollen, sich äußern müssen, um gehört zu werden. Zwingend wie die Schwerkraft.

Schreibwerkzeug © GvP

Schreibwerkzeug © GvP

Ich kann mich der Schwerkraft nicht entziehen, sonst gibt’s blaue Flecke.
Ich kann mich dem Zwang zu schreiben nicht entziehen, sonst gibt’s Seelenverstopfung, was sich übel anfühlt.
Ich kann mich dem Drang nicht entziehen, dass ich mir wünsche, gehört & gelesen zu werden. (Und es gibt blaue Flecke, weil ich ständig auf die Fresse falle… aber wie soll ich mich über Naturgesetze hinwegsetzen?)
Falls ich mit dieser meiner Befindlichkeit bzw. dieser scheinbar grundlegenden Natur des Schriftstellers nicht allein bin – und ich bin sicher, ich bin es nicht!!! – führt das zum o.g. Überangebot: Viele Getriebene wollen bzw. müssen (ihrem Empfinden nach) veröffentlichen.
Was dann passiert, gehorcht den Gesetzen auf dem freien (Buch-)Markt: Dumping im ureigensten Sinn des Wortes mit allen Auswüchsen, denn es gibt ganz unterschiedliche Schmerzgrenzen – was dem einen Autor als Zumutung erscheint, nimmt der nächste nicht einmal als solche wahr. Das drückt die Standards, die Qualität im Umgang, im Produkt. Jeder Schriftsteller unterhalb der Millionenauflage ist durch eine bequemere Type ersetzbar. Das weiß die Branche. Der Leser bekommts nicht einmal mit.

(Manchmal habe ich sowieso den Eindruck, da wird im Sinne eines weltumspannenden Komplotts an der schleichenden Verblödung der Leser gearbeitet, bis Verlage ein Self-Write-Programm entwickeln können, in das man oben einen Titel + ein Cover stopft und unten kommt dann der fertige Roman heraus, samt Werbekampagne und Drehbuch: “Das Geheimnis des Latrinenreinigers” – sorry, ich bin nicht gut drauf, habe soeben mit meinem alten Verlag gebrochen und sehe mich auf eine massive Seelenverstopfung zuschlingern…)

Zu blöd, dass Schriftsteller an der Situation – als fast Reflexgesteuerte, die sie sind – so leiden.
Zu blöd, dass ihnen, wenn sie gut sind, das Zweifeln fest ans Schaffen gekoppelt ist, denn nur der Zweifel schafft es, den Blick aufzuweiten, mehr als einen Weg zu sehen, wirklich schöpferisch tätig zu sein – sonst wären Autoren ja mit der einen Wirklichkeit, wie sie existiert, zufrieden und müssten nicht daneben andere Realitäten erschaffen.
Zu blöd, dass Verlage sozusagen institutionell in ihrem eigentlichen Auftrag dazu da sind, mit den Zweifeln des Autors umzugehen, indem sie prüfen, fragen, hinterfragen, korrigieren und Schriftsteller sie deshalb gern als eine Art professionellen Gegenpol zu ihrem Selbst und Werk nutzten (Achtung: Konjunktiv!).
Und wirklich blöd ist, dass man sich als Schriftsteller in seinem Werk äußert, sich Buchstabe für Buchstabe buchstäblich nach außen wendet, bis man – egal wie man verschleiert – mehr oder weniger nackt dasteht mit seinem Ich, seinen Träumen und Ängsten, seiner Geschichte: so angreifbar, so verletzlich.

Ausweg? Sehe ich nicht. Für mich nicht.
An der Schwerkraft kann ich ebenso wenig etwas ändern wie an der Tatsache, dass Schreiben zu meinem Leben gehört, dass ich gelesen, veröffentlicht werden will, dass ich wegen meiner ständigen Zweifel (noch) einen Dialog mit einer professionellen Instanz brauche, die die nötige Distanz zu meinem Selbst hat und ich werde nix daran ändern, dass ich in einer Schlange Vieler stehe/untergehe/verschwinde, denen es ähnlich geht.
Bloß nicht frustieren lassen.
Fleiß hilft sicher.
Ich hoffe darauf, wie überall im Leben, Glück zu haben.
Es sind ja auch bisher alle Lastwagen an mir vorbeigefahren und keiner hat mich überrollt. So viel Glück hat nicht jeder!

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Zu Barbaras Blog, auf dem sie derzeit erste Gehversuche unternimmt, geht es hier

Die Nationalbibliothek – eine (kulturpolitische) Bedürfnisanstalt? Ein Verleger erhebt Einspruch

„Das Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek – DNBG – vom 22. Juni 2006 bestimmt, dass alle Stellen und Personen in der Bundesrepublik Deutschland, die zur Verbreitung berechtigt sind, je zwei Ausfertigungen ihrer Neuerscheinungen und veränderten Neuauflagen in körperlicher Form innerhalb einer Woche unaufgefordert, kostenlos, porto- und zustellungsfrei an die Deutsche Nationalbibliothek abzuliefern haben. Gemäß § 16 DNBG sind die Medienwerke [gemeint sind auch: „Medienwerke in unkörperlicher Form“, GvP] vollständig, in einwandfreiem, nicht befristet nutzbarem Zustand und zur dauerhaften Archivierung durch die Bibliothek geeignet abzuliefern.“

Ein Verleger, der mir persönlich bekannt ist, kam der Pflichtabgabe deshalb nicht nach, weil das für 2012 vorgesehene Werk noch nicht erschienen ist. Vor einigen Tagen erhielt er deshalb eine Mahnung von der DNB, worin es unter anderem heißt: „Wir bitten Sie um die Ablieferung der fehlenden Medienwerke. Sollten Sie dieser Bitte nicht innerhalb von 3 Wochen nach Zugang dieses Schreibens nachgekommen sein, müssten wir Ihnen zu unserem Bedauern einen förmlichen Bescheid über die Ablieferung der entsprechenden Medienwerke erteilen. In diesem Bescheid würden wir Ihnen zugleich neben der Androhung der sofortigen Vollziehung (§ 80 Absatz 2 der Verwaltungsgerichtsordnung vom 21. Januar 1960 – BGBI. I S. 17) Vollstreckungsmaßnahmen nach dem Verwaltungsvollstreckungsgesetz einleiten. Hiermit wird Ihnen Gelegenheit zur Stellungnahme gemäß § 28 Absatz Verwaltungsverfahrensgesetz gegeben. Bitte teilen Sie uns ggf. bestehende Lieferungshindernisse mit.“

Gegen das Schreiben legte der Verleger gestern Abend Einspruch ein. Hier dessen (längst fällige) Replik über den Unsinn von Sprache im Wunderland der Dichter & Banker:

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Deutsche Nationalbibliothek / Frau xxxx / e-mail:   xxxxxxxx@dnb.de / erwerbmono@dnb.de

Betr.: F1.1 mvb . Ihr Schreiben vom 27.02.2013              Einspruch!

Sehr geehrte Frau xxxxx,

die veränderte Marktlage innerhalb der Buchbranche treibt uns um. Wir wissen nicht, wie die Frage im Urheberrecht gelöst wird. Wir versuchen uns neu aufzustellen. Ausgang ungewiss. Das hat aber auch zur Folge, dass gewisse Planungen im Verlagswesen – vor allem für Kleinverlage – nicht nach unseren Vorstellungen durchgeführt werden konnten. Ihre Mahnung kommt daher ziemlich weltfremd daher und – sehen Sie mir das bitte nach – ich verstehe überhaupt nicht diese Art Drohkulisse seitens der DNB – als würde ich Ihnen etwas schulden. Tue ich das?

Mit Verlaub: Die gesellschaftlichen Verwerfungen, denen wir uns verschuldetunverschuldet zu beugen haben, sind in ihrem Ausmaß maßlos und ebenso als ein feindseliger Akt zu begreifen. Was wir augenblicklich tun, jedenfalls die Kleinverlage: Wir kämpfen um die Existenz. Das klingt schon wie ein Delikt.

Die DNB schlägt inhaltlich und im Terminus Ihres (DNB) Schreibens einen Ton an – der sich hart an der Grenze eigentlicher Satire bewegt: demnach hat unsereiner ‚dafür zu sorgen‘, ‚abzuliefern‘, natürlich ‚unaufgefordert, kostenlos, porto- und zustellungsfrei‘, andernfalls, sie (DNB) ‚3 Wochen nach Zugang dieses Schreibens neben der ‚Anordnung sofortigen Vollziehung‘ … ‚Vollstreckungsmaßnahmen nach dem Verwaltungsvollstreckungsgesetz einleiten‘. Was für eine Wortwahl. Gewaltig. Danke.

Was, bitte sehr, soll vollstreckt werden? Was schwebt Ihnen (der DNB) vor? Ein Scheiterhaufen? Der Autoren Gehirne einen Kuckuck aufkleben? Weil bisher nicht geleistet werden konnte, was zur Erfüllung ehrgeiziger Ziele gehört? Zwangsrekrutierung zur Ableistung ’kulturpolitischer Bedürfnisse’? Verrat am Zeitgeist? Oder wollen Sie besser gegen die vorgehen, die das Lesen eingestellt haben? Angesichts der grassierenden Stehlerei & Internet-Hehlerei kommt mir das DNB-Schreiben etwas unheimlich vor.

Ihr (DNB) Schreiben enthält ja den gewichtigen Satz, ‚dass die gesetzlich vorgeschriebene Abgabe von Medienwerken einem anerkennenswerten kulturpolitischen Bedürfnis dient usw. Ist das so? Das hält man aber schwer aus. Es erschreckt mich, dass schon meine schiere Existenz ein Gesetzesverstoß darstellt; bei den Dämonen, die in den bisher veröffentlichten und noch nicht veröffentlichten Manuskripten nisten, ist der Ruf nach Ordnung und Hygiene unausweichlich.

„Hier muss mal wieder hart durchgegriffen werden.“

Was hat sich das Bundesverfassungsgericht bei seinem Beschluss vom 14. Juli 1981 nur gedacht? In der gepfefferten Sprache der Steuereintreiber wird ein Gesetz bemüht, als ginge es nicht um ein Kulturgut – auf das Sie sich ja berufen –, um Bücher für die Nationalbibliothek, sondern um die Rückzahlung eines überfälligen Bankkredits. Es konterkariert beispielhaft jedes Verstehen um eine an sich gute Sache, in deren Dienst die DNB vorgibt zu stehen.

Und so geht das tagaus tagein.

Machen sie weiter so, wird noch eine Geschichte daraus.

Immer in der HOFFNUNG, dass wir bis zum Ende dieses verflixten Jahres 13 noch bestehen – ist es selbstverständlich, so wir auch in der Lage sind, den Verhältnissen entgegen im PRINT ON DEMAND-Verfahren zwei bis drei Titel durchzusetzen – auch Ihnen (der DNB) die geforderten ’Ausfertigungen’ zu liefern.

Es würde uns zur Ehre gereichen in der Gedächtnishalle deutscher Literatur aufgebahrt zu werden, wenn schon alles aus dem kulturellen Bewusstsein zu entschwinden droht. Insofern ist die DNB gleich einer Nekropolis, die auch in ferner Zukunft davon Zeugnis ablegt, was das Buch einmal bedeutet hat und die Chancen, es zu erhalten, verspielt wurden. Die ’kulturpolitischen Bedürfnisse’ dagegen tendieren derzeit gegen Null.

Es merkt anscheinend niemand.

Mit freundlichem Gruß                        i.A. B. Claus DeFuyard