Wie groß ist die Zukunft des Buches? Zur Veranstaltung in der Berliner Tucholsky-Buchhandlung am 3. Juni

„Wie groß ist die Zukunft des Buches?“ – so ist eine Diskussionsrunde überschrieben, mit der SteglitzMind indirekt verbandelt ist. Und zwar insofern als die Gespräche mit Buchhändlern/innen, die ich seit letztem Sommer führe, dafür Pate standen. In seinem Beitrag kündigte der Inhaber der Berliner Tucholsky-Buchhandlung Jörg Braunsdorf an, die Fragestellungen der Interviewreihe anderenorts vertiefen zu wollen. Seinen Worten folgen nun Taten. Die Veranstaltung, von der sich Braunsdorf auch Signale an die Politik und den Börsenverein für den deutschen Buchhandel erhofft, findet am Dienstag, den 3. Juni 2014, um 19.00 Uhr in der Tucholskystr. 47 in Berlin/Mitte in der Tucholsky-Buchhandlung  statt.

Logo © Tucholsky-Buchhandlung

Logo © Tucholsky-Buchhandlung

Dass dieses Mal die üblichen Grabenkämpfe nicht ausgefochten werden, dafür tragen sicherlich auch die geladenen Diskutanten Sorge. Sie alle haben mit der Buchbranche zu tun, kommen aber aus völlig verschiedenen Ecken: Siegmund Ehrmann, MdB (Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien), Zoë Beck (Autorin und e-Book-Verlegerin CulturBooks), Lorenz Borsche (Vorstand der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch), Boris Langendorf (freier Publizist), Daniel Leisegang (Politikwissenschaftler, Redakteur der Monatszeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ und Autor von „Amazon. Das Buch als Beute”) und Stefan Weidle (Verleger und Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung).

Ich erwarte mir im Vorfeld der Berliner Buchtage, die übrigens Tags darauf beginnen, eine spannende Diskussion, zu der Ihr herzlich eingeladen seid. Der Eintritt ist frei; um Anmeldung per E-Mail wird gebeten [kurt(at)buchhandlung-tucholsky(dot)de].

Als Appetizer gibt es auf SteglitzMind vorab Gespräche mit einigen Gästen, die das Podium am 3. Juni in der Tucholsky-Buchhandlung bestreiten werden. Den Anfang haben Lorenz Borsche von der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch und Zoë Beck gemacht.

Vergesst die kleinen Buchhändler nicht. Wünsch dir was! (Teil II)

So einiges kam auf die Frage „Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… welche wären das?“ zusammen, die Buchhändler im Rahmen meiner Reihe SteglitzMind stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor beantwortet haben. Während sich die Gesprächspartner bei der Frage, was man sich vom Börsenverein des deutschen Buchhandels erhoffe, eher zurück hielten, gab sich hier keiner bedeckt. Mancher holte weit aus. Schnell wurde mir deutlich, dass das Verhältnis zwischen verbreitendem und herstellendem Buchhandel nicht gänzlich ungetrübt ist. Wissen Verlage etwa das nicht zu schätzen, was Buchhändler leisten?

Welche Schritte Verlage einzuleiten hätten, um das unabhängige Sortiment zufriedener zu stimmen, thematisieren zwei Blogposts. Im ersten Teil habe ich die Wünsche an Programm und Marketing zusammengefasst; heute geht es um den Vertrieb, die Wettbewerbsbedingungen und anderes, was Buchhändlern bei der Zusammenarbeit mit Verlagen aufstößt.

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Auf den Umstand, dass Filialisten und Großbuchhändler ihren Einkauf zentral tätigen, haben sich die Verlage in den vergangenen Jahren eingestellt, indem sie den Innendienst ausgebaut und den Außendienst verkleinert bzw. gänzlich abgeschafft haben. Seither ist des Öfteren zu hören, dass freie Handelsvertreter, die zwei- oder teilweise sogar dreimal jährlich Buchhandlungen besuchen, um Novitäten vorzustellen und Bestellungen aufzunehmen, ein Auslaufmodell sind. Dass Verlage gänzlich auf Vertreter verzichten können, diese Ansicht teilen die Interviewpartner allerdings nicht. Vielmehr schlagen sie eine Bresche für kompetente Verlagsvertreter, die individuell und unabhängig beraten. Sie sind ein wesentliches Bindeglied zwischen Buchhandel und Verlag; nicht zuletzt, weil sie wichtige Informationen zu Neuerscheinungen vermitteln, die Vorschauen nicht bieten. Der verlagseigene Innendienst, namentlich die telefonische Betreuung durch Key Account Berater, punktet bei den 44 Gesprächsteilnehmern dagegen nicht.

Sabine und Ute Gartmann  © Jürgen Heuser

Sabine und Ute Gartmann © Jürgen Heuser

Wir arbeiten gern mit fitten Vertretern, haben keine Lust auf „Telefonbetreuung“. Sagen Sabine und Ute Gartmann von der Buchhandlung die schatulle in Osterholz-Scharmbek

„Man erhalte uns unsere Verlagsvertreter, die abseits der plakativen und austauschbaren Kurzbeschreibungen der Neuerscheinungen in den Verlagsvorschauen, glaubwürdige und auf meine Buchhandlung zutreffende Einschätzungen abgeben können.“ Wünscht sich Bettina Haenitsch von der Buchhandlung der buchladen in Seligenstadt

„Vertreter sind uns wichtig. Als Bindeglied zwischen Verlag und Buchhändler leisten diese eine wichtige und unersetzliche Arbeit. Den Verlagsvorschauen mit den unklaren Titelankündigungen wie „Ein neuer Irving“ oder „Der neue Weltbestseller“ und kein anständiger Text dazu kann man selten trauen. Und zum Vertreter sollte man so ein Verhältnis haben, dass die Kommunikation stimmt, der Vertreter den Laden kennt und unabhängig und individuell trotz Umsatzvorgaben seitens des Verlages beraten kann. Das kann telefonische Betreuung nicht leisten.“ So Heike Wenige vom Taschenbuchladen in Freiberg

Gar auf wenig Verständnis stößt, warum Verlage ihre Geschäfte über andere Vertriebsschienen als den Buchhandel abwickeln. Moniert werden Aktivitäten auf Nebenmärkten wie Supermärkten, Blumenläden oder Apotheken. Ein Dorn im Auge der Befragten ist der Direktvertrieb an Endkunden.

Holger Brandstädt © Roland Köhler

Holger Brandstädt © Roland Köhler

Ich wünsche mir, dass Verlage weniger die Nebenmärkte fördern und stattdessen dem Buchhandel ähnlich attraktive Angebote machen.“ Fordert Holger Brandstädt von der Friedrich-Wagner-Buchhandlung in Ueckermünde

„Dass die Verlage zu uns Buchhandlungen als Partner 100% stehen und somit alle Geschäfte über den Buchhandel abgewickelt werden und nicht die arbeitsintensiven abgeben, die leicht zu handelnden und lukrativen jedoch direkt über Verlag-Kunde laufen…“ Das möchte Barbara Roth von der Offenburger Buchhandlung Roth

„Wenn, wie die Verlage gerne betonen, der Buchhandel als Vertriebsweg so wichtig ist: Wieso gibt es dann Bücher in Supermärkten und wieso verkaufen sie, die laut über nicht rentable Einzellieferungen an die Buchhändler wettern, ihre Bücher direkt an Endkunden?“ Fragen Ingo Herrmann und Heike Röminger von der Berliner Buchhandlung Moby Dick

In diesem Kontext ist es wenig verwunderlich, dass die verlagseigenen Webshop-Lösungen ebenfalls im Kreuzfeuer der Kritik stehen. Besser beraten wären Verlage, wenn sie auf das stationäre Sortiment verlinken würden.

Bettina Heanitsch © privat

Bettina Heanitsch © privat

Mich stören tatsächlich auch die eigenen Shops auf den Homepages der Verlage. Warum wird hier nicht an den örtlichen Buchhandel verwiesen? Über die Zahlen im Direktvertrieb wird gar nicht gesprochen. Kein Wunder, dass der einzelne Sortimentsbuchhändler immer weniger Unterstützung durch die Verlage erfährt, warum sollte der Verlag das auch tun, wenn er es selber verkaufen kann und mehr verdient. Da kann man sich das auch leisten, ein Taschenbuch für 9,90 Euro versandkostenfrei zu liefern.“ So Heike Wenige vom Taschenbuchladen im sächsischen Freiberg

„Ab und an habe ich den Eindruck, der Buchhändler steht bei Verlagen als letzter in der Reihe. Warum eigene Shops auf den Verlagshomepages? Die Buchhändler lesen und setzen sich aktiv für die Bücher der Verlage ein – das ist nicht sehr unterstützend.“ Meint Bettina Haenitsch von der buchladen in Seligenstadt

Gar nicht gut kommt an, dass Verlage auf ihrer Webpräsenz auf die Bezugsmöglichkeit via Amazon verweisen. Und so mancher fragt sich, warum sie überhaupt mit einem Onliner kooperieren, der den Buchmarkt gnadenlos kannibalisiert, statt ihm die Stirn zu bieten.

Barbara Roth  © Iris Roth

Barbara Roth © Iris Roth

Dass die Verlage uns auf Ihre Homepages verlinken und listen und nicht als erstes (und meist auch noch ausschließlich) Amazon als Bezugsquelle anführen.“ Ärgert Barbara Roth von der Offenburger Buchhandlung Roth

„Verkauft eure Bücher nicht an Amazon! Würden sich drei, vier große Publikumsverlage trauen, ihre Titel nicht mehr über Amazon zu verkaufen, wäre der Ruf von Amazon bezüglich der allumfassenden Lieferfähigkeit schnell hin und der Kunde würde auch wieder mal woanders hinschauen.“ Fordern Jessica Ebert und Katja Weber von der Berliner Buchhandlung ebertundweber

Auf allgemeines Unverständnis stößt, warum sich Verlage nicht an den Kosten für Lesungen und Veranstaltungen beteiligen. Dass Buchhandlungen, die sich solcherart mit viel Herzblut und Engagement für Bücher einsetzen, mit Flyern oder Partieexemplaren abgespeist werden, sorgt für Unmut. Manchen ärgert in diesem Zusammenhang auch, dass Autoren zunehmend über spezialisierte Agenturen und nicht mehr direkt über den Verlag für Lesungen in der Buchhandlung gebucht werden können.

Torsten Meinicke © Buchladen Osterstraße

Torsten Meinicke © Buchladen Osterstraße

Übernahme eines Teils der Kosten bei Lesungen, denn schließlich machen wir mit unseren Lesungen Werbung für das jeweilige Buch.“ Das wünscht Torsten Meinicke vom Hamburger Buchladen Osterstraße

„Schafft ein Budget für Veranstaltungen, aus dem ihr kleinere Buchhandlungen unterstützen könnt. Und zwar mit mehr als nur Plakaten oder Partieexemplaren!“ Fordert Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen

Obwohl der Sortimentsbuchhandel trotz aller Umwälzungen ein wichtiger Umschlagsplatz für Bücher ist, scheinen Verlage auf die Belange kleinerer und mittlerer Buchhandlungen wenig Rücksicht zu nehmen. Für ihr Engagement sehen sich die Befragten regelrecht abgestraft. Sie wünschen sich mehr Entgegenkommen und Solidarität. Darüber hinaus sind ihre Forderungen so vielfältig wie das stationäre Sortiment bunt ist.

Annaluise Erler © Julius Erler

Annaluise Erler © Julius Erler

Vernünftige Konditionen auch für Kleinbestellungen. Ich möchte für mein Engagement per VLB (und nicht nur per BS-Katalog zu bibliografieren) nicht mit Minderrabatten und Versandkosten statt Portokosten „bestraft“ werden. Nachlieferungen grundsätzlich portofrei (das ist in jeder anderen Branche selbstverständlich!)“ Sagt Gustav Förster von der Wein-Lese-Handlung Förster in Ganderkesee

„Wir Buchhändler sind das Schaufenster für die Verlage. Falls wir die Produkte dann trotz Bemühungen doch mal nicht verkaufen können, möchten wir nicht auch noch mit Remi-Kosten bestraft werden.“ So Annaluise Erler von der Buchhandlung Findus in Tharandt

Beate Laufer-Johannis  © privat

Beate Laufer-Johannis © privat

„Ein höherer Rabatt ohne Riesenabnahmemengen würde uns das Leben sehr erleichtern. Nehmt auch uns „kleine Buchhandlungen“ ernst und unterstützt uns bei Aktionen.“ Wünscht sich Beate Laufer-Johannes von der der BücherInsel in Frauenaurach bei Erlangen

„Schnürt Pakete, die zu unserer Größe passen. Stellt uns auch bei kleineren Bestellmengen Werbematerial und Leseexemplare zur Verfügung. Wir, die Indis, sind diejenigen, die sich auch für die Bücher einsetzen, die nicht auf den Bestsellerlisten landen.“ So Brigitte Gode von der Gollenstein Buchhandlung in Blieskastel

„Schön wäre es, auf Sonderauslieferungen zu verzichten, die uns unnötig die Kosten in die Höhe treiben.“ Meinen Beate und Mischa Klemm mit der Buchhandlung lesen und lesen lassen

Allgemein sorgen die Konditionen für Verdrießlichkeit. Dass Verlage vor Ketten, Filialisten und Großabnehmern wie Amazon regelrecht katzbuckeln und ihnen nennenswerte Wettbewerbsvorteile einräumen, gereicht den Kleineren, die sich stärker anstrengen müssen, zum großen Ärgernis. Unisono werden ungerechte Konditionen und unfairer Wettbewerb beklagt, der auf Kosten des unabhängigen Sortiments geht. Entsprechend wünschen sie sich bessere Konditionen, geringere Versand- und Remissionskosten und Rabatte, die nicht nur auf die Absatzzahlen, sondern auch auf die Ladengröße abgestimmt sind.

Edda Braun © privat

Edda Braun © privat

Ich erwarte, dass die Verlage Konditionenforderungen von Amazon und Konsorten, die keine Wettbewerbsgerechtigkeit mehr ermöglichen, an unsere Realitäten angleichen. Die Preisbindung würde es ermöglichen und mit welchem Recht fordert die Krake 20 – 25% mehr Rabatt zzgl. Distributionskosten? Schließlich wickelt der traditionelle Buchhandel erheblich mehr Buchumsatz ab als Amazon.“ So Jörg Braunsdorf von der Berliner Tucholsky-Buchhandlung

„Bei der Konditionengestaltung nicht nur die ‚Großen‘ zu hofieren, sondern an unseren gemeinsamen Auftrag denken, für die Verbreitung und den Erhalt der Buches als Kulturgut und Bildungsmittels ersten Ranges zu sorgen.“ Wünscht sich Edda Braun von der Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt

„Bessere Rabatte, die zugeschnitten sind nicht nur auf Absatzzahlen sondern auch auf die Ladengröße.“ Fordert Maria Glusgold-Drews vom Buchladen MaschaKascha – Schöne Bücher in Hannover

Hatte das Spartenpapier 1985 nicht festgeschrieben, das die drei Parteien des deutschen Buchhandels fair miteinander umgehen sollen? Und heißt es in der Orientierungshilfe des Börsenvereins für das Verhalten von Verlag, Sortiment und Zwischenbuchhandel nicht, dass Verlage bei ihrer Konditionengestaltung darauf Acht geben müssen, auch kleinere Sortimente wettbewerbsfähig zu halten? Ist der gemeinsame Konsens, der drei Sparten jahrzehntelang verband, inzwischen hinfällig geworden? Ja, beklagt Susanne Martin von der Stuttgarter Schiller Buchhandlung:

Susanne Martin © Silvie Brucklacher

Susanne Martin © Silvie Brucklacher

Ich bedauere sehr, dass der Branchenkonsens, Werte, die für alle Sparten über viele Jahrzehnte gegolten haben, in den letzten Jahren mehr oder weniger verloren gegangen ist. Ich bedauere das natürlich zum einen, weil der Sortimentsbuchhandel als schwächstes Glied das besonders zu spüren bekommt. Aber auch deshalb, weil ich glaube, dass das langfristig unserer Branche und ihrer Durchsetzungskraft (und damit letztlich dem Buch) sehr schaden wird und sie beliebig werden wird. Und das finde ich einfach schade.“

Bleibt an dieser Stelle ein Appell an die Adresse der Verlage: Zeigt euch solidarischer, nehmt Rücksicht auf die Belange der Kleineren und fokussiert nicht nur kurzsichtig jene, die eure Kasse klingeln lassen. Buchhändler wünschen sich eine partnerschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Und nicht zuletzt: Sie vermissen Wertschätzung!

Simone Dalbert © privat

Simone Dalbert © privat

Es wäre schön, wenn man nicht als Bittsteller, sondern als Handelspartner mit gemeinsamem Interesse (Handel mit Kultur UND Ware, nämlich Buch) gesehen würde.“ Meint Ingo Herrmann und Heike Röminger von der Berliner Buchhandlung Moby Dick

„Nach der Buchmesse hat sich bei uns eine gewisse Frustration breit gemacht, was den Messebesuch betraf. Irgendwie hatten wir uns in den letzten Jahren an den Ständen der Verlage zunehmend als Störfaktor gefühlt, nicht als interessierten und möglicherweise sogar interessanten Partner der Verlage. Klar gilt das nicht für alle, wir hatten auch sehr nette Messegespräche, aber wenn mir gesagt wird, ich solle doch von zu Hause aus bestellen, man habe gerade keine Zeit zum Aufnehmen einer Bestellung, dann komme ich schon ins Grübeln…“ So Rosemarie Reif-Ruppert von der Gostenhofer Buchhandlung

„Vergesst die vielen kleinen Buchhändler nicht. Wir machen einzeln nicht den Umsatz einer großen Filialkette oder sogar eines Online-Riesen. Aber wollt ihr wirklich, dass die Kleinen mit der Nähe zum Kunden immer weniger werden?“ Fragt Simone Dalbert von der Würzburger Buchhandlung Schöningh

„Dass auch umgekehrt sie, wenn sie denn solcherart Bücher machen und herausbringen, in ein ähnlich ambitioniertes Verhältnis zu denjenigen Buchläden und Buchhändlern treten, wo sie ein solches Verhältnis zu ihren Büchern lebendig vorfinden können.“ Wünscht sich Clemens Bellut vom Heidelberger Buchladen artes liberales

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BTW: Die Fragestellungen der Gesprächsreihe will eine Veranstaltung erweitern und vertiefen, die in Berlin/Mitte am 3. Juni 2014 ab 19.00 Uhr in der Tucholsky-Buchhandlung stattfindet. Wir erwarten uns eine kontroverse Debatte, zu der Ihr herzlich eingeladen seid. Zur Diskussion beitragen werden u.a. Siegmund Ehrmann, MdB (Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien), Zoë Beck (Autorin und e-Book-Verlegerin CulturBooks), Lorenz Borsche (Vorstand der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch), Boris Langendorf (freier Publizist), Daniel Leisegang (Autor von “Das Buch als Beute”) und Stefan Weidle (Verleger und Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung). – Der Eintritt ist frei.

Um Voranmeldung wird gebeten: kurt(klammeraffe)tucholsky(punkt)de

Avantgarde oder Traditionalisten? Wie sich Buchhändler heute positionieren (Teil 3)

Nach immerhin 44 Beiträgen, die seit September 2013 im Rahmen der Gesprächsreihe SteglitzMind stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor zusammengekommen, schien die Zeit reif, etwas näher darzulegen, wie sich die befragten Sortimenter im Zuge der Digitalisierung aufstellen. Bewahrheiten sich Vorurteile, die vielfach kolportiert werden: Hinken sie den Entwicklungen hinterher? Ist ihnen das Netz fremd und Online-Shopping ein rotes Tuch? Haben Sie mit E-Books und Publikationen von Self Publishern nichts am Hut?

Ob und wie sich die Befragten im Netz engagieren und inwieweit E-Bücher bereits Einzug in ihre Läden gehalten haben, habe ich bereits dargelegt. Somit geht es heute im dritten Teil meines Resümees um die Frage:

  • Wäre das eine Option für Sie, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Verneint wird die Frage selten. Lediglich acht von 44 Gesprächsteilnehmern denken nicht daran, Titel von Self Publishern feil zu bieten. Ein Buchhändler führte an, den Markt nicht zu überschauen – Hand auf’s Herz: wer tut das schon? Andere begründeten ihre Abwehr damit, dass man der Bücherschwemme auf dem Markt sowieso nicht Herr werden könne und deshalb auf die Selektion durch Gatekeeper angewiesen sei, die sich bewährt habe.

Anna Jeller ©  Jacqueline Godany

Anna Jeller © Jacqueline Godany

Nein. Verlage leisten sehr viel, egal ob Groß, Mittel oder Klein. Diese Filterfunktion benötige ich in dem schieren Überangebot von Büchern. Verlagsprogramme schaffen Identität und stehen für Qualität, jeder Verlag hat seinen eigenen Ausdruck. Meint Klaus Kowalke von der Buchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. in Chemnitz

Eher nicht. Die Produktionen der Verlage sind ohnehin unübersichtlich genug. Sagt Anna Jeller von der Wiener Buchhandlung Anna Jeller

Mir reichen schon die Bücher, die mir von den Verlagen angeboten werden. So Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm

Das Gros allerdings hat mit Self Publishern keine Berührungsängste. Wohl konnte ich mich bisweilen des Eindrucks nicht erwehren, dass man dabei vorrangig an Werke aus Independent Verlagen denkt, die im Buchmarkt ja durchaus ein gewisses Ansehen haben.

Das machen wir schon immer bei Pro qm. Im Eigenverlag herausgegebene Publikationen – aus dem In- und Ausland – in Form von Heften, Büchern, Zeitschriften, Platten, CDs und DVDs gehören bei uns zentral zum Sortiment, sofern sie sich thematisch mit unseren Fragestellungen überschneiden. Die Verwaltung ist  zugegebenermaßen etwas aufwändiger, aber manchmal kommen gerade die wertvollsten Kommentare zu einer Thematik aus den verwickeltsten Kanälen. Meint das Team von der Buchhandlung Pro qm in Berlin/Mitte

Maria Glusgold-Drews © privat

Maria Glusgold-Drews © privat

Ich biete sowieso schon Titel von Self Publishern an. Ich finde es enorm wichtig, eine Plattform zu haben, auf der man ausprobieren kann. Ich habe einige Titel am Lager, die in Kleinstauflagen produziert wurden und die durchaus auch verkauft werden. So Maria Glusgold-Drews vom Buchladen MaschaKascha – Schöne Bücher in Hannover

Ja – ich biete seit Beginn der Buchhandlung auch Publikationen von Self-Publishern an – diese können eine große Bereicherung sein, weil es viele besondere Publikationen gar nicht in einem Verlag gibt, sondern in sehr geringen Auflagen in Eigeninitiative erscheinen. Voraussetzung ist die qualitative Umsetzung des entsprechenden Themas. Sagt Lia Wolf von der Wiener Buchhandlung Lia Wolf

So Titel von Self Publishern ins Sortiment aufgenommen werden, dann im Kommissionsbezug. Chancen räumen die befragten Buchhändler am ehesten Titeln mit regionalen Bezügen und solchen Autoren ein, die im Umkreis der Buchhandlung leben und wirken. Ob die Bücher, die in Kommission genommen wurden, dann tatsächlich auch gekauft werden – das freilich steht auf einem anderen Blatt.

Beate Laufer-Johannis  © privat

Beate Laufer-Johannis © privat

Hm, ja, habe ich schon ab und zu gemacht. Es handelte sich dann um Autoren aus dem Ort. Da war es durchaus auch für andere interessant zu erfahren, was ihr Freund oder Nachbar zu sagen hatte. Auch wenn nicht immer die Qualität dem entsprach, was ich normalerweise empfehle. Es gibt aber immer wieder Überraschungen, eines dieser Bücher war sogar ein richtiger Renner. So Annaluise Erler von der Buchhandlung Findus im sächsischen Tharandt

Einige Titel haben wir im Laden, diese sind allerdings sorgfältig ausgesucht. Ich muss von dem Buch wirklich überzeugt sein und die Chemie zum Autor muss stimmen. Es ist sehr unterschiedlich, wie diese Titel ankommen. Bücher mit einem regionalen Bezug verkaufen sich da noch am besten. Sagt Beate Laufer-Johannes von der der BücherInsel in Frauenaurach

Christian Röhrl © privat

Christian Röhrl © privat

Ich verkaufe ja auch seit 25 Jahren Bücher von Eigenverlegern. Es sind vor allem regional gute Titel dabei. Generell denke ich aber, dass es Sinn macht, vor einer Veröffentlichung jemanden zu haben, der das Ganze lektoriert, korrigiert, bewirbt, veröffentlicht und einen wirtschaftlich sinnvollen (gebündelten) Vertrieb ermöglicht. – Kurz ich bevorzuge Verlage. Meint Christian Röhrl von der Buchhandlung Bücherwurm in Regensburg

Es kommt immer wieder vor, dass uns Eigenproduktionen angeboten werden, in der Regel von Menschen aus unserem näheren Buchhandlungsumfeld, sprich regionale Geschichten. Da bin ich immer offen und nehme sie in Kommission. Allerdings verkaufen sich solche Werke meist schlecht. Oft ist die sprachliche Qualität leider nicht besonders gut. Ein Lektorat/ Korrektorat ist sehr wichtig, das fehlt in der Regel. Sagt Trix Niederhauser aus der Schweiz von der Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental

lesende Buchhändlerin ©  Mila Becker

lesende Buchhändlerin © Mila Becker

Ich biete sie an. Allerdings nur, wenn sie mich wirklich überzeugen. Der Haken bei diesen ist, und ich höre schon den Aufschrei, man sieht es ihnen leider zu 90% an. Das Auge isst ja bekanntlich auch mit, und die meisten sehen vollkommen unprofessionell aus. Wenn man da dann nicht 100% hinter steht, liegen diese, wie in Blei gegossen. Meint Mila Becker von Mila Becker Buch & Präsent in Voerde

Gefragt ist Qualität, und zwar sowohl in inhaltlicher als auch in gestalterischer Hinsicht.

Es gibt kein grundsätzliches Argument dagegen – und keines dafür. Die beiden entscheidenden Argumente sind ausschließlich: 1. was  damit publiziert wird und 2. wie  es gemacht ist. So Clemens Bellut vom Heidelberger Buchladen Artes Liberales (diesen Beitrag könnt Ihr hier ab 6. März in Gänze lesen)

Warum denn nicht? Schließlich entscheidet die Qualität, die Form, der Inhalt. Wenn das stimmt, sehr gern. Sagt Susanne Dagen vom Buchhaus Loschwitz in Dresden

Doch der Anforderungen an Form und Inhalt nicht genug. Qualität allein reicht nicht, um das Herz von Buchhändlern zu gewinnen! Self Publisher punkten bei ihnen vorrangig dann, wenn die Publikation gedruckt vorliegt und der Titel zum Sortiment der Buchhandlung passt. Wünschenswert ist außerdem, dass das Marketing stimmt. Da die Befragten unisono berichten, dass Titel von Self Publishern besonders beratungsintensiv sind, sollte man nicht mit (sachlichen!) Informationen geizen, die auf die Belange des Buchhandels zugeschnitten sind. Von Lobhudeleien und Marktschreierei sei dringend abgeraten. Gut beraten ist außerdem, wer sich gewisse Kenntnisse über die buchhändlerische Praxis aneignet. Und – last but not the least – potentielle Handelspartner lassen sich nur dann überzeugen, wenn die Rabatte stimmen. Und genau hier scheint noch manches im Argen zu liegen.

Frau Bergmann © Hedwig Bergmann

Martina Bergmann © Hedwig Bergmann

Ich verkaufe auch Bücher von Self Publishern – wenn sie mir gefallen und wenn die Einkaufsbedingungen marktfähig sind. Deshalb verkaufe ich meistens keine Bücher von Self Publishern. Meint Martina Bergmann von der Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen

Gedruckte Exemplare, wenn sie denn gut sind, auf jeden Fall. So Lutz Heimhalt von der gleichnamigen Buchhandlung in Hamburg

Barbara Roth  © Iris Roth

Barbara Roth © Iris Roth

Grundsätzlich kann ich mir diese Entwicklung gut vorstellen. Wichtig wäre dabei, dass wir uns über diese Titel auch vorab informieren und die Kunden dazu beraten könnten. Wünscht sich Barbara Roth von der Offenburger Buchhandlung Roth

Warum nicht, wenn die Qualität stimmt. Allerdings scheitert es oft an dieser Voraussetzung. Unser örtlicher Bestseller wurde von einer Marketingfrau zusammen mit einem alten Verlagsprofi gemacht, da stimmte alles. Auch die Kalkulation mit Buchhandelsrabatten. Oft hat man statt dessen aber den Eindruck, dass einige Produzenten glauben, Buchhändlers ausreichender Lohn sei die Ehre, ihre Produkte zu handeln. Wird von uns erwartet, Eitelkeiten zu finanzieren? Sagt Gustav Förster von der Wein-Lese-Handlung Förster in Ganderkesee

Thomas Calliebe  ©  Thomas Calliebe

Thomas Calliebe © Thomas Calliebe

Wir führen selbstverständlich Titel von Autoren aus unserer Region, auch Self Publisher – allerdings hat das nichts mit Umsatz oder gar Gewinn zu tun. Diese Titel sind mangels Marketing sehr beratungsintensiv und zudem nur mäßig rabattiert. Auf den gesamten Buchmarkt bezogen vertraue ich auf Bücher aus eingeführten Verlagen, weil ich mir hier in Bezug auf Inhalt, Form und Gestaltung sicher sein kann. So Thomas Calliebe von der Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau

Unbeliebtes Thema Self-Publisher. Grundsätzlich habe ich keine Einwände – vorausgesetzt die (Text-)Qualität stimmt. Ja, liebe Self-Publisher, auch Druck, Schriftbild, Papierqualität, Covergestaltung… beeinflussen die Kaufentscheidung! In der Praxis gibt’s jedoch jede Menge Ärger: fehlende Einträge im VLB und oft auch via Internet schlecht oder gar nicht zu bibliografieren. Fehlerhafte Rechnungsstellung, unorthodoxe Liefermethoden, fehlendes Wissen der Usancen im Buchhandel, nicht zu reden von Rechtschreibfehlern im oft genug miserablen Text. Und ja, es ist ja schön, wenn der Autor von seinem Werk begeistert ist, aber wir wollen auch unsere Kunden im Laden bedienen und nicht so gerne umständlichen Inhaltsangaben am Telefon lauschen. Meint Rosemarie Reif-Ruppert von der Gostenhofer Buchhandlung in Nürnberg

Beate und Mischa Klemm © lesen und lesen lassen

Beate und Mischa Klemm © lesen und lesen lassen

Also in unserem Laden gibt es genau ein Buch eines Self Publishers. Super Cover, super Titel, ansprechender Klappentext, günstiger Preis, bei unserem Großhändler einfach zu beziehen. Aber diese Dinge treffen leider nur ganz selten zusammen. Und dann ist es ja so, dass wir zweimal im Jahr etwa fünfzig Kilo Verlagsvorschauen durchsehen, Leseexemplare testen, mit Verlagsvertretern sprechen, auswählen, aussortieren … Wenn man das geschafft hat, klickt man einfach nicht mehr auf den Link zu einem „ganz tollen“ Buch. Sorry. Sagen Beate und Mischa Klemm von der Berliner Buchhandlung lesen und lesen lassen

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Zum “Best of: Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen” gelangt Ihr hier. Und falls sich wer die Frage stellen sollte, einmal Buchhändler, immer Buchhändler?, der wird hier fündig

Zu guter Letzt: Die Aussagen von 44 Buchhändlerinnen und Buchhändlern sind ebensowenig repräsentativ wie das Resümee, das ich ziehe.

Avantgarde oder Traditionalisten? Wie sich Buchhändler heute positionieren (Teil 2)

Dass der stationäre Buchhandel den Entwicklungen infolge der Digitalisierung hinterherhinkt. Dass Buchhändler mit dem E-Book und Publikationen von Self Publishern nichts am Hut hätten. Dass ihnen das Netz fremd und Online-Shopping ein rotes Tuch ist. Alles Vorurteile?

Könnte man meinen, so man sich näher mit den 43 Beiträgen beschäftigt, die ab September 2013 im Rahmen der Gesprächsreihe“ SteglitzMind stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” zusammengekommen sind. In den kommenden Wochen werde ich hier zusammenfassen, wie sich die Gesprächspartner unter den heutigen Bedingungen positionieren. Nachdem der erste Teil meines Resümees darlegte, was sich im beruflichen Alltag verändert hat und wie sich die Befragten online aufstellen, geht es heute mit dieser Frage weiter:

  • Wie halten Sie es mit dem E-Book?

Zwar sind E-Books und E-Reader bei Sortimentern nicht sonderlich beliebt, ihren Einzug in die Buchhandlungen haben sie inzwischen dennoch gehalten.

Wir bieten E-Books über die Homepage und jetzt auch im Laden an, da gibt es keine Berührungsängste. Papier ist uns freilich weitaus lieber und welches digitale Buch kann in Sachen Attraktivität und Sinnlichkeit etwa mit einer leinengebundenen, fadengehefteten Dünndruckausgabe mithalten? Eben dies (und den daraus resultierenden höheren Preis) müssen wir allerdings vermitteln, ohne dabei das E-Book zu brandmarken. Argumentiert Thomas Bleitner von der Hamburger Buchhandlung Lüders

Obwohl die Liebe der befragten Buchhändler uneingeschränkt dem gedruckten Buch gehört, bieten 36 der 43 Gesprächsteilnehmer E-Books an. Und zwar nicht nur im jeweiligen Online-Shop. Einige präsentieren sie auch im Buchladen, bei anderen sind außerdem E-Book-Cards erhältlich.

Der harte Kopierschutz, Schwierigkeiten beim technischen Support oder mangelnde Nachfrage seitens der Kundschaft– das sind einige Argumente dafür, warum E-Books und Lesegeräten wenig Begeisterung entgegengebracht wird. Durchweg für Unmut sorgen allerdings die geringen Gewinnspannen bei den Readern und die schlechten Provisionen, die bei den Downloads von elektronischer Lektüre gewährt werden.

Brigitte Gode  © privat

Brigitte Gode © privat

Nun, ich betreibe eine Buchhandlung, kein Elektronik-Fachgeschäft. Ich bin nicht bereit, meine Energie in etwas zu investieren, von dem wir genau wissen, dass es uns nie ein wirtschaftliches Auskommen sichern wird. Was haben wir davon, wenn wir uns mühsam die technischen Kenntnisse unterschiedlicher Reader aneignen, um dann mit einer lächerlich geringen Gewinnspanne alle paar Monate einen Reader zu verkaufen? In der Liga derjenigen, die mit diesem Geschäft Gewinne machen, können wir Kleinen nicht mitspielen. Nachdem sich die Tolino Verhandlungen des Börsenvereins zerschlagen haben, sehe ich kaum noch Chancen in diesem Geschäft nennenswert mitzumischen. Ich sehe unsere Aufgabe darin, den elektronischen Content zur Verfügung zu stellen. Wir bieten in unserem Web-Shop die Möglichkeit E-Books herunterzuladen. Wir klären unsere Kunden auch darüber auf. Die Diskussionen um Amazon haben dazu geführt, dass verstärkt nach alternativen Download-Möglichkeiten gefragt wird. So Brigitte Gode von der Gollenstein Buchhandlung in Blieskastel

Susanne Martin © Silvie Brucklacher

Susanne Martin © Silvie Brucklacher

Wir haben von Anfang an E-Reader im Sortiment gehabt und offensiv verkauft. Das ist auch heute noch so. Allerdings merken wir, dass es für uns als stationäres Sortiment schwierig ist, ein adäquates Angebot zu machen: Der harte Kopierschutz, mit dem die meisten Bücher belegt sind, macht die Ladevorgänge kompliziert und viele KundInnen sind damit überfordert. Als kleine Buchhandlung ist es schwierig für uns, den technischen Support zu bieten, der notwendig wäre und den größere Buchhandlungen leisten können. Dazu kommen immer wieder neue Geräte in relativ kurzen Intervallen, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Und diesem erheblichen zeitlichen und auch finanziellen Aufwand, den ich durchaus als notwendige Investition sehe, stehen miserable Provisionen aus den Downloads entgegen. Ich sehe die Zukunft in diesem Bereich für das kleine und mittlere Sortiment eher schwierig. Meint Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen

Die Hoffnung, sich vom Geschäft mit elektronischen Büchern à la longue eine Scheibe abschneiden zu können, teilen die Befragten jedenfalls nicht.

E-Books können bei uns bestellt werden, die Anzahl der Verkäufe ist jedoch absolut marginal. Und ich denke, das bleibt auch so, denn meiner Meinung nach werden E-Books und stationärer Buchhandel nie wirklich zusammen finden. So Torsten Meinicke vom Hamburger Buchladen Osterstraße

Hannah und Nina © die Buchkönigin

Hannah und Nina © die Buchkönigin

Auch das E-Book wird es dem klassischen Buchhandel in der Zukunft schwer machen. Es ist wahrscheinlich eine Illusion zu glauben, dass Buchhandlungen an diesem Geschäft partizipieren können. Die meisten Menschen werden sich ihre E-Books direkt aus dem Internet ziehen und nicht den Weg über eine Buchhandlung nehmen. Sagen Hannah Wiesehöfer und Nina Wehner von der Berliner Buchhandlung Die Buchkönigin

Bleibt zu fragen, warum sich Buchhändler das überhaupt antun, ein beratungsintensives Produkt zu verkaufen, das im Laden kaum nachgefragt wird und zudem wenig in die Kasse bringt? Weil sie den Servicegedanken hoch halten und zukunftsfähig bleiben wollen.

Simone Dalbert © privat

Simone Dalbert © privat

Wir verkaufen E-Books sowohl im Online-Shop als auch direkt im Laden, dort gibt es auch die E-Book Cards und natürlich E-Book Reader. Auch wenn wir damit weniger Rohertrag erwirtschaften, wegen der höheren Mehrwertsteuer von 19% und der geringeren Rabatte, ist es ein Service, den wir unseren Kunden anbieten möchten. Wer gerne E-Books lesen möchte, sollte die auch bei uns bekommen können, nicht nur bei Amazon. Denn wer dort seine E-Books kauft, kauft schnell auch die gedruckten Bücher dort und ist für uns ein verlorener Kunde. Meint Simone Dalbert von der Buchhandlung Schöningh in Würzburg

Ich habe welche da, ich berate auch intensiv, ich benutze seit Jahren eine Maschine. Was das Finanzielle angeht, halte ich das alles für mehr als fragwürdig. Für mich stellte sich nur die Alternative: Mitmachen und zeigen, dass wir das auch haben/können, oder gleich die Kunden weiterschicken. Allerdings werden die Downloadwege an uns und vielen anderen Buchhandlung vorbeiziehen, was ja schon der Fall ist. So Samy Wiltschek von der Ulmer Kulturbuchhandlung Jastram

Diejenigen, die ausschließlich auf das gedruckte Buch setzen, argumentieren vorrangig mit der besseren Handelsspanne. Andere wiederum können den Verkauf von E-Books schlechterdings nicht mit ihrem Selbstverständnis vereinbaren:

Ok, eine selbstgestrickte Website haben wir, aber keinen Onlineshop für Bücher, und auch keine E-Books. „Schuster, bleib bei deinen Leisten“, so habe ich das mal gelernt, und so halte ich es auch. Argumentiert Lutz Heimhalt von der gleichnamigen Buchhandlung in Hamburg

Buchhandlung Lessing und Kompanie © Lessing und Kompanie

Buchhandlung Lessing und Kompanie © Lessing und Kompanie

Wir setzen auf „Buch pur“:  „Buch Pur“ meint: kein Webshop, kein E-Book-Verkauf (obwohl über die Barsortimente möglich), kein Non-Book-Firlefanz, kein Geschenkkram, lediglich Postkarten, DVDs und Hörbücher, ggfs. Spiele. Dafür Bücher, gute Bücher, Bücher die wertvoll sind, Bücher die gut aussehen, Bücher die wichtig sind, Bücher die lehrreich sind, Bücher die Spaß machen, Bücher, Bücher, Bücher aber kein vordergründiger Mainstream und Boulevard, nein, richtige Bücher. Was, das klingt „Ewig gestrig“? Nun, vielleicht ist es ja das Alleinstellungsmerkmal der Zukunft? Meint Klaus Kowalke von der Buchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. in Chemnitz

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In der kommenden Woche geht es mit der Frage weiter, ob Titel von Self Publishern auch eine Option sind. Zum “Best of: Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen” gelangt Ihr hier. Und falls sich wer die Frage stellen sollte, einmal Buchhändler, immer Buchhändler?, der wird hier fündig

Zu guter Letzt: Die Aussagen von 43 Buchhändlerinnen und Buchhändlern sind ebensowenig repräsentativ wie die Resümees, die ich daraus ziehe…

Avantgarde oder Traditionalisten? Wie sich Buchhändler aufstellen (I)

Kolportiert wird so manches: Dass der stationäre Buchhandel den Entwicklungen infolge der Digitalisierung hinterherhinkt. Dass Buchhändler mit dem E-Book und Publikationen von Self Publishern nichts am Hut hätten. Dass ihnen das Netz fremd und Online-Shopping ein rotes Tuch ist. Vorurteile?

Haltlose Behauptungen! Das gilt jedenfalls für den Fall, wenn man sich mit den 43 Beiträgen näher beschäftigt, die ab September 2013 im Rahmen der Gesprächsreihe“ SteglitzMind stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” zusammengekommen sind. In den kommenden Wochen werde ich hier zusammenfassen, wie sich die Gesprächspartner unter den heutigen Bedingungen positionieren. Der erste Teil meines Resümees bezieht sich auf die beiden Fragen:

  • Was hat sich in den vergangenen Jahren in Ihrem beruflichen Alltag verändert?
  • Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternehmen Sie in dieser Richtung?

Unisono berichten die 43 Gesprächspartner, dass die Entwicklungen den Alltag in der Buchhandlung erheblich verändert haben. Verwaltungsaufwand und Arbeitstempo haben zugenommen; die Freizeit wurde beschnitten. Gefragt sind mehr Medienkompetenz und viel mehr technisches Know-how als in früheren Jahren. Mit dem Internet und vor allem dem Angebot, Einkäufe per Mausklick im Netz bequem zu erledigen, sind die Serviceansprüche an den Buchhandel gestiegen. Elektronisches Bibliographieren und Warenwirtschaftssysteme haben die Arbeit einerseits zwar erleichtert, andererseits stellen die Errungenschaften auch neue Anforderungen an die Händler. Dank Internet wissen die Kunden heute besser Bescheid, womit der Informationsvorsprung des Buchhändlers geschrumpft ist. Kurzum: Ein Buchhändler muss heute schneller reagieren, besser informiert, gut vernetzt und möglichst allseits präsent sein.

Thomas Bleitner © Buchhandlung Lüders

Thomas Bleitner © Buchhandlung Lüders

Natürlich ist die Welt digitaler geworden und sie wird’s weiter. Sich einerseits darauf einzustellen und mitzuziehen, andererseits aber eben den Gegenpol zu bilden, den man zu Recht von uns erwartet, das ist eine so spannende wie knifflige Herausforderung. Konkret und auf den beruflichen Alltag bezogen bedeutet dies, per Mail, Homepage, Newsletter, Internetverkaufsplattform und sozialen Netzwerken stets ebenso präsent zu sein, wie „vor Ort“ im Laden, leibhaftig, in Fleisch und Blut und Ruhe ausstrahlend. Da kommt es schon mal vor, dass man fünf Dinge gleichzeitig erledigen muss, das war vor ein paar Jahren noch nicht so extrem. So Thomas Bleitner von der Hamburger Buchhandlung Lüders

Der Informationsvorsprung des Buchhändlers – seine wichtige Währung – ist massiv geschrumpft. Kunden wissen über Dinge, die sie interessieren oft genauso gut, wenn nicht noch besser Bescheid, als das Fachpersonal. Allerdings hat sich unsere Arbeit gerade durch das Internet deutlich vereinfacht. Wenn die Angaben auch nur einigermaßen stimmen, finde ich durch Google jedes Buch, die Datenbanken sind komfortabel und wenn – wie grade erst passiert – die Telekom Schwierigkeiten macht, dann kann ich auch bequem von daheim aus recherchieren und meine Bestellungen aufgeben. Das sagt Nicole Jünger vom Buchladen am Neuen Markt in Meckenheim

Beate und Mischa Klemm © lesen und lesen lassen

Beate und Mischa Klemm © lesen und lesen lassen

Da ist zum einen der technische Hintergrund. Wir haben mit Buchlaufkarten und viel Bauchgefühl begonnen, arbeiten jedoch seit mittlerweile einigen Jahren mit Warenwirtschaftssystemen. Sie erleichtern die Arbeit wesentlich, stellen aber auch ihre ganz eigenen Anforderungen. Was sich auch verändert hat, ist der Grad an Aktualität, den ein Sortiment haben muss, denn parallel dazu sind die Kunden wesentlich informierter als früher. Meinen Beate und Mischa Klemm von der Berliner Buchhandlung lesen und lesen lassen

Allerdings sind es nicht allein die Folgen der Digitalisierung, mit denen Buchhändler heute klar kommen müssen. Auch die Veränderungen in der Branche und die Titelflut machen ihnen zu schaffen.

Die Branche hat sich verändert, in unserer Buchhandlung hat sich in den letzten fünf Jahren nicht allzu viel verändert. Wir arbeiten an unseren Qualitätsvorstellungen einer „perfekten“ Literaturhandlung…  So Klaus Kowalke von Lessing und Kompanie Literatur e. V. in Chemnitz

Gustav Förster © privat

Gustav Förster © privat

Gleichzeitig hat die Aufblähung des Angebots nicht unbedingt eine Qualitätssteigerung mit sich gebracht, sondern eher eine Vielfalt austauschbarer Produkte. In vielen Verlagen haben offensichtlich BWLer und Controller, die versuchen, die Welt per Excel zu gestalten, mehr zu sagen als Verleger und Lektoren. Allerdings ist die Wirklichkeit nicht Excel-kompatibel, sondern eher anarchistisch. Manchmal drängt sich der Eindruck auf, es gäbe irgendwo eine Instanz, die sagt „Ihr könnt verkaufen, soviel wie ihr wollt. Wir drucken mehr“. Oder bezogen auf Verlage „Ihr könnt drucken, soviel wie ihr wollt. Wir schreiben mehr“. Meint Gustav Förster von der Wein-Lese-Handlung Förster in Ganderkesee

Dass die Befragten allesamt im Netz zu finden sind, verwundert wenig, da ich ausdrücklich darum gebeten hatte, solche Buchhandlungen für ein Gespräch vorzuschlagen, die online präsent sind. Fast alle verfügen über einen Web-Auftritt, in die ein Shop eingebunden ist. Vielfach wird berichtet, dass der Online-Shop in jüngerer Zeit zunehmende Frequenz erfährt. Parallel dazu machen einige Gesprächspartner die Erfahrung, dass die Online-Bestellungen im Laden abgeholt werden. – Wenn sie versenden, dann versandkostenfrei. Geklagt wird bisweilen darüber, wie viel Mühe es macht, den Kunden die eigene Webpräsenz nebst Online-Shop schmackhaft zu machen. Hier nehmen einige den Börsenverein für den deutschen Buchhandel in die Pflicht, dessen Aufgabe es wäre, diesbezüglich Aufklärungsarbeit zu leisten.

Wir haben seit dem ersten Tag einen Online-Shop, wie bei den meisten Kollegen, es ist allerdings tastsächlich schwierig, diesen in die Köpfe der Kunden zu bekommen. Die Kollegen vom großen Fluss haben es da wirklich geschafft, allgegenwärtig zu sein. Sagt John Cohen von der Hamburger Buchhandlung cohen + dobernigg

Brigitte Gode  © privat

Brigitte Gode © privat

Wir betreiben einen Online-Shop über unser Barsortiment und bewerben diesen auch. Wir verzeichnen zunehmende Frequenz über diesen Bestellweg, sowohl von Stammkunden, die die Bequemlichkeit zu schätzen wissen, als auch von Neukunden, die wir dann sehen, wenn sie ihre Bücher abholen. Wir machen die Erfahrung, dass die Online-Kunden selten den Versandweg wählen, sondern ihre Bestellung in der Buchhandlung abholen. Ein Zeichen dafür, dass der persönliche Kontakt nach wie vor geschätzt wird. Wenn wir die Stimme gegen Amazon erheben, müssen wir etwas entgegensetzen. Deshalb sollte heute jeder Buchhändler diese Bestellmöglichkeit anbieten. Meint Brigitte Gode von der Gollenstein Buchhandlung in Blieskastel

Gegen die Möglichkeit, Bücher online zu verkaufen, spricht sich Lutz Heimhalt von der gleichnamigen Buchhandlung in Hamburg aus: „Die Devise ‚Buchhandel go online‘ ist meiner Meinung nach eher eine Durchhalteparole. Gegen den großen Anbieter können wir online nicht konkurrieren. Nur offline ! Und darauf sollten wir uns alle besinnen!“

Anna Jeller ©  Jacqueline Godany

Anna Jeller © Jacqueline Godany

Persönlich gestaltete Internetseiten mit eigenen Webshop-Lösungen sind bei den 43 Gesprächsteilnehmern eher die Ausnahme. Obwohl sie keine individuellen Profile abbilden und für meinen Geschmack auch wenig Lust auf’s Stöbern oder gar einen Besuch der betreffenden Buchhandlung machen, dominieren Fertigprodukte, die die Barsortimente mitsamt Warenkörben zur Verfügung stellen. Kritisch sieht das Anna Jeller von der Wiener Buchhandlung Anna Jeller: „Webshoplösungen kommen für uns nicht in Frage. Zu teuer, zu unschön, zu unpassend für unser Sortiment.

Annaluise Erler © Julius Erler

Annaluise Erler © Julius Erler

Hoch im Kurs steht bei den 43 Gesprächspartnern Facebook; immerhin 33 von ihnen sind dort präsent. Einige betreiben neben der Fanpage auch ein eigenes Profil. Freilich pflegen nicht alle ihre Accounts aktiv. Die Gefolgschaft ist beim Gros überschaubar. Geschätzt wird der schnelle und unkomplizierte Austausch, den das soziale Netzwerk ermöglicht. Gerne als Instrument genutzt wird die Plattform zudem, um Veranstaltungen anzukündigen. Diese Funktion erfüllen ebenfalls die Newsletter, die einige der Befragten regelmäßig an Kunden und Interessierte verschicken. – Dass sich über das soziale Netzwerk Bücher verkaufen ließen, mit diesem Glauben räumt Annaluise Erler von der Buchhandlung Findus in Tharandt allerdings auf: „Seit rund zwei Jahren habe ich auch noch einen Facebook-Account, der zunehmend an Bedeutung gewinnt. Zwar habe ich noch kein Buch über Facebook verkauft, wie auch? Aber hier bildet sich eine ganz andere, frische Kundschaft heraus. Für mich ist es immer wieder überraschend, wer da so ‚vorbeischaut‘ und Kommentare abgibt. Ich denke, diese Art der Kommunikation ist wichtig für uns Einzelhändler, aber wir müssen auch etwas bieten.“

lest Bücher nicht T-Shirts  © Samy Wiltschek

Samy Wiltschek © Samy Wiltschek

Twitter nutzen acht, Google+ und Pinterest spielen hingegen so gut wie keine Rolle. Vier Buchhändler, die SteglitzMind Rede und Antwort standen, bloggen. Einige spielen mit dem Gedanken, diese Präsentationsmöglichkeit für ihre Buchhandlung zu nutzen; wohl schreckt sie noch der Aufwand ab. Blogs zu verschiedenen Themenfeldern unterhalten Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram und Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung, die im Übrigen als einzige auch bei Google+ und Pinterest aktiv ist.

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Generell gilt: Trotz allem Engagement im Netz – das Gespräch mit den Kunden im Laden hat bei allen Befragten absolute Priorität.

Ich kümmere mich zu 5% um Online und zu 95% um meine Kunden im Laden. Die Kunden sollen im Laden erleben, dass das was anderes ist, als am PC zu hocken. Sagt Christian Röhrl von der Buchhandlung Bücherwurm in Regensburg

Lia Wolf  © Oskar Schmidt

Lia Wolf © Oskar Schmidt

Und so ist der Internetauftritt die Ergänzung zum Laden. Natürlich sehen wir unsere Kunden lieber im Laden, kommen mit ihnen ins Gespräch, beraten sie. Meint  Gaby Kellner von Barbaras Bücherstube in Moosburg

Wir haben seit Ende der 90er Jahre eine Website und bieten Bücher auch online an. Ebenso nützen wir Facebook als Plattform. Aber am spaßigsten bleibt es immer noch im vis à vis ein Buch zu verkaufen. So Lia Wolf von der Wiener Buchhandlung Lia Wolf

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In der kommenden Woche geht es mit der Frage weiter, welchen Stellenwert das E-Book bei den befragten Buchhändlern und Buchhändlerinnen hat. Zum “Best of: Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen” gelangt Ihr hier. Und falls sich wer die Frage stellen sollte, einmal Buchhändler, immer Buchhändler?, der wird hier fündig

Zu guter Letzt: Die Aussagen von 43 Buchhändlerinnen und Buchhändlern sind ebensowenig repräsentativ wie die Resümees, die ich daraus ziehe…

Einmal Buchhändler. Immer Buchhändler!?

Buchhändler sind Idealisten. Unverbesserliche Idealisten sogar und Züge vom Romantiker haben sie auch. Sie lieben ihren Beruf nahezu bedingungslos und hängen ihn auch dann nicht an den Nagel, wenn das Einkommen gering ist, Stress und Überstunden überhand nehmen und die Zukunftsaussichten düster sind. Buchhändler bleiben bei der Stange, weil sie Bücher lieben!

Buchhandlung Moby Dick  © Ingo Herrmann

Buchhandlung Moby Dick © Ingo Herrmann

Nahezu unisono haben diejenigen, die mir bislang dankenswerterweise im Rahmen der Reihe “SteglitzMind stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” Rede und Antwort standen, ihr Hobby zum Beruf gemacht. Fast alle antworteten auf die Frage, warum sie Buchhändler/in geworden sind, dass sie von Kindesbeinen an Buchliebhaber und begeisterte Leser gewesen sind und sich deshalb für eine Laufbahn als Buchhändler entschieden haben. Bei einigen fiel bei der Berufswahl neben der Leidenschaft für das Buch auch die Freude am Umgang mit Menschen ins Gewicht. – Zwei Gesprächspartner entschieden sich politisch motiviert für den Beruf, für andere war die Karriere anfangs lediglich ein Notnagel, weil der ursprüngliche Traumberuf nicht verwirklicht werden konnte. Anderen wurde die Karriere nebst Laden in die Wiege gelegt, da sie aus Buchhändlerfamilien stammen.

„Ich habe tatsächlich mit Anfang 20 gedacht, mach mal dein Hobby zum Beruf. So richtig Ahnung hatte ich nicht.“- Maria Glusgold-Drews vom Buchladen MaschaKascha – Schöne Bücher in Hannover

„Eigentlich habe ich meine Leidenschaft zum Beruf gemacht, ich war schon immer absolut fasziniert von Büchern und den Welten, die sich durch sie eröffnen.“ – Beate Laufer-Johannes von der der BücherInsel in Frauenaurach

„Diese Entscheidung ist bei der  Befragung zum Berufswunsch in der ersten Schulklasse gefallen. Danach kam ein anderer Beruf nicht mehr in Frage. Natürlich lese ich gerne aber ich verkaufe auch sehr gerne. Beides zu kombinieren ist mein Traumberuf.“ – Britta Beecken von der Berliner Buchkantine

„Weil ich mich schon immer in Geschichten verlieren konnte, weil ich gerne über das, was ich gelesen habe, rede und gerne Umgang mit anderen Menschen habe. Wahrscheinlich habe ich dadurch in Sachen Literatur ein gewisses Sendungsbewusstsein entwickelt. Auf den Punkt gebracht: weil ich mir ein Leben ohne Bücher nicht vorstellen kann. – Brigitte Gode von der Gollenstein Buchhandlung in Blieskastel

Ich liebe Bücher, ich bin Übersetzer, Schriftsteller und betreibe einen kleinen Verlag in meine Heimatstadt Barcelona. Der nächste logische Schritt war Buchhändler zu werden in der Stadt, in der ich seit 15 Jahren lebe. – David Armengou von Echo Bücher im Berliner Wedding

„Eher durch Zufall und als Quereinsteigerin. Mein Wunschstudium hätte mich arbeitslos gemacht und der Raum, in dem sich die Buchhandlung befindet, hat mich schon als Kundin fasziniert.“ – Anna Jeller von der Wiener Buchhandlung Anna Jeller

„Aus Liebe zu den Büchern – ist wohl die Standartantwort, aber stimmt natürlich. Mit zehn Jahren war mir klar, dass es für mich nur einen Beruf gibt: Buchhändlerin. Zum Glück hat es geklappt und ich bin nach wie vor mit Leib und Seele dabei.“ – Trix Niederhauser von der Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental (Schweiz)

Buchhandlung cohen + dobernigg © cohen + dobernigg

Buchhandlung cohen + dobernigg © cohen + dobernigg

Wie gesagt: Buchhändler sind Idealisten; auch unter schwierigen Bedingungen halten sie an ihrer Leidenschaft fest. Bedingungslos! Jeder Zweite der 43 Gesprächspartner beantwortete die Frage, ob ihm heute abermals eine Laufbahn als Buchhändler in den Sinn käme, mit einem klaren Bekenntnis zu seinem Traumberuf.

„Ja, sofort und unbedingt würde ich wieder eine Buchhandlung aufmachen! Gibt es denn etwas Abwechslungsreicheres als Bücher? Als Buchhändlerin in einem abhängigen Arbeitsverhältnis würde ich wohl nicht so gerne arbeiten.“ – Rosemarie Reif-Ruppert von der Gostenhofer Buchhandlung in Nürnberg

„Jetzt erst recht!“ – Klaus Kowalke von der Stadtteilbuchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. in Chemnitz

„Na klar! Die heutigen Bedingungen bieten uns doch sehr viele Chancen.“ – Thomas Bleitner von der Hamburger Buchhandlung Lüders

„Ja. Ich glaube das Jammertal ist langsam durchschritten. Die ehemaligen Marktriesen bluten, das Internet ist etabliert und die unabhängigen Buchhandlungen, die bis jetzt durchgehalten haben, haben in meinen Augen auch eine reelle Chance ihren Platz zu behaupten.“ – Mila Becker von Mila Becker Buch & Präsent in Voerde

„Was gibt es schöneres, als täglich neue Perlen auf dem Büchermarkt entdecken zu können und anderen davon erzählen zu dürfen?!“ – Annaluise Erler von der Buchhandlung Findus im sächsischen Tharandt

„Wenn der Freiraum zum selbst bestimmten Arbeiten vorhanden ist wie bei uns, jederzeit wieder, denn der tägliche Kampf gegen Verblödung und Konzentration im Buchhandel kann auch sehr unterhaltsam sein.“ – Torsten Meinicke vom Hamburger Buchladen Osterstraße

„Ja natürlich würde ich heute wieder Buchhändlerin werden, weil der Grundgedanke: Lesen und zum Lesen motivieren sich nicht geändert hat bzw. nicht ändern wird.“ –  Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen

Buchladen Mascha Kascha © Mascha Kascha

Buchladen Mascha Kascha © Mascha Kascha

15 Gesprächspartner taten sich mit der Antwort auf die Frage schwer, ob sie sich unter heutigen Bedingungen abermals für ihren Beruf entscheiden würden. Herz und Bauch sagten zwar „ja“, der Kopf allerdings riet dazu, die Finger vom Buchhandel besser zu lassen.

„Schwer zu sagen, weil ich eigentlich mehr oder weniger so reingeschlittert bin. Gefühlsmäßig schwanke ich permanent zwischen ‚Ja‘ und ‚Nein‘. Wenn ich nachrechne, was ich in meinem ursprünglichen Beruf verdient hätte, dominiert das „Nein“, wenn ich auf meinen Bauch höre das ‚Ja‘“. – Gustav Förster von der Wein-Lese-Handlung Förster in Ganderkesee

„Schwierige Frage. Es kommt für mich drauf an, wo man letztlich hin will. Für eine Karriere, Filialleiterin, Geschäftsführerin oder eben Inhaberin, klares Ja. Für ein paar Stunden neben den Kindern und der Familie, auch auf jeden Fall. Aber als einfaches Buchhändlerlein vor sich hinzuarbeiten und versuchen, sich noch eine Rente aufzubauen – wahrscheinlich nicht.“ Nicole Jünger vom Buchladen am Neuen Markt in Meckenheim

„Schwere Frage. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen würden und wenn ich wieder 30 wäre, dann wohl ja. Ich wüsste ja dann auch gar nicht, WAS da auf mich zukäme!“ – Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm

„Ich weiß es nicht. Einerseits hat er nichts von seiner Faszination verloren. Andererseits wandelt sich unsere Branche so sehr, sodass gerade der Beruf der Buchhändlerin besonders vom Wandel betroffen ist. Sicher ist, dass heute noch viel mehr dazu gehört als Mitte der 70er Jahre. Als junger Mensch hätte ich aber vielleicht auch ganz viele Ideen, wie ich diesen Beruf neu füllen könnte. Insofern: Ich weiß es wirklich nicht!“ – Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen

„Jein – den Beruf selber finden wir immer noch klasse, zumindest in einem kleinen Laden mit selbstständiger Form der Arbeit (alle können alles machen), die Rahmenbedingungen gerade auch in Kleinstädten werden allerdings immer schwieriger.“ Sabine und Ute Gartmann von der Buchhandlung die schatuelle, Osterholz-Scharmbek – diesen Beitrag könnt Ihr ab 4. Februar hier in Gänze nachlesen

„Im Nachhinein stellt sich für mich vielmehr die generelle Frage, ob es nicht auch eine ökonomisch aussichtsreichere Alternative zu Geisteswissenschaft und Kulturbetrieb gegeben hätte. Andererseits ist man eben einfach durch seine Neigungen und Interessen bestimmt; wenn man ihnen grundlegend zuwiderhandelt, muss man sich dreißig und mehr Jahre in Zusammenhängen bewegen, die nicht die eigenen sind. Insofern: Ja, ich würde wahrscheinlich wieder einen ähnlichen Weg gehen.“ – Stefanie Diez von der Buchhandlung Die Insel im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg

Taschenbuchladen  © Taschenbuchladen

Taschenbuchladen © Taschenbuchladen

Lediglich sieben der Befragten würden als Berufsanfänger heute andere Weichen stellen. Sie beantworteten die Frage, ob sie sich abermals für eine Laufbahn als Buchhändler entscheiden würden, mit „nein“.

„Nein. Und schon gar nicht, wenn es für mehr als einen selbst reichen muss (finanziell).“- Maria Glusgold-Drews vom Buchladen MaschaKascha – Schöne Bücher in Hannover

„Wahrscheinlich nicht, weil die Zukunftsaussichten nicht wirklich rosig sind. Wie es mit dem Buchhandel in zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird, weiß niemand. Aber einfacher wird es nicht für die kleinen unabhängigen Buchhandlungen. Man braucht heute noch mehr Idealismus um diesen Beruf zu erlernen, als ich damals vor zehn Jahren.“ – Simone Dalbert von der der Buchhandlung Schöningh in Würzburg

„Nein, weil ich schon mittelfristig keine Perspektive für das Berufsbild sehe. Zu einschneidend sind die Veränderungen und Verwerfungen in der Branche.“ – Thomas Calliebe von der Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau

„Nein. Leider ist meiner Meinung nach die Zeit des Einzelhandels insgesamt vorbei. Das große Geschäft macht heute schon fast allein Amazon.“ – Lutz Heimhalt von der gleichnamigen Buchhandlung in Hamburg. Sein Beitrag ist hier in Gänze ab 18. Februar zu lesen

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Eine Übersicht, wer bislang Rede und Antwort stand, findet sich hier und zu allen empfohlenen Buchhandlungen geht es hier. Zum „Best of: Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen“ gelangt Ihr hier

Vorsicht, Buchhändler! – Best of: Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Seit einem halben Jahr stellen sich hier Buchhändlerinnen und Buchhändler vor. Mich interessiert, wie sie mit den Folgen der Digitalisierung umgehen, welche Chancen und Risiken sie sehen und wo sie Weichen stellen, um zukunftsfähig zu bleiben. Deshalb habe ich seit Juli vergangenen Jahres 133 Buchhandlungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz darum gebeten, einige standardisierte Fragen zu beantworten. Mitgemacht haben bis zum heutigen Tag 42 Sortimenter.

Obschon ich mir eine etwas regere Beteiligung erhofft hatte, ist doch so viel Stoff zusammengekommen, dass ich mich in der Pflicht sehe, die Gespräche zu resümieren und einige Thesen zu formulieren. Da viele Statements der Buchhändler und Buchhändlerinnen für sich stehen, habe ich mich zudem entschieden, die Interviewten im Rahmen der Rückschau abermals zu Wort kommen zu lassen. Und zwar in Form einer Auswahl, die ich aus den eingegangenen Antworten treffe. Obwohl es meine persönlichen Preziosen sind, nenne ich das der Einfachheit halber „Best of“.

Buchhandlung Lessing und Kompanie © Lessing und Kompanie

Buchhandlung Lessing und Kompanie © Lessing und Kompanie

Den Anfang machen heute Antworten auf die Frage „Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?“ Wer sollte es besser wissen, womit Buchhandlungen bei Kunden punkten, als diejenigen, die in ihrem Laden Tag für Tag um Anerkennung, Kundschaft und teilweise auch ums Überleben kämpfen?

Vielleicht heißt die nächste Kampagne, die auf’s Lesen und Bücher neugierig machen will, ja „Vorsicht, Buchhändler!“? – Lust, einen Buchladen zu besuchen, dürften die Stellungnahmen jedenfalls machen…

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Best of: Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

„Weil es lebendig ist, gute Laune machend, entspannend und anregend, menschlich und persönlich. Und weil es Bücher gibt. Bücher! Himmel!“ Nicole Jünger vom Buchladen am Neuen Markt in Meckenheim

„Weil Bücher etwas Tolles, etwas Faszinierendes sind. Weil man über Bücher sprechen sollte, und über die Besonderen ohnehin. Weil sonst die Gefahr besteht, dass man sie übersieht, übergeht. Und weil man in einer Buchhandlung Anregung, Inspiration bekommt – auch mal was anderes zu lesen, zu erfahren. Und weil Buchhandlungen einfach schön sind.“ Gaby Kellner von Barbaras Bücherstube in Moosburg

„Der Besuch einer Buchhandlung bringt uns einfach dazu, ein im Geist reicherer Mensch zu werden.“ David Armengou von Echo Bücher, Berlin/Wedding – alle Antworten von ihm könnt Ihr hier ab 28. Januar lesen

Schroersche Buchhandlung © Schroersche Buchhandlung

Schröersche Buchhandlung © Schroersche Buchhandlung

„Buchhandlungen sind so vieles: wichtige Tankstellen für Lesefutter und unvermutete Entdeckungen, Rettungsanker für Geburtstagseinladungen und Stöberplätze für Kinder, Jugendliche und Junggebliebene. Nicht zuletzt sind sie unglaublich wichtig für das soziale Miteinander im Ort.“ Beate Laufer-Johannes von der der BücherInsel in Frauenaurach bei Erlangen

„Weil sie uns vermissen werden, wenn wir nicht mehr da sind!“ Brigitte Gode von der Gollenstein Buchhandlung in Blieskastel

„Weil [Kunden] auf engagierte Buchhändler treffen, die mehr sind als reine Verkäufer, denen es egal ist, was sie verkaufen, Hauptsache die Quote stimmt. Und weil sie dort jenseits von Algorithmen auf Bücher treffen, individuell ausgesucht und empfohlen. Bücher, die sie auffordern ‚lies mich!‘“ Gustav Förster von der Wein-Lese-Handlung Förster, Ganderkesee

„Um sich inspirieren zu lassen. Um sich mit Anderen auszutauschen über ihre Leseerfahrungen, Lesefreuden, Büchersuche. Um sich zu entspannen und sich in angenehmer Atmosphäre eine kleine Pause zu gönnen.“ Hannah Wiesehöfer und Nina Wehner von der Buchhandlung Die Buchkönigin, Berlin-Neukölln

„Damit es im buchverbreitendem Gewerbe menschlich bleibt.“ Margarete Haimberger von der Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg

Buchhandlung Lüders © Buchhandlung Lüders

Buchhandlung Lüders © Buchhandlung Lüders

„Wo soll man sonst seine Bücher kaufen – ein Leben ohne Buchhandlung ist wie ein Leben ohne Bierkneipe – wahlweise ohne Weinlokal.“ Klaus Kowalke von Lessing und Kompanie Literatur in Chemnitz

„Weil man die Vielseitigkeit und Schönheit von Büchern nur so erleben kann. Die Entdeckung von Büchern, auf die man sonst niemals gekommen wäre.“ Britta Beecken von der Berliner Buchkantine

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„Weil wir aus dem Meer der Bücher die besten Perlen fischen.“ John Cohen von der Hamburger Buchhandlung cohen + dobernigg

„Weil sie Bücher lieben! Weil sie sich wohlfühlen in der Gesellschaft von Büchern und gerne Neues entdecken, das Gespräch darüber suchen oder einfach auch nur den Austausch mit ihrer Buchhändlerin. Und natürlich, um sich Bücher zu kaufen!“ Bettina Haenitsch von der Buchhandlung der buchladen in Seligenstadt

„Weil Buchhandlungen im Idealfall lebendige Orte der Entdeckung und Begegnung sind, die sich durch Individualität und Engagement auszeichnen.“ Holger Brandstädt von der Friedrich-Wagner-Buchhandlung, Ueckermünde

„Profan gesagt, um ein Buch zu kaufen, was man vielleicht gar nicht suchte, es aber trotzdem großartig findet. Die Buchhandlung ist nicht nur geistiger Ort in einer Stadt, sondern auch Kommunikationspunkt, Wohlfühlort und kultureller Botschafter…“ Heike Wenige vom Taschenbuchladen im sächsischen Freiberg

Buchhandlung Pro qm  ©  Katja Eydel

Buchhandlung Pro qm © Katja Eydel

„Letztlich gibt es ein paar tausend Gründe … vom Glücksgefühl bis zum Trennungsschmerz. Man muss nur neugierig sein!“ Beate und Mischa Klemm mit der Buchhandlung lesen und lesen lassen, Berlin/Friedrichshain

„Weil Buchhandlungen besondere Orte sind und es dort wie eh und je sehr viel zu entdecken gibt! Ein Buchladen ist ein lebendiger, kreativer Prozess, der sich zwischen den Repräsentanten des Geschäfts und seinem Publikum abspielt: Wir zünden den Funken in unseren Kunden und umgekehrt bekommen wir viele Anregungen zurück, die dann wieder in unser Sortiment einfließen.“ Stefanie Diez von der Buchhandlung Die Insel im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg

„Buchkauf ist Vertrauenssache, darum! Wir fragen auch nach dem Grund des Wunsches, um das optimal passende Buch für den Kunden zu finden, bieten Alternativen und Ergänzung und ganz wichtig: raten auch ab!“ Edda Braun von der Buchhandlung am Turm, Ochsenfurt

Anna Jeller Buchhandlung ©  Jacqueline Godany

Anna Jeller Buchhandlung © Jacqueline Godany

„Es riecht gut, es sind nette Menschen vor und hinter dem Tresen, mit Chance entstehen interessante Gespräche und last but not least – jede Menge schöner Bücher zum Anschauen/Lesen/Grabbeln.“ Sabine und Ute Gartmann von der Buchhandlung die schatuelle, Osterholz-Scharmbek – diesen Beitrag könnt Ihr ab 4. Februar hier in Gänze nachlesen

„Um Freude zu haben!“ Thomas Bleitner von der Hamburger Buchhandlung Lüders

Warum ich nicht mehr in Buchhandlungen gehe. – Ein Gast- beitrag von Norbert W. Schlinkert

Im Rahmen der losen Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” hatte ich vorgeschlagen, dass Ihr Gastbeiträge beisteuern könntet. Schilderungen aus dem Buchhändleralltag oder, was auch immer… Erfahrungsberichte zum Beispiel: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen?

Nach der Polemik von Stefan Möller aka @Hedoniker Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden!, die reichlich Wind machte, der Replik darauf von Lorenz Borsche, dem Brief des sterbenden Bildungsbürgers vom Krankenbett herab, dass kein Ausweg sei aus der Feder von Sandhofer, Gerrit van der Meers persönlichem Bericht Draußen vor der Tür. Als arbeitsloser Buchhändler nachts in einer fremden Stadt und Guido Rohms Abgesang Ein Ort für Elben steuert heute Norbert W. Schlinkert einen Beitrag bei.

Norbert, der auch als bildender Künstler unterwegs gewesen ist, veröffentlichte 2005 seine Studie „Wanderer in Absurdistan. Novalis, Nietzsche, Beckett, Bernhard und der ganze Rest“ (Königshausen & Neumann) und wurde 2009 mit seiner Studie „Das sich selbst erhellende Bewußtsein als poetisches Ich. Von Adam Bernd zu Karl Philipp Moritz, von Jean Paul zu Sören Kierkegaard“ promoviert; das Buch erschien Ende 2010 im Wehrhahn-Verlag. Für sein aktuelles, soeben beendetes Romanprojekt wurde ihm 2010 ein Aufenthaltsstipendium des Künstlerdorfes Schöppingen zugesprochen. – Kennengelernt haben wir uns, weil er sein literarisches Weblog Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen im Rahmen der Steglitzer Blogger-Interviewreihe auf Empfehlung von Phyllies Kiehl aka Miss TT vorgestellt hat. – Ich sage Norbert für seinen Gastbeitrag danke.

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Vorsicht Buchhandel! Zu Risiken und Nebenwirkungen … Von Norbert W. Schlinkert

Mich sieht selten eine Buchhandlung in sich hineinspazieren. Dabei konnte ich mir bis Mitte der 1990er Jahre kaum Schöneres vorstellen (einiges natürlich schon), als in eine hineinzugehen und dort das Angebot auf mich wirken zu lassen. In meiner Jugend habe ich, in einer Kleinstadt im südöstlichen Ruhrgebiet mit kaum 50.000 Einwohnern, oft Stunden in der Buchhandlung verbracht und mich zum Beispiel entscheiden müssen und vor allen Dingen können, welche Dostojewski-Übersetzung von „Der Idiot“ ich kaufen soll – die Bücher standen im Regal. Mit ellenlangen Wunschlisten habe ich mit dem Rad Pilgerfahrten zu den Dortmunder Buchhandlungen unternommen und bin manchesmal nach Münster getrampt – alles der Bücher wegen, die ich in Augenschein nehmen, in die Hand nehmen wollte, die ich hineinlesend ergründen wollte. Zu Beginn meiner Zeit in Berlin fuhr ich noch von Prenzlauer Berg zu Kiepert am Ernst-Reuter-Platz, bis die sich entschlossen, alles bunt und lustig und kommunikativ zu machen, nur um pleite zu gehen. Alles vorbei!

"Bücher, die mit mir arbeiten" © Norbert W. Schlinkert

„Bücher, die mit mir arbeiten“ © Norbert W. Schlinkert

Nun, angesichts der Buchhändler:innen-Interviews auf SteglitzMind habe ich mich also gefragt, warum ich nicht mehr in Buchhandlungen gehe. Warum ich als Cineast kaum mehr ins Kino gehe, das weiß ich, aber warum nicht mehr zu den Büchern? Ganz einfach, sie sind nicht mehr dort, sie warten nicht mehr auf mich und die anderen Leser meines Schlages. Bin ich aus der Zeit gefallen? Liegt es an mir? Nicht etwa, dass es nicht vereinzelt gute Buchläden gäbe, aber da muss man schon Glück haben, dass sich einer in der Nähe befindet. Zugegeben, ich bin inzwischen eindeutig überqualifiziert und kann nicht erwarten, meine Interessen in einer jeden Buchhandlung berücksichtigt zu finden, es sei denn, es handele sich um eine sogenannte Universitätsbuchhandlung, aber auch da wäre ich inzwischen skeptisch angesichts der um sich gegriffenen Verschulungstendenzen an den Hochschulen, die mehr und mehr zu reinen Ausbildungsstätten für die Wirtschaft verrohen.

Komme ich denn nun nicht mehr an meine Bücher? Doch, natürlich, und zwar wie viele andere Leser auch – ich bestelle sie selbst, oft antiquarisch, und lasse sie mir zu „meiner“ Packstation schicken, wo ich sie auf dem Rückweg vom Einkauf abhole. Eine Buchhandlung würde bei diesem Prozess nur stören. Selbstverständlich, das wäre ein Einwand: Ich könnte das Buch, wenn es sich um ein Neubuch handelt, das der Zwischenhändler auf Lager hat, auch auf der Website einer kleinen Buchhandlung bestellen. Warum tue ich das nicht? Nun, abgesehen davon, dass viele Buchhandlungen inzwischen ästhetisch höchst fragwürdig kunterbunt aussehen wie Kindertagesstätten, und sich auch nicht selten so anhören, habe ich mir zwei, drei Mal diese Blicke der Buchhändlerinnen angetan, die unverhohlen die Nachricht aussendeten, dass sie mich für einen Spinner halten, einen Menschen, der „schwierige“ Literatur liest und gar noch philosophische Bücher. Da fühlte ich mich fehl am Platze, ausgegrenzt und vertrieben. Entschuldigen Sie bitte meine Empfindlichkeit!

Warum machen eigentlich die Buch-Zwischenhändler keine Buchläden auf? Aus dem gleichen Grund, warum die Anbieter von Haushaltsgegenständen und Goldschürfausrüstungen nicht auf Goldsuche gehen. Das Gold wird nämlich immer weniger, je mehr danach suchen. Klar ist das kein gutes Beispiel für den Buchhandel, alle Beispiele hinken, weswegen man am besten das Original betrachtet. Doch was ist das Original? Meiner Ansicht nach ist das Original die immer noch sehr bunte Verlagslandschaft in Deutschland, getragen vor allem von viel, sehr viel aufopferungsvoller Arbeit der Autoren und Verlage und Lektoren und Übersetzer und geschützt von der Buchpreisbindung – fiele diese, so setzten sich auf dem Markt schnell die durch, die mit einer Ware handeln, die nur zufällig Buch heißt und nicht Banane.

Ich kann mich wie die meisten Menschen sehr gut ohne Buchhändler über Bücher informieren, die noch nicht beworbene kommende Massenware mal ausgenommen – warum also, die Frage wird nicht weniger, eine Buchhandlung aufsuchen? Ab und zu gucke ich bei einem Discount-Buchhändler nach preisreduzierten DVDs, manche kaufen da regelmäßig ihre Schokolade. Es scheint allerdings, wie ich neulich mitbekam, eine Kampagne des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zu geben, die alle Menschen zum Buchhändler ihres Vertrauens und zum Buch selbst führen soll. Drei Millionen Euro hat sich der Börsenverein das angeblich kosten lassen, an Geld scheint es denen ja nicht zu mangeln, wenn ich auch ein wenig daran zweifle, ob der Name der Kampagne gut gewählt ist, nämlich „Vorsicht Buch!“ Abgesehen davon, dass die meisten Menschen davon sicher noch nichts gehört haben, sollte es, angesichts der Realität, wohl eher heißen „Vorsicht Buchhandel!“ – zu Risiken und Nebenwirkungen …

© Norbert W. Schlinkert 2013

Fünf vor Zwölf. Gerrit van der Meer schlägt Alarm

Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA wird tiefer in die europäische Kulturlandschaft eingreifen als jedes Abkommen zuvor. Sämtliche Fördermaßnahmen der EU-Mitgliedsstaaten und der EU zugunsten der europäischen audiovisuellen Medien und anderer Kulturträger werden infrage gestellt. Laut WTO haben diese Fördermaßnahmen protektionistische Wirkungen, da sie nichteuropäische Werke auf dem europäischen Markt schlechter stellen als europäische Werke.

Es entsteht ein Konflikt mit den Regelungen des Welthandelsrechts, das ein generelles Diskriminierungsverbot vorsieht.

Die bestehenden umfassenden Ausnahmeregelungen führen bisher im Ergebnis noch zu einer Vereinbarkeit der Fördermaßnahmen mit dem Recht der WTO.

Aufgrund der fortschreitenden  Liberalisierung ist davon auszugehen, dass das Diskriminierungsverbot auch für alle Ausnahmeregelungen (Buchpreisbindung, Filmförderung, Theatersubventionen etc.) Anwendung finden wird.

Durch das Sommerloch und die Überlagerung durch den NSA Skandal ist das Thema Freihandelsabkommen leider sehr in dem Hintergrund gedrängt worden. Eine öffentliche Wahrnehmung der Verhandlungen findet in der breiten Öffentlichkeit kaum statt.

Im Rahmen einer SPD Veranstaltung hatte ich gestern die Gelegenheit mich mit einigen Kommunalpolitikern und Kandidaten für die Landtags- und Bundestagswahl zu unterhalten.

Das Freihandelsabkommen war dort kaum im Bewusstsein vorhanden. Viele hatten zwar davon gehört, waren aber über die Inhalte und die möglichen Folgen nicht informiert.

blue moon sailing © Gerrit van der Meer

blue moon sailing © Gerrit van der Meer

Erschreckend, wenn man bedenkt, welche Auswirkungen es auf das direkte Lebensumfeld der Menschen haben wird. Programmkinos, Buchhandlungen, Theater und andere Kultureinrichtungen würden weitestgehend verschwinden. Kleine unabhängige Verlage müssten um ihre Existenzgrundlage fürchten. Die Innenstädte und die Ortskerne der Gemeinden würden noch weiter veröden. Die kulturelle Identität Europas, die sich über ihre vielen, auch kleinen Blüten definiert, wäre ernsthaft in Gefahr.

Die Oscar Preisträger Pedro Aldomovar und Michael Hanneke haben bereits lautstark gegen die zu befürchtenden Auswirkungen der Freihandelsabkommens auf die europäische Filmlandschaft protestiert.  Bis heute unterstützt jedoch nur Frankreich dieses Anliegen.

Frankreich drängt darauf, dass die Kultur aus den Verhandlungen ausgeklammert wird. Das europäische System der Förderung für Bücher, Filme, Kunst, Theater, kurz die gesamte europäische Kulturförderung durch die einzelnen Mitgliedsstaaten und die EU wäre sonst gefährdet und könnte von den USA rechtlich angegriffen werden.

Die Europäische Kommission unterstützt die französischen Vorbehalte allerdings kaum. Handelskommissar Karel De Gucht möchte die Kulturthemen weiter auf dem Verhandlungstisch belassen.

So ist z. B. noch ungeklärt, ob E-Books Teil der Verhandlungen sind. Sie gelten rechtlich als Dienstleistung und fallen damit nicht unter die kulturelle Ausnahme. Besonders Amazon drängt darauf die E-Books in das Abkommen auf zu nehmen. Würde dieses geschehen, hätte Amazon endlich die Möglichkeit, die Buchpreisbindung, die wichtigste Stütze des Buchmarktes in Deutschland und Frankreich, aus zu hebeln.

Liebe Kollegen, es ist wichtig, das Bewusstsein für die möglichen Auswirkungen des Freihandelsabkommens zu wecken. Es nutzt nichts, wenn einige wenige Bundestagsabgeordnete davon wissen. Reden Sie mit ihren Bürgermeistern und Gemeinderäten vor Ort. Wie bei der bereits erfolgreichen Buy Local Bewegung müssen wir die Aufmerksam für die Probleme auf kommunaler Ebene wecken und den Druck nach oben, an die Entscheidungsträger in den Parlamenten weitergeben. Noch ist dafür Zeit. Wir sollten allerdings nicht bis Fünf vor Zwölf damit warten…

© Gerrit van der Meer

Best of: Verlagsabsagen – Das Problem mit den Socken

Verlagsabsagen können einen heftig vor den Kopf stoßen; sie sind aber längst kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Nehmen wir zum Beispiel Thorsten Nesch, der mit seinem vergnüglichen Drei-Teiler „Von Musterabsagen und Meisterabsagen“ hier einen Anfang für eine kleine Blütenlese „Best of: Verlagsabsagen“ gemacht hat. Wie andere auch nahm er die Absagen sportlich und jene seiner Publikationen in die eigene Hand, die Verlage nicht verlegen mochten.

Nikola Hahn – die das Procedere heute aus der Sicht jener betrachtet, die abschlägige Bescheide verschicken – ließ sich ebenfalls nicht unterkriegen. Vielmehr nahm sie die Absage eines Verlages sogar zum Anlass, um einen eigenen Verlag zu gründen – und zwar einen Verlag ohne Bücher! Unter dem Leitgedanken „Lieber Autor, ich bedauere, aber Bücher passen leider nicht in unserer Verlagsprogramm! Mit vielen Grüßen Ihr Verleger“ ging Thoni – der Verlag ohne Bücher im September 2011 bei blog.de und blogspot.com als interaktives Schreibprojekt an den Start. – Und ich empfehle Euch, dort zu stöbern und zu lesen.

Hinter dem Kabinettstücken stand die Idee, den Umbrüchen in der Buchbranche mit Hilfe eines Personenensembles ein Gesicht zu geben. Die abgefahrene Geschichte rund um einen Verleger namens DER VERLEGER, die eigentlich nichts anderes als eine Hommage an das Buch und das Lesen ist, beendete Nikola nach sieben Monaten. Und  zwar deshalb, um nun den Thoni Verlag mit Büchern zu gründen. Das erste Programm auf Papier und als E-Book stand im Oktober 2012 auf eigenen Beinen: Bücher & Kunst von Nikola Hahn. – Ich sage Nikola danke für ihren Beitrag und Petra Samani für zwei Paar Socken via Twitter.

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Das Problem mit den Socken. Oder: Von der Schwierigkeit ein Manuskript loszuwerden

Am Anfang aller Träume steht eine Idee – die Idee, zur schreibenden Zunft zu gehören. Die Idee wird mit Begeisterung und Schaffenskraft umgesetzt und in ein mehr oder weniger umfangreiches Manuskript gegossen. Nach der ganzen Plackerei wartet schließlich der Erfolg: die Veröffentlichung des Werkes, Anerkennung, Lob und bare Münze. Denkt man.

Spätestens, wenn der Postmann zum zehnten Mal klingelt und dem angehenden Bestsellerautor sein hoffnungsfroh verschicktes Päckchen wieder in die Hand drückt, verwandeln sich die rosarotesten Träume in schwarze Gewitterwolken, die sich je nach Mentalität des verkannten Autors oder der verkannten Autorin in Tränenausbrüchen, Wutanfällen, Depressionsschüben oder Selbstzweifeln entladen.

Absagebriefe von Verlagen sind eine Kollektiverfahrung angehender Schriftsteller und ein empfindlicher Schlag in ihr Inneres, mit dem sie erst einmal fertig werden müssen. Dass diese Schreiben im Computerzeitalter in über 90% der Fälle genormte Massenprodukte sind, die sich bestenfalls im Briefkopf des absendenden Verlages unterscheiden, erhöht ihre Folterwirkung auf die Seele eines Schreiberlings eher, als dass es sie mindert, denn ein Manuskript, an dem man mit aller Kraft Monate oder sogar Jahre gearbeitet hat, mit einem nichtssagenden Formbrief zurückzubekommen, muss als Missachtung verstanden werden. Denkt man.

Spätestens, wenn sich die Gelegenheit ergibt, mit Leuten zu reden, die „auf der anderen Seite“ stehen, kommen Zweifel. Aber wie macht man die jemandem verständlich, der schon das zweite oder dritte Dutzend Absagebriefe in der Hand hält und immer noch nicht weiß, warum sein Manuskript wirklich abgelehnt wurde? Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, über so ein emotional belastetes Thema objektiv zu sprechen? Ich glaube, ja. Und zwar dann, wenn es gelingt, in Büchern das zu sehen, was sie sind: Verkaufsartikel, die wie alle anderen Waren den Gesetzen der Marktwirtschaft umso mehr unterliegen, je höher der Anspruch ist, von vielen gelesen zu werden. Also legen wir das von Träumen, Wünschen und Mystifikation umgebene Produkt Buch zur Seite und betrachten uns die Regeln dieses nüchternen Marktes an einem weniger emotionsgeladenen Artikel: Nehmen wir einfach an, wir wollten statt Bücher Socken verkaufen!

selbstgestrickt © Petra Samani

selbstgestrickt © Petra Samani

Am Anfang steht die Idee, für meine Familie oder für mich ein Paar Socken zu stricken. Irgendwann hat man das Stricken schließlich gelernt, zwei rechts, zwei links! Also wird die Idee mit Begeisterung und Schaffenskraft umgesetzt, und meine Lieben werden mit Ringelsöckchen in ihren Lieblingsfarben beglückt. Sie sind begeistert (oder trauen sich nicht, es nicht zu sein) und ermuntern mich selbstverständlich dazu, weiterzumachen. Schließlich ist es heutzutage eine Seltenheit, dass jemand selber strickt! Das Lob ist Balsam für mein Selbstwertgefühl, und ich überlege, ob sich nicht auch andere Menschen für meine Söckchen begeistern könnten. Ich fange an, mich mit Socken generell zu beschäftigen und stelle Vergleiche an. Ich gehe ins Kaufhaus und schüttele den Kopf über die Massenware, die dort ausliegt und die überhaupt keinen Vergleich mit meinen Söckchen aushalten kann.

Schließlich komme ich zu dem Schluss, dass sich alle Welt auf meine Söckchen stürzen würde, wenn sie denn wüsste, dass es sie gäbe. Ich nehme also die zehn schönsten, verpacke sie sorgfältig und schicke sie an die Söckchenverkaufsleiter großer Kaufhäuser. Selbstverständlich bin ich überzeugt, dass mindestens acht davon schon beim Auspacken so begeistert sein werden, dass sie sofort mit mir ins Geschäft kommen wollen.

Machen wir an dieser Stelle einen kleinen Schnitt und schlüpfen in die Haut eines langjährig verantwortlichen Verkaufsleiters für den Söckchenstand im Kaufhaus X. Er hat seine Stammkunden und weiß genau, was sie gerne kaufen. Danach richtet er seine Kollektion aus, und er fährt nicht schlecht damit. Wenn er sehr engagiert ist, was wir einmal unterstellen, wird er sich für alles interessieren, was mit dem Söckchenmarkt zusammenhängt und sich selbstverständlich auch über aktuelle Trends informieren und neuen Ideen gegenüber aufgeschlossen sein.

Nun liefert ihm der Postbote jeden Tag zusätzlich zu seiner umfangreichen Geschäftspost zwischen fünf und zehn Päckchen von Leuten, die gerne stricken und der Meinung sind, dass ihre Ringel-, Bett-, Wander- oder Spitzensöckchen das absolute Nonplusultra sind. Da unser Söckchenverkäufer, wie erwähnt, grundsätzlich neue Ideen gut findet, packt er selbst das zehnte Päckchen noch mit einer gewissen Neugier aus. Und was findet er vor? Grün-gelbe Ringelsöckchen, die er schon im vergangenen Jahr nicht hat verkaufen können, Söckchen mit fallengelassenen Maschen, schnell und hastig zusammengestrickt, daneben aber auch hin und wieder kleine Meisterwerke der Strickkunst, die er vielleicht sogar verkaufen könnte, wenn sie eine andere Farbe oder Größe hätten.

Eigentlich müsste unser Söckchenverkäufer nun verschiedene Briefe schreiben, in denen er den Absendern erklärt, dass ihre Waren in Stil und Qualität leider nicht dem entsprechen, was seine Kunden wünschen. Wenn er ehrlich wäre, würde er dem Ringelsöckchenstricker schreiben, dass diese Art von Socken seit Jahren kein Mensch mehr kauft. Dem mit den fallengelassenen Maschen müsste er sagen, dass er nichts vom Sockenstricken versteht und sich besser ein anderes Handwerk aussuchen sollte. Und dem dritten schließlich könnte er antworten, dass ihm seine Strickwaren zwar sehr gut gefallen, dass sie von der Form und Größe jedoch nicht in sein Sortiment passen. Aber was würde passieren, wenn unser Söckchenverkäufer sich tatsächlich dieser Mühe unterziehen würde?

Ganz abgesehen davon, dass es ihn eine ganze Menge Zeit kosten würde, an jeden persönlich zu schreiben, würde ihm der erste Söckchenstricker wohl zurückschreiben, dass es eine Anmaßung sei, zu bestimmen, welche Socken die Leute anziehen wollten und welche nicht. Schließlich gebe es unter seinen unzähligen Bekannten und Verwandten keinen einzigen Menschen, der etwas gegen grün-gelbe Ringelsöckchen einzuwenden habe, und man müsse den Leuten nur zeigen, wie schön diese Ringelsöckchen seien, um sie zum Kauf zu bewegen.

Der zweite Strickmeister würde wahrscheinlich vor Wut zum Telefonhörer greifen und unseren armen Söckchenverkäufer beschimpfen, wie er es wagen könne, seine Söckchen zu verunglimpfen. Immerhin stricke er schon seit Jahren so, es sei sein Stil. Und er lasse sich doch nicht von so einem hergelaufenen Söckchenverkäufer mangelndes Talent bescheinigen!

Und der dritte schließlich könnte auf die Idee verfallen, die wohlmeinende Absage als Aufforderung zu werten, mit seiner Gesamtkollektion persönlich zu erscheinen, um vielleicht doch noch ins Geschäft zu kommen. Unser armer Söckchenverkäufer würde also irgendwann seine Tage nur noch damit verbringen, sich mit unaufgefordert zugeschickten Söckchenpaketen und deren Absendern herumzuärgern. Weil er dem aus dem Weg gehen möchte, hat er einen Standardbrief aufgesetzt, der folgendermaßen lautet:

Sehr geehrte/r Herr/Frau Söckchenstricker(in),

haben Sie vielen Dank für die Zusendung Ihrer Strickwaren, die wir im Hinblick auf eine Vermarktung in unserem Hause gewissenhaft geprüft haben. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass unsere Kollektion bereits langfristig festgelegt ist und wir deshalb keine Möglichkeit sehen, Ihre Produkte in unser Verkaufsangebot aufzunehmen. 

Wir möchten Sie bitten, in dieser Ablehnung keine Missachtung Ihrer Arbeit sehen zu wollen. 

Für das unserem Haus entgegengebrachte Vertrauen bedanken wir uns und verbleiben

mit freundlichen Grüßen

i.A. (Unterschrift)

Eine Woche später bringt mir der Postbote mein erstes von zehn Päckchen mit diesem Brief zurück. Zuerst bin ich enttäuscht. Aber dann denke ich mir, einen Ignoranten gibt es immer, und neun Chancen habe ich ja noch. Leider schwinden sie von Tag zu Tag, und mit ihnen meine gute Laune, die sich nur phasenweise hebt, wenn ich glaube, Wohlwollendes zwischen den Zeilen zu lesen:

Mit unserer Entscheidung ist kein Werturteil verbunden; es kann also durchaus sein, dass Sie bei einem anderen Söckchenverkäufer bessere Chancen für eine Vermarktung haben.

Das lässt mich meine verschmähte Söckchensammlung sofort an zehn weitere Kaufhäuser schicken.

Spätestens, wenn ich dem Postboten das Du angeboten habe, weil ich ihn öfter sehe als meinen Ehemann und die abgelehnten Söckchen vom vielen Herumschicken schon leicht angeschmuddelt sind, fange ich an zu begreifen, dass mein ganzes Tun nicht mehr ist als ein Beitrag zur Sanierung der Deutschen Post AG, und die erwähnten Gewitterwolken entladen sich. Ich male mir in aller Genüßlichkeit aus, wie ich irgendeinen Söckchenverkäufer erwürge, oder, noch besser: wie ich ihn verhöhnen werde, wenn ich eines Tages mit meinen Söckchen den Renner liefere und einer seiner Konkurrenten damit das Geschäft seines Lebens macht! Oder ich schmeiße meine Söckchen in den Müll und die Stricknadeln gleich dazu und hoffe, dass man sie in hundert Jahren wieder ausgräbt und mir post mortem die Ehre zuteil wird, der am meisten verkannte Söckchenstricker des 20. Jahrhunderts gewesen zu sein!

Einige Tage später, wenn Wut und Selbstmitleid verraucht sind, spüre ich das unbändige Verlangen, neue Söckchen zu stricken, und irgendeine kleine Stimme in meinem Kopf flüstert mir zu, dass es in der Bundesrepublik schließlich mehr als zwanzig Söckchenverkäufer gibt und ich bislang wohl ausgerechnet die dümmsten davon erwischt habe.

Spätestens, wenn ich diese Stufe erreicht habe, wird die Idee der Söckchenverkäufer, sich mit ihren wohlfeilen Standardbriefen die lästigen Söckchenstricker galant vom Hals zu halten, zum bitterbösen Bumerang. Da ich nicht weiß, warum meine Söckchen keine Gnade fanden, und das einzige, an das ich mich halten kann, nette Formulierungen sind, die mir suggerieren, dass meine Arbeit wenigstens aufmerksam geprüft wurde (also kann sie so schlecht ja auch wieder nicht sein), werde ich immer weiter meine Söckchen in alle Welt verschicken. Irgendwann muss doch mal jemand die Qualität erkennen! Das kann sich schlimmstenfalls über Jahre hinziehen und den rosarotesten Traum in den schwärzesten Alptraum verwandeln, der mich und mein ganzes Leben auf die Frage reduziert, wie es sein kann, dass in Deutschland pro Jahr Millionen mehr oder weniger mieser Söckchen verkauft werden, während meine ihr Dasein in stickigen Postkartons zubringen müssen.

Spätestens dann sollte der Punkt erreicht sein, an dem ich in meinem eigenen Interesse meine Söckchen ganz genau unter die Lupe nehme, ein paar Fragen stelle und sie auch ehrlich beantworte:

1. Gibt es außer Söckchenstricken nicht noch andere, wichtigere Ziele in meinem Leben?

2. Taugen die mit viel Liebe gestrickten, eigentlich für meine Familie gedachten Ringelsöckchen überhaupt dazu, in aller Öffentlichkeit ausgestellt zu werden?

3. Habe ich mich über verschiedene Stricktechniken nicht nur informiert, sondern diese auch genügend erprobt?

4. Sind meine Päckchen professionell gepackt gewesen?

5. Habe ich mich genügend mit den Gesichtspunkten des Verkäufers beschäftigt, der bei allem Wohlwollen seine Kalkulation nicht aus den Augen verlieren darf?

6. Bin ich bereit, notfalls etwas ganz Neues zu machen, um zum Ziel zu kommen?

7. Würde ich es akzeptieren, wenn man mich auffordern würde, wesentliche Dinge an Form und Größe zu ändern, ohne das als Angriff auf meine Person misszuverstehen?

8. Kann ich so viel Distanz zu meiner Arbeit aufbringen, um sie nach objektiven Gesichtspunkten zu beurteilen und zu kritisieren?

Jedes „Ja“ wird mir helfen, meine Produkte besser an den Mann zu bringen und Ablehnung weniger als Beleidigung, sondern vielmehr als Aufforderung zu werten, an der Perfektion meines Handwerks zu arbeiten. Und was für Socken gut, ist, kann für Bücher allemal billig sein, oder?

© Nikola Hahn

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Über die Zeitpunkte des Eintreffens von Verlagsabsagen machte sich Michael Röder so seine Gedanken: Ein Bauantrag geht schneller durch!