Die Buchhandlung setzte ein Gesicht auf, als würde sie einer Kette angehören. – Ein Gastbeitrag von Guido Rohm

Im Rahmen der losen Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” hatte ich vorgeschlagen, dass Ihr Gastbeiträge beisteuern könntet. Schilderungen aus dem Buchhändleralltag oder, was auch immer… Erfahrungsberichte zum Beispiel: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen? Nach der Polemik von Stefan Möller aka @Hedoniker Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden!, die reichlich Wind machte, der Replik darauf von Lorenz Borsche, dem Brief des sterbenden Bildungsbürgers vom Krankenbett herab, dass kein Ausweg sei aus der Feder von Sandhofer und Gerrit van der Meers persönlichem Bericht Draußen vor der Tür. Als arbeitsloser Buchhändler nachts in einer fremden Stadt steuerte heute Guido Rohm, Schriftsteller, Künstler und Blogger, einen Beitrag bei. – Ich sage dafür herzlich danke.

Was Guido schreibt, passt in keine Schublade. Für Untat, seine jüngste Veröffentlichung, bürstete er beispielsweise das Krimigenre gegen den Strich. Auch unsere erste Begegnung verlief unorthodox: Sein Beitrag im Rahmen der Gesprächsreihe Steglitz stellt bibliophile Blogger vor sprengte die Regeln. – Was kann man anderes von einem erwarten, der gestammelte Notizen bloggt?

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Ein Ort für Elben. Von Guido Rohm

Buchhandlungen, also die unabhängigen, die, die keiner Kette angehören, sind für mich als Autor schwer einzuschätzen. Bot einer meiner kleinen Verlage, bei denen ich veröffentliche, einer von ihnen an, eine Lesung zu veranstalten, drucksten sie meist herum. Man müsse sich das überlegen.

Sie sollten sich keine Sorgen machen, sagte einer meiner Verleger zu den Besitzern der Buchhandlungen. Er würde die Bücher mitbringen, den Wein. Die Bücher dürfe die Buchhandlung selbstverständlich verkaufen. Darum ginge es ja. Ein Geschäft, so konnte man denken, dass für beide Seiten lukrativ ist.

Ich kenne nicht alle Buchhandlungen in diesem Land, auch wenn ich das gerne tun würde. Wo hält man sich am liebsten auf? Wo halte ich mich am liebsten auf? Richtig, in einer mit Büchern vollgestopften Buchhandlung. Ein Ort, der mit Fantasie so vollgestopft ist, dass man jeden Moment damit rechnen muss, dass ein Elb um die Ecke gelaufen kommt.

Meine Lieblingsbuchhandlung, die ich früher hier in Fulda, wo ich wohne, hatte, war eine Buchhandlung, die alles das besaß, was ich erwartete, und vor allem das bot, was ich mir von einem solchen Ort erträumte: Hohe Bücherregale, so hoch, dass man zu den Gipfeln nur mit Hilfe einer Leiter stürmen konnte. Links und rechts der Eingangstür befanden sich zwei Regale, die mit lauter gelben Reclamheften bestückt waren. Eng an eng standen sie da, und ich musste jedes Mal, wenn jemand kam oder ging, einen Schritt in den Laden machen, um Platz für die- oder denjenigen zu machen. Es machte Mühe, die keine Mühe, sondern ein Riesenspaß war.

Das Finden der Bücher war ein Job, er war der, den man am liebsten bezahlt bekommen hätte. Nicht lange und ich kannte mich besser wie manche der Buchhändlerinnen aus. „Haben Sie was von Lem?“, fragte ein älterer Herr. Die Verkäuferin, deren Brille an eine Kette hing, zuckte mit den Schultern. Sie glaube nicht, sie müsse erst nachsehen. „Doch, doch!“, rief ich. „Hier ist er doch!“

Es war, als würde man die Nachmittage mit seinen besten Freunden, die alle längst tot waren, verbringen. Es war bizarr und schön zugleich.

Guido Rohm © Alfred Harth

Guido Rohm © Alfred Harth

Später, es ist ein paar Jahre her, verkaufte man den Laden. Es war für die ehemaligen Besitzer schwer geworden, zu überleben. Die großen Buchhandelsketten tauchten auf. Das Internet. Plötzlich wurde aus meiner Privatangelegenheit etwas, das keinen Spaß mehr machte, weil die Wände voller Suhrkamp-Bücher, und jene in denen meine geliebten Heyne-Science-Fiction-Romane untergebracht waren, von den Büchern, die die Ketten für wichtig hielten, verdrängt wurden.

Die Buchhandlung, in der ich mich so viele Jahre lang wohlgefühlt hatte, setzte nicht auf Individualismus oder darauf, eine gewissen Eigenständigkeit zu bewahren, sondern sie setzte ein Gesicht auf, als würde sie auch einer Kette angehören.

Und ohne dass sie es bemerkte, begann sie zu sterben, weil die Leute gar nicht wussten, warum sie die kleine Schwester einer großen Schwester aufsuchen sollten. Warum sollten sie sich mit einer Kopie zufrieden geben, wenn das Original, das natürlich auch nur eine Kopie zahlloser anderer Kopien war, alles das im Überfluss bot, was die kleine Schwester mit trauriger Hand reichte.

In dieser Zeit bemühte sich mein damaliger Verleger, aber auch meine Frau, die sich um solche Sachen wie Lesungen und Kritiker verwünschen kümmert, um eine Lesung in der Buchhandlung, die in meinen Kindheits- und Jugendtagen so etwas wie meine Heimat gewesen war.

Nein, man habe kein Interesse. Sie lehnten ab, obwohl ich kein Risiko darstellte, außer dem Risiko, nicht so bekannt zu sein, wie sie es sich erhofften.

Die kleine Schwester, so kam es mir vor, wollte wie die große sein, und das brach ihr schließlich das Genick. – Wie ich kürzlich las, wird die Buchhandlung schließen, auch wenn sie noch eine weitere, auf Kinderbücher und Krimskrams spezialisierte Filiale, die in einem Einkaufszentrum untergebracht ist, weiterbetreiben wird; immer in der Hoffnung, so zu werden, wie all die gleichaussehenden austauschbaren Filialen der Ketten.

Ich kenne, wie eingangs bereits geschrieben, nicht alle Buchhandlungen. Wie könnte ich sie auch alle kennen, es würde Zeit und Geld voraussetzen, dass ich nicht habe.

Überleben werden sie aber, da bin ich mir sicher, nur, wenn sie lernen, sich auf ihre Stärken zu besinnen. Wenn sie wieder zu jenen Trutzburgen werden, in denen die Leser sich vor den Massen an schlechten Büchern verstecken können, die wie eine Armee auf den Tischen der Ketten liegen.

Bücher sind etwas, in das man einkehrt, sie sind etwas, in dem man sich versteckt, in dem man kauert, um die schlechten Zeiten, die wir alle hin und wieder durchmachen, zu überstehen. Für mich war das so. Es ist ein alter wiederkehrender Traum im Winter vor dem Kamin in einem Sherlock Holmes zu schmökern.

Und wenn Bücher eine Rückkehr sind, sollten Buchhandlungen Orte sein, an denen die Zeit keine Chance hat.

Unbestechliche Plätze, die sich keiner Mode anpassen müssen, weil die Fantasie nie einer Mode unterworfen war. Weil sie seit allen Zeiten Hochkonjunktur hat.

© Guido Rohm

Fünf vor Zwölf. Gerrit van der Meer schlägt Alarm

Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA wird tiefer in die europäische Kulturlandschaft eingreifen als jedes Abkommen zuvor. Sämtliche Fördermaßnahmen der EU-Mitgliedsstaaten und der EU zugunsten der europäischen audiovisuellen Medien und anderer Kulturträger werden infrage gestellt. Laut WTO haben diese Fördermaßnahmen protektionistische Wirkungen, da sie nichteuropäische Werke auf dem europäischen Markt schlechter stellen als europäische Werke.

Es entsteht ein Konflikt mit den Regelungen des Welthandelsrechts, das ein generelles Diskriminierungsverbot vorsieht.

Die bestehenden umfassenden Ausnahmeregelungen führen bisher im Ergebnis noch zu einer Vereinbarkeit der Fördermaßnahmen mit dem Recht der WTO.

Aufgrund der fortschreitenden  Liberalisierung ist davon auszugehen, dass das Diskriminierungsverbot auch für alle Ausnahmeregelungen (Buchpreisbindung, Filmförderung, Theatersubventionen etc.) Anwendung finden wird.

Durch das Sommerloch und die Überlagerung durch den NSA Skandal ist das Thema Freihandelsabkommen leider sehr in dem Hintergrund gedrängt worden. Eine öffentliche Wahrnehmung der Verhandlungen findet in der breiten Öffentlichkeit kaum statt.

Im Rahmen einer SPD Veranstaltung hatte ich gestern die Gelegenheit mich mit einigen Kommunalpolitikern und Kandidaten für die Landtags- und Bundestagswahl zu unterhalten.

Das Freihandelsabkommen war dort kaum im Bewusstsein vorhanden. Viele hatten zwar davon gehört, waren aber über die Inhalte und die möglichen Folgen nicht informiert.

blue moon sailing © Gerrit van der Meer

blue moon sailing © Gerrit van der Meer

Erschreckend, wenn man bedenkt, welche Auswirkungen es auf das direkte Lebensumfeld der Menschen haben wird. Programmkinos, Buchhandlungen, Theater und andere Kultureinrichtungen würden weitestgehend verschwinden. Kleine unabhängige Verlage müssten um ihre Existenzgrundlage fürchten. Die Innenstädte und die Ortskerne der Gemeinden würden noch weiter veröden. Die kulturelle Identität Europas, die sich über ihre vielen, auch kleinen Blüten definiert, wäre ernsthaft in Gefahr.

Die Oscar Preisträger Pedro Aldomovar und Michael Hanneke haben bereits lautstark gegen die zu befürchtenden Auswirkungen der Freihandelsabkommens auf die europäische Filmlandschaft protestiert.  Bis heute unterstützt jedoch nur Frankreich dieses Anliegen.

Frankreich drängt darauf, dass die Kultur aus den Verhandlungen ausgeklammert wird. Das europäische System der Förderung für Bücher, Filme, Kunst, Theater, kurz die gesamte europäische Kulturförderung durch die einzelnen Mitgliedsstaaten und die EU wäre sonst gefährdet und könnte von den USA rechtlich angegriffen werden.

Die Europäische Kommission unterstützt die französischen Vorbehalte allerdings kaum. Handelskommissar Karel De Gucht möchte die Kulturthemen weiter auf dem Verhandlungstisch belassen.

So ist z. B. noch ungeklärt, ob E-Books Teil der Verhandlungen sind. Sie gelten rechtlich als Dienstleistung und fallen damit nicht unter die kulturelle Ausnahme. Besonders Amazon drängt darauf die E-Books in das Abkommen auf zu nehmen. Würde dieses geschehen, hätte Amazon endlich die Möglichkeit, die Buchpreisbindung, die wichtigste Stütze des Buchmarktes in Deutschland und Frankreich, aus zu hebeln.

Liebe Kollegen, es ist wichtig, das Bewusstsein für die möglichen Auswirkungen des Freihandelsabkommens zu wecken. Es nutzt nichts, wenn einige wenige Bundestagsabgeordnete davon wissen. Reden Sie mit ihren Bürgermeistern und Gemeinderäten vor Ort. Wie bei der bereits erfolgreichen Buy Local Bewegung müssen wir die Aufmerksam für die Probleme auf kommunaler Ebene wecken und den Druck nach oben, an die Entscheidungsträger in den Parlamenten weitergeben. Noch ist dafür Zeit. Wir sollten allerdings nicht bis Fünf vor Zwölf damit warten…

© Gerrit van der Meer

Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben nannte man so etwas früher. – Ein Gastbeitrag von Gregor Keuschnig

Im Rahmen der losen Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” hatte ich vorgeschlagen, dass Ihr Gastbeiträge beisteuern könntet. Schilderungen aus dem Buchhändleralltag oder, was auch immer… Erfahrungsberichte zum Beispiel: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen? Nach der Polemik von Stefan Möller aka @Hedoniker „Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden!“, die reichlich Wind machte, der Replik darauf von Lorenz Borsche und dem Brief des sterbenden Bildungsbürgers vom Krankenbett herab, dass kein Ausweg sei aus der Feder des Herrn Sandhofer, steuert heute Gregor Keuschnig einen Beitrag bei. Ich sage dem Verfasser danke und verhehle meine Freude nicht, dass die Gastbeiträge auf SteglitzMind vielfach und allerorts diskutiert werden. – So soll es sein.

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Wo ist der Mehrwert? Ein Gastbeitrag von Gregor Keuschnig

Da sage noch einmal einer, Fernsehen bewege heute nichts mehr. Die Amazon-Dokumentation Anfang des Jahres rückte die Unterbringungs- und Arbeitsbedingungen (nicht unbedingt die gezahlten Löhne) der saisonal bei Amazon beschäftigten in den Fokus. Plötzlich hatten die Medien nicht nur einen Buhmann entdeckt, sondern auch den Buchhandel. Derzeit ist es trendy, Amazon zu prügeln. Journalisten arbeiten sich mit Büchern an der „Datenkrake“ ab – die man dann wie selbstverständlich bei Amazon kaufen kann. In der FAZ beschwerte sich eine Studentin, die bei Amazon Aushilfsarbeiten verrichtet hatte, das ihr das Essen in der Kantine nicht geschmeckt habe.

Längst wird der alltägliche Einkauf von Gütern zu einer moralischen Aktion aufgeblasen. Alle kaufen nur noch „Bio“ (ohne genau zu definieren, was es bedeutet) und wollen „faire“ Preise bezahlen. Somit wird die Illusion erzeugt, aufgrund des Preises ein besserer Mensch werden zu können. Was bei Billigkleidung vielleicht noch funktioniert (wenn auch nur als Camouflage, denn auch teure Handelsmarken lassen in Bangladesh, Indien oder China produzieren), scheint bei Büchern nicht möglich. Es gibt hier streng genommen keinen Preiswettbewerb. Es herrscht Buchpreisbindung. Der Markt sortiert sich aufgrund dessen, was man Kundendienst nennt.

Der Lobbyverband der Buchhändler hat seine neue Chance entdeckt. Der Leser soll, damit er (sie) sich besser fühlt, im „stationären Buchhandel“ einkaufen. (Alleine das Wort klingt schon, als sei da jemand in ein Krankenhaus eingeliefert worden und benötige dringend Hilfe.) Oft genug wird das dann ein Laden jener Buchhandelsketten sein, die, was dezent verschwiegen wird, mit dem Knechten der Verleger angefangen und die Büchertische in den letzten Jahren mit leicht gängiger, kommerzieller Scheißhausliteratur vollgestopft haben. Die rüden Methoden mit denen vor einigen Jahren die Verlage gepiesackt wurden, sind jedoch scheinbar vergessen (aber nicht unbedingt abgestellt). Damals wurde auch der Konzentrationsprozess noch wortreich beklagt und schon 2007 das Totenlied für die kleinen Buchhandlungen, die der Markt- und Übermacht der Thalias, Hugendubels und wie auch immer nicht gewachsen seien, angestimmt.

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Es ist also noch gar nicht so lange her, dass diese vermeintlichen Heuschrecken des Buchhandels, die sich nun über Amazon beklagen, selber in der Kritik standen. Jetzt werben sie mit ihrem individuellen System der Kundenberatung. Dabei braucht man sich nur ihre Webseiten anzusehen, um den Wind zu erahnen, der dort weht. Wenn diese Leute ihre Buchempfehlungen tatsächlich ernst meinen, möchte ich von ihnen nicht einmal ignoriert werden. Der Begriff der Rezension, bei Amazon von allzu vielen Teilnehmern pervertiert, fristet hier auch nur noch ein erbärmliches Dasein: Es gibt fünf oder sechs Zeilen. Der potentielle Leser will ja angeblich nicht überfordert werden. (Und da habe ich schon Ambitionierteres auf Amazon gelesen.)

Aber wenn es gegen Amazon geht, werden neue Allianzen geschmiedet. Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben nannte man so etwas früher. Und das jetzt ausgerechnet diese Konzerne ein E-Book-Lesegerät mit entsprechender moralischer Aufladung gegen den „Moloch“ Amazon anbieten, ist an Dreistigkeit nicht zu überbieten.  Es könnte im Übrigen ein ökonomisches Desaster werden. Ich denke an den sogenannten „Formatkrieg“ der Videorekordersysteme der 1970er/80er-Jahre und die Hybris von Grundig und Philips, den weltweit agierenden Platzhirschen mit einem eigenen Format die Stirn bieten zu wollen. (Das Ergebnis ist bekannt.)

Die Wortmeldungen hier auf SteglitzMind zeigen, dass es noch eine gute Buchhandlungsdichte unabhängiger Läden gibt – mindestens in den Städten oder Speckgürteln. Aber auch hier ist das Mitschwimmen im Strom nötig. Und man mache sich nichts vor: Literatur, die nicht bereits auf Seite 8 irgendwie „authentisch“ oder „spannend“ daherkommt, wird inzwischen sowohl von großen Teilen der Kritik als auch vom Publikum als „elitär“ angesehen und mit spitzen Fingern ins Regal zurückgestellt. Das hat auch damit zu tun, dass der Literaturbegriff längst auf Elke-Heidenreich-Niveau heruntergekommen ist. Ihr debiler „Lesen!“-Missionarismus, der „süffige“ und „gut zu lesende“ Bücher abfordert wird mehr oder weniger bereitwillig von der Branche nachgeplappert. Als sei der bloße Lesekonsum schon per se richtig. Hinzu kommt auch noch, dass der Egalitarismuswahn Einzug gehalten hat. Das lustig-freche Bekenntnis man brauche keinen Verlag mehr und publiziere jetzt auf eigenen Wegen, zeigt in diese Richtung. Dass man damit eine Seifenkiste mit einem Mittelklasse-PKW vergleicht, stört kaum noch jemand.

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Ich kenne sehr kleine Verlage, die mit viel Enthusiasmus einige Bücher herausgebracht haben und nun abseits von den Buchhandelsketten versuchen, diese in ausgewählten, freien Buchhandlungen zu vermarkten. Unnötig zu sagen, wie schwierig das ist, denn in den gängigen Multiplikatoren werden solche Titel kaum behandelt. Der Buchhändler müsste also den Kunden darauf aufmerksam machen. Das wiederum bedingt, dass er es gelesen haben muss. Dafür würde aber Zeit benötigt, die dann für ein Buch aus dem Hanser- oder Suhrkamp-Paket fehlt. Dabei ist nicht einmal schlimm, dass der Händler diese Bücher nicht möchte. Man kann das ja vielleicht noch verstehen. Aber er kann noch nicht einmal auf sie hinweisen – weil er von ihrer Existenz gar nichts weiß. Der Amazon-Algorithmus kennt aber kein „Nicht-Kennen“. Natürlich ist er auch nach kommerziellen Kriterien programmiert. Aber die Möglichkeit, dass man auf Bücher kleinerer Verlage, die ein auch noch so williger und interessierter Buchhändler gar nicht alle kennen kann, aufmerksam wird, ist dort eben gegeben. Ich kenne durchaus Kleinverleger, die diesen Algorithmus begrüßen und hierüber – trotz unverschämter Rabattierungen – ihr Geschäft ausgedehnt haben. Derzeit ist es aber mehr en vogue ins gegenteilige Horn zu blasen, sich wortreich und kurzzeitig publikumswirksam am Ende jedoch folgenlos von Amazon zu verabschieden.

Da gibt es ja noch die persönliche Beratung. Das ist gut und schön. Ich erinnere mich noch an die frühen 1990er Jahre, die Buchhandlung Boltze in Mönchengladbach, auf der Hindenburgstraße. Holzregale; ein dezenter Tisch mit Neuerscheinungen. Samstags gegen 11 Uhr traf die Chefin ein; eine schon etwas ältere Dame, mit Stil und Hochfrisur. Die Angestellten wussten schnell, welche Bücher ich mochte und eventuell mögen konnte. Dennoch nahm ich das Angebot einer Beratung fast nie an. „Ich schaue nur“, war mein Standardsatz (und ist es geblieben), weil es mir immer noch peinlich ist, den Enthusiasmus eines Lesers, der auch zufällig Buchhändler ist, abzulehnen (Nicht-Kauf) oder ihm aus Mitleid nachzugeben (Kauf).

Ja, das waren noch Zeiten. Wo man in Ruhe stöbern konnte, ohne von Plakaten des neuesten Bestsellerdrecks belästigt zu werden. Auch heute noch gibt es solche Refugien und unter den Buchhändlern tatsächliche Leser. Das ist sehr schön. Aber wer kann schon bei der Fülle der Neuerscheinungen (wobei Quantität mit Qualität nicht zu verwechseln ist) auch nur annähernd einen Überblick behalten? Wer kann mir etwas zu aktuellen literaturwissenschaftlichen Büchern zu einem bestimmten Thema sagen? In den Computer schauen kann ich selber. Wer dann der Branche was Gutes tun will, benutzt die häufig genug angebotenen Leseproben und kann dann in der Buchhandlung seines Vertrauens das Buch bestellen.

Wer um 1960 herum geboren ist, hat das Sterben der Tante-Emma-Läden miterlebt. Mit großem Pompöse drangen große, sogenannte Supermärkte in die Städte (und später noch größere außerhalb von ihnen) ein. Sie waren sogar billiger – anfangs. Kaufvorgänge wurden rationalisiert, einzelne Handgriffe muss nun der Kunde selber vornehmen. Das Schwätzchen im Laden, das persönliche Momentum, blieb auf der Strecke. Und längst gibt es Projekte, dass man den Bezahlvorgang demnächst ohne Personal abwickeln soll. Insgeheim passt diese zunehmende Anonymisierung durchaus in die Zeit: Lebensmittel werden heute in Eile angeschafft, lieblos in den Wagen geworfen. Man stellt sich in einer Schlange an. Und wenn dann eine ältere Dame mit dem Kassierer ein bisschen länger spricht, scharren die Kunden mit ihren Wägelchen und brüllen ihr „Ich komme später“ in das Mobiltelefon.  Eine solche Strukturveränderung wie weiland der Lebensmittelhandel macht die Buchbranche seit Jahren durch – und zwar schon deutlich vor Amazon. Dessen steriles Konzept ist aber sowohl für den gelegentlichen Buchkäufer als auch für den Feuilletonleser offensichtlich attraktiver. Die Frage, die man sich viel zu wenig stellt, lautet: Warum eigentlich?

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Wenn die Beratung, wie man überall lesen kann, derart wichtig und gut ist – warum wird sie dann immer weniger in Anspruch genommen? Der Hauptgrund: Der potentielle Leser ist heute deutlich informierter als noch vor vielen Jahren. Er (Sie) hat längst einiges über das Buch gelesen oder gehört. Das ist zunächst etwas Gutes. Der Buchhandel muss darauf eingehen. Wer jemand mit einem festen Buchwunsch in den Laden kommt, könnte/müsste auf andere Bücher hingewiesen werden können. Und zwar kompetent und jenseits gängiger Beststeller-Listen. Und warum nicht Veranstaltungen mit Leseproben verschiedenster Neuerscheinungen anbieten und dabei auf Rezensionen eingehen? Und bitte auch „umstrittene“ Sachen aufnehmen und nicht immer diesen Rosarot-Infantilismus, der bei den „Buchenthusiasten“ wie eine ansteckende Krankheit zu grassieren scheint, wenn man sich entsprechende Foren ansieht. Warum nicht Leserzirkel einrichten, die zu bestimmten Zeiten öffentlich über Leseerfahrungen reden? (Das funktioniert online schlecht, aber vielleicht „im richtigen Leben“.) Raffiniert konstruierte Webseiten könnten diese Maßnahmen unterstützen und das „Ein-Click“-Kaufen schlichtweg kopieren. Es ist erwiesen, dass virtuelle Käufe schneller getätigt werden, als mit Büchern über zwei Stockwerke zur Kasse zu gehen.

Der Buchhandel muss dem Kunden einen Mehrwert bieten. Das macht man nicht, in dem man überall die gleichen Bücher auslegt, nur damit der übliche Pawlowsche Reflex des Lesefutterknechts befriedigt wird, der seine zwei Bücher pro Jahr kauft, weil ihm diese von den üblichen Verdächtigen in Funk und Fernsehen wie das sprichwörtliche Sauerbier angepriesen worden sind. Das macht man auch nicht, in dem man Bücher wie sakrale Gegenstände überhöht. Das Gegenteil müsste passieren: Nicht das Bücherlesen ist exotisch, sondern das Nichtlesen. Ich kenne Leute – und nicht nur aus sogenannten „bildungsfernen“ Schichten – die sich damit rühmen, nicht zu lesen. Lesen gilt auch als elitär, weil es von denen, die davon leben, elitär gemacht wurde.

Um nicht in falschen Verdacht zu geraten, setzt man für Nichtleser immer häufiger einen „Disclaimer“: Nein, das ist kein Plädoyer für Amazon. Oder gar gegen den Buchhandel. Die Welt ist komplizierter als „Amazon  = böse“ und „Buchhandel = gut“. Gut gemeinte Ratschläge, sich mehrmals zum Buchhändler zu begeben, um seine Bücher dann irgendwann einmal in Händen zu halten, sind von der bräsigen Arroganz des Ignoranten. Leute, die derart argumentieren, werden hinweggefegt werden von der Realität. Und das ist vermutlich auch gut so.

© Gregor Keuschnig

„Seien wir froh, dass es überhaupt noch Buchhändler gibt.“ – Eine Replik von Lorenz Borsche auf die Polemik von Stefan Möller

Mit seiner Polemik Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden! sorgte Stefan Möller für reichlich viel Aufsehen. Heute antwortet ihm Lorenz Borsche von der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch:

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Heutzutage machen drei Pointen und eine Lüge einen Schriftsteller. (Lichtenberg, Sudelbücher)

Lieber Stefan Möller: Du musst laufen!

Eine kleine, viel zu lange Gegenpolemik (nota bene: „Polemik“, gr. feindselig: scharfer Meinungsstreit)

[Ironie ON] Kann das sein, lieber Stefan, daß auf dem Schild, daß Du zeigst das U eigentlich hätte ein A sein sollen? Ja, wir sind alle faul geworden. Und das sieht man uns an. Wir lesen halt gerne, und das tut man nicht im Laufen, sondern im Sitzen. Da ist es doch toll, wenn man nur noch bis zu Türe gehen muss, wo der Paketbote demütigst wartet, statt die Treppen runter auf die Straße bis zur Buchhandlung. Und das spart doch auch Zeit – Zeit in der man *lesen* kann.

Naja, und weil wir faul geworden sind, aber nicht weniger genusssüchtig, müssen wir uns dann ein Schild vor den Bauch halten mit der Aufschrift WAMPE. Um zu zeigen, dass wir wenigstens noch selbstironisch sind.

Das, lieber Stefan erklärt doch auch, warum wir bei amazon kaufen – denn einen anderen Grund gibt’s ja nicht. Oh, Du meinst, weil Dein Buchhändler den Titel „Die Vergebung“ aus dem Matthes & Seitz Verlag nicht vorrätig im Regal stehen hat? Naja, weißt Du, der Titel rangiert auf Platz 330.000, da wäre selbst ein Dussmann überfordert.

Aber denk mal, lieber Stefan, nicht nur amazon hat den Titel auf Lager, nein, Dein Buchhändler kann ihn auch über Nacht besorgen – von seinem Großhändler. Voraussetzung ist natürlich, Du bestellst ihn vor 17 oder 18 Uhr – dann liegt er aber schon morgens um 9 oder 10 zur Abholung um die Ecke bereit. Gib zu, schneller ist auch UPS oder Hermes nicht bei Dir. Und wenn Du nicht zuhause bist, dauert’s noch einen Tag länger, weil der Paketbote wiederkommen muss. Und der CO2-Fussabdruck Deines Büchleins wird noch größer.
Aber um das zu vermeiden, da müsste man ja laufen, zur Buchhandlung laufen, nicht wahr? Das wäre zwar gut gegen die Wampe und gut für den Buchhändler, beißt sich aber leider mit unserer Bequemlichkeit. Und wir wissen doch: nicht der Krieg ist der Vater aller Dinge, sondern Mutter Faulheit! [Ironie OFF]

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Spaß beiseite. Schön, dass sich unter den in den Kommentaren genannten ‚guten‘ Buchhandlungen mindestens zwei befinden, die Mitglieder einer aktiven Genossenschaft sind, die sich zum Ziel gesetzt hat, das Überleben genau der kleinen, feinen Buchläden zu ermöglichen, die wir alle gerne sehen. Die auch mal ein ungewöhnliches Buch im Regal haben. Auch wenn sie natürlich von den Brot & Butter-Büchern der oberen 5.000 Ränge leben müssen.

Genau dazu haben diese Genossenschaftler einen Trick zum Geschäftsmodell gemacht, aber da muss man dem verehrten Buchkäufer und Kunden mal was erklären dürfen: Wenn der Buchhändler bei einem Verlag einkaufen will, wird er mit gar schrecklich schlechten Konditionen bestraft, falls er nicht wenigstens ein ganzes Paket voller Bücher kauft, sagen wir um 250-300 Euro oder so.

Er muss aber damit rechnen, dass neun von zehn Büchern eines Verlage wie Matthes & Seitz (und derer gibt es 15.000!) auch nach einem Jahr noch im Regal einstauben – so schön diese Bücher auch sind, sie gehören eindeutig zum „long-tail“. Und man glaubt ja kaum, wie lang der ist. Damit kann der Buchhändler weder die Miete bezahlen, noch seine Angestellten (ich weiß, dass Du das auch weißt, sag’s aber trotzdem, denn: soo funktioniert es eben wirtschaftlich leider nicht).

Aber wenn er doch ein oder zwei schöne Bücher von M & S einzeln fürs Regal einkaufen und später auch aktiv verkaufen wollte, dann müsste er es beim Großhändler bestellen. Das tut er ja auch, wenn er für Dich was besorgen soll, was er nicht da hat. Die Konditionen des Großhändlers allerdings erlauben es nicht, sich mit solcher Ware das Regal zu füllen. Also: Einzelstücke beim kleinen Verlag? Zu teuer fürs Regal. Sanmmel-Pakete beim kleinen Verlag – unökonomisch, weil sie im Regal verstauben. Einzelstücke beim Großhändler? Auch zu teuer fürs Regal. Zwickmühle? Keine Chance für Titel kleiner, feiner Verlage?

Die Genossenschaftler machen das so: Sie haben ein eigenes Zentrallager, das residiert beim Großhändler, da stecken die umsatzstärksten Titel drin, und was sie dort nicht vorhalten, zum Beispiel eben jene Long-Tail-Matthes-&-Seitz Bücher, die legt der Großhändler ihnen dazu noch in die Wanne. Und weil sie über die zentrale Übernacht-Logistik fast alles abwickeln, kaufen sie insgesamt zu guten Konditionen, mit denen man seine Regale befüllen kann, auch mit außergewöhnlichen Büchern, die man einzeln vom Verlag nie hätte wirtschaftlich beziehen können.

Und sie betreiben auch Webshops, in denen man bequem einkaufen kann, über Nacht, wie oben beschrieben und am liebsten natürlich zur Abholung im Laden – wenn es dort nicht ohnehin schon im Regal steht, was man in einigen von deren Webshops sogar sehen kann. „Buch sofort“ quasi, ohne zweimal hinlaufen zu müssen. Schon seit 1999 übrigens.

Aber *einmal* hinlaufen, das muss man schon – es sei denn, man klickt auf Versand. Dann ist wieder der Paketbote dran, also auch nicht anders als bei amazon. Trotzdem ist der ökonomische Druck so groß, dass sich literarisch höchstwertige Buchhandlungen einfach nicht mehr rechnen. Ohne einen großen Anteil von Mainstream können die Buchhändler auch keine Schätzchen mehr pflegen – und die zu pflegen ist wirklich teuer geworden.

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Aber warum ist das alles so gekommen?

Amazon hat alles richtig gemacht. Sensationelle Kundenbedienung, Super-Datenbank (ähm, aus dem Buchhandel gekauft, leider), von den Großhändlern den long-tail bedienen lassen, von den Marketplacern die Antiquaria, die Gebrauchten und auch die in Buchhandlungen ‚Mitgenommenen‘ (naja, die gibt’s eher öfter mal bei ebay), bei den E-Books einen für den Kunden supersimplen „closed shop“, also kapitalistisch gesehen alles richtig.

Dann kam noch der Konzern, der dachte, man könne mit Büchern eine genau so tolle Rendite erwirtschaften wie mit überteuerten Parfüms (was natürlich absoluter Schwachsinn ist) und deshalb erstmal die Republik mit viel zu großen Buchwarenhäusern überzogen hat, dann noch die katholische Kirche im Verein mit dem ersten Buchkaufhausbauer der Republik, also der gemeine Buchhändler, den Sie so lieben, hat es – so etwa ab 2000 – mit richtigen Haifischen zu tun bekommen.

Und wäre auf der Strecke geblieben, wäre wie das Tante-Emma-Lebensmittelgeschäft zwischen Aldi und Lidl zerrieben worden, wenn er nicht seiner liebenswerten, aber unökonomischen Skurrilität abgeschworen und begonnen hätte, kaufmännisch sauber zu kalkulieren und also möglichst viel leicht Verkäufliches zu verkaufen. Denn die Preise der Bücher sind, anders als die meisten glauben, gesunken, wenn man so fair ist die Inflation, die ja bei allen Kosten zuschlägt, zu berücksichtigen.

Während also Miete und Löhne steigen und sein relativer Umsatzanteil schon wegen der Konkurrenz durch Thalia und amazon gesunken ist, kann er das nicht mit steigenden Umsätzen aufgrund höherer Preise ausgleichen. Das ist die bittere Wahrheit. Von Dingen wie der Stromlinienförmigkeit des Publikumsgeschmacks, die von vielen großen Verlagen unterstützt statt im Sinne der Vielfalt konterkariert wird, will ich da gar nicht anfangen zu jammern. Denn auch die Verlage müssen rechnen.

Also: der Kettenbuchhandel hat mittlerweile einen Anteil von 30%, amazon einen von 20% – wo ist das alles hergekommen? Klar, es ist den kleinen Buchhandlungen flöten gegangen. Respektive: die sind flöten gegangen. Oder haben sich umgestellt. Weniger Lyrik, mehr Hera Lind.

Wenn Sie trotzdem ein buntes Bücher-Schaufenster in Ihrer Straße besser finden als noch eine Döner-Bude oder gar unschönen Leerstand, dann informieren Sie sich halt in Gottes Namen auf den Verlagswebsites Ihrer Wahl – und bestellen und kaufen Sie beim Buchhändler in Ihrer Nähe.

War die Welt früher besser? Aber klar, die Sommer waren heißer, die Winter kälter und Buchhandlungen gab’s en masse. Aber da gab es auch noch Schuhmacher und Bürstenbinder und Ankerwickeleien. Der Lebensstandard war bescheiden und Pakete sauteuer. Es gab kein Internet und Fachleute waren besser informiert als Laien. Und wir waren schlank. Seien wir froh, dass es überhaupt noch Buchhändler gibt.

Tempora mutantur – et nos in illies.

Beste Grüße

Lorenz Borsche

P.S.: Das Zitat hat ein Zufallsgenerator gesetzt, ehrlich. Ich fand’s aber ganz passend, gejammert wurde zu allen Zeiten, *das* sagt es mir 🙂

© Lorenz Borsche

Jost Renner dreht eine Extrarunde: Sind bibliophile Blogger Nostalgiker?

Bisweilen treiben Menschen Fragen um, deren Sinnhaftigkeit sich nicht unbedingt auf Anhieb erschließt. So etwa die, ob bibliophile Blogger Nostalgiker sind, die LiteraturFutur im Vorfeld der Hildesheimer Zusammenkunft am 24./25. Mai in einem Gespräch mit mir aufgeworfen hat.

Seitdem ich die Frage an Bloggerinnen und Blogger weitergereicht habe, zieht sie im Netz ihre Kreise. So steuerte etwa Stefan Mesch einen Essay bei und den Krimi-Depeschen war sie sogar eine Extra-Nostalgie-Ausgabe wert. – Für eine Stellungnahme konnte ich nun auch den Blogger Jost Renner aka @Amfortas gewinnen, dem ich einen gewissen Hang zur Nostalgie unterstelle. Nicht allein, weil er Bücher stapelt und der alten Rechtschreibung anhängt. Nein, vornehmlich deshalb, weil er Lyrik schreibt!

BTW: Jost debütierte im Februar 2013 mit einem Gedichtband „LiebesEnden“, weshalb er hier schon einmal Rede und Antwort stand.

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Beginnen will ich meinen Beitrag also mit einer kurzen Begriffsklärung : „Heute versteht man unter Nostalgie im Deutschen eine wehmütige Hinwendung zu vergangenen Zeiten, die in der Erinnerung oftmals stark idealisiert und verklärt reflektiert werden.“ So sagt das das online-Referenzmedium „Wikipedia“. Und mit dieser Definition läßt sich trefflich gegen die unterschwellige Aussage der Frage argumentieren.

In Deutschland speziell, aber auch weltweit sind Bücher aus Papier weiterhin vorhanden und in der Außenwahrnehmung – durch das Feuilleton, Buchhandlungen, Blogs und vor allem Buchhandlungen – nicht nur vorhanden und sichtbar, sondern dominant. Nostalgisch zu sein bedeutete allerdings, sie wären es nicht mehr, und ich (als Leser, ehemaliger Rezensent und Lyriker) hätte gerade noch alle mir erreichbaren Bände gehortet und trauerte einer aktuell nicht mehr vorhandenen Kulturerscheinung nach. Dies hätten die Verfechter des ebooks vielleicht gerne, aber dem ist faktisch nicht so. Und ich bin mir gewiß, daß dies geraume Zeit genau so bleiben wird, ich also den weitgehenden und flächendeckenden Ersatz des Papierbuchs durch das ebook allenfalls in hohem Greisenalter erleben oder eben nach meinem Tode nicht mehr erleben werde. Das hat Gründe.

so lebt ein Bibliomane © GvP

so lebt ein Bibliomane © GvP

Wenn ich also kein Nostalgiker bin, was bin ich dann (die Frage, wer ich denn sei, bedürfte vermutlich eines viele hundert Seiten umfassenden biographischen Werkes)? Zunächst einmal bin ich ein mit Büchern sozialisierter Mensch. In meinem zum Teil akademisch geprägten Elternhaus existierten zwei recht unterschiedliche Bibliotheken, die meine Eltern zusammengetragen und nach ihrem Geschmack zusammengestellt hatten, dann eine sich je nach Lesefähigkeiten sich stetig erweiternde Kinderbibliothek, die mit Elementarbilderbüchern und den damals sehr präsenten Pixibüchern begann, dann einige Märchenbände und – vermeintlich jugendgerecht redigierte, also gekürzte – Fassungen von Klassikern der Jugendliteratur. Zuletzt gesellten sich einige Bände dazu, die sich aufklärerisch mit Jugendproblemen wie Drogen, Ladendiebstahl oder Gewalt auseinandersetzten. Der Übergang zur Literatur fand durch das Durchstöbern der elterlichen Regale und einer recht gut sortierten Schulbibliothek statt. Seit etwa dem sechzehnten Lebensjahr sammele ich Bücher, deren Gesamtzahl nun bei weit über 10.000 Bänden liegt. Somit ist fraglich, ob ich mich noch als bibliophil oder nicht doch eher als biblioman bezeichnen müßte. Eins aber bin ich in Anteilen gewiß : konservativ und elitär.

Es gibt ebooks, und ich habe das sogar zur Kenntnis genommen. Sie sind für mich allerdings praktisch kaum relevant. Das hat mehrere Gründe: 1. ich bin mit Büchern aus Pappe / Papier bzw. Leinen / Papier groß geworden und bevorzuge weiterhin das haptische, olfaktorische Element dieser Form und mag zudem durchaus die Atmosphäre eines mit Büchern möblierten Raumes. 2. Meine Bücher sind mein Eigentum, mit dem ich tun und lassen kann, was mir beliebt – verleihen, verkaufen, z.B. 3. der mich interessierende Teil des Buchmarktes ist im Bereich ebook für mich weder attraktiv, noch relevant, noch überhaupt flächendeckend vorhanden. Ich sagte bereits zuvor, ich sehe mich als zum Teil eher elitär. Somit bewege ich mich vor allem im Bereich der anspruchsvollen Literatur mit Ausweitungen in den literarischen „Mainstream“, der aber dann doch qualitativ meist über Chicklit, „Fifty Shades of Grey“ oder Dan Brown liegt und die Bestsellerlisten diverser Wochenmagazine selten nur ansatzweise berührt. Dort oder im Ratgeberbereich, bei Lexika, Enzyklopädien liegt aber der relevante Teil des ebook-Marktes.

Schau ich mir dagegen mein Interessengebiet an, ergibt sich ein für mich unattraktives Bild : nicht alle Verlage veröffentlichen ihre Bücher als ebooks, die Preise erscheinen mir überteuert, umso mehr als ich kein Eigentum erwerbe, sondern allenfalls eine Lizenz. Amazon und auch google entblöden sich nicht, vermeintlich illegale Kopien eines ebooks auch mal zu löschen, der Weiterverkauf oder auch nur der Transfer auf andere Geräte erweisen sich als schwierig bis unmöglich, es gibt Formatprobleme wie auch Shopgrenzen, selbst bei Amazon, zuletzt ist das Hantieren mit DRM und der notwendigen Adobe-Software zur Verifizierung der Rechte umständlich bis arg kompliziert, sodaß Normalnutzer mit wenig Computerkenntnissen recht schnell an ihre Grenzen geraten, sodaß wohl amazon einen großen Teil des ebook-Kuchens für sich sichern wird können. Der stationäre Buchhandel zudem, und aus diesem komme ich ursprünglich, bleibt weitgehend außen vor. Ich erinnere mich, daß eine Sortimenterin an einem ebook-link beinahe verzweifelte, weil die Kundin diesen nach Kauf nicht öffnen konnte und sich die Ursachenforschung und Problembehebung mit dem Anbieter zeitlich aufwendig und somit unbefriedigend gestaltete.

Bücherstapler Jost Renner © GvP

Bücherstapler Jost Renner © GvP

Ich sehe für mich weitere Probleme : Um meine Präsenzbibliothek adäquat abspeichern zu können, benötigte ich mindestens 5 – 10 Geräte, alle durchaus anfällig für Verschleiß oder andere Beschädigungen und mehrere Clouds, die, da im Internet eingerichtet und weiterhin dem Zugriff durch die Anbieter ausgesetzt, nicht wirklich sicher sein können (und sollen). Grundsätzlich stellt sich zudem die generelle Frage der Auslagerung von Kultur und Wissen auf digitale Datenträger und Geräte, da auch hier großflächige Zerstörungen nicht auszuschließen sind, erst recht aber nicht der Konkurs eines Anbieters. Hier mögen zwar die Daten zu retten sein, aber was, wenn etwa Kindles nicht nachproduziert würden und somit defekte Geräte nicht ersetzbar wären?

Ebooks gehören mittlerweile zur Kultur, und somit relativiert sich mein Konservatismus ein wenig. Aber auch McDonalds fällt unter den Kulturbegriff, ohne daß ich das sonderlich zu schätzen wüßte. Im Bereich der anspruchsvollen Literatur sind ebooks in meinen Augen derzeit allenfalls Begleitpublikationsformen, die – um nicht den Hardcoverbereich der Verlage zu kannibalisieren – preislich unattraktiv gestaltet sind, sodaß sie, wenn denn überhaupt vorhanden, kaum attraktiv sind. Derzeit ist genau dort auch kein Anzeichen festzustellen, es würde in absehbarer Zeit eine Revolution geben, etwa daß ein Konzern sagt, er gründe ein Imprint und veröffentliche literarisch wertvolle Werke ausschließlich als ebook. Denn dieses Risiko wird man nicht eingehen, da einerseits der Geruch des Zweit- oder Drittklassigen unvermeidbar wäre (wie Originalveröffentlichungen von Filmen auf DVD hinlänglich beweisen), andererseits das Buch in seiner Ausgestaltung als Druckwerk weiterhin viel zu präsent ist. Selbst für „Fifty Shades of Grey“, das ja wohl ursprünglich aus dem ebook-Bereich kam, war es notwendig (und sinnvoll), es als Printversion zu vermarkten. Somit ist das ebook im feuilletonistischen Diskurs über Literatur – zu Recht – derzeit nicht präsent, in der selbstreferenziellen Diskussion über den Buchmarkt dafür überdimensional.

Eine Änderung über Jahrzehnte hinweg wird es geben. Das ebook wird Lexika, Sach- und Fachbücher, Ratgeber und massentaugliche Unterhaltungsliteratur, sowie die Schmuddelecke und natürlich den Self-Publishing-Markt nach und nach vollständig erobern, immer begleitet vom pseudo-euphorischen Geschrei einer Branche, die tapfer im Nebel stochert und nostalgisch an eine Zeit zurückdenkt, in der das Wünschen noch geholfen hatte. Die Self-Publisher werden zusammengenommen vom großen Kuchen der Buchverkäufe etwas abzwacken und Kaufkraft für Besseres, Anspruchsvolleres binden. Wirklich erfolgreich und eben auch sichtbar in einem Riesenstrom der Unzulänglichkeiten werden sie erst dann sein können, wenn es Gatekeeper geben wird, neue Formen des Verlagswesens, die nach Qualität sieben und glaubwürdig empfehlen können. Dennoch werden ebooks und Self-Publishing schon jetzt die Branche, das sind Verlage wie Buchhandlungen, nachhaltig beeinflussen und Umwälzungen erzwingen, allerdings vermutlich weitgehend negative. Die Idee, daß Bücher erstmal Kultur und in erst in zweiter Linie Ware sind, ist derzeit allenfalls ein Lippenbekenntnis oder das kaum gehörte Credo sehr engagierter kleiner und unabhängiger Buchhandlungen und Verlage, während die großen Player mit sich vergrößernder Titelschwemme auf der Suche nach viel Umsatz den Kulturbegriff erfolgreich unterminieren.

Die Beteiligten haben Glück, daß es konservative, wertbewußte Leser gibt, die Halbjahr für Halbjahr nach Wertvollem, Lesenswertem stöbern. Aber man man macht es ihnen zunehmend schwerer.

Stefan Mesch dreht eine Extrarunde: Sind bibliophile Blogger Nostalgiker?

Stefan Mesch war mir ein unbeschriebenes Blatt. Bis zu jenem Tag im November 2012 jedenfalls, an dem er in einem Gespräch mit Johannes Schneider vom Berliner Tagesspiegel einen Stein ins Rollen brachte, der die ‚bibliophile‘ Szene im Netz vor den Kopf stieß.

Abermals auffällig wurde mir der bloggende Autor/Kritiker vor einigen Tagen, und zwar als auf SteglitzMind verlinkender Rekordhalter. Hier beziehe ich mich auf diesen Artikel in Stefans Blog.

Dass ich ihn nun eingeladen habe, sich ebenfalls zur Frage zu äußern, ob bibliophile Blogger Nostalgiker sind, hat ebenfalls einen speziellen Hintergrund. Nämlich diesen: Gestern hatten zu der besagten Frage von LiteraturFutur hier einige Bloggerinnen und Blogger Stellung bezogen. Statements, die Stefan für wischi waschi hielt, wie er baldigst in einem sozialen Netzwerk kundtat. – Jetzt, sagte ich mir, jetzt ist er dran! Und zu meiner Überraschung ließ er sich nicht lange bitten …

Nun freue mich, dass er prompt angebissen hat, und bin auf unsere persönliche Begegnung bei LiteraturFutur – neue Formen der Literaturvermittlung – in Hildesheim am 24./25. Mai doch sehr gespannt …

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Für Streber wie mich waren Bücher „wertvoll“, „richtig“, „gut“ – mein Leben lang:

Kindergärtnerinnen, Lehrer freuten sich, wie viel ich las.

Verkäufer, Schreibwarenhändler ließen mich für Stunden blättern, stöbern.

© Stefan Mesch

© Stefan Mesch

Meine Großeltern bezahlten Comics, Magazine.

Meine Mutter entschuldigte / erlaubte / ermöglichte jeden Tag, den ich mich hinter Büchern und Geschichten vergrub.

Sogar mein Vater hatte einen gewissen… Respekt: Er las in 50 Jahren keinen einzigen Roman. „Für sowas habe ich keine Zeit.“ Doch dass ich MEINE Zeit, so lange ich denken kann, mit Büchern „verschwende“, machte er mir nie zum Vorwurf.

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„Sind bibliophile Blogger Nostalgiker?“, fragt das Team der Hildesheimer Literatur- / Medien-Konferenz lit.futur Gesine von Prittwitz. Gestern leitete Gesine die Frage weiter, an eine größere Runde Blogger. Doch viele Statements erschienen mir mau, nichtssagend, unfertig:

Wären die Antworten weniger defensiv ausgefallen, wenn…

…stattdessen jeder Blogger persönlich gefragt worden wäre: „Bist DU Nostalgiker?“

…die Frage gedreht, gewendet worden wäre: „Bloggst du darüber, wie sich Lesen und Literatur verändern? Kuckst du nach vorne? Mit welchem Gefühl?“

Ich bin 30 Jahre alt. Ich las knapp 1.200 Romane, 700 Comics.

Ich schreibe über Bücher für ZEIT Online und den Tagesspiegel, bin auf Seite 300 meines ersten eigenen Romans, „Zimmer voller Freunde„, und durfte mir mein ganzes Leben lang sicher sein, dass jemand anerkennend nickt, sobald ich sage: „Gestern habe ich fünf, sechs Stunden lang gelesen.“

Lesen, sagte meine Welt fast 30 Jahre lang, ist wertvoll. Geschichten sind wichtig. Kultur stiftet Sinn. Literatur ist gut. Bücher sind ein Weg, die Welt zu verstehen. Lektüre „installiert neue Software in unserem Gehirn“:

Wenn ich viel Zeit damit verbringe, zu lesen, werde ich zu einer klugen, weisen, reifen, gebildeten, entfalteten, tugendhaften Person: Bücher bringen uns weiter. Bücher tun uns gut.

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Doch aller Kitsch, alle Streber-Arroganz beiseite: Bücher brauchen absurd viel Zeit – und Menschen, die ihr Leben so einrichten (können), dass sie Romane lesen können statt kurzer Artikel, Sachbücher (oder einfach nur pragmatisch, kurz die Radio- und TV-Nachrichten verfolgen), haben – keine Frage! – eigene Prioritäten. Ein besonderes… Gemüt.

Wenn ich schnelle FAKTEN will, sauberen Überblick, spröde ‚Wahrheit‘ oder Nutzen, Service, sind Dutzende anderer Medien / Formate schneller, dichter und effizienter.

John Updike, glaube ich, nannte Romane mal „Empathy Machines“: Sie saugen uns ein. Und muten uns zu, auch mal 400 Seiten Gedanken oder Figuren zu folgen, die nicht sofort Funken sprühen, Spaß machen, knallen und gefallen. Als Leser / Buchliebhaber braucht man eine Grund-Geduld, Toleranz und Offenheit.

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Ich glaube, das selbe Gemüt, die selben Tugenden (Grund-Geduld, Toleranz und Offenheit) helfen auch beim Bloggen: Wozu die eigenen Texte, Standpunkte völlig FREMDEN Menschen antragen? Wozu sich diskutieren lassen? Kritik aussetzen?

Für mich sind das das „nostalgische“ Werte:

Offenheit, sich auf Texte, Menschen, Standpunkte einlassen. Nicht-zielgerichtetes Denken. So weit verstehe ich die Frage: Sind bibliophile Blogger Nostalgiker? Sehr viele, bestimmt.

Denn Leser lesen „nostalgisch“. Und Literatur-Blogger bloggen „nostalgisch“.

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Die meisten „Nostalgiker“ aber, die ich kenne, sind anders: Sie wünschen sich Struktur, Netze, Sicherheit. Einen gleichförmigen Rhythmus. Und das bieten andere Formate VIEL stärker als Literatur (und Blogs):

Bei „Nostalgikern“ denke ich an starre Genre-Formate und Immer-das-selbe-Muster-Zeug wie „Monk“. An Sitcoms. An simple, feste Spiele. An Gartenbau. An Puzzles. An einen starken, verlässlichen, ordentlichen Rahmen, der vor Veränderungen und Zumutungen schützt.

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„Nostalgiker“ ist ein Reizwort. Und die Debatte ist für mich so wichtig / spannend, weil viele Blogger – in meinem Alter oder älter – in einer Welt aufwuchsen, die Bücher ähnlich lobte, feierte, fetischierte wie meine Lehrer und Eltern:

Bücher bringen Aufstieg, bessere Chancen. Bücher bringen Klassenmobilität.

Bücher bringen uns voran.

Ich bin nicht der einzige Roman-Streber, der über sein Bücherregal, seine Lese-Listen, seine Goodreads-Seite und seinen Terminkalender blickt und denkt: „Sehr gut. Ich habe Stunden mit etwas Sinn- und Wertvollem, Wichtigen verbracht.“

Ich bin nur nicht mehr sicher, ob das stimmt.

Ich bin nicht sicher, ob ich als Leser noch lange „punkten“ kann.

Romane fressen Zeit. Bücher fressen Platz. Leser sind Eigenbrötler, Träumer und Egoisten. Blogger sind selbstverliebt, in ihre Stimme und ihre beschränkte, eigene Perspektive.

Meine jüngeren, pragmatischeren, aggressiveren Freunde schauen auf mein Bücherregal und sehen: ein Grab für Zeit, Geld, Produktivität. Ich hätte die Welt bereisen können. Häuser bauen. Oder Geld verdienen, um mir den Bau von Häusern zu finanzieren.

Was habe ich in der Hand? Ein paar Lese-Erfahrungen. Erinnerungen an Bücher, vor 15 Jahren gelesen, deren Details schon längst wieder zerfallen.

Romane sind ein subjektives, sperriges, störrisches Medium. Eine umständliche Weise, meist „nutzlose“, schwammige Gefühle und Stimmungen zu vermitteln. Wer einen Partner sucht, um eine Familie zu gründen, freut sich über (Hobby-)Gärtner, Bastler, Köche.

Aber Leser… sind Schluffis. Waschlappen. Opfer. Trödler. Spinner. Egoisten.

Nostalgiker – die vielleicht gerade erst verstehen, dass etwas, für das Oma, Papa und der Kindergärtner großen Respekt, Bewunderung aufbrachten…

…immer weniger Achtung, Platz, Respekt findet. Heute.

Ich bin nicht sicher, ob – heute – Kinder gelobt werden, wenn sie sich 100, 200 Seiten lang in einem Buch versenken. Vielleicht verdienen sie mehr Lob, wenn sie abbrechen. Klug suchen. Effizient entscheiden. Sich zielgerichtet informieren.

Geschickt googeln:

Das mit den „Empathie-Maschinen“, merke ich gerade, hat John Updike nie gesagt. Es war Roger Ebert, der Filmkritiker (danke, Suchmaschine!). Und er sprach nicht über Romane. Sondern übers Kino. Ein Massenmedium, das heute noch Massen begeistert.

Bücher, Leser, bibliophile Blogger dagegen sind am Rand.

Beklatschen, loben, bewundern… tun wir uns nur noch selbst.

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BTW: Womöglich war Stefan mit seinem Urteil etwas voreilig? Wie angekündigt, erscheinen in den kommenden Tagen hier weitere Statements von Bloggerinnen und Bloggern zur Frage „Sind bibliophile Blogger Nostalgiker?“

„Dabei will ich nur Bücher schreiben.“ ACR über Schreiben, Selfpublishing und den Literaturbetrieb

Der Blogpost „Statt Schriftsteller ist man Schreibmaschine“, in dem zwei Autorinnen über haarsträubende Erfahrungen mit Verlagen berichteten, treibt seit seinem Erscheinen im Juli vergangenen Jahres um. Immer wieder erreichen mich dazu Kommentare, Stellungnahmen und Erfahrungsberichte. So von Angela Charlotte Reichel, deren Erfahrungen ich hier teilen möchte. – Ich danke Charlotte für ihre Offenheit.

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„Durch den Artikel „Ein Herz für Kinder!? Oder: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch“ bin ich auf diesen Blog gekommen. Seitdem lese ich und finde viele Zusammenhänge – im Sinne von – es berührt, betrifft, geht (auch) mich etwas an. (Geht mich auch etwas an – trifft ebenso zu.)

Es ist – wie wenn ich die Wehrbrücke meiner Burg herunterlasse und erstmals ins Freie gehe … nach langer Zeit.

„Selbst schuld“, brummt meine innere Stimme, während ich kopfnickend: ‘Siehste!‘ denke und weiterlese und weiter lese. Da wird ausgesprochen/aufgeschrieben was ich schon lange vermute, denke, fühle und mich nicht traue, zu sagen.

Zwei Gründe für meine Zurückhaltung: Ich habe gedacht, ich bin zu unbekannt für eine Stimme und ganz nebenbei macht der „Markt der Etablierten“ (auf mich) pausenlos den Eindruck, unter ihm sei der Weisheit und des Erfolges Schatz bereits verteilt.

Nun finde ich hier zwar wieder zwei etablierte Schriftsteller(Innen), dass sie sich allerdings anonym halten, macht mir Mut.

Wenn also einen Namen haben, die „Stimme nimmt“, bin ich regelrecht beschenkt mit meiner Stimme „ohne Namen“.

Also sag‘ ich was!

Und damit beginnt es schwierig zu werden. Ich mag die „Verkaufsgeschichten“ nicht. Ich mag nicht diese Reißer: „Am eigenen Leib gespürt und nun der Welt mit auf den Weg gegeben!“

Und – weil ich sie nicht mag, scheue ich sie und prüfe in sensiblen Zeiten sogar jede meiner Zeilen, ob sich da irgendwo etwas hinter der Formulierung verbergen könnte, „was auszusehen schiene“ wie eine versteckte Werbemasche.

Dabei will ich nur Bücher schreiben.

Ganz stimmt das nicht. Ich will Romane schreiben.

Und auch das trifft es nicht, denn ich will immer besser werden. Ich will Literatur machen, anspruchsvoll und die Sprache als Instrument für: Leben beschreiben … Lebensbilder malen …

Wieso? Soweit ich zurückdenken kann… ich will schon immer Bücher schreiben … schon immer.

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Die dunkelsten Stunden meiner Kindheit habe ich auch deshalb überlebt, weil ich nachts unter der Bettdecke heimlich gelesen habe. Es gab nicht viele Kinderbücher, ich habe Erwachsenenbücher aus dem Regal meiner Eltern stibitzt und Hauptmann, Seghers, Mann und andere gelesen. Und mir kleinem Mädchen haben diese Bücher die Hoffnung mit ins Leben gegeben: „Manchmal ist es ganz schwer zu leben, aber es gibt auch gute Erwachsene; und es gibt sogar mutige Erwachsene; und es gibt zusätzlich auch gute und weise Erwachsene, und die, die das aufschreiben können, nützen der ganzen Welt.“

Und weil eben so ein kleines Kind nichts anderes hat als sich selbst, habe ich mir vorgenommen: „Wenn ich mal groß bin, schreibe ich auch solche Bücher.“ Ja, ich hatte schon als Kind eine recht erwachsene Sprache. Ich weiß nicht, ob es gut oder weniger gut ist, wenn ein Kind sich neue Worte selbst erklärt. Mir hat das nicht geschadet. Lesen prägt – es bildet nicht nur.

Nun wäre es ein Leichtes gewesen, Feder und Papier und losgelegt, sobald das Alter dafür erreicht gewesen ist.

Gehindert hat mich nicht nur meine Mutter, die in der Tatsache, mich zur Welt gebracht zu haben, das Recht an meinem Leben behauptete. Nein, intuitiv hatte ich wohl auch der Realität in der DDR zu leben, allerhand zugeordnet. Ich hätte es vielleicht zu einem anerkannten FDJ- Schreiber bringen können, aber was ich damals wollte und gekonnt hätte, kam im Sozialismus offiziell gar nicht vor. (Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen – ich bin kein Freiheitsheld gewesen, ich wollte nur schreiben, wie ich will.)

Schreiben. Es ist wie atmen können, wie fliegen, wie weinen, schreien, wie leben, sterben, wachsen, schmelzen, auferstehen, wie … alles was mich ausmacht. Demnach habe ich viele Jahre nur für die Schublade geschrieben.

Anfänglich heimlich. Meine Mutter suchte nach meinen Machwerken, zerriss sie … und mich. Sie hatte nichts gegen Schreiben, sie wollte nur nicht, dass ich es kann. Beinahe meine ich, sogar das Talent von ihr geerbt zu haben. Die Kämpfe, etwas zu nutzen oder zu verbannen, was aus oder von ihr kommt, habe ich hinter mir.

In meinen besten Jahren, also in denen die allgemein so genannt werden, kam die Wende. Die Mauer fiel und ich hatte gedacht, nun kommt meine Zeit, ich werde beginnen zu schreiben, ernsthaft zu schreiben. Da kamen – fast über Nacht – die „Wendebücher“.

Diese: „Mir sind 40 Jahre meines Lebens gestohlen worden“ Geschichten habe ich nicht erzählen wollen, zumal es dafür ausreichend viele „35Jährige“ gegeben hat. Jedoch waren die Verlage zu dieser Zeit darauf geeicht, endlich die Ostdeutschen ins Bild zu bekommen. Das wollten damals alle lesen oder es sollten damals alle lesen. Was weiß ich, wie diese Politik gemacht wird. Egal. Wenn wir aus dem Osten was ganz gut können, ist es warten und improvisieren.

Also warten; ich wartete auf „meine Zeit“.

Mit Mitte 50, an einem Donnerstagmorgen gegen 3 Uhr habe ich den ersten Satz meines ersten Romans geschrieben. Ich konnte nicht mehr warten, in mir brannte alles was geschrieben werden musste, wollte, sollte, konnte, durfte …

Durfte? Hach! Ich bestimme was ich schreibe! Punkt!

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Den Fortgang dessen habe ich in meinem Blog unter: „Kommen Sie hierher! Kommen Sie ran! Hier bekommen Sie´s billiger als nebenan.“ (Teil 1 und Teil 2) angerissen. Dazu habe ich mich entschlossen, nachdem viele meiner Facebookfreunde mir zu meinem Gedichtband gratuliert und versichert hatten, sie laden es sich auf jeden Fall herunter, sobald ich eine Kostenlosaktion mache. Ich solle sie nur unbedingt ankündigen.

Gleichzeitig habe ich sofort so etwas wie schlechtes Gewissen entwickelt – was kümmert es die Welt, wie ich mich fühle, wenn fast jeder denkt, es gibt mich kostenlos? Bei der aktuellen Werbung im TV kann ich ja noch froh sein, nicht unter „schön billig“ eingestuft zu werden. Sollte ich nicht lieber in meiner „Burg“ bleiben und machen, was ich wirklich will – schreiben.

Und doch, immer mal wieder piekt es mich an. Es trifft mich, wenn wir Autoren – also viele von uns – wie Deppen in der Verlags- und Self Publishing Landschaft behandelt werden.

Erst vor ein paar Tagen hat mir in praxi der Administrator eines Forums erklärt, ich möge mich vom Acker machen und könne gerne wiederkommen, sofern mich ein namhafter Autorenverlag veröffentlicht, schließlich wäre dies allein die Garantie für Qualität.

Jene, auf enorm hohem Rosse reitende Dame (die gendertechnisch einwandfreie weibliche Bezeichnung für Admin kenne ich nicht und die, von der ich annehme, sie stimmt, klingt albern), hat das zwar konzilianter geschrieben, die Tonlage ist unverschämt hochtrabend gewesen.

Abgesehen davon, bin ich nur in diesem oben genannten Forum gelandet, weil mir Google eine Rezension angezeigt hat, die dort liegt und ich mich, ein bissel kindlich, gefreut habe und sie »in echt« sehen wollte.

Den Tenor der Allgemeinheit vertritt dieser Fachmann (oder nennt sich das Fachfrau?) jedoch ganz deutlich. Scharfer Wind, sogar aus den eigenen »selbst auch durchgeblasenen« Reihen, herrscht überall. Manches mutet wie der Versuch an, jeden vom Tellerrand zu jagen.

Diese Hatz lenkt mich von dem ab, was ich will und so zähle ich gern zu den Einzelgängern, die sich dem Becken der hohen Wellen nur selten nähern.

Meist bin ich stabil. Es ficht mich nicht an. Meinen Gewinn fahre ich durchs Schreiben ein. Das ist die Quelle meiner Lust am Leben. Zugegeben das Gelesenwerden ist das Salz in der Suppe, alles andere eher das im Kaffee.

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Was mich wundert? Wieso sich diese Zuschussverlage noch halten.

Was bieten sie heute Unersetzbares? Was können oder könnten wirklich nur sie? Was machen sie nicht, wofür sie sich aber bezahlen lassen?

Was ist so unersetzlich bemerkenswert an einem sogenannten namhaften Verlag? Ich muss jetzt einfach mal aussprechen, wie sehr mich erschüttert, dass sich die Häupter des Suhrkamp öffentlich versuchen gegen selbst errichtete Mauern zu schlagen.

Und bitte sage mir doch mal jemand, welcher Lektor heutzutage noch das ist, was – von mir aus altmodisch und althergebracht – aber eben wirklich fruchtbar ist? Niemand kann sich mehr um einen Autor kümmern, damit dessen Muse sich nicht abwende. Wie auch, die Butter fürs Brötchen und sei es noch so klein, will bezahlt sein.

Ergo: Das Wesentliche muss ohnehin vom Autor geleistet werden. Auf sich aufpassen. Bewahren, was er wirklich will. Sich vervollkommnen. Bin ich weltfremd, wenn ich denke, es muss mir beim Schreiben gut gehen, damit – was ich schreibe – gut ist?

Bestimmt wirklich Geld was wie wann geschrieben wird?

Ich kenne die Antwort – aber bitte, ich will das nicht wissen!

Mit dem Wissen soll ich erfolgreich das machen, was mich von keinem Unternehmer abhebt, Öffentlichkeitsarbeit, Werbung fürs eigene Produkt? Irgendwie kann ich das nicht.

Ich will es auch nicht, denn ich habe keine Chance. Und ich habe sie nicht, weil das Vorurteil der Unfähigkeit auf mir lastet, solange mich kein Verlag druckt.

Ist es nur Mundpropaganda oder nehmen Rezensenten tatsächlich Self Publisher „nicht in die Hand“? Ist es nur der Anflug eines arroganten Scheins oder lesen Journalisten wirklich keine entsprechenden Hinweise auf Neuveröffentlichungen von „namenlosen Alleinproduzenten“?

Ich bin nach meinem Ausflug in den Schein der Verlagswelt von ihr geheilt – oder abgestoßen, jedenfalls habe ich mich weder bei Rezensenten noch Journalisten in die Reihe geschummelt.

„Wer ohne mich lebt, lebt mit Verlust“, lache ich so manchem Tag ins Gesicht.

Es stellt sich (mir) an den restlichen Tagen die Frage, auf welche Weise unterscheiden wir uns – die, in einem renommierten Autorenverlag unter Vertrag stehenden Autoren, bei einem BoD, bei einem Fair, bei einem eBook, Self Publishing – generell?

Ich möchte wirklich nicht unbelehrbar gelten, deshalb behaupte ich nicht, sondern stelle anheim, es gibt keinen Unterschied. Unsere Werke müssen wir alle selber an die Leser bringen, ausgenommen jene, die sich in allerhand TV-Formaten tummeln oder einen solch‘  überzeugend leistungsstarken Namen haben, dass sie auf Vorbestellungslisten und in Werbekonsolen feste Plätze generieren.

Die Vermutung, renommierte Verlage schürften nun im Wildpark der Selbstverleger nach güldenem Einzelglanz, wird von Ereignissen, wie in der eBook Plagiatswelt erlebt, nicht unbedingt unterstützt.

Mir scheint eher, da stünden einige am Ufer und warteten auf nützliches Treibgut, welches nur noch herausgefischt und ins bereits vorhandene Boot gehoben werden muss.

Was also bitteschön, frage ich mich gelegentlich, macht die Überheblichkeit des Marktes aus, die den Autoren der renommierten Verlage mehr Können bescheinigen als so manchem Self Publisher?

Folgende Antworten kenne ich:

1. Finanzielle Sicherheit

2. Lektorat

3. Covererstellung

Diese Punkte sind für mich nicht relevant. Finanzielle Sicherheit haben die wenigsten Autoren durchs Schreiben, und ich bin nicht auf ein „Schreibeinkommen“ angewiesen. Einem Lektorat werde ich mein ganzes Leben lang nie wieder vertrauen und mein Cover mache ich sowieso immer selber.“

Mit freundlicher Genehmigung © Angela Charlotte Reichel, der ich an dieser Stelle – sie weiß, warum – auch gratulieren möchte

„Solche Windstöße sind gut, die Düsterheit der deutschen Buchhändelei aufzuklären.“ (Goethe)

B. Claus DeFuyard erinnert sich: an die Erlebnisse eines Autoren, der in den literarischen Betrieb auszogen war, um dort das Fürchten zu lernen. Aus seinen Erfahrungen mit Neppern, Schleppern, Literaturkritikern und Juroren zog er den Schluss: „Man muss sich um sich selber kümmern.“ Womit der Grundstein für den Zeitlichkeitverlag gelegt war. Hier erscheint u.a. das Un-Periodikum „Der Kulturflüchter“, aus dem ich in der Rubrik „Der Kulturflüchter auf SteglitzMind“ in loser Folge Beiträge und Textauszüge vorstelle.

Vom Uhu, Meisen und großen Leuchten. Erinnerungen von B. Claus DeFuyard. Von wem sonst?

Es gibt Geschichten, mit denen sich Verleger immer schwer getan haben. Dokumente des Alltäglichen sind zur Genüge auf dem Markt. Mehr war nicht erwünscht. Hier jedoch geht es um eine Geschichte, in der ein Unberufener in der Einfalt seines Denkens unter die Räder eines Bezahlverlages geriet. Das war einmal. Auf sich gestellt, hatte er keine andere Wahl. In einem „rezessiven Markt“ wäre die Lieferbarkeit eines „vorfinanzierten Buchbestands“ die einzige Lösung – behaupteten sie. Das äußerliche Blendwerk, mit dem etliche Verleger ihr Sammelsurium von Sinn und Unsinn bezeichnen. Vom Image eines Nepper-Schlepper-Autorenfängers in den Abgrund pauschaler Nichtachtung gestürzt, drohte dem Autor lebenslänglich. Quasi für falsches Parken.

„Solche Windstöße sind gut, die Düsterheit der deutschen Buchhändelei aufzuklären.“, so der Jot Wolfi Goethe.

Eine Literaturkritikerin drückte sich in angeborener hochnotpeinlicher Zurechtweisung aus: „Ich fürchte“, schrieb sie, „das Buch kommt nicht in Frage, weil wir Bücher aus Bezahl- oder Zuschussverlagen nicht wahrnehmen.“ Man beachte demnach Gammelfleisch, pöbelnde Politiker, Dummheit an sichindes, nichts wahrzunehmen ist wahrlich der Höhepunkt schlaffer Inkompetenz. „Ihr Schreiben“, antwortete der gedemütigte Autor, „hat mich sehr getroffen. Ich bin nicht der Verleger, vor allem nicht der Verleger, wenn wir beide denselben meinen. Ich habe mit ihm nichts gemein. Ich bin nur verzweifelt.“

So besehen ist die Geschäftsphilosophie dieser Art von Verlegertätigkeit die reinste Rosstäuscherei, ein Hütchenspiel. Zum Mythos gehört, dass diese Spezies in ihrem verdammt Bisschenleben an anderen herumfummeln dürfen und ’Löcher in sie schlagen’. „Große Lichter sind die wahrlich nicht, nur große Leuchter. Sie handeln mit anderer Leute Meinungen.“ (Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbuch 1793)

irgendeinen Vogel hat jeder! Uhu oder Meise ... © Dierk Arnold / Der Kulturflüchter

irgendeinen Vogel hat jeder! Uhu oder Meise … © Dierk Arnold / Der Kulturflüchter

Auf dem Flohmarkt, wo früher mit rostigem Hausrat und Sperrmüll gehandelt wird, mit Resten von Goethe, Schiller und Schopenhauer, den Memoiren begnadeter Spaßmacher – beantwortete auch der Autor die Sinnfrage: „Man müsse sich um sich selber kümmern“, mit einem melancholischen Seitenblick auf Buch und Titel: ein Uhu vor einer alten Eiche, an deren Ästen Menschen hängen. „Der Uhu“, erklärt der Autor, „ist für den Unfug in den Köpfen des Menschen verantwortlich. Sag bloß“, so eine beiläufig Interessierte und staunte. „Der Mensch – ein Uhu? „Na ja – einen Vogel hat jeder“, antwortet der Autor, „alle hätscheln und tätscheln ihn – allein die Größe des Vogels hängt von der Bedeutung seines Besitzers ab – Meise oder Uhu.

Eine nicht sehr massenkompatible Geschichte und die meisten haben doch schon ein Buch. Und neuerdings das iPad – sie benötigen das Buch nicht. Die auf das aktuelle Geschehen reduzierte Nachrichtenprosa, macht Schreiben an sich schon zu einem Umweltdelikt.

Doch zurück zu damals: Ein Literaturkritiker – Mitglied einer Zunft, ein Wortrichter und der Kunst des Urteilens verpflichtet – dem der Namenlose sein Manuskript entgegen streckte, pflegte dann auch im Sinne einer buchstabendeutenden Zeichensetzung das Skript erst vom Moder und Staub zu befreien: „Der Text sei wie nicht sauber gespültes Geschirr …“, lautete die inquisitorische Metapher. Die einzige zulässige Rechtfertigung wäre: Autoren seien eben keine Menschen. Ringen mit ihren Visionen. Verzweifeln an der Buchmacherei. So kommt es, dass manche Autoren eine unglückliche Verrückung durchmachen, unablässig darüber nachdenken, in welcher Nische sie überdauern können, stets ums eigene Ich kreisen, zu dem oft nichts Ausreichendes zu vermelden ist, um sich vorbehaltlos darüber zu äußern.

Dennoch: Der Autor, dem Auditorium schließlich zum Fraß vorgeworfen, stand wie unter Hypnose. Er las. An der Stelle, als der Protagonist seiner Geschichte den Abhang herunter in ein schwarzes Loch plumpst, verabschiedete man den Autor vor laufender Kamera und trieb ihn derart öffentlich ab. „Ich sage Ihnen“, lächelte einer der Juroren, „was ich nicht sagen sollte, aber sagen muss – und nicht einmal weiß, ob jeder Mensch die Wahrheit verträgt, die natürlich nur meine Wahrheit ist: dem Urheber des soeben erledigten Textes, sollte das Handwerk gelegt werden. Er verbreitet Angst und Schrecken.“ Applaus. Gelächter.

Der Deuter der Autoren Not nennt Literatur Leben, das Leben Wahrheit, die Wahrheit Lüge, die Lüge Wirklichkeit und die macht sich über uns lustig. Er beschreibt die Veränderung des Verlagswesens, die in gewisser Hinsicht den Autoren am liebsten das Schreiben verbieten möchte. Und dann auf einmal das Internet. Dies irae – dies illa – der Tag des Zornes, die Antwort der Moderne auf das Weltgericht. Nur, wie es ausgeht, wissen wir noch nicht.

Der Autor erinnert sich: Gleichsam geteert und gefedert, beherrscht er seine Betroffenheit bis zum Grad der Selbstverleugnung. Er wurde verabschiedet, erhob sich – er, der vor der Lesung noch euphorisch verkündete, er habe vom Auditorium bis zum Podium dreißig Schritte gezählt und dafür ganze dreißig Jahre benötigt. Dann flüchtete er. Es blieb ihm, sich selbst zu subventionieren. Jetzt ist es soweit. Vom Regen in die Traufe.

Es obsiegte die Zierde der Literatur – eine liebliche Buchstabengestalt – für ihr Erstlingswerk: „Redundanz“. Die eigentliche und uneigentliche Bedeutung des Wortes ist: Überfluss – der Roman einer fiebrigen Spermatologin. Sie erhielt den Preis und ein illustres Blumengebinde. Die Literatur trieb Blüten. Und Blüten ihre Triebe. Mit viel buntem Staub an Ideen und Träumen. Es lebe der Uhu, der Urvogel in uns allen, der starke Vogel ohne Stimme, der immer nur seufzt. Es ist jedoch nicht das Ende der Geschichte.

Gerechtigkeit – Allerweltshure – Ankündigung mit Anspruch – nur, wer viel davon spricht, sorgt für das Scheitern von Gerechtigkeit. Wollen mal sehen … was aus uns noch werden kann, wenn die unsinnigen Gesetze weiterhin Beachtung finden. Spitzenkräfte auswandern. Ehrgeiz bestraft, Besitz verteufelt wird. Gott hat sich verlaufen. Das Sagen haben die Versprecher und Versager. Stillstand ist Fortschritt. Die Langsamen fressen die Schnellen.

Und jetzt wird das „Schreiben von Büchern ein kollektives Abenteuer: Das Publikum mischt mit.“ (Leser mach’s dir selbst, in: ZEIT ONLINE 31.01.2013)

© 2013 Der Kulturflüchter N° 1

Nachzulesen sind DeFuyards Erinnerungen „Vom Uhu, Meisen und großen Leuchten“ in: Der Kulturflüchter N° 1. Das Un-Periodikum erscheint im Zeitlichkeitverlag, Herausgeber ist B. Claus DeFuyard. “Der Kulturflüchter” präsentiert sich in Bälde auch mit einem Blog

Der Kulturflüchter auf SteglitzMind: Die Gewächshaus-Generation von B. Claus DeFuyard

Nach „Adlon. Ein Trostschreiben“ von Ubiquiste und Auszügen aus „Die Siechendienerin“ von Enzor Fadar präsentiert SteglitzMind heute abermals einen Beitrag aus dem KULTURFLÜCHTER. Ganz von ungefähr kommt das nicht. Seit längerem begleite ich das literarisch ambitionierte Projekt mit Biss, das sich Un-Periodikum nennt. Deshalb richtete ich die Rubrik „Der Kulturflüchter auf SteglitzMind“ ein, in der in loser Folge auch zukünftig Beiträge und Textauszüge aus dem Un-Periodikum vorgestellt werden.

B. Claus DeFuyard ist Herausgeber des Kulturflüchters. Sein heutiger Beitrag beschäftigt sich mit jungem Gemüse – mit apostrophierten Keimlingen der deutschen Gegenwartsliteratur und orakelnden Samenhändlern im Feuilleton. Die Illustrationen dazu fertigte die Berliner Künstlerin Susanne Haun eigens an. Ich bin stolz darauf, die Zeichnungen an diesem Ort erstveröffentlichen zu dürfen und sage Susanne herzlich dafür danke!

B. Claus DeFuyard: Die Gewächshaus-Generation

Es gehört dazu Mut, eher noch Risiko, in einem funktionellem Glashaus das Bild junger Genies zu entwerfen, die mal eben begonnen haben auf allen Vieren der Schriftstellerei Werkspuren zu hinterlassen, von denen gemunkelt, nein, gemutmaßt wird, sie würden „unsere literarische Landschaft verändern“. Wir wissen nicht, was den Creativen der ZEIT vorschwebte, Deutschlands jüngste Autorengeneration für das Titelblatt der Literaturbeilage zur Buchmesse 2012 zu einem Fototermin in einem Gewächshaus, einem Treibhaus, zu versammeln und zu einem Werkstattgespräch über die deutsche Gegenwartsliteratur zu laden. Das ist augenblicklich ein Unterfangen, vielleicht vergleichbar mit der Entdeckung Amerikas seinerzeit, ohne einen Schimmer gehabt zu haben, was da am Ende herauskommt.

Blatt 1 Gewächshaus-Generation © Susanne Haun

Blatt 1 Gewächshaus-Generation © Susanne Haun

Der am 22. Januar 2013 von 3sat ausgestrahlte Beitrag Literarische Ich-AG – Kulturvermarktung im Internet weckt Erinnerung an den Früchtegroßhandel im nachhaltig aufgespießten Gewächshaus-Artikel und will zwischen der im schlimmsten Fall als „notwendiges Übel“, andernfalls „als Goldgrube“ bezeichneten „neuen, digitalen Welt“ eine Mission erkennen, um die „Masse zu überzeugen“. Nach wie vor erwächst zwischen der ‚Gewächshausgeneration‘ und dem fundamentalistisch anmutenden Bekenntnis zum Digitalen der Unterschied zwischen zwei Glaubensrichtungen und eine davon, das ist voraus zu sehen, wird der Verwilderung anheimfallen. Es wird sich für die Autoren nichts ändern. Die einen sind ‚in‘, die anderen bleiben ‚out‘ (s. Kulturflüchter N° 4).

Der Vorteil eines Gewächshauses liegt in der künstlich erzeugten Wachstumsperiode, die es möglich macht, zu jeder Zeit im Jahr Gemüse und Früchte, Kräuter und Blumen zu ernten. Wäre eine Orangerie als Motiv nicht geeigneter gewesen? Wo Zitronenbäume, Bananen und Pomeranzen gedeihen. Auch der Botanische Garten, mit seiner bewunderten Flora und mitunter wundersamen Schmetterlingen, die wiederum, wem das Gleichnis gefällt, in ihrem Vorleben doch nur Raupen waren. Soviel Sinnbildnerei trägt man dem Leser an, bei Ansicht des Titels: um diese zu entziffern. Die Allegorie ist nicht zu übersehen. Das hat es noch nie gegeben – ohne sich zu ereifern, Missvergnügen über das Glück anderer zu empfinden, da ein Funke des Bedauerns mitschwingt, der vorerst weniger den so gnadenlos Belobigten gilt, als der Inszenierung, zu der, einer defätistischen Neigung zufolge, unweigerlich gewisse Assoziationen führen.

Und was sonst einem zur Einrichtung und Pflege winteranfälligen Gemüses einfällt – Gurken und Tomaten. Zarte Sprösslinge erst, die – wenn überhaupt – nur außen und in gemäßigtem Klima gedeihen und in eben einem solchen Gewächshaus vor Wind und strenger Witterung geschützt werden müssen. Nur, wer möchte gerne eine Tomate sein? Oder eine Gurke? Ein Früchtchen?

Ja, „Da wächst was nach.“  Klar, nur kräftig gießen und düngen. Einzigartig ist der großzügige Vorschuss, den man den Keimlingen seitens des Früchtemarktes aufdrängt: angesichts der weit verbreiteten Legasthenie – es steht ja in der Zeitung. Ergo: Stimmt’s.

Eine feierliche Beschwörung, dass etwas so sei – zum Erfolg verdammt – ohne eine Ahnung, was der Auslöser für den Auftritt sein könnte. „ICH werde zurückkehren …“, griff der freundliche Rezensent und Makler ein spärliches Zitat auf und mit Wortgebilden hart an der Satire, es „klingt nach festem Willen und nach innerer Stärke“ und mutmaßte: bei den „Figuren, die in diesen Romanen eine Rolle spielen … ziemlich jung … fällt jede Bewegung dramatisch aus, sie führt ins Leben hinein oder: an ihm vorbei …“ Klar. Entweder oder. Und so gerieren sich die orakelnden Samenhändler – die Gewächshausgeneration als ‚literarische Herostraten‘ zu feiern. Diese aber sind unschuldig. Sie „… und die Poesie des Nüchternen sind nichts gegen die Poesie des Rasenden“ – aus der Mottenkiste des Plato im Dialog mit Phaidros – und womöglich ist es ihnen unangenehm als Gruppe vereinnahmt zu werden.

FrüchteschwangerBlatt 2 Gewächshaus-Generation © Susanne Haun

Früchteschwanger
Blatt 2 Gewächshaus-Generation © Susanne Haun

Es erinnert an einen Satz: „Der Gegenwartsautor tritt als Gruppe auf.“ Iris Radisch DIE ZEIT Aha! (s. Kulturflüchter N°1) – Als Pool, als Quintett, als Fraktion. „Einsam sein ist Scheiße, so ein Betroffener. Es herrscht Fraktionszwang. Man muss sich von jeder Autorenherrlichkeit frei machen“. ( SZ Nr.139/2000) Die armen Dinger – und zwei männliche Wesen als Draufgabe – als verabreichte man ihnen ein Aphrodisiakum, in Sorge, wie denn die über sie verhängte Weissagung auch erfüllt werden könne? Es ist ein Wagnis, innerhalb der gläsernen Wände eines Gewächshauses die Bedeutung jugendlicher Dichterseelen zu beschwören, als sei hier der Jahrgang für die Exorbitanz der Betrachtung maßgebend. Jungsein allein genügt ja nicht. Altsein schon gar nicht. Und die dazwischen liegen, gerade mal eben dem Gewächshaus entnommen, plaudern munter drauf los, wie es ist, wenn man so ist, man sich fühlt im Leben. Gegenwärtig ziemlich grauenvoll. „Und davon lohnt es sich zu erzählen.“ Von der Wahrheit, jeder Verheißung, der guten Absicht – nach uferloser Zeit, vielleicht im Jahr 2022 –  wir werden nicht mehr da sein – aber schauen Sie mal, inwieweit die derart in Szene gesetzten Dreißiger sich „verändert haben“ und der Hoffnung entgegen kommen.

© 2013 Der Kulturflüchter N° 4

Das Un-Periodikum erscheint im Zeitlichkeitverlag und wird von B. Claus DeFuyard herausgegeben. – “Der Kulturflüchter” präsentiert sich in Bälde auch mit einem Blog

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„Die Zeichnung ist für mich wie ein zusätzliches Sinnesorgan. Wenn ich lese, entstehen Bilder in meinem Kopf, die ich in Tuschezeichnungen umsetze,“ so die Berliner Künstlerin Susanne Haun.  – In Berlin sind Werke von ihr derzeit hier zu sehen:

Der Sommer trifft auf weiß – Zeichnungen von Susanne Haun, Gemälde von Conny Niehoff (23. Januar – 3. März, Alte Bahnhofshalle Berlin/Friedenau, Bahnhofstr. 4d, 12159 Berlin)

Dämone – Zeichnungen und Leinwände von Susanne Haun, Lyrik von Diarmuid Johnson (29. Januar – 7. März, Irische Botschaft Berlin, Jägerstr. 51, 10117 Berlin)

Der Kulturflüchter auf SteglitzMind: „Die Siechendienerin“ von Enzo Fadar

Vergangene Woche präsentierte SteglitzMind mit „Adlon. Ein Trostschreiben“  von Ubiquiste erstmals einen Beitrag, der dem „KULTURFLÜCHTER“  entnommen ist. Ganz von ungefähr kommt das nicht. Seit längerem begleite ich das literarisch ambitionierte Projekt mit Biss, das sich Un-Periodikum nennt. Nun bin ich stolz darauf, die Rubrik „Der Kulturflüchter auf SteglitzMind“ eröffnen zu können. Darin werden in loser Folge Textauszüge aus dem Kulturflüchter vorgestellt.

Heute Aufzeichnungen einer Pflegerin, die Bezug auf eine Nachrichtensendung nehmen, die am vergangenen Wahlsonntag lief. Eine Anmerkung zum Autor: In einem Alter, das andere längst hinter sich gelassen hat.

Die Siechendienerin. Nach dem Tagebuch einer Pflegerin von Enzo Fadar

„Nur ein Tag im Leben (!) eines Menschen in einem Altenheim, auch heute, wie in alten Zeiten eher in einem Siechenhaus, einer ‚Einrichtung für die Aufnahme und Verpflegung von Todgeweihten‘, zumeist sehr liebenswerten Menschen, deren Schicksal einem das Herz erweicht. Keiner sucht sich sein Ende aus, wie bei einem Roulettespiel ist der Ausgang ungewiss. So, wie ich es erlebe, kann es Jeden treffen, mich und die von Nebenan.“

„Ich versorge in Schichtarbeit zehn Alte, folge einem strengen Zeitplan, jeder möchte sich mit mir unterhalten, aus Mangel an Pflegepersonal sind enge Beziehungen nahezu unmöglich und doch versuche ich die Arbeit so menschlich als möglich zu gestalten: Das fällt sehr schwer und es mag auch enttäuschen.“

Horst Wagner 2013  © Der Kulturflüchter / mit freundlicher Genehmigung »galerie for you« - Rostock

Horst Wagner 2013 © Der Kulturflüchter / mit freundlicher Genehmigung »galerie for you« – Rostock

„Es wird immer so viel von der Würde des Menschen gesprochen und gerade hier wäre diese erforderlich, sie einzufordern. Das einzige, was hier nicht stimmt, ist das Leben selbst, das sich nicht gerade von der besten Seite zeigt. Es ist rücksichtslos denen gegenüber, die hier ihre Tage verbringen, auf Greisenhöhe reduziert, ihr bisschen Leben im Zustand der Auflösung – involtio senibilis – dem alle organischen Wesen am Ende verfallen; das Augenmaß geht verloren, es ist abenteuerlich auf Schritt und Tritt und eine Zumutung noch im Fortgang gewisser vegetativer Verrichtungen. Es ist müßig, über Alter und Elend, einen langen Abschied, das Sterben zu philosophieren und mit meiner Erwartung ans Leben so furchtbar und hoffnungslos, was denen nichts bedeutet, die vergleichbar noch unbekümmert daherkommen. Vom Diesseits und etwas schon vom Jenseits, davon können auch nur die aussagen, die sich in der Grauzone im Übergang befinden. Niemand weiß es, ich kann auch nur ahnen, unter welchen Schmerzen und seelischer Verzweiflung sie leiden. Und das Tag für Tag. Solange sie leben.“

„Einige der Herrschaften (!) sind redselig, etliche kindisch, vielleicht auch schwachsinnig, während Herz und Leber sich verkleinern, die Nieren schrumpfen, die Haut dünner wird, die Gedanken sich im Kreis herum drehen – das Alter ist die Summe aller Störungen, die überhaupt noch denkbar sind. Darüber zu schreiben, ohne Schnörkel, nicht ohne Humor, ist mein Anliegen. Es ist hart und nichts für die im Dunst ihrer Wellness-Oase. Würde sieht in diesen vier Wänden anders aus, als ‚innerer Wert‘, eine ‚hoheitsvolle Haltung‘ oder ‚Ansehen‘, wie es in den Wörterbüchern erklärt wird, ist Würde hier nicht zu finden und daran ist auch nichts zu beschönigen.“

„Ich stehe um fünf Uhr morgens auf, mache mir eine Tasse Kaffee, frühstücken zu dieser Uhrzeit kann ich nicht … Dann gehe ich ins Bad, ziehe mich an und verlasse die Wohnung.“

„6:40 Uhr – Ich betrete das Zimmer von Frau Beate M., geboren in den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts. ‚Guten Morgen!‘ Ich höre einen Seufzer, einen Luftschnapper. Ich wecke sie behutsam. Sie blinzelt, erkennt mich und strahlt. […].“

„Sonntag, den 20. Januar 2013. Warum ich mich an den Tag erinnere? Ja, die Politik und deren Verhalten am Tag der Wahl – dazu äußere ich mich nicht. Im Kalender steht: ‚Jeder Kaufmann macht einmal im Jahr Inventur. Er stellt seine Guthaben und Warenbestände den Verpflichtungen gegenüber und zieht Bilanz.‘ Wenn das so ist, verdienen die Leiden der mir zur Pflege anvertrauten Menschen meine ganze Aufmerksamkeit. In den abendlichen Nachrichten des Tages nämlich, während des Machtgeschubses um Ämter, Gerechtigkeit und Verantwortung, ist womöglich das VIDEO über Gewalt in einem deutschen Altenheim durch eine Pflegerin nicht weiter beachtet worden. Gleichzeitig ist mir jedoch aufgefallen, dass eine gewisse Frau Nahles zur gleichen Stunde öffentlich betont – habe ich richtig verstanden? – wer ‚ihresgleichen‘ wählt, sorge dafür, dass Menschen hierzulande keine Angst haben müssen – alt zu werden.

Das ist Quatsch, Allerwerteste. Darauf haben Sie und scheinbar auch der liebe Gott keinen Einfluss. Das Leben ist ein Würfelspiel, jeder Tag, wie Zufall und Schicksal. Man muss einfach Angst haben. Vor der Natur und, was diese mit einem anstellt, nämlich die Summe eigenen Vorlebens ausmacht und unsere Gene bewirken mögen. Sicher ist gar nichts. Wer alt wird – und das ist in unserem wohlgeordneten Land, in dem Fußballer mit Millionen aufgewogen werden, sicherlich nicht unbedingt eine Gnade – die begründete Angst, dass sich nur dann etwas ändert, wenn die Zustände in den Pflegeheimen – das System – zu einem Gesetz führt, ins Grundgesetz; die gerechte Bezahlung von Pflegekräften – an die Adresse der Herren und Damen in den Gewerkschaften gerichtet – so wie auch die charakterliche Eignung bei Pflegern eingefordert werden muss, als ginge es um eine verantwortliche Position in der Industrie – was eben dort in den Ausschreibungen als unerlässlich vorausgesetzt wird.

Da es später, oft unverhofft jeden und jede treffen kann, ebenso diejenigen, deren Angehörige sie mitunter derart im Stich lassen – zeugt es unverhohlen von einer Geisteshaltung – ohne Pathos -, die einfach nur dumm, kurzsichtig, phantasielos ist. Ein Symptom der Krise.

Richtig – solange die Arbeit der Pflegekräfte so minder angesehen ist, so gleichgültig und nebensächlich, keinen Wert darstellt und nur eine lästige Pflicht – allen, die placeboartig sich nicht genug darüber auslassen können – sei gesagt: genaues wollen Sie doch gar nicht wissen. Es scheint alles noch weit weg. Dass die Würde am Ende eine Phrase – einfach – unwürdig ist. Milde ausgedrückt.

© 2013 Der Kulturflüchter N° 5 (auszugsweise)

Der hier veröffentlichte Text ist ein stark gekürzter Auszug aus „Die Siechendienerin. Ein schonungsloser Bericht“ von Enzo Fadar und Magdalena Kopp, in: Der Kulturflüchter N° 5. Das Un-Periodikum erscheint im Zeitlichkeitverlag, Herausgeber ist B. Claus DeFuyard. „Der Kulturflüchter“ präsentiert sich in Bälde auch mit einem Blog